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Full text of "Capitain Jacobsen's reise an der nordwestküste Amerikas, 1881-1883, zum zwecke ethnologischer sammlungen und erkundigungen, nebst beschreibung persönlicher erlebniss"

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Capitain 
Jacobsen's 




Reise an der 




Nordwestküste 
Amerikas, ... 




Johan Adrian 
Jacobsen 






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Preis 15 Mark. 



Copitän lacobfens Reife an der 

nord(ue[tku{te Amerikas 

[oiuie [eine Entdeckungen in Hlasha und 
[eine Erlebni[[e unter den Indionern des 
nördlichen Amerika. 




Für den deul[cfien üe[erhreis bearbeitet uon R. lüoldl . 



Reich illustriert. 



Capitata Jacobsen'i Reise 



au der 

Nordwestküste Amerikas 

1881—1883 
zum Zwecke 

ethnologischer Sammlungen und Erkundigungen 
nebst Beschreibung persönlicher Erlebnisse 

für 

den deutschen Leserkreis bearbeitet 



A. Woldt. 



Mit Karten und zahlreichen Hobwchnitten nach Photographien und den im 
Königl. Mnseum «i Merlin beöndlichen ethnographischen Gegenatnnden. 



Leipzig 1884. 

Verlag von Max Spohr. 



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»nick von Metxrrr \ WJtlip in l.riptir. 



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Vorwor t. 



Immer lauter und mächtiger ertönt von Jahr zu Jahr der 
Mahnruf, den die Ethnologie Angesichte der Thateache erhebt, 
das» die Wogen unserer modernen Cultur Alles überfluthen uiul 
vernichten, was von den primitiven Naturvölkern noch auf Knien 
vorhanden ist. Die Sitten und Gebräuche, die Sagen und Er- 
innerungen, ilie Watten und Geräthe der uneivilisirton Rassen ver- 
schwinden mit schrecken erregender Schnelligkeit und bald wird 
eine ganz neue Wachsthumsperiode des grossen Baumes der Mensch- 
heit eintreten, während die Geschichte seiner früheren Eutwiekeluug 
wie ein dunkles ungelöstes Rathsei vor uns liegt. Vor dieser einen 
Thateache, dass bald alles ethnologische Material vorschwinden 
wird, muss sich jede Wissenschaft, Philosophie, Medizin und Natur- 
wissenschaft beugen. 

Die Menschheit müsste gegenwartig mit aller Kraft dahin 
bestrebt sein, als werthvollste Urkunden ihres Daseins alle Produkte 
der Völkerentwickelung. zu sammeln, denn die letztoren bilden die 
einzigen Dokumente, auf Grund deren dermaleinst „das Buch 
vom Menschen" geschrieben werden wird. Leider aber sehen 
wir mit offenen Augen zu, wie die sibyllinischoii Bücher, eines 
nach dem andern, vorbrannt werden. 

Mit Rocht sind die Museen für Völkerkunde die be- 
rufonon Institute, von denen der Ruf auszugehen hat, dass man 
retten möge, was noch zu retten ist. Mit Rocht hat der Leiter 
des gleichnamigen Berliner Museums, Prof. Bastian als der ob 
seiner umfassenden Kenntniss des Erdballs vielleicht am meisten 
von allen Berechtigte seinen Mahnruf schon längst weithin ertönen 
lassen. Nach jeder seiner erdumspannenden Reisen orklang dieser 
Ruf lauter und wehmuthsvoller. 



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IV 



So lange die Menschheit auf Erden weilt, hat «ich noch 
niemals eine grössere und folgenschwerere Revolution vollzogen, 
als gegenwärtig. 80 gewaltig die Cultm;cpocheu waren, welche 
durch die Einführung der Steinzeit und Metallzeit erzeugt wurden, 
so gering erscheinen sie gogcnüher dem nicht niohr allzufenieu 
Zeitalter, wo die ganze Erde von Söhnen der modernen Cultur 
bewohnt, und jede Spur der Vergangenheit verwischt sein wird. 

Jcdo Hilfe, welche in der gegenwärtigen Zeit der Noth dor 
Wissenschaft von irgend einer Seite kommt, besitzt zehnfachen, 
hundertfachen Werth, da es sich darum handelt, sonst unrettbar 
Verloreuos noch im letzten höchsten Moment der Gefahr zu rotten. 
Die modernen Staaten, welchen die Pflege der Wissenschaften 
obliegt, sind auch durch Gründung von Museen, Instituten, durch 
Aussehdung von Reisenden und Ankäufe von Sammluugen in 
opferfreutligster Weise an die Erfüllung dieser grosson Aufgaben 
gegangen, aber das Arbeitsfeld ist zu gross, die Arbeitszeit zu 
kurz, als dass mit den vorhandenen Mitteln Alles geleistet werden 
könnte. Hier inuss die Menschheit selber eingreifen und der 
Wissenschaft Arbeitskräfte und Hilfsmittel zur Verfügung stellen. 

Dank der Erkonntniss dieser Thatsache sind wir bei uns 
gegenwärtig in der glücklichen Lage, uns eines, mit Hilfe solcher 
privater Opferfroudigkeit gelungenen Sieges freuen und gleich- 
zeitig die Erwerbung der grössten ethnologischen Sammlung, die 
jemals durch eines Menschen Hände zusammengebracht wurde, 
begrüssen zu könnou. 

Als vor einigen Jahren wieder der ethnologische Mahnruf 
lauter als sonst erklang, gelang es der feurigen Anregung Prof. 
Bastian's, eine Anzahl von Mänuorn, deron sonstige Lebens- 
stellung den antliropologiseh-ethnologischon Studien fern liegt, zur 
Begründung eines „Hilfs-Comites zur Beschaffung ethno- 
logischer Sammlungon für das Berliner Königliche 
Museum" zu veranlassen. Die Herren Banquier J. Richter in 
Berlin, A. von Lecoq, Emil Hecker, Wilh. Maurer, 
Gersoii von Bleichröder, V. Weisbach, M. L. Gold- 
berger, Carl Fraucko und J. B. Dotti bildeten unter dem 
Vorsitz des Erstgenannten dieses Comito und schössen die Mittel 
vor zu der drittehalbjährigen Reise, welche Oapt. J. A. Jacobson 



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_ V _ 



nach British Columbien und Alaska vom Juli 1881 bis Ende 1883 
ausführte und als deren grösstes Resultat das Sammeln und Erwerben 
von 0 — 7000 ethnographischen Gegenständen zu bezeichnen ist. 

Die wenigen Monate, welche Capt. Jacobson zu Anfang 
dieses Jahres dazu brauchte, um die von ihm gemachte Sammlung 
im Berliner Museum auszupacken und eiuzurcgistriron, wurden 
von dem Unterzeichneten dazu verwandt , den Inhalt der von 
Jacobsen während seiner Reise geführten Tagebücher zu dem 
nachfolgenden anspruchslosen Werkchen zusammenzustellen, wobei 
möglichste Anlehnung an das Original das Gebotene erschien. 
Jacobsen, ein Kind des höchsten Nordens von Europa, ist von 
Jugend auf an arktische Strapazen gewöhnt, so doss es ihm möglich 
war, die Strapazen einer 180tägigen Schlittcnreiso in Alaska zu 
ertragen. Er ist von Jugend auf Seemann, so dass er seine kühiion 
Canoefahrten an der Küste von British Columbien ebenfalls ohne 
besondere Beschwerden auszuhalten im Stande war. Er reiste 
nicht als Fachgelehrter, sondern als einfacher Sammler und Trader, 
welcher, ohne viel den wissenschaftlichen Werth der unterwegs 
von ihm angetroffenen ethnograpliisehen Gegenstände zu unter- 
suchen, einfach Alles aufkaufte und eintauschte, was zu haben 
war, und dadurch in den Besitz der kostbarsten Sachen kam. 
Wolcheu grossartigen wissenschaftlichen Werth die von ihm ge- 
machte Sammlung hat, darüber werden die Publikationen der 
Direktion des Museums für . Völkerkunde in Berlin der 
wissenschaftlichen Welt Aufklärung geben. Eine dieser Abhand- 
lungen ist bereits unter dem Titel: Amerika's Nord Westküste. 
Neueste Ergebnisse ethnologischer Reisen. Aus den Sammlungen 
der königlichen Museen zu Berlin. Herausgegeben von der Direction 
der Ethnologischen Abtheilung. Mit 5 Chromolithographien und 
8 Lichtdrucken. Gr. Folio in Mappe. Vorlag von A. Asher & Co., 
Berlin. (Preis 50 Mark) erschienen, eine zweite wird ihr in nächster 
Zeit folgen. 

Auch ist in den Sitzungen der Berliner Anthropol. Gesell- 
schaft sowie der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin schon bei 
verschiedener Gelegenheit die hoho wissenschaftliche Bedeutung 
der J a co bsen 'schon Roise hervorgehoben worden. 

Der Zweck des nachfolgenden Werkchens soll nicht ein.e 



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wissenschaftliehe Bearbeitung des durch Jacobsen gesammelten 
Materials sein, so nahe es auch lag, die zahlreichen Paralollen, die 
sich beispielsweise zwischen den Eskimos von Grönland, Labrador 
und Alaska auf Grund der Jacobson'schen Reise ergeben, zu- 
sammenzustellen und zu betonen u. A. m. Nichtsdestoweniger 
dürfte dieses Buch gerade in der vorliegenden Form der Wissen- 
schaft eine nicht geringe Menge werth vollsten Materiales bieten, 
das wir der unbefangenen scharfen Beobachtungsgabe Jacobsen's 
verdanken. Aber auch auf einen weiteron und umfassenderen 
Leserkreis darf das Werk wegen seines hochinteressanten , oll 
fesselnden Inhaltes, der bald am Hausfeuer des Indianers, bald 
im halbuntorirdischeii Hause des Eskimo, bald im thran- und 
schweissduftenden Kassigit, bald unter klingendem Frost der 
arktischon Gebirgsgipfel , bald wieder in schneller Fahrt über 
See entstanden und von Jacob sen mit stets gleichbleibender 
Ruhe niedorgozeichnet ist , Anspruch machen. Dass der Herr 
Verleger für diese weitere Verbreitung des Werkes das Seinige 
durch splendide Ausstattung gethan hat, beweist ein Blick auf 
das Ganze. Zum Schlüsse erübrigt mir noch, den Herren Ge- 
brüdern Dr. Arthur und Dr. Aurel Krause aus Berlin, die 
sich als beste Kenner der von Jacobsen bereisten Gebiete von 
British Columbien der Mühe unterzogen habon, dio Orthographie 
der Namen richtig zu stellen, besten Dank zu sagen. 

Nach kurzem Aufenthalte in Berlin ist Capt. J. A. Jacobsen 
abermals auf Kosten des Hilfscomites hinausgegangen in die Welt, 
diesmal ostwärts, quer durch Europa und Asien, um die Amur- 
länder zu boreisen. Die Instructionen sowie die wissenschaftliche 
Dircction dieser Reise ist, wie das erste Mal, wieder von Prof. 
Bastian ausgegangen. 

Berlin, Juli 18*4. 

A. Woldt 



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Inhaltsverzeicliniss. 



Seite 

Vorwort . . , m — y i 

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11 17S— 190 

12 191 203 

13 2(14—220 

14 221 -235 

15 236—252 

16 253— 2K2 

17 283—294 

18 295—308 

19 309—318 

20 319—328 

21 329—341 

22 342 -352 

23 353—368 

24 369-380 



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— VIII — 



Capitel 25 381—396 

26 397—404 

Anhang 405-422 

Alpliab. Namens- Verzeichnis« 423-431 



Karten: 

Das Mündungsgebiet des Kwik Pak oder Yukon-Stromes 

hinter Seite 176 

Skizzen der Ubcrl and muten des Cipitain J. A. Jaeobsen 
zwischen Kotzebue-Sund und Norton-Bay und zwischen 
Kunkoquim-Bay und Togiak-Bay .... hinter S»ite 304 

Übersichtskarte am Sehluss des Werken. 



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I. 



Nach San Francisco. Die Firma G u tte & Frank. Der deutsche Konsul Ad. Rosen - 
thal. Der Postdampfer Dacota. Buntes Leben an Bord. Chinesen im Zwischen- 
deck. Viele Walfische. Cap Flattery, die nordwestlichste Spitze der Vereinigten 
Staaten. Die Inselwelt Nordamerikas als Völkerbrücke. Juan de Fuca-Strasse. 
Sagemühlen-Etablissements. Landung in Victoria. Centraiplatz der Rothhäute. 
Westliche Hauptniederlassung der Hudsonsbai -Company. Traders. Der General- 
vertreter Mr. Charles. Vielversprechende Aufnahme bei Mr. Monroe. Die erste 
Orientirung. Der berühmte Hafen Esquimault. Ein chinesischer Begräbnissplatz 
mit Speise- und Trankopfern. Der erste Besuch bei Indianern. Urwaldsgebiet 
bei Mondscheinbeleuchtung. Machtige Baumriesen von zweihundert Fuss Höhe. 
Brennende Bäume. Das erste ethnographische Handelsgeschäft. Chinook-Jargon, 
die Handelssprache der Nordwestküste Amerikas. Der alte Meares. Arbeiter- 
Verhältnisse und Geldentwertung. Die kleinste Münze. Ein indianischer Begräbniss- 
platz. Hölzerne Grabkisten. Der alte Dampfer Grapler, ein ehemaliges Kanonen- 
boot. Indianer und Indianermädchen an Bord. Ländlich, sittlich. Hr. Cunning- 
ham. Der St. Georgs- Kanal. Thierreichthum. Malerische Lage der Indianerdörfer. 
Die Flatheads-Indianer. Die Quakult-Indianer. Indiauische Kjökkenmöddinger. 
Hauswappenpfähle. Departure-Bai. Allert-Bai. 

Am Mittwoch den 27. Juli 1881 erhielt ich durch Herrn 
Director Bastian in Berlin den Auftrag, für die Ethnologischen 
Sammlungen des Königlichen Museums in Berlin eine mehr- 
jährige Reise nach der Nordwestküste von Nordamerika behufs 
Einsammelns und Erwerbens ethnographischer Gegenstände zu 
unternehmen. Die nötlügen Geldmittel hierzu waren durch 
eine Anzahl opferwilliger Männer, welche sich zu einem „Ethno- 
logischen - Hilfs- Comit6" unter Vorsitz des Herrn Banquier 
J. Richter in Berlin vereint hatten, vorgestreckt worden. 

Schon am nächsten Tage reiste ich nach Hamburg, von wo 
ich auf dem Dampfer „Australia" nach New- York fuhr und von 
dort aus mit der Central -Pacific -Bahn über Chicago, Omaha, 

A. Woldt, Capitata Jacobsen's Reise. 1 



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Ogden und Sacramento mein nächstes Ziel, San Francisco, am 
26. August erreichte. Das bunte Völkergewimmel der berühmten 
Hauptstadt Californiens, der zukünftigen Königin des Welthandels 
am Pacific, macht auf jeden, der diesen merkwürdigen Hauptpunkt 
der Westküste der Neuen Welt zum ersten Mal besucht, einen 
tiefen und nachhaltigen Eindruck. Nach den mir gewordenen In- 
structionen sollte San Francisco als Ausgangs- und Endpunkt 
meiner verschiedenen Expeditionen, die im Auftrage und Interesse 
des Museums ausgeführt werden mussten, dienen, es war deshalb 
nöthig, hier eine feste Verbindung anzuknüpfen. Diese bot sich 
mir in der liebenswürdigen Persönüchkeit des Herrn Frank von 
der Firma Gutte & Frank, an welchen ich von Berlin aus 
mit Empfehlungsbriefen versehen war; ebenso hatte ich mich bei 
dem Kaiserlich Deutschen -Konsul, Herrn Ad. Rosenthal einer 
ausserordentlich entgegenkommenden Aufnahme zu erfreuen. Herr 
Frank hatte die Güte, während meines viertägigen Aufenthaltes 
in San Francisco mir beim Ankauf derjenigen Waaren und Tausch- 
artikel, deren ich für den Handel mit den nördlichen Indianer- 
stämmen benöthigt war, behülflich zu sein, wobei wir uns des er- 
fahrenen Käthes eines seiner Freunde, der lange Jahre an der 
Nordwestküste gelebt hatte, bedienten. Zugleich traf ich mit der 
genannten Firma das Abkommen, dass dieselbe raeine Sammlungen 
nach Europa versenden sollte. 

Der mir gewordene Auftrag lautete dahin, zunächst die Königi n 
Charlotte-Inseln, welche etwa 15 Breitengrade nördlicher als 
San Francisco an der Westküste von Nordamerika liegen, zu bereisen 
und daselbst zu sammeln und zu kaufen. Da eine Route von 
San Francisco nach jener Inselgruppe nicht existirt, so war ich 
genöthigt, zunächst die regelmässige SchiffTahrt nach der Stadt 
Victoria auf der Vancouver- Insel zu benutzen und von diesem 
Endpunkt des ständigen Verkehrs den Weg auf eigene Faust, je 
nachdem sich die Gelegenheit gerade bot, fortzusetzen. 

Am 30. August fuhr ich auf dem schönen stattlichen Post- 
dampfer „Dacota" durch Guldengate dem erstgenannten Ziele 
Victoria zu. Man amüsirt sich vortrefflich an Bord dieser präch- 
tigen, hoch überbauten Raddampfer, welche, wie fast alle Passagier- 



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- 3 — 



schiffe in Amerika, schwimmenden Hotels gleichen und mit jedem 
Comfort versehen sind. Unter den Passagieren waren alle Alters- 
klassen und fast alle Nationalitaten vertreten. Hier tractirte ein 
reicher canadischer Franzose, der zu seiner Goldmine am Stekeen- 
River in Alaska zurückkehrte, die Männerwelt mit dem Ausgesuch- 
testen und Besten, was er vom Stewart erhalten konnte; dort 
sammelte ein schottischer Weltreisender, der sich mit seiner Frau 
in Victoria „vorläufig" zur Ruhe setzen wollte, Stoff für seine 
Reiseberichte; weiter stand die heitere Lustigkeit einer Anzahl 
Farmer aus den nördlichen Districten, die mit ihren Frauen und 
Töchtern eine Vergnügungstour nach San Francisco gemacht hatten 
und nun in die Heimath zurückkehrten, nur wenig in Einklang 
mit dem stillen, ernsten Benehmen eines Kaufmannes aus New- 
York, welcher nach verunglückten Unternehmungen neues Glück 
und neues Vermögen in Alaska zu finden hoffte. Aus dem Salon 
ertönten fast den ganzen Tag die heiteren Weisen der National- 
lieder, während das junge Volk unermüdlich sang und die 
Damenwelt sich über die neuesten Moden, die sie soeben von San 
Francisco mitbrachte, unterhielt. Zahlreiche bezopfte Unterthanen 
des Himmlischen Reiches drückten sich im Zwischendeck herum, 
mit der ihnen eigenen bescheidenen Zudringlichkeit sich bemerk- 
bar machend; sie waren erst kürzlich aus ihrer ostasiatischen 
Heimath gekommen, um für einige Jahre als Arbeiter der Cana- 
dian-Pacific-Bahn thätig zu sein. Andere Landsleute von ihnen, 
welche bereits mehr acclimatisirt waren, befanden sich auf einer 
Goldsucher-Expedition, die sich späterhin bis hinauf zum Mackenzie- 
River erstrecken sollte. 

Das Wetter war überaus herrlich und demzufolge die Fahrt 
unvergleichlich schön. Wir hielten uns in solcher Entfernung von 
der californischen Küste, dass wir ihre felsigen Vorsprünge gerade 
noch erkennen konnten; das Wasser des Stillen Oceans war 
prächtig blau, und Schaareu von Möven umkreisten graziösen 
Fluges fortwährend das Schiff. Gegen Ende der dreitägigen Fahrt, 
als wir uns gegenüber der Mündung des Columbia-River befanden, 
begegneten wir einer sehr grossen Schaar von Walfischen. Es 
waren Thiere von 40 — 50 Fuss Läuge, welche, so weit «las Auge 

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reichte, die Meeresfläche belebten und durch deren Tummelplatz 
unser Schiff mehrere Stunden lang hindurchfuhr. Es war ein 
hochinteressanter Anblick, die verschiedenen Positionen dieser 
Riesen unter den Säugethieren zu beobachten; bald hob sich der 
dunkle Kopf aus dem schäumenden Wasser ein wenig empor, dauu 
wurde der Schwanz hoch in die Luft gestreckt, und das ganze 
Ungethüm tauchte senkrecht in die Tiefe. Die ganze Menge der 




Cap Flauer y-Indianer. 

Wale war in Gruppen von drei, vier bis sechs geordnet; ihre An- 
zahl war so gross, wie ich, eine solche seilet in meiner norwegischen 
Heimath bei Tromsö niemals auf einmal gesehen habe. So viel 
zu erkennen war, gehörten die Thiere zu den von den Engländern 
sogenannten H u m p-backs. 

Noch an demselben Tage passirten wir Cap Flattery, die 
nordwestlichste Spitze der Vereinigten Staaten, und befanden uns 
nunmehr am Eingang jener wunderbaren Inselwelt, welche bis 
hoch hinauf nach Norden der ganzen Nordwestküste von Nord- 
amerika vorgelagert ist und auch hinüber nach Asien jene be- 



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— 5 



deutungsvolle Brücke bildet, über welche einst, wie es scheint, die 
verschiedenartigsten Völkerbeziehungen stattgefunden haben. Die 
ausserordentliche Wichtigkeit gerade dieses Theiles der Erdoberfläche 
für das vergleichende ethnologische Studium liegt auf der Hand. 

Der „Daeota" wendete seinen Kurs nach Osten, die etwa 
zehn englische Meilen breite Juan de Fuca-Strasse hinauf. Der 
Schiffsverkehr dieser Meerenge ist sehr bedeutend; wir begegneten 
mehreren grossen, mit geschnittenen Hölzern oder Kohlen befrach- 
teten Schiffen, deren Ladung aus grossen Sägemüldeu- Etablisse- 
ments in der Nähe, sowie aus Kohleuminen stammte und nach 
Californien , Chili, ja sogar nach Australien bestimmt war. Am 
3. September 1881 landeten wir im Hafen von Victoria. 

In den Strassen dieser Stadt wimmelte es von Indianern 
aller Art, denn Victoria ist der grösste Sammelpunkt und Centrai- 
platz der Westküste für die Rothliäute. Hier hat die Hudsons- 
Bay- Company ihre westliche Hauptniederlassung; von hier aus 
entsendet sie ihre Agenteu, die Traders, welche sie mit Tausch- 
waaren versieht, nach Norden bis hinauf nach Alaska, nach Osten 
bis zu den Rocky Mountains, und versorgt ihre zahlreichen festen 
Zweigstationeu an der Küste und im Lande mit den nöthigen 
Vorräthen ; von hier aus schickt diese Compaguie die von ihr ge- 
kauften Felle und Häute etc. via Cap Horn nach London und 
empfängt auf demselben Wege umgekehrt die europäischen Manu- 
factur- und Colonialwaaren, deren sie l>edarf. Nach Victoria wan- 
dert darum alljährlich der Indianer, welcher die Felle der See- 
und Landthiere umtauschen will; hierher wendet sich der arbeit- 
suchende Eingeborene, hierher der Fischer, um Engagement bei 
einer der Fischconserven-Fabriken zu suchen. 

Der für meine, die Indianer betreffenden Pläne äusseret 
günstige, grosse Einfluss der Hudsons -Bay- Company war Ver- 
anlassung, dass ich bei dem zweiten Chef der Letzteren in Victoria, 
Mr. Monroe — • da der Generalvertreter Mr. Charles gerade 
auf Reisen in British -Columbien weilte — , ein Empfehlungs- 
schreiben abgab. Die Aufnahme, welche mir zu Theil wurde, 
war sehr günstig und vielversprechend. Die nächste Fahrgelegen- 
heit, welche sich mir weiter nach Norden bot, war ein Schiff, 



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— 6 — 



welches erst eine Woche später die Küste entlaug fuhr. So un- 
geduldig ich war, so musste ich mich doch beruhigen und benutzte 
demgemäss die Zeit in der Hauptstadt von British-Coluinbien, um 
mich vorläufig unter den Indianern zu orientiren und Victoria und 
Umgegend kennen zu lernen. Wie viele Städte des Westens, ver- 
dankte Victoria ursprünglich seinen grossen Aufschwung der Ent- 
deckung von Goldminen, späterhin aber, nach Erschöpfung der 
reichen Adern, ging die Entwicklung wieder etwas zurück, bis 
sie neuerdings in Folge der grossartigen Ausdehnung des Handels 
und der Fischerei wieder einen erheblichen Aufschwung nahm, der 
um so dauernder sein wird, als Victoria der Endpunkt der jetzt 
im Bau begriffenen Canadian- Pacific -Bahn ist und auch bereits 
einen Schienenweg über die Vancouver-Iusel bis Nauaimo besitzt. 
Schon seit langer Zeit berühmt ist der etwa drei englische Meilen 
von Victoria gelegene Hafen Esquimault, der selbst für die 
grössten Schiffe ausreichenden Schutz gewährt und deshalb als 
Station der englischen Kriegsschiffe dient. 

Bei einem kleinen Ausfluge, den ich in Gesellschaft eines 
Landsmannes nach dem in der Nähe von Victoria gelegenen 
Kirchhof machte, besuchten wir auch den chinesischen Begräbniss- 
platz, welcher, da Victoria auch ein chinesisches Quartier mit 
mehreren Tausend Bewohnern besitzt, eine ziemliche Ausdehnung 
hat. Dieser Platz war bereits am frühen Morgen von den Ver- 
wandten der verstorbenen Chinesen besucht worden, bei welcher 
Gelegenheit fiir die Todten Speisen und Getränke als Opfer nieder- 
gelegt wurden; auch waren überall auf den Gräbern brennende bunte 
Wachskerzen befestigt. Bei einem der Gräber war ein kleiner 
Obelisk errichtet, dessen Innenraum eine Art Ofen bildete, in dem 
viele bunte, mit chinesischer Schrift bedeckte Papiere verbrannt 
waren. Den ersten Indianerbesuch machte ich in Gesellschaft 
eines Deutschen aus Victoria nach einem 20 englische Meilen 
entfernten Indianerlager in Saauich. Wir fuhren durch herrliches 
Urwaldsgehiet bei Mondschein auf einem ziemlich guten Wege. 
Mächtige Baumriesen, namentlich Fichten, Tannen und Roth- 
Cedern streckten ihre Stämme bis zu 200 Fuss und hoher in die 
schöne klare Luft, dicht bedeckt mit verschiedenfarbenem Grün; 



— 7 — 



von Zeit zu Zeit erleuchtete eiu brennender Baum fackelartig die 
Umgegend, hin und Mieder traten Landhäuser bei lichten Stellen 
an den Weg, während das Wild in zahlreichen Hudeln, raeist aus 
Rothwild und Wapiti -Hirschen bestehend, sich im Busche hören 
Hess. Das Lager, welches wir gegen Mitternacht erreichten, ge- 
hörte den Cowichan-Indianern, mit denen ich sofort ein Handels- 
geschäft begann. 

Mein Begleiter verstand, wie fast alle diejenigen, welche 
einige Jahre an der Küste von British -Columbien leben, das 
Chinook- Jargon, ein internationales Sprachgemisch, welches sich 
allmählich an der Westküste aus den gegenseitigen Handels- 
beziehungen entwickelt hat. Man erzählt, dass im vorigen Jahr- 
hundert ein Kaufmann aus China, Namens Meares, seine Schiffe 
nach dem Stamme der Chinook-Indianer, nördlich vom Columbia- 
River entsandte, um Seeotterfelle einzuhandeln. Hierbei bildete 
sich eine Sprachmischung, deren Grundstock die Chinook-Sprache 
hergab, wozu eine erhebliche Zahl von chinesischen, hawaiischen 
und englischen Ausdrücken hinzutrat. Als sich später der Handel 
weiter ausdehnte, und sich auch die Hudsons -Bai -Company be- 
theiligte, nahm das Chinook-Jargon auch noch viele französische 
Bezeichnungen auf. Gegenwärtig ist dieses Pele-Mele so allgemein 
bekannt, dass sich mitunter selbst Weisse an der Küste darin 
ausschliesslich unterhalten. Es scheint, dass die Chinook-Indianer, 
welche inzwischen bis auf wenige Familien ausgestorben sind, mit 
den Einwohnern der Westküste von Vancouver- Insel sprachlich 
verwandt sind. Der Erfolg meines ersten Handelsgeschäftes war 
trotz der regelrechten Anwendung des Chinook-Jargons kein her- 
vorragender, da die meisten jungen Leute des Indianer -Lagers 
nach dem Fraser-River gezogen waren, um für die dortigen Fisch- 
Conserven- Fabriken Lachse zu fangen. Die Arbeiter verdienen 
während der Fisch-Saison durchschnittlich 50 — 60 Dollars pro 
Monat Die Entwerthung des Geldes hat in diesen Gegenden 
einen ziemlich hohen Grad erlangt, denn Alles ist dort so theuer, 
dass man im Grossen und Ganzen mit einem Dollar daselbst nur 
so viel ausrichtet, als in Deutschland mit einer Mark. Die kleinste 
gangbare Münze in Victoria ist das 10 Centstück = 45 Pfennig, 



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8 — 



während ausserhalb der Stadt bei vielen Indianern als kleinste 
Münze der Viertel -Dollar, das 25 Centstück gilt Als Reise- 
begleiter erhält in dieser Gegend ein Indianer täglich l l / 2 bis 
2 Dollar, ein Weisser dagegen 2 1 L bis 3 Dollar pro Tag und 
ausserdem noch freie Verpflegung. Wir kehrten von unserem 
Ausfluge nach einer überaus angenehmen Fahrt durch den vom 
hellsten Mondschein beleuchteten Urwald gegen Morgen nach 
Victoria zurück. 

Die zweitägige Frist bis zu meiner Abreise verwandte ich 
dazu, die gerade in der Stadt anwesenden Indianer verschiedener 
Stämme zu besuchen und von ihnen möglichst viele ethnologische 
Gegenstände einzukaufen. Da wegen der vorgerückten Jahreszeit 
die meisten dieser Leute bereits nach ihrer Heimath zurückgekehrt 
waren, nachdem sie ihre Jagdbeute verkauft hatten, so befanden 
sich nicht mehr viele Rothhäute in Victoria. Da ich gehört hatte, 
dass in der Nähe der Stadt ein alter indianischer Begräbnissplatz 
lag, so fuhr ich dorthin. Die Lokalität befand sich auf einer 
kleinen Insel, so dass ich Pferd und Wagen am Ufer stehen 
lassen musste und auf einem Boot, das ich nach langem Suchen 
fand, hinüberfuhr. Da die Indianer hier ihre Todten über der 
Erde in hölzernen Kisten beizusetzen pflegen, so war es nicht 
schwer, die Gräber aufzufinden. Die Leichen befanden sich, meist 
üi Decken eingewickelt, in verschiedenen Stadien der Verwesung; 
Leichenbeigaben fand ich nur auf einigen Grabkisten in Gestalt 
von zerbrochenen Thonpfeifen. An einer Stelle war ein kleines 
hölzernes Haus mit spitzem Dach construirt; das Innere dieses 
winzigen Gebäudes war gerade gross genug, um drei Grabkisten 
mit den Leichen eines Häuptlings nebst Frau und Tochter auf- 
nehmen zu können. Die Rückfahrt von der Insel nach dem 
Ufer wäre für mich und meinen Begleiter beinahe verhängnissvoll 
geworden, da ein inzwischen heraufgekommener Sturm uns trotz 
uuseres angestrengtesten Ruderns etwa eine englische Meile weit 
abtrieb. 

Da zwei Tage vor meiner Ankunft in Victoria der Dampfer 
„Otter" der Hudsons-Bai-Company nach den Königin Charlotte- 
Inseln abgefahren war, so war für die nächsten drei Wochen keine 



— 9 — 



Auasicht auf directe Verbindung dorthin; ich wählte also die Tour 
mit dem kleinen alten Küstendampfer „Grapler", einem Schiff, das 
einst als englisches Kanonenboot bessere Tage gesehen hatte, nun- 
mehr aber im Handelsdienst einer Privatgesellschaft in Victoria 
seine letzten Tage in Unruhe verlebte, bis es ihm ein Jahr nach 
meiner Anwesenheit im Herbst 1882 gelang, sich seinen zahllosen 
Havarieen durch eine glänzende Verbrennung mitten während einer 
Fahrt auf immer zu entziehen, nicht ohne den grössten Theil der 
Passagiere, meist Chinesen, auch einige Weisse, bei dieser Gelegenheit 
mit sich in das Grab zu nehmen. Wir reisten am 10. September, 
Abends C Uhr, von Victoria ab. Der gute Dampfer „Grapler" 
unterhielt, so sehr ihm dies bei seinem unsicheren Zustande mög- 
lich war, vom Frühling bis Herbst die Verbindung mit dem etwa 
acht Breitengrade nördlicher gelegenen, schon zum Gebiete von 
Alaska gehörenden Fort Wränge 1 und fuhr unterwegs alle 
Küstenstationen an, welche für die Handelsbeziehungen von Wich- 
tigkeit waren, mitunter machte er auch noch auf Untiefen Extra- 
stationen, je nachdem ihm dies gelang. An Bord sah es während 
unserer Fahrt etwas wirr und kraus aus, denn wir hatten viele 
Indianer als Passagiere, welche aus Victoria wieder der Heimath 
zustrebten. Auch mehrere Indianermädchen befanden sich an 
Bord, welche, einem bei manchen Stämmen für ehrenvoll geltenden 
Brauche gemäss, auch ihrerseits Victoria als das grosse Eldorado 
und Hauptquartier des Gelderwerbs während der Sommerzeit be- 
nutzt hatten und nun mit vollen Taschen wieder heimkehrten, um 
sich bei heimathlichen Fisch- und Thran -Schmausereien und winter- 
lichen Festtänzen wieder für die nächstjährige Saison aufzufüttern. 
Von den weissen Passagieren muss ich vor Allem und mit dem 
Ausdrucke dankbarer Erinnerung Hrn. Cunningham nennen, 
einen ehemals irischen Missionär, der durch die Wechselfälle des 
I^ebens es bis zum begüterten Händler an der Küste und zum 
Mitbesitzer von Fort Essington gebracht hatte und sich, da sein 
Ehegesponst eine Indianerin war, weit und breit an der Küste 
eines grossen Einflusses bei den Indianern erfreute. Eine Probe 
dieses letzteren hatte er versprochen mir zu geben und er that 
dies auch. 



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10 — 

Unsere Fahrt ging zwischen der Vancouver- Insel und dem 
Festlande von British -Columbien den St Georgs Kanal hinauf 
au unzähligen kleinen und grösseren, bis hart ans Wasser mit 
Wald bestandenen Inseln vorüber. Es herrscht auf diesen Inseln 
ein grosser Reichthum an Thieren, namentlich an Rothwild, Wapiti- 
Hirschen, schwarzen Bären, Gebirgsziegen, Wölfen und Pelzthieren, 
wie Biber, Marder, Waschbären, sowie zahlreichen Land- und 
Wasservögeln, Enten, Gänsen, Seemöven; das Meer ist belebt von 
verschiedenen Lachsarten uud Katzenhaien, von Heringszügen u. s. w. 
Die prachtvolle Scenerie wird von Zeit zu Zeit unterbrochen 
durch ein Indianerdorf, welches malerisch am Ufer der Inseln 
liegt, während das Festland von Amerika in weiter Ferne kaum 
noch sichtbar ist. Die auf der langgestreckten Ostküste von Van- 
couver-Insel wohnenden Indianer gehören auf der südlicheren 
Hälfte zu den Flatheads, auf der nördlicheren zu den Quakult- 
Indianern. Die Dörfer dieser Stamme haben mit denjenigen der 
übrigen, bis hinauf nach Alaska sich erstreckenden Iudianer- 
8tämmen eine gewisse Aehnlichkeit 

Im Allgemeinen besteht ein Dorf aus 4 , 6 — 1 2 Häusern, 
jedes Haus wird durchschnittlich von 4 — 6 Familien zu je 
6 — 10 Personen bewohnt. Die Häuser sind aus Cederplanken 
gebaut und stehen in der Nähe des Ufers, meist 30 — 50 Schritt 
vom Meere entfernt. Fast jedes Haus besitzt nach dem Wasser 
zu eine hölzerne Plattform, die 4 — 8 Fuss über der Hochwasser- 
marke liegt. Diese Plattform dient als Versammlungspunkt der 
Männer des Hauses, welche hier in hockender Stellung, das Ge- 
sicht dem Meere zugewandt, einen Theil des Tages verbringen. 
Es ist höchst interessant, zu beobachten, auf welche Weise von 
diesen Plattformen aus die Kjökkenmöddinger eines Dorfes ge- 
bildet werden. Die zahlreichen Schalen von Seethieren, welche 
bei den Mahlzeiten abfallen, werden nämlich von der Plattform 
aus auf den Strand geworfen und bilden hier, allmählich anwach- 
send, zusammenhängende Haufen. Bei den Quakults und nörd- 
lich von ihnen bei allen Indianerstämmen findet man fast neben 
jedem Hause einen sogenannten Wappenpfahl, d. h. einen mit- 
unter bis CO Fuss hohen geschnitzten, aus einem Stück bestehen- 



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- 11 — 



den Pfehl, der gewissermassen eine skulptirte Urkunde des Haus- 
besitzers bildet. Ich komme darauf noch zurück. 

Nachdem wir am ersten Morgen nach der Abreise in Depar- 
ture Bai, wo eine der grösstcn Kohlenminen von British-Colum- 
bien sich befindet, Kohlen eingenommen hatten, landeten wir am 
Mittag des darauffolgenden Tages in Allert Bai an einem grossen 
Indianerdorf. Hier war es, wo Hr. Cunningham sein Ver- 
sprechen einlöste. Während des einstündigen Aufenthaltes des 
„Grapler" ging er mit mir und einigen Passagieren schnell von 
Haus zu Haus und rief den dortigen, zum Trihus der Nemkis 
gehörenden Quakultindianern zu, sie möchten schleunigst Alles, 
was sie zum Verkauf hätten, hervorholen. Er half dann selber 
beim Aussuchen und belud schliesslich sich, uns und einige In- 
dianer mit einer grossen Menge von gekauften ethnographischen 
Gegenstanden. Nunmehr ging es eiligst zum Schiffe zurück, dessen 
Glocke bereits zweimal zur Abfahrt geläutet hatte. 



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IL 

Der Charlotten-Sund. Ein neues ethnologisches Gebiet. Die Region der nörd- 
lichen Indianer. Die vier Hauptstäinme: Bella- Bella, Tschimsian, Haida und 
Tlinkit. Milbank-Sund. Das Indianerdorf Bella- Bella. Das Innere der In- 
dianerhäuser. Die Blaukets oder wollene Decken als gangbare Münze der West- 
küste. Indianervermögen von 3000 Blaukcts. Die Indianer während des Schlafes. 
Ein Häuptlingsstuhl. Indianische Küchengeheimnisse. Ein Hiiuptlingsstab. Das 
Indianerdorf Chinainans Hat. Die Bären als Concurrenten beim Lachsfang. Fisch- 
fett. Fischfang. Der grösstc Lippenpflock an der Westküste. Rangstreitigkeiten 
indianischer Weiber. Die Ceder als „Kokospalme" der Nordwest-Indianer. Uni- 
vereelle Verwendung der Ceder. Fort Essington. Eine prachtvolle Tanzdecke 
aus dem Haar der Gebirgsziege. Ein christlich-indianisches Bei- und Dankfest. 
Frau Cunningham als Tschimsian-Prcdiger. Indianische Todtenklage. Das 
grosse heidnische Tschimsiandorf Ketkatle. Die vier Stammesgottheiten. Stam- 
mesgesetze. Dr. Powell. .lagd und Fischfang. Abenteuer mit einem Seelöwen. 
Sturm und Regen. Ein durchgegangener Heilbutt. Entenjagd. Muschelfang. 
Dintenfische als indianische Delicatesse. Culinarisches Rezept. Fünf Menschen- 
schädel als Ueberreste einer Branntweinsuchlacht. t'eberfahrt über vierzig Meilen 
offene See. Die Königin Charlotte- Inseln. Skidegate Inlet. 

Mit dem Verlassen vou Allert Bai gelangten wir in den Queen 
Charlotte -Sund; wir verliessen zugleich die Vancouver-Insel und 
das ethnologische Gebiet, welches das Inselgewirr jener Gegend 
einnimmt. Ein ziemlich breiter Streifen offenen Meeres fuhrt 
nach den nächstgelegenen nördlichen Inseln, welche dem Fest- 
lande vorgelagert sind, und mit ihnen zugleich nach einem neuen 
ethnologischen Gebiet. Wir betraten damit die Region der nörd- 
licheren Indianer, welche gegenüber ihren südlichen Brüdern sich 
sehr bemerkbar durch höhere Cultur, kräftigere Entwickelung, 
grössere Kunstfertigkeit, bedeutendere Intelligenz und hervorragen- 
dere Arbeitslust auszeichnen. Es handelt sich um vier Haupt- 
stiimme: die Bella -Bella, die Tschimsian, die Haida und die 
Tlinkit, welche die ganze nordwestliche Küste bis hinauf zum 
Ätna- oder Coppcr-River in Alaska bewohnen. Alle diese Stämme 
hal»en eine grosse Vergangenheit hinter sich ; sie stehen jetzt, wie 
leider alle Indianer, auf dem Aussterbeetat 



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Am 13. September Mittags landeten wir im Milbank-Sund 
an dem grossen stattlichen Hauptdorfe Bella -Bella. In diesem 
Indianerdorf befindet sich schon seit etwa einem halben Jahr- 
hundert ein Posten der Hudsons -Bay -Company, zeitweise auch 
eine Missionsstation der Methodisten. Hr. Cunningham ging 
mit mir wieder an Land, bei welcher Gelegenheit das Dorf be- 
sichtigt und Einiges eingekauft wurde. Die Häuser der Bella- 
Bella sind wie diejenigen der übrigen Stamme aus Cederplanken 
errichtet und werden gleichfalls von 
je 4 — 6 Familien bewohnt. Das 
Innere des Gebäudes bildet im All- 
gemeinen einen einzigen grossen 
zusammenhängenden Raum, dessen 
Boden aus festgestampfter Erde be- 
steht und in der Mitte des Hauses, 
gerade unter der Dachöffhung, die 
gemeinsame Feuerstätte besitzt. 
Rings an den Wänden befinden 
sich nebeneinander spindenartige 
Abtheilungen mit Holzwänden und 
hölzernen Thüren und Fussböden. 
Jede solche Abtheilung ist etwa 
7 Fuss hoch, 6 Fuss breit und 
6 Fuss tief. Sie dienen als Schlaf- 
stätte für die einzelnen Familien 
und zum Aufbewahren der das Vermögen der Indianer enthalten- 
den Kisten. Geld und Werthgegenstäude europäischer Art bilden 
nicht die Schätze eines Indianers; er legt sein ganzes Vermögen 
in „Blankets", d. h. wollenen Decken an. Die Hudsons -Bay -Com- 
pany rechnet den Werth von zwei Blankets zu drei Dollars an; 
ein Preis, der auch sonst überall an der Küste gilt. So werden 
diese Decken direct als Münze beim Ankauf von Canoes, Pfählen, 
Fellen, Pelzwerk etc. verwandt. Es giebt Häuptlinge, welche 2000, 
ja sogar 3000 Blankets besitzen. Bei solchen Leuten sind die 
Schlafstätten bis zum Dache hinauf mit voll bepackten Kisten be- 
deckt Der Indianer braucht zum Schlafen kein langes Bett, da 




Indianer au» Queen Chnrlott*-Sund. 



14 



er gewöhnlich auf dem Rücken mit dachförmig emporgezogenen 
Knieen liegt Als Schlafunterlagen benutzen sie geflochtene Gras- 
matten und als Oberbett die Decken, welche sie am Tage tragen. 
Im Allgemeinen herrscht keine bestimmte Schlaf- oder Speisezeit 
in den Indianerhäuseru ; mau hört fast die ganze Nacht hindurch 
die Unterhaltung Einzelner am Feuer; Jeder scheint zu schlafen 
oder zu speisen, wenn er will. 

Ein Gegenstand besonderer Anziehung für mich war in diesem 
Dorfe ein sogenannter Häuptlingsstuhl, d. h. ein aus vier beinahe 
quadratmetergrossen Brettern gebildeter Sitzkasten, der mit einem 
tiefen Kutscherbock einige Aehnlichkeit in der Form hatte und 
auf den vier Innenseiten, unten, hinten, rechts und links, mit 
bunten Figuren und allegorischen Darstellungen der Indianer- 
mythologie bedeckt war. Ein derartiger Sitzkasteu wird platt auf 
die Erde vor das Feuer gerückt, während der Häuptling, oder 
ein hervorragender Gast, darin in hockender Stellung Platz nimmt. 
Da der Häuptlingsstuhl nicht verkäuflich war, so bestellte ich für 
das Berliner Königliche Museum ein Exemplar bei dem renom- 
rairtesten indianischen Holzschnitzer von Bella-Bella, und wurde 
dasselbe durch freundliche Vermitteluug der Hudsons-Bay-Compauy 
späterhin über Victoria nach San Francisco gesendet, ebenso wie 
ein schöngeschnitztes Indianer- Canoe aus Cederholz. Ueber dem 
Feuer in der Mitte des Indianerhauses befindet sich gewöhnlich 
ein von vier Baumpfahlen getragenes Holzgestell, auf welchem im 
emporsteigenden Rauch die Essvorräthe der Bewohner: Fische, 
Beeren, Wurzeln, Baumbast und Seetang trocknen. Die Fische 
werden vorher ein- bis dreimal gespalten, damit sie schneller durch- 
räuchern und trocknen; die übrigen Gegenstände werden in höl- 
zerne Rahmen gethan, deren aus dünnen Stäbchen gebildeter 
Boden dem Rauch und der Wärme Zutritt gestattet; hierdurch 
verwandeln sich diese Speisen in torfahnliche viereckige Kuchen 
von etwa Fingerstärke. In dieser Gestalt werden sie in Kisten 
gepackt und dienen während des ganzen Winters als Nahrungs- 
mittel. Sie werden unmittelbar vor dem Gebrauche in grossen 
Steinmörseru zerstampft, in eiserne Kessel gethau und über Feuer 
mit Fischfett zubereitet. 



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15 — 



Unter den in Bella-Bella von mir gekauften ethnologischen 
Gegenständen befand sich ein ausgezeichnet schöner, reich ge- 
schnitzter Häuptlingsstab, sowie eine mit hübschen Schnitzereien 
versehene Vorrathskiste. Da bei den Indianern die Zunge mehr 
das Organ der Beredtsamkeit als des Wohlgeschmackes ist, so 
unterstützen sie deren Wirkung in geeigneten Fällen, bei Festlich- 
keiten, Berathungen und Verhandlungen durch Gestikulationen, 
die mit solchen Häuptlingsstöcken ausgeführt werden. Bald wird 
der Stock kühn durch die Luft geschwungen, bald bekräftigend 
lebhaft auf den Boden gestossen, bald wieder als Zeichen der 
Würde getragen. Ferner befanden sich unter den gekauften 
Sachen — gleichsam als vorbereitende Einleitung der Schauspiele, 
welche ich späterhin so oft sehen sollte — zahlreiche, kunstvoll 
geschnittene hölzerne Tanzklappern und Rasseln, welche bei Fest- 
tänzen und bei den Kuren der Medizinmänner kastagnettenartig ge- 
schwungen werden. Nach kaum einstündigem Aufenthalt ging der 
Dampfer weiter und brachte uns gegen Abend nach einem kleinen 
Indianerdorf, welches von den Weissen, nach der Aehnlichkeit 
seines Uferberges mit einem chinesischen Hut, 
die Bezeichnung Chinamans Hat erhalten hat. 
Hier gab es jedoch wenig zu kaufen, weil die 
meisten Männer, theils allein, theils mit ihren 
Familien tief in die Meeresbucht hinein zum 
Lachsfang gefahren waren. Es ist oft beschrieben 
worden, wie die Indianer mit Speeren und Haken Tamnwke aus 
den Lachs fangen, wenn er im klaren seichten 
Wasser der Flüsse, um zu laichen aufsteigt; weniger bekannt ist es 
jedoch, dass sie dabei oft genug, namentlich oben im Norden, Con- 
currenz durch die Bären erhalten, welche sich unmittelbar an 
schmalen Stromschwellen postiren und mit unermüdlicher Geduld 
aufpassen, bis ein Lachs in kühnem Schwünge sich aus dem Wasser 
emporschnellt, um die Stelle zu passiren. In diesem Momente giebt 
ihm der Bär einen heftigen Schlag mit der Tatze und wirft ihn 
dadurch seitlich ans Ufer, worauf er ihn gemüthlich verspeist und, 
falls er davon noch nicht gesättigt wird, noch einen zweiten Lachs 
fangt, bevor er von dannen trollt. 




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16 



Da*« oben erwähnte Fischfett, welches in ungeheuren Quan- 
titäten längs der ganzen Nordwestküste zubereitet und in herme- 
tisch dichten Holzkisten während des ganzen Winters aufbewahrt 
wird, stammt von einem kleinen, überaus fettreichen Fische her, 
der etwa die Grösse unseres Stints besitzt und eine circumpolare 
Verbreitung hat Im Frühjahr steigt dieser Fisch, eine Salmoneen- 
art, die ich für identisch mit unserer nordeuropäischen Lodde — 
vielleicht Mallotus articus — halte, in unermesslichen Zügen aus 
den Tiefen des Eismeeres, wo er als Nahrung der Dorsche dient, 
in die Höhe, um an seichten Stelleu der Fjorde, meist am Ufer 
der Flussmündungen, zu laichen. Dort werden die wohlgenährten, 
wenig widerstandsfähigen Thiere gewöhnlich vom Strom erfasst und 
fortgerissen. Hierauf bauend, errichten die Indianer quer durch 
den Strom lange beutelartige Stellnetze, die sich bald mit den 
kleinen Fischen füllen. Ein Canoe liegt inzwischen unmittelbar 
über dem Netz vor Anker; die im Fahrzeug befindlichen Indianer 
ziehen von Zeit zu Zeit die hintere Hälfte des Netzes an Bord, 
binden das zusammengeschnürte Ende auf und schütten die Fische 
in den Bootsraum. Unmittelbar am Ufer werden Feuer ange- 
zündet und die Fische so lange gekocht, bis das Fett sich in 
einer Schicht oben ansammelt. Dann füllt man es in die schon 
erwähnten dichten Kisten, wirft das ausgekochte Fischfleisch weg 
und beginnt die Prozedur von Neuem. 

Ich traf in dem zuletzt genannten Bella-Bella-Dorf die Frau 
des dortigen Häuptlings, welche den grössten Lippenpflock besass, 
den ich an der Nordwestküste Amerikas gesehen habe. Dieser 
Pflock besass etwa drei Zoll Breite bei zwei Zoll Tiefe. Es herrscht 
bei den Bella-Bella, Tschimsian und theil weise auch bei den 
Haida-Indianern der Gebrauch, den Körper behufs Ornamentirung 
künstlich dadurch zu deformiren, indem man den jungen Mädchen die 
Unterlippen durchbohrt In dieses Loch wird zunächst ein Knochen 
oder ein silbernes Stäbchen gesteckt, bei welcher Gelegenheit ein 
gemeinsames Fest gefeiert wird und an die Anwesenden Geschenke 
ausgetheilt werden. Späterhin tritt an Stelle des Stäbchens oder 
Knochens ein etwas stärkerer Pflock, wobei abermals ein Fest 
gefeiert wird, dann nach einiger Zeit ein noch grösserer und so 



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17 

fort Auf diese Weise entspricht die Grösse des Pflockes der 
Menge von Festen und Geschenken, die zu Ehren einer Indianerin 
gegeben worden sind, ist also ein Zeichen für die gesellschaftliche 
Rangstufe der Trägerin. Die äussere Form eines solchen Pflockes 
ähnelt etwa der Gestalt einer Brotschnitte von der Dicke eines 
kleinen Fingers; die untere flache Seite wird nach dem Unter- 
kiefer zu getragen, während die stärker gekrümmte Aussenseite 
von dem Lippenrand wie von einer dünnen Haut überspannt wird. 
Damit diese Standesinsignien nicht herabfallen, ist ihr schmaler 
Rand rings herum ein wenig ausgehöhlt, so dass sich das Fleisch 
der Lippe fest anschliessen kann. Man muss gestehen, dass die 
keineswegs klassische Schönheit der Indianerinnen durch den 
senkrecht abstehenden Pflock, der auch die Sprache der Trägerin 
beeinflusst, da sie keine Lippenlaute aussprechen kann, durchaus 
nicht gewinnt, denn das Monstrum klappt bei jeder Mundbewegung 
in hässlicher Weise auf und nieder. 

Die Trägerinnen dieser mit Muschelstücken und Kupferein- 
lagen decorirten Pflöcke sind nichtsdestoweniger sehr eifersüchtig 
auf ihren Schmuck. Hr. Cunningham erzählte mir als Beweis 
hiervon folgende Geschichte: Zwei indianische Frauen geriethen 
einmal in Zank, der trotz der sprachhindernden Ornamente sehr 
heftig wurde. Schliesslich machte die eine von beiden, welche 
einen grösseren Lippenflock besass als die andere, dem Streit da- 
durch ein Ende, dass sie stolz mit dem Finger auf ihren Schmuck 
mit den Worten hinwies: „Was bist Du denn; hast Du vielleicht 
eine so grosse Lippe, wie ich habe, hast Du so viele Geschenke 
gegeben wie ich? Gehe nach Hause und wenn Du mit einem so 
grossen Pflock, wie der meinige ist, wiederkommst, werde ich Dich 
als ebenbürtig anerkennen." Hierauf senkte die andere, mit dem 
gewöhnlichen Zeichen der Schaaro bei den Indianern, den Kopf 
und ging lautlos von daunen. 

Nach kurzem Aufenthalte in Chinamans Hat, während dessen 
zur Feuerung des Dampfkessels Holz eingeladen wurde, setzte der 
„Grapler" seine Fahrt nordwärts fort. Es ging fast den ganzen 
Tag durch enge Kanäle und Sunde zwischen den Inseln hindurch, 
wobei sich dasselbe prächtige landschaftliche Bild vor unseren 

A. Woldt, Capitata Jacobson'» Reise. 2 



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— 18 ' 

Augen entfaltete, wie einige Tage vorher im St Georgs Kaual. 
Der dichte Wald, welcher alle Uferhöhen bekleidete, bestand 
meistenteils aus Cedern. Es giebt dort rothe und gelbe Cedern; 
die letzteren sind wegen ihres harten, schönen, wohlriechenden Holzes 
von Jedermann sehr gesucht. Die Ceder ist für den Indianer fast 
dasselbe, was die Kokospalme für viele Naturvölker der Südhälfte 

rder Erde ist Aus Cedernholz baut der Indianer sein 
Haus und seinen Wappenpfahl, sein Canoe und seine 
kunstvoll geschnitzten Tanzmasken, seine Kisten, Tanz- 
klappem und Ruderpaddeln, mit der Ceder unterlialt er 
sein Feuer, aus Cedernbast flechtet er sehr kunstvolle 
Matten und Decken, Körbe und Gefasse; in Cedernbast 
werden die Säuglinge gewickelt wenn sie in der Wiege 
Oerath t Bast- ne ^ en J Cedernbast wird zu Kopf-, Hals- und Armringen 
^uTCr-in«d" man<men Stammen geflochten, alles Tauwerk, von 
der dünnen Angelschnur an bis zum starken Tau der 
Walfischharpune, wird aus diesem Material gedreht aus Cedern- 
holz endlich wird die Kiste verfertigt in der die sterblichen Uel>er- 
reste der Indianer über der Erde beigesetzt werden. 

Am 14. September Abends landeten wir in Fort Essington, 
wo ich den „Grapler" verliess, da ich mich hier gegenüber den 
Königin Charlotte-Inseln, aber durch die 40 englische Meilen breite 
Vancouverstrasse von ihnen getrennt befand. Meine nächste Auf- 
gabe war, eine Fahrgelegenheit nach jener Inselgruppe zu suchen. 
Hr. Cunningham, welcher, wie schon erwähnt in Fort Essington 
wohnt gab mir wieder einen neuen Beweis seiner stets hilfsbereiten 
Liebenswürdigkeit, indem er nicht nur die Vorbereitungen zur 
Ueberfahrt einleitete, sondern mich auch während mehrerer Tage 
in seinem Hause aufnahm und, was die Hauptsache war, meine 
Sammlung in sehr ansehnlicher Weise vergrossem half. Ohne 
seine Hülfe hätte es für mich in Fort Essington insofern nicht 
gut ausgesehen, als die hier wohnenden Tschirasian-Indiauer schon 
meist zum Christenthum übergetreten sind und demzufolge ihre 
originellen und interessanten ethnologischen Gegenstände nicht mehr 
gebrauchen. Hier half mir Hr. Cunningham mit dem in seinem 
Laden befindlichen Vorrath aus „guter alter Zeit" auf und ver- 



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— 19 — 

kaufte mir u. A. äusserst kunstvoll geschnitzte Frauen- 
tanzmasken, einige Steinäxte, Geräthe, silberne 
Armbänder und Ohrringe, sowie theils in Holz, theils 
in Stein geschnitzte, 3 — 4 Fuss lange Miniatur- 
modelle von Wappenpfahlen. Auch eine prachtvolle 
Tanzdecke, wie sie sonst von Häuptlingen bei 
grossen Festlichkeiten getragen wurde, erwarb ich 
von ihm. Diese Decken werden aus den Haaren 
der wilden Gebirgsziege hergestellt und mythologische 
Figuren von Thieren und Menschen darin auf kunst- 
vollste Weise eingewoben. Eine andere Collection 
von Gegenstanden erhielt ich auch von den Einge- 
borenen, namentlich Haus- und Fischereigeräthe, so- 
wie einen Kriegspanzer aus hartem Leder, Schmuck- 
gegenstände etc. 

Die indianische Gemahlin meines Gastfreundes 
bereitete mir einen freundUchen Aufenthalt, der mir 
um so angenehmer war, als sie gut englisch sprach. 
Sie ist sehr fromm und gottesfurchtig und veran- 
staltete am Tage nach unserer Ankunft, vielleicht 
aus Freude darüber, dass ihr Sohn, der in Victoria 
die Schule besuchte, mit uns auf Ferienbesuch ge- 
kommen war, ein Bet- und Dankfest in der kleinen, 
von Indianern gebauten Kirche des Ortes. An dieser 
Feier nahm die ganze Bevölkerung, und natürlich 
auch ich, theil. Es war kein Priester vorhanden, 
weshalb Frau Cunningham die Function eines 
solchen versah, indem sie auf den Knieen laut im 
Dialect der Tschimsian- Indianer betete, worauf 
Kirchenhymnen von der Versammlung gemeinsam 
gesungen wurden. Dieses Kirchenfest wiederholte 
sich am Tage darauf noch einmal. 

Fort Essington liegt etwa 8 — 10 engl. Meilen 
stromaufwärts am Skeena River. Dieser Fluss wurde 
während meines Aufenthaltes der Ort eines Trauer- Mwieii vUh-* i 
spiels, bei dem trotz Christenthums der indianische "5£Slmi^5ikL 



-4k 



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20 — 



Geist der Bevölkerung zum Durchbruch kam. Ein Knabe von 
4 — 5 Jahren fiel nämlich unbemerkt in das Wasser und er- 
trank. Er wurde sofort vermisst, worauf seine Eltern laut schreiend 
und wehklagend ans Ufer stürzten und an der aufgefundenen 
Leiche ganz nach Indianerart die Todtenklage anstimmten. Bis 
tief in die Nacht hinein hörte man noch das weithin schallende, 
stossweise erfolgende Jammergeschrei der unglücklichen Eltern, 
welche ihren Liebling beweinten und sein Lob zwischendurch er- 
tönen Hessen. Die Gebrauche, die Todten zu beweinen, sind ganz 
allgemein bei den Indianern. Nach vielen Bemühungen gelang es 
endlich, drei Indianer des auf dem Wege nach den Königin Char- 
lotte-Inseln gelegenen, noch heidnischen Dorfes Ketkatle zu enga- 
giren, die mich, nachdem ich meine Sammlung zur Expedition nach 
Victoria fertig gemacht und Briefe nach Europa geschrieben hatte, 
zunächst nach ihrem Heimathsdorfe fuhren. Ketkatle ist das erste 
richtige Indianerdorf, welches ich betrat; es ist wegen seiner, vom 
gewöhnlichen Durchgangsverkehr etwas entfernten Lage fast noch 
gar nicht durch die moderne Cultur beeinflusst Es ist ein statt- 
liches Dorf, in dem vor jedem Hause ein Wappenpfahl von 
30 — 50 Fuss Höhe steht. 

Die vier Stammesgottheiten der Tschimsian, Haida u. A. 
sind der Bär, der Adler, der Wolf und der Rabe. Jeder Mann 
eines Stammes gehört einem dieser vier Götter an und dokumeu- 
tirt dies dadurch, dass er auf die Spitze des zu seinem Hause 
gehörenden Wappenpfahles die geschnitzte Figur eines Bären, 
Adlers, Wolfs oder Raben anbringt. Hierdurch wird der ganze 
Stamm in vier grosse Familien getheilt, für welche eine Reihe 
von althergebrachten Einrichtungen bestehen, die Niemand mehr 
zu erklären weiss. So darf beispielsweise ein Mann aus der 
Rabenfamilie kein Mädchen der Rabenfarailie heirathen, sondern 
rauss ein solches aus der Adlerfamilie oder der Wolfs- oder der 
Bärenfamilie erwählen. Selbst bei denjenigen Indianern, welche 
bereits Christen geworden sind, wird noch streng auf diesen Ge- 
brauch gehalten. So erzählte mir späterhin ein Missionär eine 
Affaire, die sich auf einer der Missiousstationen ereignet hatte: 
„Ein Mann aus der Rabenfamilie hatte sich in ein Mädchen der 



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- 21 — 



Rabenfamilie verliebt und wurde von ihr wieder geliebt. Wohl- 
bekannt mit dem Gesetz des Stammes hielten beide junge Leute 
ihr Verhältniss eine Zeit lang geheim. Da sie indessen durchaus 
nicht verstehen konnten, warum es ein Verbrechen sein sollte, 
wenn sie sich heiratheten, so ging der junge Mann eines Tages 
zum Missionär und fragte ihn um seine Meinung in dieser An- 
gelegenheit. Dieser sagte, dass auch er darin kein Verbrechen 
erblicken könne, wenn sich die jungen Leute verehelichten und 
dass jene indianische Sitte nur ein alter abergläubischer Gebrauch 
sei. Hierauf wurden beide junge Leute unter sich darüber einig, 
dass sie Christen werden und sich heirathen wollten. Wie zu er- 
warten stand, wurde Alles bald von den Indianern entdeckt und 
man sprach im ganzen Dorfe von nichts anderem, als von der un- 
erhörten Frevelthat, dass die jungen Leute sich heirathen wollten, 
während man andererseits nicht im geringsten etwas dagegen 
hatte, dass sie Christen wurden. Der junge Mann hatte viel zu 
leiden unter dem Hohn und Spott seiner Genossen, so dass er 
einstmals bei einem grossen Feste, während einer Versammlung 
aller Häuptlinge und Krieger, die Geduld verlor, aufsprang und 
eine Rede hielt Er bemühte sich zu beweisen, dass es keine 
Schande wäre, ein Mädchen aus derselben Familie zu heirathen 
und endete mit folgenden Worten: ,Wer von Euch kann mir 
zeigen, dass ein Adler einen Bären heirathet oder dass ein 
Wolf sich mit einem Raben verbindet; heirathet nicht in der 
ganzen Welt ein Adler einen Adler und ein Bär einen Bären? 
Mein Mädchen ist ein Rabe und ich bin ein Rabe, darum werde 
ich sie zu meiner Frau machen. Derjenige von Euch, welcher 
gegen meine Ansicht ist, möge nach dem Walde gehen und die 
Thiere dort ansehen; wenn er findet, dass ich nicht richtig ge- 
sprochen habe, so mag er es mir beweisen, dann werde ich von 
meiner Heirath abstehen! 4 In der Versammlung konnte Niemand 
etwas gegen dieses Argument einwenden und die Verbindung der 
jungen Leute fand demgeraäss ohne Störung bald darauf statt 
Von Stund' an war aber der Mann im ganzen Stamme ein 
Gegenstand des Hasses und der Verachtung; und Niemand küm- 
merte sich um ihn. Wenn alle Anderen zu Festlichkeiten ein- 



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geladen wurden, wo man Reden hielt und Gesänge vortrug, wo 
die grosse hölzerne Trommel geschlagen wurde und Tänze statt- 
fanden, dann sass er mit seiner Frau einsam und verlassen zu 
Hause, isolirt und ignorirt von Allen, als ein lebender Beweis 
der Wahrheit jenes alten Satzes: Die Liebe ist mit Leiden ver- 
bunden ! " 

Einen Beweis, wie sehr Indianer unter einander auch den 
Weissen gegenüber zusammenhalten, erhielt ich in Ketkatle. Die 
Leute, welche ich zur Ueberfahrt nach den Königin Charlotte- 
Inseln engagirt hatte und für die bereits die Bezahlung bei 
Hrn. Cunningham deponirt worden war, begannen plötzlich zu 
streiken, indem sie vorgaben, dass sie kein Segel zu ihrem Boot 
besässen. Natürlich protestirte ich gegen diesen Vertragsbruch 
und drohte, dass ich alsdann nach dem in der Nähe gelegenen 
Dorfe Metlakatla fahren und von dort aus übersetzen würde. Sie 
lachten mich einstimmig aus und fragten, ob ich mit meinem 
ganzen Gepäck dorthin schwimmen wollte? In der That hielten 
die Bewohner so sehr zusammen, dass es mir nicht gelang, eine 
andere Mannschaft zu miethen und mir nichts anderes übrig 
blieb, als durch ein Extradouceur von einigen Dollars das alte 
Verhältniss aufrecht zu erhalten. Ich machte in Ketkatle einige 
sehr interessante Einkäufe, musste jedoch Alles theuer bezahlen, 
denn auch im Punkte des Handelns mit Fremden halten diese 
stolzen selbstbewussten Indianer zusammen. Hierzu kam noch, 
dass ein Indianeragent, Dr. Powell aus Victoria, welcher eifrig 
für die Regierung in Canada und für Washington sammelt, hier 
gewesen ist und den Leuten hohe Preise gezahlt hat, wobei er 
zugleich versprach, wieder zu kommen und noch mehr zu kaufen. 

Am Mittwoch den 21. September gegen Mittag reisten wir 
ab. Der Weg führte zunächst au verschiedenen Inseln vorüber, 
bevor wir auf die offene See kamen. Da es nicht gerathen schien, 
die 40 englische Meilen lange Seefahrt noch zu unternehmen, so 
blieben wir diesseits und unterhielten uns mit Jagd und Fischfang. 
Hierbei hatte ich ein kleines Abenteuer, welches leider den Ver- 
lust meines Gewehres herbeiführte. Ein grosser Seelöwe, der mehr 
als 11 Fuss lang war, hatte sich auf einen Felsen am Ufer be- 



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geben und war daselbst fest eingeschlafen. Ich näherte mich ihm 
von der Wasserseite und feuerte ihm einen Schuss gerade ins 
Auge. Laut brüllend erhob er sich und versuchte den Felsen 
hinab ins Meer zu gelangen. Die einzige Stelle, wo dies möglich 
war, wurde aber von mir selbst besetzt, so dass die vor Schmerz 
und Schreck verzweifelte Bestie mit lautem Gebrüll direct auf 
mich losstürzte. In dieser Lage wurde ich aus einem Angreifer 
ein Vertheidiger; ich kehrte also raein Gewehr um und schlug da- 
mit dem Seelöwen, der höher stand als ich, kräftig auf den Kopf. 
Hierbei brach der Kolben ab, glücklicherweise aber näherte sich 
ein Indianer, der aus dem Canoe Alles angesehen hatte, mit einer 
Axt, mit der ich dem Thiere den Schädel einschlug. Die Haare 
des Seelöwen waren gelb. Die Indianer nahmen seine Flossen 
und die Zunge als Proviant mit auf die Reise. Alsdann setzten 
wir unsere Fahrt bis zu der kleineu Bonilla- Insel am Sund fort 
und übernachteten auf ihr. 

Was wir befürchtet hatten, traf am anderen Morgen ein; es 
herrschte Sturm und Regen, so dass au Ueberfahrt au diesem 
und den nächsten beiden Tagen nicht zu denken war. Es blieb 
nichts anderes übrig, als hier zu verweilen und durch Fischen 
und Jagen die Lebensmittel zu vermehren. Es giebt hier jene 
grossen Plattfische, die Heilbutten, welche ein Gewicht bis zu 
mehreren Centnern und eine Grösse wie eine Tischplatte erreichen. 
Es gelang uns leider nicht, einen solchen Fisch zu fangen, ob- 
gleich sich ein stattliches Exemplar an der Angel festgebissen 
hatte. Die Wellen gingen so hoch, dass bei dem Versuche, den 
heftig arbeitenden Heilbutt an Bord zu ziehen, das Canoe halb 
mit Wasser gefüllt wurde und zuletzt noch der Angelhaken brach 
und die Beute entkam. Dagegen waren wir im Angeln von an- 
deren Fischen glücklicher. Ich ging auf die Jagd und schoss 
neun Enten; Abends suchten die Indianer Muscheln, besonders 
jene Art, die bei den Amerikanern „Clam" heisst. Diese Muschel, 
wahrscheinlich Venus mercenaria Linn., schmeckte mir frisch bei- 
nahe so gut, wie die Auster und ich würde viel mehr davon ver- 
zehrt haben, weun ich im Besitze von Citronen gewesen wäre. 
Ein anderes, bei den Küstenstämmen beliebtes Nahrungsmittel, 



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24 



dem ich jedoch keinen besonderen Geschmack abgewinnen konnte, 
sind die sogenannten Teufelsfische, eine Art Dintenfische, deren 
Arme namentlich gern verzehrt werden. Diese Thiere werden 
ziemlich gross und stark und nicht selten den Fischern gefahrlich. 
Ein Missionär erzählte mir nachträglich folgende Geschichte von 
einem Dintenfisch; die er selbst erlebt hatte: Er fuhr eines Tages 
mit einigen Bella-Bella Indianern längs des Strandes, und da sich 
ein Gegenwind erhob, so wurde beschlossen, zu landen. Während 
der Landung bemerkte einer der Indianer auf dem seichten Grunde 
einen Dintenfisch; er warf deshalb seine Decke ab und streckte 
den Arm ins Wasser, um das Thier emporzuheben. Kaum hatte 
er den Dintenfisch berührt, als er heftig zu schreien begann und 
Hilferufe ausstiess, denn das Thier zog ihn mit unwiderstehlicher 
Gewalt über Bord ins Wasser. Sofort kam ein anderer Indianer 
zu Hilfe herbei aber auch er wurde über Bord gezogen. Glück- 
licherweise stand ein dritter Indianer bereits am Land und stiess das 
Thier mit seinem, mit harter Spitze versehenen Paddelruder mehrere- 
mals durch und durch, worauf es verendete und die Leute befreit 
wurden. Man zog den Teufelsfisch ans Land und es stellte sich 
heraus, dass er keineswegs eines der grössten Exemplare war. 
Die Indianer kochen die Saugarme dieser Dintenfische in Erdgruben, 
die sie mit heissen Steinen ausfuttern und bedecken. Nach einer 
halben Stunde ist das Fleisch gar, und wird, nachdem die Haut 
abgezogen ist, gegessen. Bei den veschiedenen kleinen Fusstouren, 
zu denen unser unfreiwilliger Aufenthalt am Vancouver-Sund mir 
Zeit und Gelegenheit gab, fand ich jede Bucht des klippenreichen 
Ufers stark mit Treibholz, oft in Höhe von .2—3 Metern be- 
deckt, und die grossen Bäume nach allen Richtungen kreuz 
und quer mit kleineren Stämmen und Stücken zu einer zusammen- 
hängenden Schicht verbunden, so dass es fast unmöglich war, zu 
passiren. An einer Stelle des Ufers lagen fünf Meuschenschädel, 
in Bezug auf welche mir meine Begleiter erzählten, dass dieselben 
aus einem vor mehreren Jahren hier stattgefundenen Gemetzel zwi- 
schen zwei Gesellschaften von Haida-Indianern stammten. Die Einen 
waren damals von Victoria zurückgekommen, wo sie die auf der 
Jagd erbeuteten Felle verkauft hatten, die anderen kamen anders 



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25 



woher. Beide Gesellschaften wollten nach den Königin Charlotte- 
Inseln überfahren, wurden aber, grade wie wir, durch Stunn daran 
verhindert. So blieben sie denn hier und begannen, von dem 
Whisky, den beide Parteien reichlich mitgebracht hatten, zu trinken. 
Hierbei erhitzten sich natürlich die Gemüther und es entstand ein 
mörderischer Kampf, in welchem viele Leute ihr Leben Hessen. 
Von allen Indianerstammen in Nordwest-Amerika sind die Haida 
am begierigsten nach dem Genüsse von Branntwein; es ist deshalb 
nicht zu verwundern, dass gerade sie am schnellsten dahinsterben. 

Endlich war das Wetter ruhiger geworden, so dass wir am 
Sonntag d. 25. September Morgens 5 Uhr abfahren konnten. Es 
war ganz windstill, deshalb mussten wir die Hälfte des Weges 
paddeln und rudern. Die Indianer bedienen sicli auf allen ihren 
Touren kurzer kellenartiger Ruder, sogenannter Paddeln, mit denen 
sie, an der Seite des Bootes sitzend taktmässig durch das Wasser 
rudern. Wir arbeiteten tüchtig darauf los; ich selbst sass am 
Steuer; ausserdem kam uns auch der Wind ein wenig zu Hilfe, 
so dass wir gegen Abend in der Nähe der Königin Charlotte-Inseln 
angelangt waren. Durch ein Versehen meiner Leute jedoch ge- 
langten wir, bei schon vollkommener Dunkelheit südlich von Skide- 
gate Inlet, wohin ich zu fahren wünschte, in die Copper Bay und 
mussten hier noch die ganze Nacht an Bord zubringen, da wir 
nicht zu landen wagten. Am andern Morgen gingen wir bei 
schönem klaren Wetter wieder nördlich, mussten der Klippen 
wegen, die die Einfahrt besetzt halten, einen Umweg von drei engl. 
Meilen machen, fuhren dann noch eine Meile weiter in Skidegate 
Inlet hinein und landeten um 12 Uhr Mittags hinter dem Dorfe 
Skidegate an einem Oel-Etablissement. Die Tschimsian- Indianer 
legten mein Gepäck am Ufer nieder und fuhren sofort wieder ab. 
So stand ich denn auf dem Schauplatz meiner nächsten Unter- 
nehmungen, auf den Königin Charlotte-Inseln. 



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III. 



Ethnographische Probleme. Mr. Sterling, Dirigent der Oelfabrik. (New) Gold- 
Harbour. Grosser Umzug .der Indianer. Theure Kaufpreise für Kuriositäten. 
Die ethnographische Hauprsj>ecialität der Haida, die Hauswappenpfähle. Ab- 
nahme des Kunstsinnes. Umherschweifendes Leben der Haida. Vermischung 
mit der weissen Race. Die warmen Heilquellen auf den Königin Charlotte- 
Inseln. Wunderbare Tanzrasseln von typischer Form. Ein Volk von Künstlern. 
Grosse Häuser. Begräbnisse. Kupferplatten als Geld. Eine Fischthranfabrik. 
5000 Katzenhaie an Bord eines Dampfers. Fahrt nach Kamschua. Seiten- 
exkursion nach Klu. Die gesammte Einwohnerschaft auf dem Lachsfang. Ein 
Häuptlingsgrab. Das Dorf Skedans. Harter Kampf gegen Wiud und Wellen. 
Ein Begräbnissplate. Rückkehr nach Skidegate. Ich eröffne einen Laden. 
Dampfer „Otter" in Sicht. Das erste Packet aus der Heimath. Mein Canoe 
mit den Sammlungen kentert. Taufe wider Willen. Abfahrt nach Masset. 
Der liebenswürdige Herr Mackenzie. Ein Nihilist. Ich kaufe einen Haus- 
wapjienpfahl für das Berliner Museum. Rennthiere auf den Königin Charlotte- 
Inseln. Ein indianischer Vater Noah. Dorf- Künstler. Mein Pfahl. Abreise 
vom Königin Charlotte- Archipel. Fort Simpson an der Westküste, ein mo- 
dernisirtes Indianerdorf. Erfolge der Methodisten-Mission. Missionär Crosby. 
Rückfahrt nach dem Süden längst der Küste. Laudung in Fort Rupert auf 

der Vancouver-Insel. 

Erwartungsvoll hatte ich die Inselgruppe betreten, auf welche, 
wie auf ein Land der Verheissung, die Augen der Ethnologen 
gerichtet sind. Unter den Problemen ethnographischer Forschung 
an der Nordwestküste Nordamerikas ist dasjenige, dessen Lösung 
man durch das Studium der Königin Charlotte-Inseln und ihrer 
Bewohner, der Haida-Indianer, erhofft, eines der geheimnissvollsten 
und umfassendsten. 

Nachdem mein Gepäck in das Haus des Dirigenten der Oel- 
fabrik, Hrn. Sterling, gebracht worden war und ich selbst bei 
ihm eine gute Aufnahme gefunden hatte, machte ich mich un- 
mittelbar nach dem Mittagsessen ans Werk. Gegenüber dem 
Etablissement befindet sich eine kleine Insel, auf welcher sammt* 
liehe Indianer des südwestlich an der Westküste gelegenen Dorfes 
New Gold-Harbour sich neuerdings angesiedelt haben, indem sie all 
ihr Hab* und Gut, und sogar einen Theil der riesigen geschnitzten 



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— 27 - 



Hauswappenpfahle mit sich brachten. Diesen Indianern galt mein 
erster Besuch. Aber gleich hier merkte ich, was mir auf der 
Inselgruppe bevorstand. Die Gegenstände, welche ich zu kaufen 
wünschte, waren enorm theuer und die Leute forderten mit einer 
Dreistigkeit Preise, die nur ein Liebhaber von Antiquitäten zu 
zahlen geneigt gewesen wäre. In der That ist Skidegate Inlet 




(Kew) Ciuld-IInrliour bei Skidegate. 



auch eine jener Dampferlandungsstationen, aut der die reisenden 
Touristen gewöhnlich „Kuriositäten" einzukaufen pflegen, resp. die 
Anfertigung derartiger Gegenstände bestellen und mit vielem Gelde 
bezahlen. Diesem Umstände muss ein wissenschaftlicher Sammler 
leider Rechnung tragen und sich mit der Thatsache trösten, dass 
die Gegenstände in Zukunft sicherlich noch viel theurer werden 
werdeu. In diesem Dorfe lernte ich bereits die ethnographische 
Hauptspecialität der Haida kennen; es sind dies die überaus schön 



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gearbeiteten Hauswappenpfahle, welche bei keinem anderen von 
mir besuchten Indianerstamme des Festlandes grösser und prach- 
tiger angetroffen wurden. Als das herrlichste Material stehen den 
Leuten die riesigen Gedern, welche mehr als 200 Fuss hoch wachsen, 
zur Verfügung. Ich komme darauf noch zurück. Die Hauswap- 
penpfahle auf den Königin Charlotte-Inseln besitzen oft eine Höhe 
von 70 — 80 Fuss und sind über und über an ihrer convexen 
Aussen8eite mit geschnitzten Figuren bedeckt. Die Breite dieser 
Holzsäulen ist mitunter so gross, dass der geöffnete Mund eines 
der Thier-Reliefs als Eingangsthür für Menschen dient Neben 
dieser Oeffnung befindet sich gewöhnlich noch in der Frontwand 
des Hauses, dicht neben «lern Hauswappenpfahl, eine gröfsere Ein- 
gangsthür. Ich fand, dass die Pfahle der Haida-Indianer auch 
bunter bemalt waren, als diejenigen der Festland-Indianer. Ein 
gewisser Unterschied der Pfahle unter einander besteht auch auf 
den Königin Charlotte-Inseln insofern, als die Pfahle, je älter, 
auch um so schöner und kunstfertiger hergestellt sind. Es 
beweist dies, dass der Kunstsinn allmählich abzunehmen beginnt 
Zu verwundern ist dies keineswegs, denn die Haida-Indianer stehen 
aus mehr als einem Grunde auf dem Aussterbeetat. Man kann 
kein Schiff und keine Niederlassung an der Küste treffen, ohne 
auf Haida-Indianer zu stossen; noch schlimmer verhält es sich 
mit den Haida-Mädchen und Frauen, welche zum Zwecke des 
Geldverdienens namentlich Victoria überschwemmen und dort ge- 
wöhnlich den Grund zu dem Vermögen legen, mit dessen Hilfe 
ihr indianischer Gatte späterhin die Herstellung seines kostbaren 
Hauswappenpfahles und die Häuptlingswürde, zu der er sich durch 
ein splendides Fest selbst erhebt, bezahlt. Mehr als hundert Jahre 
hat die rothhäutige Rasse auf den Königin Charlotte-Iuseln mit 
fast unverwüstlicher Naturkraft den verderblichen Einflüssen des 
weissen Mannes widerstanden, von jener Zeit der Handeisfahrten 
an, als 1786 der gewinnreiche Seeotterfang und Pelzhandel die 
Einwohner mit modernen Sitten und Unsitten in Berührung 
brachte, bis zu der Goldgräberperiode in den Fünfziger Jahren, 
welche ihre trüben Wogen auch über diese Insel ergoss und bis 
zur heutigen Corruption der Eingeborenen. Die Haida machen 



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im Grossen und Ganzen den Eindruck, als ob sie nicht mehr 
ganz reines unvermischtes Blut sind; man findet unter ihnen viel- 
fach Individuen mit hellerer Hautfarbe, ja sogar Kinder mit 
blonden Haaren und blauen Augen, bei denen die europäisch- 
amerikanische Genesis unverkennbar ist, selbst wenn sie, was 
durchaus nicht geschieht, geleugnet würde. Die Haida-Männer 
unternehmen sogar direct mit ihren eigenen Frauen allsommerlich 
solche oben erwähnte Speculationsreisen nach Victoria, woselbst 
jeder von beiden auf eigene Faust 
sein Glück macht und sie dann ge- 
meinsam wieder heimkehren. Die 
traurigen Folgen äussern sich auch Tanwa»wi 
bei den Weibern in verderblichen (K5nigin 
Krankheiten, und die hierdurch herbeigeführten Verheerungen wür- 
den weit grösser sein, wenn nicht, wie mau mir berichtete, die 
wunderbaren Schwefelquellen ganz im Süden der Königin Charlotte- 
Inseln zur Herstellung der Gesundheit von den Eingeborenen 
benutzt würden. 

In (New) Gold-Harbour — wie ich das Dorf auf der Insel 
vielleicht nennen darf — , fand ich nicht viele Holzmasken und 
diejenigen, welche ich sah, waren auch nicht beson- 
ders schön. Wie ich hörte und später bestätigt fand, 
kaufen die Haida viele ihrer Masken und Holz- 
rasseln von den Tschinisian-Indianern. Diese Holz- 
rasseln oder Klappern, welche bei den Tanzfesten ge- 
braucht werden, haben eine typische Form. Sie be- 
stehen meist aus dem hohlen, kleine Steinchen ent- 
haltenden Körper eines Vogels, auf dessen Rücken 
ein Mann ruht In die weit ausgestreckte Zunge 
des Mannes beisst ein Frosch hinein, dessen Füsse Tan*™***] 
auf einem Vogelkopf u. dergl. m. ruhen. Die t^tnd w«^"" 
Bauchseite des Vogels ist gleichfalls durch ge- 
schnitzte bunte Reliefs ornamentirt, der Schwanz des Thieres 
bildet den Handgriff der Rassel. Eine besondere Kunst- 
fertigkeit entwickeln die Haida in der Anfertigung silberner 
Finger- und Ohrringe, sowie silberner Armbänder. Das ethno- 




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logische Motiv, welches sie bei diesen Schmucksachen an- 
bringen, entstammt, wie bei Allem, was sie bilden, ihrer indiani- 
schen Mythologie, aber die Figuren des Walfisches, des Adlers etc. 
sind seit Alters her den Haida-Künstlern schon so geläufig ge- 
worden, dass sie diese stylisirt als reine Ornamente verwenden. 
Selbst an den Gegenstanden neuerer und neuester Technik mit 
ihren arabeskenartigen Verzierungen ist dem etwas geübten Auge 
das ethnologische Motiv als Leitmuschel erkennbar. Man könnte 
die Haida, wie ich weiterhin auszuführen gedenke, ebenso wie die 
ihnen religions verwandten Bella-Bella, Tschimsian und Tlinkits 
ein Volk von Künstlern nennen, denn es giebt fast keinen Ge- 
brauchsgegenstand bei ihnen, den sie nicht auf sinnige und tech- 
nisch vollendete Weise schmücken. Man betrachte z. B. die aus 
Holz und aus dem Horn des amerikanischen Bergschafes (Argali) 
hergestellten anmuthig decorirten Essschüsseln der Haida. Auch 
in der Anfertigung von geschnitzten steinernen Säulen zeichnen 
sich jene Leute aus. Die Häuser der Haida sind grosser, als 
diejenigen der übrigen Stamme, auch werden sie im Ganzen rein- 
licher gehalten. Die Häuser der Häuptlinge, wie ich in Skide- 
gate, Masset und Klu späterhin sah, sind etwa 50 — 70 Fuss lang 
und 30—40 Fuss breit, und haben ein besonderes inneres Ar- 
rangement, welches sie von vorn herein zu Amphitheatern bei den 
grossen winterlichen Tanzfesten macht. Wie in jedem Hause 
bildet der mit Feuerstelle versehene viereckige Innenraum den 
Omphalos des Gebäudes und damit die Schaubühne, den Tanz- 
platz, den Rednerstand und den Häuptlings-Ehrenplatz. Dieser 
Raum ist aber tiefer gelegt, als in anderen Häusern und wird 
auf allen vier Seiten durch eine Terrasse von drei grossen Balken 
umgeben, welche als Versammlungsplatz der Festgenossen von 
Nah und Fern dient, und mehreren hundert Personen Gelegenheit 
zum Zuschauen giebt Im Innern dieser Häuptlingshäuser findet 
man wohl auch, dass die Wandpfahle, welche die Hauptbalken 
des Daches tragen, in winderbarster Weise geschnitzt sind und 
die Formen von Walfischen, Bären, menschlichen Gestalten etc. 
darstellen. 

Wenn Jemand bei den Haida stirbt, so wird er, wenn er 



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— 31 




nur ein einfaches Familienmitglied ist, in einem kleinen Hause, 
gewöhnlich hinter dem Wohnhause, beigesetzt und dem Verstor- 
benen ein Theil seiner ehemaligen Masken, Rasseln und Waffen 
beigegeben. Diese Gegenstande werden jedoch, wie es scheint, 
nach einigen Jahren wieder von der Fa- 
milie zurückgenommen oder ganzlich zer- 
stört, denn ich sah niemals dergleichen bei 
alten Grabern, während sich bei neuen oft 
eine grosse Anzahl befand. AVenn ein 
Häuptling stirbt, so wird er in seinem 
Hause beigesetzt und seine Frau und Kin- 
der werden nach ihrem Tode gleichfalls e^^^^Ä 
dorthin gebracht Rings um die Leiche 

des Häuptlings werden alle seine Besitzthümer placirt. So sah 
ich es in Klu und Kamschua. Mit dem Tode des Häuptlings 
wird am oberen Ende seines Hauswappenpfahles eine Stange an- 
gebracht, zum Zeichen, dass der Errichter des Pfahles nicht mehr 
unter den Lebenden weilt. 

In den Häusern der Haida bemerkte ich viele Exemplare 
jener eigenthümlich gestalteten grossen Kupferplatten, die schon seit 
langer Zeit in den Handelsbeziehungen der Nordwest- 
Indianer eine Rolle spielen. Wie man erzählt, wurden 
diese etwa 10 Kilogramm schweren, wie ein viereckiges 
Schild gestalteten Platten, die mit eigenthümlichen pri- 
mitiven Ornamenten versehen sind, früher am Kupfer- 
River und am Stakhin-River oben in Alaska verfertigt und 
lur hohe Preise verkauft. Ich sah eine solche Kupferplatte, Kupferplatte - 
für welche 1700 Blankets (wollene Decken) gezahlt worden waren. 
Bald fingen die Kaufleute (Traders), besonders die Hudsons-Bay- 
Company, an, diese Platten nachzumachen und an die In- 
dianer an Stelle von Geld in Zahlung zu geben. Dadurch 
sind die Platten weit verbreitet, namentlich unter den Haida und 
Tschimsian. 

Nachdem mein Kaufgeschäft in New-Gold-Harbour beendet 
war, kehrte ich gegen Abend wieder nach dem Oel-Etablissement 
zurück. Dasselbe gehört einer Compagnie von drei ehemaligen 




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Goldgräbern, Hrn. Sterling, Hrn. Mac Gregor und einein 
Maschinisten, dessen Namen ich vergessen habe. Diese Leute 
sind strebsam und fleissig und haben weithin Handelsverbindungen 
angeknüpft. Sie fangen in den Fjorden der Königin Charlotte- 
Inseln den Katzenhai (Dogfisch) in grossen Mengen und gewinnen 
daraus Oel. Südlich von Skidegate liegt der tief ins Land hinein- 
reichende Meeresarm, Kamschua Inlet, in welchem sie eine Fischer- 
Station errichtet haben. Die Verbindung zwischen letzterer und der 




Canoe-Modell Ton der Küste British-Coluinblen*. 



Oelfabrik in Skidegate wird durch einen kleinen, der Compagnie ge- 
hörenden Dampfer vermittelt. Dieses Fahrzeug kam gerade gleich- 
zeitig mit mir an und brachte etwa 5000 frisch gefangene Dogfische 
mit sich. Nachdem ich den Al>end in Gesellschaft der Herren au- 
genehm verlebt hatte, besichtigte ich am anderen Vormittag das 
Etablissement. Das Hauptfabrikgebäude ist auf Pfählen errichtet, 
so dass es bei Hochwasser unterfluthet wird. Durch diese Ein- 
richtung ist es möglich, einen grossen flachen Holzprahm, auf den 
man die gefangenen Fische vom Dampfer aus geladen hat, dicht 
an das Haus heranzuschieben, so dass eine Fallbrücke von letz- 
terem darauf herabgelassen werden kann. Diese Brücke ist mit 



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33 - 



Schienen versehen, die nach dem Innern zu weiterfuhren. Es 
werden nunmehr kleine, durch ein Seil gehaltene Wagen von 
Oben her auf das Holzfloss die Schienen entlang geleitet und das 
Ausweiden der Fische beginnt an Ort und Stelle. Die Lebern der 
Katzenhaie werden zuerst aufgeladen und nach Oben geschafft, 
alsdann das Uebrige. Man bereitet in der Fabrik zweierlei Oel, 
das feine, gelbliche, an medizinischen Thran erinnernde Leberol 
und das minderwerthige, nicht so klare Fischöl. Das Auskochen 
geschieht mit Dampf; es werden auf diese Weise während der 
Campagne von Juni bis November taglich etwa 2 — 3000 Dog- 
fische verarbeitet. Es betheiligen sich nur wenige Indianer an der 



Arbeit, das Fischen, Ausnehmen, Auskochen und Expedireu wird 
fast ausschliesslich durch weisse Leute, meist frühere Goldgräber 
besorgt. Das Oel wird in grossen Quantitäten nach Victoria 
gesandt 

Da mir Hr. Sterling freundlichst gestattete, mit dem klei- 
nen Dampfer der Compagnie die nächste Fahrt nach Karaschua 
mitzumachen, so engagirte ich noch Vormittags einen Haida, der 
etwas Englisch verstand, summt seinem Canoe ; wir nahmen Mit- 
tags Alles an Bord und die Fahrt begann. Bereits am Abend 
befand sich der Dampfer an seinem Fischerplatz in der Nähe des 
Dorfes Kamschua. Da es sich herausstellte, dass das ganze 
Fischerzeug nach einer anderen Stelle transportirt werden musste, 
so benutzte ich die mehrtägige Frist, um mit dem Haida in sei- 

A. Woldt, Capitata Jacobsen's Reis«. 8 




MQtze eines Medizinmanues 
beim Kuriren. 



Harpune für See- Kopfring beim Tanzen 
löwen- und Pelz- gebraucht. 
robben-Jagd. 



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— 34 — 




(.it'wöliiilirlii'r Frauculiul. 



nem Canoe einen Ausflug nach dem Dorfe Klu zu unternehmen, 
welches das südlichste und bevölkertste des Archipels ist und am 
Ostende der kleinen Tan-oo Insel liegt. Ein günstiger Wind 
brachte uns bereits gegen Abend an Ort und Stelle. Hier erfuhr 

ich jedoch eine für mich betrü- 
bende Nachricht, denn die ge- 
sammte Einwohnerschaft befand 
sich etwa 15 Meilen vom Dorfe 
entfernt auf dem Lachsfang, um 
Vorrathe für den Winter zu 
schaffen. Es würde nichts genutzt 
haben, ihnen nachzufahren, denn 
sie wären doch nicht mit mir zum 
Dorfe zurückgekehrt, um mir ihre 
dort befindlichen ethnologischen 
Gegenstande zu verkaufen, deren 
ich bei einem Gange durch die Häuser genug entdeckte. Die 
wenigen, in Klu zurückgebliebenen Männer und Weil>er konnten 
mir nicht viel verkaufen. Das Dorf besitzt viele, ausgezeichnet 

schöne Hauswappen- 
pfahle. Auf einem 
Häuptlingsgrabe lagen 
verschiedene Masken, 
Blankets und der 
Stock, den der Ver- 
storbene bei Lebzeiten 
in der Hand zu hal- 
ten pflegte, wenn er 
Reden hielt. 

Am anderen Mor- 
gen gingen wir wieder 
nördlich zurück und besuchten zunächst kurz vor Kamschua das 
Dorf Skedaus. Auch hier war leider nur eine Familie anwesend, von 
der ich einige Sachen kaufte. Gegen Abend erreichten wir, nach 
einem harten Kampf gegen Wind und Wellen, das Dorf Kamschua. 
Es war die alte Geschichte; ich traf nur vier Familien anwesend. 




Tan/hut, einen schwarten Fisch darstellend. 



Googh 



— 35 



Trotzdem gelang es mir, einzelne sehr gute Sachen zu kaufen. Es 
wohnt in Kamschua ein ausgezeichnet geschickter Holzkünstler, 
von dem ich — allerdings ziemlich theuer, denn die Fremden, l>e- 
sonders die Amerikaner, verderben auch hier die Preise — einen 
5 Fuss hohen, prächtig geschnitzten Pfahl kaufte. In Kamschua 
bot sich mir Gelegenheit, die indianischen Begrabnisshäuser etwas 




Haiuwappcupfahl mit Flagge und Todtcndeiikmal der Ilaida-Indiaiier. 



näher zu besichtigen. Die meisten waren zwar geschlossen, es 
war jedoch möglich, hineinzublicken. Fast alle Häuser waren 
voller Grabkisten, in denen sich Leichen befanden. Diese Kisten 
haben nur eine Höhe und Breite von etwa 2 — 3 Fuss, so dass 
es unmöglich erscheint, einen menschlichen Körper in sie hinein- 
zubringen. Aber es herrscht bei sämmtlichen Küstenindianera 
die Sitte, die Verstorbenen noch vor dem Eintreten der Leichen- 
starre in eine hockende Stellung mit hoch emporgezogeuen Kuieen 
zu bringen, sie in eine Matte zu wickeln und sofort in die enge 

3* 



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3G 




Tanrmafke, Wolfskopf dar- 
stellend. Masset. 



Kiste hineinzuzwängen. Kamschua war früher ein bedeutendes 
Dorf, es hat aber viele Einwohner durch ansteckende Krankheiten 
und die allen Haida-Indianern jetzt eigentümliche Auswanderungs- 
lust verloren. 

Gegen Mittag des 1. October kehrte der Dampfer aus dem 
Innern des Fjordes zurück und nahm uns an Bord; Abends lan- 
deten wir wieder in Skidegate. Den näch- 
sten Tag, einen Sonntag, benutzte ich zu 
einem Besuche des Dorfes Skidegate, wo 
ich im Hause des dortigen Häuptlings — 
gegen Entgelt an den Besitzer — eine 
Art „Ladengeschäft" eröffnete, indem ich 
europäische und amerikanische Waaren 
gegen Indianer-„Kuriositäten" umtauschte. 
Der Handel ging sehr flott, obgleich ich 
hohe Preise bezahlen musste. Gegen 
Abend kehrte ich wieder nach der Oel- 
fabrik zurück. 

Ich war nunmehr etwa einen Monat lang von San Francisco 
abwesend und meine Reise hatte sich, Dank einer Reihe günstiger 
Umstände, so schnell vollzogen, dass mich noch keine Nachricht 
aus der Heimath eingeholt hatte. Letzteres musste indessen un- 
mittelbar geschehen, denn in Skidegate wurde die 
Ankunft des der Hudsons -Bay -Company ge- 
£l^a£Sm hörenden Dampfers „Otter" von Süden stündlich 
erwartet. Dieses Schiff war mir doppelt wichtig, 
da ich auf demselben zugleich meine Fahrt nach dem nördlichsten 
Haidadorfe der Königin Charlotte-Inseln, nach Masset, fortzusetzen 
beabsichtigte. Doch bevor dies geschah, mussten die bisher auf 
dem Archipel gekauften Gegenstände sorgfältig für das Museum 
in Berlin mit Numerirung und beschreibenden Zetteln versehen 
und eingepackt werden. Alles dieses wurde erledigt und ich be- 
fand mich bereits wieder) in New-Gold- Harbour, wo ich indessen 
wegen der sehr hohen Preise nur wenig kaufte, als plötzlich gegen 
Mittag die ganze Einwohnerschaft in Aufregung gerieth, denn der 
Dampfer Otter kam in Sicht. Kaum hatte er im Hafen Anker 



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— 37 

geworfen, so war ich einer der Ersten, die an Bord gingen, da 
ich begreiflicher Weise begierig war, Nachrichten aus der Heimath 
zu erhalten. Der sehr freundliche Kapitain überreichte mir ein 
ganzes Packet Briefe, die meisten aus Berlin, darunter offizielle 
Legitimationspapiere und Empfehlungsschreiben. 

Viele Bewohner von New -Gold -Harbour stiegen an Bord, 
um die Fahrt nach Victoria mitzumachen. Da der Dampfer hier- 
selbst bis zum anderen Morgen liegen blieb, denn es war viel Oel 
einzuladen, so konnte ich den Traneport meiner Sammlungen aufs 
Schiff in aller Ruhe ausführen. Leider aber stiess mir ein un- 
vermutetes Malheur zu. Ich hatte alle meine Sachen auf ein 
Boot bringen lassen, darunter eine schwere Kiste. Durch die 
Schuld des Indianers, dem das Boot gehörte, und der an der 
Kiste vorbeizugehen versuchte, kenterte das kleine Fahrzeug dicht 
beim . Lande und sofort lagen wir Beide und alles Gepäck im 
Wasser. Schnell erreichten wir schwimmend das Trockene, wo 
ich zunächst sämnitliche Sachen so flink als möglich ans Land 
zog und dann den Uebelthäter in heller Wuth mehrere Mal 
kräftig untertauchte. Die Folge war, dass der Bursche aufsprang 
und lautlos vor Angst auf Nimmerwiedersehen in den nahen 
Busch entfloh. Viel Proviant, welchen ich mit mir geführt hatte, 
war verdorben und sämmtliche Gegenstande der Sammlung waren 
durchnässt. Ich hatte an Bord des Schiffes, wohin ich zunächst 
die Kisten brachte, die ganze Nacht zu thun, um Alles zu trocknen 
und abzuwischen. 

Die Abfahrt nach Masset fand Nachmittags 5 Uhr statt. Es 
waren etwa 8 junge Haida-Mädchen, die in Victoria ihr „Glück" 
machen, und ca. 20 junge Männer, die am Fraser-River und 
Pudget-Sund Arbeit suchen wollten, au Bord. In Masset, wo wir 
am anderen Tage landeten, lernte ich in Mr. A. Mackenzie, 
dem Vorsteher des dortigen Handelspostens der Hudsons-Bay-Com- 
pany, einen sehr liebenswürdigen und hochintelligenten Mann 
kennen, der mit den Sitten und Gewohnheiten aller dortigen In- 
dianer in Folge seines langjährigen Aufenthaltes in Alaska und 
British -Columbien aufs Innigste vertraut ist. Was ich diesem 
höchst vortrefflichen Manne während meines nur eintägigen Auf- 



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- 38 - 



cnthaltes und späterhin verdanke, darüber mögen die nachfolgen- 
den Blätter Zeugniss ablegen. In Masset machte ich auch die 
Bekanntschaft zweier Goldgräber, darunter eines Nihilisten, Graf 

S welche Beide den ganzen Sommer hindurch auf dem 

Archipel „prospektet" hatten und dabei auch auf der unbekannten, 
an landschaftlichen Reizen überaus reichen Westküste gewesen 
waren. Als wir landeten, kam auch der Häuptling Weah, ein 
alter, ziemlich starker, weissbärtiger Mann, der durchaus nicht den 
Eindruck machte, als ob er ein Indianer sei, zur Begrüssung 
an Bord. 

Hr. Mackenzie unterstützte mich bei meinen Einkäufen aufs 
Eifrigste. Obgleich durch frühere Besucher, namentlich auch durch 
die Offiziere der englischen Kriegsschiffe, welche hier in jedem Som- 
mer landen, fast Alles aufgekauft war, gingen wir doch von Haus zu 
Haus und fanden noch Einiges auf. Zugleich fragte Hr. Macken- 
% zie, dem ich meine Absicht mitgetheilt hatte, einen der grossen 
Huuswappeupfahle zu kaufen, die Indianer, wer von ihnen geneigt 
wäre, mir zu willfahren. Es fanden sich in der That einige Leute, 
die sich ihres derartigen Besitzes entäussern wollten. Die be- 
treffenden Pfahle befanden sich in einem, etwa eine englische 
Meile entfernten, verlassenen Indianerdorf. In Gesellschaft des 

Grafen S und eines Indianers brach ich dorthin auf und 

fand unter den vielen, wegen ihres hohen Alters schon angefaulten 
Pfählen, die sämmtlich riesige Dimensionen und mehr als 50 Fuss 
Höhe hatten, einige, welche allenfalls für meine Zwecke brauchbar 
waren. Als wir, um über den Ankauf zu unterhandeln, wieder 
nach Masset zurückgingen, führte uns der Weg an einem anderen, 
sehr gut erhaltenen Pfahl vorbei, den ich schon auf dem Hin- 
marsche bewundert hatte, der aber nicht verkäuflich gewesen war. 
Inzwischen hatte sich die Ansicht des Besitzers, eines kleinen 
Häuptlings Namens Stilta, der dort den Namen Capt Jimm 
fuhrt, geändert, und er erklärte sich bereit, mir den Pfahl zu 
verkaufen. Wir wurden bald handelseins und es wurde abge- 
macht, dass der Pfahl mit Hrn. Mackenzie' s Hilfe an Bord 
des nächsten fälligen Dampfers geschafft werden sollte. Um es 
gleich vorweg zu erzählen, so geschah dies, wie beschlossen war, 



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40 - 

und der Pfahl gelangte unverletzt ins Berliner Museum, dessen 
grösstes Schaustück aus Amerika er gegenwärtig ist Capt. Jim in 
ist ein sehr intelligenter junger Mann, welcher im Sommer 1881 
der Führer der beiden obengenannten Goldminer gewesen war und 
bei einem seiner früheren Streifzüge im Innern der Insel die inter- 
essante naturwissenschaftliehe Entdeckung gemacht hatte, dass dort 
auch Rennthiere vorkommen. Er hatte damals einige dieser Thiere ge- 
schossen, deren Felle und Geweih ich selbst später in Victoria sah. 
Der Umstand, dass Capt. Jimm zum Christenthum übergetreten 
war und sich bereits sehr an den Umgang mit Weissen gewöhnt 
hatte, trug wohl wesentlich dazu bei, dass er sich dieses Pfahles 
entäusserte. Capt. Jimm war auch der erste Haida-Indianer, wel- 
cher seit mehreren Menschenaltern die Westküste besucht hatte; 
der Verkelir nach jener Region war seitens der Eingeborenen der 
Ostküste längst gänzlich unterbrochen, weil die Sage ging, dass 
dort ein Volk von Riesen wohne, welches jeden Fremden tödte, 
der zu ihm hinkommt 

Es ist vielleicht am Platze, Einiges, was ich über die Er- 
richtung der Hauswap penpfähle bei den Haida erkundet, hier 
anzuführen: Die Haida sowohl, wie sämmtliche Küsteuindiauer 
glauben, dass einstmals eine grosse Fluth über die Erde ging, 
und dass nur wenig Menschen die Katastrophe überlebten. Eiuer 
der Erretteten, ein alter Haida, war der Sage nach eines Tages 
damit beschäftigt, an der Ostküste der Königin Charlotte-Inseln 
zwischen Skidcgate und Masset Seeigel zu sammeln. Es war ein 
klarer Tag, der indianische „Vater Noah" paddelte gemüthlich in 
seinem Canoe längs der Küste, indem er unverwandt in das durch- 
sichtige Wasser blickte und dann und wann einen Seeigel auf- 
nahm. Plötzlich aber erblickte er in der Tiefe des Wassers ein 
ganzes Dorf und ausserhalb jedes Hauses desselben standen die 
schönsten geschnitzten Pfähle, deren einige so hoch waren, dass ' 
sie beinahe die Oberfläche des Meeres berührten. Vergnügt pad- 
delte „Noah" nach Hause, machte sich einen gleichen Pfahl und 
seitdem hatten die Haida wieder ihre Pfähle. 

Wenn bei den Haida Jemand heutzutage den Entschluss 
fasst, einen Hauswappenpfahl zu errichten, so betheiligt sich an 



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— 41 — 



'««>! 



der Ausführung fast die ganze Dorfgenossenschaft, was in tech- 
nischer Beziehung gar keine Schwierigkeiten macht, da ja beinahe 
jeder Indianer ein Künstler im Holzbildhauen ist. Der Geschick- 
teste und Erfahrenste von Allen erhält die Ober- 
aufsicht über die ganze Arbeit, welche oft den Zeit- 
raum von mehreren Jahren in Anspruch nimmt. 
Dieser Meister wählt zunächst unter den Riesen 
des Waldes denjenigen aus, der ihm für den vor- 
liegenden Zweck geeignet erscheint Man benutzt 
nicht eine ganze Ceder, sondern nur das Stamm- 
ende bis höchstens in Höhe von 90 — 100 Fuss, 
wovon das untere Ende von etwa 10 Fuss unbe- 
arbeitet bleibt, da es späterhin in die Erde kommt. 
Hierauf wird in der ganzen Länge des Baumes ein 
Parallelstreifen von etwa 4 — 8 Fuss Breite ange- 
zeichnet, welcher den dritten oder vierten Theil 
des ganzen Umfanges einnimmt. Diesen Parallel- 
streifen arbeitet man etwa fussdick aus dem Baum 
heraus, so dass er eine eylinderformige Holz-Mulde 
bildet. Alles übrige Holz des Baumes wird ver- 
worfen. Nunmehr wird die Aussenfläche des Halb- 
cylinders durch Querstriche in einzelne Abtheilungen 
getheilt, deren jede für eine der Hauptfiguren be- 
stimmt ist. Der Oberkünstler vertheilt diese Ab- 
theilungen an diejenigen Künstler im Dorfe, welche 
vom Erbauer des Pfahles eingeladen sind, sich an 
der Arbeit zu betheiligen. Jedem wird nach dem 
einheitlichen Plaue des Meisters sein Rayon über- 
tragen und zugleich angegeben, welche Figur er her- 
zustellen hat, wobei indessen der Oberküustler die 
Hauptarbeiten selber ausführt. 

Nunmehr wird die Ausarbeitung des Reliefs 
in Arbeit genommen; viele fleissige Hände rühren 
sich und unter dem unablässigen Geklopf der ein- 

° # r Modell ein«* Haus- 

fachen Werkzeuge — die Indianer- Handäxte und »»pptnplkhtai der 

* Haida. 

ein Paar Stemmeisen ist Alles, was diese Künstler 



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42 



benutzen — entsteht jene scheinbar so bizarre Composition von 
menschlichen und thierischen Figuren. Wenn der Pfahl nach 
längerer Zeit fertig ist, werden die benachbarten und befreundeten 
Btammesgenossen zu einem grossen Feste eingeladen. Der Pfahl 
wird auf Rollen gelegt und feste Taue um ihn gespannt. Alsdann 
grabt man da, wo er aufgestellt werden soll, ein 4 — 6 Ellen tiefes 
Loch in die Erde und mit Hilfe aller Anwesenden, der Männer, 
Frauen und Kinder' wird der Pfahl in die Höhe gezogen, indem 
man sein oberes Ende durch Böcke und Stangen unterstützt und 
allmählich höher und höher hebt. Sobald der Pfahl steht, beginnt 
das Fest. Alle Diejenigen, welche an dem Pfahle mitgearbeitet 
haben, werden mit Blaukets (wollenen Decken) belohnt; auch die 
eingeladenen befreundeten Stämme werden beschenkt Auf diese 
Weise kostet die Errichtung eines Pfahles dem Eigenthümer meist 
zwischen 600—1600 Blankets, d. h. die Arbeit und Ersparniss 
vieler Jahre. Natürlich legt sich ein solcher Mann dann auch den 
Rang eines Häuptlings bei. 

Auf meine Bitten sandte mir Hr. Macken zie aus Masset ein 
Jahr später eine Beschreibung des von mir gekauften Pfahles: 
„Solch ein Pfahl, als Sie bekommen haben, heisst in der Haida- 
sprache Kee-aug, d. h. geschnitzter Hauswappenpfahl. Dies ist 
die Bezeichnung eines Pfahles im Allgemeinen, aber jeder Pfahl 
hat ausserdem auch noch einen individuellen und unterscheidenden 
Namen. Der Name des für das Berliner Museum gekauften Pfahles 
heisst „Qwee-tilk-keh-tzoo", d. h. ein Seher oder Wächter für die 
Kommenden oder ein Gesichtspunkt und Merkzeichen für Diejenigen, 
welche sich nähern. Welche Bedeutung die richtige ist, kann ich 
wirklich nicht sagen, da meine Kenntniss der Haida-Sprache nur 
eine geringe ist. Der Pfahl wurde vor sechs Jahren auf der Stelle 
errichtet, wo Sie ihn gesehen haben, und zwar von einem Haida- 
Häuptling, Namens Stilta, als derselbe den Entschluss fasste, ein 
neues Haus zu erbauen. Dieses Ereigniss wurde wie gewöhnlich, 
durch eine grosse Vertheilung von Eigenthum, seitens des Stilta, 
ausgezeichnet. Hunderte von Blankets und andere werthvolle Dinge 
wurden an alle geschenkt, welche an dem Feste selbst Theil ge- 
nommen hatten. Stilta stand unter dem Schutze der Adler-Gott- 



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- 44 — 



heit und nach ihren dortigen Gebräuchen gehörten alle Diejenigen, 
welche Geschenke empfingen, anderen Hausgöttern an. Die Mit- 
glieder der Adler-Gemeinde erhielten keine Geschenke. Nicht lange 
nach Errichtung des Pfahles wurde Stilta krank und starb bevor 
sein Haus erbaut war. Sein Bruder, von welchem Sie den Pfahl 
gekauft haben, folgte ihm in seiner Stellung (als Häuptling) und 
nahm seinen Namen an. Zugleich errichtete er einen anderen 
Pfahl zum Andenken an den Tod seines Bruders und an seine 
eigene Besitznahme der Stelle desselben. Bei dieser Gelegenheit 
wurde ein grosses Fest gefeiert und sowohl an die Festtheilnehmer 
Lebensmittel, wie an die Verfertiger des Pfahles Blankets vertheilt. 
Es muss hier bemerkt werden, dass ein Begräbnisspfahl anders 
aussieht, als ein Hauswappenpfahl. Die Schnitzerei am Fusse 
des Pfahles repräsentirt den Walfisch, welcher übernatürliche Unter- 
haltungen mit dem indianischen Medizinmann hat. Der Name des 
Wal in der Haidasprache ist Qw-oon. Oberhalb des Walfisches ist 
eine Haida -Medizinfrau dargestellt (in Haidasprache: Sah-gah). 
Diese Embleme wurden geschnitzt von Edensaw, Oberhäuptling 
des nördlichsten Theiles der Insel, der noch heute in Mauset an- 
sässig ist. Das oberhalb des Wales befindliche Medizinweib pflegte 
den Indianern dieses Stammes vorherzusagen, wenn ein Wal an 
der Nordküste stranden würde. Es war dies möglich durch Zulas- 
sung ihres Helfershelfers, des obengenannten Walfisches. Hierdurch 
besass dieselbe eine Macht, andere Walfische in flaches Wasser zu 
treiben." Mit dieser Darstellung des Hr. Mackenzie ist nur die 
untere G nippe der figürlichen Darstellungen des betreffenden Pfahles 
erklärt; es befinden sich darüber einschliesslich des die Spitze der 
Säule einnehmenden Adlers noch sieben bis acht Skulpturen, in 
denen sich die Figur des indianischen Medizinmannes und des Wal- 
fisches wiederholt. Es muss späteren wissenschaftlichen Unter- 
suchungen vorbehalten bleiben, eine genügende Erklärung des ganzen 
Pfahles zu geben. 

Nachdem ich meine übrigen Einkäufe in Masset erledigt hatte, 
ging ich an Bord. Die Ebbe und Fluth strömt hier mit so grosser 
Heftigkeit, wie icli dies annähernd nur in meiner nord-norwegischen 
Heimath gesehen habe. Wir hatten daher harte Arbeit, bevor wir 



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45 



zum Schiffe kamen. Am frühen Morgen des 7. October verliessen 
wir Masset und zugleich den Königin Charlotte- Archipel und fuhren 
in nordöstlicher Richtung wieder nach dem Festlande von British- 
Columbien. Ich war sehr gespannt auf den Anblick von Fort Simp- 
son, welches das grösste Dorf der Tschimsian- Indianer ist; selten 
aber bin ich in meinem Lieben so sehr enttäuscht worden, als in 
dem Augenblicke, in welchem ich diesen Ort zu sehen bekam. An 
Stelle der hohen stattlichen Pfähle, die „dem Kommenden ein 
Wahrzeichen" emporragten, erblickte das Auge nichts als moderne 
nach europäischer Bauart angelegte Häuser mit kleinen Vorgärten, 
und den Hauptmittelpunkt des regelmässig angelegten Strassen- 
netzes bildete eine schöne grosse gothische Kirche. Solchen segens- 
reichen Erfolg hat die zehnjährige Thätigkeit der Methodistenmissio n 
hervorgebracht. So war Fort Simpson das erste Indianerdorf, in 
welchem ich Nichts kaufte, weil eben nichts zu haben war. Der 
dortige Missionär Hr. Crosbye begrüsste mich sehr freundlich; 
er kam zu uns an Bord, um mit seiner Familie nach Victoria zu 

reisen; vorher jedoch hatten wir, Graf S und ich, Gelegenheit 

seine kleine Sammlung von Tschimsian -Ethnologicis anzusehen. 
Fort Simpson hat gegen 900 Einwohner, von denen aber selten 
mehr als der dritte Theil zu Hause ist, während die Übrigen auf Jagd, 
Fischerei oder in den südlichen Staaten Arbeit suchend, unterwegs 
sind. Nach mehrstündigem Aufenthalte wandte sich der Dampfer 
„Otter" nach Süden, dem Heimathshafen Victoria zu; für mich eine 
günstige Gelegenheit, um nach dem nördlichen Theile von Van- 
couver zu gelangen. Vorher jedoch machten wir noch zweimal Halt; 
einmal an einer Cannerie, Namens Iuvernes am Skeena-Fluss, das 
andere Mal bei den Bella-Bella. Um 12 Uhr Mitternachts lan- 
deten wir an Fort Rupert auf Vancouver. 



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IV. 



Die Insel Vancouver. Fort Rupert als Centraistation für meine Ausflöge. Herr 
Hundt. Georg Hundt, ein Halbblutindianer. Tanz von Indianermadehen. 
Erste Excursion. Geographische Trennung als Ursache ethnographischer Ver- 
einigung. Die Hainetze, d. h. Menschenfresser. Die gute alte H am etzen Herrlich- 
keit. Moderner Kannibalismus. Vorbereitung und Kasteiung der Hametze. Ein 
Ueberfall aus dem Walde. Das gedungene Opfer. Vorrechte der Hametze. . 
Kannibalenraahle jetzt und früher. Ein Kanonenboot als Rächer. Das Indianer- 
dorf Nooette. Wiederum in Allertbay. Das Indianerdorf Mamelellika und seine 
bösartigen Einwohner. Ein verschlagener Sandwichsin6ulaner. Wilde Tänze in 
Mamelellika. Das Schiff wird ein Verkaufsladen. Diebe und Räuber. Revolver- 
logik. Die Queka- Indianer oder Kopfabschneider im Dorfe Klawitsches. Ein 
Erbfest. Ein sterbender Greis. Indianische Rednertalente. Die Tanztrommel 
als Kochtopf. Zwei gekochte Seehunde. Grosse Portionen. Eine überraschte 
Waschbärenfamilie. Zurück nach Fort Rupert. Fusstour durch den Urwald 
nach Koskimo. Ein indianischer Fusssteig. Balancirkünste auf verfaulten Baum- 
stämmen. Ein Kopfsprung in den Morast. Ein kaltes Nachtlager. Im Canoe 
nach Koskimo. Kraniologisches Rassenstudium auf einem alten Indianerkirch- 
hof. Künstlich entstellter Menschenschädel. Die Langköpfe, Longheads. Das 
Indianerdorf Koskimo. Der alte Häuptling Negetze. Negetze's Schwieger- 
tochter. Atteste von Reisenden. Meine Gönnerin mit dem Zuckerhutschädel. 
Fahrt nach -Quataino. Kleidungsstücke sind Luxus. Das weisse Wunderthier. Gute 
Einkänfe. Hoher Seegang. ,,Jung Negetze". Raum ist in der kleinsten Hütte. 
Rückmarsch mit Gepäck durch den Urwald. Der alte Indianeragent Blanken- 

shop. Rückfahrt nach Victoria. 

Der Schauplatz meiner nächsten Thätigkeit war die lang- 
gestreckte Insel Vancouver und das, der nördlichen Hälfte gegen- 
über gelegene Insel- und Fjordgebiet des Festlandes, ein in ethno- 
logischer Beziehung ausgezeichnetes Terrain. Hätte mir Jemand 
vorher gesagt, was ich alles in dieser Region erleben und wie 
lange ich mich hier noch aufhalten würde, ich hätte es nimmer- 
mehr geglaubt. Fort Rupert bot sich mir wegen des daselbst be- 
findlichen Handelspostens der Hudsons-Bay-Company als eine Art 
Centralstatiou dar, von welcher aus diverse Exemtionen mit Vor- 
theil für meine Pläne unternommen werden konnten. Der dortige 
Verwalter, Hr. Hundt, wurde schnell mein Freund und Ver- 
trauter; an ihm und seiner Familie hatte ich dauernd eine nach- 
haltige Stütze. Er vermiethete mir für ein Billiges seine Schaluppe 



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47 



und gab mir seinen Sohn Georg, einen etwa 26jährigen Halb- 
blutindianer mit, da derselbe so vollkommen mit den Sitten und 
Gebräuchen der umwohnenden Indianer vertraut ist, als wäre er 
selber ein Indianer, und ausserdem nicht nur Englisch, sondern 
auch das „Fort Rupert -Indianisch", oder wie es hier genannt 
wird, das „Quakult" geläufig spricht. Der Abend des Ankunfts- 
tages wurde mit Vorbereitungen hingebracht, zugleich Hess FräuL 
Hundt, die Schwester meines neu engagirten Reisegefährten, als 
ich den Wunsch äusserte, Iudianertänze zu sehen, eine Anzahl 
Indianermädchen ihre Tänze im Costüm auffuhren, was einen amü- 
santen Anblick gewährte. 

Am 10. October begann meine erste Excursion, welche den 
Zweck hatte, möglichst viel von denjenigen Indianerorten zu be- 
suchen, in denen der Quakult-Dialekt gesprochen wird. Es ge- 
hören hierzu alle Dörfer der Nordost- und Nordküste von Van- 
couver zwischen Coraox und Quatsino-Sund, ferner alle zwischen 
diesem Küstentheil und dem Festlande von British Columbien 
gelegenen Inseln und die hinter diesen Inseln liegenden Fjord- 
landschaften und Küstenstriche des Festlandes. Dieses Gebiet 
repräsentirt einen jener Punkte der Erdoberfläche, wo geographische 
Trennung mit ethnographischer Vereinigung zusammentrifft. Die 
Hauptbeschäftigung der Bewohner, die Fischerei und Jagd auf 
Seethiere, scheint hier das vermittelnde und verbindende Princip 
gewesen zu sein. Die Einwohnerschaft gehört hier, und noch mehr 
auf der fast total unbekannten "Westküste von Vaucouver zu den 
wildesten und rohesten Menschen, die unsere Erde zur Zeit noch 
trägt. Hier hat sich aus alter Vergangenheit noch eine Anzahl 
von Formen erhalten, deren als Mord, Kannibalismus und andere 
Grausamkeiten auftretende Kundgebungen nur durch das ener- 
gische Auftreten der englischen Kanonenboote darniedergehalten 
werden. Die Quakult-Indianer haben unter sich eine Reihe socialer 
Rangstufen, deren bedeutendste die der sogenannten „Hametze", 
d. h. Menschenfresser ist. Diejenigen, welche zu dieser Kaste ge- 
hören, bezeichnen sich mit Stolz als Hametze und geniessen als 
solche hohe Ehren bei den übrigen Stamraesgenossen. Freilich 
ist für sie auch die gute alte Zeit vorüber, in der sie die Sclaven 



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— 48 



oder Kriegsgefangenen schlachten und verzehren durften, ohne dass 
Jemand sie daran hinderte; aber sie haben Mittel und Wege ge- 
funden, sich auf andere, fast mochte man sagen, grässlichere Weise 
zu entschädigen. Heutzutage verspeisen sie nämlich bei ihren 
grossen Festlichkeiten menschliche Leichen, und zwar — so un- 
glaublich es klingt — nicht etwa die Leichen jüngst Verstorbener, 
sondern solcher Leute, welche bereits 1 — 2 Jahre todt sind. 

Man darf jedoch den Kannibalismus in diesem Falle — wie 
auch in den meisten anderen auf Erden vorkommenden — nicht 
etwa als einen Akt der Befriedigung des Geschmacksbedürfhisses 
oder als eine Stillung der Begierde nach der dem menschlichen 
Körper so zuträglichen Fleischuahrung auffassen, denn die Qua- 
kult-Indianer sind bereits aus Notwendigkeit Carnivoren, da ihnen 
das Meer die wohlschmeckenden Seehunde, Fische, Muscheln und 
Tintenfische, sowie Seevögel aller Art als wohlbesetzten Speisetisch 
darbietet, dessen Bestandtheile nahrhafter als die irgend einem anderen 
Volke auf Erden zur Verfügung stehenden sind. Menschenfleisch 
zu essen gilt bei den Quakult-Indianern vielmehr als ein besonderes 
und ausgezeichnetes Vorrecht, das nur solchen hervorragenden Per- 
sonen eingeräumt wird, welche eine Reihe der schwierigsten Vor- 
bereitungen und Kasteiungeu durchgemacht haben. Ein aus ge- 
wöhnlichem Geschlecht stammender Indianer wird von vornherein 
gar nicht zugelassen, man muss schon der Abkömmling eines Häupt- 
lings oder eines anderen berühmten Mannes sein, um als „Hametze" 
eingeweiht zu werden. Die Vorbereitungszeit dauert vier Jahre 
und erhält der Novize als besonderes und ehrendes Abzeichen ein 
aus Cederbast gefertigtes Band, welches er über der linken Schulter 
und unter dem rechten Arm während jeuer Periode trägt. Wäh- 
rend der letzten vier Monate dieser Lehrzeit verlassen die künf- 
tigen Hametze ihr Haus und ihre Familie, um in stiller Wald- 
einsamkeit und unter körperlichen Entbehrungen sich zur letzten 
grossen Ceremonie vorzubereiten. Sie sind dann schon in den 
Augen der übrigen Ortsinsassen Wesen höherer Art und mit leisem 
Schauern geht ihnen jeder aus dem Weg, der im Gebüsch den 
Ton ihrer Flöten und Pfeifen hört, mit dem sie namentlich Mor- 
gens ihre Anwesenheit in unmittelbarer Nähe des Dorfes kund- 



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— 49 -■ 



geben. Endlich ist der Moment gekommen, wo sie Hametze in 
des Wortes ganzer Bedeutung werden sollen. Zu diesem Zwecke 
ist es nöthig, dass sie, zwar nicht Menschenfleisch, sondern nur 
Menschenblut vorher genossen haben. Der Act, wie dies geschieht, 
ist ganz charakteristisch: Der künftige Hametze springt eines Tages 
plötzlich aus dem Walde hervor, mitten in das Dorf hinein, stürzt 
sich auf einen der Anwesenden und beisst ihn in den Arm oder 
ins Bein, indem er zugleich etwas Blut aussaugt. Damit ist die 
Sache beendet. 

Natürlicher Weise würde sich Niemand ohne Weiteres ge- 
fallen lassen, dass er gebissen wird; in Folge dessen wird der 
Schlussact stets unter dem Einverstandniss beider Theile auf- 
geführt, d. h. der Hametze hat dem Gebissenen vorher so und so 
viele wollene Decken, oft bis zu 40 Stück dafür bezahlt, dass 
letzterer sich die Prozedur gefallen lässt Ich habe verschiedene 
Personen gesehen, welche auf diese Weise gebissen worden sind, 
sie versicherten mir, und die sehr kleinen Narben bestätigten dies, 
dass die Bisse durchaus nicht besonders schmerzhaft seien; die 
Hametze nähmen wenig mehr als ein Stückchen Haut mit den 
Zähnen weg und verständen es, an der betreffenden Stelle so schnell 
und geschickt zu saugen, dass sie schon nach wenigen Augen- 
blicken den Mund voll Blut hätten. Wie man also sieht, ist von 
jenem culturellen Weiheact nur noch die Andeutung der Ceremonie 
übrig geblieben. 

Die Hametze geniessen nach jeder Richtung hin besondere 
Vorrechte. Ihre Tanzmasken, ihre Rasseln, ihre Kopf-, Hals-, 
Fuss- und Armringe sind besonders schon construirt und orna- 
mentirt. Wenn ein Hametze an einem grossen allgemeinen Tanz- 
feste theilnehmen soll, so sind vier Häuptlinge nöthig, welche ihn 
viermal hinter einander einladen müssen, ehe er sein Erscheinen 
zusagt. Durch Hunger und Abgeschlossenheit in der dunkelsten 
Ecke des Hauses bereitet sich der Menschenfresser alsdann für 
das Fest vor, denn der Cultus schreibt es vor, dass ein Hametze 
blass und hager aussehe. Wenn er zu der Festlichkeit geht, so 
legt er erst vorher seinen gesammten Staat au. Hierauf verlässt 
er, unter Vorantritt der vier Häuptlinge sein Haus, und, mit 

A. Woldt, Capitata Jncobsen's Reise. 4 



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50 



äusserster Langsamkeit einen Fuss vor den anderen setzend, ge- 
braucht er einige »Stunden, um auf der Dorfstrasse zu dem viel- 
leicht höchstens hundert Schritt entfernten Hause, wohin er ein- 
geladen ist, zu gelangeu. Diese groteske Schnecken prozession 
macht auf die übrigen Indianer einen tiefernsten Eindruck; die 
jungen Leute, welche dem Hametzen unterwegs begegnen, bleiben 
elirfurchtsvoll mit gesenktem Haupte regungslos stehen, bis er mit 
der Langsamkeit eines Stundenzeigers an ihnen vorüber gelangt 
ist. Auch auf dem Feste bilden die Hainetze den Gegenstand 
allgemeiner Aufmerksamkeit und Hochachtung; sie selbst fühlen 
sich auch im Bewusstaein der überstandenen, selbst auferlegten 
Qualen gewissennassen als Wesen höherer Gattung und lassen 
sich ruhig feiern. 

Mit dem Trinken einer kleinen Quantität Menschenblut hat ein 
Hametze indessen noch nicht den höchsten Grad seiner Würde erreicht, 
denn er hat ja noch kein „Menschenfleisch gegessen". Die Cerc- 
moaie, bei welcher dies geschieht, wird unter den Hametzen allein 
in tiefster Einsamkeit gefeiert und es erhält jeder Hametze für 
die Betheiligung an einem solchen Kannibalenmahl das Recht, an 
seiner Maske einen aus Holz geschnitzten Menschenschädel zu be- 
festigen. Ich sah Hametze, welche nicht weniger als acht solcher 
Schädel an ihrer Maske trugen. Wenn die Leiche, von der diese Leute 
einige Bissen zu sich nehmen, genügend alt und mumifizirt ist, so 
soll der Genuss unschädlich sein, dagegen ist es wiederholt vor- 
gekommen, dass beim Genüsse vom Fleische noch verhältnissmässig 
frischer Cadaver einige Hametze durch Blutvergiftung ihr Ende 
gefunden haben. 

Vor kaum mehr als zwanzig Jahren waren die Verhältnisse 
noch anders. Fort Rupert, welches 1830 von einem gewissen 
Blankenshop, der jetzt Indianer-Agent ist, für die Hundsons- 
Bay- Company angelegt worden war, hatte im ersten Menschen- 
alter seines Bestehens einen schweren Stand gegen die umwohnen- 
den Indianer, welche damals noch sehr zahlreich und kriegerisch 
waren. Es war Sitte bei diesen Eingebornen, deren allein bei Fort 
Rupert etwa Tausend wohnten, grosse Kriegszüge zu unternehmen, 
viele Sclaven einzufangen und letzteren die Köpfe abzuschneideu. 



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51 - 



Noch jetzt kann man in jener Gegend viele Skalpe von Menschen 
finden. Die Macht der Indianer war damals noch so gross, dass 
dieselben den weissen Leuten viel zu schaffen machten und sogar 
einstmals das Fort belagerten. Indessen die Hudsons-Bay-Com- 
pany, welche überall das Bestreben zeigt, mit der Bevölkerung 
in gutem Einvernehmen zu stehen, schloss mit ihnen bald Frieden. 
Aber die Kämpfe der Indianer unter einander hörten darum nicht 
auf und hierbei spielten die Hametze eine grosse Rolle. Noch im 
Jahre 1859 oder 1860 sah der obengenannte Hr. Hundt es mit 
eigenen Augen an, dass ein von den Fort-Rupert-Indianern gefange- 
ner Sclave bei Gelegenheit eines grossen Festes an einen Pfahl ge- 
bunden und ihm der Leib aufgeschnitten wurde, worauf die Ha- 
metze ihre Hände mit dem hervorströmendeu Blut füllten und 
letzteres tranken. Wahrscheinlich wurde der Sclave nachher gänz- 
lich verzehrt. Zu jener Zeit aber war die am Südende von Van- 
couver gelegene Stadt Victoria bereits so mächtig, dass der Gou- 
verneur derselben, als er die schreckliche Affaire erfuhr, ein 
Kauonenboot nach Fort Rupert schickte, um die Indianer zu be- 
strafen. Diese jedoch, im Gefühl ihrer Stärke, leisteten Wider- 
stand, was zur Folge hatte, dass ihre sämmtlichen Häuser ver- 
nichtet und alle ihre Canoes verbrannt wurden. Die Indianer selbst 
flüchteten in den nahen Urwald, wie sie es stets bei solchen Ge- 
legenheiten thun. Nachdem das Kanonenboot sich entfernt hatte, 
kamen die Eingeborenen allmählich wieder zum Vorschein, aber 
das Gefühl ihrer Ueberlegenheit war verloren und so wanderte 
der grössere Teil von ihnen nach einigen Fjorden des gegenüber- 
liegenden Festlandes von British Columbien aus, während der 
Rest, etwa 250—300 Köpfe stark, das zerstörte Dorf wieder auf- 
baute. Seitdem fristen sie, faul und träge, frech und unverschämt 
gegen Fremde, ein bescheideneres Dasein als früher zur Zeit der 
blutigen Hametzenherrlichkeit. 

Unser erster Ausflug mit der Schaluppe war nach dem In- 
dianerdorf Nooette auf Hope Island, einer kleinen Insel nördlich 
von Vancouver, gerichtet. Hier blüht noch das alte Indianerthum 
in fast völliger Unberührtheit, weshalb die Leute auch nicht ge- 
neigt waren, mir ihre Tanzmasken, Rasseln etc. zu verkaufen. 

4* 



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52 

Nur der grossen Ueberredungskunst meines Dolmetschers Georg 
Hundt, welcher bei allen Indianern weit herum sehr angesehen 
ist, gelang es, den Häuptling zu veranlassen, mir gegen gute Be- 
zahlung eine Anzahl vortrefflicher ethnologischer Gegenstände zu 
verkaufen. Nach mehrstündigem Aufenthalte fuhren wir wieder 
ab, um uns nach dem tief in das Festland von British Colum- 
bien sich erstreckenden Knights Inlet zu begeben. Auf dem 
Wege dorthin mussten wir wieder an Fort Rupert vorüberfahren 
und gelangten am nächsten Tage nach Allert Bav, wo ich, wie 
am Schlüsse des ersten Capitels erzahlt ist, bereits auf der Hin- 
reise mit Unterstützung des Hrn. Cunningham Einkäufe gemacht 
hatte. Es war jetzt nur noch eine kurze Nachlese zu halten, auch 
musste ich für Alles theure Preise bezahlen. In unmittelbarer 
Nähe dieses Indianerdorfes befindet sich ein alter Begräbnissplatz 
der Eingeborenen, zu dem ich mir unter Schwierigkeiten den Weg 
durch das dichte Buschwerk und Gestrüpp bahnte. Die kleinen 
Begräbnisskisten oder Begräbnisshäuser, welche auf Pfählen ül)er 
der Erde stehen, waren sämmtlich fest vernagelt. Dies war nicht 
der einzige Grund, dass ich keine fi'ir das anatomische Rasseu- 
studium werthvollen menschlichen Ueberreste daselbst mitnehmen 
konnte. Fast die ganze Einwohnerschaft hatte mir, vielleicht 
ahnend, dass ich auf Leichenraub ausgehen möchte, das Geleit 
bis mitten ins Dickicht gegeben. 

Bald darauf segelten Mir weiter unserem Ziele zu, konnten 
indessen Knights Inlet noch nicht erreichen, sondern blieben die 
Nacht über in Beaver Cove auf Vancouver vor Anker liegen. 
Am anderen Morgen wurde alsdann die Ueberfahrt über die 
Meerengo nach dem Eingange des oben erwähnten Fjordes aus- 
geführt und dort Nachmittags das Indianerdorf Mamelellika er- 
reicht. Es lebt hier eine bösartige Einwohnerschaft, welche erst 
vor Kurzem den Versuch gemacht hatte, einen Handelsschoouer 
auszuplündern, aber mit blutigen Köpfen von der gut bewaffneten 
Mannschaft heimgeschickt worden war. So oft bis jetzt weisse 
Leute den Versuch gemacht hatten, in Mamelellika Aufenthalt 
zu nehmen, war dies durch das Vorgehen der Einwohner vereitelt 
worden. Es hatte früher Jemand einen Verkaufsladen daselbst 



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I 



— 53 - 



errichtet, aber letzterer wurde bald ausgeplündert und der Eigen- 
tümer in die Flucht gejagt. Zur Strafe wurde dann das Dorf 
durch ein Kanonenboot bombardirt und abgebrannt, war aber 
wieder aufgebaut worden. Auch ein katholischer Missionär hatte 
versucht, die Leute zu bekehren, aber auch er musste sein Vor- 
haben aufgeben. Der einzige Fremde, den sie gegenwärtig in der 
Nähe ihrer Ortschaft dulden, ist ein ehemaliger Bewohner der 
Sandwichsinsem, der als Matrose von einem Schiffe deäertirt und 
hierher verschlagen ist. 

Mein Dolmetscher schilderte mir die Bewohner von Mame- 
lellika als die grössten Diebe, was ich später vollauf bestätigt 
fand. Wir ankerten am Dorfe und gingen ans Land, um Einkäufe 
zu machen. Wider Erwarten war der erste Empfang ganz gut 
und ich erwarb einige Gegenstände, deren Werth jedoch in Bezug 
auf Originalität nicht besonders gross zu sein schien, da diese 
Indianer, wie mir Georg Hundt erzählte, ihre derartigen Ge- 
brauchsgegenstände bei den Fort -Rupert- und Nooette-Indianern 
erst einkaufen müssen. Ich ersuchte den Häuptling von Mame- 
lellika, dass er ein Tanzfest geben möchte, da ich sehr von dem 
Wunsche beseelt war, die Leute einen ihrer wilden malerischen 
Tänze auffuhren zu scheu. Aber jener machte mir begreiflich, 
dass gegenwärtig, Mitte October, die alljährliche winterliche Tauz- 
saison, au der alle Indianer festhalten, noch nicht gekommen sei. 
Wenn er vor der gesctzmässigen Zeit tanzen Hesse, so würden 
die Bewohner der Nachbardörfer, sobald sie davon hörten, böse 
werden und möglicherweise einen Krieg beginnen. Der nächst 
dem Häuptling angesehenste Mann von Mamelellika war jedoch 
anderer Meinung und sagte mir, dass er vor einem Kriege gar 
keine Angst habe. Er wäre gern bereit, durch seine jungen Leute 
einen Tanz auffuhren zu lassen, wenn ich denselben dafür nur 
etwas Tabak schenken wollte. 

Dieses Geschäft kam zu Stande. Zunächst wurde das Haus 
so gut wie möglich klar gemacht und in der Mitte ein grosses 
Feuer angezündet. Ich Hess einige von den Masken, welche ich 
in Nooette gekauft hatte, herbeiholen und der Tanz begann. Man 
führte jedoch keine Wintertänze auf, bei denen sich ein grösserer 



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54 



Kreis von Mitwirkenden vereinigt, sondern Sominertanze, bei denen 
fast nur einzelne Personen auftreten. An der Hinterfrontwand des 
Hauses wurde die grosse hölzerne Trommel aufgestellt, und der 
Gesangleiter — deren jedes Dorf einen besitzt — placirte sich 
mit seinem bemalten Holzstabe daneben. Dann schlug er auf die 
Trommel, die einer gewöhnlichen bemalten viereckigen Kiste, an 
der der Deckel fehlt, glich, und stimmte gleichzeitig den Gesang 
an. Alle jungen Leute, die rings herum placirt waren, stimmten 
ein und schlugen gleichzeitig den Takt auf einem Holzbrett. Es 
machte den Eindruck, als ob Jeder bemüht war, so viel Lärm 
als möglich zu machen. Die au den Wänden befindlichen spinden- 
artigen Abtheilungen — für gewöhnlich die Schlafstätte einer 




l. Alto Kri«-s*keulo dor Tstliini-iiin-Iniliaucr. 1 (n-rixh eiuo» ScIbstpelniKir* 

A. Halsritifc « in» Haiuetzen. 

Familie — wurden, wie stets bei Tänzen, als Garderobenzimmer 
benutzt. Da trat denn solch ein Tanzkünstler, nachdem er ge- 
raume Zeit zur Vorbereitung gebraucht, aus der geöffneten Thür 
eines solchen Familienspiudes heraus, und Aller Augen richteten 
sich auf ihn. Seine Schulter war bedeckt mit einer sogenannten 
Nord-Blanket, einer sehr theuren, aus dem Haar der Bergziege 
gearbeiteten Decke, deren Muster zahlreiche Figuren, namentlich 
Gesichter und Augen, kunstvoll eingewebt trug. Auf dem stolz 
und kühn erhobeneu Haupte trug der Tänzer eine Holzmaske, 
die von den Tschimsian- Indianern stammte und mit Muscheln 
eingelegt war. Als besonders werthvoller und vielgesuchter Schmuck 
dieser Maske diente ein auf ihr befindliche.« Arrangement von 
Barthaaren des Seelöwen. Rasch hüpfte der Tänzer nach «lein 
Takte der Musik — wenn man diesen Höllenlärm noch so be- 
zeichnen darf — bis mitten in den freien Raum und tanzte rings 
um das Feuer herum, in der rechten Hand eine geschnitzte 



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55 



hölzerne Rassel schüttelnd, deren Hohlraum, mit kleinen Stein- 
chen erfüllt, laute, castagnettenartige Töne erschallen Hess. Auf 
dem Kopf der Maske sah man auch einen Federaufputz und so 
oft der Tänzer den Kopf schüttelte, flogen Adlerdaunen da- 
von herab wie Schneeflocken. Es war ein wilder Tanz, den er 
riugs um das hell leuchtende Feuer aufführte, während das sehr 
grosse Haus, an den Wänden halb in Dunkel gehüllt, mit Hun- 
derten von Rothhäuten angefüllt war, deren roth und schwarz be- 
malte Gesichter, deren blitzende Augen und lebhafte Bewegungen, 
deren ohrenzerreissendes Heulen und Lärmen so genau zu diesem 
imponirenden Schauspiel passten, dass ich den eigenthümlich gross- 
artigen Anblick nie vergessen werde. Es wurden verschiedene Tänze 
aufgeführt, mitunter mehrere zugleich, auch wurde mit den von 
mir geliehenen Masken getanzt, aber es war mir nicht möglich, 



die Aufführung von Wiutertänzen zu veranlassen. Die Saison 
dieser indianischen Originalfeierlichkeiten begann erst im Januar 
und da ein solches Fest stets die Veranlassung für den Festgeber 
Lst, sich besonders hervorzuthun, durch Geschenke nein Anseilen 
und die Zahl seiner Freunde und Anhänger zu vermehren, so 
achten alle Indianer eifersüchtig darauf, dass Niemand vor der 
bestimmten Zeit mit den Wintertänzen den Anfang macht. Es 
war also die oben mitgetheilte Weigerung des Häuptlings eigent- 
lich vollberechtigt gewesen. So verging der Abend und ein Theil 
der Nacht in jauchzendem Festjubel, und die Tanzgenossen er- 
wiesen uns, nachdem sie den ausbedungenen Tabak erhalten hatten, 
die Ehre, uns bei Beleuchtung von Pechholz-Fackeln zur Scha- 
luppe zu begleiten und in vollem Frieden für die Nacht von uns 
zu scheiden. 

Am anderen Morgen verwandelte sich unser Schiff in einen 
Verkaufsladen. Von allen Seiten strömten die Einwohner von 
Mamelellika herbei und brachten mir, was sie zu verkaufen hatten. 




Oeräth eines Selbstpeinigers. Knight* Inlet, British Columbien. 



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56 — 



hindern. 



Aber dieses gute Einvernehmen dauerte nicht lange, denn die In- 
dianer begannen, zuerst einige Kleinigkeiten und hernach werth- 
volle Gegenstände zu stehlen und wurden zuletzt so dreist, dass 
Hie mir Alle» vor meinen Augen wegnahmen. Leider befanden sich 
unter den geraubten Gegenständen auch zwei jener wundervoll ge- 
schnitzten hölzernen Todtenköpfe, die zum Schmuck einer Hametzeu- 

Maske ge- 
dient hatten. 
Ks wurde mir 
nur zu bald 
klar, dass die 
Wilden, wel- 
■ grossen Über- 
i>ewusst waren, 
hatten, unser 
ms selbst aus- 
V atürlieh wurde 
ich darüber sehr böse, und 
da wir alle gut bewaffnet 
waren, so forderte ich mit 
dem Revolver in der Hand 
<li<- gestohlenen Sachen zu- 
rüek. Die Weiber und Kin- 
der der Indianer fingen an 
zu schreien, -prangen in ihre 
Canoefl und entflohen. Die 
Männer sprangen gleichfalls 
in die Fahrzeuge und ruderten unter Schreien und Toben dem 
nahegelegenen Ufer zu, indem sie laut drohten, dass sie mit allen 
Streitkräften wiederkehren würden. Nunmehr wurde aber mein 
Dolmetscher Georg Hundt ängstlich und lichtete den Anker, 
worauf er unter Segel ging. Das kleine Rencontre hatte weiter 
keine Folgen. Die Indianer tobten zwar gewaltig, aber sie waren 
jetzt machtlos und Hessen uns ungehindert passiren. 

Am nächsten Morgen landeten wir bei den Queka-Indianern. 
Dieser Name bedeutet: „Kopfabschneider", eine Bezeichnung, die 




Zwti H:im<<t/<-ii-T;iiizmuMkea, (1. Kai«! 

und 2. See-UngebMMr.) 



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57 

sich jene Leute ehrlich verdient haben, weil sie früher die Gewohn- 
heit hatten, alle nördlicher wohnenden Indianer, welche in ihren 
Canoes nach Victoria fuhren, in dem schmalen Meeresarm bei der 
Beaver Bay zu überfallen, und ihnen Leben und Eigenthum zu 
rauben. Diese Indianer, welche die grössten Piraten von British- 
Columbien sind, bewohnen das Dorf Klawitsches. Bei unserer An- 
kunft wurde daselbst ein grosses Fest gefeiert, an dem wir uns 
betheiligten. Eine Frau war im Begriff, ihres Vaters und ihrer 
Mutter Eigenthum als Erbtheil zu übernehmen. Es herrscht bei 
den meisten Küstenstämmen der Indianer die Sitte, dass nach dem 
Tode der Eltern die Söhne in absteigender Linie zuerst erben; 
siud solche nicht vorhanden, alsdann die Töchter, falls aber über- 
haupt keine Kinder der Verstorbenen existiren, so wird von dem 
ganzen Stamm einer der nächsten Verwandten als gesetzmässiger 
Erbe gewählt. Der Betreffende ist dann jedoch verpflichtet, ein 
öffentliches Fest zu geben und einen Theil der ererbten Gegen- 
stände zu verschenken. Von diesem Augenblicke an darf Niemand 
mehr den Namen des Verstorbenen nennen, weil, wie sie sagen, der 
überlebende Erbe dadurch nur eine traurige Erinnerung haben 
würde. Wir erhielten gerade in diesem Dorfe einen Beweis der 
Heuchelei, die in der letztgenannten Bemerkung liegt. Die Indianer 
lassen ihre erkrankten oder sterbenden Verwandten durchaus Noth 
leiden und kümmern sich nicht im Geringsten um dieselben. Ich 
sah in Klawitsches während des Festes abseits in einer Ecke einen 
alten sterbenden Greis liegen, dessen wimmernde Klagen von Nie- 
mand gehört wurden und der buchstäblich verhungern und ver- 
dursten musste. So geht es dort allen Kranken, die von den Me- 
dizinmännern aufgegeben worden sind. Diese unwissenden Menschen, 
welche sich für grosse Zauberer halten, sind für die Gesundheit der 
Indianer überhaupt von verderblicherem Einfluss als alle Krank- 
heiten. Man muss ihre rohen Manipulationen mit angesehen haben, 
wenn sie die Körper der Kranken schinden und peinigen oder 
auf dem Magen von Weibern und Mädchen knien, um keimeudes 
Leben zu ersticken! 

Das Fest in Klawitsches wurde ausschliesslich unter der Be- 
theiligung von Männern gefeiert; die wenigen Frauen, welche 



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58 



anwesend waren, bedienten die Gäste. Die Männer Bassen in einem 
grossen Kreise rings um das Feuer und hielten viele und lange 
Reden. Die oft gerühmte Fertigkeit der Indianer, in Versammlungen 
zu sprechen, trat hier voll und ganz zu Tage. Stolz aufgerichtet, 
in kühner Haltung, die wollene Decke so über die Schulter gelegt 
und mit einer Metallnadel festgesteckt, dass der rechte Arm frei bleibt, 
die Stimme bald laut und weithin vernehmbar erliebend, bald leiser 
herab dämpfend, klug und geschickt die Worte auswählend und 
mit lebhafter Gestikulation unterstützend, so steht der Indianer bei 
solchen Versammlungen da und redet den Kreis der Stammes- 
genosseu an. Bei Betheuerungen, besonders feierlicher Natur wird 
auch der rechte Arm benutzt, um eine eideskräftige Versicherung 



2. 




1. Kriegskcule aus Stein mit Holztrift". 2. Stein- 1. Ein Steinhammer zum Holz- 

hammer zum Einrammen v. Pfühlen U'im Fischfang. »palten. 2. Ein Schädelbrccher 

aus Stein. 

abzugeben, aber der Indianer hebt nicht den Finger wie zum Schwur 
• in die Höhe, sondern er ergreift ein Stückchen Holz und wirft 
es zur Bekräftigung seiner Worte auf die Knie. 

Nach Beendigung der Heden wurde ein Festessen bereitet, indem 
zwei fette Seehunde in der grossen hölzernen Trommel gekocht wur- 
den. Es herrscht dort der eigentümliche Gebrauch, die grosse Tanz- 
trommel, möge sie nun aus einer gewöhnlichen viereckigen Kiste, oder 
aus einem geschnitzten hohlen Thierkörper bestehen, bei feierlichen 
Gelegenheiten als Kochtopf zu benutzen. Die Trommel wurde also 
zuerst mit Wasser gefüllt und alsdann glühendheisse Steine hinein- 
geworfen bis das Wasser kochte. Hierauf legte man das Seehunds- 
fleisch hinein und es dauerte gar nicht lange bis dasselbe gar ge- 
kocht war. Vor jedem Festtheilnehmer lag als Untersatz oder Teller 
eine kleine Matte, auf welche die Portionen hingelegt wurden. Der 
Antheil eines Jeden war so gross, dass sich daran eine ganze 



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59 ~ 



Familie hätte sättigen können. Letzteres schien auch der Zweck der 
Gabe zu sein, denn später, nach Beendigung des Festmahles nahm 
Jeder den Rest seiner Mahlzeit sorglich in die Hände und ging damit 
nach Hause. Als Servietten wurden vor jeden Gast lange Stränge 
von Cederbast hingelegt, woran er sich nach dem Essen Mund und 
Hände sorgfaltig abwischte. Alsdann wurde als Tafelgetränk ein 
mit klarem Wasser gelullter Eimer hereingebracht, aus welchem Jeder 
trank. Gewöhnlich besteht die Hauptnahrung bei den Indianern 
aus getrocknetem Fisch, meistens Lachs, der in Oel getaucht wird; 
auch wird getrockneter Heilbutt und Codfisch in Menge verzehrt. 

Es war noch früh am Tage, als ich mit dem Erbschafts-Essen 
und mit den wenigen Einkäufen, welche hier gemacht werden konnten, 
fertig war, weshalb ich unter Führung eines Indianers, den mir der 
Häuptling empfohlen hatte, noch ein wenig auf die Jagd ging. 
Wir paddelten einen schmalen Fjord hinauf und fuhren am Ende 
desselben einen kleinen Fluss eine Strecke stromaufwärts. Unter- 
wegs wurden mehrere Enten erbeutet, während wir im Flussdelta 
eine Familie von fünf Waschbären überraschten, die über unser 
plötzliches Erscheinen so erschrocken waren, dass sie nicht zu ent- 
fliehen vermochten. Ich ergriff eines der Thiere lebendig, worauf 
es der Indianer ins Canoe trug und dort festband; die unglücklichen 
anderen Familienmitglieder aber fielen dem grausamen Jagdeifer als 
Beute. Im frischen Schnee fanden sich auch Spuren vom schwarzen Bär * 
und Wapiti-Hirsch ; es war jedoch schon zu spät, dieselben zu verfolgen. 

Unsere Erkundigungen betreffs der in Knights Inlet wohnen- 
den Indianer hatten leider ein schlechtes Resultat gehabt. Wir 
erfuhren, dass sämmtliche Fjordbewohner in dieser Jahreszeit weit 
landeinwärts auf Jagd und Fischerei gezogen waren, dass also die 
Möglichkeit, ihnen jetzt etwas abzukaufen, abgeschnitten war. So- 
mit musstcn wir uns entschliessen, wieder nach Fort Rupert auf 
Vancouver zurückzukehren, welchen Ort wir glücklich nach nur 
siebentägiger Abwesenheit wieder erreichten. Wir hatten einen vollen 
Tag damit zu thun, die gekauften Gegenstände zu ordnen und die 
von Georg Hundt, der der gründlichste Kenner aller dieser Sachen 
ist, gegebenen Erklärungen aufzuschreiben. In Fort Rupert selbst 
machte ich diesmal nur wenig Einkäufe. 



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60 - 



Am 18. October beschloss ich, eine etwas anstrengende Fuss- 
tour quer durch den Urwald der nördlichen Halbinsel von Vancou- 
ver zu unternehmen und bei dieser Gelegenheit die nächstgelegenen 
Orte der Westküste, Koskimo und Quatsino zu besuchen. Ich en- 
gagirte wieder einen Halbblutindianer als Führer und Dolmetscher 
und brach mit ihm am nächsten Morgen auf'. Die Strecke, welche 
wir zurückzulegen hatten, war etwa 20 englische Meilen lang. Es 
fuhrt durch den Urwald eine Art „Fussweg", wenigstens wird er von 
den Indianern so genannt. Mir war, trotz mancher Erfahrung in 
verschiedenen Welttheilen ein solcher Weg noch gänzlich unbekannt; 
jedenfalls war es der schlechteste, den mein Fuss jemals betreten 
hat. Es ging theils quer über grosse Bäume hinweg, wahre Urwald- 
riesen, welche so dick waren, dass ein erwachsener Mann nicht 
darüber wegsehen konnte, und in welche die Indianer, um sie zu 
überschreiten, von beiden Seiten Stufen eingehauen hatten; theils 
musste man solche Bäume auf der ganzen Länge ihres Stammes 
entlangschreiten, wobei man jeden Augenblick in Gefahr gerieth, 
von der glatten, durch langdauerndeu Regen äusserst schlüpfrig ge- 
wordenen Rinde seitwärts hinab zu stürzen, theils wieder musste 
man an einigen Stelleu unter einem Baume hindurchschlüpfen, wo 
er in gigantischer Krümmung sich hoch über den Erdboden erhob. 
Die Bäume des Urwaldes dienten auch als Brücken über kleine 
• Bäche und Klüfte, sie spannten sich mitunter durch die Luft von 
Hügel zu Hügel als einziges Verbindungsglied dieser Punkte. Die 
Passage war für mich, der ich Schuhe trug, schwieriger, als für 
den Indianer, der sich mit seinen unbekleideten Füssen und den 
beweglichen Zehen viel besser anklammern und festhalten konnte. 
Ich stürmte indessen, da die Richtung des Weges gegeben war, 
in gewohnter Eile vorwärts, um möglichst schnell das Ziel zu er- 
reichen. Je tiefer wir in den Wald hineinkamen, um so dichter 
wurde das Unterholz und um so mächtiger wurden die Cederbäume ; 
mitunter schien es, als ob es gänzlich unmöglich sei, durch dieses 
Meer von rings aufsteigenden grünen Wogen, in denen man zu er- 
sticken drohte, oder über die man hinwegschritt, hindurchzukämpfen. 
Die Zweige und das Dornengestrüpp schlugen mir ununterbrochen 
ins Gesicht und der stark durchweichte Boden war an vielen Stellen 



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61 - 



so sumpfig, dass ich oft bis über die Mitte des Leibes durch 
Schlamm watete. Ungefähr auf der Hälfte des Weges schien die 
Wasserscheide der Halbinsel erreicht zu sein. Sie wurde durch 
ein ausgedehntes Sumpfterrain gebildet Die Bäume standen hier 
weniger dicht und waren bedeutend kleiner. Beim Ueberschreiteu 
des Sumpfes war es uöthig, wie ein Seiltänzer über eine endlose 
Reihe langer dünner Bäume zu gehen, wobei ich mein Gewehr als 
Balancirstange gebrauchte. Mitten im Sumpfe brach plötzlich, wie 
ich längst befürchtet hatte, der dünne verfaulte Baumstamm, auf 
dem ich mich gerade befand und ich fuhr in den schlammigen 
Grund bis über den Kopf hinein. Es war kein kleiner Kampf, sich 
dieser Umhüllung zu entziehen, denn die Flüssigkeit, in der icl» 
steckte, war zum Schwimmen viel zu dick, dagegen, um darauf 
zu stehen oder auch nur hindurchzuwaten, viel zu dünn. Hierzu 
kam noch, dass ich beim Hinabstürzen in den Sumpf mein Gewehr 
hatte fallen lassen. Da mein indianischer Führer sich etwa eine 
englische Meile hinter mir befand, so war von ihm vorläufig wenig 
Hilfe zu erwarten. Ich arbeitete mich vorwärts und erreichte bald 
den nächsten Baumstumpf, auf den es, wenn auch mit nicht geringer 
Mühe, mir gelang hinaufzukommen. Nachdem ich ihn zunächst als 
terra firma unter meinen Füssen hatte, fischte ich mit einem gabel- 
förmigen Zweige mein Gewehr wieder heraus und setzte die Fuss- 
tour über die dünnen Bäume fort bis an das Ende des Sumpfes,* 
wo ich wartete, bis mein Indianer ankam. Es war ein Glück für 
mich, dass ich auf dieser Tour kein Papiergeld bei mir hatte, da 
es sicherlich verdorben wäre. Erst gegen Abend gelangten wir nach 
dem tief ins Land einschneidenden Fjord, au welchem unser nächster 
Bestimmungsort liegt. 

Da ein nicht unbedeutender Frost eintrat und ich noch voll- 
ständig durchnässt und fast steif vor Kälte war, so war es mir 
nicht unlieb, unterwegs an einem kleinen, in den Fjord sich er- 
messenden Flusse eine beim Lachsfang beschäftigte Iudianerfamilie 
anzutreffen, welche uns sehr freundlich aufnahm und uns in ihrer 
provisorischen, aus wenigen Brettern bestehenden Zelthütte ein 
warmes Feuer zum Trocknen meiner Sachen, ein gutes Abendbrod 
und ein nothdürftiges Nachtlager anbot. Ich fror die ganze Nacht 



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62 

hindurch jämmerlich, da ich nur eine einzige wollene Decke be- 
sass, um mich zuzudecken und alle meine Sachen, selbst das 
Hemd, am Feuer trockneten. Am anderen Morgen miethete ich 
ein kleines Canoe und fuhr nach Koskimo. Bevor wir aber dort- 
hin kamen, trafen wir unterwegs eine alte Indianer-Grabstätte. 
Da mein Führer ein Halbblut war und schon mehrere. Jahre 
unter den Weissen gelebt hatte, so machte ich ihm den Vorschlag, 
dass wir die Grabstätte besuchen sollten, um, wenn möglich, einen 
ßchädel für die Wissenschaft zu retten. Mein Gefahrte war da- 
mit einverstanden, weniger aus Gründen des anatomischen Rassen- 
studiums, als weil ich ihm für sein Schweigen und seine Hilfe 
eine klingende Belohnung versprach. Die Schädel hatten für mich 
aus dem Grunde einen besonderen Werth, weil sie künstlich de- 
formirt sind. Die Indianer von Nooette, Koskimo und Quatsino 
pressen die Köpfe ihrer kleinen Kinder, besonders der Mädchen, 
durch eine eigentümliche Art von Binde so fest zusammen, dass 
die Schädel allmählich die Form von Zuckerhüten annehmen. 
Der Druck der Kopfpresse wird oft; so sehr verstärkt, dass den 
armen Säuglingen das Blut aus der Nase tritt Ks gelang uns, 
der Grabstatte zwei solcher Langköpfe, einen männlichen und 
einen weiblichen zu entnehmen. Ich verwahrte diese Funde in 
einem Sack und hatte späterhin in Koskimo grosse Mühe, die 
höchst neugierigen und zudringlichen Indianer, die mich selbst und 
jedes Stück unseres Gepäckes aufs Genaueste untersuchten, davon 
zurückzuhalten. 

Wir kamen im genannten Orte Mittags an und wurden von 
der gesaminten Einwohnerschaft: gut aufgenommen. Ich nahm 
meine Wohnung bei dem alten Häuptling Negetze, der seinen 
Namen nach einen grossen, gerade über dem Dorf befindlichen 
Felsen erhalten hat. Negetze ist eine Art indianischer Weiser, 
welcher über der Thür seines Hauses folgende merkwürdige In- 
schrift in einer Art Englisch angebracht hatte: „Negetze Chief 
vont to be Freud of Wheit-Maud, thek in bis Haus, he leik to 
see you." 

Nun, ich zog also in dieses Haus des Freundes vom weissen 
Mann, der uns so liebt, und ich muss gestehen, dass Negetze, 



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IJ3 



untl noeh vielmehr sein Sohn und dessen Frau, die seiher eine 
hohe Indianerwürde bekleidet, denn sie ist Oberhäuptling üher 
Koskimo und Quatsino, uns ausserordentlich freundlich aufnahmen. 
Nachdem die nöthigen Kiukäufe an ethnographischen Gegenständen 
gemacht worden waren, hörten wir Abends am Feuer im Häupt- 




IH'T alu- olM rli.iuptlin^ NV^-t/.«« neliM Tochtor, OlM'rlifui|tlllngiii in (juat»ino 
nn <lcr Wr*tknsto von Viiiuouver. 



lingshause die Erzählung alter Kriegsgeschichten an, welche von 
meinem Führer wieder übersetzt wurden. Es ging aus diesen 
Mittheilungen hervor, dass die Koskimo-Indianer ein friedliches 
Volk sind, welche, wenn sie in Streitigkeiten geriethen, fast immer 
der angegriffene Theil waren. Ich sah jedoch aus einem Briefe, 
welchen Xegetze mir zeigte, dass die Koskimo i. J. 18C4 zwei 
Matrosen ermordet hatten; ich konnte aber nicht ausfindig machen, 



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— 64 - 



ob Negetze seihst daran betheiligt war. Es ist neuerdings bei 
den Indianern Mode geworden, das» sie sich von jedem weissen 
Mann, für den sie eine Arbeit ausfuhren oder mit dem sie eine 
Reise machen, eine schriftliche Bescheinigung geben lassen. Sobald 
nun ein Reisender durch ein Dorf kommt, eilen die Besitzer sol- 
cher Papiere mit diesen ihren sorgfaltig gehüteten Schätzen herbei 
und präsentiren dieselben zur Durchsicht In diesen Briefen 
werden die armen Kerls aber oft genug als Spitzbuben, Diebe, 
Idioten, als dumme Narren etc. geschildert, so dass mau Mühe 
hat, beim Lesen sein Lachen zu unterdrücken. Mitunter enthält 
ein solches Schreiben, wie in diesem Falle auch historische An- 
gaben. So wurde beispielsweise hier von dem Schreiber, einem 
damaligen Indianeragenten angegeben, dass Negetze in jener Zeit 
die Rolle eines Vermittlers in der fraglichen Angelegenheit ge- 
spielt habe, und dass die Mörder eine gewisse Zahl von wollenen 
Decken als Strafe gezahlt haben. 

Negetze 's Schwiegertochter, die „Oberhäuptlingiu" und mäch- 
tigste Person au der ganzen Nordwestspitze von Vancouver, nahm 
mich unter ihren specielleu Schutz. Diese würdige Dame, welche 
von den Spuren ihrer ehemaligen landesüblichen Jugendschönheit 
nur noch einen zuckerhutartigen Schädel als einziges, die Stürme 
der Zeit überdauerndes Merkmal aufzuweisen im Stande war, be- 
thätigte diesen Schutz zunächst dadurch, dass sie mir ein vortreff- 
liches Bett für die Nacht zubereitete. Dies that sie einfach da- 
durch, dass sie mir ihre eigene Lagerstatt anwies, die sie noch 
mit vielen Extradecken sorglich ausstattete. Ich muss gestehen, 
dass der Contrast gegen das kalte Bad am Tage vorher kaum 
stärker sein konnte. Der junge Negetze, der Mann dieser be- 
rühmten Frau, gab mir den Rath, am anderen Tage nach Quat- 
sino, welches einige Meilen mehr nach Westen an einem anderen 
Fjord liegt, zu fahren, da ich daselbst möglicherweise einige der 
sehr werthvollen und originellen, aus Cedernbast hergestellten 
Decken würde kaufen können. 

Natürlich befolgte ich diesen Rath, miethete ein grösseres 
Canoe und nachdem meine hohe Gönnerin nebst ihrem Gatten, 
dem jungen Negetze, sowie mein Dolmetscher und ich einge- 



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stiegen waren, segelten wir lustig los. Der Fjord ist bis zu seiner 
Mündung in den Stillen Ocean an keiner Stelle breiter als 2 bis 
3 Seemeilen und wird von ziemlich hohen Felsen eingeschlossen, 
aus deren Spalten eine überaus üppige Vegetation emporspriesst. 
Als wir nach der Mündung des Fjordes gelangt waren, trafen wir, 
wie nicht anders zu erwarten war, einen starken Seegang an. Ich 
paddelte so lange, bis mir meine Arme wehe thaten, um meine 
zur Seekrankheit neigende Gesellschaft möglichst schnell aus der 
wogenden See in den geschützten Fjord zu bringen. Bald ge- 



RogennianUl au» Odernbast mit Pelzsaum. Weat-Vancouver. 

langten wir an den Eingang des kleineren Fjords, wo die Sommer- 
niederlassung der Bewohner von Quatsino liegt. Zu meinem nicht 
geringen Verdrusse war Niemaud anwesend, da die Indianer 
sämmtlich 5 — 6 Seemeilen weiter nach dem Ende der Bucht in 
das „Winterdorf" gezogen waren. Wohl oder übel musste ich die 
Arbeit mit den Paddeln wieder aufnehmen und so kamen wir end- 
lich in sehr später Nachtstunde an, nachdem wir an demselben Tage 
die respectable Anzahl von etwa 35 englische Meilen zurückgelegt 
hatten. Jung-Negetzes Frau, die sich hier in ihrer Hauptresi- 
denz befand, machte mit vollem Verständniss für die Situation 
die Honneurs ihres Herrscherhauses dadurch, dass sie sich sofort 
an den Kochtopf stellte und uns ein äusserst wohlschmeckendes 
Gericht von Fischen und Kartoffeln bereitete. 

A. Woldt, Capitain Jacobsen's Reise. 5 



— 66 



Die Situation war eigentümlich genug. Trotz der späten 
Nachtstunde fand sich die kupferfarbige Bevölkerung in dem 
Hause ihres weiblichen Oberhäuptlings ein und brachten, da sie 
von meinem Vorhaben Kenntniss erhalten hatten, alles Verkauf- 
bare mit. Die wahrhaft paradiesischen Zustände der Bewohner der 
Westküste traten mir schon hier in Quatsino entgegen. Die guten 
Leute, namentlich die älteren Weiber und Männer schienen trotz 
der rauhen und stürmischen Herbstwitterung das Tragen von Klei- 
dungsstücken als einen vollständigen Luxus anzusehen , welcher 
höchstens etwa bei Tanzfesten gestattet war; sie hockten des- 
halb gänzlich ungeniert ringsum das Feuer; etwas weniger natür- 
lich zeigte sich die jüngere Welt, besonders die junge Weiblichkeit. 

Die Gruppen der Anwesenden boten einen geradezu frappi- 
renden Anblick dar, in Folge der wunderlichen Deformation ihrer 
Schädel. 

Die dort herrschende, bereits erwähnte Sitte, den neugeborenen 
Kindern schon in der Wiege den Schädel mit Hilfe einer steifen 
Binde so stark zusammenzupressen, dass mitunter sogar das Blut 
aus Auge nnd Nase kommt, bringt, namentlich beim weiblichen 
Geschlecht so lange hohe und zugespitzte Köpfe hervor, dass man 
letztere nicht unpassend mit Zuckerhüteu verglichen hat. Die guten 
Leute betrachteten mich auch ihrerseits als eine Art Wunderthier 
und erwiesen mir, besonders da ich unter dem Schutze ilirer mäch- 
tigen Herrscherin erschienen war, viel Freundlichkeit. 

Das Handelsgeschäft ging glatt von Statten; ich kaufte eine 
Anzahl guter, seltener und origineller Gegenstände, darunter einige 
der so sehr geschätzten Decken aus Cedernbast, sowie eine der 
für noch werthvoller gehaltenen, aus der Wolle der Bergziege her- 
gestellten Decken. Die ganze Einwohnerschaft von Quatsino be- 
trug nicht mehr als 50 Köpfe; das Dorf besitzt nur sieben Häuser. 
Es machte auf mich einen auffallend angenehmen Eindruck, dass 
ich hier von der wahrhaft zudringlichen Bettelei, der man sonst 
in allen Indianerdörfern der Nordwestküste Amerikas ausgesetzt 
zu sein pflegt, befreit war. 

Nach wenigen Stunden der Nachtruhe brachen wir am anderen 
Morgen auf und fuhren zurück nach Koskimo. Hatte mir schon 



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- 67 



die Fahrt des vorhergegangenen Tages die Gefahren gezeigt, denen 
ein kleines offenes Canoe hier an der Küste des stillen Oceans 
selbst bei verhältniasmässig ruhigem Wetter in Folge des hohen 
Seeganges ausgesetzt ist, so lernte ieh heute die ungleich schlim- 
meren Verhältnisse kennen, welche bei stürmischer Witterung da- 
selbst herrschen. Nachdem wir uns gegen den Wind aus dem 
Fjord von Quatsino hinausgepaddelt hatten, stellte sich uns ein 
mächtig hoher, aus kolossalen Brechern bestehender Seegang ent- 
gegen. Die Indianer arbeiteten mit aller Macht, damit wir um 
den Felsen herum und in den etwas mehr geschützten Koslumo 
Fjord gelangen konnten. Aber da es eine Eigentümlichkeit der 
Indianer ist, beim Paddeln im Boote zu knieen und dabei vor- 
wärts zu schauen, so wurden meine Leute beim Anblick der uns 
entgegenstürmenden Wogen furchtsam und wollten wieder um- 
kehren. Da ich jedoch am Steuer sass, so zwang ich das Canoe, 
den richtigen Cours zu halten, und so fuhren wir denn auch 
bald glücklich an dem Vorgebirge vorüber. Am Abend langten 
wir wieder in Koskimo an. Hier engagirte ich den jungen Negetze, 
mit mir nach Fort Rupert zu gehen, da ich allein mit meinem 
Führer nicht im Stande war, die vielen in beiden Dörfern ge- 
kauften Gegenstände durch den Urwald zu transportiren. 

Wir gingen noch an demselben Abend nach jener Fluss- 
mündung, an der ich die erste Nacht nach der Abreise von Fort 
Rupert zugebracht hatte. Die Hütte, welche schon damals fest 
zu klein war um die dort fischenden Indianer und uns aufzu- 
nehmen, musste jetzt als Nachtlager für zwei Personen mehr, 
nämlich für den jungen Negetze und seine Frau, die uns bis 
hierher das Geleit gab, ausreichen. Wir lagen buchstäblich 
dicht aneinander gepresst, schliefen darum aber nach den vielen 
Anstrengungen bald ein, bis uns das Heulen der Wölfe weckte, 
die die ganze Nacht drausseo herumstrichen. Diese Gegend ist 
sehr fi*ch- und wildreich; der Besitzer der Hütte hatte am Tage 
unserer Ankunft zwei schwarze Bären geschossen und ausserdem 
hundert Silberlachse mit der Harpune erbeutet. 

Am andern Morgen traten wir den Rückweg an. Ich hatte 
etwa hundert Pfund Gepäck, mein Gewehr und den Proviantkessel 

5* 



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— 68 — 



zu tragen, meine beiden Begleiter trugen jeder hundertiunfzig Pfund. 
Man kann sich denken, wie beschwerlich der Marsch durch den 
Urwald unter diesen Verhältnissen war. Unterwegs, bei dem sumpf- 
artigen kleinen See trafen wir drei Indianer aus Fort Rupert an, 
welche uns erzählten, dass sie im Auftrage des bereits genannten 
Indianer -Agenten Blankenshop nach Koskimo gehen sollten, 
und daselbst Berichte über die Lage der dortigen Indianer zu 
sammeln. Nach Ueberwindung aller Schwierigkeiten und nachdem 
wir unzählige Male auf dem schlüpfrigen Terrain hingefallen waren, 
kamen wir gegen Abend in Fort Rupert an, wo mir der alte 
Blankenshop, der einer der genauesten Kenner indianischer 
Sitten und Gebräuche ist, viele werthvolle Auskünfte gab. Die 
nächsten Tage verbrachte ich damit, die gekauften Gegenstände 
mit den nöthigen Notizen zu versehen und sie für den weiten 
Transport nach Berlin sicher einzupacken, auch kaufte ich noch 
einige Gegenstände, die aber sehr theuer waren, weil die Indianer 
glauben, dass der Werth nur mit Gold aufgewogen werden könne. 
Um diese Zeit kehrte der erste Häuptling der Indianer von Fort 
Rupert von einer Seefahrt zurück und brachte die letzten Mate- 
rialien zum Bau eines neuen Hauses mit, welches in den näch- 
sten beiden Wochen fertig gestellt werden sollte. Es war für die 
Einweihung ein grosses Fest geplant worden, zu dem schon jetzt Ein- 
ladungen an alle Indianerstämme bis hoch hinauf zum Königin 
Charlotte Archipel, und hinab in die Nähe von Victoria er- 
gangen waren. Bei dieser Gelegenheit beabsichtigte der Ober- 
häuptling einen Beweis seines Ansehens und seines Reichthums 
dadurch zu geben, dass er 1600 Blankets zu Geschenken an die 
Gäste bestimmte. So leid es mir that, dass ich dieser gewiss 
orginelien Feierlichkeit nicht mehr beiwohnen konnte, so erfreut 
war ich, als am 31. October der Dampfer Prinzess Louise an- 
kam und mich mit meinem vielen Gepäck nach Victoria brachte, 
wo wir am andern Tage anlangten. 



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V 



Ausstellung in Victoria. Dr. Powell. Absend ung meiner Sammlungen naeh 
Berlin. Die Zeit der Winterstürmc. Mit Schooner „Thorenton" nach der Westküste. 
Sturm vor Barclay Sund. Eine fliegende Waschschüssel. Warrens Handels- 
station in Eckult. Oheiaht. Der gute Pater Justus. Stationsvorsteher Loggen 
und Indianeragent Gilbert. Ansiedlung weisser Farmer. Sägern Qhlenetablisse- 
ment in Alberni Kanal. Mr. Sprout. Die „Ahts"-Tribus. Umrug einer Dorfbe- 
völkerung. Production von Leberthran. Seeschah t und Opettisaht. Eine alte schwert- 
förmige Kricgskeule aus Walfischknochen. Tragikomisches Abenteuer. Abhärtung 
der Indianer. Barfuss im Schnee. Prozession mit Dampfwolken. Todte Fische. 
Im Urwalde verirrt. Rückfahrt durch Alberai-Kanal nach Barclay-Sund. Eckult. 
Weiterfahrt nach Jucklulaht. Klayoquaht. Endpunkt der Fahrt des Schooners. 
Frederik Thorenbeck. Der berüchtigte Häuptling Setta Canim. Ich engagire 
seinen Sohn und werde im Stich gelassen. Fahrt nach Tschilsomaht und A hauset. 
Hcsquiaht. Pater Brabant. Die Firma Spring & Frank. Eine alte knöcherne 
Kriegskeule. Frühere Unthaten der Bewohner. Weiterfahrt. Cap Est« van. Noot- 
kasund. Esperanza Inlet. Ankunft in Kayokaht. Chawispa. Markaht. Ich 
hebe ein Indianerfest auf. Ein Kinderfest. Deep Inlet. Queka. Oales. Pater 
Nicolai. Grosse Einkäufe. Beginn der Rückreise. Bleiche Rothhäute. Hagel- 
sturm und Nothhafen. Nutschatlitz am Eingang von Esperanza Inlet. Stür- 
mische Tage. Meine Mannschaft entflieht. Verlassen. Zudringlichkeit der Ein- 
wohner. Fahrt durch die Fjorde von Esperanza Inlet und Nootkasund. Ehat- 
tesaht. Moabt. Cap Estava n. Schneesturm. Mangelndes Interesse der Indianer 
für das Berliner Museum. Ein Nothhafen. Reiskochen im hölzemen Kessel. 
Fahrt nach dem ersten Nothhafen. Eine zweite Gesellschaft vom Sturm Ver- 
schlagener. Ein Indianer tröstet mich. Wieder in Hcsquiaht. Fahrt in den 
Fjord. Plötzlicher Sturm. Mein Indianer bezaubert die Wellen. Geuiüthlicher 
Schiffbruch. Mein „Indianermuth". Schooner „Favorite". 

In Victoria war gerade während meiner Anwesenheit eine 
kleine Ausstellung eröffnet worden, welche u. A. auch Indianer- 
sachen von den Haida, Tschimsian etc. enthielt. Der Aussteller 
der letzteren war Dr. Powell, welcher diese Gegenstände ge- 
sammelt und gekauft hatte. Es befand sich darunter vortreffliches 
Material, besonders einige sehr schöne, geschnitzte und bemalte 
Hauspfahle von jener Art, welche im Innern der Häuser die 
Dachbalken tragen, ferner einige geschnitzte Köpfe von Holz, 
einen Mann und ein Weib mit einem Lippenpflock darstellend; 
auch waren einige ethnographische Gegenstande aus Alaska vor- 



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70 



gefuhrt. Mein Aufenthalt dauerte diesmal zehn Tage, während welcher 
Zeit ich die bereite stattlich angewachsene Sammlung der von mir 
für das* Berliner Königliche Museum gekauften Sachen nach Europa 
expedirte. Nunmehr handelte es sich für mich darum, eine gün- 
stige Fahrgelegenheit nach der noch fast ganz unbekannten und 
von Reisenden in neuerer Zeit wenig besuchten Westküste von 
Vancouver zu finden. Es war dies in Anbetracht der jetzigen 
winterlichen Jahreszeit gar nicht leicht, denn die Zeit der Winter- 
stürme war hereingebrochen, wovon die zahlreich einlaufenden Be- 
richte über Unglücksfalle zur See den besten Beweis gaben. Da 
jedoch zwei Handelsfirmen in Victoria an verschiedenen Punkten 
der Westküste kleine Kaufmannsladen besassen und den Verkehr 
mit diesen, so gut es ging, aufrecht zu erhalten suchten, so fand 
sich auch bald eine Fahrgelegenheit für mich. Am 11. November 
reiste ich mit dem Schooner „Thoren ton", Kapitain Billie, von 
der Firma Warren, ab, nachdem ich für 20 Dollar Proviant 
mit an Bord genommen hatte. Die Fahrt ging um die Südspitze 
von Vancouver herum, aber kaum hatten wir diesen Punkt passirt 
und waren im Begriff, in die Juan de Fuka-Strasse einzubiegen, 
als ein schwerer Weststurm uns zwang in Beecher Bai vor Anker 
zu gehen. Da ich keine Gelegenheit unbenutzt Hess, um Einkaufe 
zu machen, so ging ich an Land. Die Bevölkerung besteht hier 
in diesem südlichsten Theile von Vancouver aus sogenannten 
Flatheads- (d. h. Flachkopf-) Indianern. Die Leute stehen hier 
schon zu sehr unter dem Einfluss der ch-ilisatorischeu Verhält- 
nisse der nahegelegenen Hauptstadt Victoria, als dass sie ihre 
ursprünglichen Geräthschaften, Sitten und Gebräuche noch bei- 
behalten hätten. 

Am anderen Tage setzten wir die Fahrt durch die genannte 
Strasse fort und passirten im Laufe des Tages am Kap Flattcry 
vorüber die Südwestküste von Vancouver, bi9 wir Abends acht 
Uhr den Feuerthurm vom Kap Beale am Eingang des grossen 
Barclay-Sundes erreichten. Es war inzwischen wieder so stürmisch 
geworden, dass wir uns nur mit äusserster Mühe mit dem Schooner 
halten konnten. Ausserdem brach die Nacht herein und es wurde 
bald so dunkel, dass fast nichts zu sehen war. Hierzu kam noch, 



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71 



dass wir uns zwischen zahlreichen kleinen Inseln befanden, welche 
den Eingang von Barclay-Sund beherrschen. Wir kreuzten zwischen 
den Inseln herum, ohne indessen das Festland in Sicht zu be- 
kommen. Der Orkan nahm dabei so sehr an Starke zu, dass 
plötzlich eine der heftigen Böen das Grosssegel zerriss. Die 
ganze Besatzung des Schiffes bestand aus dem Kapitain, der am 
Steuer stand, einem Matrosen und einem Maschinisten, ausserdem 
waren ein Halbblut-Indianer und ich die einzigen Passagiere. Als 
das Segel zerrissen war, trieben wir gerade auf eine Insel zu, 
welche von verborgenen Klippen umgeben war, an denen sich die 
See mit überaus grosser Gewalt brach. Es sah aus, als ob wir 
in der nächsten Secunde umkommen raüssten; der Sturm brüllte 
so heftig, dass wir uns nicht einmal durch lautes Schreien unter 
einander verstandigen konnten. Das Fall zum Focksegel war ge- 
platzt und der Matrose bemühte sich, eiligst ein neues Fall durch 
die Blöcke zu scheeren. Während dem hatte ich beide Hintersegel 
heruntergeholt und die zersplitterte Klaue wieder ausgebessert. 
Gerade im letzten Moment, als wir ohne Segel und Steuerkraft 
wehrlos gegen die Klippen geführt wurden, war der Matrose mit 
seiner Arbeit fertig, das Segel wurde gesetzt, wir bekamen Gang 
und der Kapitain steuerte auf gut Glück zwischen zwei von 
hohen Brechern gekrönte Klippen. Dies war unsere Rettung, denn 
wir gelangten hier auf die Leeseite einer Insel, wo wir Schutz 
vor dem Winde hatten und Anker werfen konnten. Den ganzen 
nächsten Tag über und auch die zweite Nacht hindurch tobte der 
Orkan mit noch grosserer Heftigkeit; ich hätte es niemals für 
möglich gehalten, dass eine solche Wuth der Elemente sich gel- 
tend machen könnte. Unser Schooner, welcher mit 20 Faden Kette 
vor drei Ankern lag, wurde widerstandslos eine Strecke weit ge- 
schleppt. Der Sturm erlaubte sich eigenthümliche Scherze; Alles, 
was nicht sehr fest angebunden war, riss er einfach in die Luft 
empor; u. A. wirbelte er zum nicht geringen Erstaunen der Be- 
satzung eine in einer Tonne befindliche Indianer- Waschschüssel 
in die Höhe, so dass sie wie eine Feder davonflog. 

Die Insel, in deren Schutz wir lagen, wird im Sommer von 
den Bewohnern des Indianerdorfes Eckult bewohnt, während das 



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72 

Winterdorf am östlichen Ende des Barclay-Sundes liegt. Da sich 
in Eckult eine Handelsstation der Firma Warren befindet» so 
war die Erreichung dieses Punktes unser nächstes Ziel, welches 
wir, sobald der Sturm ein wenig nachgelassen hatte, in vier- 
ständiger Fahrt erreichten. Während der Kapitain hier die An- 
gelegenheiten seiner Rhederei besorgte, engagirte ich zwei Indianer 
mit einem Canoe und fuhr nach dem etwas südlicher am Sund 
gelegenen Indianerdorfe Oheiaht. Es befindet sich dort eine katho- 
lische Missionsstation, der ein belgischer Priester, Pater Justus, 
vorstand. Ich muss gleich hier an dieser Stelle die ausserordent- 
liche Unterstützung rühmend hervorheben, die mir von ihm und 
während des weiteren Verlaufes meiner Reise von allen seinen 
Glaubensgenossen, wo ich sie auch immer antraf, zu Theil wurde. 

Nach einer freundlichen, persönlichen Aufnahme, die mir 
Pater Justus bereitete, ging er selbst mit mir in das Indianer- 
dorf und half mir die geeignetsten Sachen aussuchen, wobei er 
die richtigen Erklärungen über Gebrauch und Verwendung der 
Gegenstande hinzufugte. Ich erwarb eine Menge Sachen und fuhr 
noch denselben Tag wieder zurück uach Eckult, weil ich eine 
günstige Fahrgelegenheit benutzen wollte, um mit dem Schooner 
nach dem sehr weit ins Land hinein sich erstreckenden Alberni- 
Kanal zu fahren. Da das Wetter am anderen Morgen sich zu 
ungünstig erwies, so blieb ich noch einen vollen Tag in Eckult, 
woselbst ich die Bekanntschaft des Stationsvorstehers Loggen 
und des zufallig dort anwesenden Indianer- Agenten Mr. Gilbert 
machte. Beide fassten den für mich hocherfreulichen Entschluss, 
diese Excursion, welche uns bis weit über die Mitte von Van- 
couver fuhren sollte, mitzumachen. Das Interessanteste war, dass 
sich gerade hier, am äussersten erreichbaren Ende der Wasser- 
strasse, die einzige Ansiedelung von Weissen, nämlich von vier 
Farmern, befand. Die Nähe dieses Punktes zur Ostküste von 
Vancouver ist so gross, dass es nur eines zweitägigen, wenn auch 
angestrengten Marsches durch den Urwald bedarf, um die letztere 
zu erreichen. In früherer Zeit hatte sich an der Stelle dieser 
Niederlassung eine grosse Sägemühle befunden, in welcher gegen 
200 weisse Arbeiter mit dem Fällen des Holzes und anderen 



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Arbeiten beschäftigt waren. Nachdem diese Sägemühle abgebrannt 
war, gerieth das Etablissement gänzlich in Verfall und wurde 
nicht wieder aufgebaut Hier war es, wo Mr. Sproat, der Leiter 
dieser Mühle, vier Jahre seines Lebens zubrachte und eine Fülle 
von Nachrichten und Erkundigungen über die dortigen Indianer 
sammelte und dieses Material in seinem bekannten Werke: „Scenes 
and Studies of Savage Live" niederlegte. Sproat fasste die 
sämmtlichen Indianerstämme der Westküste von Vancouver, welche 
zwischen der Gegend geradeüber Kap Flatery, also vom Ende der 
Juan de Fuca-Strasse bis nördlich am Kap Cook wohnen, unter 
der Bezeichnung die Athstribus zusammen. Die Ursache dieser 
Benennung ist, wie es scheint, eine rein äusserliche, insofern, als 
die Buchstabenendung „ath" in der Regel die Schlusssilbe der Dörfer- 
namen bildet, welche zu diesen Indianern gehören. Die Bewohner 
der Westküste von Vancouver bilden ein in sich abgeschlossenes, 
ethnologisches Gebiet 

In der Nacht des 17. November gingen wir unter Dampf 
den Alberni-Kanal hinauf, da der Wind sich etwas gelegt hatte. 
Der Kanal ist an seinen breitesten Stellen kaum einige tausend 
Schritt breit, an vielen Punkten hat er nur die Breite eines 
Stromes, in Folge dessen er eine so reissende Strömung besitzt, 
dass man mit Hilfe von Segeln allein nicht vorwärts zu kommen 
vermag. Die Gewalt dieser Strömung wird noch dadurch ver- 
mehrt, dass sich eine Anzahl schnell strömender Flüsse in ihn 
ergiessen. Nachdem wir 20 englische Meilen weit in den Kanal 
eingedrungen waren, bot sich uns ein interessanter Anblick dar, 
indem wir etwa 20 beladenen und bemannten Canoes begeg- 
neten, welche, je zwei und zwei zusammengebunden, mit Bret- 
tern, Balken und allen übrigen Gegenständen des beweglichen 
Eigenthums dahinfuhren. Es war wohl die Hälfte der Seeschaht- 
Indianer, welche in landesüblicher Manier ihre Wohnungen wech- 
selten, um sich ungefähr 16 englische Meilen weiter stromabwärts 
während der Saison des Fanges der Katzenhaie niederzulassen. 
Die Leber dieses Fisches wird auch hier, wie weiter nördlich im 
Königin Charlotten-Archipel und an der ganzen Küste des Fest- 
landes, zur Bereitung von Fischthran benutzt Wegen der reichen 



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Og»n*UlMdi.- aus W<-»t-V«n- 
uouv«t: 1. Alto Kric«ski>ule 
aus Kuoduu. 2. i'rtil mit 
Koochen*pJt«?. 3 n. 4. Kn<>- 
«hcnlnnz.ti mit Hol/.jrrirt" 
(früher in CiiiiwMMfechUn 
„vbnnuht i. '>. Bogen für 
Jagd uml Kri««. 



Fischgründe der vielfach von Fjorden zer- 
rissenen und tief eingeschnittenen Westküste 
von Vancouver produciren die Ahts-Iudianer 
viel mehr von diesem Dogfischthran, als sie 
consumiren können, sie treiben deshalb mit 
den Nachbarstämmen und Händlern einen 
lebhaften Handel. Es war mir nicht sehr 
4 angenehm, dass wir die Seeschaht antrafen, 
da ich dadurch um die willkommene Gelegen- 
heit kam, ihr Dorf zu besuchen und dort 
Einkäufe zu machen. 

Wir näherten uns unserem Ziele wegen 
der starken Strömung nur langsam, so dass 
der Abend bereits hereingebrochen war, als wir 
in der Nähe der Brandstelle der ehemaligen 
Sägemühle vor Anker zu gehen, durch das 
seichte Wasser gezwungen wurden. Erst am 
anderen Morgen , als wieder Hochwasser 
herrschte, konnten wir die paar Meilen, die 
uns von unserem Endziel, der Niederlassung 
der Farmer, trennten, zurücklegen. Die Lage 
der vier Ansiedlungen befindet sich nahe der 
Mündung des Somaflusses; in unmittelbarster 
Nähe liegen die Indianerdörfer Seeschaht und 
Opettisaht. Unmittelbar nach unserer Lan- 
dung machte ich diesen beiden Ortschaften 
einen Besuch, der aber leider aus dem oben 
angeführten Grunde keinen besonderen Erfolg 
hatte. Immerhin aber gelang es mir, u. A. 
einige werthvolle Blankets aus Cedernbast 
und eine sehr werth volle, aus dem Knochen 
eines Wales gearbeitete, sehr alte Kriegskeule 
von schwertförmiger Gestalt zu erwerben. Diese 
Waffen sind heutzutage nicht im allgemeinen 
Gebrauch; sie ähneln sehr den Kriegskeulen 
der Maoris in Neuseeland. Ich fand auf der 



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75 



ganzen Westküste von Vancouver nur überhaupt drei Exemplare 
vor, welche ich sämmtlich kaufte. 

Ein tragikomisches Abenteuer erlebte ich am zweiten Tage, 
als ich mit Herrn Loggen auf die Jagd ging. Das Delta ist belebt 
durch zahlreiche Schwärme von Gänsen und Enten, denen wir eifrig 
nachstellten. Im Eifer der Jagd wurde ich von meinem Gefährten 
getrennt und wanderte allein weiter. Wir hatten die Tour bei 
niedrigem Wasserstande begonnen und ich hatte keine Ahnung, 
bis wie weit das Hochwasser gewöhnlich hierselbst steigt. Der 
Weg, oder vielmehr das ganze Terrain war bald kniehoch mit 
Wasser überschwemmt, worauf ich nicht achtete, zumal ich 
hohe Gummistiefel zum Schutze gegen die Nässe trug. Doch das 
Wasser stieg höher und höher, bald reichte es mir bis an die 
Brust, wodurch ich verhindert wurde, die vielen kleinen Uneben- 
heiten und Löcher, sowie die Wurzein auf dem Erdboden zu sehen 
und zu vermeiden. Ich strauchelte deshalb mehr als ich ging und 
musste zuletzt fast schwimmen, was bei der unter dem Nullpunkt 
stehenden Frosttemperatur keineswegs zu den höheren Annehmlich- 
keiten zu rechnen war. Mit Mühe arbeitete ich mich, das Gewehr 
möglichst hoch in der Luft haltend, durch das überschwemmte 
Dickicht bis zum Flussufer durch, wo ich gegenüber dem einen 
Indianerdorf auf einen Baum kletterte und Signale machte, dass 
man mich abholen sollte. Während ein Canoe hinüber kam, schoss 
ich im Baum sitzend noch zwei Enten, die ich auch nachher 
auffischte. 

Drüben im Dorfe, wohin das Wasser nicht dringen konnte, 
lag fusshoher Schnee, der während der Nacht gefallen war. Ich 
erhielt hier einen Beweis von der Abhärtung der Indianer: Alt 
und Jung lief mit blossen Füssen im Schnee herum; einer der 
Leute, welcher Holz geschleppt und sich dabei beschmutzt hatte, 
ging sogar gänzlich unbekleidet bis zur Brust ins Wasser, wusch sich 
dort ganz gemächlich, schritt dann heraus und hängte seine Decke 
um, aus welcher bald darauf durch die Verdunstung der Flüssig- 
keit sich eine Dampfwolke erhob. Wahrlich, wenn ein Volk auf 
Erden Kälte ertragen kann, so scheinen es diese Leute zu sein. 
Während ich meine Sachen trocknete, wurde ich von einem Indianer 



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aufgefordert, in ein anderes Haus zu kommen, um daselbst einige 
ethnographische Gegenstände anzusehen. Ich dachte, das hier eine 
Gelegenheit wäre, auch meine Abhärtung zu zeigen, und dass, wenn 
die Indianer den ganzen Tag hindurch mit blossen Füssen im 
Schnee herumliefen, ich es ihnen für diese kurze Strecke wohl nach- 
machen könnte. Ich ging deshalb ohne Stiefel und Strümpfe durch 
das Dorf, wobei ich indessen, um die Wahrheit zu gestehen, jämmer- 
lich fror, mir aber nichts merken liess. Am Nachmittag dieses 
Tages kam Mr. Loggen mit einem Indianer in das Dorf um mich 
zu suchen, da er glaubte, dass mir ein Unglück passirt sei Ich 
ging mit ihm an Bord, zog trockene Kleider an, und ging wieder 
auf Entenjagd, da das Delta inzwischen trocken geworden war. 
Es waren sehr viele Enten da, au deren Jagd sich fast alle In- 
dianer betheiligteu. 

Während der Nacht fiel wieder etwas Schnee. Dies hinderte 
die Bewohner eines am Flussufer stehenden nahen Indianerhauses 
nicht, am frühen Morgen gänzlich unbekleidet im Gänsemarsch 
nach dem Flusse zu gehen, und Alt und Jung sich im Wasser 
zu waschen. Dann hängten sie ihre Decken um, aus denen bald 
dichte Dampfwolken aufstiegen, als die Procession wieder ins Haus 
zurückkehrte. 

Eine sonderbare Erscheinung bot das Flussbett dar. Das 
Wasser war überall mit todten und verwesenden Fischen, den so- 
genannten Dog-Salraeu angefüllt. Es wäre wünschenswerth , dass 
Sachverständige dieses Vorkomm niss erklärten; man sagte mir, dass 
die Fische, welche um zu laichen den Alberni- Kanal hinauf- 
gestiegen sind, und während ihres Aufenthaltes im süssen Wasser 
wie alle Lachsarten nicht Nahrung zu sich nehmen, nach Be- 
endigung des Laichgeschäfts nicht mehr in die See zurückkehreu 
und deshalb elend verhungern. Nach meiner Beobachtung waren es 
nicht blos alte ausgewachsene Fische, die hier zu tausenden herum 
lagen, sondern auch kleine und junge Exemplare. 

Der Kapitain und ich waren von einem der Farmer, welcher 
etwa eine englische Meile landeinwärts im Urwalde wohnte, ein- 
geladen, den Abend bei ihm zuzubringen. Um den Weg etwas 
abzukürzen, schlugen wir, trotzdem es schon dunkel war, eine 



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andere Richtung ein, wobei wir uns alsbald verirrten. Das Dickicht, 
welches wir auf ungetretenem Pfade durchkreuzten, wurde bald so 
8tark, dass wir nicht die Hand vor Augen sehen konnten und 
unsere Vorwärtsbewegung sich schliesslich in eine Art Kriechen 
auf Händen und Füssen verwandelte. Die abgestorbenen Baum- 
riesen, welche in allen möglichen Lagen das Terrain durchzogen, 
nöthigten uns, die schwierigsten Kletterparthieen auszuführen, 
wobei wir oft genug von dem schlüpfrigen Stamme hinabfielen 
und uns alsdann in einem Wasserpfuhle befanden; bald rannten 
wir gegen einen Stamm, bald schlug uns ein zurückschnellen- 
der Zweig ins Gesicht, kurz es war eine ganz verwickelte Ge- 
schichte. Dieses hinderte uns jedoch nicht im Geringsten, dem 
Humor der komischen Situation Rechnung zu tragen und oft genug 
laut aufzulachen. Um uns gruselig zu machen, erzählte Mr. Loggen, 
dass ein Jahr vorher ein Farmer gerade um dieselbe Zeit hier im 
Walde auf die Jagd gegangen sei und dass er trotz seiner Kennt- 
niss der Gegend sich verirrt habe und niemals wieder zum Vor- 
schein gekommen sei. Das Umhertappen in der rabenschwarzen 
Finsterniss brachte uns etwas auseinander; plötzlich schrie der 
Kapitain auf, dass er auf ein Thier, wahrscheinlich einen Wolf, 
gefallen sei. Es war indessen nicht so schlimm, denn bei näherer 
Untersuchung zeigte es sich, dass der angebliche Wolf nur ein 
verfaulter Baumstamm war. Endlich fanden wir durch Zufall 
einen Weg, der von Kühen getreten war; wir versuchten, ihm zu 
folgen, verloren ihn bei diesen Bestrebungen mehrere Male, fanden 
ihn jedoch eben so oft wieder. Endlich schimmerte von ferne 
durch den Wald als Hoffnungsstern ein Lichtschein, dem wir 
nachgehend zu unserem schon ungeduldig wartenden Gastgeber 
gelangten, der uns durch ein vortreffliches Abendessen für diese 
Irrfahrt reichlich entschädigte. Als wir Nachts nach Hause kehr- 
ten, hatten wir eine Strecke lang die Begleitung unseres Wirthes 
und da wir ausserdem sehr scharf auf den Weg achteten, so kamen 
wir gesund und wohlerhalten an Bord. 

Unsere Rückkehr nach Barclay-Sund nahm einen vollen Tag 
in Anspruch, da wir wegen des herrschenden Gegenwindes dampfen 
mussten. Wir verbrachten die Nacht in Eckult und setzten am 



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Tage darauf die Fahrt fort. Wir erreichten an diesem Tage die 
in der Nähe von Barclay-Sund an der Westküste von Vancouver 
gelegene Handelsstation Jucklulaht, woselbst sich ein Verkaufs- 
laden der Firma Spring & Frank in Victoria befindet. Der 
Schooner ankerte hier während der Nacht und fuhr am andern 
Morgen in nordwestlicher Richtung längs der Küste weiter. Etwa 
in der Mitte der Längsrichtung der Westküste befindet sich der 
Klayoquaht-Sund , vor dessen Einfahrt wir wegen starken Nebels 
bei einer kleinen Insel Halt machen mussten, gerade über dem 
Winteraufenthalt der Klayoquaht-Indianer. Hier befindet sich eine 
Handelsniederlassung der Firma Warren, welche von einem 
halben Landsmanne von mir, einem Dänen Namens Fredrik 
Thorenbeck, verwaltet wird. Hier war der Endpunkt der Fahrt 
des Schooners, so dass ich also geuöthigt war, für die Fortsetzung 
der Reise Canoes und Indianer zu miethen. Wegen des sehr 
starken Nebels konnten wir bei unserer Ankunft nicht an Land 
gehen, dafür erhielten wir aber den Besuch einer Anzahl von In- 
dianern, unter denen sich auch ein Sohn von Setta Canim, dem 
mächtigsten Indianerhäuptling und berühmtesten Kriegsfuhrer der 
ganzen Westküste von Vancouver befand. Setta Canim hat, wie 
mir erzählt wurde, schon zahlreiche Menschen umgebracht, unter 

- 

anderen auch einen weissen Händler; er ist der grösste Galgen- 
vogel, den es auf der Insel geben kann. Dies erhöht natürlich 
seinen Rang und sein Ansehen ungemein, so dass jeder, der nach 
Klayoquaht kommt, mit ihm in Verbindung zu treten geuöthigt ist. 
Auch ich musste mich dieser Einrichtung fügen und engagirte 
den jungen Setta Canim nebst drei anderen Indianern, mich in 
einem grossen Cauoe nach Kayokaht zu fahren und auch mich 
wieder zurück zu bringen. Einstweilen brachte ich mein Gepäck 
von Bord in das Haus des Herrn Thorenbeck, woselbst ich 
Quartier nahm. Am anderen Tage wartete ich vergebens darauf, 
dass die von mir eugagirten Indianer kommen sollteu, diese Bieder- 
männer hatten nur auf die Abfahrt des Schoouers gewartet, um 
dann ganz nach ihrem Belieben mit mir zu verfahren. Nachdem 
der Schooner die Station verlassen hatte, nahm ich ein Canoe und 
uhr hinüber zu den Indianern, worauf sie mir mittheilten, dass 



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sie am anderen Tage die Fahrt antreten würden. Indessen auch 
am anderen Tage erschien Niemand, dafür aber erhielt ich die 
Nachricht, dass die Fahrt nur angetreten werden würde, wenn ich 
mich dazu verstände, das Doppelte des ausbedungenen Lohnes zu 
zahlen. Mein dänischer Wirth, der den Charakter dieser Indianer 
nur zu genau kannte, wusste, dass es nach dieser Botschaft ganz- 
lich überflüssig sein würde, den Indianern gegenüber auf Erfüllung 
der ersten Abmachung zu beharren, da diese Leute sicherlich 
überzeugt waren, dass ich lediglich auf ihre Gnade angewiesen sei. 

Mein nächster Gedanke war nunmehr auf die Verbindung 
mit den zuerst engagirten Leuten zu verzichten und wenn auch 
nicht in ihrem Dorf, so doch in einem der Nachbarorte eine 
andere Mannschaft zu heuern. Herr Thorenbeck war so freund- 
lich, zu diesem Zwecke sich und sein ganzes Haus zu meiner 
Verfugung zu stellen und so bestiegen wir denn, er nebst Frau, 
Tochter, Schwägerin und ich sein Canoe und fuhren nach dem 
vier Meilen nördlicher gelegenen Indianerdorfe Tschilsomaht. Aber 
andere Leute waren eben so klug gewesen wie wir; die Klayo- 
quahts hatten bereits vor uns ein Canoe nach Tschilsomaht ge- 
schickt mit der Ordre, dass man uns weder Mannschaft noch 
ein Fahrzeug stellen solle. Somit war die schöne Spazierfahrt, die 
wir uns geleistet hatten, resultatlos geblieben. Natürlich beruhig- 
ten wir uns hierbei durchaus nicht, sondern setzten unsere Fahrt 
weiter fort nach dem nächsten Indianerdorfe Ahauset. Diesmal 
aber fuhren wir nicht allein, sondern zugleich mit uns stiess ein 
Indianer-Canoe von Tschilsomaht ab, dessen höhnisch grinsende 
Insassen kräftig neben uns einher paddelten, indem sie mir zuriefeu, 
dass sie mir auch in Ahauset meine Pläne verderben würden. 

In Ahauset traf ich den Schooner wieder, dessen Kapitain, 
sowie der dortige Handelsverwalter, ein Däne, Herr Niels das 
weisse Element erheblich gegenüber den Rothhäuten verstärkte. 
Der Einfluss des letztgenannten Herrn brachte es denn auch zu 
Wege, dass ich wenigstens für den Augenblick eine Mannschaft 
miethen konnte, die am andern Tage mit mir aufzubrechen ver- 
sprach. Aber am andern Tage fuhr der Dampfer und auf ihm 
Herr Niels nach Victoria, ebenso kehrte Herr Thorenbeck mit 



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Familie nach seinem Laden zurück, so dass ich ganz allein auf 
mich und die etwaige Hilfe des mit den Verhältnissen unbekann- 
ten Ersatzmannes des Herrn Niels angewiesen war. Natürlich 
dachte keine einzige Rothhaut mehr daran, mit mir zu fahren, 
trotzdem alle Bedingungen am Tage vorher auf das Genaueste 
abgemacht worden waren. Erst nach sehr langem Parlamentiren 
gelang es mir, zwei Mann zu miethen, welche mich nach dem nahe 
gelegenen Indianerdorfe Hesquiaht bringen sollten, weil ich mit 
Hilfe des dort stationirten katholischen Missionärs einen grösseren 
Einfluss auf die Indianer ausüben zu können hoffte. Vorher 
machte ich noch in Ahauset einige Einkäufe, es waren jedoch 
wenig alte und werthvolle Sachen zu haben, da das Dorf erst seit 
kurzem wieder aufgebaut ist. Die verrätherischen Einwohner hatten 
im Jahre 1864 einen Fischereischooner in ihren Hafen hinein- 
gelockt, daselbst dessen Mannschaft überfallen und ermordet, worauf 
ein englisches Kriegsschiff abgesandt wurde, welches im Jahre 1864 
das Dorf verbrannte. 

Unsere Abfahrt nach Hesquiaht erfolgte Vormittags; um die 
Mittagszeit gelangten wir an eine Stelle, wo ein paar Indianer- 
häuser standen ; hier vertauschte ich mein Canoe mit einem grösse- 
ren, da die inzwischen stattlich angeschwollene Menge der für das 
Museum gekauften Sachen dieses nothwendig machte. Die Wogen 
des Oceans gingen wieder wie gewöhnlich mächtig hoch, und mit 
günstigem Winde gelaugten wir Abends nach Hesquiaht, wo ich 
von dem dortigen belgischen Missionär Pater Brabant auf das 
Freundlichste aufgenommen wurde und bei ihm Wohnung nahm. 
Es befindet sich an dieser Station gleichzeitig auch eine Ge- 
schäftsniederlassung der bereits schon mehrfach benannten Herreu 
Spring & Frank, deren Verwalter ein geborener Hamburger war. 

Die Reise nach Hesquiaht erwies sich als sehr erfolgreich für 
meine Zwecke, denn ich machte in dem Indianerdorfe viele und 
ausgezeichnete Einkäufe von Gegenständen der seltensten Art, 
darunter befanden sich zwei jener bereits früher genannten knö- 
chernen Kriegskeulen von schwertförmiger Gestalt, von welchen 
ich schon ein Exemplar im Alberni-Kanal gekauft hatte. Zahlreiche 
Gegenstände gehörten zu den Utensilien der Jagd und Fischerei, 



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sowie zu den Hausgeräthen. Pater Brabant lebte hier in sehr 
angenehmen Verhältnissen, soweit es seine äusserliche Stellung be- 
traf. Die Umgegend des Dorfes ist fruchtbar, so dass man in der 
Lage ist, 20 Kühe zu halten; diese Thiere kommen niemals in 
den Stall, ausser wenn sie Kälber haben, weil alsdann die jungen 
Thiere zu leicht den zahlreich herumstreichenden Wölfen zum Opfer 
fallen würden. Diese letztgenannten Raubthiere dringen sogar 
häufig Nachts in die Häuser ein und tödten die Hühner. Das 
Dorf Hesquiaht hat wie andere Dörfer jener Gegend sich in frühe- 
rer Zeit gleichfalls an den Verbrechen gegen die Weissen betheiligt 
Man erzählte mir, dass vor etwa 12—14 Jahren hierselbst ein 
Schiff Havarie erlitten habe, und dass die verrätherischen Wilden 
zuerst an der an die Küste getriebenen Frau des Kapitains scheuss- 
hche Frevelthaten verübten und hernach aus Furcht vor Bestrafung 
sie selbst, sowie den Kapitain und die gesammte Mannschaft tödteteu. 
Man fand nachher die Leichen der Ermordeten ihrer Köpfe be- 
raubt im Gebüsch nahe der Küste. Diesen Bericht erhielt ich 
von den Klayoquaht-Indianern, welche mir zugleich zwei noch heut 
lebende Individuen in Hesquiaht als die Hauptattentäter bezeich- 
neten. Ich muss gestehen, dass der Anblick dieser Leute den 
Verdacht durchaus nicht Lügen strafte. Pater Brabant fasste 
die Sache in milderem Sinne auf, indem er mir als seine Ansicht 
mittheilte, dass die Schiffbrüchigen damals wohl durch den hohen 
Seegang beim Scheitern des Schiffes umgekommen sind. Die ganze 
Angelegenheit scheint überhaupt bis jetzt nicht recht aufgeklärt 
zu sein und ist wohl wenig Aussicht vorhanden, dass dieses noch 
geschehe. In Folge dieser Frevelthat war damals ein Kanonen- 
boot nach Hesquiaht gesandt worden, welches fünf Indianer als 
Geissein gefangen nahm und nach Victoria brachte, dort mit dem 
Tode bedroht, gaben sie als den Hauptfrevler einen in Hesquiaht 
lebenden Sclaven an; dieser wiederum bezeichnete, nachdem er 
gefangen genommen worden war, den Häuptling des Dorfes als 
den eigentlichen Anstifter der Frevelthat. Hierauf wurden beide, 
sowohl der Häuptling, wie der Sclave, hingerichtet. Die Indianer 
behaupten jetzt mit Bezug auf die beiden noch jetzt lebenden 
Attentäter, dass sowohl der Häuptling, wie sein Sclave wirklich 

A. Woldt, Capitata Jaeobsen's Rebe. 6 



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unschuldig hingerichtet seien und dass sie sich, um ihr Dorf vor 
der Zerstörung zu retten, geopfert hätten, indem sie sich zur That 
bekannten. 

Ich glaube, dass Pater Brabants überaus milder und men- 
schenfreundlicher Charakter Veranlassung ist, dass er die Bewohner 
von Hesquiaht von der Schuld an dieser Frevelthat freisprechen 
will, sonst müsste er selber der erste sein, der von ihrer Schänd- 
lichkeit überzeugt ist, denn er selber trägt an seinem Körper die 
Spuren der unbändigen Mordgier der Hesquiaht-Indianer mit sich 
herum. Es sind erst drei Jahre verflossen, dass der damalige 
Häuptling von Hesquiaht einen meuchlerischen Ueberfall auf Pater 
Brabant ausführte und Letzterem zwei Ladungen Schrot in die 
Schulter und Arme schoss. Er that dies nicht etwa aus Feind- 
schaft gegen den Priester, sondern weil er mit seinen Stammes- 
genossen in Uneinigkeit gerathen war und die ganze Einwohner- 
schaft ins Unglück stürzen wollte. Er kalkulirte nämlich so, dass, 
falls der Missionär stürbe, ein Kanonenboot erscheinen und ohne 
Gnade das Dorf zerstören würde. Aber der Priester starb nicht, 
sondern er wurde von den Einwohnern des Dorfes sorgsam ge- 
pflegt, bis ein Kanonenboot erschien und ihn nach Victoria brachte, 
woselbst er im Hospital soweit kurirt wurde, dass nur zwei Finger 
seiner rechten Hand steif blieben. Da das Motiv der That be- 
kannt war und der verbrecherische Häuptling die Rache seiner 
Stammesgenossen mehr als alles Andere zu fürchten hatte, so war 
er gleich nach seiner Unthat ins Gebüsch entflohen, woselbst er 
wahrscheinlich verhungert ist, denn man faud später seine Leiche. 
Pater Brabant aber kehrte in sein Dorf zurück und widmete sich 
mit Eifer den Aufgaben seiner Mission, wobei er auch von Erfolg 
gekrönt wurde, indem sich mehrere Indianer taufen Hessen. Das 
Dorf selbst blieb von jeder Strafe befreit 

Der herzgewinnende menschenfreundliche Charakter und der 
grosse Eiufluss des Paters Brabant war auch mir für meine Pläne 
behilflich. Was aller Einfluss der weissen Händler und alle Bit- 
ten und Versprechungen nicht vermocht hatten, das gelang dem 
guten Pater, der für mich eine Mannschaft nach dem ersehu- 
ten Kayokaht miethete, wobei ich mich allerdings dazu verstehen 



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musste, einen ziemlich hohen Preis zu zahlen. Hier muss ich frei- 
lich als Milderungsgrund für die Forderung der Leute hinzufügen, 
dass die Zeit, in welcher wir reisten, durchaus nicht die Reisesaison 
der Indianer ist und dass die durch die Eile meiner Fahrt ge- 
botene Rücksichtslosigkeit auf meine und anderer Leute persön- 
liche Bequemlichkeit es nothwendig machte, dass ich mitunter auch 
etwas waghalsige Touren ausführte, vor denen ich mich ohne die 
Flamme des Bammeleifers in meinem Busen unter anderen Um- 
ständen auch wohl gehütet haben würde. 

Am Vormittag des 30. November reisten wir ab bei nörd- 
lichem Wind und hohem Seegang. Kaum aber hatten wir das 
wie einen mächtigen Haken nach Süden vorgeschobene Kap Esta- 
van umfahren, als uns der Wind mit ausserordentlicher Heftig- 
keit entgegen wehte. Wir mussten deshalb die erste Tagereise 
schon hier beendigen und an einer Stelle ans Land gehen, wo 
einige verfallene- Häuser, die im Sommer von Seehundsjägern be- 
wohnt werden, standen. Um unsern Vorrath an Lebensmitteln 
zu vermehren, ging ich auf die Jagd und schoss einige Seevögel. 
Am Abend machte ich mir ein Bett aus einer Unterlage von dünnen 
Zweigen und gab einen Beweis höchst soliden Lebenswandels da- 
durch, dass ich schon um 8 Uhr schlafen ging. 

Mit Kälte und hohem Seegang trat der Monat December 
am anderen Tage sein Regiment an. Meine Indianer begannen 
zu striken, indem sie vorgaben, dass es zum Reisen zu kalt sei 
und wir ausserdem Gegenwind hätten. Es kostete erst wieder eine 
Stunde Parlamentirens, bis sie sich dazu bereit erklärten, wenigstens 
einen Versuch zu machen. So erreichten wir, nachdem wir wäh- 
rend der Fahrt uns tapfer hielten, gegen Abend ein Vorgebirge 
an der Nootka-Insel, Namens Bajo. Dort leben einige Familien 
aus Nootkasund, an welchem wir während des Tages vorbeigefahren 
waren. Ich besuchte die Häuser und machte einige Einkäufe, auch 
übernachteten wir bei den Leuten. Am anderen Tage wurde die Reise 
längs der Küste immer in der Richtung nach Nordwest fortgesetzt 
Wir passirten Mittags Esperanza-Iulet ohne anzuhalten, fuhren bei 
günstigem Winde schnell weiter, erreichten Abends Kap Raget und 
bei Dunkelwerden das Ziel unserer Fahrt, das Lidianerdorf Kayokaht. 

6* 



84 - 



Unter allen Küstenbewohnern herrscht die Sitte, dass die 
Mannschaft eines ankommenden Bootes mit lautem Geschrei von 
den Dorf insassen empfangen wird und dass die Letzteren sämmt- 
lich nach dem Ufer gelaufen kommen. Eine solche Aufnahme 
wurde auch uns zu Theil. Ich landete und nahm meine Woh- 
nung bei dem dortigen Vorstand der Handelsniederlassung der 
Herren Spring & Frank in Victoria, einem Mr. Brawn, der 
mit einer weissen Frau verheirathet ist. 

Kayokahtsund ist wie Barclaysund, Klayoquahtsund und 
Nootkasund einer jener Fjorddistrikte, die durch ihre langestreckten, 
schmalen Wasserstrassen, ihre schönen Ufer und ihren Reichthum 
an Fischen und Wild sich so recht als Populationscentren für 
eine in sich abgeschlossene Bevölkerung eignen. Die Einwohner- 
schaft solcher Distrikte pflegt häufig in Fragen wichtiger Art, 
wie Krieg und Frieden, Jagd und Fischerei, Feste und Feierlich- 
keiten, sowie Lebenserwerb gemeinschaftliche Sache zu machen. 
Die Bewohner von Kayokahtsund waren jetzt während des Winters 
nicht an der Seeküste zu finden, sondern wohnten weiter land- 
einwärts an den verschiedenen Fjordarmen. 

Am anderen Morgen miethete ich ein Canoe und besuchte 
nach einander die Indianerdörfer Chawispa und Markant, wo Ein- 
käufe gemacht wurden. Im erstgenannten Dorfe wurde gerade 
ein grosses Fest gegeben und man tanzte eben in einem grossen 
Kreise rings um das Feuer, wobei die betheiligten Personen, etwa 
30 Männer und Frauen mit schwarz bemalten Gesichtern und 
Federn auf dem Kopfe, herumsprangen. Mein Erscheinen brachte 
sichtbar eine grosse Verwirrung in das Fest, indem die wie ein 
Lauffeuer sich verbreitende Nachricht, dass ich ein Händler sei, 
die Leute veranlasste, nach Hause zu laufen und ihre zum Ver- 
kauf geeigneten Gegenstände herbeizuholen. Die Sucht nach Geld 
war so stark, dass schliesslich das ganze Fest für die Dauer 
meines Aufenthaltes aufgehoben wurde. Im zweiten Dorfe, Mar- 
kant, wiederholte sich beinahe dieselbe Scene. Auch hier wurde, 
und zwar in dem Hause des Häuptlings, während dessen Ab- 
wesenheit ein grosses Fest gefeiert, bei dem namentlich die Kinder- 
welt sehr stark in Action trat. Auch hier waren die Gesichter 



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der tanzenden Kinder bemalt und auf den Köpfen Verzierungen 
von Federn angebracht Es sah höchst possirlich aus, wie kleine 
Kinder von drei, vier bis sechs und acht Jahren in diesem Auf- 
putz mit lustigem Springen herumtanzten, während grössere die 
hölzerne Trommel schlugen; ich hatte den Eindruck, als ob es 
sich hier geradezu um ein Kinderfest handle. Die Nacht brachten 
wir in Markaht zu. Am anderen Morgen wurde die Fahrt nach 
einem anderen Punkte des Sundes fortgesetzt und Deep Inlet mit 
den beiden Dörfern Queka und Oales besucht, Abends waren wir 
wieder in Kayokaht zurück, wo sich auf einer kleinen Insel, unter 
der Verwaltung des Paters Nicolai, eine Kirche und Schule, 
sowie die oben genannte Handelsniederlassung befinden. Der 
nächste Tag war einer kleinen, aber erfolgreichen Reise nach vier 
Wohnplatzen des nahegelegenen Festlandes gewidmet Obgleich 
an jedem Punkte sich nur vier Häuser befanden, dauerte es doch 
bis Abends neun Uhr, ehe ich meine Einkäufe beendet hatte. 

Es war nunmehr die Zeit herangekommen, wo ich wieder an 
die Rückkehr nach Victoria denken musste. Die Ortschaften 
waren besucht und alles für meine Zwecke Geeignete gekauft 
worden. Die Sammlung ethnographischer Gegenstande hatte be- 
reit« einen stattlichen Umfang angenommen und es war not- 
wendig, dass icli einen Tag dazu verwandte, um Alles einzupacken 
und zu bezeichnen. Alsdann machte ich mit Pater Nicolai's 
Hilfe mit vier Indianern einen Vertrag derart, dass sie mir ein 
grosses Canoe stellen und mich nebst meinem vielen Gepäck nach 
Victoria fahren sollten. 

Die Rückreise begann am andern Morgen früh bei sehr 
hohem Seegang und strammer Brise. Meine Mannschaft fing bald 
an sich vor den Wellen zu furchten, und als uns nun noch dazu 
unterwegs dicht vor Esperanza Inlet ein Hagelsturm mit heftigen 
Böen überfiel, wurden meine Rothhäute so bleich wie der Kalk 
und flehten mich auf das Inständigste an, dass ich einen Hafen 
aufsuchen möge. Da die Leute von ihrem Standpunkte aus Recht 
hatten, so willigte ich ein und es wurde nunmehr auf das Land 
zugesteuert, woselbst sich zwischen zwei Felsen, an denen das 
Wasser mit ungeheurer Kraft brandete, eine freie Stelle darbot, 



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nach deren Passiren wir in die Mündung eines kleinen; vom 
Felsen herabkommenden Flusses einfuhren, die einen vortrefflichen 
Hafen für das Canoe bildete. Während wir hier warteten, bis der 
Hagelsturm vorüber war, harpunirten wir drei Lachse. Dann for- 
derte ich meine Leute auf, wieder in See zu gehen, da der Wind 
still geworden war, aber die See noch höher als vorher brandete. 
Die guten Menschen wollten zuerst nicht recht gern in das nasse 
Element hinein, aber nach einigem Zureden bequemten sie sich 
dazu. Eb gelang uns kaum, wieder zwischen den urabrandeteu 
Felsen hindurchzukommen, aber als wir das hohe Wasser erreicht 
hatten, wollten meine Indianer durchaus umkehren, da sie sagten, 
dass es ganz unmöglich sei, Esperanza Inlet zu erreichen. Ich 
bewies ihnen mit grosser Beredsamkeit, dass wir uns unmittelbar 
vor Esperanza Inlet befanden und dass der Weg zurück nach 
Kayokaht wohl zwanzigmal so weit entfernt sei. Einen grösseren 
Effect als mit meinem Organ der Beredsamkeit erreichte ich mit 
meinem Bootssteuer, welches ich ununterbrochen in der Richtung auf 
Esperenza Inlet hielt und dabei mit aller Kraft mich am Paddeln 
betheiligte. Nach fast unmenschlichen Anstrengungen gelangten 
wir Abends sieben Uhr nach dem Indianerdorf Nutschatlitz, welches 
am südlichen Eingang von Esperanza Inlet liegt. Hier befindet 
sich eine Handelsniederlassung der Firma Spring & Frank, deren 
Vertreter Herr Schmidt, ein Kanadier, mich freundlich aufnahm. 
Schon während der Nacht bereiteten mich die heftigen Stösse 
eines mit Regengüssen heraufkommenden Südsturmes darauf vor, 
dass meine Indianer sich schwerlich zur Fortsetzung der Reise 
geneigt zeigen würden. So kam es auch am anderen Morgen, 
indem sie mir mittheilten, dass sie nach Hause zurückkehren 
wollten. So berechtigt dieser Wunsch sein mochte, so wenig passte 
er in meinen Plan, um so weniger, als ich die Ueberzeugung ge- 
wann, dass au der Weigerung meiner Leute auch die Bewohner 
von Nutschatlitz Schuld hatten. Der immer heftiger werdende 
Sturm aus Südost und die unaufhörlichen Regengüsse verhinderten 
uns ausserdem an der Fortsetzung der Reise und stärkte die mir 
feindlichen Elemente der Indianer. Umsonst versuchte ich raeine 
Ueberredungskunst in glänzendster Weise spielen zu lassen; diesmal 



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wurde ich nicht unterstützt dadurch, dass ich gleichzeitig am 
Steuer sass und die Leute in der Gewalt hatte. Gegen die ein- 
fache Logik der Thatsache, dass sie jetzt nur durch eine einzige 
Tagereise von ihrer Heimath getrennt seieu, während die Stadt 
Victoria seihst unter günstigen Umständen kaum in acht Tagen 
zu erreichen gewesen wäre, war nicht anzukämpfen. 

Um meine Sammlung vor den Unbilden der Witterung zu 
schützen, nahm ich sie aus dem Canoe heraus und verschloss sie 
im Hause des Herrn Schmidt. Die Indianer wurden immer 
dringender und verlangten von mir Zahlung für den zurückgelegten 
Theil der Fahrt. Hiergegen erhob ich natürlich energische Ein- 
sprache, indem ich darauf hinwies, dass sie ihren Vertrag nicht 
erfüllt hätten. Doch was ist bei einem Indianer dieses Schlages 
ein Vertrag? Sie schliessen einen solchen nur, um ihn zu brechen. 
Um allen weiteren Debatten aus dem Wege zu gehen, machte 
ich das Canoe, für welches ich den Miethsbetrag bis Victoria 
bereits bezahlt hatte, fest. So verging der Tag und es folgte ihm 
eine eben so stürmische Nacht. Während derselben aber hatten 
meine Leute ihr Canoe losgemacht und waren, was ich diesen 
Hasenfussen niemals zugetraut hätte, mit demselben entflohen. 
Wie ich später erfuhr, hatten sie bei dem für sie günstigen Wind 
ihre Heimath bald glücklich erreicht. 

So sass ich nun mitten im Winter, verlassen von Allen, auf 
einem der ödesten Punkte der sturmgepeitschten Küste des Stilleu 
Oceans. Das unvermindert heftige Unwetter wüthete wiederum 
den ganzen Tag und hätte jede Fortsetzung meiner Reise ver- 
hindert, da ich gegen den Wind hätte fahren müssen. Doch ich 
hatte anderes zu thun, als meine Zeit mit unnützen Betrachtungen 
hinzuziehen; ich benutzte diesen Tag um in Nutschatlitz alles auf- 
zukaufen was für meine Zwecke zu haben war. 

Ich muss gesteheu, dass ich an der Westküste nirgends so 
zudringliche und freche Bewohner angetroffen habe, als an diesem 
Orte. Die natürliche und erklärliche Aufregung, die sich bei jedem 
Besuch eines weissen Händlers in allen Indianerdörfern kuudgiebt, 
veranlasste diese guten Leutchen hier zu Ovationen der seltsam- 
sten Art, die sich bis zu Massenangriffen auf das Haus des Herrn 



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Schmidt, in welchem ich mich befand, steigerten. Den ganzen 
nächsten Tag verbrachte ich in fruchtlosen Versuchen, eine neue 
Mannschaft zu engagieren; die Unverschämtheit dieser Leute über- 
stieg alle Grenzen. Ein wenig bescheidener wurden sie schliesslich, 
als ich ihnen sagte, dass, wenn sie sich nicht beeilten, mich der in 
einigen Tagen erscheinende Sehooner an Bord nehmen würde, aber 
nach Ansicht des Herrn Schmidt konnte dieser Schooner nicht vor 
dem Monat Februar eintreffen. 

Nach Regen folgt indessen auch auf Vancouver, wie überall 
in der Welt, gewöhnlich Sonnenschein. So hatten wir auch am 
fünften Tage, nach Beginn des Sturmes schönes Wetter und es 
gelang mir, unter dem Eindrucke, den dasselbe machte, eine aus 
vier Personen bestehende Mannschaft für die Tour nach Hesquiaht 
zu engagieren, da die Leute sich nicht darauf verstehen wollten, 
die ganze Tour nach Victoria auszuführen. Wir begannen unsere 
Tour Vormittags und gingen nicht ausserhalb der Küste, sondern 
landeinwärts durch die zusammenhängenden Fjorde von Esperanza 
Inlet und Nootkasund um die Nootkainsel herum. Das erste Dorf, 
welches wir unterwegs antrafen, war Ehattesaht am Espinoza-Arm. 
Sehr gern wäre ich hier in diesem stillen verborgenen Winkel noch 
rein erhaltenen Indianerthums an Land gegangen, aber ich fürch- 
tete, dass meine Indianer dann wieder den Versuch machen würden, 
den Contract zu brechen. Deshalb setzte ich die Fahrt fort und 
kam in später Abendstunde nach dem Dorfe Moaht am hinteren 
Eingange des Nootkasunds. Ich war sehr müde, denn ich hatte, 
um einen Mann zu sparen, den ganzen Tag angestrengt gepaddelt. 

Bei unserer Ankunft erhob sich wie gewöhnlich das laute 
Bewillkoramnungsschreien der Eingeborenen. Sie stürmten haufen- 
weis ans Ufer, wobei einer dem andern das Wort: „Mammertla! 
Mammertla!" d. h. „Ein Weisser! Ein Weisser!" zurief. Ich stieg 
an Land, und verzehrte im Hause des Häuptlings« mein Abend- 
brod, das ich mir selbst kochte, während sich gleichzeitig ein leb- 
hafter Handel mit den Eingeborenen entwickelte. Die gesammte Aus- 
beute war indessen nicht bedeutend, namentlich fehlten die so werth- 
vollen Gegenstände aus Stein und Knochen, woraus ich schlicsse, dass 
die Nootka-Indianer schon früher von Händlern besucht worden sind. 



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So lange wir uns im Nootkasunde befanden, war das Ver- 
halten meiner Mannschaft ein gutes. Kaum aber hatten wir am 
andern Vormittag Moaht verlassen und am Ausgang des Nootka- 
sunds die sogenannte „Freundliche Bucht" passirt und uns der 
gefahrlichsten Stelle an der ganzen Küste, Kap Estavan genähert, 
als ein Sturm mit voller Heftigkeit hereinbrach, und das alte 
Leiden mit den Indianern wieder begann. Diesmal war es der 
Abwechselung wegen ein Schneesturm, der uns mit so dichten 
Schauern entgegen prasselte, dass an eine Segelfiihrung überhaupt 
nicht zu denken war und wir kaum die Spitze unseres Canoes 
erblicken konnten. Wir mussten wieder einmal um unser Leben 
kämpfen, diesmal aber mit aller Anstrengung, deren wir fähig 
waren. Der Sturm machte die schönsten Anstalten, um uns gerade 
Wegs in die offene See hinaus zu treiben, wo wir natürlich ver- 
loren gewesen wären, ausserdem waren wir nicht einmal im Stande, 
selbst wenn wir gewollt hätten, nach der „Freundlichen Bucht" 
zurück zu kehren. 

Andererseits aber konnten wir auch nicht um das gefahrliche 
Kap herum gelangen, und so blieb denn nichts anderes übrig, als 
den Tag über sich den Schnee ins Gesicht peitschen zu lassen und 
mit einer der Sache würdigen Anstrengung gegen die hohen Wasser- 
berge anzukämpfen. Es sah in der That schlimm genug au9; wir 
versuchten uns der Küste zu nähern, um vielleicht einen Landungs- 
platz zu erspähen, aber sowie wir dem Strande bis auf eine halbe 
englische Meile nahe gekommen waren, erhielten wir rings um unser 
Canoe so viele Brecher, dass meine Indianer ganz verzweifelt wur- 
den und mir die heftigsten Vorwürfe machten, dass ich sie in diese 
Situation gebracht hatte. Die guten Leute hatten wieder einmal 
recht, denn sie besassen für das Berliner Museum wirklich nicht 
das mindeste Interesse, welches sie veranlasst haben könnte, in 
dieser Jahreszeit die so lebensgefährliche Fahrt zu unternehmen. 

So lange der Mensch noch Vorwürfe machen kann, ist er 
noch nicht von der absoluten Hoffnungslosigkeit seiner Lage über- 
zeugt, und da die Indianer sahen, dass ich selbst so angestrengt 
paddelte, dass ich kaum noch die Arme zu rühren vermochte, so 
folgten sie meinem Beispiel, und arbeiteten tüchtig darauf los. 



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00 



Unsere ganzen Anstrengungen hatten den einzigen Effect, dass 
wir "wenigstens nicht zurück getrieben wurden und uns im Grossen 
und Ganzen auf derselben Stelle zu halten vermochten. Gegen 
Abend, als es bereits dunkel geworden war, entdeckten wir seit* 
warte am Strande eine kleine Bucht, woselbst die See mit etwas 
geringerer Wuth brandete, und wo die Felsen und Klippen soweit 
vom Lande entfernt lagen, dass dadurch eine Art kleiner natür- 
licher Hafen gebildet wurde. Hierhin arbeiteten wir uns mit 
aller Gewalt durch und gelangten glücklich ans Land. Das Lan- 
dungsmanöver ist in fast allen derartigen Fällen dasselbe. 
Wenn das Canoe sich dem Lande soweit genähert hat, dass es 
auf dem Kamm der nächsten Woge direkt auf den Strand ge- 
worfen würde, müssen alle Ruderer das Fahrzeug aufstoppen, und 
die nächsten Wellen, welche es sonst an dem Felsen zerschmet- 
tern würden, an sich vorüber stürmen lassen. Nach einer ge- 
wissen Anzahl hoher, dicht auf einander folgenden Brecher kommt 
gewöhnlieh eine grosse Welle, hinter der eine kurze Strecke ruhi- 
ges Wasser herrscht Diese Welle muss benutzt werden. Auf 
ihrem Kamm schiesst das Fahrzeug, durch die heftige Anstren- 
gung aller Ruder getrieben, hoch hinauf aufs Land, aber noch 
ehe es den Grund berührt, springen schon alle Mann in die Bran- 
dung, ergreifen das Canoe und ziehen es noch weiter hinauf. 
Dieses Manöver muss ausgeführt werden während der wenigen 
Sekunden, die bis zum Branden der nächsten Woge verfliessen, 
so dass die Letztere das Boot nicht mehr in die See zurück- 
reissen kann. Die Wellen, welche wir an diesem Tage mit unserem 
kleinen offenen Canoe zu überwinden hatten, schätze ich ungefähr 
4 — 6 Faden hoch. Es gelang uns glücklich zu landen und alle 
unsere Sachen unverselirt auf den Strand zu tragen. Die Stelle, 
wo wir uns befanden, trug eine verfallene Hütte, welche zur 
Sommerzeit einigen Muschlaht-Indianern , die hier in der Nähe 
Kartoffeln bauen, zum Aufenthalte dient 

Mit grosser Freude nahmen wir von diesem Obdach Besitz, 
reparirteu das Häuschen so gut es ging, machten ein Feuer an 
und waren dadurch wieder in den Besitz des Comforts gelangt, 
Nur eins fehlte uns, das Wasser, und die Indianer, welche bar- 



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91 — 



fuss im Schnee nach Wasser suchten, konnten keine Spur dieser 
edlen Flüssigkeit entdecken; ich war jedoch glücklicher und fand 
eine Quelle auf. Da wir keinen Kochkessel bei uns hatten, füllten 
wir einen hölzernen Eimer mit Wasser, warfen kleine heiss gemachte 
Steine hinein bis das Wasser brodelte • und kochten uns Reis, der 
uns nach des Tages Last und Mühen gut schmeckte. Nachdem 
wir darnach unsere Sachen getrocknet hatten, schliefen wir die 
ganze Nacht sehr gut 

Am andern Morgen herrschte ein klein wenig besseres Wetter 
und ich beschloss den Versuch zu machen an diesem Tage die- 
jenige Stelle wieder zu erreichen, an der ich schon einmal 14 Tage 
früher einen unfreiwilligen Nachtaufenthalt durchgemacht hatte, 
als ich mit der von Pater Brabant in Hesquiaht gemietheteu 
Mannschaft nach Kayoquaht fuhr. Diese Stelle, in der Nähe von 
Kap Estavan gelegen, war in so fern günstiger, als man dort 
bei jeder Windrichtung gut vom Lande abkommen konnte, wäh- 
rend wir an unserem gegenwärtigen Aufenthalte bei Westwind un- 
möglich hätten in See stechen können. Wir trugen deshalb unsere 
Sachen wieder in das Cauoe und nach einigen Anstrengungen ge- 
lang es uns wieder durch die Brandung in die offene See zu 
kommen. Es herrschte immer noch ein heftiger Sturm, aber da 
die Strecke, welche zurückzulegen war, nur 2 englische Meilen 
betrug, so gelang es uns noch vor Abend den bezeichneten Xoth- 
hafen zu erreichen und glücklich zu landen. Unsere Freude war 
gross, als wir am Lande ein Canoe bemerkten, und eine zweite 
Gesellschaft Schiffsbrüchiger .antrafen, bestehend aus 2 Männern, 
2 Frauen und 2 Kindern, die schon seit 3 Tagen hieraelbst des Stur- 
mes wegen verweilten. Diese Leute hatten denselben Weg ge- 
macht, den wir zuletzt zurücklegten, sie waren einige Tage vor 
mir in Moaht zum Besuch gewesen und wollten nun nach ihrem 
• mir wohlbekannten Heimathsdorfe Hesquiaht zurückfahren. 

Dieses war auch unser Ziel und so machten wir es uns als 
Leidensgenossen gegenseitig in dem verfalleuenen Hause so be- 
quem wie möglich, und richteten uns auf einen mehrtägigen Auf- 
enthalt ein. Den ganzen nächsten Tag verbrachten wir Männer 
auf der Jagd, schössen Enten und Möven, um den Proviant zu 



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92 



verstärken, während die Weiber die Mahlzeiten bereiteten. So ging 
es auch den nächsten und den darauf folgenden Tag, da wir 
wirklich ausser Stande waren, das nur 5 eugbsche Meilen ent- 
fernte Hesquiaht zu erreichen. Die Indianer hatten es während 
dieser Zeit besser als ich insofern, als sie sich in ihrer Mutter- 
sprache unterhalten konnten, während ich zu gänzlichem Schweigen 
verurtheilt war und mich nur durch Zeichen und Geberden zu 
verständigen vermochte. Meine Isolirtheit nach dieser Richtung 
hin mochte wohl einen der Indianer, der wie viele seinesgleichen 
als Arbeiter sich schon an der Küste von British Columbien 
bewegt, und dabei wohl einige englische Worte aufgeschnappt 
hatte, rühren, denn er näherte sich mir eines Tages, als er 
mich wieder einsam am Strande sitzen und in die brüllende 
See hinausstarreu sah, mit feierlicher Miene und rief mir in 
wahrem Grabeston drei Mal hintereinander im reinsten Pigeon- 
Englisch die Worte zu: „What is the Matter with you?" Diese 
durch die Indianeraussprache noch unverständlicher gewordenen 
Worte blieben mir vollkommen räthselhaft; ich glaubte deshalb 
aus der ernsten Miene des Indianers und seinem wunderlichen 
Benehmen schliessen zu dürfen, dass er vielleicht in einem Falle 
geistiger Aufregung etwas Feindseliges gegen mich beabsichtigte. 
Später jedoch hörte ich in Hesquiaht durch Pater Brabant, dass 
jener Indianer diese Worte in einer der Arbeitscolonien von Brit- 
tish Columbien als Redefloskel zwischen weissen Personen: „Was 
fehlt Ihnen?" öfter gehört und behalten hatte, sowie, dass er mir 
eine Extrafreude zu bereiten dachte, als er sich auf diese Weise 
im Nothhafen mit mir in meiner Muttersprache zu unterhalten 
bemühte. Unser Aufenthalt nahm am vierten Tage ein Ende, 
denn als der Sturm ein klein wenig nachliess, wagten wir uns 
wieder in die See und erreichten nach einer harten Paddeltour 
das fünf englische Meilen entfernte Hesquiaht, wo ich für die ■ 
nächste Woche bei Pater Brabant Wohnung nahm. 

Es dauerte volle sechs Tage, während welcher Zeit ich mich 
vergebens bemühte, eine Mannschaft zu bekommen. Die Leute 
waren sämmtlich in viel zu grosser Angst vor der stürmischen 
Witterung, und verlangten deshalb ganz exorbitante Preise, 



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93 — 

weshalb ich tiefer in den Fjord hineinzugehen beschlos», weil da- 
selbst 10 — 12 Familien wohnten, von denen ich hoffte, eine 
Mannschaft erhalten zu können. Da das Wetter ein klein wenig 
besser geworden war, so nahm ich auf dieser Tour nur einen 
einzigen Indianer mit mir. Aber auch diesmal war alles ver- 
gebens, so dass ich schon am Nachmittag, als einziges Ergebniss 
meiner Reise zwei gekaufte Silberlachse mitbringend, wieder heim- 
wärts fuhr. 

Es wird im menschlichen Leben Jedem einmal ein Glück 
geboten, und so war denn auch für mich die Stunde gekommen, 
dass nach so vielen Unglückstagen ein freundlicherer Stern für 
mich aufging. Als wir uns mit aller Macht Hesquiaht zu nähern 
bestrebten, glaubte ich meinen Augen kaum trauen zu können, 
als ich weit in See die UmrisBe eines sich nähernden grossen 
Fahrzeuges erkannte. Laut auf jubelte ich vor Freuden, denn es 
war kein Zwefiel, dass ein Schooner aus Victoria sich Hesquiaht. 
näherte. Hierdurch war für mich die sonst kaum zu erhoffende 
Möglichkeit gekommen, dass ich nunmehr nach Victoria zurück- 
kehren würde. Doch, als ob mir das Schicksal einen Streich 
spielen wollte, fast in demselben Augenblick, als ich den Schooner 
bemerkte, erhob sich ein Sturm, der plötzlich mit solcher Heftig- 
keit einlegte, dass unser Segel zerriss und das Boot sich halb mit 
Wasser füllte. Mein Indianer, der durchaus nicht solche Freude 
beim Anblick des Schooners hatte wie ich, gab sich mehr dem 
Ernst der Situation hin, und da ihm dieser höchst kritisch vor- 
kam, so glaubte er, wie mir schien, seinen Göttern irgend eine 
Art Beschwörung oder etwas dem Aehnliches schuldig zu sein und 
er that dies auf folgende Weise. Jedesmal, wenn eine hohe Welle 
auf das Boot zurollte . und ihn auf seinem Platz am Steuer zu 
verschlingen drohte, schüttelte er heftig das Haupt und spie auf 
Indianermanier — annähernd so, als wenn unsere Hausfrauen 
oder Tapezierer Gardinen einsprengen — in das Wasser, wobei 
er den lauten Ton „brr"! ausstiess. Da ich an dem Erfolg dieser 
Beschwörung zweifelte, so zog ich es vor, möglichst schnell das 
eingedrungene Wasser auszuschöpfen, sowie das zerrissene Segel 
zu repariren und wieder aufzuhissen. Eine Strecke laug ging nun 



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alles gut und schon glaubten wir, dass alle Gefahr vorüber sei, 
als ein plötzlicher Wiudstoss aufs Neue das Segel ergriff, es 
nochmals zerriss und die Fetzen in alle Winde führte. Der Wind 
wehte mit heftigen Regenböen so stark, dass, obgleich wir Beide 
hochbord sassen, das Canoe dennoch vielfach Wasser fibernahm 
und wir der Gefahr nahe waren, zu ertrinken. Wir versuchten die 
Spitze gegen den Wind zu richten, aber dieses gelang nicht und 
wir verloren jede Gewalt über unser Fahrzeug. Ich muss gestehen, 
dass diese Erfahrung nicht dazu angethan war, meinen Glauben 
an die Macht der Nationalgötter meines Gefährten zu erhöhen, 
als ich es erleben musste, dass wir mit halbgefülltem Canoe als 
armselige Schiffbrüchige unter dem Seitendruck des Windes macht- 
los etwa drei Meilen unterhalb Hesquiaht ans Ufer trieben und 
mit donnerndem Gepolter von einem machtigen Brecher seitlinga 
auf den dort glücklicherweise weichen sandigen Strand geworfen 
wurden, wo das bis an den Rand mit der Salzfluth gefüllte Canoe 
hilflos liegen blieb, und es erst einiger Taucherarbeit für mich 
l>edurfte, um mein Gewehr und die beiden Silberlachse wieder zu 
erlangen. Die geretteten Gegenstande an den Busen drückend, 
marschirte ich mit meinem trübselig blickenden Indianer, der sich 
in diesem Augenblick vielleicht wieder erinnerte, dass er eigentlich 
gar kein Heide, sondern sogar einer der glaubensfestesten aus der 
Gemeinde des Paters Brabant war und allen seinen früheren 
Götzen langst abgeschworen hatte, nach Hesquiaht zu, wo man 
nicht wenig erstaunt war, uns ankommen zu sehen, weil man 
glaubte, dass wir längst untergegangen seien, denn man hatte das 
Verschwinden unseres Segels bemerkt Mein Leidensgefährte hatte 
«lie Güte, seinen Landsleuten eine grosse Rede zu halten, in der 
er meinen, wie er es nannte, „Indianermuth" höchlichst pries. 
Wichtiger war mir eine Unterhaltung mit Pater Brabant, in der 
wir Beide lebhaft hin- und herriethen, was das wohl für ein 
Schoouer sein könne, der inzwischen an Hesquiaht vorbei nach 
dem inneren Hafen gefahren war und dort ankerte. Am anderen 
Morgen ging ich mit drei Mann wieder nach unserem gescheiterten 
Canoe; wir schöpften das Wasser aus und strengten uns mit aller 
Macht an, durch die hohe Brandung in das Fahrwasser zu 



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— 95 - 



kommen und fuhren nach dem Schooner. Es stellte sich her- 
aus, dasa das Schiff der Schooner Favorite war, der der Firma 
Spring & Frank gehörte und von dem letztgenannten Kapitain 
Frank befehligt wurde. Es war dies dasselbe Fahrzeug, auf wel- 
ches ich schon vor sechs Wochen in Victoria gewartet hatte, um 
mit ihm die Reise nach Vancouver zu machen. Kapitain Frank 
lebt gewöhnlich während des Winters in Jucklulaht am Barclay- 
Sund, wo er ein Haus besitzt, dem seine Frau, eine Halbblut-In- 
dianerin, vorsteht Er war zwei Tage nachdem ich Victoria ver- 
lassen hatte, in dieser Stadt angekommen und hatte inzwischen 
mit seinem Compagnon den Beschluss gefasst, eine neue Haudels- 
station auf der Nootkainsel zu errichten und zugleich nach den 
beiden anderen Stationen der Firma in Esperanza Inlet und 
Kayokaht Waaren zu befordern, die er von Victoria mitgebracht 
hatte. Hätte ich dieses vorher gewusst* so würde ich mir unend- 
liche Mühe und Trübsal erspart und sehr viel weniger Geld aus- 
gegeben haben. Es stand für mich keinen Augenblick in Frage, 
dass ich mir sofort einen Platz für die Reise des Schooners 
sicherte, denn wenn ich auch dadurch gezwungen wurde, noch 
einmal hinauf nach dem nördlichen Theil der Westküste zu gehen, 
so erreichte ich damit doch das Ziel meiner sehnsüchtigen Wünsche, 
die Hauptstadt Victoria. 



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VI. 

Nochmalige Rückkehr nach Nootkainsel. Der Pelzrobbenfang an der Westküste. 
Ceremonielle Vorbereitungen der Pelzrobbenjäger. Pampfschooner aus Victoria. 
Weihnachten 1881 in Hesquiaht. Gründung einer neuen Handelsniederlassung 
auf Nootkainsel. Spanische Reniinisceneen. Canoefahrt durch Nootkasund nach 
Muschlaht. Kine Sturzsee. Ein musterhaftes Weib. Belohnte Galanterie. Para- 
diesische Unbefangenheit. Eine indianische Medizinfrau und ihr Concurrent. 
Nächtlicher Krawall. Medizinmänner in Vancouvcr und an der Nord Westküste. 
Die eigentümlichste Sylvesternacht meines Lebens. Neujahr 188*2. Fahrt nach 
Nutschatliti. Besuch von Esperanza Inlet bis Ehattesaht. Grosses Tanzfest. Drei- 
undfünfzig verschiedene Tänze an der Westküste von Vancouver. Indianische 
Tanz- und Ceremonienmeister. Scenische Vorführungen. Drei Indianer stellen 
einen Wolf dar. Kannibalentanz. Werthvolle Ankäufe. Allgemeines über Feste. 
Festmähler. Abgeschliffene Zähne der Indianer. Reden und Berathungen. Grosses 
Tanzfest in Nutschatlitz. Sänger- und Trommelchor. Alle werfen sich auf die 
Erde. Pater Nicolai's Rückkehr aus Tsehuklesaht. Setta Canim's verun- 
glückter Kriegszug von Klayoquaht nach Kayokaht. Rückfahrt nach Victoria 

und San Francisco. 

Da der Wind noch immer heftig wehte, so sandte ich die drei 
Indianer mit dem Canoe allein zurück nach Hesquiaht und ging mit 
meiner wollenen Decke an Bord des Schooners „Favorit". Der gestrige 
Sturmtag war auch für dieses Fahrzeug ein wenig verhängnissvoll ge- 
wesen, indem dasselbe einen Anker mit 20 Faden Kette in Hesquiaht 
Inlet verloren hatte. Am andern Tage, als wir bei schönem Wetter 
nach der in der Nähe von Pater Brabants Wohnung belegenen 
Handelsniederlassung fuhren, hatten wir bei stillem Wetter das Glück 
den Anker nebst Kette wieder aufzufinden. Da der Verwalter der 
Station in Hesquiaht, der schon einmal erwähnte Hamburger Na- 
mens Charlie dazu designirt war, dem neuen Geschäft auf der 
Nootkainsel vorzustehen, so wurde er mit seiner beweglichen Hat>e 
an Bord geschafft, und sein Ersatzmann dafür ans Land gebracht. 
Zugleich musate auch mein sehr bedeutendes Gepäck, das bei Pater 
Brabant lagerte, aufs Schiff gebracht werden. Bevor letzteres ge- 
schah, machte ich noch einen letzten Versuch, um, wenn es ging, 
eine eigene Mannschaft zu erhalten, aber die Leute stellten uu- 



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geheuer grosse Forderungen, auf die ich unmöglich eingehen konnte. 
Der Grund hiervon ist der, dass die Indianer wegen der Witterung, 
überhaupt nicht in dieser Jahreszeit reisen, sowie dass sie zu dem 
im Frühjahr beginnenden Pelzrobbenfang sich in sehr ceremonieller 
Weise vorzubereiten pflegen. 

Es ist vielleicht angebracht an dieser Stelle einige allgemeine 
Bemerkungen über den Pelzrobbenfang an der Westküste von Van- 
couver einzuschalten. 

Schon seit sehr langer Zeit betreiben die Bewohner der West- 
küste von Vancouver den Fang der pelztragenden Seethiere, na- 
mentlich der Pelzrobben und Seeottern. Die Jagd auf diese Thiere 
bildet einen so bedeutenden Theil der Gesammtthätigkeit dieser 
Leute, dass sich seit vielen Generationen gewisse kulturelle Ge- 
bräuche damit entwickelt haben. Fast ausschliesslich angewiesen 
auf das Meer und dessen Erzeugnisse, haben die Bewohner von 
West- Vancouver und auch weiter nördlich hinauf au der Küste des 
Festlandes diesen Haupterwerbszweig auf das Peinlichste geregelt und 
behandeln ihn sowohl wie die Fischerei bis ins kleinste Detail wie 
eine Art heiliger Ceremonie. Schon Kapitaiu Cook fand im vorigen 
Jahrhundert dieses Faktum bestätigt, und der grosse Kaufmann 
Meares nutzte es für seine Handelsbeziehungen aus. Heut zu 
Tage wird der Fang der marinen Pelzthiere von den Indianern 
der Westküste von Vancouver commercicll in ähnlicher Weise 
erledigt wie dieses an vielen Stellen unserer Erde geschieht; man 
lässt nämlich die Eingebornen in althergebrachter Weise jagen und 
fischen, während eine Anzahl Handelsleute mit ihren grösseren 
Fahrzeugen den Fang übenvachen und die Beute au Ort und Stelle 
aufkaufen. Die beiden oben genannten Firmen Spring & Frank, 
sowie Warren in Victoria sind derartige Unternehmer, welche fast 
in jedem Indianerdorfe der Westküste einen kleinen Laden unter- 
halten, in dem die Eingeborenen für die Ergebnisse ihrer Fischerei 
und Jagd Gegenstände moderner Cultur, Lebensmittel, Decken, Ge- 
brauchssacheu für die Wirthschaft sowie baares Geld erhalten 
könuen. Mit ihren Schoonern, die mit einer kleinen Dampfmaschine 
versehen sind, unterhalten die genannten Firmen nicht nur einen 
fast ununterbrochenen Verkehr mit den Bewohnern der Westküste, 

A. Woldt, Capitata Jacobwn's Relw. 7 



-- 98 



sondern, was die Hauptsache ist, sie unterstützen diese Leute- 
wesentlich bei der Seethierjagd. 

Die Saison beginnt im Monat Februar und dauert bis zur 
Mitte des Sommers. Während dieser Zeit zieht fast die gesammte 
Bevölkerung aus ihren Winterdörfern, die sich meist tief landein- 
wärts am hinteren Ende der Fjorde und Meeresarme t>efinden, nach 
den Sommerdörfern, die auf den kleinen Inseln oder an der Küste 
liegen. Die Einrichtung der Sommerdörfer ist viel primitiver als 
die der Winterdörfer, weil in ihnen weder Festlichkeiten stattfinden 
noch auch sonst grössere Angelegenheiten berathen werden, sie 
vielmehr einzig dem Erwerbe dienen. 

Monate lang vor Beginn der Saison unterziehen sich die Pelz- 
robbenjäger einer anstrengenden Vorbereitung. Täglich des Morgens 
reiben sie ihren Körper mit Sand und Steinen ab und sprechen 
dazu gewisse Gebete, welche die Bitte um günstigen Fang ent- 
halten. Zu gleicher Zeit spielen ihre Medizinmänner und Medizin- 
frauen sowohl vor als bei der Eröffnung des Fanges eine nicht 
unbedeutende Rolle. Wie bedeutend diese zuweilen sein kann, 
geht beispielsweise daraus hervor, das? die Einwohner von Hes- 
quiaht, welche früher sehr lebhaft den Walfischfang betrieben, 
letzteren gänzlich nur aus dem Grunde aufgegeben haben, weil sie 
glauben, dass die Medizin, welche ihnen von ihren Vorvätern über- 
liefert worden ist, um günstige Erfolge im Walfange zu erzielen, 
nunmehr kraftlos und ausgenutzt ist. Die guten Leute sind auch 
nicht einmal in der Lage, dass sie sich eine neue Medizin ver- 
schaffen, denn eine solche besitzt nach ihrer Meinung nur der 
Donnervogel (Hotloksom) oder der Donner (Tootosch), und es hat 
sich bis jetzt noch Niemand gefunden, der die Medizin aus dieser 
Quelle holt. 

Der Pelzrobbenfang geschieht gegenwärtig auf folgende Weise : 
Im Februar und März segeln verschiedene Dampfschooner aus 
Victoria sowie vom Kap Flattery nach den verschiedenen Dörfern 
und Häfen der Westküste, woselbst sich jeder mit etwa 30 bis 
50 Indianern, die im Besitz von 15 bis 25 Canoes sind, liirt. 
Die Besatzung jedes Schooners beträgt nur drei bis vier Mann; 
hierzu nimmt jeder Schooner die oben genannte Anzahl von 



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- 99 



Indianern sammt ihren Canoes an Bord. Bei günstigem Wetter 
wird ins offene Meer gesegelt, nicht selten bis auf Ent- 
fernungen von 200 engl. Meilen hinaus. Die Pelzrobbeu, 
welche gewöhnlich zu grossen Heerden vereint sind, pflegen bei 
stillem Wetter auf dem Meere schwimmend zu schlafen, es soll 
einen originellen Anblick gewähren, wenn sie dabei auf dem 
Rücken liegen und mit den Vorderflossen Gesicht und Augen 
zudecken. Leise, fast unhörbar uähert sich der Schooner, während 
die Wache vom Mastkorbe aus umherspäht und das Zeichen giebt, 
sobald die schlafende Heerde in Sicht kommt. Möglichst ge- 
räuschlos werden sodann die Canoes ins Wasser gelassen und 
mit je zwei bis drei Indianern bemannt. Die Ausrüstung zur 
Jagd besteht aus gabelförmigen, zehn bis zwölf Fuss laugen, höl- 
zernen Stangen, deren beide Gabelarme je eine Harpune, die theils 
aus Knochen, theils aus Eisen, theils aus einer geschliffenen 
Muschel besteht, tragen. An jeder dieser Harpunen ist eine lauge 
starke, aus Cedernbast gedrehte Leine befestigt, deren anderes 
Ende mit dem Canoe verbunden ist. Sobald die Indianer im 
tiefsten Schweigen bis an die Heerde heraugefahren sind und sich 
einem schlafenden Thiere bis auf 20 Schritte genähert haben, 
erhebt sich der am Vordereude des Canoes sitzende Indianer, 
ergreift die Doppelharpune und schleudert sie mit wohlgezieltem 
Wurf und grosser Sicherheit dem schlafenden Thiere in den Leib. 
Hierbei dringen beide Harpunen, oder auch nur eine von ihnen, 
durch das Fell in das Fleisch und stellen sich daselbst durch 
Widerhaken fest, während die hölzerne Gabel sich loslöst. Die 
getroffene Pelzrobbe ergreift in der Regel, auf das Heftigste 
erschrocken, die Flucht, wobei sie das Boot mit sich zieht. Ab- 
wechselnd untertauchend und wieder in die Höhe kommend, um 
Luft zu schöpfen, . schwimmt sie mit Anstrengung aller Kräfte vor- 
wärts, während der Indianer am Steuer sorgsam mit dem Paddel 
dieselbe Richtung des Canoes beibehält, und der Harpunierer den 
Augenblick erwartet, wo es ihm gelingt, das immer matter wer- 
dende Thier mit der Leine so nahe ans Boot heranzuziehen, dass 
er mit einem grossen und schweren Knittel der Robbe den Schädel 
einschlagen kaun. Oft setzt sich das Thier, im äussersteu Stadium 

7* 



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— 100 



der Verzweiflung, wenn es an das Boot herangezogen wird, oder auch 
schon vorher, sobald es getroffen ist, heftig zur Wehre und reUst mit- 
unter mit seinem scharfen Gebiss grosse Stücke Holz aus der Bord- 
kante des Canoes. Sobald die Pelzrobbe unter den heftigen Schlägen 
des Harpunierers ihr Leben ausgehaucht hat, wird sie mit grösster 
Anstrengung in das Canoe gezogen. Später an Bord des Schooners 
gebracht, wird dem Thiere das Fell abgezogen und letzteres ge- 
salzen, um nach England transportirt zu werden. Das Fleisch 
der Pelzrobben wird sehr oft von den Indianern gegessen. Die 
als Pelzwerk sehr gesuchten Felle werden den Indianern mit 
fünf bis zwölf Dollar pro Stück bezahlt. Während alle Canoes 
eines Schooners die schlafende Heerde der Pelzthiere von ver- 
schiedenen Seiten angreifen und sich namentlich in der Verfolgung 
der Jagd oft weithin zerstreuen, hat der Schooner die Aufgabe, 
dem Gange der Ereignisse mit Aufmerksamkeit zu folgen, den ein- 
zelnen Canoes ihre Beute abzunehmen und bei heraufkommendem 
Sturm oder Nebel so schnell wie möglich alle kleinen Fahrzeuge 
mit ihrer Mannschaft wieder an Bon! zu nehmen. 

An der Nordwestküste von Vancouver werden in den Mo- 
naten November, December und Januar ohne Unterstützung durch 
Dampfschooner auch Seeottern gefangen. Diese Thiere kommen 
zu jeder Zeit nach den Klippen und kleinen Inseln, um dort 
Nahrung zu suchen, bei welcher Gelegenheit sie von den Indianern 
auf dem Lande durch Harpunen getödtet werden. Die Seeotter- 
felle sind bekanntlich sehr theuer und erhält der Jäger 30 bis 
100 Dollar pro Stück. Im Vergleich zu früherer Zeit werden 
jedoch nicht mehr so viel Seeottern auf Vancouver gefangen. 

Am Sonntag den 25. December lagen wir mit dem Schooner 
der Finna Spring & Frank im inneren Hafen von Hcsquiaht, 
vor der Mündung des Flusses, der hier aus dem Innern der Insel 
hervorströmt. Das Weihnaehtsfest war in meiner damaligen Lage 
für mich keineswegs ein grosses Freudenfest, da meine ursprüng- 
liche Hoffnung um diese Zeit wieder bei einem meiner Lands- 
leute, der in Victoria lebte, zurück zu sein und bei ihm die 
Feiertage zu verleben, vereitelt worden war. Statt dessen stand 
mir noch eine lange und beschwerliche Fahrt mit ziemlich 




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— 101 — 



langem Aufenthalt bevor. Doch was half alles Klagen; es hiess 
hier aus der Noth eine Tugend machen und sich den Verhalt- 
nissen anbequemen. Mit dem Schlüsse des Festes hatte Kapitain 
Frank die für Hesquial\t bestimmten Güter gelandet und sowohl 
meine sämmtlichen Gepäckstücke, als auch eine von den Ein- 
geborenen fabricirte grössere Quantität Fischthran an Bord ge- 
nommen. Der Indianer, welcher mich zuerst nach Kayokaht ge- 
bracht hatte, kam mit seiner Frau und seinem Vater au Bord, 
um einen Theil unserer Fahrt mitzumachen und Verwandte in 
Mus eh Iaht zu besuchen. 

Am andern Morgen gingen wir mit starkem südöstlichen Wind 
in See und segelten in schneller Fahrt nordwärts, die Westküste 
hinauf. Bald genug erreichten wir die Nähe der „Freundlichen 
Bucht" (Friendly Cove) und die Stelle, wo die Finna ihre neue 
Handelsniederlassung zu begründen gedachte. Als wir uns dem 
Ankerplätze näherten, flaute der Wind ab, und Kapitain Frank 
beorderte ein Canoe mit vier Indianern, um uns zu bugsiren. 
Kaum hatten diese Leute hiermit begonnen, als sich eine stramme 
Brise plötzlich mit solcher Schnelligkeit erhob, dass der Schooner 
direct auf das Canoe getrieben wurde und dasselbe unter seineu 
Bug gerieth, während zugleich einer der Indianer im Canoe durch 
den Anprall über Bord geschleudert wurde. Glücklicher Weise 
kam das kleine Fahrzeug wieder frei vom Schooner, der Mann 
wurde auch gerettet, und so erreichten wir um die Mittagszeit 
die „Freundliche Bucht". Unmittelbar nach unserer Landung 
wurde ein Canoe zu den beiden in Moaht wohnenden Häuptlingen, 
bei deren einem ich während meiner neulichen Durchreise eine 
Nacht zugebracht hatte, gesandt. Gegen Abend kamen die Leute 
wieder zurück und zu gleicher Zeit auch die beiden Häuptlinge 
von Moaht, mit denen sofort die Verhandlungen wegen des Ver- 
kaufspreises des für die Handelsniederlassung benöthigten Terrains 
begannen. Zu allseitiger Zufriedenheit wurde das Geschäft erledigt 
und die Häuptlinge, sehr erfreut darüber, dass nun Moaht oder 
Nootka auch eine Handelsniederlassung besässe, steckten den 
Kaufpreis, der, wie ich glaube, G0 Dollars betrug, vergnügt ein. 
Es ist ein sonderbarer Zufall, dass gerade dieser Punkt der Küste, 



uigmzea Dy vjuu 



102 



an welchem vor 100 Jahren zuerst ein weisser Mann, Kapitain 
Cook, geankert hatte, jetzt erst eine Niederlassung erhielt. Aller- 
dings hatten nach Entdeckung von Vancouver die Spanier hier 
in dieser Gegend ein Fort gebaut und. einen Handelsposten er- 
richtet, nach einigen Jahren aber war letzterer aufgegeben und 
die Leute wieder abgeholt worden. In der Sprache der Indianer 
dieses Punktes der Küste haben sich seit jener Zeit einige spa- 
nische Worte erhalten; auch der Platz, auf dem damals die Spanier 
gewohnt hatten, tragt noch heute die Spuren einiger Cultur, indem 
dort wilde Mohrrüben und Kohlrabi wachsen. Erst kurz vor 
unserer Ankunft war hier ein Indianer gestorben, der in spanischer 
Sprache bis zehn zählen konnte; auch besitzen mehrere Einwohner, 
darunter besonders der zweite Häuptling, in ihren Gesichtszügen 
unverkennbare Spuren spanischer Abkunft. Der Ort, wo wir uns 
befanden, ist der Sommeraufenthalt der Bewohner von Moaht. 
Diese Leute wollen jetzt, wie die übrigen Küstenbewohner, sich 
auch am Pelzrobbenfang betheiligen, was sie bis dahin nur in ge- 
ringem Maasse gethan hatten. 

Da die Anlage der Station einige Zeit in Anspruch nahm, 
so hatte ich vortreffliche Gelegenheit, einige Ausflüge nach dem 
Innern des sehr weit verzweigten Nootkasundes anzustellen. Ich 
schloss mich deshalb dem bereits genannten Indianer an, der hier 
mit Frau und Vater unseren Schooner verliess, um nach dem 
etwa 20 englische Meilen entfernten Dorfe Muschlaht zu fahren. 
Es wehte von der offenen See her ein schwerer Wind in den 
Fjord hinein, als wir ein Canoe bestiegen und in fliegender Fahrt 
unsere Reise antraten. Die Wellen gingen sehr hoch und ge- 
fährdeten das Canoe in nicht geringem Maasse. Etwa auf der 
Mitte der Fahrt kam es zu einer kleinen Katastrophe, indem eine 
hohe Sturzsee sich in das Canoe ergoss und dasselbe mit Wasser 
anfüllte, so dass wir sämmtlich bis über die Brust im eiskalten 
Wasser sassen. Der alte Mann, welcher am Steuer sass, verlor 
die Courage und fing bitterlich zu weinen an. Ich selbst schöpfte 
mit meinem Hut so schnell wie möglich das Wasser aus und 
rief dem alten Indianer zu, er solle das Boot gerade vor dem 
Wind halten, weil uns alsdann die von hinten kommenden Wellen 



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— 103 — 



keinen bedeutenden Schaden zufügen konnten. Aber der alte 
Herr hatte alle Contenance verloren und steuerte gerade so, dass 
uns der Wind und die Wellen von der Seite fassen konnten. 
Natürlicherweise dauerte es nur wenige Secunden, und beim ersten 
Windstoss neigte sich das Canoe seitwärts über und fing an, gerade 
als ob wir noch nicht genug des Wassers gehabt hätten, zu sinken. 
Bis dahin hatte ich die Segelschoot gehalten; nunmehr musste 
ich sie springen lassen, worauf der sehr entschlossene junge Indianer 
mit kräftigen Armen Mast und Segel hob und beide über Bord warf. 
Hierdurch richtete sich das Canoe wieder bedeutend auf und ich 
setzte die Arbeit des Wasserschöpfens mit ungeschwächten Kräften 
so lange fort, bis das Canoe wieder flott war. Während dieser 
ganzen Zeit sass das Indianerweib, obgleich ihr zuerst das Wasser 
bis an den Hals ging, in musterhafter Ruhe und Ergebenheit still 
da, ohne einen Laut der Furcht oder Klage hören zu lassen. Es 
war ein Glück, dass sich während des Wasserschöpfens keine Welle 
mehr über unser Canoe ergoss; wäre dies geschehen, so wären 
wir sicherlich untergegangen. Wir kamen bald in schmaleres 
Fahrwasser, woselbst alle Gefahr vorüber war. Es regnete den 
ganzen Tag und aus Mitleid gab ich dem armen Weibe meinen 
Regenmantel, bereute indessen nachher diese That aufrichtig, denn 
der Weg war unendlich lang und der Regen strömte hernieder, 
wie eine zweite Sintfluth. Ich kann nicht behaupten, dass der 
Umstand den Regen weniger fühlbar für mich machte, dass ich 
bereits von den Wellen total durchnässt worden war. 

Endlich Abends, lange nach Dunkelwerden, kamen wir nach 
Muschlaht, woselbst unsere kleine nasse Gesellschaft im Hause der 
Verwandten des Indianers einkehrte und in landesüblicher Sitte 
sich vor dem Feuer bald aller Kleidungsstücke entledigte, um die- 
selben zu trocknen. Natürlicher Weise blieb mir nichts anderes 
übrig, als dieses gleichfalls zu thun und da auch meine einzige 
mitgebrachte Schlafdecke total durchnässt war, so hätte ich gar 
nichts zu meiner Bedeckung gehabt, wenn nicht meine Reise- 
gefahrtin in Anerkennung der ihr von mir geleisteten Dienste sich 
revanchirt, und mir eine Decke geliehen hätte. So wenig dieses 
auch war, es war immerhin etwas und verhinderte die übermüthige 



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— 104 — 



junge Welt von Muschlaht, welche in paradiesischer Unbefangen- 
heit meine weisse Haut befühlte und besichtigte, vor allzu gründ- 
lichen Untersuchungen. 

Am andern Morgen machte ich die Runde im Dorfe, um 
in gewohnter Weise ethnographische Gegenstände für das Berliner 
Museum einzukaufen; es war aber hier, wie damals in Moaht, sehr 
wenig zu erhalten. Dieses Dorf ist von den Einwohnern der Nach- 
bardörfer Klayoquaht und Moaht wiederholt erobert und ausgeplün- 
dert worden, obwohl die Einwohner von Muschlaht mehrere Jahre 
hindurch in einer Art Gefangenschaft gehalten wurden, insofern, 
als sie den Fjord, an dem sie wohnten, nicht verlassen durften und 
alle Handelsartikel der weissen Händler für theure Preise von den 
Indianern in Moaht kaufen mussten. Diejenigen von ihnen, welche 
den Versuch machten, den Fjord zu verlassen, wurden überfallen 
und gefangen genommen, worauf man sie als Sclaven nach Kap 
Flattery verkaufte. 

Während der ersten Nacht, welche ich in Muschlaht zubrachte, 
befand sich das ganze Dorf in Unruhe wegen einer Affaire, die 
sich in dem Hause, in dem ich schlief, zutrug. Der Mann, bei 
welchem ich wohnte, hatte ein krankes Kind, welches er in die 
Behandlung einer indianischen Medizinfrau gegeben hatte. 

Diese alte Hexe hatte das arme Wurm einer unmensch- 
lichen Behandlung unterzogen. Während des ganzen Abends er- 
tönte der schauerliche Medizingesang, wobei sie das Kind wie eine 
wilde Katze anblies und ihm gerade über der Herzgrube Blut aus- 
sog, indem sie wohl vermeinte, dass sie mit dem Blute zugleich 
die Krankheit aus dem Körper entfernte. Da ihre Kur wenig 
geholfen hatte und das kleine Wesen wie leblos dalag, so zahlte 
ihr der Hausherr das ärztliche Honorar aus, indem er zugleich auf 
die Fortsetzung der Kur verzichtete. Hierüber aufs äusserste er- 
grimmt und vielleicht noch mehr darüber in Wutli gesetzt, weil 
sie vernahm, dass bereits nach einem ihrer Hauptconcurrenten, 
einem Medizinmann in Moaht geschickt worden war, welcher die 
Kur fortsetzen sollte, fing die Alte an, grossen Lärm zu machen, 
indem sie von ihrem Schlafplatze hervorschrie, worauf ihr der Haus- 
herr die Antwort nicht schuldig blieb. Dieser Lärm, an dem sich 



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— 105 



auch die übrigen Iu.sas.sen des Hauses bald betheiligten, dauerte 
etwa bis 2 Uhr Morgens, bis ihm endlich einer der Indianer da- 
durch ein Ende zu machen suchte, dass er aufsprang und die 
Alte tüchtig durchprügelte. Nunmehr trat auch der würdige Ehe- 
gatte dieser Medizinfrau in Action, indem er, um das Gleichgewicht 
wiederherzustellen, das Weib desjenigen, der seine Frau geschlagen 
hatte, gleichfalls prügelte. Auf das Wehegeheul beider Weiber 
kamen noch mehrere Indianer von ihren Schlafplätzen hervor und 
bald wogte ein heftiger Wort- und Faustkampf rings um die Feuer- 
ßtelle des Hauses. Der Lärm nahm bald solche Dimensionen an, 
dass die Sache für mich gefährlich schien und ich meinen ge- 
ladenen Revolver und das Dolchmesser in die Hand nahm. Gerade 
als der Lärm am tollsten war, sprang ein junger Indianer auf, und 
goss mit einem Kübel Wasser das Feuer aus, so dass es stock- 
finster war. Das beendete den Streit, denn jeder zog sich jetzt 
wieder auf sein Lager zurück. 

Am andern Morgen erschien der „berühmte" Medizinmann 
von Moaht. Er nahm die Krankheit in seiner Art energisch in 
AngrifF und drückte, knetete und kniff das arme Kind während 
einer ganzen Stunde fast ununterbrochen, er saugte ihm verschie- 
dene Male Blut aus dem Körper und schnitt dabei Fratzen aller 
Art. Während dieser Zeit hielt die Mutter, der man den Glauben 
an die wundersamen Künste des Mediziumannes ansah, das Kind 
auf den Knien und sang dabei ununterbrochen mit dumpf heulen- 
der Stimme eine Weise, in der man die Worte „Kjukwah" und 
„Claddai" unterschied. Es war dies, wie ich hörte, eine Bitte oder 
Aufforderung an den bösen Geist der Krankheit, sich aus dem 
Körper des Kindes zu entfernen. Während dieser ganzen Zeit 
wurde, um den Höllenlärm zu vermehren, auf eine grosse, mit 
einem Bärenfell bespannte Trommel geschlagen. Nachdem der 
Doktor seine Manipulationen beendet hatte, erhielt er vom Vater 
des Kindes drei Decken. Hierauf nahm die Mutter den kleinen 
Patienten wieder vor und setzte die Kur in der angefangenen 
Weise fort. 

Es dürfte vielleicht angebracht sein, an dieser Stelle einige 
allgemeine Bemerkungen über die Medizinmänner auf Vancouver 



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106 



und an der Nordwestküate von Amerika anzureihen. Diese Leute 
behaupten, im Besitz übernatürlicher Kräfte zu sein. Im All- 
gemeinen glauben die Indianer daran, dass die Medizinmänner die 
Macht haben, Krankheiten zu heilen. Man unterscheidet, wie 
Sproat berichtet, zweierlei Arten von Medizinmänner, diejenigen 
zweiten Ranges, darunter auch Medizinfrauen, wie die oben an- 
geführte, welche nur bei geringen Krankheiten berufen werden, und 
die Medizinmänner ersten Ranges, deren Hilfe man bei schwierigen 
Krankheitsfällen und schweren Gemüthserregungen beansprucht 
Diese Medizinmänner unternehmen es oft, die Seele, welche einen 
Körper bereits verlassen hat, zu demselben wieder zurück zu brin- 
gen, die Seele umzutauschen, Träume zu deuten, Prophezeihungen 
auszulegen und besonders die Dämonen der Krankheiten aus den 
Körpern zu treiben. Selten bekleiden die Medizinmänner einen 
hohen Rang, sie besitzen aber eine bedeutende Macht und oft sehr 
weitgehenden Einfluss, der sich mit dem Vermögen, welches sie 
durch ihre Kuren erworben, vergrössert. Ich habe in Vancouver 
nicht bemerkt, dass die Medizinmänner daselbst eine eigene Sprache 
fuhren, wie man es bei anderen Wilden findet, die mitunter in 
Gegenwart aller eine Besprechung unter sich abhalten, ohne dass 
sie von Jemand verstanden werden. Eine gewisse Ausbildung zum 
Medizinmann findet jedenfalls statt, denn im Allgemeinen besteht 
jede Kur aus denselben Ceremonieu, Bewegungen und Manipula- 
tionen. Jeder Doktor aber bildet seine Methode innerhalb dieses 
Rahmens subjectiv weiter aus und macht oft, um seinen Ruf als 
Zauberer und Beherrscher der Geister beizubehalten oder zu ver- 
mehren die absonderlichsten Anstrengungen. Je extravaganter die 
Medizinmänner bei ihren Kuren singen, heulen und gcstikuliren, 
je mehr sie sich durch überraschende Taschenspiel-Kunststücke, 
die, wie wir später sehen werden, oft sehr plumper Art sind, 
ein Ansehen zu verschaffen wissen, um so blinder ist das Ver- 
trauen auf ihre Macht. Es giebt übrigens nicht wenige Medizin- 
männer, welche den festen Glauben an ihre Macht besitzen und 
sich durch langes Fasten und Kasteien in einen überreizten Zu- 
stand zu versetzen pflegen, in welchem sie selber die treuesteu 
Anhänger ihrer Methode sind. Die Medizinmänner sollen und 



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— 107 — 



wollen nicht blos leibliche, sondern auch Seelen-Aerzte sein. Die 
Sorgen und Bekümmernisse, welche der Indianer hat, wenn er 
einem Unternehmen gegenüber steht, dessen Ausgang vom Glück 
oder Zufall abhängig ist, vertraut er seinem Medizinmann an und 
Letzterer wird damit gebeten, Beschwörungen aufzusagen. So geht 
es beim Beginn der Fischerei, des Walfanges und der Jagd auf 
Pelzrobben, so geht es vor Autritt eines Krieges oder anderer 
grossen Unternehmen. Der Glaube au eine gute Gottheit, welche 
das günstige Geschick herbeiführen kann und die Furcht vor dem 
verderblichen Einfluss einer bösen dämonischen Macht sind beider- 
seits die Ursachen, dass die Indianer mit oder ohne Hilfe ihrer 
Medizinmänner viele abergläubische Gebräuche ausführen. Oft 
habe ich sie früh Morgens im Gebüsch angetroffen, wo sie laute 
Gebete zu dem guten oder bösen Geist emporsandten. 

Am nächsten Morgen verliess ich Muschlath nach dieser eigen- 
tümlichsten Sylvestemacht meines Lebens, und verbrachte den 
ersten Tag des Jahres 1882 damit, wieder an Bord des Schooners 
Favorit zu meinem Freunde Kapitain Frank zurückzukehren. 

Die ersten Tage des neuen Jahres vergingen damit, dass die 
neue Handelsniederlassung errichtet wurde, während ich selbst 
meine Sammlung markirte und einpackte. Erst am 6. Januar 
waren wir so weit, dass wir den Nootkasund verlassen konnten 
und weiter nordwärts fuhren. Unser nächstes Ziel war wieder 
Esperanza Inlet, wo ich einen Monat früher gleichfalls verweilt 
hatte. Wir landeten an der Handelsniederlassung der Firma in 
Nutschatlitz. Ich miethete ein Canoe mit zwei Indianern, es waren 
zufällig dieselben, welche mich im December von hier nach Hes- 
quiaht begleitet hatten, und fuhr mit ihnen tief in Esperanza 
Inlet hinein bis nach Ehattesaht. 

Als wir dort in der Dunkelheit ankamen, fanden wir die 
Bewohner von Moaht zum Besuche anwesend, die sich an einem 
grossen Tanzfeste als geladene Gäste betheiligteu , wodurch mir 
das seltene Vergnügen zu Theil wurde, wieder einmal einem In- 
dianerfest ureigenster Art beizuwohnen. Die Tänze bei den In- 
dianern der Westküste von Vancouver sind verschieden von den 
Tänzen der Indianer der Nord- und Ostküste; auch muss man einen 



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Unterschied zwischen Sommer- und Wintertänzen machen. Während 
ich im Herbst bei meinem ersten Besuch der Nord- und Ostküste von 
Vancouver und des Festlandes nur zwei bis vier Personen sich an 
den Tänzen betheiligen sah, tanzten hier an der Westküste in 
Ehattesaht stets zwanzig bis dreissig Personen auf einmal. Die 
Westküsten-Indianer sollen auch eine weit grössere Anzahl von Tänzen 
haben, als die Indianer der Nordküste; man erzählt, dass bei ihnen 
53 verschiedene Tänze vorkämen. In Ehattesaht fungirte ein förm- 
licher Tanzmeister als Arrangeur der Aufführungen; es wurden so- 
wohl Rundtänze als auch einzelne scenische, Vorführungen gemacht 
Der Tanz- und Ceremonienmeister wies jedem einzelnen Tänzer 
seinen Platz an und gab für die einzelnen Tänze mit seiner Rassel 
das Zeichen für den Takt Sämmtliche Tänzer waren aufs Fest- 
lichste geschmückt, die Mäuner im Gesicht schwarz und roth, die 
Weiber fast alle roth bemalt. Es wurden am Abend meiner dies- 
maligen Anwesenheit nur wenige Tänze mit Masken ausgeführt, 
unter den letzten aber wurde uns das sehenswerthe Schauspiel zu 
Theil, dass man den grossen Adler oder Feuervogel „Hotloxom", 
der den Donner „Tootosch" repräsentirt, vorführte. Der Kopf, 
der Schwanz und die beiden Flügel dieses Vogels bestanden aus 
Holz, der Körper, in welchem ein Indianer steckte, war mit Zeug 
bedeckt und das Ganze gewährte bei der matten Beleuchtung, 
die im Hause herrschte, einen täuschenden Anblick. Mit Vor- 
führungen dieser Art wird immer das Gebiet der kulturellen Ce- 
remonien berührt. Bemerkenswerth war ein anderer Tanz, welcher 
zugleich zeigte, wie wenig Vorbereitungen unter Umständen nöthig 
sind, um jene Indianer in Illusionen zu wiegen. Drei unbekleidete 
Indianer führten eine Gruppe vor, welche einen Wolf darstellte. 
Zu diesem Behufe hielt der Vorderste einen aus Holz geschnitz- 
ten, sehr gut angefertigten Wolfskopf in der Hand, während die 
beiden anderen sich mit einem Canoesegel bedeckt hatten, indem 
sie dabei ganz krumm gingen. Durch dieses Segel wurde der 
Leib des Wolfes dargestellt. Der dritte Mann, welcher mit un- 
bedecktem halben Leibe sich am Ende des Segels befand, hielt 
in der Hand eine eiserne Handsäge, einen sogenannten Fuchs- 
schwanz, die er hinten wie einen Schwanz an seinen Körper hielt 



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109 



und mit der er Bewegungen ausführte. Dieses Dreigespann von 
Indianern machte alle Bewegungen gleichzeitig, so dass ihre dunklen 
Beine wie diejenigen eines sechsbeinigen Thieres marschirten. 
Dieser Riesenwolf klappte seinen Rachen auf und zu und drang 
brüllend und heulend auf die Anwesenden ein, welche in erheu- 
chelter Angst vor ihm fliehend durch das ganze Haus liefen. 

Nach dieser Scene wurde ein anderer Tanz aufgeführt, welcher 
an die Greuel der kannibalischen Harnet ze im Norden und Osten 
von Vancouver erinnerte. Es wurde ein gänzlich unbekleideter 
Indianer, welcher einen Sclaven oder Kriegsgefangenen darstellte, 
rings um das Feuer geführt. Derjenige, welcher ihn leitete, hatte 
einen grossen Dolch in seiner Hand, mit dem er die Bewegungen 
ausführte, als wolle er jenem den Leib aufschlitzen. Der Sclave 
that sehr ängstlich und flehte um sein Leben, 
aber sein unerbittlicher Feind führte pantomi- 
misch den verhängnissvollen Stoss aus und 
machte dann mit beiden zusammengehaltenen 
Händen die Bewegung als schöpfe er das aus 
dem Leibe seines unglücklichen Opfers hervor- 

Frauen-Tanzmaske, eineo 

strömende Blut auf und tränke es in vollen Wolfskopf darstellend. 

Wcst-VaneouTcr. 

Zügen. In dieser Aufführung heulten und tanzten 
alle, die sich in dem Hause befanden. Nach Beendigung der Tänze 
machte ich den Ankauf verschiedener werth voller Masken und Gegen- 
stände , leider nicht zu billigen Preisen, da die Sachen hier für 
sehr werthvoll gehalten werden. Zu meinem Bedauern gelang es mir 
nicht die Utensilien des oben genannten Feuervogels zu erwerben. 

Bei den Festen der West-Vancouverianer wird noch mehr 
auf Ceremonie gesehen, wie an der Nord- und Ostküste der Insel. 
Es werden zwar während des ganzen Jahres bei besonderen Ge- 
legenheiten, z. B. beim Häuserbau, besondere Feste gefeiert; die 
eigentliche Festzeit dagegen dauert, wie schon erwähnt, vom No- 
vember bis Ende Januar. Allgemeine Feste gewöhnlicher Art 
fuhren die Bezeichnung „Klooh-quahn-nah". Dieses Wort bedeutet 
nach einer mir von Herrn Georg Hundt in Fort Rupert gege- 
benen Erklärung soviel wie „plötzlich entstandener Reichthum", 
oder „Einer der plötzlich reich geworden ist". Die Eingeladenen 




110 



werden beim Betreten des Hauses laut bei Namen genannt und 
einem jeden von ihnen sein bestimmter Platz angewiesen. Beim 
Eintritt in das Haus erhält jeder Gast ein Bündel weichen Cedern- 
bast, um daran die Füsse zu reinigen. Der Häuptling, sowie 
überhaupt die vornehmsten Gäste erscheinen zuletzt beim Feste. 
Nachdem alle Eingeladenen rings um das Feuer Platz genommen 
haben, wird das Essen gekocht Dieses geschieht dadurch, dass 
man in eine grosse, mit Wasser gefüllte hölzerne Kiste heisse 
Steine hineinlegt* bis das Wasser ins Kochen geräth und alsdann 
die nöthigen Ingredienzen, namentlich das Fleisch hineinthut, wo- 
rauf dasselbe sehr schnell gar kocht. Es ist ganz dieselbe Mani- 
pulation wie ich sie schon früher bei den Quakultindianeru be- 
schrieben habe. Vor Beginn der Mahlzeit wird vor jedem Gast 
cino kleine aus Baumrinde gefertigte Matte ausgebreitet. Der 
Gastgeber geht während des Essens herum und sieht zu, dass 
jeder Gast gut bedient wird, währenddem ist die Frau des Hauses 
mit einigen anderen Personen damit beschäftigt, den Gästen das Essen 
zuzutragen. Bei Tische wird nur wenig geredet, denn man hält 
das Sprechen während der Mahlzeit nicht für anständig. Ein jeder 
bekommt seine Portion auf die Matte hingelegt. Das Essen besteht 
gewöhnlich aus getrockneten Fischen oder Fleisch, oder frisch 
gekochten Fischen und Thran und wird in hübsch geschnitzten, 
mit vielerlei Figuren versehenen hölzernen Schaalen vorgesetzt. 
Frisch gekochte Fische isst man mit Hilfe eines hölzernen Löffels, 
die anderen Speisen werden vermittelst der Hand zum Munde 
geführt. Die Zähne dieser Indianer sind fast bis auf die Gaumen 
herab abgeschliffen; es rührt dies vielleicht von den stark mit 
Sand verunreinigten getrockneten Fischen her, welche das Haupt- 
nahrungsmittel der Bevölkerung bilden. Eine beliebte Speise bei 
Festlichkeiten ist der Speck der Walfische. Die Portionen, welche 
jeder Gast bekommt, sind gewöhnlich so gross, dass man nicht 
mehr als die Hälfte davon auf einmal verzehren kann, woher es 
kommt, dass Jeder die Ueberreste seiner Mahlzeit mit nach Hause 
nimmt. Nach der Mahlzeit erhält jeder Gast einen Streifen Cedem- 
bast, um die Finger und den Mund daran abzuwischen. Es er- 
folgen dann die üblichen Reden und Berathungen. Frauen werden 



- 111 



selten zu den Festlichkeiten eingeladen; sie feiern aber unter sich 
ein besonderes Fest, zu welchem sie auch die Frauen der be- 
freundeten Nachbarstämme einladen. Ausser den allgemeinen 
Festlichkeiten, bei denen ^es nicht so hoch hergeht, werden noch 
bei besonderen Gelegenheiten, wie schon erwähnt, Specialfeste ge- 
feiert, bei denen sehr viel Geschenke vertheilt werden. Es ge- 
schieht dieses auf dieselbe Weise wie ich schon früher in Bezug 
auf das Festland berichtet habe. 

Am andern Morgen kehrte ich von Ehattesaht nach Nutschnt- 
litz zurück. Wir konnten indessen unsere Absicht, sofort unsere 
Reise mit dem Schooner nach Kayokaht fortzusetzen, nicht aus- 
fuhren, sondern mussten des schlechten Wetters wegen an Ort und 
Stelle bleiben. Au demselben Tage fand in Nutschatlitz abermals 
ein grosses Tanzfest statt, an dem wir theilnahmen, da wir Nach- 
mittags von Bord gegangen und nach Nutschatlitz gekommen 
waren. Dieses Fest fand zu Ehren der Klayoquaht-Indianer statt, 
welche nebst den Bewohnern von Moaht, die ich am Abend vor- 
her in Ehattesaht getroffen hatte, hierzu besonders eingeladen waren. 
An diesem Abend konnte ich besonders genau Acht geben auf das 
Fest, weil ich schon vor Beginn desselben erschienen war und 
nebst dem Kapitain gleichfalls eine Einladung erhalten hatte. Zur 
linken Seite des Eingangs war die ganze Längsseite des inneren 
Hausraums mit den festlich geschmückten Klayoquaht-Indianern be- 
setzt; ihnen gegenüber hatten auf der rechten Seite die ebenfalls 
festlich geschmückten Moaht-Indianer und diejenigen Bewohner von 
Nutschatlitz Platz genommen, welche sich nicht an dem Tanze 
betheiligton. Diese Korona der Zuschauer bestand aus etwa achtzig 
bis hundert Personen, einschliesslich der Weiber und Kinder. Da 
das Fest am Nachmittag begann, so brannte kein Feuer in der 
Mitte des Hauses, sondern der ganze innere Raum war schön 
sauber gefegt Während die Versammlung im Hause vollzählig 
wurde, ordnete sich draussen unter dem Coinmando des Tanz- und 
Ceremonienmeisters der Zug der Tanzenden auf dem freien Platze 
vor der Thür. Die Tanzenden bestanden aus Männern und Weibern ; 
die Männer fast sämmtlich schwarz bemalt, mit langen Federn in 
den Haaren, aber ohne Masken, die Weiber mit roth angestrichenen 



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— 112 - 



Gesichtern, schwarze Decken über die Schultern tragend, das Haar 
über den Rücken aufgelöst herunterhängend, gleichfalls ohne Masken. 

An der hinteren Querseite des inneren Raumes hatten sich 
die »Sänger und Trommler postirt und ^führten ihren Gesang mit 
Trommelbegleitung in lebhaftem Tempo auf. Der Tanzmeister 
Hess immer nur vier bis sechs Personen in das Haus eintreten. 
Diese kleine Schaar bewegte sich tanzend und sich drehend, sowie 
mit den Händen gestikulirend durch den Tanzraum und schloss 
einen Kreis, der einen kleinen Tanz aufrührte. Als sie damit ge- 
endet, trat eine neue Schaar von vier bis sechs Personen ein und 
so fort, bis alle Tänzer im Hause versammelt waren. Hierauf 
wurden Reden gehalten und Decken, Gewehre, Canoes und Segel 
verschenkt, und alsdann wieder getanzt. Einer der sonderbarsten 
und überraschendsten Tänze, welche ich je gesehen habe, bestand 
darin, dass die ganze tanzende Gesellschaft, bestehend aus Männern, 
Frauen, Mädchen und jungen Männern sich mitten in einem grossen 
Rundtanz wiederholt auf ein gegebenes Zeichen in wildem Durch- 
einander auf die Erde warf, und dort eine chaotische wirre Masse 
bildete, in der man die einzelnen Personen unmöglich zu erkennen 
vermochte, da man nur hier und da einen Arm oder Fuss sich 
herausstrecken sah, der sich sofort zurückzog, um in der be- 
wegten Masse zu verschwinden. Ich bemerkte hierbei zufallig, 
dass die Häuptlingstochter sich den Luxus erlaubte, eine kleine 
Decke in demselben Moment auf den Erdboden zu werfen, wo sie 
sich nach dem Kommando zu Boden stürzen musste. Eben so 
schnell sprangen dann alle wieder auf und tanzten weiter. Ich 
machte im Allgemeinen die Bemerkung, dass bei solchen Gelegen- 
heiten, wie auch im gewönhlichen Leben die Indianer die Gewohn- 
heit haben, Fichtenharz zu kauen. Diese Sitte scheint über ganz 
Nordamerika verbreitet zu sein, da ich dieselbe auch bei den Es- 
kimos von Labrador constatirte. Die Indianer beziehen dieses 
Harz auf dem Handelswege und bezahlen dasselbe oft sehr theuer. 

Wir konnten wegen der notwendigen Reisevorbereitungen das 
Ende des Festes nicht abwarten, da dasselbe erst gegen Mitter- 
nacht eintrat. Ge-ren Abend gingen wir an Bord und setzten am 
andern Morgen um 5 Uhr die Segel. 



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113 



Ein günstiger Wind führte uns nach Kayokaht, welches wir 
schon am Nachmittag erreichten. 

Wer begreift das Erstaunen der Einwohner von Kayokaht, 
als sie mich, den sie längst in Victoria oder auf dem Grunde des 
Meeres glaubten, plötzlich zurück kommen sahen. Kapitain Frank 
begann sofort, nachdem wir Anker geworfen hatten, die für die 
dortige Handelsstation bestimmten Güter auszuladen, wälirend ein 
schwerer Sturm mit Schnee aus Süd und West heraufkam. 

Am nächsten Tage erhielten wir einen Beweis, wie gefahrlich 
die Bewohner dieser Gegend für den weissen Mann sind. Der 
Missionär Pater Nicolai, welcher in dem benachbarten Indianer- 
dorfe Tschuklesaht einen Besuch gemacht hatte, kam von dort zu- 
rück und erzählte, dass die dortigen Indianer, welche zu den wil- 
desten Bewohnern von West - Vaneouver gehören, ihn mit Aexten 
und Messern bedroht hätten. Er war der schreienden und tobenden 
Menge, die sich mit Wuthgeheul auf ihn stürzte, um ihn zu er- 
morden, gelasst entgegen getreten, und hatte den Leuten, deren 
Sprache er kannte, mit ruhiger Stimme erklärt, dass sie ihn wohl 
tödten könnten, dass aber alsdann binnen kurzer Zeit ein Kanonen- 
boot erscheinen würde, dessen Befehlshaber sicherlich die Hälfte 
der Einwohnerschaft von Tschuklesaht aufhängen lassen würde-. 
Dieses half; die wilde Baude wurde stutzig und, da sie aus Er- 
fahrung wohl wussten, dass sich, so oft von Seiten der Indianer 
eine Unthat verübt worden war, jedesmal ein englisches Kanoneu- 
boot prompt eingestellt und die Schuldigen bastraft hatte, so stan- 
den sie von der Ermordung des Paters Nicolai ab. Aber sie er- 
klärten ihm, dass er ihr Gebiet sofort verlassen und sie mit seinen 
Bekehrungsversuchen verschonen solle, denn sie wären mit ihrer 
Religion vollkommen zufrieden. 

Die Indianer dieser Gegend sind nicht nur gegen Fremdo, 
sondern auch unter sich ausserordentlich grausam, wovon die 
Berichte über frühere Kriege der einzelnen Dörfer unter einander 
Zeugniss ablegen. Ich will hier die mir von vielen Seiten mit- 
getheilte Erzählung eines solchen Kriegszuges nach Sproat's Schil- 
derung einschalten, in welcher der bereits genannte Kriegshäuptling 
Setta Canim von Klayoquaht eine grosse Rolle spielt. 

,\. Woldt, Capitata JnrotaenV Reifte. S 



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- 114 — 



Vor längerer Zeit, als dieser eroberungslustige uud grausame 
Mann seinem unbesiegbaren Drang, den Ruhm seines Heimaths- 
dorfes auf dem Kriegspfade zu vermehren, Ausdruck gelien wollte, 
bot sich ihm in der zwischen seineu Klayoquahts und den nörd- 
licher wohnenden Kayokahta gerade herrschenden feindseligen Stim- 
mung hierzu eine geeignete Veranlassung dar. Monate lang schürte 

der schlaue und bos- 
hafte Häuptling bei 
jeder Gelegenheit das 
Feuer der Zwietracht 
und hielt Reden gegen 
die Kayokahts. Aber 
sein Stamm gab zu be- 
denken, dass die Geg- 
ner sehr zahlreich und 
muthig seien, und dass 
eine Besiegung derselben 
ausserordentlich schwie- 
rig seiu würde. Nach 
sehr langen Debatten 
kam mau zu dem Be- 
schluss, dass man den 
Krieg unternehmen wür- 
de, wenn es gelänge, die 

Zwei Indianer der Westküste von Vancourcr, derjenige Bewohner Von Muscll- 
züt Rechten Ist der Häuptling Setta Canim. 

Iaht und Moaht, deren 
Gebiet zwischen beiden feindlichen Partheion liegt, zu Bundesgenossen 
zu gewinnen. Man schickte also zunächst ein Canoe mit den tüch- 
tigsten Rednern des Stammes in diese Dörfer, um die dortigen In- 
dianer für sich zu gewinnen. Dies gelang in überraschend günstiger 
Weise, und die drei verbündeten Dörfer beschlossen die Kayokahts 
durch einen Kriegszug zu vernichten. 

Nachdem dieser Beschluss gefasst war, entstand eine grosse 
Aufregung im Dorfe Klayoquaht, denn jedermann rüstete sich zum 
Kampfe. Die Vorbereitungen zum Kriege wurden sehr eifrig be- 
trieben, die Kriegscanoes in Stand gesetzt, Kriegspaddelu mit 




— 115 — 



laugen spitzen Stacheln angefertigt und alles in besten Zustand ge- 
bracht, die Mannschaft der einzelnen Canoes bestimmt und die 
Befehlshaberstellen vertheilt. Als alles fertig war brachen eines 
Morgens 22 grosse Canoes, jedes mit 10 bis 15 Klayoquaht- 
Kriegern bemannt, auf. Alle diese Leute waren nach Indianerart 
im Gesicht schwarz bemalt, und verliessen ihre Heimath unter dem 
lauten Gesänge ihrer am Ufer stehenden Weiber, welche die Davon- 
ziehenden beschworen, die Ehre des Stammes aufrecht zu erhalten 
und als Sieger nach Vernichtung der Feinde heimzukehren. 

Unter lautem Jubel ging die Fahrt unter Anführung Setta 
Ca n im' 8 nordwärts längs der Küste, bis man gegen Abend Hes- 
quiaht erreichte, woselbst geankert und gelandet wurde. Setta 
Canim benutzte natürlich diese Gelegenheit, um, unterstützt durch 
seine grosse Kriegsmacht, seine Beredtsamkeit auf die Hesquiahts 
einwirken zu lassen und sie zu Bundesgenossen zu gewinnen. 
Während dieser Nacht schliefen die Klayoquahts in ihren Canoes 
und am anderen Tage ging der Kriegszug weiter, bis man gegen 
Abend Friendly Cove erreichte, woselbst die Bewohner von Moaht 
bereits warteten. 

Es wird berichtet, dass der Kriegszug unter dem lauten Ge- 
sang aller Krieger, welche ihre Schlachtgesänge vortrugen, sowie 
unter dem weithin schallenden Ton der Kriegstrommel bis dicht 
ans Land fuhr, und dass Setta Canim hierselbst, hochaufge- 
richtet in seinem Canoe, nur mit einer rothen Decke bekleidet, 
das Haar nach Kriegsweise in einem grossen Knoten oben auf 
dem Kopfe zusammengebunden tragend, eine jener feurigen Reden 
hielt, mit denen er, ein geborener Redner, seine Stamraesgenossen 
hinzureissen wusste. In der rechten Hand, mit welcher er gesti- 
kulirte, hielt er bei "dieser Gelegenheit ein altes Dolchmesser. 
Er verstand es, wie kein Anderer, seine Zuhörer davon zu 
überzeugen, dass der Krieg, welchen sie vorhatten, wirklich not- 
wendig sei. 

Nachdem er eine halbe Stunde lang geredet, wurde von den 
am Ufer stehenden Moahts eine kurze Gegenrede und Begrüssung 
des grossen Häuptlings und seiner Krieger geleistet, worauf alle 
an Land stiegen. Es begann ein grosses Festmahl, bei welchem 

8* 



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die Moahts die Wirthe machten, und alles in äusserst feierlicher 
Weise herging. Nach dem Essen nahmen die Reden und Be- 
rathungen ihren Anfang. Jeder Häuptling gab seine Ansicht 
kund, wie man am besten den Feind angreifen könnte, und zu- 
letzt versammelten sich alle auf dem flachen, sandigen Strand, auf 
dem in rohen Zügen eine Karte des Hauptdorfes der Kayokahts 
gezeichnet ward. Der Verfertiger dieser Karte war ein unter den 
Anwesenden befindlicher Kayokaht-Indianer, welcher die Häuser 
durch kleine Sandhäufchen bezeichnete. Besonders genau wurde 
die Lage der Häuser des Oberhäuptlings Nancis und des Kriegs- 
häuptlings Moschenik bezeichnet, damit jeder Krieger genau 
wüsste, wo diese gefahrlichsten beiden Feinde zu erreichen wären. 
Bei Fortsetzung der Berathung gab jeder der Anwesenden seine 
Ansicht darüber ab, wieviel Bewohner in jedem einzelnen Hause 
von Kavokaht vorhanden seien. 

Zuletzt wurde von Setta Canim folgender Kriegsplan ent- 
worfen: Die 15 Canoes der Klayoquahts sollten das Centrum 
bilden, die 14 Canoes der Muschlahts und Moahts sollten den 
rechten Flügel übernehmen und noch einige Canoes der Klayo- 
quahts sollten im Verein mit den Hesquiahts den linken Flügel 
herstellen. Diese ganze stattliche Macht sollte nach Indianerweise 
wälirend der Nacht, wenn alles schlief, das Dorf Kavokaht über- 
fallen und alle Einwohner niedermetzeln. Ausserdem war be- 
stimmt, dass sämmtliche Häuser verbrannt werden sollten, zu 
welchem Zwecke man harziges Holz mitgenommen hatte. 

Nachdem der Feldzugsplan auf diese Weise festgesetzt wor- 
den war, machten sich die Bewohner von Moaht und Muschlaht 
daran, ihre letzten Vorbereitungen eifrigst zu beendigen. Noch 
während desselben Tages kam es zwischen zwei Häuptlingen der 
Klayoquahts zu einem heftigen Streit darüber, wer von beiden den 
gefiirchteten Kavokaht- Häuptling Moschenik angreifen sollte. 
Dieser Streit wäre fast zu Thätlichkeiten ausgeartet, wenn nicht 
die alten und erfahrenen Krieger des Stammes sich vermittelnd 
eingelegt hätten. Am Abend wurde wieder ein Festmahl einge- 
nommen, und alsdann Boten an die Mannschaften der noch aus- 
gebliebenen Canoes jresandt, mit der Nachricht, dass am nächsten 



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— 117 - 



Morgen bei erstem Tagesanbruch die Weiterreise stattfinden würde. 
Noch vor Sonnenaufgang fuhr der grosse Kriegszug bei herrlich- 
stem Wetter weiter. Man paddelte unter dem Vortrag der Kriega- 
gesange nach dem Takt der vom Trommelschläger gerührten 
Trommel längs der Küste nach Nordwesten. Die Muschlaht-In- 
dianer, welche unter der Anführung ihres riesengrossen und star- 
ken Häuptlings Nissend standen, betheiligten sich am Zuge mit 
zwei Kolonnen, deren jede aus sieben Canoes bestand. 

Als man sich Esperauza Inlet näherte, wurde Befehl ge- 
geben, dass die Fahrzeuge sich möglichst nahe am Ufer halten 
sollten, damit sie nicht entdeckt würden. Man landete beim Dorfe 
Ehattesaht und sämmtliche Krieger schwärzten ihre Gesichter aufs 
Neue. Die nächste Nacht war zur Ausführung des Ueberfnlles 
bestimmt, und es gelang den vereinigten Stämmen, in einer Bucht 
an der Insel zu landen, wo sich das Hauptdorf der Kayokaht 
befindet. Bis Mitternacht hielt sich Jedermann im Canoe, ohne 
den geringsten Laut von sich zu geben. Der Angriff wurde da- 
durch erleichtert, dass während der Nacht kein Mondschein 
herrschte. Als der Moment des Angriffes erschienen war, fuhren 
die Canoes mit grosser Schnelligkeit auf das Dorf Kayokaht zu 
und die in den Fahrzeugen befindlichen 400 Indianer sprangen 
ans Land und stürmten unter Anführung ihrer Häuptlinge gegen 
das Dorf. Es wäre um das letztere mit allen seinen Einwohnern 
geschehen gewesen, wenn nicht ein Zufall die Entdeckung der 
Feinde herbeigefulirt hätte. 

Zwei fischende Kavokaht-Indianer kamen nämlich um diese 
Zeit früher als gewöhnlich mit ihrem Canoe zurück und wurden 
gewahr, wie die Kriegsfahrzeuge sich in schneller Fahrt ihrem 
Heimathsdorfe näherten. Augenblicklich sprangen diese beiden 
Fischer in ilirem Fahrzeuge auf und schrieen mit gellender Stimme 
den Warnungsruf ihres Stammes aus: „Weennah! weennah!" d. h. 
„Fremde" oder „Gefahr". Mit Zauberschnelle wirkte dieser Ruf 
und nach wenigen Sekunden, noch bevor die Canoes das Ufer 
berührt hatten, ertönte das „Weennah!" von Haus zu Haus und 
rief alle Kayokaht-Indianer zu den Waffen. Der Kampf begann 
sofort, aber er traf die dort Wohnenden nicht ganz unvorbereitet 



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— 118 — 

und sie vertheidigten sich mit aller ihnen zu Gebote stehenden 
Energie und Tapferkeit. Bald mischte sich das knatternde Ge- 
wehrfeuer mit dem Geschrei der Sterbenden und Verwundeten, 
während einige Häuser angezündet wurden und das schreckliche 
Schauspiel weithin beleuchteten. Die Kayokahts gaben einen Theil 
ihres Dorfes preis und concentrirten sich beim Hause ihres Ober- 
häuptlings. Der Letztgenannte, wohl wissend, dass es sich um 
seinen Kopf zuerst handelte, hatte sofort, nachdem der Lärm ent- 
standen war, in der Eile sein Haus mit Allem verbarrikadiren 
lassen, was geschwind aufzutreiben war, und Kisten und Kasten 
an den Eingängen aufgehäuft. Von hier aus unterhielt er ein 
starkes, wenn auch wenig schädliches Feuer auf die ins Dorf 
eingedrungenen Feinde. Setta Canim, der die Situation sofort 
übersah, stürmte in verzweifelter Wuth, unterstützt von seinen 
beiden Gewehrträgern, auf das verbarrikadirte Haus seines ver- 
hassten Feindes los, aber er war machtlos, da er hier die ge- 
summte coucentrirte Streitkraft seiner Gegner vereinigt fand. Der 
linke Flügel drang zwar in einzelne Häuser ein und tödtete die 
dort Zurückgebliebenen, aber der Gesammterfolg des ersten An- 
griffe war doch ein verfehlter, weil die Ueberfallenen nicht im 
Schlafe überrascht und getödtet worden waren. 

Die Folgen hiervon zeigten sich denn auch bald, die Be- 
wohner von Muschlaht zogen sich zuerst aus dem brennenden 
Dorfe nach dem Strande zu ihren Cauoes zurück und bezeigten 
keine Lust, sich weiter am Kampfe zu betheiligen. Hierdurch 
wurde das Ende des ganzen Ueberfalles herbeigeführt, denn bald 
schlössen sich andere Gruppen an und das Dorf leerte sich all- 
mählich von Feinden. Zwar versuchte Setta Canim noch ein- 
mal das Haus des Häuptlings zu erstürmen, aber er wurde zu- 
letzt von seinen eigenen Leuten verlassen und musste sich gleich- 
falls zurückziehen. 

Der stolzen Ausfahrt folgte eine traurige Heimkehr; die 
Krieger jedes Dorfes fuhren in selu* gedrückter Stimmung schwei- 
gend nach Hause, am niedergeschlagensten von Allen die An- 
stifter des ganzen Krieges, die Klayoquahts. Zwei Tage später 
erreichten die Letzteren ihr Heimatlisdorf wieder, sehnsüchtig er- 



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119 - 



wartet von den auf dem felsigen Gestade ihrer harrenden Weibern. 
Aber als die Krieger in dumpfem Schweigen sich dem Ufer 
nahten und keinen Siegesgesang anstimmton, so wurde auch den 
Frauen klar, dass der Kampf für die Ihrigen unglücklich ausge- 
fallen war und sie stimmten laut heulend den Todtengesang an. 
Sie hatten hierzu wohl einige Ursache, denn der Verlust der 
Ihrigen belief sich auf elf Todte und 17 Verwundete, ein fast zu 
grosses Opfer für die 34 Köpfe erschlagener Kayokahts, die die 
Männer nebst 13 Sclaven als Siegesbeute heimbrachten. 

Nachdem sie heimgekehrt waren, wurden zwar einige Sieges- 
feste gefeiert, die Feindesköpfe am Dorfgehege aufgestellt und 
späterhin die Skalpe der Erschlagenen an die Sieger vertheilt, es 
erfolgten auch Rangerhöhungen und Namensänderungen einzelner, 
besonders tapfer gewesener Krieger, aber das Siegesbewusstsein 
war doch verschwunden und an dessen Stelle Angst und Besorg- 
nis in das Dorf Klayoquaht eingezogen, denn man fürchtete, dass 
der sehr mächtige Stamm der Kayokahts den Ueberfall blutig 
rächen würde. Hierzu kam noch, dass sie sich mit den Muschlaht- 
Indianern, denen sie die Schuld an dem Ausfall des Krieges zu- 
schrieben, entzweiten. Täglich wurden Gerüchte ausgesprengt, dass 
die Kayokahts mit einer stattlichen Menge Canoes heranrückten, 
um das Dorf zu überfallen, und vor Allen war es Setta Canira, 
der aus Furcht, plötzlich ermordet zu werden, da ihn Jedermann 
als den einzigen Urheber des Krieges bezeichnete, sein Haus nicht 
zu verlassen wagte. Schliesslich ging man in der Furcht so weit, 
dass man rings um das Dorf eine Schutzwehr errichtete und einen 
Proviantvorrath herbeischaffte, um eine etwaige Belagerung aus- 
halten zu können. Es dauerte mehrere Jahre, bevor sich dieses 
allgemeine Gefühl der Furcht allmählich in Klayoquaht verlor. 

Am 12. Januar traten wir unseren Rückweg an und er- 
reichten einige Tage darauf mit dem Schoouer „Favorite" Barclay- 
Suud, woselbst ich noch einen letzten Abstecher nach dem In- 
dianerdorfe Juklulaht machte und dort viele Einkäufe besorgte. 
Drei Tage später landeten wir wieder in der Hauptstadt Victoria. 
Von dort aus kehrte ich nach San Francisco zurück und hatte 
• somit den ersten Theil meiner Reise erledigt. 



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VII. 

Nochmals nach Victoria. Auftrag, langköpfige Indianer (Longheadst für Herrn 
Hagrnbeck zu engngiren. Mit Dumpfer „Otter" nach Fort Rupert. Gross*- 
Versammlung der Quakult-Indianer. Viele Indianerfeste. Kine Theaterbühne. 
Namengebunjr an ein Indianermadehen. Weibertanz. Tanz eines Medizinmannes 
aus Nakortok. Ein kranker Indianer. Zauberkunststücke. Der ins Hvrz ge- 
worfene Stein. Die Verwandlung von Cedernbast in eine Glaskugel. Ich gem- 
ein Indianerfest und erhalte einen Indiaiiernamen. Eine Perrücke vom Pariser 
Maskenball als Indianerkopfschmuck. Die drei Dörfer der Longhead-Indianer : 
Nooette, Koskimo und Quatsino. Expedition mit Uni. Hundt 's Schaluppe. 
Nooette. Reicher Pelzrobbenfang. Fahrt um die Nordspitze von Vancouver. 
Guter Empfimg bei Wachas, Negetze's Sohn in Koskimo. Meine Günnerin, 
Wachas Gemahlin, lässt sich für Ilm. Hagenbeck eiigagiren. Ich fusehe 
Gott Hymen ins Handwerk. Georg Hundt 's Privathandelsgeschäftc. Ein Bot«- 
durcli den Urwald nach Fort Ruin-rt. Wachas verschenkt sein Eigenthum. 
Ich engagire fünf Langköpfe für Hrn. Hagenbeck. Eine Fisch- und Jagd- 
partie mit William Hundt. Ich rette drei Langschiidel für die Wissenschart. 
Der ganze Stamm ist gegen mich. Desertion des ersten Engagirten. Rückfahrt 
nach Quatsinosund. Georg Hundt als Solosänger und Tänzer. Achttägiger 
Südwesteturm. William Hundt 's liebevolles Eheweib. Feierlicher Abschied 
von Quatsino. Meine Gönnerin wird schwankend. Allgemeine Seekrankheit. 
Georg Hundt parlamentirt. Ich setze meinen Willen durch. Cnp Scott. 
Rückkehr nach Fort Rupert. Aus der Scylla in die Charybdis. Neid der Fort 
Rupert -Indianer. Depesche aus Europa. Deputation aus Koskimo. Desertion 
des Ehepaares Wachas. Selbstauflösung der ethnologischen Expedition. 16. April 
1882. Rückfahrt nach Victoria. Auftrag von Berlin, die IHomedes-Inseln in 
der Beringstrasse zu bereisen. Ex|>edition längst der Ostküste von Vancouver. 
Cowichan. Quainichan. Kupferinsel. Pinalekaht. Missionär Robertson. Chi- 
menes. Eine Decke aus Hundehaaren. Nanaitno. Alte Hornkeile. Juklutok. 
Indianischer Begräbuissplatz. Ein thenrer Franzose. Comox. Steinerne Pfeil- 
spitzen, beim Pflügen gefunden. Mein Hotelwirth Patrik. Zwei alte Indianer- 
kirchhöfe. Schwierige Kletterei. Eim- laiche ohne Kopf. Aufbruch nach Bute 
Inlet. Eine muthige Seglerin. Clayamen. Malaspina. Gerüchte über grossartige 
Steinskulpturen. Unikehr. Insel Collap. Sechelt. Ein chinesischer Kaufmann. 

Ueber Victoria nach San Francisco. 

Schneller als ich erwartet hatte, musstc ich mich wieder nach 
dem Schauplatz meiner herbstlichen und winterlichen Reisen zurück- 
begeben, indem ich schon am 20. Februar von San Francisco wieder 
abführ und drei Tage darauf in Victoria landete. Es war mil- 
der Auftrag ertheilt worden, den Norden von Vancouver noch ein- 
mal zu besuchen, und namentlich die in Koskimo und Quatsino 



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121 



lebenden langköpfigeu Indianer näher kennen zu lernen. Wenn 
es gelang, eine Anzahl dieser Leute zu bewegen, mit nach Europa 
zu kommen, um daselbst dem Studium der anthropologischen und 
ethnologischen Kreise zugänglich zu sein, so sollte ich, wie mein 
Auftrag lautete, eine solche Gesellschaft auf Kosten des um die 
Wissenschaft hochverdienten Herni Carl Hagenbeck in Hamburg 
engagiren. Dies hinderte natürlich incht, dass ich meine bisherige 
Thätigkeit im Einkaufen ethnologischer Gegenstände aller Art in 
derselben Weise wie bisher fortsetzte. Der Dampfer Otter brachte 
mich nach Fort Rupert, woselbst mich meine indianischen Freunde 




IioppelgeMchtige Tanzniaske im ge- Doppelgesichtige Tanzmaske im ncöfTheten Zu- 
Rchlos^enen Zustande, ein Setungeheuer stände, die innere Ansieht ein Monschengesicht 
darstellend. Furt Rupert iVancouven. darstellend. Fort Ruiiert (Vancouveri. 

in herzlicher Weise hegrüssten. Der Ort bot diesmal einen ganz 
andern Anblick dar als zur Herbstzeit, denn es hatte sich hier- 
selbst fast der ganze Stamm der Quakult-Indianer versammelt, 
bei welcher Gelegenheit grossartige Tänze und Festlichkeiten 
gefeiert wurden. Bei dieser Stammesversammlung suchte es 
natürlich ein Häuptling dem andern zuvor zu thun und er be- 
festigte sein Ansehen bei den Stammesgenossen dadurch, dass er 
sein gesammtes Hai) und Gut vertheilte und verschenkte. So 
wanderten täglich hunderte, ja tauseude von Decken aus einer 
Hand in die andere; gleichzeitig wurden Streitigkeiten geschlichtet, 
Klagen erledigt, Berathungen abgehalten u. s. w. Die Seele des 



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122 



Ganzen war der Häuptling der Quakult-Indianer, welcher in Fort 
Rupert residirte. 

Ich nahm natürlich bei meinem alten Freund und Wirth Herrn 
Hundt, dem Vorsteher des Handelspostens der Hudsons-Bay-Com- 
pany wieder Wohnung, und miethete zu gleicher Zeit seine Scha- 
luppe und engagirte seine beiden Söhne als Begleiter zur Fahrt 
nach Quatsino. Am Abend nach meiner Ankunft wohnte ich einem 
der grössten indianischen Tanzfeste bei, die ich je kennen gelernt 
habe. Es fand wie alle diese Feste unter vielen Ceremouien statt 
Das gewöhnliche Volk erschien zuerst, später kamen die ange- 
sehenen Indianer uud Häuptlinge und zuletzt der Oberhäupt- 
ling. An den Wänden befanden sich Bänke, die von der zu- 
schauenden Menge besetzt wurden, in der Mitte des Raumes 
brannte ein grosses Feuer, welches alle Gegenstände und Personen 
lebhaft und grell beleuchtete. Gegenüber der Eingangsthür hatte 
sich wie gewöhnlich das Corps der Musiker und Sänger aufge- 
stellt; es stand unter Leitung eines aufs festlichste geputzten und 
mit Federn im Haupthaar geschmückten Vorsängers, der die 
Worte vorsprach, welche der Chor saug. Die drei grossen Trom- 
meln standen ausnahmsweise au der Eingangsthür. Nachdem der 
oberste Häuptling eingetreten war, wurde die grösste Trommel von 
zwei festlich geselimückteu Indianer behutsam aufgehoben und 
langsam mit gravitätischen Schritten viermal rings um das Feuer 
getragen. Alsdann wurde sie vor die Front des Musikcorps ge- 
bracht und hier dreimal bis nah auf die Erde herunter gesenkt, 
das vierte Mal jedoch erst hingestellt. 

An einer Stelle des Hauses war durch Aufhängen von Canoe- 
segeln eine Art Vorhang hergestellt worden, welcher einen kleinen, 
bühuenartigen Raum abtrennte. Hinter dem Vorhang traten plötz- 
lich zehn festlich geschmückte Indianerweiber hervor, welche ein- 
mal rings um das Feuer tanzten und alsdann wieder verschwanden. 
Nachdem dieses zweimal hinter einander geschehen war, wurde der 
Vorhang plötzlich heruntergelassen und nun bot sich unseren Augen 
ein wunderbares Schauspiel dar. 

Eine grosse Gruppe mit Masken bekleideter Indianer stellte 
allerhand Thiere, Götter und Dämonen dar, welche mit einander 



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— 123 



Tänze aufführten. Hier sah man einen Baren mit einem Unge- 
heuer tanzen, welches das mächtige Mundstück seines kolossalen 
Kopfes fortwährend auf- und zuklappte, dort hielten sich ein Wolf 
und ein Adler umfasst und drehten sich im Kreise. Es dauerte in- 
dessen nur einige Minuten, während deren uns dieser Anblick zu 
Theil wurde. Sodann wurde der Vorhang wieder in die Höhe 
gezogen, und ein für uns Alle unsichtbares Musikcorps, das in- 
zwischen einen wahren Höllenspectakel mit hölzernen Pfeifen und 
Flöten gemacht hatte, stellte für den Augenblick seine Thätigkeit ein. 
Alsdann fiel der Vorhang wieder für einige 
Minuten und die ganze Tanzgesellschaft, 
welche, wie ich vernahm, dem Stamme der 
Nemkis-Indianer augehörte, tanzte wieder 
wie vorher nach den Tönen der unsicht- 
baren Flötisten. 

Der zweite Theil des Festes war den ge- 
wöhnlichen Indianertänzen gewidmet, bei 
denen keine Masken verwendet wurden. 
Hier verliess der Oberhäuptling die Gesell- 
schaft, um sich nach seinem eigenen Hause 
zu begeben, woselbst an diesem Tage gleich- 
falls ein grosses Tanzfest stattfand. Der 
Oberhäuptliug hatte mich eingeladen, diesem 
Feste beizuwohnen, deshalb begab ich mich 

Tanzinn.»ke mit bew> 

zu ihm. Als seine Gäste waren in seinem ESSSfiSfci N * m ^f" 1 

(NordostkOste von Vancouvcr.) 

sehr geräumigen Hause die auf dem Fest- 
lande nördlich von Fort Rupert wohnenden Nakortok-Indianer an- 
wesend, welche der Aufforderung ihres Wirthes gemäss mehrere 
Tänze aufführten. 

Bevor sie damit begannen, fand eine andere Ceremonie eigen- 
tümlicher Art statt. Ein junges Mädchen aus Comox, einem 
Indianerdorf etwa in der Mitte der Ostküste von Vancouver, 
wurde vom Oberhäuptling veranlasst, einen Solotanz aufzuführen. 
Sie that dies in jener eigentümlichen Weise, welche die meisten 
Tänze der Indianer auszeichnet. Der Tanz besteht nämlich 
nicht in einem Drehen des Körpers, sondern einem hüpfenden 




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124 



Schweben, abwechselnd auf einer der beiden Fussspitzen. Hierbei 
werden die Arme geradlinig ausgestreckt, gewöhnlich so, dass die 
rechte Hand schräg nach oben mit ausgestreckten Fingerspitzen 
bis über Kopfhöhe erhoben ist, während der linke Arm, geradlinig 
schräg nach hinten und unten in derselben Weise ausgestreckt 
wird. Die Kunst des Tanzens concentrirt sich, wenn man so sagen 
darf, in der Thätigkeit der Fingerspitzen, indem diese fortwährend 
in leise vibrirender Bewegung gehalten werden, gleichsam als wären 
sie von krampfhaftem Zittern befallen. Während das junge Mäd- 
chen diesen Tanz mit viel Geschick und Ausdauer aufführte, 
wurde sie von zehn tanzenden Quakult-Indianerinnen begleitet, 
welche indessen einen anderen Tanz aufführten. Nachdem diese 
Solo-Piece beendet war, erhielt das junge Mädchen von dem Ober- 
häuptling einen neuen Namen, den sie, wie mau mir sagte, so 
lange zu tragen hätte, bis sie, vielleicht im nächsten Jahre schon, 
einen anderen Tanz aufführen würde, der von einer neuen Namen- 
gebung begleitet wird. 

Erst jetzt begannen die Tänze der Nakortok-Indianer. 

Zuerst führte wieder ein junges Mädchen einen Tanz auf, 
bei dem sie von versclüedeuen Indianerfrauen begleitet wurde; 
späterhin folgten verschiedene allgemeine Tänze und zwischendurch 
Einzeltänze eines Hametzcn und eines Medizinmannes aus Na- 
kortok. Der letztgenannte, der, obgleich noch jung an Jahren, 
doch bei seinen Stammesgenossen in grossem Ansehen stand, be- 
sass in ungewöhnlicher Weise die Eigenschaft, durch Manipula- 
tionen aller Art sein Publikum zu fesseln; auch stand er in dem 
Rufe, bereits eine grosse Zahl vortrefflicher Kuren ausgeführt zu 
haben. Eine Probe seiner Fähigkeit gab er uns noch während 
des Festes. 

Als die Tänze beendet waren, wurde ein kranker Indianer, 
der elend und hülflos auf einer Matte lag, hereingetragen und 
auf den Erdboden niedergelegt; diesen Patienten zu kuriren, über- 
nahm nun der Medizinmann. Zu diesem Zwecke war es not- 
wendig, dass er nach Indianersitte seinen Zuhörern zuerst einen 
Beweis seiner Macht und seines Einflusses über die Iwlebte und 
unbelebte Natur gebe, indem er einige Taschenspieler-Kuuststücke 



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- 125 



ä la Bosco ausführte. Er nahm einen kleinen Stein von der 
Erde auf und fragte, in welchen Gegenstand er denselben ver- 
wandeln solle. Der Eine wünschte dies, der Andere wünschte 
jenes, und der Medizinmann, ohne sich auf einen dieser Wünsche 
einzulassen, ging, da« Steinchen zwischen beiden 
flachen Händen haltend und geheimnissvoll rei- 
bend, wahrend er gleichzeitig eine Art Beschwö- 
rungsformel sang, immer rings um das Feuer. 
Es gelang ihm, einen Moment zu finden, wo er 
den Stein, ohne dass es Jemand merkte, heimlich 
auf die Erde fallen liess und gleichzeitig trium- Fort Bapert 

phirend seine leereu Hände im Kreise herumzeigte. 
In demselben Augenblick hörte man, dass, jedenfalls durch einen 
verborgenen Gehülfen, von aussen ein Stein auf das hölzerne Dach 
des Hauses geworfen wurde, der mit lautem Gepolter herabrollte. 
Die Indianer stiessen erstaunte Rufe der Bewunderung aus und 
man merkte an ihren Gesiebtem, dass sie sämmtlich die feste Ucber- 
zeugung gewonnen hatten, dass der Medizinmann den Stein vermittelst 
Zauberkraft durch die Bretter des Daches hindurchgeworfen hatte. 

So geringfügig dieses Kunststück an und für sich war, so 
bedeutete es doch in der Auffassung der Indianer ungeheuer viel, 
denn diese Leute glauben, dass ein Medizinmann die Gewalt be- 
sitzt, Jedermann, wer es auch sei, einen Stein bis mitten hinein 
ins Herz zu werfen und dass der also Getroffene unfehlbar sterben 
müsse. Dieser Glaube au die unfehlbare Macht der Medizin- 
männer ist bei den Indianern so gross, dass sie, wenn ein solcher 
Zauberer ihnen sagt: „Du wirst in so und so vielen Tagen sterben!" 
sich fiu- unrettbar verloren halten und am gedachten Tage wirk- 
lich vor Angst sterben. 

Der Missionär Mr. Crosby erzählte mir hiervon ein sehr 
eklatantes Beispiel. Ein junger, achtzehnjähriger Indianer aus dem 
Dorfe Nanaimo an der Ostküste von Vancouver, nördlich von 
Victoria, ein junger fleissiger Mensch, der in der Missionsschule 
tüchtig lernte und schon zum Christenthum übergetreten war, hatte 
eines Tages in scherzhafter Weise einen Medizinmann geneckt. 
Letzterer, hierüber ergrimmt, sagte zu dem jungen Indianer: „Du 




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126 — 




Halzring eine» Mc 

Fort Rupert. 



wirst in sechs Wochen sterben!" Der junge Mensch wurde hierüber 
so verzweifelt, dass er, ohne sich Jemand anzuvertrauen, immer 
stiller wurde und sich endlich hinlegte und erkrankte. Nach 
einigen Wochen erst gelang es dem Missionär, hinter den wahren 

_ Sachverhalt zu kommen, aber alle Ver- 
suche, welche er anstellte, um den jungen 
Indianer zu überzeugen, dass der Medizin- 
mann keine Macht über Leben und Tod 
habe, scheiterten an der abergläubischen 
Furcht des Burschen, welcher vermeinte, 
dass der Zauberer ihm einen »Stein ins 
Herz geworfen hal)e. Vielleicht hätte der 
Indianer von dieser Ansicht abgebracht 
werden können, wenn irgend ein ange- 
sehener Mann oder ein anderer Indianer- 
doctor ihm das Manöver vorgemacht hätten, 
als ob er ihm den Stein aus dem Herzen 
zöge und ihm dann wirklich einen Stein 
gezeigt hätte. Aber dieses geschah nicht, und der arme Mensch 
starb wirklich, noch bevor die sechs Wochen vergangen waren, 
aus Angst. 

Wir kehren nunmehr zu unserem Nakortok-Mediziumauu zu- 
rück. Nachdem er die erste Probe seiner Macht abgelegt hatte, 
nahm er ein Stück Cedembast in seinen Mund und zerkaute es, 
indem er es gleichzeitig Allen sichtbar zwischen den Lippen hin- 
uud herbewegte. Alsdann benutzte er wieder einen Moment, um 
Allen unbemerkbar das Stück Cedernbast aus dem Mund zu 
nehmen und an seine Stelle eine kleine, durchsichtige Glaskugel 
zu bringen. Ich bin überzeugt, dass kein einziger von den Indianern 
eine Ahnung davon hatte, dass hier eine Vertauschung der beiden 
Gegenstände vorgenommen worden war. Deshalb ging wieder ein 
bewunderndes Gemurmel durch die Versammlung, als der Medizin- 
mann statt des Stückes Cedernbast die Glaskugel aus dem Munde 
nahm. Es dauerte nicht lange, als der Zauberer die beiden ge- 
nannten Gegenstände abermals umtauschte und wiederum das Stück 
Cedernbast producirte. Dieses letzte wurde nunmehr als Medizin 



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- 127 



gebraucht und dem Kranken als Heilmittel übergeben. Wie es 
schien, war dem Medizinmann sehr viel daran gelegen, mich per- 
sönlich von seiner grossen Zauberkunst zu überzeugen, denn jedes 
Mal, wenn er die Escamotage ausführte, blieb er direct vor mir 
stehen. Mittlerweile war es ziemlich spät geworden, und da der 
Kranke mit seiner Medizin hinausgeschafft worden war und ich 
beabsichtigte, mich am nächsten Morgen, wenn das Wetter gut 
war, auf die Reise zu begeben, so verliess auch ich die Gesell- 
schaft. Ich habe späterhin nicht erfahren, ob der kranke Indianer 
wieder gesund geworden ist. 

Am andern Morgen verhinderten Wind und Wetter die Aus- 
fahrt, Der dadurch für mich frei gewordene Tag wurde in ganz 
eigentümlicher Weise benutzt. Ich lebte schon so lange unter 
den Indianern, dass die letzteren nachgerade anfingen, mich halb 
und halb als einen der ihrigen zu betrachten. Längst schon hatten 
sie deshalb die Aufforderung an mich gerichtet, ich möchte doch 
auch einmal ein Indianerfest geben. Es versteht sich von selbst, 
dass dies nur eine Form der Bettelei war, um von mir auf irgend eine 
Weise Werthgegenstände zu erhalten. Für mich hatte dies in- 
dessen einen anderen Werth insofern, als mir wegen meines bevor- 
stehenden ethnologischen Zuges sehr viel daran gelegen sein musste, 
unter den Indianern mich eines guten Namens zu erfreuen. Ich 
ergriff deshalb mit Freuden die sich mir darbietende Gelegenheit 
und kaufte zwei Kisten mit Sehiffszwieback und einen Theil Melasse- 
zucker, da ich als weisser Mann natürlich verpflichtet war, ein 
meiner Würde entsprechendes Festmahl zu geben und die ge- 
nannten Sachen die Lieblingsspeiscn der Indianer beim Verkehr 
mit Weissen sind. Das Fest nahm seineu Verlauf wie jedes an- 
dere Fest, es wurde in üblicher Weise geschmaust und viel ge- 
sungen und getanzt. Ich selbst erlaubte mir den Scherz, mich 
als Indianer zu verkleiden, und es gelang mir mit Hülfe einer 
vor Jahren einmal auf einem Maskenball in Paris getragenen 
Perrücke, sowie unter dem Schutze einer echten Indianermaske, 
mich so sehr zur Vollblut-Rothhaut herauszustaffiren, dass mich 
selbst meine besten Freunde für einen Indianer aus irgend einem 
weit entfernten Küstendorfe hielten. Nach dem Feste wurde mit 



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— 128 — 



mir eine feierliche Ceremoiiie vorgenommen, indem mir der Ober- 
häuptling von Fort Rupert einen indianischen Namen gab. Ich 
hiess von nun an „Sull-qutl-ant", was so viel bedeutet, als: „Einer, 
der von einem Stern zum andern läuft". 

Der neu gebackene Indianer Sull-qutl-ant musste seine 
Würde am andern Tage ziemlich empfindlich büssen, denn als ich 
im Dorfe abermals Einkäufe machte, erhielt ich bei jedem guten 
Stück, das ich erwerben wollte, eine Menge werthloser Sachen mit 
in den Kauf und musste alles zusammen sehr theuer bezahlen. 
Meine Abreise war erst am nächstfolgenden Tag möglich, da das 
Wetter bis dahin schlecht war. 




Doppelgesichtig? Tanzmaske im geschlossenen Don Tauzmackc im geöffneten 

Zustande. Fort Kupcrt i Vnncouver). Zustande, Port Rupert i Vaneou vcr,i. 

Es giebt nur drei Dörfer, in denen die sogenannten Laug- 
köpfe, oder Longheads wohnen, d. h. solche Indianer, deren Köpfe, 
wie schon früher gesagt, bei der Geburt oder nach der Geburt 
künstlich gepresst und dadurch defonnirt werden. Es sind dies 
die Dörfer Nooette, nordöstlich von Fort Rupert, und Koskimo und 
Quatsino an der Westküste. Wir segelten deingemäss zunächst 
nach <ler kleinen Insel, auf welcher das Dorf Nooette liegt. In 
einigen Stunden war der Ort erreicht, aber es war kein einziger 
Mann im Dorfe, da sämmtliche Indianer des schönen Wetters 
wegen auf den Pelzrobbenfang ausgefahren waren. Gegen Abend 
kamen sie zurück und hatten ziemlich viel Glück beim Fang ge- 
habt; einige Canoes brachten bis zu vier Stück Pelzrobben nach 
Hause. Meine Absicht in Nooette, viele ethnographische Gegenstände 
zu kaufen, wurde nicht von Erfolg gekrönt, denn <lie Leute dieses 



129 



Ortes halten au ihren alten Sitten, Tänzen und Gebräuehen noch so lest, 
»las« sie ihre Masken gar nicht zu verkaufen geneigt sind. Das Wenige 
was ich hei ihnen erwerben konnte, rausste ich sehr theuer bezahlen. 

Noch erfolgloser war meine Bemühung, einige der Leute zu 
bewegen, mit mir nach Europa zu kommen. Hier sowohl, wie in 
den andern beiden genannten Dörfern, sind namentlich die Frauen 
Langköpfe. Am andern Morgen setzten wir unsere Reise fort, 
passirten gegen Mittag die nordwestlichste Spitze von Vaucouver 
„Cap Scott" und konnten am Abend bereits in der Nähe des Ein- 




Doppelge«ichtlKe Tau*ma*ke Im ge- nopjielgejsichtifje Tan*ma.«ke im geöffneten Zu- 

schlu.iM'iK'n Zustande, einen Hehkopf stände, die innere Ansieht ein MPiiftchengesicht 
darstellend. NooetteiNord-Vancouver.) darstellend. Nooettc (Nord-Vancourcr). 

gangB von Quatsiuo Inlet Anker werfen, da die gerade herrschende 
Ebbe das Einlaufen verhinderte. 

Um ein Uhr Morgens gingen wir mit der Fluth, aber bei 
Gegenwind in das Inlet, und kreuzten fünf Meilen aufwärts, an- 
kerten dann wieder und kreuzten abermals, bis wir gegen Abend 
dicht beim Dorfe Koskimo landeten, wo mich mein alter Freund, 
der Sohn des alten Negetze, der den Namen „Wachas" fuhrt und 
seine liebliche Frau, die Oberhäuptlingiu von Koskimo und Quat- 
sino, freundlichst begrüssten und aufnahmen. Am andern Morgen 
war mein kleines Schiff überfüllt von Indianern, welche sammt- 
lich den Wunsch hatten, mir so schnell wie möglich alle nur 
irgend verkauf baren Gegenstände gegen ganze, halbe und viertel 
Dollarstücke zu verkaufen. Im Grossen und Ganzen jedoch war 
die Ausbeutung nach dieser Richtung hin keine grosse, weil die 
Gegenstände an sich wenig werthvoll waren ; die Masken namentlich 

A. Woldt, Capitata JacoWnN Heise. 0 



130 



sind ohne grosso Kunst geschnitzt. Es rührt dies daher, dass in 
Koskimo sich wenig hervorragende Tänzer befinden. 

Dagegen gelang es mir eine andere hervorragende Acquisitiou 
zu machen, indem Wachas und sein Weib mir versprachen, dass 
sie bestimmt mit mir nach Europa gehen würden, und durch dieses 
Beispiel auch noch mehrere Andere veranlasst wurden, mir halb 
und halb zuzusagen, dass sie mitkommen würden. Da ich nur zu 
sehr daran gewöhnt war, dass die Indianer einen einmal gefassten 
Entschluss mindestens zehn Mal wieder aufgel)en, so lag mir natür- 
lich sehr viel daran, mit den Leuten baldigst das Dorf zu ver- 
lassen. Wachas erklarte mir, dass er einen Aufschub von vier 
Tagen gebrauche, da er inzwischen erst seine sämmtliche Habe 
verschenken müsse, bevor er seine Heimath verlassen könne. Dieser 
Gebrauch war natürlich auch für das Engagement der andern Leute 
vorgeschrieben und gereichte mir durchaus nicht zum Vortheil. Um 
auf gutem Fusse mit den Bewohnern stehen zu bleiben, musste 
ich viele Gegenstande kaufen, welche ich sonst meiner Sammlung 
nicht einverleibt haben würde. Am meisten lag mir daran, Frauen 
zu engagiren, da sich hauptsächlich unter ihnen die ausgeprägtesten 
Langköpfe befinden. Es waren nun mehrere junge Mädchen vor- 
handen, welche im heirathsföhigen Alter standen und sich gern 
mit jungen Rothhäuten ihrer Wahl aus demselben Dorfe verbunden 
hätten. Auch die jungen Männer hätten gerne geheirathet, aber 
es fehlte ihnen am Nöthigsten, an den paar Dollars, welche für 
die Mitgift an die Eltern der Braut bezahlt werden müssen. Es 
war genügende Aussicht vorhanden, dass ein junges verehelichtes 
Paar sich entschliessen würde seine Hochzeitsreise mit mir zu- 
sammen nach Europa zu unternehmen, und so fuschte ich denn 
Gott Hymen ins Handwerk und gab die nothwendige Summe für 
eine derartige legitime Verbindung her. 

Das Häuflein der von mir Engagirten wuchs dadurch auf drei 
Männer und zwei Frauen an. Neben meiner Thätigkeit betrieb 
Georg Hundt Geschäfte für sich, indem er als ein Händler mit 
Manufacturwaaren agirte. In Folge meines Handels mit den Leuten 
in Koskimo waren einige hundert Dollars ins Dorf gelangt, und die 
Leute beeilten sich dieses Geld gegen Waaren umzutauschen. So 



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— 131 

war der Vorrat h bald verkauft und Georg Hundt sandte einen 
Boten über Land, auf jenem schauerlichen Urwaldswege, den ich 
weiüge Monate vorher auch zweimal hatte passiren müssen, nach 
Fort Rupert, um neue Waaren zu holen. Es war ein Wagestück, 
einen solchen Auftrag zu ertheileu, denn bei diesem schlechten 




Klnc langköpfige Indianerin (Longhrad) aus Ko*kiuio ( West- Vancouver). 



Wetter, bei welchem ein Schneesturm dem andern folgte, 
war der Urwald selbst für Indianer unpassirbar. Die Einwohner 
von Koskimo hegten desshalb eine nicht geringe Besorgniss wegen 
des Boten und drohten uns mit ihrer Rache, wenn der Mann unter- 
wegs sein Leben verlieren würde. Glücklicher Weise kam es nicht 
so weit, denn der Mann kehrte nach einer allerdings sehr beschwer- 

9* 



132 



liehen Tour, die ihm zahlreiche Risse und Schrammen eingebracht 
hatte, zu unser aller Freude nach Koskimo zurück. 

Inzwischen hatte Wachns alle seine Habe verschenkt, und 
meine fünf engngirten Langköpfe waren bereit, dio Reise mit mir 
anzutreten. Bevor dieses geschah, machte ich noch mit William 
Hundt eine „Fisch- und Jagd-Parthie," deren Zweck und Ergeb- 
nis*« nicht Wildpret und Fische waren, sondern drei exquisite Laug- 
schädel, die ich einem alten indianischen Begräbnissplatz in der 
Nähe von Koskimo entnahm, um sie für die Wissenschaft zu retten. 
Bei der Eile, mit der wir agireu mussteu, verletzte ich mir meine 
Hand am Skclet einer Mumie, so dass sie anfing heftig zu bluten. 
Kaum hatten wir die Schädel wohl verwahrt in unserem kleinen 
Canoe untergebracht, als sich uns im Dickicht zwei Indianer nähor- 
ten, welche, wie dies häufig bei meinen Ausflügen geschab, mir aus 
Neugierde gefolgt waren, um zu sehen, was ich thäte. Ich aber, 
sie erblickend, knallte lustig darauf los uud schoss nach Möven 
und anderen Scevögelu, wodurch ich die guten Indianer voll- 
ständig tauschte. Ebenso uneutdeckt kamen wir mit unserer Beute 
an Bord. 

Trotz der grossen Geldsummen, welche ich dem Dorfe zu- 
geführt hatte und ungerechnet der vielen Geschenke, welche ich 
an meine fünf Engagirten gegeben hatte, war die Stimmung in 
Koskimo gegen uns durchaus nicht die freundlichste. Der ganze 
Stamm erklärte, dass eine so weite Reise, wie diejenige nach 
Europa für alle Verhängnis» voll werden müsste. Sie glaubten näm- 
lich, gestützt auf das Zeugnis* eines Indianers, der schon einmal 
kurze Zeit an Bord eines grösseren Schiffes gewesen war, dass ich 
mit den Leuten um Cap Horn herumfahren müsste, wozu nach 
seiner Rechnung, da er doch nur die langsame Segelfahrt in An- 
scldag brachte, jahrelange Zeit erforderlich wäre. Die nächste Folge 
hiervon war, dass uns schon vor Antritt der Reise einer der en- 
gagirten Indianer weglief. 

Am Freitag den 24. März trat ich mit meinem Doppelpaar 
von Langköpfen die Reise an, obgleich Gegenwind herrschte. Der 
Gesellschaft wegen uud um so lange wie möglich bei ihren Kin- 
dern zu sein, befand sich der alte Negetze und seine Frau bei 



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133 

mir au Bord. Kaum hatten wir die Anker aufgehoben, als ein 
Canoe, welches ganz mit Indianern angefüllt war, sich uns näherte. 
Die Männer stiegen zu mir au Bord und verlangten durchaus, dass 
ich ihnen die zweite Frau überlassen sollte. Diese jedoch weinte 
und hielt sich an ihrem jungen Gatten fest, den sie nicht ver- 
lassen wollte. Da die Indianer drohender wurden und uns be- 
drängten, so riss mir endlich die Geduld und ich befahl ihnen, 
mein Schiff zu verlassen, widrigenfalls ich sie ins Wasser werfen 
würde. Dieses wirkte, so dass wir bald von den Quälgeistern be- 
freit waren und ungehindert unsere Kreuzfahrt fortsetzen konnten. 
Abends ankerten wir, um besseres 
Wetter abzuwarten, in einer kleinen 
Bucht im Quatsinosund. 

Georg Hundt suchte die immer 
noch ängstlichen Indianer durch Sin- 
gen und Tanzen aufzuheitern, was 
ihm jedoch, um der Wahrheit die 
Ehre zu geben, nur wenig gelang. 
Am andern Tage segelten wir in eine KQustiiciKT Fraoenkopf (Longhead,, bei 
kleine, ziemlich tief ins Land sich Tan ^ 8tliC ovt^ K " kim ° 
erstreckende Bucht, wo wir vor dem 

Südweststurm einigermaassen geschützt waren und beschlossen, bis 
zum Aufhören des schlechten Wetters daselbst zu bleiben. Unser 
Proviant war in Folge der Gastfreundschaft, die wir in Koskimo 
wiederholt der gesammten Einwohnerschaft erwiesen hatten, be- 
deutend geringer geworden; das Einzige, was wir noch davon be- 
sassen, war ein Vorrath von getrockneten Fischen, Thee und 
Melassesyrup. Es war deshalb nöthig, den Proviant durch Jagd 
und Fischerei zu vermehren, in Folge dessen wir am anderen Tage 
abermals den Ankerplatz wechselten und uns vor die Mündung 
eines grossen Flusses legten, woselbst wir Enten jagten und Schaal- 
thiere sammelten. 

An diesem Punkte wurden wir am achten Tage, nachdem 
wir Koskimo verlassen, von den Eltern der jüngeren unserer beiden 
engagirten Indianerweiber besucht, wobei die junge Person aber- 
mals requirirt wurde. Aber sie war durch rechtmässige Indianer- 




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134 



ehe an den von mir gleichfalls — und zwar als Dolmetscher — 
engagirten Halbhlutindianer William Hundt verheirathet und 
durchaus nicht gesonnen, ihr junges Eheglück jetzt schon zu opfern, 
vielmehr entschlossen, mit ihrem geliebten Gatten, wenn es sein 
müsste, bis ans Ende der Welt zu reisen. Sie machte also den 
Eltern gegenüber geltend, dass diese sieben schöne wollene Decken 
von William Hundt — allerdings auf meine Kosten — erhalten 
und als Hochzeitsgabe angenommen hätten und dass sie selber 
ihrem rechtmässigen Manne mindestens noch bis Fort Rupert folgen 
werde. Dann könnte ja, wenn durchaus eine Trennung nöthig sei, 
der kurze Weg durch den Urwald sie wieder ihrem nahen Heimaths- 
dorfe Koskimo zuführen. 

Am andern Tage segelten wir weiter, aber nicht, wie ich 
gewünscht hatte, um die nördliche Halbinsel herum nach Fort 
Rupert, sondern nach dem äussersten Dorf des .Sundes, nach dem 
nahegelegenen Quatsino. Es geschah dies auf Wunsch und Ver- 
anlassung derjenigen, die ich bisher als die stete Unterstützerin 
und Bef orderin meiner Pläne kennen gelernt hatte, meiner wür- 
digen Gönnerin und ehemaligen Zeltgenossin, der Frau vou Wachas, 
dem Sohn des alten Negetze. Auch sie, die ich bisher als die 
Unerschütterlichste von allen hielt, war etwas schwankend ge- 
worden, wozu wohl der achttägige Orkan, dessen tobende Wellen 
sich bis zu unserem Zufluchtsorte bemerkbar machten, das seinige 
beigetragen haben mag. Dame Wachas verlangte also nach Quat- 
sino geschafft zu werden, weil sie von ihren dortigen Verwandten 
feierlichst Abschied nehmen müsste. 

Der Empfang, der ihr nach unserer Landung in Quatsino 
zu Theil wurde, war keineswegs geeignet, sie für unsere grosse 
Fahrt nach Europa noch mehr zu begeistern. Kaum hatte sie 
ihrem Onkel die Mittheilung gemacht, dass sie als die berühmteste 
Repräsentantin der Longheads das ferne Land der weissen Leute 
besuchen wolle, als derselbe aufsprang und ihr drohte, dass er sie 
todtschiessen werde, wenn sie dieses thäte. Nachdem Onkel Roth- 
haut einige Geschenke erhalten hatte, wurde seine Stimmung ele- 
gisch und er erklärte, sie möge immerhin reisen, er für seiuen 
Theil würde sie ja doch nie wieder zu sehen bekommen. 



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135 — 



Nach allen diesen Vorkommnissen wäre es sonderbar gewesen, 
wenn ich mit meinem Reiseführer Georg Hundt nicht auch noch 
einen kleinen Krawall hätte haben sollen. In der That verschaffte 
mir schon der nächste Tag dieses Vergnügen. Ich habe bereits 
wiederholt bemerkt, dass ich, von meinem individuellen Staud- 
punkte aus, die Indianer für keine grossen Seehelden halte. Hier- 
von machte mein guter Georg, obgleich genug weisses Blut in 
seinen Adern rollte, keine Ausnahme. Dies zeigte sich, als wir 
am andern Morgen bei verhältnissmässig nur schwachem Wind 
von Quatsino aufbrachen und den Sund hinab nach der offenen 
See zu kreuzten. Hier trafen wir so hohen Seegang an, dass 
meine gesammte Reisegesellschaft seekrank wurde. Leute, welche 
hierin Erfahrungen durchgemacht haben, werden bestätigen, dass 
die Seekrankheit ein Uebel ist, bei dem sich alle Wünsche 
der dabei Betroffenen nur auf das Eine concentriren , möglichst 
schnell auszusteigen und an Land zu gehen. So hatte denn auch 
Georg Hundt und selbstverständlich auch die übrige Reisegesell- 
schaft keineswegs das Verlangen, die mächtige Dünung des Oceans 
vor uns vielleicht noch Tage lang mit unserer kleinen Schaluppe 
wie auf dem Rücken eines riesigen Wiegepferdes immerfort auf 
und ab zu reiten, und er fing demzufolge an mit mir zu parla- 
mentiren, da wir ja doch keine fahrplanmässige Tour hätten, dass 
wir uns vor dem ohne Zweifel drohenden Sturm, in dem wir Alle 
ganz sicher jämmerlich ertrinken müssteu, in einen geschützten 
Hafen zurückziehen sollten. 

Die ganze Gesellschaft vereinigte, so weit ihr dies bei der 
Seekrankheit möglich war, ihre Wünsche mit den seinigen. Das 
wurde mir aber denn doch zu arg, denn wir hatten doch wahrlich 
schon lange genug in schützenden Häfen gelegen, so dass eine 
Fortsetzung der Reise unter allen Umständen geboten schien. So 
setzte ich denn meinen Willen mit GeAvalt durch, wobei ich freüich 
bei der Bedienung des Fahrzeuges auf mich allein angewiesen war. 

Wir fuhren den ganzen Tag und die ganze nächste Nacht 
und passirten glücklich um drei Uhr Morgens Cap Scott, die 
drohende Nordwestspitze von Vancouver. Während wir mit dicht 
gerefftem Segel durch die öde Wasserwüste dahin fuhren, schlug 



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136 



uns die See während der dunkeln Nacht ein kleines Canoe, das 
wir an Bord führten, hinweg, sehr zur späteren Genugthuung Georg 
Hundt'» und seiner für jetzt willenlosen Leidensgefährten, die sich 
nunmehr doch rühmen konnten, eine, wie sie meinten, wirklich ge- 
fahrliche Fahrt ausgeführt zu haben. Der von meinem Führer 
angekündigte Sturm trat am andern Morgen ausserdem wirklich 
ein und zwang uns, als wir die schmale Nordküste von Vancouver 
entlang fuhren, um neun Uhr Vormittags einen kleinen Hafen 
aufzusuchen. Nachmittags, als der Sturm ein wenig nachlies*, 
und auch meine Gesellschaft wieder ein wenig Courage bekommen 
hatte, gingen wir abermals unter Segel und gelangten bis zum 
Abend nach einem kleinen Hafen in der Nähe von Nooette. Von 
hier nach Fort Rupert war nur noch ein kurzer Weg, der am 
andern Tage trotz eines aufgekommenen Südweststurmes fast spie- 
lend zurückgelegt wurde. 

In Fort Rupert aber war ich aus der Scylla in die Charyb- 
dis gerathen. Meine Reisegesellschaft, obgleich durch eine fast 
vierzehntägige Fahrt von ihrem Heimathsdorfe entfernt, war dem- 
selben näher als je, da der bekannte vielgenannte Urwaldsweg 
dorthin führte. Diesen Umstand benutzten die Indianer von Fort 
Rupert, um meine Engagirten auf die Leichtigkeit aufmerksam zu 
machen, mit der sie desertiren könnten. Der Beweggrund zu dieser 
Handlungsweise war der Neid, denn die glänzenden Anerbietungen 
die ich meinen Langköpfeu gemacht hatte, lockten die Einwohner 
von Fort Rupert selber zu der Theilnahme an der Expedition 
nach Europa. Ich für meinen Theil wäre mit einem Tausche 
vielleicht zufrieden gewesen, wenn die guten Rothhäute auch die 
künstliche Deformation der Schädel besessen hätten, wie meine 
Longheads, was keineswegs der Fall war. 

Die Fort Rupert-Indianer Hessen es sich sehr angelegen sein, 
mein Doppelpärchen, welches die Fahrt mit der Schaluppe leider 
noch zu sehr in Erinnerung hatte, systematisch vor der grosseu 
Fahrt nach Europa graulich zu machen, iudem sie ausmalten, wie 
gefährlich es sei, beinahe ein ganzes Jahr lang ununterbrochen 
von der hohen See geschaukelt zu werden, und eben so lauge die 
Eruptionen der Seekrankheiten zu erdulden. Was half es mir, 



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137 



dass ich den Leuten erzählte, ich würde mit ihnen auf der Eisen- 
bahn quer über das Festland von Nordamerika dampfen und als- 
dann noch nicht einmal zwei Wochen laug auf einem rieseugrossen 
Schiffe, welches sich nur wenig von den Wellen bewegen lasse, 
mit ihnen fahren, um unsem Bestimmungsort zu erreichen; was 
half es, dass der alte Herr Hundt meine Worte nicht nur be- 
stätigte, sondern auch seine eigene Beredsamkeit verschwendete. 

Wie ein Deus ex machina erschien mir in dieser Lage am 
dritten Tage nach unserer Ankunft in Fort Rupert eine, mit 
dem Dampfer Otter mir zugehende telegraphische Anweisung aus 
Europa, welche auf das Engagement der Langköpfe verzichten hiess. 

Mit ungleich grosserer Ruhe konnte ich jetzt dem Sturm 
entgegen sehen, der sich von Koskimo aus gegen mich erhoben 
hatte. Es trat nämlich eine Deputation von fünf Indianern dieses 
Dorfes plötzlich in Fort Rupert auf und erklärte, dass sie ihren 
Häuptling Wachas und sein Weib unter allen Umständen zurück- 
fuhren müssteu, da ganz Koskimo wegen der Abwesenheit dieser 
Beiden in Aufruhr gerathen sei. Schon die nächste Nacht über- 
hob mich jeder Antwort, denn Freund Wachas und sein Ehe- 
gesponst empfahlen sich, ohne mir persönlich Adieu zu sagen. 
Auch ein anderer von den Engagirteu hatte schon vorher sein 
Ziel in der Flucht gesucht, so dass mir nur noch das gute liebe 
langköpfige Weibchen blieb. Da sich die Expedition auf diese 
Weise selbst aufgelöst hatte, so konnte ich auch meinen Dolmet- 
scher William Hundt nicht gebrauchen. 

Meine nächste Sorge war nun darauf gerichtet, die sehr grosse 
Menge von ethnographischen Gegenständen, welche ich gekauft 
hatte, für das Berliner Museum einzupacken und mich mit ihnen 
an Bord des Dampfers Otter, der am IG. April Morgens 3 Uhr 
in Fort Rupert ankam, nach Victoria einzuschiffen. Am Tage 
darauf landeten wir wieder in Victoria. 

Wenige Tage nach meiner Ankunft daselbst erhielt ich, wäh- 
rend ich noch mit der Expedition der Sammlung nach Europa 
beschäftigt war, von Berlin aus die Ordre, mich an Bord eines 
Walfischfangers nach der Beringsee zu begeben und auf der 
Diomedesinsel zu sammeln. Ich telegraphirte sofort nach San Fran- 



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138 



cisco und erhielt von dort die Auskunft, das» vor dem Monat 
Juni kein Waler nach der Beringsee ausfahren werde, dass da- 
gegen Händler noch vor dieser Zeit dorthin aufbrechen würden. Es 
blieb mir somit noch eine kurze Frist, welche ich dazu benutzte, 
um denjenigen Theil der Ostküste von Vancouver zu bereisen, 
der die St. Georgstrasse begrenzt. 

Am 2. Mai reiste ich von Victoria ab und gelangte gegen 
Mittag desselben Tages nach der Cowichaubay und dem Dorfe 
gleichen Namens, wo ich ausstieg. Unter den hier wohnenden 
Indianern sind die bedeutendsten die Quamichan -Indianer. Ich 
besuchte ihr Dorf, fand aber nur wenig ethnologische Gegenstände 
vor, da von frühereu Sammlern alles aufgekauft ist. Mein Führer 
war der katholische Missionär. Beim Durchwandern des Dorfes 
entdeckte ich im Besitz eines dortigen Händlers, eines Italieners, 
eine schöne alte Steinwaffe, konnte dieselbe aber erst später in meinen 
Besitz bringen, da für diesesmal ein zu hoher Preis dafür gefor- 
dert wurde. Nördlich von Quamichan liegt die kleine Kupfer- 
iusel, nach welcher ich noch an demselben Tage hinüberfuhr, und 
bei dem dortigen Missionär Herrn Robertson sehr freundliche 
Aufnahme fand. Am anderen Morgen besuchte ich das auf der 
Insel liegende Dorf Pinalekaht, welches sehr bevölkert ist. Ich fand 
indessen leider fast die gesammte Einwohnerschaft abwesend, da 
sie sämmtlich ostwärts quer über die St. Georgstrasse nach der, 
auf dem Festlande von British - Columbien am Fräser River ge- 
legenen Stadt New-Westmiuster zu einem Indianerfest gefahren 
waren. Die ethnologische Ausbeute wäre hierselbst ohnedem nicht 
besonders gross gewesen, weil die Einwohner von Pinalekaht bereits 
zum Christenthum übergegangen sind, und alles was sie an Mas- 
ken bei früheren Tanzfesten gebraucht haben, nicht mehr benutzen. 

Hier sowohl, wie in dem am Tage vorher besuchten Dorfe 
(Wienau, sowie in Saanich , treiben die Indianer ein wenig 
. Landwirtschaft. Der Boden eignet sich hierzu auch sehr gut, 
wenn der Unvald ausgerodet ist. Am Abend war ich wieder 
in der Wohnung des Missionärs Herrn Robertson in Village 
Bny, und brachte in der liebenswürdigen Gesellschaft dieses Herrn 
einen sehr angenehmen Abend zu. Ein Versuch, den ich am 



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139 



Nachmittag dieses Tages gemacht hatte, mit Hilfe einiger Indianer 
eine alte indianische Grabstatte auf Schädel und Beigaben zu er- 
forschen, hatte zu keinem bedeutenden Resultate gefuhrt. 

Nordwestlich von der Kupferinsel liegt an der Ostküste von 
Vancouver das Indianerdorf Chimenes, wo ich am andern Mittag 
anlangte. Es erging mir hierselbst gerade wie in Pinalekaht, da 
auch hier fast sämmtliche Einwohner zu dem Feste nach New- 
Westminster gefahren waren. Ich kaufte hier eine Decke, welche 
aus Hundehaaren gearbeitet war; es war die erste dieser Art, die 
ich je gesehen habe. Nach mehrstündigem Aufenthalt setzte ich 
meinen Weg längs der Küste nördlich weiter fort und gelangte 
noch an demselben Tage nach dem Orte Nanaimo, woselbst ich 
ebenfalls wenig für meine Zwecke Geeignetes fand. Am andern 
Morgen gelang es mir in einigen Indianerhäuseni am Nauaimo- 
River vier Stück jener alten Hornkeile oder Aexte, mit denen 
früher die Bäume gespalten wurden, zu erwerben. Eine kleine 
Strecke nördlich von Nanaimo liegt das Sommer -Indianerdorf 
Juklutok, doch auch hier war die Ausbeute sehr gering. 

In der Nähe befand sich ein alter Begräbnissplatz der In- 
dianer, den ich im Vorüberfahren bemerkt hatte. Ich engagirte 
einen hier wohnenden alten Franzosen, um mir beim Untersuchen 
der Gräber behilflich zu sein. Der gute Mann Hess sich dafür 
sehr theuer bezahleu, that aber aus Furcht vor den Indianern fast 
garnichts. Die ganze Ausbeute bestand aus einigen geschnitzten 
Holzmasken, die auf einige Grabkisten aufgenagelt waren. 

Ein kleiner in Nanaimo anfahrender Dampfer nahm mich 
am andern Tage mit nach Comox, welches etwa fünfzig englische 
Meilen nordwestlich an der Ostküste gelegen ist. Auch hier waren 
alle Indianer auf Reisen, und meine Hoffnung, hierselbst einige 
der früher von den Indianern dieser Küste gebrauchten steinernen 
Pfeilspitzen zu erhalten, wurde wieder einmal getäuscht. Man er- 
zählte mir, das* die Farmer dieser Gegend sehr oft derartige 
Spitzen beim Pflügen in der Erde gefunden, dass sie dieselben 
aber als werthlos weggeworfen hätten. Da die ganze Ostküste 
von Vancouver schon sehr stark von der Kultur der weissen 
Leute beeinflusst ist, so findet man fast in jedem Dorfe einige 



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— 140 



weisse Ansiedler. In Comox bestand sogar ein Hotel, dessen Wirth, 
Herr Patrik mich nicht nur freundlich aufnahm, sondern mich 
auch mit gar nicht hoch genug zu schätzender Liebenswürdigkeit 
in meinen Plänen aufs Beste unterstützte. 

Comox ist der südlichste Vorposten, der von mir im Vorher- 
gehenden oft genannten Quakult-Indianer, deren Hauptrepräsen- 
tation etwa einen Breitengrad nördlicher iu Fort Rupert concentrirt 
ist. Es war mir desshalb von Interesse, zwei alte Indianer-Be- 
gräbnissplätze zu untersuchen, die sich hier bei Comox befinden. 
Mit Unterstützung des Herrn Patrik erlangte ich mehrere Schädel, 
fand aber sonst wenig in den Gräbern. Auf dem zweiten Kirch- 
hofe waren die Grabkisten, der bei den Quakult-Indianern herr- 
schenden Sitte gemäss, 20 — 60 Fuss hoch auf Bäumen augebracht. 
Die alten Indianer hatten hierbei die Vorsicht gebraucht, dass sie 
fast überall die Aeste und Zweige unterhalb der Grabkisten glatt 
abgehauen hatten, so dass der Stamm nicht zu erreichen war. 
Wir mussten uns in mehreren Fällen dadurch helfen, dass wir 
mittelst eines Bogena einen Pfeil mit daran befestigter Leine über 
den oberen Ast, welcher eine solche Grabkiste trug, hin überschössen 
und alsdann an der Leine ein stärkeres Tau nachzogen, an wel- 
chem es möglich war hinaufzuklettern. 

Einen eigentümlichen Anblick gewährte zufälliger Weise 
eine Leiche dadurch, dass ihr der Kopf fehlte, sie aber dennoch 
alle Zeichen einer feierlichen Beisetzung besass. Es ist dieser 
Umstand wohl nur dadurch zu erklären, dass es sich hier um 
die Leiche eines Comox-Kriegers handelte, der in einem der blu- 
tigen Kämpfe, wie sie unter Anderen auch mit den Indianern 
von Alberni ausgeführt wurden, gefallen und seines Kopfes von 
dem triumphirendeu Feinde beraubt worden war. Etwa 50 eng- 
lische Meilen nördUch von Comox, auf der gegenüber liegenden 
Seite des St. Georg- Canals, liegt das tief in das Festland von 
British-Columbien einschneidende Bute-Inlet. Dasselbe liegt öst- 
lich von dem früher beschriebeneu Kuights-Inlet. Dorthin, nach 
Bute-Inlet, richtete ich meinen nächsten Ausflug. 

Der Indianer, mit dem ich iu einem grösseren Canoe die 
Fahrt über die hier ziemlich breite Wasserfläche unternahm, hatte 



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141 — 



seine ganze Familie bei sich, bestehend aus seinem Weib und 
vier Kindern, welche in einem kleineren Canoc neben uns her 
fuhren. Es herrschte eine frische nördliche Brise, welche zwar 
nicht gefahrdrohend war, aber für das kleinere Canoe immerhin 
bedenkliche Folgen haben konnte. Das Indianerweil) zeigte sich 
als eine muthige und in jeder Weise der Situation gewachsene 
Person. Sie sass unbeweglich still am Steuer, das sie mit fester 
Hand hielt, während die Wogen und kleinen Sturzseeen sich über 
das winzige Fahrzeug ergossen. Ihr langes schwarzes Haar flat- 
terte aufgelöst im Winde und von ihrem Gesicht und Körper 
rann unaufhörlich die salzige Fluth hinab. In stetiger Fahrt 
durchschnitt ihr Canoe die Wellen, und so oft die Letzteren die 
Gruppe der Kinder bedrohten, erhoben die Kleineu ein lautes 
Jammergeschrei, während das jüngste Kind, ein sechs Monate alter 
Säugling, der auf dem Rücken der Mutter getragen wurde, laut- 
los, mit aufgesperrtem Munde und weit aufgerissenen Augen in 
die Wellenberge starrte, die scheinbar das Canoe zu überfluthen 
drohten. Es war ein tapferes Weib, diese Indianermutter, welche 
während der ganzen Fahrt sich neben .uns hielt, nachdem wir 
unsere Segel in Rücksicht auf sie etwas gekürzt hatten. Es wurde 
Abend bevor wir nach Clayamen, einem Indianerdorfe an der 
Küste des Festlandes von British -Columbien, gegenüber Comox, 
weit südlich von Bute-Inlet gelangten. Auch hier ging es mir 
wie überall, denn die hier wohnenden Indianer waren auf Jagd 
und Fischerei nach allen Himmelsrichtungen ausgeflogen. 

Am andern Morgen wurde die Fahrt nordwärts längs der 
Küste des Festlandes fortgesetzt und am Abend das Indiauerdorf 
Malaspina erreicht. Die ganze Ausbeute beschränkte sich hier 
auf eine Lanze und eine steinerne Pfeilspitze. Dagegen gab mir 
mein Canoefiihrer, der einige Worte englisch verstand, Auskunft 
über einige grossartige Steinskulpturen, sowie über ein Steinmonu- 
ment in der Umgegend. Die Zeit drängte indessen sehr, da ich 
mit dem nächsten Dampfer nach „Friseo" — so lautet ganz all- 
gemein die Abkürzung für San Francisco — abreisen musste. 
Ich gab deshalb sowohl den Besuch dieser Lokalitäten, welcher 
mehrere Tage gekostet haben würde, als auch die Reise nach 



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142 - 

Bute-Inlet auf, und kehrte nach Clayameu zurück. Das Wetter 
war sehr schön aber es herrschte totale Windstille, so dass ich, 
in dem Wunsche vorwärts zu kommen, den ganzen Tag über an- 
gestrengt paddelte bis ich Abends, die Hände mit Blasen bedeckt, 
mein Ziel erreichte. In Clayameu befindet sicli eine kleine katho- 
lische Kirche, welche für die Bewohner dieses Ortes und des be- 
nachbarten Indianerdorfes Claims erbaut ist. 

So schnell wie möglich setzte ich nunmehr die Rückreise 
durch die Sanct Georgstrasse fort und gelangte am nächsten Tage 
nach der Insel Collap, welche der Halbinsel Sechelt vorgelagert 
ist, und woselbst *\ch das Dorf der Sechelt-Indianer befindet. 
Die ganze Bewohnerschaft, welche ich antraf, bestand aus einigen 
alten Weibern; die übrigen waren ausgeflogen. Es war mir sehr 
interessant hierselbst den Laden und die Dschunke eines chine- 
sischen Kaufmannes anzutreffen. Bei dem Letzteren hatte ich 
mich einer sehr freundlichen Aufnahme zu erfreuen. Zwei Tage 
darauf hatte ich über Nauaimo und Cowichau Victoria erreicht 
und befand mich am 23. Mai wieder in San Francisco. 



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VIII. 



Schooner „Tiurnen". Vorbereitungen zur anderthalbjährigen Reise nach Alaska. 
Die Goldgräbergesellschaft des Herrn Edward Scheffelien. Der kleine Dampfer 
„New-Racket". Der arktische Forscher Dr. A. Krause aus Berlin. Abreise 
von San Francisco, den 13. Juni 1882. Rührender Abschied. Die Urheimath der 
Seekrankheit. Die Goldgräber wollen aussteigen. Sieben Meilen in einer Woche. 
Ein „Seeräuberschiff". Eine flinke Pelzrobbe. Wir bonibardiren einen Haifisch. Capt. 
Lund. Wir baden auf hoher See. Langsamer Fortschritt. Ungemüthliche Si- 
tuation. Shumagin Inseln. Halibut Insel. Sigalda Insel. Uniinak Insel. 
Akutan Insel. Akutan Pass. Insel Unalaska. Landung nach 33tägiger Fahrt. 
Handelsstation der Western - Für - Trading - Company. Hauptagent Mr. St au ff. 
Der Zollbeamte Hr. Schmidt. Handelsniederlassung der Alaska-Commercial- 
Company. Hauptagent Mr. Rudolf Neu mann. Ein Ball in Unalaska. Die 
aleutischen Schönen. Schmale Schultern. Die Cigarettenraucherinnen. Eine Dreh- 
orgel als Ballorchester. Wir bleiben noch einen Tag. Grosser Verdienst der 
Aleuten. Mr. Woolfe vom New- York Herald wird mein Reisecollege. Fahrt 
durch die Beringsee. Ein arktisches Seebad. St. Matthews- und St. Lorenz- 
Inseln. Nortonsund. Cap Nome. Fort St. Michael. Der Riesenstrom Yukon. 

Massenhaftes Treibholz. 

Im Hafen von San Francisco lag der Schooner „Tiurnen", 
welcher von einer Gesellschaft von Goldgräbern gechartert worden 
war, um eine Fahrt nach Alaska auszuführen. Auf diesem 
Schooner sicherte ich mir die Ueberfahrt bis zum Fort St. Michael, 
südlich von der Beringstrasse. Die Reise, welche ich vorhatte, 
konnte, wie ich wusste, im Jahre 1882 nicht mehr beendet 
werden; ich musste desshalb die Vorbereitungen für eine etwa 
eineinhalbjährige Abwesenheit treffen. Nachdem mir hierzu auf 
telegraphischem Wege die nöthigen Gelder von Berlin aus an- 
gewiesen worden waren, deponirte ich die grössere Hälfte dieser 
Summen bei der Alaska -Commercial- Company, wofür ich mir 
einen Creditbrief geben Hess, das übrige nahm ich für die Aus- 
rüstung und als Reisegeld mit mir. 

Es war leider schon etwas spät im Jahre geworden, und der 
grösste Theil der Fahrzeuge, die nach Alaska gingen, hatte bereits 
San Francisco verlassen. Die Ausrüstung des Schooners „Tiurnen" 



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144 



zog sich noch bis gegen die Mitte des Monats Juni hin. Die 
Goldgräbergesellschaft mit der ich nach dem Norden zu reisen 
beabsichtigte, hatte ursprünglich aus zwei besonderen Parthien be- 
standen, deren eine von ilirein ursprünglichen Plane wieder abge- 
kommen war und den Entschluss gefasst hatte, mit einem ameri- 
kanischen Schiff zu fahren, das im Monat Juli nach Point Barrow 
an der Nordküste von Nordamerika abgehen sollte, um daselbst 
eine derjenigen meterologischen Stationen anzulegen, durch deren 
Begründung und Unterhaltung sich die Vereinigten Staaten au 
dem grossen Plan der internationalen Polarforschung betheiligte. 
Die andere Parthie bestand aus fünf Goldgräbern, die einen Herrn 
Edward Scheffelieu zum Führer hatten, der mit seinem Bruder, 
welcher sich gleichfalls bei der Expedition betheiligte, ein Vermögen 
von einer halben Million Dollars besass. Diese Goldgräber hatten 
sich eine Reihe von Jahren in dem südlicher gelegenen Staate 
Arizona aufgehalten und dort ihr grosses Vermögen erworben. Sie 
waren so sehr abgehärtet, dass ihnen der plötzliche Wechsel der 
Witterung und des Klimas gering erschien gegenüber dem Ein- 
drucke den das ihnen unbekannte Land Alaska durch seinen 
etwaigen Goldreichthum auf sie machte. Die Expedition der Gold- 
gräber sollte ebenso, wie die meinige, vom Fort St. Michael aus 
begiunen und den mächtigen Yukonstrom hinaufgehen. Zu diesem 
Zwecke hatten sie einen eigenen kleinen, sehr flach geheuden 
Dampfer erbauen lassen, welcher bei 50 Fuss Länge einen Inhalt 
von zehn Tons und einen Tiefgang von zwei Fuss hatte. Dieses 
Fahrzeug besass eine einzige Welle, die hinter dem Schiff ange- 
bracht war. Der Zweck des Dampfers war, die Mitglieder der 
Expedition nebst allen iliren Ausrüstungsgegeuständen und Vor- 
räthen, die in einem besonderen Fahrzeug transportirt werden 
mussteu, den Yukonstrom aufwärts zu schleppen. Hier war eine 
Gelegenheit für mich, das Boot, welches ich mir selber in Alaska 
für meine Expedition auszurüsten hatte, auf mühelose Weise gleich- 
falls den ziemlich reissenden Strom hinauf befördern zu lassen, 
im lern ich es als letztes Fahrzeug schleppen Hess. Der kleine 
Dampfer wurde an Bord des Schooners „Tiurncn" genommen und 
auf Deck gesetzt. 



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- 145 

* 

Unter den interessanten Bekanntschaften, welche ich in San 
Francisco während meines diesmaligen Aufenthaltes machte, war 
auch diejenige eines der beiden Gebrüder Dr. A. Krause aus 
Berlin. Beide Herren hatten im Auftrage der um die Polar- 
fbrschung hochverdienten Geographischen Gesellschaft in Bremen 
während des Jahres 1881 eine durch grosse wissenschaftliche Er- 
folge ausgezeichnete Reise nach der Tschuktschen- Halbinsel ge- 
macht und hierbei auf ihren kühnen Fahrten im offenen Walboot 
um das Ostcap von Asien und längs der übrigen Theile der sibi- 
rischen Küste der Beringstrasse ein umfassendes wissenschaftliches 
Material gesammelt; sie hatten alsdann den Winter über an der 
Nordwestküste von Amerika gelebt und sich nun getrennt, 
weil der Urlaub des einen Bruders abgelaufen war. Der andere 
Dr. A. Krause hatte sich nordwärts gewendet, um, soweit es 
seine Zeit noch erlaubte, seine wissenschaftlichen Untersuchungen 
fortzusetzen. Damals durfte ich hoffen, was sich indessen später 
nicht bewahrheitete, dass ich den letztgenannten Herrn möglichen 
Falls noch in Alaska antreffen würde. 

Unsere Abreise von San Francisco fand am Dienstag, den 
13. Juni 1882 in der Mittagstunde statt Es hatte sich hierzu 
eine zahlreiche Menschenmenge am Hafenquai eingefunden, welche 
uns ihre Syinpathieen im Moment der Abfahrt durch donnernde 
Hochrufe und Tücherschwenken kund gaben, ein Abschieds- 
gruss, den wir nach Kräften zurückgaben. Man hatte unser 
Schiff und den kleinen Dampfer auf Deck mit Blumen und 
anderen Beweisen der Aufmerksamkeit geschmückt, und freu- 
dige Hoffnung schwellte unsere Brust, als wir im Schlepptau 
eines Dampfers langsam und majestätisch durch den Hafen 
fuhren und Guldengate passirten: „Auf nach dem Yukon!" war 
unsere Losung. 

Wenn uns jemand in der Stunde unserer Abfahrt gesagt 
haben würde, dass noch nicht einmal die nächsten drei Tage vergehen 
würden, ohne dass unsere lustige Goldgräbergesellschaft den Wunsch 
äussern würde, wieder zurück zu kehren, den würden wir aus- 
gelacht haben; wenn uns aber von ihm prophezeit worden wäre, 
dass fast fünf volle Wochen verfliessen würden, bevor wir den 

- 

A. Wolilt, Capitata Jacobsen's Reise. 1" 



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146 

Fuss wieder auf festes Land setzen könnten, so würden wir ihn 
einfach für unsinnig gehalten haben. 

Die weite Fläche des stillen Oceans war fast fortwährend im 
Laufe unserer Reise von einer mächtig rollenden See bedeckt, wäh- 
rend die Winde uns entweder stürmisch entgegen wehten, so dass wir 
Wochen lang keinen Kurs steuern konnten, oder total still wur- 
den, so dass wir absolut auf demselben Flecke hin und her schau- 
kelten. Vielleicht kein Meer der Welt verdient so sehr das Prä- 
dikat, dass es die Seekrankheit erzeugt, als der Theil des Stillen 
Oceans, den wir zu passiren hatten. Bereits am Tage nach unserer 
Abfahrt waren sämmtliche Passagiere an Bord mehr oder weniger 
seekrank und es war nur ein sehr geringer Trost für sie, dass 
gleichzeitig mit uns noch vier andere Schiffe in der Nähe auf den 
langsam sich hebenden und senkendeu rollenden Wasserbergen mit 
schlaff herunterhängenden Segeln hin- und herschaukelten und einen 
eben so hohen Prozentsatz Seekranker an Bord führten. 

Nicht wenig trug auf unserm Schiff, welches keine Passagier- 
kabineu besass, der Umstand zur Vermehrung der Seekrankheit 
bei, dass vier von uns im Schiffsraum schlafen mussten, der von 
dem Geruch des verfaulten Pumpenwassers angefüllt war. Es ist 
das Missgeschick, dass auf solchen fast unermesslicheu Wasser- 
flächen, wie diejenige des Stilleu Oceans, irgend ein Sturm nocli 
tagelang nach seinem gänzlichen Aufhören die Wasserwellen auf 
Tausende von Seemeilen Entfernung hin in rollende Bewegung 
bringt, ja dass dieselben Wellen von den Gestaden der Inseln und 
des Festlandes abprallend, ihren Weg in umgekehrter Richtung 
wieder zurück nehmen. Die noch so deutliche Erkenntniss dieses 
L T mstandes vermochte unseren Goldgräbern nicht das Geringste 
von den Qualen ihrer Seekrankheit zu nehmen. So war es denn 
kein Wunder, dass sie trotz der ungeheuren Summen, die sie für 
die Expedition schon verausgabt hatten, das heftigste Verlangen 
zeigten, auszusteigen, oder nach San Francisco umzukehren. Beide 
Wünsche wurden natürlich nicht erfüllt und die guten Leute 
mussten sich geduldigen, bis wir am nächsten Tage, anstatt die 
Sturmwirkungen aus entlegener Ferne als Urquell der Leiden au 
Bord zu gemessen, selber einen frischen, fröhlichen Sturm bekamen, 



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147 



der uns zwang, mit dicht gerefften Segeln gegenan zu kämpfen, 
während noch dazu unsere beiden Vordereegel ihren Dienst ver- 
sagten. Die Fortschritte, die wir machten, waren noch so gering, 
dass wir schon fast eine Woche unterwegs waren und erst eine 
Strecke von sieben bis acht deutsche Meilen zurückgelegt hatten. 

Indessen jede Windstille und jede Seekrankheit muss einmal 
ein Ende nehmen. So geschah es auch bei unserem Schooner und 
bei unseren Goldsuchern. Der Sturm wendete sich einigermaassen 
günstig für uns, indem er aus Nordwest zu wehen begann und 
unsere Goldsucher wurden endlich seefest und der Muth übte in 
ihrer Brust wieder seine Spannkraft, Es war dies namentlich 
daran ersichtlich, dass sie bei der Annäherung eines kleinen 
Schooners, der etwas eigenthümliche Manöver machte, in den 
Glauben versetzt wurden, ein Seeräuberschiff nähere sich uns und 
zu ihren Revolvern und Gewehren griffen, um sich zu vertheidigen. 
Jedenfalls dachte die Besatzung des kleinen Schiffes mit keiner 
Silbe daran, welch schrecklichen Verdacht sie bei unsern allezeit 
sehr zur Vertheidigung bereiten tapfern Leuten hervorgerufen hatte. 

An diesem Tage, wo wir die ersten eigentlichen Fortschritte 
während der Fahrt machten, hatte unser Schiff, das mit einer 
Geschwindigkeit von sechs englischen Meilen in der Stunde dahin- 
segelte, mehrere Stunden lang einen eigenthümlichen Reisebegleiter. 
Es war dies eine Pelzrobbe, welche mit fabelhafter Ausdauer in 
unserem Kielwasser schwamm und mit einem Seelöwen an Kraft, 
Gewandtheit und Schnelligkeit wetteifernd, sich förmlich wie eine 
Schraube durch das Wasser drehte und sogar mitunter über die 
Oberfläche der See emporsprang. Natürlich thaten wir, gefesselt 
durch das Wesen des Thieres, demselben nichts zu Leide, so 
schiesslustig auch sonst die Gesellschaft an Bord war. Schlimmer 
erging es einige Tage darauf einem Haifisch, der nach der gewöhn- 
lichen Manier dieser Hyänen des Meeres sich zu uns gesellte und 
längsseit des Schiffes schwamm, vielleicht in stiller Erwartung, 
dass Jemand über Bord fallen und ihm zum Frühstück dienen 
würde. Darin hatte er sich nun erheblich getäuscht, denn kaum 
schwamm er neben dem Schiffe, als ihn auch schon ein wold- 
gezielter Schuss aus dem Riflegewehr eines unserer Goldmenscheu 

10' 



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148 — 



unterhalb der Kinnlade traf und so schwer verwundete, dass er 
sich sofort auf die Seite legte. Aber nun hätte man sehen müssen, 
wie aus zehn, zwanzig Revolvern und Gewehrläufen minutenlang 
►Schuss auf Schuss auf den Hai hinabdonnerte und die Kugeln in 
seine Seite einsclilugen. Es war, als ob sämmtliche an Bord An- 
wesende plötzlich ein wahres Jagdfieber bekommen hätten. Lang- 
sam begann der Hai mit dem Schwänze zuerst zu sinken, als ich 
den Vorschlag und Versuch machte, ihn an Bord zu nehmen. 
Hiergegen legte aber unser sonst so gemüthlicher Kapitain Lund, 
mein Landsmann, entschieden Verwahrung ein, was mir leid genug 
that, da ich schon früher Haifischfleisch gegessen und wohl- 
schmeckend gefunden hatte. Den Grund seiner Weigerung gab 
der Kapitain nicht an; mögüch ist es, dass es sich um irgend 
einen Aberglauben in Bezug auf ihn selbst, das Schiff oder unsere 
Fahrt handelte. Wir trafen übrigens fast täglich Haie oder Del- 
phine, Pelzrobben und verschiedene grosse Fische an, es gelang 
uns jedoch nicht, einige davon zu fangen. Die Gegenwart der 
Haifische in diesem Theil des Oceans hielt uns indessen nicht ab, 
bei Windstille, wenn der Schooner ruhig auf dem Wasser lag, so 
oft und so lange wir wollten, zu baden. 

Der Fortechritt unserer Reise war so laugsam, dass wir am 
elften Tage nach unserer Abfahrt aus San Francisco erst hundert 
deutsche Meilen zurückgelegt hatten. Der erste Juli war zugleich 
auch der erste Tag, an welchem wir, vom Winde begünstigt, 
unsern directen Cours steuern konnten, doch etwas Feindliches 
trat uns jetzt noch entgegen, da wir eine himmelhohe See, die 
uns gerade entgegenstand, zu überwinden hatten. Allmählich wurde 
es jedoch Jedermann an Bord fühlbar, dass wir uns den nörd- 
lichen Gegenden näherten. Das Wetter wurde kalt und ungern üth- 
lich und die Nebel, welche uns ohnehin schon während der Reise 
mit einer Hartnäckigkeit belästigt hatten, die einer sehr viel 
besseren Sache würdig gewesen wäre, wurden immer häufiger. Im 
Ganzen war die Situation als ungeraüthlich zu bezeichnen. Ich 
gebe hier zwei Schiffspositionen während unserer Reise: Montag, 
den 3. Juli, bei südöstlicher Brise mit bedecktem Himmel, be- 
fanden wir uns Mittags auf 42° 27' n. Br. und 147° 15' w. L. 



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140 



von Greeuwich. Sonntag, den 0.: Südwestlicher Wind, der Sturm 
hatte nachgelassen, und befanden wir uns Mittags auf 52° 23' 
n. Br. und 157° 44' w. L. von Greenwich. 

Endlich am 10. Juli befanden wir uns in der Nahe des 
Landes und zwar südlich von der Halbinsel Alaska bei den 
Shumagin- Inseln. Der dichte Nebel verhinderte es, das Land 
zu sehen. Erst am nächsten Tage klärte sich das Wetter ein 
wenig auf, jedoch nur so viel, dass wir mit äusserster Anstrengung 
eine Spur von Land auf einen kurzen Moment erblicken konnten. 
Wir befanden uns damals etwa dreihundert englische Meilen von 
der Insel Unalaska entfernt. Bei frischer Brise von Nordost 
während eines dichten Nebels unseren Cours fortsetzend, gelangten 
wir am anderen Abend ausserhalb Halibut- Insel, einem kleinen 
Eiland, bekamen 24 Stunden später bei Sturm aus Nordwest und 
starkem Nebel die Insel Tigalda in Sicht und mussten die ganze 
Nacht zwischen dieser Insel und der Insel Unimak kreuzen, wäh- 
rend ein starker Regen ununterbrochen seine Gewässer über un- 
seren Schooner ergoss. Wieder verging ein Tag und Sturm und 
Regen suchten uns heim, aber wir sichteten gegen Mittag die 
Südostspitze von Akun und passirten glücklich, trotz des vielen 
Nebels und Regens, noch an demselben Abend den Akutan-Pass 
zwischen den Inseln Akutan und Unalaska. Es ist dieses die 
gewöhnliche Passage für Schiffe, die aus dem Süden kommen 
und nach der Beringsee fahren. 

Da wir unser Schiff auf der amerikanischen Zollstatiou im 
Hafen von Unalaska klarireu lassen mussten, so war es nöthig, 
am letztgenannten Punkte zu landen. Wer war froher, als unsere 
Goldgräber, die nach dreiunddreissig Tagen ununterbrochener See- 
fahrt, während welcher Zeit sie dreimal den Weg zwischen Europa 
und Amerika hätten zurücklegen können, nunmehr endlich am 
Sonntag, den 16. Juli, Morgens 7 Uhr, das Gestade der Bay von 
Unalaska als sicheres Zeichen, dass es auf der Erde doch auch 
noch Land gebe, vor sich sahen. Unser Schooner Tiurnen war 
noch vier Seemeilen vom Land entfernt, als drei von unseren un- 
geduldigen Passagieren ihre Sehnsucht nach dem Lande nicht 
mehr beherrschen konnten und das Boot hinabliessen, in welchem 



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sie voraus eilten, um wieder einmal festen Boden unter sich zu 
haben. Wir ankerten im Unalaska-Hafen um ein Uhr Nach- 
mittag* und gingen gleichfalls an Land, während die Zollange- 
legeuheiten erledigt wurden. Unser erster Besuch galt der Handels- 
niederlassung der Western- Für -Tradings- Company, deren Haupt- 
agent, Mr. Stau ff, uns freundlichst aufnahm. Späterhin machten 
wir dem Zollbeamten Herrn Schmidt unsere Aufwartung. Dieser 
Herr ist der einzige hier wohnende Beamte, der mit einer Ame- 
rikanerin verheirathet ist; die übrigen Beamten sind nicht ver- 
heirathet. Zuletzt machten wir der Handelsniederlassung der 
Alaska -Commercial- Company, deren Hauptageut, Herr Rudolf 
Neumann, uns in der liebenswürdigsten und entgegenkommendsten 
Weise aufnahm, eine Visite. 

Wer beschreibt unsere Ueberraschung, als wir sämmtlich eine 
Einladung zu einem an demselben Abend stattfindenden Ball er- 
hielten! Es war kein aussergewöhnlicher Ball, sondern ein Ball 
wie deren hierselbst au jedem Sonntag einer abgehalten wurde. 
Und die Damen? wird man fragen. Ja nun; die Damen waren 
in grosser Zahl und in festlichem modernen Staat, vollständig in 
europäischer Tracht, einige sogar mit Eleganz gekleidet, vorhanden. 
Sie trugen Blumen im Haar und auf den seidenen Kleidern und 
tanzten mit grosser Sicherheit und Ausdauer. Die Damen gehörten 
der aleutischen Bevölkerung an, welche besonders auf Unalaska 
sich mit den Russen vermischt hat. Als eine körperliche Eigen- 
tümlichkeit der aleutischen Schönen fielen mir deren schmale ab- 
wärts gerichtete Schultern auf. Die beiden russischen Pastoren 
mit ihren Familien nahmen gleichfalls am Tanze Theil, was die 
Aleutiuuen nicht im Mindesten hinderte in den tauzfreien Momen- 
ten ganz forsch ihre Cigarretten zu rauchen. Im Ganzen genom- 
men kamen wir mit dem Tanzen gut aus, trotzdem unser Ball- 
orchester, das aus einer Art Drehorgel mit Notenblättern aus Pappe 
bestand, widerholt auf zehn, fünfzehn Takte streikte, während sich 
die lustigen Paare ruhig im Kreise weiter drehten. Die Unter- 
haltung mit unseren Balldamen wurde in russischer Sprache ge- 
führt. Das Vergnügen, zu welchem wir so zufallig gekommen 
waren, dauerte bis Morgens ein Uhr. 



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151 



Nördlicher Wind mit Regen verhinderte am andern Tage unser 
Auslaufen, und die meisten von uns blieben nur zu gern an diesem 
Grenzposten der Civilisation, weil sie wussten, dass sie schon nach 
wenigen Tagen al- 
len Zufälligkeiten 
eines ungeregelten 
und unbestimmten 
Reiselebens in den 
weiten Regionen 
von Alaska ausge- 
setzt sein würden. 
Wir hatten an die- 
sem Tage gezwun- 
genen Verweilens 
( u'legeuheit den 
Waarenhäusern der 
genannten Gesell- 
schaften ausfuhr- 
liche Visiten abzu- 
statten, und muss- 
ten erstaunen über 
die grosse Mannig- 
faltigkeit der Ar- 
tikel , welche hier 
zu haben waren. 
Man darf wohl be- 
haupten, dass es 
wenig Produkte mo- 
derner Civilisation 
giebt, welche hier 
nicht vertreten wa- 
ren. Man sagte mir, dass die Eingeborenen hierselbst viel Geld durch 
den Fang der Seeottern und Pelzrobben verdienen, und dasselbe sofort 
wieder, wovon uns auch der Ball einen Beweis gab, in europäischen 
Waaren anlegen. Ich machte in Unalaska die Bekanntschaft eines 
Correspondenten des New- York Herald, Mr. H. I). Woolfe, eines 




Mr. EL D. Woolfe, Correcpoudent de* Xew-York Herald im 
E»kluio- Anzüge. 



152 



unterrichteten und weitgereisten Mannes, welcher schon in China 
gewesen war und auch bereits Alaska gesehen hatte. Eine Reise, 
wie ich, der „Ethnologist of the Royal Berlin Museum" auf- 
zuführen im Begriff stand, reizte seine Wanderlust in hohem Grade, 
und er machte mir den Vorschlag, dass wir die Expedition zu- 
sammen machen sollten. Ich willigte gern ein und hatte es in der 
Folge nicht zu bereuen, da Mr. Woolfe mir auf einem grossen 
Theil meiner mehrere tausend Meilen betragenden Reiseroute stets 
ein liebenswürdiger, unermüdlicher und uach Kräften hilfsbereiter 
Freund gewesen ist 

Am Dienstag, den 18. Juli, Morgens 5 Uhr verliessen wir bei 
südlichem Wind und schönem Wetter Unalaska, befanden uns 
jedoch gegen Abend immer noch in Sicht des Landes. Der Wind 
verwandelte sich am nächsten Tage in einen Sturm aus West und 
Nordwest, welcher uns durch die kalte und rauhe Witterung, die 
er mit sich brachte, einen Vorgeschmack der arktischen Huudstage 
brachte. Am nächsten Tage herrschte wieder Windstille, welche 
wir dazu benutzten, um zu fischen. Wahrscheinlich aber hatten 
wir die hierzu feierlichen Ceremonien nicht beobachtet, denn es biss 
auch kein einziger Fisch auf den Köder. Ich für meinen Theil 
nahm an dieser Stelle auf meine Weise vom Süden Abschied und 
leistete mir das Vergnügen eines Seebades, welches natürlich hier 
mitten in der Beringsee und in nächster Nähe der Beringstrasse 
etwas frostig ausfiel, und mich lebhaft an meine leichtsinnige Tour 
erinnerte, die ich im Winter vorher mit blossen Füssen durch die 
schneebedeckte Strasse eines Indianerdorfes auf West-Vancouver 
ausgeführt hatte. Kurz darauf passirten wir die St. Matthews- und 
am andern Tage die St. Lorenz-Inseln und befanden uns am 24. 
am Eingange des Nortonsunds in Sicht von Cap Nome, gegen- 
über dem Fort St. Michael und der südwestlich davon gelegenen 
Mündung des mehrere tausend Seemeilen langen Riesenstromes 
Yukon. Man erhält einen Begriff von der kolossalen Wassermenge, 
welche dieser merkwürdige und hochinterressante Fluss mit sich 
führt, wenn man sieht, wie die Gewässer des grossen breiten Norton- 
sundes mit der Schnelligkeit von ein bis drei Seemeilen per Stunde 
hinaus in die offene See strömen, wenn mau beobachtet, welche 



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ungeheure Menge von Treibholz der Strom hinabschwemmt. Diese 
Meeresströmung und die uns aus Südost entgegenstehende Brise war 
die Ursache, dass wir wenige Meilen vom Ziele entfernt nur ausser- 
ordentlich langsam vorwärts kamen. Es war dieses eine um so 
schlimmere Geduldsprobe für unsere Goldsucher, als das Wetter 
ausnahmsweise, wahrscheinlich wegen der grossen Nähe des Landes 
klar blieb, während die dunkle Nebelbank draussen über See lagerte. 
So kreuzten wir denn am Eingange des Nortonsundes zwischen der 
Galownin-Bay und Fort St. Michael auf und ab, bis uns endlich am 
Nachmittag des 25. Juli der östliche Wind gestattete uns St. Mi- 
chael mehr zu nähern und daselbst um sieben Uhr Abends im 
Hafen vor Anker zu gehen. Somit war ich wieder einmal am Aus- 
gangspunkte einer grossen Reise angelangt, die mich durch viele 
öde und unbekannte Gegenden fuhren sollte. 



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IX. 

Schooner „Leo". Galownin-Bay. Lieutenant Paul. Die internationale Polar- 
btation der Vereinigten Staaten in Point Barrow. Landung in Fort St. Michael. 
Guter Empfang bei Mr. Neumann von der Alaska • Commercial - Company. 
Meine Vorbereitungen. Mein Dolmetscher Petka. Der Schleppdampfer „New 
Raket." Unsere beiden Fellboote. Die Handelsposten der Alaska-Comtnercial- 
Company. Monopol auf Pelzrobbenjagd. Abschiedsbriefe nach Europa. Dampf- 
bäder der Russen und Eskimos in Alaska. Tanz- und Festhäuser (Kassigit) als 
Dampfbäder. Eskimoweiber als Badediener. Schnee als Waschwasser. Sonder- 
bare Seife. Bademützen aus Vogelhaut. Respiratoren aus Grasgeflecht. Bade- 
handtücher aus Grasbüscheln. Ein Fellboot aus Kings Island. Eskimoweiber 
mit Nasenringen. Ich setze mein Geld in Tauschartikel um. Abfahrt von 
St. Michael. Längs der Küste des Beringmeeres. Es wird täglich zweimal 
Brennholz geschlagen. Treibholz. Eigentümlich verkrüppelte Bäume. Meine 
Taschenuhr wird zerdrückt. Unser Schleppdampfer wird eigensinnig. Cap 
Romanoff. Der Pastoliak - River. Frischer Proviant. Die nördlichste Mündung 

des Yukon -River. 

Als wir uns dem Hafen von St. Michael näherten, bemerkten 
wir einen andern Schooner, welcher denselben Kurs steuerte wie 
wir. Es war der Schooner „Leo", der zehn Tage später als wir 
San Francisco verlassen hatte, aber in Folge günstigerer Winde 
schneller als unser Schooner gefahren war. Er ging nach Galownin- 
Bay westlich vom Nortonsund, um daselbst eine Anzahl Goldgräber 
abzusetzen und späterhin nach Point Barrow, welches die Nord- 
spitze von Alaska bildet, um dort Mitglieder der von der Regierung 
der Vereinigten Staaten zu errichtenden Internationalen Polarfor- 
schungs-Station, wie ich bereits erwähnt habe, zu landen. 

Es würde sich hier für mich eine günstige Gelegenheit ge- 
funden haben, hoch hinauf nach Norden zu gelangen und die dor- 
tigen Küstenstämme zu besuchen, aber da Lieutenant Paul 
schon am andern Tage abfahren wollte, so wäre es unmöglich 
gewesen, mich in dieser kurzen Zeit reisefertig zu machen. Wir 
ankerten in St. Michael Abends 7 Uhr und gingen an Land, wo- 
selbst wir bereits alle Passagiere des Schooners „Leo", anwesend 
fanden. Wir machten zunächst die Bekanntschaft des zweiten 



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155 



Agenten der Alaska-Commercial-Conipany, Herrn Neu mann, da 
der Hauptagent Herr Lorenz mit dem Dampfer der Company, 
welcher während des Sommers den Yukon-River befählt, auf einer 
Tour nach dem oberen Theil des Stromes abwesend war. 

Die Ankunft zweier Schiffe, wie die unsrigen, bringt in einem 
so entlegenen Punkte der Welt, wie St. Michael ist, naturgemäss 
eine grosse Aufregung hervor, denn die dort Wohnenden erhalten, 
wie auch in unsenn Falle, erst auf diesem Wege Nachrichten 
über dasjenige, was seit Monaten in der Welt passirt ist. So 
war es denn nicht zu verwundern, dass die Mitternachtsstunde 
herangekommen war, bevor die notwendigsten gegenseitigen Mit- 
theilungen ausgetauscht waren. Ich kann nicht umhin ganz be- 
sonders zu betonen, wie angenehm mir persönlich die Aufnahme 
war, die mir selbst und meinen Plänen seitens des Vertreters der 
Alaska-Commercial-Company zu Theil wurde. Als wir uns um 
Mitternacht verabschiedeten, lud uns Herr Lieutenant Paul, der 
Führer der Expedition, ein, noch auf einige Stunden an Bord seines 
Expeditionsschiffes zu kommen, und den Abschied, den er damit 
für kurze Zeit von der civilisirten Welt nahm, mit ihm zu feiern. 
Die Sonne war bereits aufgegangen, als wir uns um zwei Uhr 
Morgens am 26. Juli nach zahlreichen Reden und Toasten von 
Lieutenant Paul und den Herren der Polarstation verabschiedeten 
und zu uns an Bord gingen. Nach kurzer Ruhe Hess ich meine 
Sachen an Land bringen und traf einige schleunige Vorbereitungen 
für die Reise. 

Inzwischen hatte die Goldgräbergesellschaft auch ihrerseits alle 
Einrichtungen getroffen, um ihre Reise in das Innere von Alaska 
baldmöglichst antreten zu können. Es war gelungen mit Hilfe von 
hydraulischen Maschinen den kleinen Dampfer vom Deck des 
Schooners wohlbehalten auf das Wasser hinabzulassen und alle Aus- 
rüstungsgegenstände der Gesellschaft an Bord des Dampfers und 
eines grossen mit Fellen überzogenen Ruderbootes, das zu diesem 
Zwecke gekauft wurde, zu schaffen. Ich erhielt durch Herrn Neu- 
mann ein grosses Fellboot der Alaska -Commercial- Company ge- 
liehen, und engajjrirte als Dolmetscher und Arbeitskraft ein russisch- 
indianisches Halbblut Namens Petka, dem ich einen für dortige 



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— 156 - 

Verhältnisse ziemlich hohen Lohn zahlen musste. Aber der Mann 
war brauchbar und mit der Gegend vertraut, da er bereits 
früher mit Herr Nielsen von Smithsonian Institution eine Reise 
ausgeführt hatte. 

Um einen kleinen Vorgeschmack davon zu bekommen, wie 
sich das ethnologische Handelsgeschäft für mich entwickeln würde, 
kaufte ich von den hier wohnenden Eingebornen verschiedene 
Gegenstände und gewann den Eindruck, dass ich eine ziemlich 
günstige Ernte haben würde. Einige Tage nach unserer Ankunft 
in St. Michael wurden sämmtliche Gegenstände der Expedition ge- 
ordnet und der Zug so arrangirt, dass Hr. Scheffel ien und einige 
seiner Gefährten an Bord des kleinen Dampfers, die übrigen Gold- 
gräber und derLootse an Bord des ersten Fellbootes und Mr. Woolfe 
sowie ich mit meinem Dolmetscher Petka au Bord meines Fell- 
bootes Platz nahmen und dass der ganze Zug durch den kleinen 
Dampfer geschleppt werden sollte. In dieser Reihenfolge hielten 
wir nns in der That später während der ganzen neunhundert eng- 
lische Meilen langen Fahrt, die wir während des Monats August 
1882 den Yukon-River hinauf ausführten. 

Das Netz von Stationen und Handelsposten, mit denen die 
Alaska-Commercial-Company das Land Alaska und die dazu ge- 
hörende Inselwelt überzogen hat, gleicht im Ganzen und Grossen 
demjenigen, welches etwas südlicher die Hudsons-Bay-Company 
über British-Columbien etc. gelegt hat. Wie bereits erwähnt, be- 
findet sich der Hauptsitz der Alaska-Commercial-Company in 
San Francisco und sind mehrere der Hauptmitglieder Deutsche. 
Diese Gesellschaft erhielt im Jahre 1868 das Monopol auf die Pelz- 
robbenjagd in Alaska gegen eine Vergütung, die sie für jedes 
gefallene Thier an die Regierung zu zahlen hat Es ist ihr die 
Verpflichtung aufgelegt worden, dafür zu sorgen, dass die Pelzrobben 
nicht ausgerottet werden, es wird desshalb alljährlich nur eine be- 
stimmte Zahl von Thieren getödtet. Die Inseln St. Paul und 
St George im Beringmeer sind die einzigen, wohin die Pelzrobben 
in jedem Sommer kommen, um sich zu begatten. Dort findet als- 
dann durch besonders beauftragte Bewohner der Aleuten-Inseln der 
Fang statt. Neben dieser Jagd betreibt man dort oben im Norden 



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157 



den Seeotterfang au sämmtlicheu Aleu tischen Inseln mit Vortheil. 
Die Alaska-Coinmercial-Coinpany hat ihre Handelsstationen, ausser 
an der Westküste von Alaska, woselbst Fort St Michael die Haupt- 
station ist, auch auf der Südseite von Alaska in Cooks-Inlet etc. 
errichtet. Auf dem ganzen Festlande wird auch ein bedeutender 
Handel mit Fellen betrieben, und es befinden sich am Yukon-River 
bis 1800 englische Meilen aufwärts acht Stationen der Alaska- 
Commercial- Company, zwischen denen zwei kleine Dampfer den 
Verkehr unterhalten; ferner liegen südlich davon am Kuskoquim- 
River zwei Stationen, am Nuschagak-River auf der Südküste zwei 
Stationen, in Cooks-Inlet auf der Südküste fünf Stationen, in Prinz 
Williamssund ebendaselbst eine Station. Für diese letztgenannten 
ist St. Paul auf der Insel Kadiak an der Südküste die Haupt- 
station; ausserdem befinden sich noch viele Stationen auf den Aleu- 
tischen Inseln mit der Hauptstation auf der von uns bei der Hin- 
reise besuchten Insel Unalaska. An jeder dieser Stationen sind 
weisse Händler angestellt, um die Felle von den eingebornen Jägern 
einzutauschen und die übrigen Handelsgeschäfte zu vermitteln. 
Unter der Botmässigkeit dieser weissen Händler, die wie überall 
in Amerika den Namen Trader fuhren, stehen noch zahlreiche 
Mischlinge, die während der Wintermonate umherreiseu und die 
Felle aus entferntliegenden Distrikten eintauschen, resp. auch sonst 
als Arbeiter verwendet werden. Die Alaska -Commercial- Company 
besitzt mehrere Segelschiffe und drei grössere Dampfer, welche all- 
jährlich die Handelsartikel hinaufbringen und dafür Felle und son- 
stige Produkte nach San Francisco mit zurücknehmen. Neuer- 
dings ist zu diesem grossen Einfluss der Gesellschaft noch derjenige 
einer auf der Insel Kadiak gegründeten Lachs-Conserven-Fabrik 
hinzugekommen. Unter den im Handel vorkommenden Fellen be- 
finden sich solche von Renthiereu, Elchen, einigen Marderarteu, 
von Polar-, Roth-, Kreuz- und Schwarz-Füchsen, von Roth-, Schwarz- 
und Grisly-Bären, vom Luchs, Vielfrass, Biber, von Hasen, Ratten, 
Hermelin und anderen Nagethieren, Fischotter u. s. w. Die Mehr- 
zaihl dieser Felle geht auf den grossen Pelzmarkt von Europa, 
nach London. In neuerer Zeit werden auch noch andere Artikel 
aus Alaska exportirt, darunter Walrosszähne, gesalzene Lachse und 



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Heringe. Die Alaska -Commercial- Company besitzt ein sehens- 
werthes kleines ethnographisches und zoologisches Museum in ihrem 
Hauptcentraipunkt in San Francisco. Die Aufstellung dieser Samm- 
lungen ist dem grossen und regen Interesse für die Wissenschaft 
zu verdanken, welches die Alaska-Conimercial-Gesellschaft stets be- 
seelt hat, ein Interesse, das sie auch durch thatkräftige Unter- 
stützung der wissenschaftlichen Zwecke eines jeden Reisenden und 
Sammlers jederzeit, und besonders auch mir erwiesen hat, wofür 
ich ihr nochmals an dieser Stelle meinen Dank zu sagen mich 
verflichtet fühle. Schliesslich erwähne ich noch, dass eine grosse 
Zahl von Händlern und Agenten dieser Gesellschaft aus Deutschen 
oder aus Skandinaviern besteht 

Nachdem ich meine Abschiedsbriefe nach Europa geschrieben 
hatte, nahm ich noch vor dem Antritt meiner Reise in St. Michael 
ein russisches Bad in landesüblicher Weise. Die Einrichtung dieser 
Bäder ist auf allen Stationen der Gesellschaft, wie ich späterhin 
fand, dieselbe; daher möge eine Beschreibung derselben gleich hier 
Platz finden. Diese Häuser sind gewöhnlich nach Art der russischen 
Badehäuser eingerichtet; die Gebäude sind vor Allem luftdicht ge- 
baut, so dass kein Dampf daraus entweichen kann. In einer Ecke 
des Baderaumes befindet sich ein grosser aus Steinen erbauter 
Ofen, der t)eim Beginn des Badens mit einer Quantität Holz ge- 
heizt wird. Auf das brennende Holz wird eine grossere Anzahl 
faustgrosser Steine hingelegt, die durch die Flammen allmählich 
glühend heiss werden. Nachdem das Holz gänzlich herunter ge- 
brannt ist, und 9ich keine Gase mehr daraus entwickeln, wird die 
Ofenklappe geschlossen und es kann nun nichts mehr nach aussen 
hin von der Wärme entweichen. Nunmehr wird die Dampfent- 
wickelung dadurch hervorgerufen, dass man auf die im Ofen lie- 
genden Steine lauwarmes Wasser giesst, worauf der entwickelte 
Dampf in mächtigen Wolken aus dem Ofenloch hervordringt und 
den Baderaum vollständig erfüllt. Die im Raum anwesenden 
entkleideten Personen nehmen in gewöhnlicher Weise auf Holz- 
pritschen Platz und baden etwa eine halbe Stunde lang. Alsdann 
begeben sie sich in das Nebenzimmer, wo sie ihre Kleider wieder 
anlegen. Man befindet sich nach einem solchen Bade stets 



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— 159 — 



frisch, so dass ich jede Gelegenheit benutzte, die sich mir auf 
meiner Reise darbot, ein Dampfbad zu nehmeu. Ich glaube, dass 
diese Bäder viel dazu beitragen, dass die Bewohner von Alaska t 
im Allgemeinen stark, kraftig und gesund sind, und dass man 
dort nicht viel von Krankheiten hört Ein Patient würde auch 
eine traurige Holle spielen in einem so weit ausgedehnten Lande, 
in dem man keine ärztliche Hilfe erhalten kann. 

Um es gleich hier zu erwähnen, so besitzen die Einwohner 
von Nordwest-Alaska, welche aus verschiedenen Eskimostammen 
bestehen, gleichfalls eine Art origineller Badeeinrichtung, bei der 
es aber mehr auf Entwicklung he isser Luft, als auf Dampferzeugung 
ankommt. Diese Bäder, welche eine gewisse Aehnlichkeit mit 
unseren bekannten Römischen Bädern haben, mögen in folgendem 
kurz beschrieben werden: Die Eskimos errichten derartige Bäder 
in der Regel in solchen Dörfern, in deren Nähe sich grössere Holz- 
vorräthe, sei es Treibholz oder Baumwuchs, befindet In den Es- 
kimo- Ansiedlungen giebt es Tanz- oder Festhäuser, welche den 
Namen Kassigim oder Kassigit fuhren. Diese Gebäude sind ganz 
anders gebaut als die gewöhnlichen Wohnhäuser und dienen oft auch 
als Badehäuser. Die Kassigim oder Kassigit sind viel grösser als 
die gewöhnlichen Eskimohäuser und sind zur Hälfte unter dem 
Erdboden erbaut. Man betritt sie nicht durch eine oberhalb der 
Erde angebrachte Thüre, sondern durch einen grabeuähnlichen 
tiefen Gang, der in den Erdboden einschneidend in einen grossen 
runden kellerartigen Raum unterhalb des mit Planken bedeckten 
Fussbodens des Hauses führt. Durch ein mitten im Fussboden 
angebrachtes rundes Loch steigt der Angekommene hinauf in den 
Fest- und Tanzraum. An den Wänden befindet sich eine, und, wenn 
die Gegend sehr holzreich ist, zwei Reihen Bänke, auf denen die 
Eskimos \m grösseren Festen Platz nehmen. Im Falle ein solches 
Fest gefeiert wird, so erleuchtet man den inneren Raum durch 
etwa zehn bis dreissig steinerne oder aus Thon gefertigte Lampen, 
deren jede einzelne, wie eine Laterne auf einem besonders für sie 
im Festraum errichteten Pfuhl aufgestellt wird. Ganz anders da- 
gegen ist die Verwendung des Hauses als Baderaum. 

Wenn man ein Bad bereiten will, so wird zunächst der bewegliche 



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- 160 



und leicht aufzunehmende aus Planken bestehende Fussboden aus dem 
Hause gänzlich entfernt, so dass der dadurch freiwerdende Kellerraum 
mit dem Innern des Gebäudes einen grossen zusammenhängenden 
Raum bildet. Nachdem dies geschehen ist, wird auf dem Erdboden 
des Kellers, welcher etwa vier Fuss tiefer liegt als der gewöhnliche 
Erdboden, ein ziemlich grosses Feuer angezündet Nunmehr ent- 
kleiden sich diejenigen, welche das Bad nehmen wollen und pla- 
ciren sich. Als Badediener fungiren Eskimo-Weiber, welche jedem 
Badenden eine Schüssel mit Schnee überreichen. Für zarte Naturen, 
und für Solche, die an unsere europäischen Begriffe von Reinlich- 
keit gewöhnt sind, ist der Anblick oder gar das Nehmen eines 
solchen Bades durchaus nicht zu empfehlen. Aber für den Eskimo, 
der durch seine Lebensweise auf und an seinem Körper so viele 
Unreinigkeiten ansammelt, dass letztere mitunter wie eine Art Kruste 
auf seiner Haut liegen, dürften die Manipulationen des Bades immer- 
hin von sehr gesundheitsförderndem Einfluss sein, so wenig appetit- 
lich sie auch nach unseren Begriffen sind. Der Eskimo gebraucht, 
um die aus Sch weiss, Fett und Schmutz bestehende obere Schicht 
seines Körpers zu entfernen, Seife und Wasser. Da ihm Beides, und 
namentlich die Seife nicht zur Verfugung steht, so benutzt er die 
natürliche Flüssigkeit seines Körpers, den Harn, um den in der 
Holzschüssel befindlichen Schnee damit theilweise zu schmelzen, 
und wäscht sich alsdann mit dieser Mischung den ganzen Körper. 
Beim Reiben der Glieder entsteht Schaum auf der Oberfläche 
des Körpers, gerade als wenn zum Waschen Seife benutzt worden 
wäre. Diese Manipulation, gegen die sich in hygienischer Be- 
ziehung nichts einwenden lässt, hat vor Allem den Effect, dass 
die Haut einigermaßen gereinigt und die verstopften Schweiss- 
poren wieder eröffnet werden. Es tritt nunmehr die natürliche 
schweißtreibende Wirkung der durch das Feuer stark erhitzten 
Luft des Badehauses in Funktion; eine reichliche Transpiration 
entwickelt sich und wirkt abspülend und reinigend. Die Badefrauen 
gehen während dieser Zeit ungenirt ab und zu, ohne im Geringsten 
daran Anstois zu nehmen, dass die Badenden unbekleidet sind. 
Bei den Letzteren gilt es freilich für ein Zeichen der Wohlan- 
stäudigkeit, sich einer Art „Badehosen" zu bedienen, die indessen 



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— 161 - 



als das Minimum eines solchen Bekleidungsstückes zu l>ezeichnen 
ist, da sie nur aus einem fingerlangen Fädchen besteht, aber 
in ihrer Art ihren Zweck vollständig erfüllt Sehr originell, 
und für uns in Europa vielleicht nachahmungswerth ist der Ge- 
brauch der Eskimos, bei solchen heissen Bädern, zum Schutze 
gegen die Hitze, eine aus Vogelfell l>estehende Mütze aufzusetzen. 
Noch interessanter ist eine andere prophylaktische Einrichtung, 
deren sich die Eskimos bei diesen Bädern bedienen. Dieselbe be- 
steht — so sonderbar es auch klingt — aus einer Art Respirator, 
den die Leute in den Mund nehmen, damit der Rauch des Feuers 
nicht in ihre Lungen eindringe. Dieser Respirator wird aus einem 
Geflecht von feinem Gras hergestellt, welches durch einen kleinen 
hölzernen Pflock, der in den Mund gesteckt wird, festen Halt ge- 
winnt. Rechnen wir hierzu noch die Verwendung von Büscheln 
feinen Grases als Handtücher, so hat man allen Comfort eines 
solchen Heissluftbades eines Eskimos an der Nordwestküste Ame- 
rikas aufgezählt 

Am letzten Tage des Monats Juli kam ein grosses Fellboot, 
eine Baidera mit zwanzig Personen beiderlei Geschlechts von Kings- 
Island in Fort St. Michael an und brachte viele für mich interessante 
ethnographische Gegenstände mit, welche ich säramtlich kaufte. 
Die jungen Eskimoweiber trugen Ringe in der Nase, und hatten 
das Kinn nach Art der nordwestlichen Einwohner Alaskas täto- 
wirt Diesmal konnte ich meine Einkäufe noch mit baarem Gelde 
machen, während ich im Innern von Alaska mich der Tausch- 
artikel bedienen musste. Zu diesem Zwecke hatte ich die gesaramte 
für Einkäufe bestimmte Summe in Waaren umgesetzt, welche ich 
aus den reichen Vorrathen der Alaska- Comraercial- Company an- 
kaufte und bei deren Wahl mich der mit den Handelsverhältnissen 
vollkommen vertraute Herr Neu mann aufs Beste unterstützte. 

Unsere Abfahrt vom Fort St Michael fand am 3. August 
Morgens 5 Uhr nach einem herzlichen Abschiede von allen, während 
unseres kurzen Aufenthaltes liebgewordenen Freunden statt Der 
Weg bis zur Mündung des Yukon-River musste längs der Küste 
des Meeres zurückgelegt werden. Wir wandten uns zunächst west- 
wärts durch einen langen Kanal zwischen der Küste und einer 

A. Woldt, Capitata Jacob»cn's HeL«e. 11 



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162 



Insel und machten am Ende des Kanals nach sechsstündiger Fahrt 
Halt. Es war nämlich nothwendig, frische Brennmaterialien ein- 
zunehmen. Da unser kleiner Dampfer, der ausser sich seihst die 
schwere Last von zwei vollbepackten Fellbooten oder Baideras zu 
schleppen hatte, die zur Heizung seiner Maschine noth wendigen 
Materialien natürlich nicht, wie ein grosser Oceandampfer für die 
ganze Dauer seiner Fahrt mit sich zu schleppen vermochte, ja 
auch nicht einmal im Stande war, dasjenige, was im Laufe nur 
eines einzigen Tages von ihm verbraucht wurde, mit sich zu führen, 
denn sein Tiefgang betrug nur 24 Zoll, so war es nothwendig, 
dass mehrmals täglich Station gemacht wurde, um Brennholz ein- 
zunehmen. Steinkohlen wären freilich besser gewesen, da sie be- 
kanntlich im Stande sind, bei demselben Gewicht eine viel grössere 
Heizkraft zu entwickeln als Holz. Aber auf Kohlen darf man fast 
überall nicht rechnen und so ist man von vornherein für die Hei- 
zung des Dampfkessels auf Holz angewiesen. In den öden und 
wenig bewachsenen baumlosen Regionen der Küsten von Alaska 
würde man vergebens nach einem so grossen Vorrath von Bäumen 
suchen, welcher für die Bedürfnisse einer solchen Dampferfahrt 
ausreichend wäre; dagegen findet sich in den oft mächtigen Lagern 
von Treibholz an der Küste ein ausreichender Vorrath für diesen 
Zweck. Fast sämmtliche nordischen Flüsse, welche aus dem Innern 
des Landes kommen, fuhren Treibholz mit sich, welches durch 
Luft und Meereswirkung fortgeführt, sich an der Küste aufspeichert 
und von der Bevölkerung je nach Bedürfniss verwendet wird. 

Das Holzschlageu wurde schon von den ersten Stunden unserer 
Fahrt an unsere tägliche Beschäftigung. Bis zur Mündung des 
Yukon-River und am unteren Theil dieses mächtigen Stromes, wo 
das Treibholz noch in grossen Massen vorhanden war, wurde fast 
regelmässig zweimal von uns gelandet, indem der kleine Dampfer 
bis hart ans Ufer fuhr und dort festgelegt wurde. Wie auf gemein- 
sames Kommando ergriff dann jedermann von uns seine Axt und 
bald erdröhnte die Luft von den Schlägen, mit denen das am Ufer 
liegende Treibholz für die Maschine zerkleinert wurde. Niemand 
von uns schloss sich von dieser Arbeit aus; das gemeinsame Inter- 
esse Aller verlangte gemeinsame Arbeitsleistung. Diejenigen, welche 



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mit der Axt nicht besonders umzugehen wussten, halfen in anderer 
Weise, so gut sie es vermochten; sie trugen Holz herbei oder 
schafften das zerkleinerte Holz an Bord des Dampfers, wo sich 
im Verlaufe von zwei, höchstens drei Stunden das Deck und der 
Schiffsraum bald mit dem Vorrath füllten. 

Späterhin als der Vorrath des Treibholzes am Ufer geringer 
wurde, gelangten wir in Gregenden, in denen der oft recht kraftige 
Baumwuchs bis an den Strom herantrat. Hier suchten wir meist 
abgestorbene Bäume aus, die wir fällten, da sie zerkleinert besser 
brannten wie grünes Holz. Ich möchte hier eine Beobachtung ein- 
schalten, die sich mir beim Holzschlagen wiederholt aufdrängte: es 
fanden sich auffallend viele Bäume in einer Art von verkrüppeltem 
Zustande vor, der darin bestand, dass der Stamm an mehreren 
Stellen in einen grossen unförmigen Knoten verwandelt war. Ich bin 
über die Ursache dieser Erscheinung nicht unterrichtet und brachte 
einen kleinen Baum mit zwei dieser Knoten mit nach Berlin, damit 
diese Sache wissenschaftlich untersucht werden könnte. Das Holz- 
schlagen führte übrigens für mich einen grossen und in meiner 
damaligen Lage unersetzlichen Verlust herbei. Eines Tages nämlich 
stürzte ein gefällter Baum in der Weise hinab, dass ein Theil 
davon auf meine Brust fiel, bei welcher Gelegenheit meine gute 
alte Taschenuhr, die mir lange Zeit treu gedient hatte, total zer- 
drückt wurde und ihre mechanische Thätigkeit für immer einstellte. 
Dieser Streik meines sonst so treuen Zeitmessers nöthigte mich, 
zu meiner sonstigen Lebensweise a la Eskimo während der ganzen 
Dauer meines Aufenthaltes in Alaska, also volle vierzehn Monate 
lang, mir auch noch die Eigenschaft anzugewöhnen, die Tages- oder 
Nachtstunden nach dem Stande der Sonne und der Gestirne, abzu- 
schätzen, eine Eigenschaft, die während des langen arktischen Win- 
ters, dort oben in der Nähe des Polarkreises hinreichend Gelegen- 
heit erhielt, sich zu entwickeln. Erst bei meiner Rückkunft nach 
San Francisco im Herbst 1883 konnte ich mich wieder in den 
Besitz einer Uhr setzen, da vorher keine Gelegenheit war, eine 
solche zu kaufen. 

Nachdem wir am Ende des oben bezeichneten Kanals unsere 
erste Probe im Holzschlagen glücklich abgelegt hatten, gedachten 



— 164 



wir die verhältnissmässig kurze Strecke, welche uns von der süd- 
westlich gelegenen Mündung des Yukon -River trennte, in aller 
Ruhe ohne jeden Unfall zu befahren. Aber der östliche Wind 
wehte uns die Wogen des Meeres gerade von hinten auf den Leib 
und unser kleiner Dampfer, der für solche frische Brisen auf 
offener See nicht eingerichtet war, und der ohnedem schon, wie 
sich späterhin herausstellte, wegen seiner hinten angebrachten Rad- 
welle nicht zu den besten Steuerern gehörte, wurde dadurch zu so 
eigenthümlichen Zick-Zack-Fahrten veranlasst, dass unser schwe- 
discher Lootse, Herr Pettersen, es für richtig erachtete, die Gold- 
gräber-Expedition dadurch vor dem Ertrinken zu retten, dass er 
mit den drei Fahrzeugen in die Mündung des kleinen Pikmik- 
talik River einlief, woselbst wir uns für mehrere Stunden wieder 
dem verdauungsbefordernden Vergnügen des Holzschlagens ergaben. 
Späterhin flaute der Wind etwas ab, wir liefen wieder aus und 
gelangten mit heiler Haut Abends neun Uhr nach Cap Romanzoff, 
und Nachts ein Uhr an die Barre des kleinen Flusses Pastoliak, 
wo uns die Ebbe den bösen Streich spielte, den kleinen Dampfer 
auf den Grund zu setzen. 

Dieser unfreiwillige Aufenthalt, welcher sich trotz aller unserer 
Bemühungen, ihn abzukürzen, bis Morgens acht Uhr hinzog, wurde 
übrigens sowohl von uns, wie von den Bewohnern des nahe ge- 
legenen Eskimodorfes Pastoliak nach Kräften zur Anknüpfung und 
möglichsten Ausnutzung eines nicht unbedeutenden Handelsver- 
kehrs verwendet. Schon während der Nacht kamen einige Eskimos 
in ihren Kajaks herangerudert und offerirten uns frische Lachse, 
Weissfische, Enten und Gänse, die wir natürlich kauften. Anderer- 
seits aber war die Gelegenheit, als wir nunmehr endlich wieder 
flott wurden, viel zu günstig, als dass wir nicht hätten die Barre 
des Flusses überschreiten und an der Mündung des Pastoliak-River 
Holz schlagen sollen. Wir thaten dieses von 0 — 11 Uhr Vor- 
mittags und setzten dann unsere Fahrt fort, worauf wir eine Stunde 
später in die nordöstlichste der vieleu Mündungen des Yukon- 
River einfuhren. 



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X. 

. Ein mehr als 2000 Meilen langer Strom. Die sechs Hauptmündungen des Ynkon. 
Flaches Wasser im Nortonsund. Der Kuskoquira River. Die Tundra. Kwik 
Pak. Die Eskimostämnie der Küste: Kwikpagemuten , Mallemuten, Kawiare- 
inuten etc. Die Indianer oder Ingalik des Innern von Alaska. Meine neun- 
hundert engl. Meilen lange Fahrt auf dem Yukon beginnt. Der Handelsposten 
Kutlik nn der Mündung. Drei Kwikpagemutendörfer. Gegen Mosquitos schützt 
keine Philosophie. Die Vogelwelt am Küstensaum. Die Knisergänse. Sturm 
und hoher Wellengang. Seitenkanäle des Flusses. Unser Schleppzug gerath in 
Unordnung. Unterirdische Eisschichten am Stromufer Geologische Bedeutung 
des Eises. Der Eisgang ist eine Folge des Wasserdruckes. Die meteorologischen 
Folgen dieses Vorganges. Die Wirkung des Winters auf die Eisbedeckung des 
Polarmeeres. Das obere Ende des Yukon-Delta und der Tundra. Der Kusilwak. 
Die Handelsstation Andrejewski. Einrichtung einer Handelstation. Die Handels- 
reisen der Agenten und Hilfshändler. Halbwilde Hunde. Der Leithund. Ge- 
fräßigkeit der Hunde. Unsere Fellboote werden getrocknet. Die Hunde fressen 
die Boote an. Unser Lootae Pettcrseu kehrt zurück. Dorf Razbolniksky. 

Der grösste FIubs Amerikas, welcher sich in den stillen Ocean, 
respective in dessen nördlichsten Theil, das Beringmeer ergiesst, 
ist der Yukon-River, dessen Länge nach Lieutenant Schwatlca 
2043 Statute miles (1 Statute mile = 1,G2 Kilom.) betragt. Er 
hat sechs Hauptmündungen, von denen der Kusilwak die grösste 
ist Durch die ungeheuren Sandmassen, welche der Strom ununter- 
brochen mit sich fuhrt, ist der Meeresgrund von Nortonsund 
so sehr erhöht worden, dass es für Schiffe schwer ist, dort zu 
passiren. Der nächstgrösste Fluss im Nordwesten von Alaska liegt 
südlich vom Yukon und heisst Kuskoquim-River. Zwischen dem 
unteren Laufe dieser beiden Ströme erstreckt sich die Tundra, 
ein weites ebenes mit Wasserflächen und Wasseradern bedecktes 
Gebiet, das am Ausfluss des Yukon in ein vollständiges Delta 
übergeht. 

Der Name Yukon-River wird weder von den Eingeborenen, 
noch von den weissen Bewohnern Alaskas im Munde gefuhrt; sie 
nennen ihn einfach: „Grosser Strom" d. h. in ihrer Sprache : „Kwik 
Pak." Die Namen der Einwohner eines jedes Gebietes enden 



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— 166 



gewöhnlich mit den beiden Silben — muten. So heissen die Ufer- 
bewohner des Unterlaufcs des Kwik Pak oder Yukon die Kwik- 
pagemuten. Nördlich von diesen zwischen Nortonbay und Kotzebue- 
sund wohnen die Mallemuten; westlich von diesen wohnen auf 
der Halbinsel Prince of Wales an der Beringstrasse die Kawiare- 
muten. Südlich vom Yukon-Delta und dem Unterlauf des Stromes, 
also auch südlich von den Kwikpagemuten hausen die durch keinen 
besonderen Namen ausgezeichneten Tundra - Bewohner. An sie 
schliessen sich wieder zu beiden Seiten des Unterlaufes des Kus- 
koquim-River die Kuskoquimemuten an. Dies sind die Eskimo- 
stämme an der Westküste von Alaska, von der Beringstrasse hinab 
bis zum Kap Newenham. Auf dieselbe Weise wird auch die Süd- 
küste von Alaska durch eine Anzahl von Eskimos tämmen ein- 
genommen. So folgen von Kap Newenham an gerechnet als die 
östlichen Nachbarn der Kuskoquimemuten die südlich von dem 
Binnensee Nuschagak wohnenden Nuschagagemuten, auf der Insel 
Kodiak wohnen die Kikertagemuten , nördlich von Letzteren an 
Cooks Inlet die Kenaiski. Von den Einwohnern der Halbinsel 
von Alaska ist mir keine besondere Bezeichnung bekannt. Alle 
diese Völkerschaften der Küsten von Alaska, und ohne Zweifel 
auch die von mir nicht besuchten Bewohner der Nordküste legen 
sich wie ein grosser Kranz um die indianischen Bewohner der 
Mitte von Alaska, welche den Gesammtnamen Ingalik fuhren. Die 
Grenzgebiete beider Rassen gehen an vielen Stellen in einander 
über und werden von einer aus beiden Theilen gemischten Be- 
völkerung bewohnt. 

Da ich den Entschluss gefasst hatte, die sich mir darbietende 
Gelegenheit, mit Herrn Scheffelien neunhundert englische Meilen 
weit ins Land hinein zu gelangen, zu benutzen, so war es noth- 
wendig, dass diese stromaufwärtsgehende Fahrt ganz ohne jede 
Rücksicht auf mein eigentliches Vorhaben ausgeführt wurde, dass 
ich also, ohne anzuhalten, und ohne Einkäufe zu machen, in einer 
Tour, wie es der Reiseplan der Goldgräbergesellschaft erheischte, 
zunächst mit der gesammteu Expedition dem entfernten Ziele, der 
Station Nuklukayet am oberen Lauf des Yukon zustrebte. Von 
dort aus wollte ich dann, wie ich es auch späterhin ausführte, den 



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167 



Strom hinabfahren, und bei jedem Indianer- und Eskimodorf an- 
legen und ethnographische Gegenstande erhandeln und einkaufen. 

Unsere Einfahrt in den nordöstlichen Mündungsarm des Yukon 
oder Kwik Pak, welcher Arm den Namen Upun fuhrt, fand, wie 
schon erwähnt, in der Mittagstunde des 4. August 1882 statt. 
Um 3 Uhr Nachmittags desselben Tages passirten wir Kutlik, 
einen an demselben Arm liegenden Handelsposten der Alaska- 
Commercial- Company. Unter starkem Regen setzten wir unsern 
Weg bis Nachts 12 Uhr fort, wobei wir au drei Kwikpagemuten- 
Dörfern, deren jedes indess nicht mehr als zwei bis vier Häuser 
besass, vorüber fuhren. 

Der erste Abend und die erste Nacht am Yukon-River brachte 
uns den Vorgeschmack einer Plage, die uns während des ganzen 
Sommers verfolgen sollte, die Plage der Mosquitos. Es ist kein 
Wunder, dass alle Reisenden gleich beredt sind in der Beschrei- 
bung der Qualen, welche ihnen, sei es in den Tropen, sei es hoch 
oben im Norden, durch diese blutgierigen Stechmücken zugefügt 
worden sind. Gefahren kann man als Mann mit kaltem Blute 
gegenüber treten, gegen Ueberfalle kann man sich durch ver- 
größerte Wachsamkeit schützen, Unglücksfalle vermag man oft 
durch Energie und rasches Handeln zu vermeiden oder zu mildern, 
in widrigen Fällen aller Art kann man sich zum Herrn der Situ- 
ation machen, aber gegen die ununterbrochene, unablässige Ver- 
folgung, die im Wachen wie im Schlafen einem Manne durch die 
Mosquitos zugefügt wird, gegen die millionenfache Ersetzung der 
getodteten Feinde durch immer neue, hält Niemand Stand. Was 
hilft es, wenn man Abends vor dem Schlafengehen das mit diesen 
kleinen Quälgeistern gefüllte Zelt fast hermetisch verschliesst, wenu 
man das untere Stück der Zeltleinewand in den inneren Raum 
hineinzieht und den Saum ringsherum mit Steinen und anderen 
schweren Gegenstanden belastet, so dass man die absolute Gewiss- 
heit gewinnt, dass von aussen her keines dieser gefurchteten In- 
sekten mehr hineindringen kann; was hilft es, frage ich, wenn man 
vor dem Schlafengehen zwei bis drei Stunden damit zubringt, mit 
einer durch das Gefühl der Rache gesteigerten Mordlust alle im 
ZeJ^ befindlichen Mosquitos bis auf das letzte Exemplar zu tödteu, 



— 168 — 



und wenn man dann in den Schlaf sinkend nach kurzer Zeit von 
neuen Stichen wieder aufgeweckt wird und das Zelt wieder in der- 
selben Weise mit Mosquitos angefüllt sieht wie gewöhnlich und 
die Oberfläche seines eigenen Körpers mit kleinen schmerzhaften 
Beulen bedeckt findet, die einem das Aussehen geben, als wäre 
man ein in Heilung befindlicher Pockenkranker. Ein Mosquito 
hört nicht eher zu saugen auf, als bis sein Körper mit Blut an- 
gefüllt ist. Die Quantität, welche er zu sich zu nehmen vermag 
ist so gross, dass das Zerdrücken des Thieres einen 1 Quadrat- 
centimeter grossen rothen Fleck erzeugt. Gegen Mosquitos schützt 
keine Philosophie. 

Wir setzten am andern Morgen früh um 0 Uhr unsere 
Fahrt stromaufwärts fort und machten unsere gewöhnliche Motion, 
indem wir von 9 bis 11 Uhr Holz schlugen. Da der Strom 
sehr breit ist, so wurde ein heraufkommender Sturm aus Südost 
für unseren Schleppzug gefahrdrohend und zwang uns, an einem 
wenig günstigen Platze beizulegen. Der Kegen goss, um mich eines 
beliebten Ausdruckes zu bedienen, in Strömen und zwang uns, mög- 
lichst dicht unter unserm überdachten Bootszelt zusammen zu rücken. 
In dieser Lage konnten wir uns ungestört dem Hochgenüsse hin- 
geben, welchen uns der Wohlgeschmack der am Tage vorher bei dem 
Eskimodorfe Pastoliak gekauften Gänse, Enten und Xachse ver- 
schaffte. Die unbewohnte Küstenstrecke zwischen St. Michael und 
der Mündung des Yukou- River dient durch ihreu sommerlichen 
Graswuchs Millionen von Vögeln, darunter besonders den seltenen 
und ausgezeichnet schmeckenden Kaisergänsen als Brutplatz, und 
lieferte uns an unserem gegenwärtigen Ankerplatze das willkommene 
Material der Unterhaltung. Am andern Morgen hatte sich die Si- 
tuation nach keiner Richtung hin geändert. Es herrschte derselbe 
Sturm, derselbe hohe Wellengang und derselbe, wenn nicht sogar 
ein noch heftigerer Regen. Wir sahen ein, dass au ein Vorwärts- 
kommen in bisheriger Weise nicht zu denken war. Da das Delta, 
sowie überhaupt der Yukon-River noch nicht den Vorzug einer ge- 
nauen topographischen Aufnahme besitzt, eine solche auch von 
wenig Nutzen sein würde, da die starke Strömung die Breite, Tiefe 
und Richtung der zahlreichen kleinen Wasserarme in jedem Jahre 



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— 169 — 



verändert, so muteten wir, gestützt auf die allgemeine Keimtniss 
unseres Lootsen, den geeignetsten Weg in jedem Falle besonders 
aufsuchen. 

Wir beschlossen demgemäss, da an ein Vorwärtsgehen auf 
dem breiten Wasserarm nicht zu denken war, denn die Wellen 
würden unsere drei Fahrzeuge vollgeschlagen haben, wieder umzu- 
kehren, eine Strecke weit den Strom hinabzufahren und alsdann 
einen schmalen Kanal, welcher in derselben Richtung wie der Fluss 
strömte, hinaufzudampfen. Wir hatten das Glück, in dieser nicht 
von Wellen bewegten Wasserstrasse einen Seitenann des Yukon-River, 
und nicht, was leicht der Fall hätte sein können, einen kleinen 
Nebenfluss anzutreffen, der uns seitlich abgelenkt und schliesslich 
zum Umkehren gezwungen haben würde. 

Doch Beschliessen und Ausführen war in diesem Falle zweier- 
lei, wir hatten die Rechnung ohne unsern kleinen Dampfer ge- 
macht. Als wir stromabwärts fuhren, versagten die beiden kleinen 
Steuerruder, welche hinten seitwärts von der Schaufelwelle ange- 
bracht waren, den Dienst und der Dampfer rannte wild gerade 
aus. Um ihn nicht aufs Land laufen zu lassen, musste gestoppt 
werden. So trieb denn unser Schleppzug in malerischer Unord- 
nung stromabwärts, bis er die Mündung des oben genannten Seiteu- 
kanales erreicht hatte. Hier nun waren wieder eüüge besondere 
Manöver nöthig, bis die drei Fahrzeuge in richtiger Reihenfolge wie 
gewöhnlich im Strome lagen, worauf die Fahrt ungehindert durch 
den Kanal vor sich ging. Das ganze Vergnügen dauerte indessen 
nur drei Stunden, und war beendet, als wir um 7 Uhr Vormittags 
wieder die sturmgepeitschte Fläche des breiten Stromarmes er- 
reichten, woselbst wir bis zum andern Morgen bei unvermindert 
heftig herabströmendem Regen Zeit genug erhielten, über die Situa- 
tion nachzudenken und durch einen erfolglosen Vernichtungskrieg 
gegen hunderttausende von Mosquitos uns in Bewegung zu halten. 
Endlich um 3 Uhr Morgens des anderen Tages konnten wir 
unsere Fahrt fortsetzen. Wir dampften ununterbrochen am linken 
südlichen Ufer des Stromes entlang. Nach dem ersten Holz- 
schlagen kamen wir an mehreren Punkten vorüber, an denen die 
steile sandige Uferböschung vor nicht langer Zeit wahrscheinlich 



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in Folge von Hochwasser abgerissen und eingestürzt war. Hier- 
durch waren die Schichten, aus denen die Uferwand bestand, fast 
senkrecht durchschnitten, und man konnte an dem frischen Bruch 
ihre Stärke und Aufeinanderfolge erkennen. Es war wunderbar 
anzuschauen, dass an verschiedenen Stellen, vier bis acht Fuss 
unter der oberen Erdschicht, sich eine etwa eben so starke horizon- 
tale Eisschicht hinzog, unterhalb deren wiederum andere Erd- 
schichten folgten. Man ersieht hieraus, dass im hohen Norden das 
Eis in geologischer Beziehung mitunter sogar eine schichtenbildende 
Rolle spielt. Ich lasse dahingestellt sein, inwieweit noch höher 
hinauf nach dem Pole zu diese geologische Bedeutung des Eises 
von Einfluss ist. Die Uferbank, welche diese Eisstreifen am Yukon- 
River trug, war übrigens durchaus nicht vegetationslos, sie trug 
vielmehr dem Charakter der Tundra und des Deltas entsprechend, 
kleine Weiden und andere Gebüsche. Es erhellt hieraus, dass die 
Eisschicht nicht vom letzten Winter her stammen konnte, dass sie 
vielmehr älter, vielleicht sogar sehr viel älter war, als die lang- 
jährige Vegetation des Uferrandes. 

So seltsam diese Erscheinung ist, so ist sie doch vollkommen 
erklärlich, wenn man bedenkt, dass es sich dort oben wie fast 
überall um zwei meteorologische Haupteinwirkungen auf die Erd- 
rinde handelt, um die erstarrende eisbildende Kälte des Winters 
und um die aufthauende Wärrae des Sommers. Je nach dem 
Ueberschuss der Einen oder Anderen wird die Umbildung der Erd- 
rinde vor sich gehen. Nicht die Sommerwärme würde alljährlich 
im Stande sein, die oft fünf bis sieben Fuss starke Eisdecke des 
Yukon-Stromes so frühzeitig im Jahre zu schmelzen, dass der Eis- 
gang des Letzteren, wie es der Fall ist, schon im letzten Drittel 
des Monats Mai stattfinden kann. Die ungeheuren Wassermassen, 
welche tausende von Quellen, winzigen Wasseradern, die vielen 
Bei- und Nebenflüsse aus dem grossen und regenreichen Strom- 
gebiete des Yukon dem Flussbette zuführen, bilden die unwider- 
stehlich brechende Gewalt, welche jene Eisdecke zertrümmert und 
sie mit Riesenkraft dem Meere zufuhrt. So entledigt sich der 
Strom durch eigene Macht der Fesseln und der Nachwehen des 
Wintere und bietet der arktischen Junisonne und dem Polarsommer 



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171 



seine relativ warmen Wasserfluthen zur weiteren Temperatur-Er- 
höhung dar, während seine winterliche Eisdecke mit mächtigen 
Lagen von Treibholz, Schutt und »Schlamm durch Nortonsund weit 
hinaus ins Meer treibt, und dort in der Beringsstrasse und im 
Beringsmecr die Eistrift vergrössern hilft. 

Es entsteht hierdurch, wie man sieht, eine gewisse ungleich- 
massige Vertheilung der durch die winterliche Kälte erzeugten Eis- 
decken, eine Vertheilung, welche von meteorologischem Einfluss bis 
weit hinab in die gemässigten Zonen sein muss. Wie im Kleinen 
jeder arktische Fluss seine winterliche Eisdecke ins Meer schleudert, 
und sich dadurch von der Einwirkung des Frostes befreit, so bleibt 
auch die Eisbedeckung des Polarmeeres, uud wäre sie noch so 
stark, nicht immer an der Stelle, wo sie sich gebildet hat. Zu- 
nächst sind es die grossen Meeresströmungen, welche das Eis fort- 
bewegen. Die Hauptrichtuug, in der dies geschieht, scheint im all- 
gemeinen auf der Nordhälfte unserer Erde diejenige zu sein, welche 
die Strömungen beiderseits Grönlands hervorbringt. Eine sehr viel 
grossere Gewalt aber wird auf die gesaramte Wasserfläche des 
Polarmeeres durch den Wind erzeugt. Der Wind hat als rein 
mechanisches Agens einen unendlich grösseren meteorologischen 
Einfluss in den arktischen Gegenden, als man gewöhnlich anzu- 
nehmen geneigt ist Eine Eisfläche, welche überall volle hundert 
Fuss dick, dabei aber hundert deutsche Meilen lang und ebenso 
breit wäre, besitzt trotz ihrer Mächtigkeit ein relatives Verhältniss 
ihrer Stärke zur Oberfläche wie etwa ein dünnes Blatt Papier, sie 
wird deshalb von einem starken Winde, der über sie hinweg- 
streicht, leicht verschoben, aufgebrochen und zusammengepresst 
werden können. Je grösser die Meeresfläche ist, um so widerstands- 
loser wird die Eisbedeckung sein. Somit konzentriren die arktischen 
Winde das Kälteprodukt des Polarwinters, das Eis, je uach ihrer 
Durchschnittsrichtung alljährlich bald hierhin, bald dorthin, und 
bestimmen dadurch höchst wahrscheinlich die jeweilige Lage des- 
jenigen Punktes der Erdhälfte auf dem „das grösste Quantum 
Kälte" aufgespeichert ist, wenn ich mich so ausdrücken darf. Es 
liegt auf der Hand, dass durch diese Verschiebung der Treibeis- 
massen ein ungeheurer Einfluss auf die meteorologischen Verhält- 



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172 



niese der östlichen oder westlichen Halbkugel während des darauf- 
folgenden Sommere geäussert werden kann; ein Einüuss, der bald 
die Bewohner des einen Erdtheils noch im Monat Juni zum Heizen 
ihrer Zimmer zwingt, während diejenigen eines andern Erdtheils 
vielleicht schon im Monat Januar oder Februar Blumen im Freien 
pflücken können. 

Ganz anders verhält es sich mit dem festen Lande, wo die 
Sonnenwärme nur bis zu einer gewissen Tiefe in den Erdboden 
eindringt, und alles, was sich darunter befindet, sei es gefrorner 
Boden oder Schichten reinen Eises, unverändert bestehen lässt, wie 
wir dies an den Eisschichten des Ufers des Yukon-Stromes sahen. 

Am Nachmittag des 7. August trafen wir wieder einen Seiten- 
kanal des Yukon, der den Namen Tuenirok fuhrt. Hier schlugen 
wir wieder in der Nähe eines Kwikpagemutendorfes Holz und 
traten bald darauf in eine etwas höher sich erhebende Uferland- 
schaft ein, welche etwa zehn englische Meilen unterhalb der Station 
Andrejewski beginnt und das Delta sowie die Tundra an dieser 
Stelle abschliesst Während die Tundra durch einzelne Hügelreihen 
nur hin und wieder unterbrochen wird, u. a. durch den isolirt 
stehenden Kusilwak, südlich von der Hauptmündung, ferner durch 
die fünfzig englische Meilen südwestlich von Letztcrem gelegenen 
fünf erloschenen Vulkane, die ich späterhin besuchte, sowie durch 
Cap Romanzoff und Cap Vancouver, treten die Hügelreihen, welche 
wir jetzt erreicht hatten, als eine zusammenhängende Erhöhung 
von etwa fünfhundert bis achthundert Fuss auf. 

Um elf Uhr in der Nacht erreichten wir die Handelsstation 
Andrejewski. Wie die meisten Handelsstationen der Alaska-Com- 
mercial- Company, ist auch dieser Punkt schon von den Russen 
in der Zeit vor 1868, bis zu welchem Jahre sie die Herrschaft 
von Alaska besassen, errichtet worden. Ich darf vielleicht die 
allgemeine Einrichtung dieser Handelsposten hier kurz besclireiben. 

Zu einer solchen Station gehören stets mehrere Häuser und 
Gebäude. Da ist zunächst der gut eingerichtete Laden, welcher 
die sämmtlichen Manufactur- und Kolonial -Waaren enthält, die 
als Tauschartikel beim Handel mit den Eingebornen verwendet 
werden, und in welchem sich auch die eingekauften Felle und 



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andern Waareu befinden. Da ist ferner das Wohnhaus für den 
Agenten, welcher der Station vorsteht, sowie ein Wohnhaus für 
die Arbeiter, da ist sodann das in Alaska unvermeidliche, bereits 
beschriebene Badehaus und endlich ein nach Eskimoart auf hohen 
Pfählen errichtetes Vorrathshaus, in welchem sich getrocknete Fische, 
Futter für die Hunde, sowie die Schlitten und Hundegeschirre be- 
finden. Die innern Räume dieses Hauses sind für die Hunde 
absolut unerreichbar. Um diese ganze Anlage war in früherer Zeit 
ein hoher hölzerner Zaun aus Pfählen als Schutz gegen nächtliche 
Ueberfalle feindlicher Eingebornen errichtet worden ; neuerdings aber, 
wo sich die friedlichen Beziehungen zwischen der Bevölkerung und 
der Alaska -Commercial- Company vergrössert haben, sind in den 
Zäunen vielfach Lücken entstanden. Ausserhalb der Station siedeln 
sich gewöhnlich einige Familien von Eingeborenen an, welche sich 
mit den Abfüllen von dem Tisch der weissen Leute begnügen. 

Die Händler, welche solchen Stationen oder Handelsposten 
vorstehen, halten sich in der Regel zwei bis sechs Hülfshändler, 
welche meist Halbbluts aus Russen und Eingebornen sind. Gegen 
den Winter hin, wenn die Handelsreisen vor sich gehen, nachdem 
das Thermometer auf 40 und 60 Grad Kälte nach Fahrenheit ge- 
fallen ist, werden die halbwilden Hunde der Station gesammelt, 
in die Geschirre gesteckt und vor den Schlitten gespannt. Man 
beladet die Schlitten mit weissem und buntem Baumwollenzeug, 
Pulver, Blei und Zündhütchen, Tabak, Streichhölzern, Nadeln, 
Messern, Perlen u. s. w., kurz mit Allem, was das Herz emes 
Eskimos oder Indianers und seiner Schöuen zu entzücken vermag. 
Nun geht die Fahrt los, gerade aus über die gefrorenen Binnenge- 
wässer, Meeresbuchten und Flüsse, über hart gefrorenen Saud und 
knisternden Schnee, bis man in einer Entfernung von fünfund- 
zwanzig bis dreissig englischen Meilen nach dem nächsten Dorf 
kommt. Hier entwickelt sich alsdann ein lebhafter Handel, indem 
die Eingebornen die von ihnen erbeuteten Felle der Pelzthiere 
gegen europäische Waaren umtauschen. Während der Fahrt laufen 
gewöhnlich zehn bis zwölf Hunde, die an einer Hauptleine ziehen, 
vor dem Schlitten, so dass je zwei uud zwei Hunde neben einander 
ziehen, der vorderste Hund geht allein und dient als Leithund. 



174 — 



Er dreht beim Laufen fortwährend den Kopf links und rechte nach 
dem Lenker des Schlittens herum, und achtet darauf, welches 
Zeichen ihm dieser dadurch giebt, dass er mit der Hand oder dem 
Peitschenstiel nach der nun einzuschlagenden Richtung zeigt. Ein 
guter Leithund ist sehr viel mehr werth als die gewöhnlichen Hunde; 
er versteht nicht selten sogar den Zuruf seines Herrn, und wirft nur 
hiernach sich richtend, den Zug der Hunde nach der gewünschten 
Richtung herum. Es giebt aber auch schlechte Leithunde, bei 
denen es nöthig ist, jede Aenderung der Schlittentour durch einen 
Hieb mit der weitreichenden Peitsche zu veranlassen. 

Jeder Händler am Yukon- River besitzt etwa sechs bis zehn 
Schlitten und hierzu mitunter vierzig bis siebzig Hunde. Diese 
Thiere sind die sogenannten Wolfshunde, dieselben, welche auch 
in Laborador und Grönland zum Schlittenziehen verwendet werden. 
Man kann nicht behaupten, dass diese Thiere durch Leckerbissen 
verwöhnt werden. Sind schon die Eingebornen an sich wenig 
wählerisch in Bezug auf ihre Lebens- und Nahrungsmittel, so 
gestatten sie ihren Hunden erst recht nicht, sich zu Gourmands 
zu entwickeln. Die gewöhnliche Nahrung der Hunde während 
dos Winters besteht entweder aus rohen gefrorenen Fischen oder, 
falls man die Hunde für eine weitere Reise kräftig machen will, 
aus einer Suppe von Fischen mit Thran und Seehundsspeck. Die 
Hunde sind sehr gefrässig, und es giebt beinahe keinen durch 
Zähne angreifbaren Gegenstand, über welchen sie nicht herfallen, 
wenn sie können. Man muss unausgesetzt auf die Hunde auf- 
passen, sonst fressen sie Alles, ihr Geschirr, die Fellboote, ja sie 
reissen sogar ihrem Herrn die Pelzkleidor vom Leibe. Ich er- 
wachte einmal in dem auf die Bootsreise folgenden W T inter davon, 
dass mir auf oiner Schlittenreiso einer meiner Hunde die Stiefel 
von den Füssen abzufressen versuchte. Beim Vertheilen der Ra- 
tionen an die Hunde muss man genau aufpassen, dass jeder von 
ihnen auch wirklich das ihm zuertheilte Quantum verzehrt und 
desselben nicht durch andere Hunde beraubt wird. Es giobt 
Räul>er unter den Eskimo-Hunden, die so gefrässig sind, dass sie 
ihre Portionen in wenigen Sekunden verschlingen und sich dann 
auf die jüngsten Thiere stürzen, die ihnen ihre Mahlzeit wider- 



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standslos überlassen müssen. Wenn der Herr des Schlittens nicht 
gut aufpasst, so sind die ihrer Nahrung beraubten schwächeren 
Hunde in kurzer Zeit unfähig, den Schlitten zu ziehen. Ich besass 
einmal auf einer späteren Schlittenreise, bei der es überhaupt sehr 
knapp herging, einen solchen räuberischen Hund, der noch ganz 
wohlgenährt einherlief, als alle seine Kameraden längst zu halben 
Skeletten abgemagert waren. Dieser Hund hatte noch ausserdem 
die Eigenschaft, dass er beim Schlittenziehen sich zu „drücken" 
versuchte. Ich traktirte ihn für beide Arten von Frevelthaten so 
oft und so nachdrücklich mit der Peitsche, dass er in meiner 
Gegenwart sich sehr zusammennahm und solche Furcht bekam, 
dass er heftig zitterte, wenn er meine Aufmerksamkeit auf sich 
gerichtet sah. Kaum aber hatte er, da seine Augen fortwährend 
auch während des Schlittenziehens nach meinem Gesichte gerichtet 
waren, emmal bemerkt, dass ich zufallig nach einer andern Stelle 
blickte oder auch nur so that, so verfiel er sofort wieder in seine 
alten Angewohnheiten. 

Man kann auf Schlittenfahrten bei gutem Fahrgrund inner- 
halb 12 bis 16 Stunden eine Strecke von 30 bis 50 engl. Meilen 
zurücklogen, die Durchschnittslänge einer Tagereise beträgt indessen 
nur 20 bis 25 engl. Meilen. 

Als wir auf unserer Dampferschleppfahrt in später Abend- 
stunde uns der Station Andrejewski genähert hatten, empfing uns 
das wüthende Geheul der zur Station gehörenden Hunde. Wir 
mussten hier einen längereu Halt machen, nicht nur für diese 
Nacht, sondern auch für die nächsten zwei Tage, weil es not- 
wendig geworden war, unsere Fellboote aus dem Wasser zu ziehen. 
Diese Baideras sind ganz eigentümliche Fahrzeuge. Ihr Gerüst 
besteht aus drei in der Richtung des Kiels sich erstreckende 
Längs- und einer grösseren Anzahl Querrippen sowie einem daran 
befestigten Bordkranz aus Holz. Ueber dieses Gerüst sind zusam- 
mengenähte Felle gespannt. Wenn man in solchen Baideras oder 
Fellbooten, die den grossen grönländischen Weiberbooten gleichen, 
längere Zeit hindurch, etwa eine volle Woche, auf dem Wasser 
gefahren ist, so erweichen sich allmählich die eingeölten Felle, und 
der ganze Ueberzug wird annähernd so elastisch wie eine Gummi- 



decke. Tritt man dann während der Fahrt zufällig statt auf eines 
der im Boot quer über die Rippen gelegten Bodenbretter auf den 
Fellüberzug, so giebt dieser bis zu einem gewissen Grade nach, 
und man fährt mit dem Fuss und dem Fell etwa C Zoll weit 
aus dem Bootskörper heraus. Es erregt dieses Treten auf die 
schlaff und nachgiebig gewordene Fellunterlage dasselbe eigen- 
thüraliche Gefühl, als wenn man nach einer Walfischjagd sich auf 
dem abgelösten, neben einem Schiffe wie ein Floss auf dem Meere 
schwimmenden WahWhspeek bewegt, der gleichfalls l>ei jedem 
Schritte elastisch nachgiebt und auf und ab schwankt. Wenn die 
Fellboote diesen Zustand angenommen haben,- so ist es nothwendig, 
sie an Land zu ziehen, zu entleeren, umzukehren, zu trocknen und 
nachher einzuölen. 

Wir entluden also zunächst unsere Boote, was bis Mitternacht 
dauerte und uns tausende von Mosquitostichen zuzog. Dann legten 
wir uns in unsere Zelte, die wir zum Schutz gegen die Quäl- 
geister sogar zunähten und brachten einige Stunden im Halb- 
schlummer zu. Am andern Tage, während die Boote trockneten, 
machten wir einige nothwendige Verbesserungen und verstärkten 
unseren Proviant. Gleichzeitig erhielt die Station Besuch von den 
Insassen zweier stromabwärts gekommener Fellboote, die von dem 
Handelsposten Nulato am mittleren Lauf des Yukon- River vor 
zehn Tagen abgefahren und nach Fort St. Michael bestimmt 
waren. Nachdem die Fellüberzüge* unserer Boote getrocknet waren, 
wurden sie sorgfältig mit Thran eingerieben und die Abreise für 
den andern Tag festgesetzt. Al>er als wir um 3 Uhr in der Frühe 
die Fahrzeuge ins Wasser lassen wollten, zeigte es sich, dass wir 
unsere Rechnung ohne die Herren Hunde gemacht hatten, welche 
die Fellüberzüge angefressen hatten. Nachdem der Sehaden aus- 
gebessert war, rüsteten wir uns wieder zur Abreise, beluden die 
Fahrzeuge und fuhren um 7 Uhr früh ab. 

Unser Lootse, Herr Pettersen, begleitete uns nur noch 
eine kurze Strecke und übergab dann das Kommando einem jungen 
Halbblut. Unterwegs trafen wir eine verlassene Fischerhütte an, 
welche wir aus Mangel an Brennholz zerschlugen und an Bord 
des Dampfers brachten. Am Abend dieses Tages erreichten wir 



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(las Dorf Razbolniksky, welches den Eskimonamen Ankasagemuten 
führt. Hier war die Mosquitoplage so ausserordentlich gross, dass 
wir uns mit unseren Fahrzeugen mitten im Strom vor Anker zu 
legen gezwungen sahen. Es kamen gegen Abend drei Bewohner 
des genannten Dorfes in ihren Kajaks zu uns an Bord und ver- 
kauften uns Enten, Gänse und RennthVrfleisch. Um 4 Uhr früh 
setzten wir die Reise bei Südweststurm und Regen fort und ge- 
langten im Laufe des Vormittags in ein kleines Flüsscheu, wo 
wir vor den Wellen geschützt liegen konnten. Beim Holzschlagen 
entdeckte ich am Ufer Spuren von Bären, welche ich, das Gewehr 
zur Hand nehmend, verfolgte, ohne dass es mir jedoch gelang, 
die Thiere aufzufinden. 



A. Woldt. Capitata Jacoben'* RcL*c. 



12 



XI. 

Die Tundra ist wahrscheinlich Deltaland. Der Dampfer geräth auf Grund 
Kuinen einer sagenhaften Eskimostadt „mit hundert Tanzhiiuscrn" am Fluss- 
ufer. Die Handelstation Mission. Ich mache grosse Einkäufe. Russische Mission*- 
bcstrebungen am Yukon. Die erste Stromschnelle. Die beiden ersten Dorfer 
der Ingalik oder Indianer. Ein kleine« Abenteuer. Schwarze Erde am Ufer. 
Veränderung der Vegetation. Conifercn -Wähler. Die Inselwelt des Kwik Pak 
oder Yukonstromes. Handelstation Anwik. Feberlaodsweg von Anwik nach 
Fort St. Michael. Mein Landsmann Frcderiksen. Wir trocknen unser Boot. Ein- 
töniges Keiselchen. Ein Goldsucher verletzt sieh. Ingalikdörfer. Zweite Strom- 
schnelle. Dampfer „Yukon" in Sieht. Hauptagent Mr. Lorenz und seine muthige 
Gemahlin. Aus Fort St. Michael. Fort Itelianee. Freude der Begegnung. Dt r 
grosse Fussgänger Mayo. Mr. Leawitt. Mr. Woolfe verlässt mich. Handels- 
Station „Nulato". Die Wcstern-Fur-Trading-( ''ompnny. Mr. G rcenfield in Fort 
St. Michael. Eisgang in „Nulato". Heimtückische Indianer. Die Goldgräber wollen 
einen Indianei lynchen. Lustige Indianerweiber. Dritte Stroiii><-hnelle. Das Steuer- 
ruder bricht. Geologische Eisschichten am l'fer. Treibhol »iinassen. Indianische 
Fischerdörfer. Ein indianischer Zauberer verwünscht den Dampfer. Die hohe 
Bergkette Hotlotulei. Fischerei am Yukon-Kiver. Fang der Königslachse. Fisch- 
reichthum in Alaska. Walros.se und Weisswale. Seehundsfang. Getrockneter 
Ibachs ist das Hauptnahrungsmittel in Alaska. 

Das Delta des Yukon-River hört eine kurze .Strecke oberhalb 
Andrejewski auf, da sieh dort ein kurzer Ausfluss des Yukon be- 
findet, welcher quer über die niedrige, flache ebene Tundra nach 
Westen strömend zwischen Kap Romanzoff und Kap Vancouver 
ins Meer fliesst. Ks würde gewagt erscheinen, schon heute, l>ei 
den noch wenig genau erforschten geographischen Verhältnissen von 
Alaska die Behauptung aufzustellen, dass die ganze Tundra zwi- 
schen dem Yukon-River und dem Kuskoquiin-River eigentlich nichts 
weiter sei als Dcltalaud, welches im Laufe von Jahrtausenden durch 
die gemeinsame Arbeit «1er beiden genannten »Ströme entstanden ist, 
die ursprünglich vielleicht sogar eine gemeinsame benachbarte Mün- 
dung gehabt haben. Die fortschreitende wissenschaftliche Forschung 
wird hierüber wohl noch die nöthige Aufklärung geben. Die oro- 
graphische Bildung der Mündungslandschaft beider Flüsse ist eine 
solche, dass die Gebirgszüge auf dem rechten Ufer des Yukon und 



179 



auf dem linken Ufer des Kuskoquim-River beiderseits an die grossen 
Wasseradern herantreten, während umgekehrt zwischen beiden Flüs- 
sen bis weit über ihren unteren Lauf hinaus flaches Land existirt. 

Nach einer verhältnissmässig ruhigen Nacht gingen wir am 
Freitag den 11. August Morgens 5 Uhr wieder weiter und fuhren 
bis 10 Uhr Vormittags, worauf die bekannte Pause zum Holz- 
sehlagen gemacht wurde. Leider aber sollten wir unsern Weg 
diesmal nicht ungehindert fortsetzen, deim kaum hatten wir den 
Anker gehoben, als wir das Unglück hatten, dass unser Dampfer 
auf Grund gerieth. Trotz unserer grössten Anstrengungen gelang 
es uns nicht wieder, frei zu kommen, obgleich viele Einwohner eines 
benachbarten Eskimodorfes herbei kamen und sich mit uns alle 
erdenkliche Mühe gaben, indem sie ins Wasser stiegen, und durch 
Schieben, Stossen etc. sich an der Arbeit betheiligten. Es blieb 
nichts anderes übrig, als den Dampfer zu entladen, wodurch er wie- 
der flott wurde und ihn wieder zu beladen, bevor wir unsere Reise 
fortsetzen konnten. Im Ganzen genommen hielt uns dieser Unfall 
einen vollen Tag auf. Bei Fortsetzung der Fahrt passirten wir am 
rechten Ufer eine lange Bergkette, deren Abhang nach dem Flusse 
zu zahlreiche Ueberreste ehemaliger Eskimowohnungen enthält. 
Hier sollen früher einmal tausende von Eskimos gewohnt haben, 
welche zu einer Art Flusspiraten vereinigt, ihre Macht und ihr 
Ansehen dadurch vergrösserteu, dass sie die Bemannung eines jeden 
vorüberfahreuden Bootes gefangen nahmen, und zwangen, bei ihnen 
Wohnung zu nehmen. Ich gedenke späterhin, bei Beschreibung 
der Rückreise, noch kurz auf diese merkwürdige Ruinenstadt zurück- 
zukommen, in welcher, wie die Sage geht, allein die Zahl derTanz- 
uud Festhäuser bis auf Hundert gegangen sein soll. Die Sage bat 
sich überhaupt dieser Gegend bemächtigt und es gelang ihr, auch 
mich irre zu führen, wovon ich späterhin berichten werde. 

Nachdem wir bei Fortsetzung unserer Fahrt noch drei Dörfer 
passirt hatten, gelangten wir Abends in die Nähe der Handels- 
station der Alaska-Commercial-Company Mission, konnten aber 
wegen Mangel an Holz unsern Weg nicht bis zu diesem Orte fort- 
setzen. Erst am andern Morgen landeten wir daselbst, uud hatte 
ich Gelegenheit, während meine übrigen Reisegefahrton Holz 

12* 



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180 



schlugen, bei den hier wohnenden Kwikpagemuten eine Menge 
«ehr interessanter ethnographischer Gegenstände, bestehend aus 
Steinäxten, Speerspitzen, knöchernen Schnitzereien etc., zu kaufen. 

Die Station Mission ist der Mittelpunkt der russischen Mis- 
sions-Bestrebungen am Yukon und dadurch zugleich in Nordwest- 
Alaska. Als die Russen sich in Alaska festgesetzt hatten, wurden 
dorthin Geistliche berufen, zunächst zu dem Zwecke, um die seel- 
sorgerische Arbeit für die Beamten der russischen Kolonien zu 
leisten. Im Laufe der Zeit aber, und, jemehr sich die einheimische 
Bevölkerung auf den Aleuten, in Cooks -Inlet, am unteren und 
oberen Yukon, und am Nortonsuud mit den Russen vermischte, 
trat auch die russische Seelsorge für sie in Thätigkeit Hiermit 
war der Aufaug gemacht, auch die heidnische Bevölkerung zu 
bekehren, und allmählich überzog die russische Mission den gröbs- 
ten Theil von Alaska mit einem Netz von Stationen. Nach- 
dem nun Alaska in den Besitz der amerikanischen Regierung ge- 
langt war, zogen sich die russischen Beamten nach ihrer Heimath 
zurück, die Missionäre dagegen, denen es im Lande sehr wohl ge- 
fiel, blieben sitzen und treiben heute noch unbehelligt von der 
amerikanischen Regierung ihr Bekehrungswerk weiter, und es ist 
ihnen auch grösstenteils zu verdanken, dass die Lebensweise der 
Eskimos und Indianer in Alaska eine geregeltere gewordeu ist. 
Sämmtliche Missionäre stehen unter einem russischen Bischof, wel- 
cher in Sau Fraucisco wohnt und alle Jahre eine Reise nach 
Alaska macht, um die dortigen Missionäre zu inspiciren. Derselbe 
ist von dem, der Alaska-Commercial-Company gehörenden Dampfer 
St. Paul im Juli 18S2 wenige Tage vor meiner Ankunft über 
Bord gesprungen oder gefallen, man weiss es nicht genau, und wurde 
späterhin seine Leiche im Nortonsuud aufgefunden. 

Eine Stunde oberhalb der Station Mission bildet das rechte 
nördliche Flussufer ein ziemlich steiles Vorgebirge, welches hart 
an den Fluss herantritt und daselbst die erste bedeutende Strom- 
schnelle erzeugt, in der das Wasser mit etwa sechs Knoten Ge- 
schwindigkeit strömt. Unser kleiner Dampfer „New Racket" hatte 
grosse Mühe, uns über dieses Hinderniss hinwegzubringen. Wir 
hatten in der Station unsere Lootsen erneuert und fuhren denselben 



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181 — 



Tag noch bis Abends 1) Uhr. Am andern Morgen früh um 
fünf ging es weiter und passirten wir im Laufe des Vormittag 
die beiden ersten Dörfer der indianischen Bevölkerung, welche, 
wie bereits bemerkt, von den Eskimos Ingalik genannt werden. 
In dem einen Dorf kauften wir eine alte Hütte, die wir zer- 
schlugen und als Brennmaterial verwendeten. 

Bei Fortsetzung der Fahrt ereignete sich ein kleines Abenteuer. 
Zwei Indianer hatten sich mit ihren birkenen Canoes an unsern 
Schleppzug angehäugt, und hielteu sich dicht hinter meinem Fell- 
boot. Durch Unvorsichtigkeit beim Steuern geriethen die Canoes 
quer gegen den Strom und da sie an mein Boot angebunden waren, 
so schlugen sie in einem Augenblick voll Wasser und kenterten. 
Es gelang uns, die beiden Indianer zu retten, welche zu mir au 
Bord enterten, die Canoes jedoch mussten wir, wenn wir nicht 
selbst in Gefahr gerathen wollten, losschneiden. Wenig bekümmert 
um die Havarie machten es sich unsere fremden Gäste bei uns 
bequem und blieben an Bord bis zu dem nächsten Punkte, wo 
wir Holz schlugen. Da kam zufallig ein Landsmann und Starames- 
genosse von ihnen, ein Ingalik, den Yukon- River mit mehreren 
leeren Canoes herab, welche er weiter unterhalb bei den Kwik- 
pagemuten zu verkaufen beabsichtigte. Mit diesem Manne fuhren 
die beiden Schiffbrüchigen zurück und unterstützten ihn in der 
Lenkung seiner Fahrzeuge. Als wir am Abend 9 Uhr vor Anker 
gingen und unser Zelt im Boot errichteten, war die Mosquitoplage 
so gross, dass es kaum zum Aushalten war. 

Am nächsten Tage änderte sich das landschaftliche Bild ein 
wenig. Nachdem wir zwei Ingalikdörfer passirt hatten, in deren 
jedem wir Holz kauften, und nachdem wir zu unserem nicht ganz 
sicheren Lootsen noch einen zweiten hinzugenommen hatten, wurde 
uns zum ersten Mal auf unserem Wege von der Mündung des Flusses 
an der Anblick schwarzer Erde zu Theil, und gleichzeitig trat eine 
entschiedene Veränderung in der Vegetation ein, indem sich Coui- 
ferenwälder längs der Ufer hinzogen. Der Fluss, dessen Breite hier 
etwa zwei bis drei englische Meilen beträgt, ist mit zahlreichen 
kleinen Inseln bedeckt; seine Strömung hat eine Geschwindigkeit 
von drei bis sechs Knoten und überall eine Tiefe, welche für einen 



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- 182 



Dampfer voii vier bis sechs Fuss Tiefgang vollkommen ausreichend 
war. Am Ahend desselben Tages erreichten wir wieder eine 
Handelsstation der Alaska-Coramercial-Companv. Es war dies die 
hauptsächlich zum Zwecke des Tauschhandels mit den Ingalik 
gegründete Station Anwik. Hier mündet von Norden her der eine 
englische Meile breite Anwik-River. Da der Yukon-River in sei- 
nem ganzen unteren Laufe von der Spitze des Deltas an bis hinauf 
nach Nulato die Durehsehnittsrichtung Südwest-Nordost besitzt, und 
die Richtung der Küste von Alaska zwischen Nortonbay und Kap 
Komanzoff ungefähr dieselbe ist, so befindet man sich in Anwik der 
Küste und besonders dem Fort St. Michael mindestens viermal so 
nahe, als es der weite Wasserweg vermuthen lässt. Die Alaska- 
Commercial-Company nutzt diesen Umstand während des Winters aus, 
indem sie in der Zeit der Schlittenfahrten eine Passage über Land 
von Anwik nach Fort St. Michael eingerichtet hat. Die Fahrt 
mit Hundeschlitten zwischen beiden Orten dauert nur zwei bis drei 
Tage. Der Vorsteher der Handelsstation Anwik war ein Lands- 
mann von mir, ein Norweger Namens Frederiksen; wir trafen 
ihn indessen nicht zu Hause, da er mit dem Dampfer der Alaska- 
Commercial- Company nach dem oberen Laufe des Yukou ge- 
fahren war. Statt seiner machte seine liebenswürdige Frau, eine 
Halbrussin, welche die Schwester meines Dolmetschers und Reise- 
gefährten Pelka war, die Honneurs des Hauses. Abends erfrisch- 
ten wir uns durch ein Dampfbad, in dessen Siedehitze sich glück- 
licherweise nur wenige Mosquitos bewegten. 

Wir hatten wieder unser Boot entladen und es zum Trocknen 
hingelegt, indem wir zugleich die noth wendigen Ausbesserungen 
daran ausführten. Diesmal aber waren wir vorsichtiger wie in 
Andrejewski und stellten während der nächsten Nacht eine Wache 
auf, die das Boot vor den 50 oder G0 Hunden der Station zu 
beschützen hatte. Mein Versuch, in Anwik bei den dortigen 
Ingalik ethnographische Gegenstände zu kaufen, war von keinem 
grossen Erfolg begleitet, da diese Leute, welche überhaupt auf 
einer tieferen Stufe geistiger Ausbildung stehen als die Eskimos, 
nur sehr wenig von dergleichen Dingen Insassen. Ich kaufte einige 
von ihnen gefertigte rohe Töpfe. 



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Die nächsten Tage gewährten ein ziemlieh einfaches Bild der 
Reise. Ich beschränke mich darauf, in Bezug auf sie die be- 
treffende Stelle meines Tagebuches hier mitzutheilen. 

Donnerstag den 17. August. Wir beludeu unsere Boote und 
waren um G Uhr Morgens reisefertig. Es regnete fast den ganzen 
Tag bei kaltem nordwestlichen Winde. Wir nahmen zweimal des 
Tages Holz ein und ankerten Abends in später Stunde am Ufer. 

Freitag den 18. August. Fuhren früh Morgens ab. Es regnete 
immerfort. Wir legten bei mehreren Ingalikdörfern an, um Holz 
zu kaufen. Es seheint, als besitzen die hiesigen Indianer fast gar 
keine ethnographischen Gegenstande aus früherer Zeit, so dass ich 
unter ihnen Avohl nur wenig werde sammeln können. Abends 
hatte einer von den Goldsuchern, Namens Charles Sauerbrei, 
das Unglück, seinen Fuss beim Holzhauen zu beschädigen, wo- 
durch er für lange Zeit am Arbeiten verhindert wurde. 

Sonnabend den 19. August. Fuhren Morgens 5 Uhr ab. 
Nahmen im Laufe des Tages dreimal Holz ein, so dass wenigstens 
sechs Stunden durch Holzschlagen verloren gingen. Weil hier 
kein Treibholz mehr am Ufer gefunden wird, so müssen wir oft 
das grüne Holz der Bäume schlagen. Passirten bei westlichem 
Wind und schönem Wetter die zweite Stromschnelle, mussten 
jedoch Abends frühzeitig anlegen, weil das Steuer des Dampfers 
beschädigt war, reparirten letzteres jedoch noch an demsell>en Tage. 

Sonntag den 20. August. Schönes Wetter und warm. Kauften 
ein ganzes Indianerhaus als Brennholz und machten gute Fort- 
schritte auf der Fahrt. Unser Dampfer bewährt sich vorzüglich, 
wenn wir gutes Holz haben; es wird aber schwer fallen, dieses 
stets zu bekommen. 

Soweit das Tagebuch. Eine freudige Ueberraschung gewährte 
es uns am Abend dieses Tages, als wir mitten auf dem Strom 
dem Dampfer „Yukon" der Alaska -Commercial- Company begeg- 
neten. Am Bord desselben befand sich der bereits genannte Haupt- 
agent aus Fort St. Michael, Hr. Lorenz, welcher von einer 
Handelsfahrt zurückkam, die sich 1800 englische Meilen den 
Yukon hinauf bis Fort Reliance erstreckt hatte. Es war dies die 
gewöhnliche Hauptfahrt des Jahres gewesen, auf der er die 



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Beziehungen seiner Gesellschaft zu allen ihren Stationen auf dem 
Flusse in gewohnter Weise unterhalten hatte. Er kehrte jetzt nach 
St. Michael zurück, um von dort, so lange als es die Jahreszeit 
noch erlaubte, wiederum mit neuen Waaren nach dem unteren 
Laufe des Yukon zuriickzukeliron und eine zweite Sendung Tausch- 
artikel abzuholeu, welche vor Eintritt des Winters noch bis Nuklu- 
kayet — dem Endpunkt unserer Expedition — geschafft werden 
sollten. Der Dampfer „Yukon" sollte am letztgenannten Orte zu- 
gleich mit unserem Dampfer „New Racket" überwintern, was 
späterhin auch der Fall war. 

An Bord des Dampfers „Yukon" befand sich Frau Lorenz, 
die hochgebildete liebenswürdige Gemahlin des Hauptagenten, 
welche vielleicht als die erste weisse Dame ihrem Manne bis in 
diese entlegene Gegend gefolgt war. Die Freude der Begegnung 
war auf beiden Seiten gleich gross. Trotz der Eile, welche wir 
Alle hatten, machten wir unsere beiden Dampfer am Gestade einer 
kleinen Insel fest und verplauderten gemeinschaftlich den Rest der 
Nacht An Bon! des Dampfers „Yukon" befanden sich mehrere 
Handler und Agenten der Alaska-Commercial-Company, darunter 
der schon genannte Hr. Federiksen aus Anwik und Hr. Mayo 
aus Nuklukavet. Der Letztgenannte, welcher im Festlande von 
Nordamerika, im Staate Kentucky geboren war, hatte eine inter- 
essante Vergangenheit erlebt. Er war vor Jahren aus seiner 
Heimat aufgebrochen und hatte, immer zu Fuss wandernd, alle 
möglichen Staaten und Städte im Nordwesten gesehen und viel- 
fach sein Heil als Goldgräber versucht. So war er endlich auch 
im Jahre 18S1 nach Fort St Michael gekommen und hatte dort 
zum ersten Mal in seinem Leben ein grosses Segelschiff und die 
offene See erblickt. Es befand sich auch an Bord der Signal 
Service Officier in St. Michael Hr. Leawitt. Unsere Unterhaltung 
war, wie man sich denken kann, eine sehr lebhafte, denn wir 
selbst waren als die Ueberbringer der neuesten Nachrichten aus 
der Welt den genannten Beamten hoch willkommen, und diese 
wiederum wurden mir nicht minder lieb und werth durch die 
ausserordentliche Freundlichkeit mit der sie allen meinen etwaigen 
Wünschen in Bezug auf meine Expedition entgegenzukommen 



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sich bereit erklärten. Eine Aenderung im Personenstand beider 
Gesellschaften hatte dieses Zusammentreffen jedoch zur Folge, eine 
Aenderunjr, die mich am meisten betraf, indem sich mein Reise- 
kollege, der Berichterstatter des New- York Herald, Hr. Woolfe, 
von mir trennte und an Bord des Yukon ging. Er hatte nämlich den 
Wunsch, möglichst früh wieder in Fort St. Michael zu sein, da er 
hoffte, dass der in der Beringsstrasse zur Verhütung des Schmuggel- 
handcls stationirte amerikanische Zolldampfer ihm über die Ex- 
pedition des Schiffes „Rodgers", welches zur Aufsuchung des 
Polarschiffes „Jeannctte" in der Richtung nach Wrangelland aus- 
gesandt worden war, bei seiner nächsten Landung in Fort St. 
Michael würde Mittheilung machen können. Wie der Erfolg lehrte, 
hatte Mr. Woolfe ganz richtig gerechnet, denn es gelaug ihm, 
am Tage seiner Ankunft in Fort St. Michael Nachrichten über 
die betreffende Expedition von der Besatzung des Zolldampfers zu 
erlangen und als Telegramm an Bord desselben Schiffes nach 
San Francisco mitzusenden, von wo sie nach New- York befördert 
wurden. Ich trennte mich mit herzlichem Abschied von meinem 
Reisegefährten, dem ich späterhin wieder begegnete. 

Am andern Morgen um 3 Uhr setzte Hr. Lorenz und seine 
Gesellschaft stromabwärts die Reise weiter fort, während wir 
einige Stunden später dasselbe stromaufwärts thaten. Um Mittag 
erreichten wir Nulato, eine Handelsstation der Alaska-Commercial- 
Company und gleichzeitig auch eine Station der damals noch 
existirenden Western Für Trading-Company. 

Es ist vielleicht hier der Ort, einige Bemerkungen über die 
letztgenannte Gesellschaft einzuschalten. Neben der Alaska-Com- 
mercial -Company bestand eine Concurrenz- Gesellschaft mit dem 
Hauptsitz in San Francisco, welche auf demselben Handelsgebiet 
dieselben Handelszwecke verfolgte. Es war dieses die Western 
Für Trading-Company. So lange als beide Gesellschaften zu- 
gleich bestanden, erzielten die Eingeborenen für ihre Felle und 
sonstigen Tauschartikel sehr hohe Preise, da die Agenten sich 
gegenseitig üWboten. Schliesslich jedoch blieb die Alaska-Com- 
mercial-Company Siegerin, während ihre Concurrentin nach einem 
Verlust von mehr als einer Viertelmillion Dollars vom Schauplatze 



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zurücktrat. Letzteres geschah erst im Frühjahr 1883, woselbst die 
Alaska -Commercial- Company die Mehrzahl der Handelsstationen 
der Western Für Trading- Company überuahm. Damals, als 
ich den Yukon bereiste, bestanden noch beide Gesellschaften neben 
einander, und muss ich lobend hervorheben, dass mehrere ihrer 
Vertreter, darunter Mr. Greenfield, in Fort St. Michael mir 
und anderen Reisenden das zuvorkommendste Benehmen und die 
freundlichste Unterstützung haben zu Theil werden lassen. 

In Nulato hatte sich im Frühjahr 1882 in Folge des bei 
Hochwasser eingetretenen Eisganges das Unglück ereignet, dass 
die beiden Handelsstatioueu zerstört und ein dort überwinternder 
Dampfer beinahe zerdrückt wurde. Auch die Indianeransiedelung 
um die Station ging hierbei verloren. Die hier wohnenden Indianer 
sind sehr heimtückischer Natur, indem einer von ihneu in einer 
Aprilnacht des Jahres 1881 einen Händler der Alaska-Commer- 
cial- Company ermordet hatte. Unsere GoldgräWgesellschaft, 
welche davon gehört hatte, dass der Monier noch in Nulato lebte 
und noch keine Strafe erhalten hatte, beschloss, ihn zu lynchen. 
Aber auch in Nulato, wie in Nürnberg, wird keiner eher gehängt, 
als bis er sich hat kriegen lassen. Die Wahrheit dieses Satzes 
wusste der indianische Mörder sehr zu beherzigen, denn jedesmal, 
seit dem Tage seiner Unthat, sobald er ein Dampfschiff herauf 
oder herunter kommen sah, entfloh er in den nahen Wald und 
hielt sich dort so lange verborgen, bis die Luft wieder rein war. 
So ging es auch während unserer Anwesenheit, wo er absolut 
unsichtbar blieb. 

Am Morgen des 22. August setzten wir unsern Weg fort 
und nahmen von 11 — 1 Uhr in einem Iudianerdorf Holz ein. 
Die Männer waren alle auf Jagd, und die Weiber des Dorfes, 
etwa zehn an der Zahl, zeigten sich durch unsere Anwesenheit 
nicht im geringsten genirt, sondern halfen uns unter Scherz und 
Lachen Holz an Bord schleppen und Hessen sich die ihnen dafür 
gebotenen Bisquits gut schmecken. Eins der Mädchen machte 
sogar Anstalten, mit uns zu reisen; möglicher Weise hatte sie die 
Absicht, zum Besuch von Verwandten nach einem oberhalb be- 
legeneu Indianerdorfe sich zu begeben. Am Nachmittag dieses 



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187 



Tages passirten wir die dritte Stromschnelle. Eine Stunde später 
hatten wir das Unglück, dass unser Dampfer gegen einen uutcr 
Wasser befindlichen Baumpfahl lief, wobei das rechte Ruder ab- 
brach. Wir hatten bis zum andern Vormittag damit zu thuu, 
den Schaden zu repariren. Am andern Tage erblickten wir bei 
Fortsetzung der Fahrt wieder an der steilen Uferböschung jene 
eigenthümliche Eisschicht mitten zwischen Erdschichten. 
Zugleich schwamm eine grosse Menge Treibholz, aus altem und 
grünem Holze bestehend, den Strom hinab. Es war, wie dies 
häufig zu geschehen pflegt, wahrscheinlich wieder eine grössere 
Uferstrecke eingestürzt und hatte ihre Saudmassen nebst dem 
darauf vom Hochwasser abgelagerten Treibholz sowie den natür- 
lichen Baumbestand in die Fluten gestürzt. An diesem Tage mussten 
wir schon um 5 Uhr Station machen, da unser Brennmaterial 
ausgegangen war. 

Am nächsten Tage passirten wir verschiedene indianische 
Fischerdörfer. Wir legten um 11 Uhr au, um Holz zu schlagen, 
fuhren um 2 Uhr weiter und ankerten Abends an einem Fischer- 
dorf. Der nächste Ort, den wir am andern Vormittag passirten, 
war wieder ein Fischerdorf, welches uns dadurch in Erinnerung 
blieb, dass bei unserer Annäherung ein wunderlich aussehender 
Kerl, ein Indianer, wie toll und wild herumsprang und uns allerlei 
drohende Zeichen machte. Er tanzte in aufgeregtester Weise wie 
ein Verrückter, schwang seine Mütze, warf sie auf die Erde und 
trieb diese Dummheiten so lange, als er uns in Sicht war. Der 
indianische Lootse und Bootsstcurer, den wir bei uns hatten, er- 
klärte uns das sonderbare Gebahren dahin, dass der Indianer 
unsern Dampfer verzaubern wollte, damit derselbe in den Grund 
sinke. Aber unser „New Racket" ging auf diese Idee nicht eiu, 
sondern führte uns in stolzer Fahrt noch an demselben Tage an 
der hohen Bergkette Hotlotulei vorüber, deren beschneiter Gipfel 
uns die ersten Vorboten des nahen arktischen Winters zeigte. 

Die Fischerei am Yukon -River unterscheidet sich einiger- 
massen von derjenigen der südlicher gelegenen Theile der Nord- 
westküste von Amerika. Gewöhnlich bauen die Eingeborenen aus 
Treibholz ein hölzernes Gehege, welches vom Ufer aus schräg in 



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den Fluss hiuein läuft. Die Fische, welche im »Strome gegen dieses 
Gehege kommen, werden dadurch in die innere Parthie desselben 
geleitet und gelangen dort in die aufgestellten Reusen. Bei den 
Ingalik von Nulato sali ich ein anderes Verfahren, um Fische zu 
fangen. Es lagen dort unweit des Ufers auf dem Strome etwa 
15 — 20 aus Birkeurinde angefertigte Canoes, auf deren jedem 
ein mit einem grossen Käseher versehener Indianer stand. Diese 
Käscher, deren Kranz wohl G — 8 Fuss Durchmesser hatte und 
die eine sehr lange Stange begossen, wurden auf den Boden des 
Flusses gesenkt und alsdann das Boot der Strömung überlassen. 
Während sich der Käseher auf dem Grunde stromabwärts bewegte, 
geriethen die stromaufwärts schwimmenden Lachse in das Netz des 
Käschers. Sobald sieh ein solcher Fisch bemerkbar machte, wurde 
er schnell aber vorsichtig aufgehoben, ins Boot genommen und todt 
geschlagen. 

Am unteren Yukon werden oft neben den Fischgehegen mit 
Reusen auch Netze zum Fischfang benutzt, die aus einer Art 
Nesselfasern bestehen. Diese Netze werden quer über den Strom 
senkrecht ins Wasser gestellt, dergestalt, dass ihre Oberkante durch 
Rindenstücke schwimmend erhalten wird, während die durch Netz- 
senker beschwerte Unterkante auf dem Flussbette ruht. Der 
Fischer bleibt nun oben beim Netz, und sobald er an demselben 
den Ruck fühlt, den ein grosser, dagegen schwimmender Königs- 
lachs hervorbringt, so zieht er schleunigst das Netz an der Stelle, 
wo sich der Fisch verwickelt hat, in die Höhe, nimmt den Lachs 
ins Boot und schlägt ihn todt. Doch diese Fische sind oft sehr starke 
Bursehen, welche mitunter ein Gewicht von 80 — 90 Pfund er- 
reichen, wenn sie auch durchschnittlieh nur halb so schwer sind. 
Diese Lachse wehren sich heftig, und so kommt es oft vor, dass 
bei den Anstrengungen der Fischer, die Thiere zu überwältigen, die 
leichten Kajaks kentern. Im günstigen Falle ist ein Fischer im 
Stande, viele Lachse hintereinander zu fangen. Da die getödteteu 
Lachse das kleine Fahrzeug bald übermässig beschweren würden, 
so werden sie ausserhalb desselben befestigt. Die Hechte werden 
meistens mit knöchernen Angelhaken gefangen oder auch mit 
Köderfischen aus Knochen augelockt und alsdann vom Fahrzeug 



180 

aus harpunirt. Im Winter, wo das Eis oft 5 — 7 Fuss stark 
wird, ist es ein hartes Stück Arbeit, die Fischreusen täglich zu 
leeren. Es werden in dieser Jahreszeit viele Weißfische, Lachse, 
Quappen und Hechte gefangen, hin und wieder auch eine Lachs- 
forelle. Die Bewohner der Tundra leben meistentheils von einer 
kleinen Art schwarzer Sumpffische, welche in den zahlreichen 
Binnenseen, Kanälen, Bächen und Sümpfen zu Millionen vorkom- 
men. Diesen Fischen habe ich keinen Geschmack abgewinnen 
können und sie nur als Futter für die Hunde benutzt. An der 
Seeküste werden viele kleine Fische gefangen, welche zu den 
Stinten gehören; es kommt dort auch eine Art vor, welche der- 




Schlitten der InKoJik-Indianer am oberen Yukon. 



jenigen gleicht, die in Norwegen den Namen Lodde fuhrt. Letz- 
tere sind wegen ihres reichen Fettinhaltes sehr nahrhaft. 

Die Küstenbewohner von Alaska leben während der eisfreien 
Saison vom Fang der Seethiere. Im Mai und Juni werden viele 
Walrosse gefangen, im Herbst, kurz bevor die Meeresbuchten zu- 
frieren, werden viele Weiss wale in mächtig grossen Netzen, deren 
Maschen aus fingerdicken Riemen von Walrossleder gemacht sind, 
gefangen. Diese Walart hat nämlich die Gewohnheit, sich mög- 
lichst dicht am Land zu bewegen. Man benutzt dies, indem man 
die Netze so in die See hineinstellt, dass der eine Flügel am 
Lande au einen Felsen befestigt wird, während der andere etwa 
20 — 30 Klafter weit in See so fest wie möglich verankert wird. 
Die Seehundsnetzc werden thcils aus Sühnen, theils aus modernen 
Gespinsten hergestellt und damit viele Seehunde gefangen. Wäh- 



190 



rend des Winters, im Januar und Februar, findet der Fang des 
Maklak, welches eine Art Seehund ist, auf dem Eise mitunter 
sehr weit vom Lande statt. Dieser Fang gilt deshalb für sehr 
gefährlich, weil der Sturm oft die Eisdecke am Lande zerbricht 
und letztere weit hinaus ins Beringsmeer treibt, wo die Leute 
meistens ertrinken. Die Sage erzählt, dass die am Südende der 
Beringstrasse liegende St. Lorenzinsel durch Eskimos besiedelt 
worden sei, welche auf einem Eisfelde dorthin verschlagen worden 
sind. Der Maklakfang geschieht theils mit Gewehren und Har- 
punen, theils mit Harpunen allein. Die Eskimos bedienen sich 
bei diesem Fang der Kajaks, die sie auf kleine, besonders dazu 
eingerichtete Schlitten setzen und dadurch sowohl die Eisfläche 
wie auch die Wasserspaltcn im Eise überschreiten und den oft 
ins Meer sich stürzenden Seehund heranholen. Das Hauptnahrungs- 
mittel der gesammten Bevölkerung bleibt indessen der getrocknete 
und ein wenig geräuchert« Lachs, welcher in ungeheuren Mengen 
zubereitet wird. Diejenige Familie, welche es versäumt, einen 
Vorrath von diesem Nahrungsmittel, das den Namen Yukala fuhrt, 
zur richtigen Zeit zu beschaffen, wird während des Winters ge- 
wöhnlich durch Hungersnoth heimgesucht. So sind also die Alas- 
kaner im eigentlichsten Sinne des Wortes Ichthyophagen, und 
nicht nur sie allein, sondern auch ihre einzigen Hausthiere, die 
Hunde. Unsere Fahrt von Nulato bis oberhalb der Bergkette 
Hotlotulei ging vcrhältnissmässig langsam vor sich, nicht etwa 
weil die Maschine des Dampfers weniger gut arbeitete als bisher, 
sondern weil wir täglich fünf bis sechs Stunden lang dazu ver- 
wenden mussten , Holz zu schlagen. Am Sonntag den 27. August 
Nachmittags 5 Uhr erreichten wir endlich unser Ziel, die Station 
Nuklukayet, im Herzen froh darüber, dass die lauge Scldeppfahrt 
nunmehr beendet sei. 



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XII. 

Ankunft in Nuklukayet. Das Ende unserer Expedition. Abschied von der Gold- 
grabergesellschaft des Herrn Scheffel ien. Beginn «1er neunhundert englische 
Meilen langen Rückfahrt auf dem Yukonstrom am 29. August. Das Dorf 
Klokare -leten. Gebirgslandschaft am Yukon-River. Dorf Nukakiet. Der Finn- 
länder Kakeraien. Ein Riesenhecht von sechzig Pfund Gewicht. Ich rette einen 
Schädel für die Wissenschaft. Beerdigungsart der Ingalik. Offene Feindseligkeit 
der Indianer gegen mich. Mein Dolmetscher „Petka" bekommt Angst. Die 
Mündung des Kujikuk-River. Xulato. Schnellfahrt. Das Boot bekommt ein Leck. 
Armseligkeit der Ingalik an ethnographischen Gegenständen. Ausgrabung von 
Mammuthknochen. l'nser Fellboot desertirt. Du* Dorf Sakara. Die Leiche eines 
lierühmten Schamanen. Eine epidemische Hustenkrankheit. Ein von Bären ge- 
tüdteter Indianer. Ein Grislybär mit weissem Kopf. Wir graben wiederum 
Mammuthknochen aus. Dampfbad in Anwik. Die ethnographischen Gegenstände 
der Ingalik. Schneeschuhe. Thongefasse der Ingalik. Kleidungsstücke. Kleider 
aus Fischhäuten, Strümpfe aus Gras. Cauoes aus Birkenrinde. Der Dampfer 
„Yukon". Epidemische Krankheit. Eine Grabkiste des letzten Ingalikdorfes. 

Nuklukayet, eine Station der Alaska -Commercial- Company, 
war, wie bereits erwähnt, derjenige Punkt, von welchem au* die 
Goldgräbergesellschaft des Hrn. Scheffelien ihre eigentlichen 
Unternehmungen zu beginnen beabsichtigte, nachdem sie hierselbst 
überwintert hatte. Vorher jedoch sollte, so lange es noch die 
Jahreszeit gestattete, der Dampfer „New Racket" dazu benutzt 
werden, einige Fahrten noch weiter oberhalb des Ortes auszufuhren, 
damit sich die Theilnehmer der Expedition eine möglichst weit- 
gehende Kenntniss des Landes zu verschaffen im Stande seien. 

Ich selbst musste meinen Aufenthalt in Nuklukayet auf das 
allemoth wendigste beschränken, da ich die 900 engl. Meilen lange 
Rückfahrt bis zum Fort St. Michael noch vor Eintritt des Herbstes 
zurückzulegen wünschte, indem ich auf diese Weise hoffen durfte, 
mit einem der letzten abgehenden Schilfe Nachrichten nach San 
Francisco resp. Europa senden zu können. Bevor ich indessen 
meine Rückfahrt antrat, war es nöthig, mein Fellboot zu entladen, 
dasselbe an Land zu ziehen und es so gut als möglich zu trocknen 
und einzuölen. Gleichzeitig liess ich ein Segel anfertigen und be- 



192 



reitete alles zur Rückfahrt vor. Während der Hinauflfahrt hatte 
ich in jedem Dorfe der Kwikpagemuten und der Iugalik, wo wir 
gelandet waren, die Aufforderung erlassen, das» man alle zum 
Verkauf geeigneten ethnographischen Gegenstande bereit halten 
möchte, da ich bei der Rückkehr bei jedem Dorfe anlegen und 
Einkäufe machen würde. Gleich in Nuklukayet begann ich meinen 
Tauschhandel; die dort wohnenden Indianer besasseu jedoch nur 
sehr wenig Gegenstände, welche ich für meine Zwecke gebrauchen 
konnte, und selbst diese Sachen Hessen sie sich sehr theuer be- 
zahlen. Der Grund hiervon ist der, dass die Leute hierselbst in 
einer an Pelzthieren reichen Gegend wohnen, und dass sie damals 
durch die hohen Preise, welche ihnen vou den beiden oben ge- 
nannten coneurrireuden grossen Handelsgesellschaften für ihre Jagd- 
beute gezahlt wurden, sehr verwöhnt waren. 

Am Dinstag den 29. August trat ich nach einem freund- 
lichen Abschiede von Hrn. Scheffelien und seinen Gefährten 
den Rückweg an. Meine Mannschaft bestand aus meinem Reise- 
gefährten Petka sowie aus einem Ingalik, welcher das Fellboot 
der Goldgräbergesellschaft auf der Hinfahrt gesteuert hatte. Da 
kein Wind wehte, so ruderten wir in der ziemlich starken Strömung 
des Yukon- River hinab und passirteu gegen Mittag das Dorf 
Klokare -leten. Das rechte nördliche Ufer des Yukon -River vou 
Nuklukayet bis etwa 20 englische Meilen oberhalb Nulato besteht 
aus einem ziemlich steil ansteigenden Gebirge von 1000— 3000 Fuss 
Höhe, das linke südliche Ufer jedoch ist meist flach, mit Aus- 
nahme der Gebirgskette des Ortes Nukakiet. Wir erreichten dieses 
Dorf erst spät Abends 10 Uhr und wurden von einem dort woh- 
nenden Finnländer, Namens Kakeraien, sehr gut aufgenommen 
und bewirthet. Am andern Morgen 8Vj Uhr wurde die Reise 
fortgesetzt und das Dorf Delsanorvit erreicht. Es war dieses 
dasselbe, an dessen Ufer sich wenige Tage vorher jener indianische 
Schamane vergeblich bemüht hatte, unsern Dampfer in den Grund 
zu zaubern. Ich hatte hierselbst den seltenen Anblick eines 
kurz vorher gefangenen Riesenhechtes, welcher Fisch 50 — G0 
Pfund schwer war. Weiterhin besuchten wir das Dorf Makkat- 
mckettan, gingen jedoch trotz starken Gegenwindes nach ganz 



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kurzem Aufenthalt wieder an Bord. Die Bevölkerung 
zeigte im Allgemeinen ein selbstbewusstes, wenig be- 
scheidenes Benehmen, welches sich bis zur Unverschämt- 
heit steigerte. Hierzu kam noch, dass, wie ich glaube, 
der Ingalik, welcher sich bei mir an Bord befand, seine 
Landsleute gegen mich aufstachelte. Wir waren näm- 
lich unterwegs an einer indianischen Grabstätte vorbei- 
gekommen, aus der ich für die Wissenschaft einen 
Schädel gerettet hatte, und unser Indianer mochte wohl 
seinen Landsleuten hierüber Mittheilungen gemacht haben, 
ohne dass wir seine Worte verstanden. 

Die Ingalik sowohl wie die Kwikpagemuten pflegen 
ihre Verstorbeneu auf folgende Weise zu beerdigen: Es 
werden vier Pfahle in die Erde getrieben, deren oberes 
Ende den Erdboden um etwa Mannshöhe überragt; auf 
diese Pfahle wird die Grabkiste gestellt. Diese Kiste 
besteht aus zwei rechtwinkligen länglichen Kisten, einer 
inneren und einer äusseren, zwischen denen sich eine 
luftabschliessende Schicht aus Lehm oder Thon befindet. 
Die innere Kiste enthält die Leiche, welche durch die 
Lehmschicht vor der Einwirkung der atmosphärischen 
Luft geschützt ist. Die äussere Kiste bildet das eigent- 
liche Grabmonument und ist gewöhnlich mit rothen und 
schwarzen Figuren bemalt. Diese Malereien stellen 
Sceneu der Jagd und des Fischfauges dar und illustriren 
die Thaten des Verstorbenen. Die rothe Farbe, welche 
zu dieseu Zeichnungen benutzt wird, besteht aus einem 
in Alaska gefundenen Thon, die schwarze dagegen ist 
ein künstliches Produkt aus Lachsrogen, welcher als 
Klebemittel wirkt, und zerriebener Holzkohle. Am 
oberen Yukon zwischen Nuklukayet und Nulato habe 
ich auf indianischen Begräbnissplätzen auch solche 
Grabkisten gesehen, welche zur Hälfte in die Erde ein- 
gescharrt waren, und auf deren oberem Deckel sich eine 
grosse Menge Holz befand. An den Begräbnissplätzen 
sieht man Waffen und Fischereigeräthe, bei den Grab- 

A. Woldt, Capitata Jacobscn's Reise. 13 



kisten der Frauen Hausgeräthe und Bekleidungsstücke aufgehängt 
oder herumgelegt 

Bei Fortsetzung unserer Fahrt erreichten wir noch an dem- 
selben Tage die Dörfer Norraden-kulten und Belase-karat. Bei 
nördlichem Sturm und Gegenwind erreichten wir am andern Tage 
Mittags Nusaron und gegen Abend das Dorf Kommensita, ohne 
dass ich irgend welche Gegenstande durch Kauf erwerben konnte. 
In dem letztgenannten Dorfe befand sich viel Brennholz, von 
welchem wir eine kleine Quantität zum Kochen unserer Speisen 
an Bord nahmen. Während dieses geschah und ich ins Dorf ging, 
um Einkäufe zu machen, gingen die Indianer zu offener Feind- 
seligkeit über. .Es stürzten sich plötzlich sechs bis sieben Mann 
zu uns an Bord, rissen das bereits aufgeladene Brennholz wieder 
heraus und schleuderten es ans Ufer. Mein Dolmetscher Petka 
bekam grosse Angst und rief zum eiligen Aufbruch, indem er 
meinte, die Indianer würden uns räuberisch überfallen und uns 
unseres für ihre Verhältnisse grossen Eigenthums berauben. Es 
war immerhin möglich, dass diese Leute, deren unverschämtes 
Wesen damals den höchsten Grad erreicht hatte, und die nicht 
wie die Bewohner von Vancouver unter dem Eindruck der Furcht 
vor rächenden Kanonenbooten standen, auf den Gedanken gekom- 
men waren, uns zu erschlagen und unser Eigenthum an sich zu 
reissen. Möglicherweise wollten sie diese That unter dem Schutze 
der Nacht und auf den schweigsamen Wellen des Stromes aus- 
fuhren, denn sie bemannten mehr als ein halbes Dutzend Fahr- 
zeuge, mit denen sie uns folgten. Petka ruderte uns in einen 
weiter unterhalb beginnenden kleinen Seitenarm des Flusses, wo 
wir unbehelligt während der Nacht kampirten, während einzelne 
Regenschauer und stürmische Böen über unseren Häuptern hinzogen. 
Auch die Abreise am nächsten Morgen zog uns weiter keine Ver- 
folgung zu, und wir fuhren stromabwärts, bis wir gegen Mittag 
abermals ein Indianerdorf antrafen und wenige Stunden darauf 
an der Mündung des Kujikuk- River vorüber fuhren. Der Wind 
ging hier mehr nach Nordosten herum, so dass wir das Segel ge- 
brauchen konnten, umsomehr, als auch der Yukon hier in der 
Richtung nach Südwesten weiter strömt. Wir näherten uns nun- 



195 



mehr Nulato, oberhalb dessen wir an diesem Tage noch vier 
Dörfer besuchten. Unser Aufenthalt in Nulato selbst dauerte nur 
eine Stunde, worauf wir bei dem günstigen Winde und schönem 
klaren Wetter die Fahrt noch volle fünf Stunden bis Mitternacht 
fortsetzten. Die Nacht war klar, es herrschte jedoch auf dem 
uns unbekannten Strome zwischen den vielen kleinen Inseln eine 
so vollständige Dunkelheit, dass wir mehrere Male mit unserem 
Boote auf den Grund fuhren und zuletzt direkt am Ufer fest- 
eassen. Wir campirten an dieser Stelle im Boot 

Am 2. September Morgens 6 Uhr gingen wir wieder vor- 
wärts, es stürmte stark von Nordost, so dass wir eine fliegende 
Fahrt machten. Es wurden zwei Dörfer besucht und einzelne 
Arbeiten aus Knochen, Muscheln und Perlen gekauft. Beim 
Landen am Ufer hatten wir das Unglück, dass in den Fellüberzug 
des Bootes ein Loch gestossen wurde. Wir hatten in Folge dessen 
während des ganzen Tages ununterbrochen damit zu thun, das ein- 
dringende Wasser auszuschöpfen. Ein Beweis, eine wie geringe Menge 
origineller Gegenstände die Eingeborenen hiersei bat besitzen, möge in 
folgender Aufzählung gegeben sein. Bei den Indianern eines Dorfes, 
welches wir an diesem Tage Nachmittags besuchten, fanden wir 
nur birkene Canoes, hölzerne Schüsseln, Körbe aus Birkenrinde, 
Fischnetze und Fischreusen. Alle übrigen Gebrauchsgegenstände 
sind ihnen durch den Tauschhandel zugegangen und europäischen 
oder amerikanischen Ursprungs. Der Nordoststurm führte uns an 
diesem Tage eine grosse Strecke stromabwärts. Abends langten 
wir bei einem verlassenen Dorfe an, woselbst wir unser Boot sehr 
hoch ans Ufer zogen, damit kein Wasser hineindringen konnte. 

Am nächsten Tage wurden schnell hintereinander vier Dörfer, 
Wetkelt-tokara, Kleitvit, Klaun-lokolte und Kokara passirt und 
in letzterem verschiedene Kleinigkeiten gekauft. Etwa sechs Meilen 
unterhalb bezeichnete unser Ingalik, den ich an Bord hatte, eine 
Stelle des hier 50—200 Fuss hohen Ufers, an welcher sich früher 
angeblich Mammuthknochen gefunden haben sollten. Wir machten 
Halt und durchsuchten das Terrain. Die Arbeit war von Erfolg 
gekrönt, denn im Laufe von zwei Stunden fanden wir ein grösseres 
Stück von dem Stosszahn eines Mammuth, drei Backenzähne, 

13* 



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- 196 



einen Rückenwirbel, Schenkelknochen u. 8. w. Diese Knochen be- 
funden sich nicht auf einem Punkte zusammen, sondern sie lagen 
in Zwischenräumen längs des Ufers, so dass es den Anschein ge- 
wann, als ob sie vielleicht von dem Absturz einer durch Hoch- 
wasser unterspülten Parthie des Ufers herrührten, deren einzelne 
Bestandteile durch die Fluth zerstreut worden waren. Den inneren 
Kern des Stosszahnes fanden wir an der Mündung eines kleinen 
Baches, so dass auch angenommen werden konnte, dass diese 
Wasserader die Mammuthknochen thalwärts gefuhrt habe. Ich 
bemerke, dass auf der Strecke zwischen Nulato und Anwik sowie 
weiterhin in vielen Theilen von Alaska durch die Rennthierjäger 
Mammuthknochen gefunden worden sind. Die Leute nennen diese 
Reste der Vorzeit „Tunrak saunek", d. h. Teufelsknochen. Auf 
dem rechten, ziemlich hohen Ufer des Stromes, welches aus weissem 
Sand besteht, stürzen täglich einzelne Theile hinunter, und wäh- 
rend der Sand allmählich weggeschwemmt wird, bleiben die etwa 
darin vorhanden gewesenen Mammuthknochen liegen oder werden 
doch nur wenig weiter getrieben. So soll im Frühjahr 1882 in 
der Nähe der Stelle, wo wir uns eben befanden, ein grosser gut 
erhaltener Maromuthzahn zu sehen gewesen sein, wir konnten den- 
selben jedoch nicht auffinden. 

In der Eile und Aufregung, worin uns die Funde der Mam- 
muthknochen versetzten, vergassen wir ganz, auf unser Fellboot 
zu achten und dasselbe am Ufer zu befestigen. Wer beschreibt 
unsern Schreck, als wir unser Boot plötzlich mitten im Strom 
treiben sahen. Da uns noch eine weite Entfernung von dem näch- 
sten Dorf trennte, so war die Gefahr vorhanden, dass wir unser 
Fahrzeug gänzlich verlieren würden. Glücklicherweise aber kamen 
einige Indianer mit Birkencanoes den Fluss hinauf und brachten 
unser Fahrzeug wieder ans Land, wofür sie gut belohnt wurden. 

Am Abend 7 Uhr erreichten wir das Dorf Sakara. Hier 
war ein berühmter Schamane gestorben und sollte in den nächsten 
Tagen beerdigt werden. Es hatten sich bereite viele Indianer ver- 
sammelt, um an dem grossartigen Begräbnissfest theil zunehmen. 
Die Verstorbenen werden sowohl bei den Ingalik wie bei deu 
Kwikpagemuteu erst vier Tage nach dem Tode beerdigt und 



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— 197 — 



während dieser vier Tage wird keinerlei Arbeit geleistet. Es hängt 
dieses mit einer Sage zusammen, über welche ich späterhin be- 
richten werde. Ich hatte den seltenen und unerwarteten Anblick, 
den Todten zu sehen. Er befand sich in voller Kleidung, in 
hockender Stellung auf einer Art Stuhl, der aus vier in die 
Erde geschlagenen Pfählen bestand. Gegen zwei dieser Pfahle 
lehnte er seinen Rücken, die beiden anderen unterstützten seine 




Bei den Ingalik gebräuchlich. 

I. MiiMkin-trument. 2. Knöcherne Keule cum Holzspalten etc. H. Hölzerner Schöpflöffel. 
4. Tabakspfeife mit Holzstiel und Mctallkopf. 5. Eiserner Dolch, ti. Kinderwiege aus Birken- 
rinde. 7. Canoe aus Birkenrinde. 8. Schaber zur Reinigung der Felle mit hölzernem < mir 
und kupferner Spitze. *.t. Knöcherner Löffel. 10. Kamm aus Holz mit knöchernen Zähnen. 

II. Holzlöffel. 12. Korb au* Birkenrinde. 18. Fellreiniger (Schaber), hölzerner Griff 

und eiserner Schaber. 



Anne. Das Haus war sonst ganz leer gemacht, und es befanden 
sich in demselben nur die Weiber seiner Bekannten und Ver- 
wandten, welche mit grossen Mengen von Nahrungsmitteln herein- 
kamen und dieselben dem Todten respectvoll vorsetzten. Es hatte 
ganz den Anschein, als ob der Schamane, dessen Augen halb 
ofTen standen, wie die eines nachdenklich blickenden Mannes, noch 
am Leben war, und als ob er die vielen getrockneten Lachse, den 
Fischthran und die Beeren sich wohlschmecken lassen wollte. 
Während dieser Zeit durfte kein Mann das Sterbehaus betreten, 



obgleich man mir dies nicht verwehrte. Die Indianer befanden 
sich draussen vor dem Hause in gedrückter, feierlich ernster 
Stimmung, Niemand lachte oder wagte ein lautes Wort zu sprechen. 
Leider war meine Zeit so gemessen, dass ich den Leichenfeierlich- 
keiten nicht beiwohnen konnte. Ein Versuch, den ich machte, 
von den Leuten ethnographische Gegenstände zu kaufen, hatte 
keinen Erfolg. Erst sagte man mir, man besitze nichts dergleichen, 
sodann, dass man wegen des Todes des Schamanen keinen Handel 
treiben dürfe. Alle klagten viel über eine gerade damals unter 
den dortigen Einwohnern herrschende epidemische Krankheit, die mit 
einem starken Husten verbunden war. Mehrere der von dieser 
Krankheit Befallenen hatten sogar ihre Sprache bereits verloren. 
Man verlangte allgemein von mir Medizin gegen dieses Uebel; 
da ich aber überhaupt nichts dergleichen bei mir hatte, so konnte 
ich auch dem Wunsche nicht entsprechen. 

Wie es sich so häufig ereignet, dass ein Fall nicht allein 
kommt, so war es auch diesmal, denn bei Fortsetzung unserer 
Reise trafen wir an demselben Tage die Leiche eines zweiten 
Indianers an. Wir waren in der Abendstunde bei einem Dorfe 
gelandet, und hatte ich daselbst, wie gewöhnlich, eines der Indianer- 
häuser betreten, um Einkäufe zu machen, als ich wieder denselben 
sonderbaren Anblick genoss, dass ein steif und unbeweglich in der 
Mitte sitzender Mann von allerhand Speisevorräthen umgeben war, 
welche von Frauen ab- und zugetragen wurden. Der Anblick war 
so frappant und lebenswahr, dass ich unwillkürlich ganz nahe au den 
Sitzenden herantrat, woselbst ich dann sofort entdeckte, dass das ganze 
Hinterhaupt von einer blutrothen Wunde eingenommen war. Der 
Aermste war von einem Grislybären getödtet worden, den er auf 
einer Canoefahrt angetroffen und unvorsichtigerweise mit einem 
Schrotschuss hatte erlegen wollen. Meister Petz hatte mit einem 
Tatzenschlage das birkene Canoe umgeworfen und mit einem zweiten 
den Mann tödtlich verwundet. Ein Indianer war alsdann dazu 
gekommen, hatte den Bären todt geschossen und seinen verwun- 
deten Freund, der unmittelbar darauf in seinen Armen starb, 
nach Hause gebracht. Man erzählte mir als Merkwürdigkeit, dass 
der Kopf des Bären ganz weiss gewesen sei. 



- 199 — 



Wir fuhren an demselben Abend noch fünf Meilen weiter, 
und da mein Reisekollege Petka dem Frieden mit den Indianern 
noch immer nicht recht traute, so kampirten wir wieder im Freien. 
Am andern Morgen 6 Uhr wurde die Fahrt fortgesetzt und in 
einem kleinen Dorfe gelandet, in welchem fast die gesammte Ein- 
wohnerschaft an derselben Krankheit litt wie in dem am Tage 
vorher besuchten Orte. Das Begehren nach Medizin wurde immer 
grösser. An diesem Orte habe ich auch den seiteneu Fall ange- 
troffen, dass daselbst ein Ingalik mit zwei Frauen lebte, während 
seine Stammesgenossen in der Regel nur je eine Frau besitzen. 
Eine Strecke unterhalb des Dorfes setzte ich meine beiden Leute 
ans Land, indem ich ihnen auftrug, längs des Ufers nach Mammuth- 
knochen zu suchen. Ich selbst blieb im Boot sitzen und paddelte 
langsam stromab, stieg auch zuweilen ans Land, um mitzusuchen. 
Wir fanden einige Ueberreste des Mammuth, namentlich Backen- 
zähne. Dieselben waren offenbar aus der Uferböschung herab- 
gefallen, aus deren oberster, aus schwarzer Erde bestehender Schicht 
sie wohl stammten. Ich vermuthe dies deshalb, weil dieMammuth- 
zähne mit derselben schwarzen Erde vereint gefunden wurden. 
Unser Indianer berichtete, dass die Western Für Trading- Com- 
pany im Frühling 1881 an dieser Stelle vier grosse wohlerhal- 
tene Mammuthzähne hatte ausgraben lassen. Am Nachmittag des- 
selben Tages erreichten wir Anwik, in welcher Station uns die 
Gattin des dortigen Vorstehers, Frau Frederiksen, die Schwester 
Petka's, wieder sehr freundlich aufnahm. Nachdem wir unser 
Boot entladen und zum Trocknen aufgestellt hatten, gestatteten 
wir uns am Abend den Genuss eines Dampfbades und den grossen 
Luxus, wieder einmal in einem Hause und in einem Bette zu 
schlafen. 

Wie schon angedeutet, war die ethnographische Sammlung, 
welche ich bei den Ingalik zusammenbrachte, nur von beschei- 
denem Umfange, immerhin betrug sie jedoch etwa zweihundert 
Nummern. Unter den ethnographischen Gegenstanden der Ingalik 
spielen Pfeil und Bogen, sowie eine mit starkem hölzernen Stiel 
versehene eiserne Lanze noch eine Hauptrolle, wenngleich auch 
Jagdgewehre modernen Ursprungs in Gebrauch sind. Unter den 



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200 



von mir erworbenen Netzen waren die meisten aus Sehnen von 
Renn- und Elenthieren gebildet, andere aus einer Art Nesselfaser. 

Die Elenthiere werden im Winter bei tie- 
fem Schnee, in welchem sie sich nur schwer 
fortzubewegen vermögen, durch die auf 
leichten Schneeschuhen ihnen nacheilenden 
Indianer in grosser Anzahl erlegt. Die 
Schneeschuhe, deren ich verschiedene kaufte, 
besitzen eine Länge von drei bis fünf Fuss 
und bestehen aus einem hölzernen Rahm- 
stück mit zwei Querleisten, durch welche 
die Fläche in drei Abtheilungen zerfallt; 
diese Abtheilungen werden mit Sehnen von 
Elen- oder Rennthicren kreuzweise über- 
flochten und dienen zur Befestigung der 
Schuhe, die mit ledernen Riemen an die 
Füsse geschnallt werden. Von Hausgeräthen 
erwarb ich ovale hölzerne Schüsseln, deren 
Oberrand mosaikartig mit bunten Stein- 
chen etc. verziert ist Merkwürdigerweise 
bedienen sich bei den Ingalik wie bei 
den Kwikpagemuten die Frauen sowohl 
wie die Männer, jeder für sich besonderer 
Essschüsseln. Bei den Ingalik findet man 
auch viele Schüsseln aus Birkenrinde, sowie 
hölzerne Wassereimer und Schöpflöffel eige- 
ner Gestalt. Die Eimer werden aus einem 
Stück Holz geschnitten, welches in heissem 
Wasser gebogen und mit Wurzeln fest zu- 
sammengenäht wird, worauf mau alsdann 
den hölzernen Bwlen einsetzt. Diese Eimer 
besitzen einen knöchernen oder hölzernen 
Bügel. Die Schöpflöffel sind fast ebenso 
gearbeitet, nur bedeutend kleiner und an 
der Seite mit hölzernem Stiel versehen. 

Es wird bei den Ingalik viel Töpferei betrieben; die meisten 



h- 



ScIinwM'huh der Ingalik. 



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201 — 



Thongefasse, welche sie anfertigen, dienen als Kochgesehirre oder 
Oeilampen. Die Töpfe sind oft von ziemlicher Grösse und er- 
reichen seihst den Umfang einer halben Ileringstonne. Die Be- 
arbeitung des graugefarbten Thones geschieht ohne Anwendung der 
Töpferscheibe, theils mit den Händen, theils mit Hilfe eines Steines 
oder Knochens. Fast sämmtliche fertigen Gefasse werden durch 
kleine Löcher, die von aussen und von innen in die Wandungen 
hineingestochen werden, ornaraentirt. Die Ingalik kleideten sich 
früher gewöhnlich in Jacken von gegerbten Häuten der Elenthiere; 
man räucherte die 
Felle nach dem 
Gerben ein wenig, 
um ihnen eine roth- 
braune Farbe zu 
geben. Die Jacken 
der Ingalik wurden 
damals besondere 
hübsch mit Perlen 

und Muscheln 
verziert , welche 
Tauschwaaren die 
Ingalik früher aus 

Fort Yukon Und L Strumpf aus Graa geflochten. 2. JagdgehSnge der Ingalik. 

Fort Selkirk durch 

die Hudsonsbay-Compagnie oder von den Tschilkat- Indianern, 
welche mit ihren Handelswaren bis zum Tananah-River am oberen 
Yukon kamen, bezogen. Gegenwärtig aber liefert die Alaska-Com- 
mercial - Company auch diese Artikel. Die übrigen Kleidungs- 
stücke, die Hosen, Stiefel und Handschuhe der Ingalik sind nur 
wenig mit Perlen und Muscheln geschmückt Die Bewohner zwischen 
Anwik und Nulato verfertigen sich Kleider aus Lachs- und anderen 
Fischhäuten. Diese Gegenstande der Toilette werden besondere bei 
nassem Wetter, im Herbst und Frühjahr getragen und haben die 
Eigenschaft, dass sie bei starker Kälte nicht hart werden. Aus 
dem feinen Grase, welches während des Sommere gesammelt wird, 
fertigen sich die Indianer eine Art von Strümpfen; ferner aus 




I 



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— 202 — 



demselben Material auch Körbe and Matten. Ganz aasgezeichnet 
schön und praktisch sind die Canoes ans Birkenrinde, welche 
die Iniralik anfertigen. Ich habe einige Modelle dieser Canoes, 
welche für zwei Personen Tragfähigkeit besitzen, für das Berliner 
Museum angekauft 

Unser Fellboot hatte in Folge von Sturm und Regen am 
anderen Tage nicht viel Gelegenheit, in Anwik zu trocknen. Nichts 
desto weniger musste ich meine Reise fortsetzen und gab deshalb 
dem Fellüberzug den ihm zukommenden Oelanstrich. Alsdann 
kaufte ich alles auf, was an ethnographischen Gegenständen zu 
haben war. Es befanden sich darunter einzelne ziemlich gut er- 
haltene Steinäxte, mehrere hübsche Masken und ein mit Rennthier- 
zähnen verzierter Gurt Der Ingalik, welchen ich von Nuklukayet 
mitgenommen hatte, ging hier ab, und engagirte ich an seiner 
Stelle einen anderen Mann für die Strecke bis Fort St Michael. 

Da der Sturm und die Regenschauer aus Westen und Süd- 
westen immer noch nicht nachlassen wollten, so verliess ich am 
6. September Vormittags elf Uhr Anwik und erreichte bald darauf 
das Dorf Makkiem, dessen russischer Name Barnassella heisst. 
Hier kaufte ich verschiedene Sachen, namentlich Steinmesser, Stein- 
äxte, Messer und hölzerne Schüsseln, die letzteren waren mit Steinen 
ornamentirt, die von den Eingeborenen falschlicher Weise für ver- 
steinerte Mammuthknochen ausgegeben wurden. Einige Meilen 
unterhalb dieses Dorfes trafen wir mitten auf dem Strom den 
Dampfer Yukon an, welcher sich bereits wieder, wie schon früher 
mitgetheilt ist, auf der Rückfahrt nach Xuklukayet befand. An Bord 
waren diesmal als Capitain mein Landsmann, Herr Frederiksen, 
sowie zwei andere Händler der Alaska-Commercial-Company, ferner 
eine Anzahl Halbbluts, und viele Indianer vom Tananah- River, 
der sich oberhalb Xuklukayet in den Yukon-River ergiesst Diese 
Indianer hatten die weite Reise nach Fort St Michael nur aus 
dem Grunde unternommen, weil sie den Wunsch hatten, einmal 
das grosse Salzwasser zu sehen. Sie verdienten sich jetzt ihre freie 
Rückfahrt dadurch, dass sie während der Dauer derselben unent- 
geltlich das zum Heizen der Maschine nöthige Brennholz schlugen. 
Herr Frederiksen, mit welchem ich mich eine halbe Stunde 



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203 



lang an Bord des Dampfers in freundlichster Weise unterhielt, 
wollte uns durchaus wieder zurück nach Anwik nehmen, was in- 
dessen mit Rücksicht auf unsere beschränkte Zeit nicht anging. 
Fast sämmtliche an Bord des Dampfers befindlichen Händler und 
Indianer hatten merkwürdiger Weise genau dieselbe epidemischo 
Krankheit und dieselben Hustenanfalle, welche ich, wie schon er- 
wähnt, oben am Strom unter der Bevölkerung angetroffen hatte. 
Wir verabschiedeten uns und fuhren an demselben Tage noch 
bis Dunkelwerden weiter, worauf wir am Ufer einer Insel unser 
Nachtlager wählten. 

Das letzte Ingalikdorf von Bedeutung war Koserowsky, wo 
wir am anderen Mittag ankamen und woselbst ich verschiedene 
Ueberreste aus alter Zeit ankaufte. Eine Strecke unterhalb des 
Dorfes traf ich einen indianischen Begräbnissplatz, von wel- 
chem ich eine gute Grabkiste, die sich gegenwärtig im Berliner 
Museum befindet, meiner Sammlung hinzufugen konnte. In der 
inneren Kiste befand sich, eingehüllt in eine Matte aus gefloch- 
tenem Stroh, die Mumie einer weiblichen Person, deren Kopf mit 
einer Art Mütze von Glasperlen bedeckt war. Ein junger Indianer 
war zugegen, als wir diese Mumie unserer Sammlung einverleibten. 
Er erhob jedoch keinerlei Einwendungen gegen unser Thun. Kurz 
darauf verliess ich das Gebiet der Ingalik und gelangte wiederum 
in das Gebiet der Kwikpagemuten. 



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XIII. 

Das erste Kwikpagemutendorf. Die Medizin des weissen Mannes. Grosse Ein- 
käufe. Station Mission. Eine sagenhafte Genend. Ex cunrion nach dem Nest des 
Riesenvogels. Wunderbare Aussieht auf die Tundra. Frische Bäreuspuren. Die 
vier englische Meilen lange Ruinenstadt der alten Eskimobevölkerung. Angriff der 
Dorfhunde. Begräbnissart der Kwikpagemuten. Eskimosagen. Reiche Sammler- 
ernte am untern Yukon. Drei gefälschte steinerne Aexte. Ein Rendexvousplatx 
von Bären. Ein Grabmonument mit bildlichen Darstellungen. Station Andrejewski. 
Schnelle Fahrt und Sturm. Orkan im Ku&üwak, dem grössten Hauptarm des 
unteren Yukon. Schiffbruch am rechten Cfer. Eine Sturmnacht am Ufer. Fort- 
setzung der Fahrt. Station Kutlik an der Yukonraündung. Fahrt längs der 
Meeresküste. Sturm und Schiffbruch bei Kap Romanzoff. Unser Fellboot wird 
eine Vergnügungsyacht. Rückkehr nach Fort St. Michael. Der Schooner „Leo". 

In Alaska wird seitens der weissen Ansiedler der Stammes- 
unterschied zwischen den im Innern des Landes wohnenden, fest 
rein indianischen Stammen und den der Eskimo-Bevölkerung an- 
gehörenden Küstenbewohnern nicht strenge auseinander gehalten. 
Man nennt vielmehr die gesammte Einwohnerschaft ganz allgemein 
Indianer; will man jedoch einen Theil der Bewohnerschaft im 
Gegensau zu den Indianern bezeichnen, so nennt man diese Leute 
nicht Eskimos, sondern je nach ihrer Special-Bezeichnung Kwik- 
pagemuten, Mallerauten, Kuskoquimemuten u. s. w. Der Ueber- 
gang aus dem einen Gebiet in das andere kennzeichnet sich auf 
dem Yukon-River durch die Namen der Ortschaften. So gelangten 
wir am Nachmittage desselben Tages, an dem wir das letzte grosse 
Ingalikdorf besucht hatten, in dem ersten Kwikpagcmutendorf 
Namens Kingerumuten an. Auch hier herrschte wiederum die 
Epidemie, und das Verlangen nach Medizin wurde so stürmisch, 
dass ich mich dem nicht länger entziehen konnte und von meinem 
mitgenommenen Vorrath ein wenig Thee und Zucker opferte und 
endlich auch in Ermanglung von etwas anderem, den Leuten schwarzen 
Pfeffer gab, den sie mit heissem Wasser trinken sollten. Mit letz- 
terem Rezept machte ich viel Furore nnd die Leute lobten meine 



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— 205 — 



Medizin als ausserordentlich stärkend und erwärmend. Beim Aran- 
giren meiner Sachen an Bord hatte ich an diesem Dorfe das Un- 
glück, dass mir raein letzter Revolver, eine ausgezeichnete Waffe, 
über Bord fiel und nicht wieder aufzufinden war. Es war dies 
recht fatal, da ich einen andern Revolver schon vorher verloren 
hatte. Am Nachmittag desselben Tages kamen wir nach dem 
Dorfe Takkjelt-Pileramuten, in welchem ich nur wenig Einwohner 
anwesend fand, da die Mehrzahl auf Jagd gegangen war. Hier 
kaufte ich eine Menge sehr hübscher kleinerer ethnographischer 
Gegenstände. 

Dagegen wollte man mir von den sehr interessanten Dingen 
die sich auf dem Begräbnissplate in nächster Nähe des Dorfes be- 
fanden, leider nichts verkaufen. Auf mehreren Eskimogräbern 
waren hölzerne Statuen von Verstorbenen, Männern sowohl wie 
Frauen angebracht; die Mehrzahl dieser Statuen war reich mit 
Perlen geschmückt, besonders diejenigen weiblicher Personen. Mau 
konnte an der Malerei der Grabkisten sehen, welche Hauptbe- 
schäftigung der darin liegende Verstorbene bei Lebzeiten gehabt 
hatte. War er ein Fischer gewesen, so waren Scenen aus der 
Fischerei dargestellt, bei Jägern fand sich oft in drastischer Weise 
das Jagdwesen geschildert; ausserdem waren noch an den Grab- 
kisten allerlei Masken von Thieren, Dämonen u. s. w. angebracht. 
Mit schwerem Herzen trennte ich mich von diesem Ort, der mir 
ein so vortreffliches Material für meine Sammlung hätte liefern 
können, wenn seine Bewohner nur ein klein wenig mehr — wissen- 
schaftlich ethnologisch — veranlagt gewesen wären. An demselben 
Tage besuchte ich noch zwei kleine Dörfer und kampirte in 
später Abendstunde am Ufer. 

Am Mittag des andern Tages kamen wir nach dem grossen 
Dorf Eparsluit, dessen russischer Name Gregori Schapka (Gre- 
gorshut) von einem sechs bis acht englische Meilen entfernten 
zuckerhutartig geformten Felsen gleichen Namens hergeleitet wird. 
Eine Stunde später passirten wir die oben beschriebene Station 
Mission, von wo wir nach kurzem Aufenthalt weiter gingen 
und um 5 Uhr Nachmittags das Dorf Nunalinak besuchten, in 
welchem ich verschiedene Steingeräthe kaufte. Gegen 7 Uhr 



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206 



Abends gelangten wir an einen sagenhaften Punkt, woselbst es 
meinen Indianern gelang, mich zu einer kleinen Extratour seit- 
wärts vom Fluss über Land zu veranlassen. Sie wiederholten hier 
die schon bei der Hinauffahrt erzählte märchenhafte Mittheilung, 
das s in unmittelbarer Nähe dieses Punktes einstmals eine Art 
Riesenvogel gehaust haben soll, welcher sogar erwachsene Menschen 
angriff und als Futter für seine Jungen in sein Nest trug. Man ver- 
sicherte, dass auf dem Gipfel eines nahen Gebirgszuges noch die 
Ueberreste eines Nestes dieses Riesenvogels vorhanden seien und 
dass es dort sogar noch knöcherne Ueberbleibsel gebe, welche not- 
wendiger Weise von mir eingesammelt werden mü säten. Ich wurde 
hierdurch so sehr angeregt, dass ich an der betreffenden Uferstelle 
unser kleines Nachtlager aufschlagen Hess und einen jungen Indianer 
engagirte, der mich nach dem nächsten Dorf und dem Nest des 
Riesenvogels zu bringen versprach. Durch einen forcirten Marsch 
erreichten wir bald den etwa 1500 — 1800 Fuss hohen Gipfel, auf 
welchem wir schon aus einiger Entfernung ein thurmähnliches, steiles 
Gebilde erkannten. Als wir nahe herangekommen waren, zeigte 
es sich, dass es sich um einen hohen schmalen isolirten Fels- 
kegel handelte, der ringsherum wahrscheinlich in Folge früherer 
Fürwirkungen von Gletschereis glatt abgeschliffen war. Es gelang 
mir, durch Anspannung meiner Kletterkünste auf das bastionartig 
geformte, 12 — 15 Fuss im Durchmesser haltende Scheitelstück des 
30 Fuss hohen Felsens zu gelangen, welches das eigentliche Nest 
des Riesenvogels sein sollte. Aber es fand sich auch nicht die 
geringste Spur von irgend welchen Dingen auf dem nackten Felsen 
vor. Dagegen hatte ich einen anderen Genuss, der mich reichlich 
für die gehabte Mühe entschädigte. In wunderbarer Pracht, von 
purpurrother Gluth der Abendsonne bestrahlt lag, weithinaus nach 
Westen und Süden sich dehnend, die mächtige Fläche der Tundra 
in wahrhaft zauberhafter Schönheit vor meinen Augen, während 
im Osten eine Kette von Felsen höher und höher steigend den Lauf 
des Yukon begleitete. Ein unendlich feiner goldiger Nebelschleier 
lagerte über dem ganzen Land zwischen dem untern Lauf des 
Yukon und demjenigen des Kuskoquim, während die zahllosen kleinen 
Wasseradern, Kanäle und Binnenseen wie ein purpurnes metal- 



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- 207 

lisches Netz die weite Ebene überlagerten und im Osten und Süd- 
osten sich der breite Silberstreifen des Kuskoquim-River vom Hori- 
zont abhob. Durch die Perspective begünstigt, konnte ich hier so recht 
die zahllosen Biegungen und Krümmungen überblicken, welche der 
Yukonstrom auf seinem Laufe ins Meer bildet, um seine gewaltigen 
Wassermassen möglichst lange in diesem wunderbaren Landstriche 
verweilen zu lassen. 

Es dunkelte schon, als ich mich von diesem unvergesslichen 
Anblick trennte und den Heimweg nach dem Boote am Ufer des 
Stromes antrat Meine Anwesenheit hatte, wie leicht erklärlich, 
viele Bewohner aus der Nachbarschaft herbeigezogen, von denen 
die Frage meiner misslungenen Fusswanderung eifrig discutirt 
wurde. Die Behauptung, dass hierselbst ein Riesenvogel gehaust 
habe, wurde nichts destoweniger mit vollem Ernste aufrecht erhalten, 
und es fehlte auch nicht an den bekannten älteren Leuten, welche 
steif und fest behaupten, in ihrer Jugend mit eigenen Augen diesen 
wunderbaren „Riesenadler" — so nannten sie ihn — gesehen zu 
haben. Auch wurde mitgetheilt, dass ein Eskimo die Beinknochen 
eines ungewöhnlich grossen Vogels gefunden, und dieselben einem 
gelehrten Reisenden übergeben habe. Dieser Mann soll, wie ich 
späterhin gehört habe, Herr Nielsen geheissen und für Smith - 
8 o n i a n Institution gesammelt habe. Auf unserem Rückwege vom 
„Nest des Riesenadlers" nach dem Boot entdeckten wir übrigens 
frische Bärenspuren, welche mich veranlassten, mein Gewehr während 
des Marsches schussbereit zu halten, während der sehr ängstliche 
Indianer seine Axt permanent in solcher Position hielt, als wolle er 
jeden Augenblick einer wilden Bestie den Kopf spalten. Uebrigens 
hinderte uns weder die Furcht vor dem Bären, noch die Fabeln 
der Indianer daran, unsern ausgezeichneten Appetit an einem schon 
knusperig gewordenen Gänsebraten, der am Zeltfeuer auf uns wartete, 
zu stillen. Am andern Morgen setzten wir unsern Weg frühzeitig 
fort und gelangten schon um 7 Uhr nach dem Dorfe Ka-krome, 
woselbst mein Kaufgeschäft eine volle Stunde Zeit in Anspruch 
nahm. Hier waren wir wieder an einem sagenhaften Punkt ange- 
langt, da wir uns der merkwürdigen Ruinenstadt näherten, über 
welche ich im Anfange des elften Kapitels Einiges mitgetheilt habe. 



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208 — 

Man findet hier in der That längs der Uferfelsen, und oft sogar 
bis hinab zum Stromufer sich erstreckend, die Ueberreste zer- 
fallener Häuser. Die Stadt, zu der diese Gebäude ehemals ge- 
hört haben, soll, wie man erzählt, vier englische Meilen lang ge- 
wesen sein. Wie dem auch sein mag, so viel steht fest, dass Alaska 
in früherer Zeit vielleicht fünfzigmal mehr bevölkert gewesen ist, 
als heutigen Tages. Ob die vielfach behauptete Ausdehnung jener 
alten Eskimostadt in Zusammenhang stand mit ihrer Lage in der 
Nähe des Grenzgebietes zwischen der Eskimo- und Indianerbe- 
völkerung, wage ich nicht zu behaupten. Wir gebrauchten etwa 
eine Stunde Fahrt stromabwärts um zu einem Dorfe zu gelangen, 
welches gewöhnlich als untere Grenze der grossen Stadt bezeichnet 
wird. Ich machte auch hier verschiedene Einkäufe und gelangte 
weiterfahrend nach dem Dorfe Kjukkarrerauten, dessen Bewohner 
auf die Rennthierjagd gegangen waren. Der Begräbnissplatz dieses 
Dorfes lieferte mir zwei Schädel für die Sammlung; die übrigen 
menschlichen Reste waren schon so alt, dass sie den Transport 
nicht ausgchalten hätten. Wenige Stunden später passirte ich das 
Dorf Ingerkarremuten, dessen Bewohner gleichfalls auf Jagd waren 
und die Bewachung ihres Ortes den zahlreichen Dorfhunden über- 
tragen hatten. Diese erledigten sich dieser Aufgabe mit solcher 
Hingebung, dass sie uns zu zerfleischen Miene machten, als wir 
durchs Dorf gingen, und mich wiederholt zurückrissen, als ich in 
ein Haus hineinkroch, um die Bewohner zu suchen. Nachdem wir 
diese Dorfwächter mit Knütteln uns vom Leibe gehalten, bestiegen 
wir wieder unser Boot und segelten bei starkem Gegenwind und 
heftigem Gewitter weiter, bis wir müde und durchnagst um neun 
Uhr Abends oberhalb Dakketkjeremuten unser Lager aufschlugen. 

Die Kwikpagem Ilten, sowie die ganze Tundra-Bevölkerung bis 
hinab zum Kuskoquim, begraben, wie bereits erwähnt, ihre Ver- 
storbenen in ähnlicher Weise wie die Ingalik in Kisten, die auf 
vier Ptahlen errichtet sind. Am unteren Yukon werden die Grab- 
kisten meistens auf die Erde gestellt und mit Steinen oder Holz 
bedeckt, um zu verhindern, dass der Deckel herabfällt. Bei Cap 
Vaucouver an der Westküste der Tundra sah ich späterhin ver- 
schiedene, zum Theil sehr hohe Grabmouumente errichtet, deren 



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einzelne sich zwanzig bis dreissig Fuss über den Erdboden er- 
hoben. Eines derselben trug oben auf seiner Spitze einen aus 
Holz geschnitzten Seehund, zum Gedächtnis» daran, dass der Ver- 
storbene bei einer Seehundsjagd ums Leben gekommen oder er- 
trunken war; ein anderes besass an seiner Spitze ein geschnitztes 
Rennthier, als ein Zeichen, dass der hier Ruheude ein auf der Jagd 
umgekommener Rennthierjäger war, nebenan waren kleine aus Holz 
geschnitzte menschliche Figuren augebracht, deren Augen uud Muud 
aus Walrosszähnen angefertigt waren; zwei grosse Walrosszahne 
bildeten die Arme. Leider hatte ich späterhin niemals Gelegenheit, 
trotz vielfacher Bemühung, eine eigentliche Beerdigung Verstorbener 
mit anzusehen. 

Die bereits angedeutete sagenhafte Ursache, warum bei den 
Iugalik und bei den Kwikpagemuten nach dem Tode einer Person 
eine Frist von vier Tageu verstreichen' muss, bevor die Leiche 
beerdigt wird, ist folgende: In einem grösseren Dorfe am Unter- 
laufe des Yukon- River lebte einst ein mächtiger Mann, welcher 
nur eine Tochter hatte, die sich durch besondere Schönheit aus- 
zeichnete. Einstmals kam zu ihm ein Mann mit seiner Frau und 
seinem Sohne ; die Angekommenen waren aus einem fremden Lande, 
man wusste nicht woher. Sie zeichneten sich durch ihre Zwerg- 
gestalt aus, es ging aber von ihnen der Ruf, dass der Sohn ein 
grosser Medizinmann sei. Dies bestätigte sich auch und der junge 
Mann setzte bald die ganze Gegend durch seine grossartigen Kuren 
und Zauberkünste in Erstaunen. Der mächtige Dorfbewohner 
war hiermit so wohl zufrieden, dass er dem jungen Zauberer seine 
Tochter zum Weibe gab. Es geschah aber ein grosses Unglück, 
denn schon in der Brautnacht starb das junge Weib. Der hierüber 
untröstlich gewordene Ehemann ordnete für die Beisetzung sehr 
feierliche Ceremonien an und bestimmte, dass in keinem Hause des 
Ortes volle vier Tage lang irgend welche Arbeit gethan werden 
dürfe. Nach dieser viertägigen allgemeinen Trauer wurde die Leiche 
beigesetzt und der junge Zauberer verliess mit seinen Eltern das 
Dorf auf Nimmerwiedersehen. 

Am Morgen des 10. September früh 7 Uhr landeten wir bei 
nebligem Wetter in dem bereits genannten Dorfe Dakketkjere- 

A. Woldt, Capitata Jacobsen's Reise. 14 



muten. Es begann jetzt für mich eine glückliche Zeit, denn die 
Dörfer am uutereu Yukon lieferten mir einen sehr reichlichen Bei- 
trag zu meinen Sammlungen. Ich kaufte hierselbst viele Sachen, 
besonders steinerne Messer und steinerne Aexte. Ein Beweis, dass 
die Fälschung oino rein menschliche Untugend ist, welche sich 
überall von selbst entwickeln kann, ohne importirt zu sein, föhre 
ich an, dass bei der Schnelligkeit des Einkaufens drei steinerne 
Aexte an diesem Orte in meine Collection geriethen, welche sich 
späterhin als gefälschte Kunstprodukte, als Schnitzereien aus wei- 
chem Stein erwiesen. Die Eskimos hatten diese Aexte in Thran 
gekocht, um ihnen ein altes Aussehen zu geben. Erheblich war die 
Ausbeute, welche ich am Abend dieses Tages in dem Dorfe An- 
kasagemuten, nissisch Rasboinska, machte. 

Allmählich war mein Fellboot mit ethnographischen Gegen- 
ständen so stark angefüllt worden, dass es sich schon nus diesem 
Grunde nicht empfahl, in unmittelbarster Nähe von irgend welchen 
Ortschaften am Flusse die Nacht zuzubringen, da es nicht rath- 
sam war, diese Gegenstände der Neugierde auszusetzen. Wir schlie- 
fen deshalb in der nächsten Nacht an einer Stelle des rechten 
Yukonufers, in Bezug auf welche wir späterhin die Bemerkung 
machten, dass dieselbe in der Nacht oder am Tage vorher ein 
Rendezvousplatz sämmtlicher Bären von West-Alaska gewesen zu 
sein schien, denn es fanden sich dort überaus zahlreiche ganz 
frische Spuren dieser Thiere. Es war zu spät, als meine furcht- 
samen Reisegefährten auf Grund dieser Entdeckung erklärten, dass 
wir unmöglich hier kampiren könnten. Wir hüllten uns also in 
unsere Decken und schliefen fest uud gut trotz der Bären und 
Wölfe. Bei Sonnenaufgang setzten wir während eines starken Gegen- 
windes die Reise fort und gelangten gegen Mittag in das Dorf 
Kingerremuten, wo ich gleichfalls eine kloine Ernte hielt. Da das 
Begegnen zweier Fahrzeuge auf dem Yukon immer ein Ereigniss 
ist, so regiPtrirt mein Tagebuch für diese Stelle folgende Notiz: 
Wir begegneten hier einer Anzahl von Eingeborenen, welche vom 
Kusilwak kamen, um am oberen Yukon Handel zu treiben. Um 
1 Uhr Mittags begegneten wir unserem früheren Lootsen Charles 
Rettersen, dem Stationsvorsteher von Andrej ewski, welcher mit 



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211 - 



seinem Schooner den Strom hinaufging, um die Materialien zu einem 
Hausbau zu transportiren ; nach einer halben Stunde freundlicher 
Unterhaltung mit ihm fuhren wir weiter. 

Der Sturm und Gegenwind war die Ursache, dass wir uns 
schon vor Sonnenunter- 
gang vom vielen Rudern 
ermüdet zum Nachtlager 
festlegten. Wir hatten, 
wie so häufig, als Boots- 
platz einen kleinen Sei- 
tenkanal des Yukon ge- 
wählt. Hier fanden wir 
ein Grabmonument, auf 
welchem als Jagdscene 
ein Bär dargestellt war, 
den ein Pfeil getroffen 
hatte, daneben war auf 
einem Pfahl ein imitirter 
Bogen angebracht. Auf 
dem Erdboden lag ein 
Stück von einem alten 
Steinkessel, welches noch 
Spuren von rother Farbe 
enthielt, und höchst wahr- 
scheinlich als Malerei- 
gefäss fungirt hatte. Das 
Grab selbst war eiu Ke- 
notaphium, denn es fan- 
den sich keine mensch- 
lichen Ueberreste darin, 
und ich nehme daher an, 

dass es zur Erinnerung an den durch einen Bären veranlassten Tod 
eines Eingeborenen aufgestellt ist. Da sich dieses Grabmouument in 
dem schönen neu erbauten Königlichen Museum für Völkerkunde 
zu Berlin sicherlich einer viel grösseren Zahl von Bewunderern zu 
erfreuen haben dürfte, als an dem menschenleeren, fast nie besuchten 

14* 




Vom mittleren und unteren Yukon. 

1. Holxxchuchtel zum Aufbewahren kleiner (lerathe. 

2. Desgleichen. 3. Steinernes Fischmesser mit Halzgriff. 
4. Steinerner Dolch. 6. Steinaxt, 6. Steinaxt in Horn 
gefaxt mit Holzstiel. 7. Fellschaber mit hölzernem 
Schaft und Steinsjjitzc. 8. Steinaxt, t». Fellschaber aus 
Stein mit hölzernem (triff. 10. Steinaxt mit Kennthier- 
gcwelhsticl. 11. Dergleichen. 12. Schnupftabaksdose. 
13. Steinaxt in Horn gefaxt mit Holzstiel. 14. 16. u. 

16. Steinäxte. 



212 



Ufer jenes kleinen Seitenkanals des Yukon-River, so glaubte ich, 
es seiner natürlichen Bestimmung „gesehen zu werden" nicht ent- 
reissen zu sollen und nahm ee deshalb mit. Am anderen Morgen 
setzten wir trotz des immer noch starken Nordsturraes unseren 
Weg schou bei Sonnenaufgang fort und langten in Andrejewski 
um 10 Uhr Vormittags an. Weil aber hier keine Seele zu Hause 
war, so gingen wir gegen Sturm un$l Wellen weiter, besuchten 
im Laufe des Tages noch zwei kleine Dörfer am Unken und eins 
am rechten Ufer und kampirten während der Nacht wieder in 
einem Seitenkanal. 

Was uns der Gegenwind an den Tagen vorher geschadet 
hatte, das machte der günstige Wind des nächsten Tages wieder 
gut Nachdem am frühen Morgen eine stramme östliche Brise mit 
Regenwetter entstanden war, mit der wir eine weite Strecke zurück 
legten, bis wir Mittags ein Dorf besuchten, entstand Nachmittags 
ein so heftiger Sturm aus Süd, dass unser breites schweres Fell- 
boot mit ungeheurer Schnelligkeit zu laufen begann. Weit auf 
wühlte es das Wasser mit seinem Vordertheil, da der heftige Wind 
es mit dem Bug tief in die Fluth hineindrückte und beinahe auf 
den Kopf stellte. Wir befanden uns damals in der Zeit der un- 
beständigen Witterung, denn diese plötzliche Umänderung von 
Nordsturm in Ost- und Südsturm bedeutete sicherlich eine jener 
grossen meteorologischen Ausgleichungen, welche den Uebergang 
der beiden Hauptjahreszeiten so sehr charakterisiren. Wir sollten 
denn auch noch weitere plötzliche und nicht gerade erwünschte 
Veränderungen der Witterung erleben. Um 5 Uhr Nachmittags 
befanden wir uns im Eingang zum Kusilwak, bekanntlich dem 
grössten der vier Hauptanne des Yukon, welche das Delta des 
Stromes bilden. Um diese Zeit trat plötzlich Windstille ein. Wir 
besuchten hier das Dorf Nanowarogerauten , wo die ganze Be- 
völkerung durch zwei anwesende alte Weiber repräsentirt wurde. 
Es befindet sich hier die Ruinenstätte eines sehr alten Dorfes, 
welches unmittelbar am Ufer selbst in der Nähe des jetzigen 
Dorfes gelegen hat Die alten Frauen brachten mir eine steinerne 
Axt und steinerne Pfeilspitzen, und erzählten, dass sie auf der 
betreffenden Ruinenstätte sehr oft dergleichen Gegenstände bemerkt 



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213 



hätten. Da ich grosse Eile hatte, nach Fort St. Michael zu ge- 
langen, so war es mir leider nicht möglich, hierselbst Ausgrabungen 
zu machen; ich segelte deshalb weiter. 

Grade als wir abfuhren, begann es wiederum zu weheu, 
und zwar diesmal aus Nordwest, damit doch jeder Strich der 
Windrose sein Theil bekäme. Es war ein formlicher Cyklon, 
welcher mit uns spielte. Der Abend näherte sich, und wir mussten 
darauf bedacht sein, einen Bootsplatz für die Nacht zu suchen. 
Wir segelten längs des rechten Ufers, welches überall durch einen 
steilen Sandabsturz von 15 — 20 Fuss Höhe begrenzt war, während 
das linke Ufer sich weithin ins Land flach und eben erstreckte. 
Ich machte Petka den Vorschlag, dass wir nach dem linken 
Ufer hinüber halten sollten, weil es für ein Fellboot stets gefahr- 
lich ist, sich in der Nähe einer steilen Böschung namentlich bei 
Wellengang zu befinden. Gegenüber den Steinen und spitzen Bal- 
ken, die oft auf dem Grunde oder am Ufer liegen, ist ein solches 
Fellboot nur ausserordentlich wenig widerstandsfähig. Aber 
Petka schlug vor, dass wir auf dem rechten Ufer bleiben sollten, 
weil, wie er sagte, eine kurze Strecke weiterhin sich die Mündung 
eines kleinen Nebenflusses befand, die sich als eine gute Stelle 
zum Kampiren eignete. Unglückseligerweise folgte ich diesem Vor- 
schlage, und so segelten wir noch einige Minuten lang am rechten 
Ufer weiter. Plötzlich aber sprang eine orkanartige Sturmboe von 
Westen auf, und obgleich wir, dies bemerkend, das Boot sofort 
nach dem linken Ufer herüber gehalten hatten und von dem 
letzteren nur noch etwa drei Bootslängen entfernt waren, so war 
doch die Windsbraut so heftig, dass wir quer über den Strom auf 
das hohe rechte steile Ufer getrieben wurden. Vergebens strengte 
ich, die höchst gefahrliche Situation wohl erkennend, meine ganze 
Kraft an, um durch Rudern die Bootspitze gegen den Wind zu 
bringen; der einzige Erfolg war der, dass das Ruder, so stark es 
auch war, in meinen Händen zerbrach. Mit unwiderstehlicher 
Gewalt schlugen die kurzen heftigen, vom Sturm gepeitschten 
Spriugwellen uns entgegen und jagten uns hilflos quer über den 
Strom. Vergebens versuchte ich ein letztes Mittel, indem ich ein 
kleines Stückchen Segel aufsetzte, in der Hoffnung, dass mit seiner 



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— 214 — 



Hilfe uns der Sturm stromaufwärts nach dem kurz vorher ver- 
lassenen Dorfe bringen würde, wo sich in der Mündung eines 
Baches stilles Wasser befand. Es war alles umsonst; dreimal 
zerriss die Segelschoot, und das Boot stürmte mit Riesenschnellig- 
keit dem steilen rechten Ufer zu. Es wehte so stark, dass es 
fast den Anschein hatte, als ob unser schweres Boot ganz und 
gar aus den Wellen gehoben werden sollte. Im letzten entschei- 
denden Momente ergriff ich das stärkste Bootsruder, welches wir 
noch besassen, und hielt es mit der Kraft der Verzweiflung gegen 
das steile Ufer, indem ich dadurch den Stoss abschwächte. Gleich- 
zeitig versuchten meine beiden Indianer alle Kisten mit gekauften 
ethnographischen Gegenständen und mit Tauschartikeln an einem 




Thontöpfe aus dem Yukongebiet. 



grossen umgeworfenen Baum, welcher vom Ufer aus in das Wasser 
ragte, aufzustapeln. So schnell sie dies auch ausführten, so war der 
Sturm doch schneller, und es dauerte keine fünf Minuten, als er 
unser Boot bereits ganz voll Wasser geschlagen hatte. Gleichzeitig 
brach auch die Ruderstange, mit der ich unser Fahrzeug vom 
Lande abgehalten hatte. Zu unserem Glück war der Platz an dem 
umgeworfenen Baumstamme noch hinreichend gross für unser Boot. 

Inzwischen war es Nacht geworden, und zu dem Umstände, 
dass uns das Tosen des Sturmes verhinderte, uns für unser Gehör 
verständlich zu machen, kam noch hinzu, dass wir nun auch kaum 
noch etwas sehen konnten. Dennoch musste etwas geschehen, um 
vor allem die ethnographische Sammlung zu retten. Wäre es am 
Tage gewesen, so hätten wir bei dem Anblick vielleicht laut auf- 
lachen müssen, den die zahlreichen Versuche gewährten, die wir 



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- 215 — 

nunmehr anstellten, einen von uns dreien auf das etwa 20 Fuss 
hohe, senkrecht abfallende Ufer hinauf zu bringen. Endlich gelang 
es, einen Indianer dorthin zu versetzen, und nunmehr war alles 
gewonnen. Mit Hilfe unseres ehemaligen Schlepptaues hissten wir 
alles, was gerettet worden war, zunächst hinauf. Alsdann begannen 
wir eine trotz der Dunkelheit von Erfolg gekrönte Fischerei auf 
die hölzernen Masken, Körbe, Schüsseln und andere Gegenstande, 
welche lustig im Wasser umherschwammen oder von den Wellen 
ans Ufer getrieben waren. Nachdem auch diese Sachen aufs 
Trockene gebracht waren, legten wir zwei starke Taue unter das 
Boot. Dies auszuführen, war keine Kleinigkeit, da die Mammuth- 




1. Kochtopf vom Yukon.ttrom. 2. Thonlampe von eben daselbst. 



knochen das Boot so schwer machten, dass es ziemlich fest auflag. 
Ich stieg jedoch bis zur Brusthöhe in das Wasser hinab, und es 
gelang mir, das Tau unter dem Boden durchzuführen. Nunmehr 
hoben wir mit vereinten Anstrengungen das Boot so hoch, als 
dies nur irgendwie anging. Mittlerweile war der grösste Theil der 
Nacht verflossen, so dass wir, durchnässt wie die Wasserratten, 
nun w r ohl auch einige Ansprüche daran machen durften, etwas 
für unsere eigene Bequemlichkeit besorgt zu sein. Wer es schon 
einmal versucht hat, bei einem Sturm, der einem jedes Wort, das 
man sprechen will, wieder in den Hals zurückweht, ein Zelt auf- 
zurichten, noch dazu in dunkler Nacht, der wird begreifen, welche 
Anstrengungen wir machen mussten. Indess es gelang nicht nur 
dies, sondern wir bekamen es sogar fertig, ein wärmendes Feuer 
anzuzünden, an dem wir uns, da es draussen durcheinander regnete 



— 216 — 

und schneite, erst erwärmten und trockneten, bevor wir schlafen 
gingen. Unser Zelt hatten wir mitten zwischen den Bäumen eines 
kleinen Ufergehölzes errichtet; nur diesem günstigen Umstände 
schreibe ich es zu, dass es während der Nacht seine wiederholten 
Versuche, mit uns als Luftballon auf und davon zu gehen, nicht 
auszufuhren vermochte. 

Unser gegenwärtiger Zufluchtsort hatte uns viel zu gute Dienste 
geleistet, als dass wir ihn schon hätten am nächsten Morgen ver- 
lassen sollen. Wir blieben noch den ganzen nächsten Tag daselbst 
und versuchten in dem unaufhörlich herniederfallenden Regen und 
Schnee alles am Feuer so gut zu trocknen, als dies möglich war. 
Zu unserer Freude zeigte es sich, dass unser Fellboot trotz der 
etwas unsanften Behandlung in der letzten Nacht nicht ein ein- 
ziges Loch bekommen hatte. Am nächsten Morgen, nachdem der 
Sturm ausgetobt hatte, brachen wir bei Sonnenaufgang auf, be- 
suchten im Laufe des Tages drei Eskimodörfer und gelangten 
Abends spät nach Kutlik, dem schon oben genannten Handels- 
posten der Alaska -Commercial- Company, wo wir übernachteten. 
Am andern Morgen früh verliessen wir den Yukon und wandten 
uns rechte längs des Meeresufers nach dem nahegelegenen Kwik- 
pagemutendorfe Pastolik. Es war mir nicht möglich, da das 
Wasser hier überall sehr seicht ist, bis zu dem Orte selbst heran- 
zufahren, um dort einzukaufen. Auf eine Botschaft von unserer 
Seite aber kam eine Anzahl Einwohner in sechs Kajaks herbei 
und verkaufte uns steinerne Aexte, Lanzenspitzen u. s. w. 

Von hier aus setzten wir unsere Fahrt fort und gelangten um 
4 Uhr Nachmittags nach dem fast gleichnamigen Nachbardorfe 
Pastoliak. Nun bekamen meine Indianer, da sie sich so nahe dem 
Fort St Michael wussten, plötzlich das Heimweh, und namentlich 
Petka drängte darauf hin, dass wir unsern Weg längs der Küste 
des Nortonsundes so schnell als möglich weiter fortsetzen sollten, 
um die Heimath zu erreichen. Leider gab ich ihm diesmal wieder 
nach, obgleich am fernen Horizonte ein Unwetter herauf kam und 
vor uns weit und breit kein Hafen an der Küste existirte. Wir 
brachen also auf. Schon nach einer Stunde hörten wir aus weiter 
Ferne das Heulen und Sausen des heraufkommenden Sturmes, welcher 



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217 - 



sich uns näherte. Zu- 
erst zwar war der 
starke Wind für uns 
sehr vortheilhaft, denn 
unter seiner mächtigen 
Gewalt geberdete sich 
unser Fellboot wieder 
einmal wie ein durch- 
gehender Walfisch, 
aber bald hörte die 
Sache auf, ein Ver- 
gnügen zu sein und 
begann dadurch kri- 
tisch zu werden, dass 
die Wogen der See 
immer höher und höher 
zu rollen begannen und 
unser armes Boot so 
sehr mit der Salzfluth 
überschütteten, dass 
wir kaum im »Stande 
waren, so viel Wasser 

auszuschöpfen, als 
über Bord hinein- 
schlug. 

Was war zu thun ? 
Das „ganze Bcrings- 
moer" stand hinein 
nach Nortousund, und 
wir selbst befanden 
uns nahe der Bran- 
dung des Strandes. 
Die Wellen stiegen 
immer höher, und be- 
spülten uns, ohne 
Rücksicht auf die 




Vom unteren Yukon und Koskoquim. 

2. Zwei JagdhQtc Tom untereu Yukon und Koskoquiui. 
8. FrBiieugurt mit RcnnthierziUincii verziert. !'. Frauengurt 
aus Federkiel der Schneehühner gefertigt. 10. Kiskratzer 
nun Anlocken der Seehunde. 14 u. 15. Spitze zur Doppel- 
lanzc mit Steinspitzen. 16. Dergleichen mit knöcherner Spitze. 
G u. 1. Hülsen zu den obigen Spitzen. 17. Forellenspeer. 
IS Sehnupflahakdofe au« Holz. V.K Angelhaken au» ITolz. 
'Jn. tirit! zum Transportiren von Seehundj-peck. 21. Schnupf- 
tabaksdose in Form eines auf dem Kucken liegenden Walrosse*. 



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218 



»Schönheit unserer Sammlungen zu nehmen. Weit voraus, ab» 
drohender Punkt, ragte Cap Romanzoff ins Meer hinein und bot 
uns die angenehme Perspective, dass wir dort zerschellen wür- 
den. Umzukehren oder auch nur zu wenden war einfach eine 
Unmöglichkeit, an derselben Stelle zu bleiben, war unausführbar, 
da der Orkan uns mit grosser Schnelligkeit weiter trieb. So 
blieb denn nur noch ein einziges Mittel übrig, welches darin be- 
stand, dass wir einfach Scliiffbruch litten und unser Boot direkt 
auf den Strand laufen liessen. Das schwerbeladene, tiefgehende 
und nur durch den dünnen Fellüberzug geschützte Fahrzeug führte 
dieses Manöver mit grösserer Geschicktheit aus, als ich ihm zu- 
getraut hatte. Auf dem Kamm einer hohen Woge fuhren wir weit 
hinauf auf den weichen Strand, und noch ehe das Boot lag, spran- 
gen wir drei bis zur Mitte des Leibes ins Wasser, ergriffen das 
Fahrzeug und zogen es mit Hilfe der auslaufenden Wellen so hoch 
hinauf auf das Gestade, als dies nur irgend möglich war. Dann 
sprangen wir möglichst schnell mit den Kisten der Sammlung ans 
Ufer und trugen sie ausser den Bereich der Brandung. Doch auch 
hier war, wie drei Tage vorher, das Wasser schneller als wir, und 
im Umsehen war das Fellboot wieder vollgeschlagen , und die 
schwimmbaren ethnographischen Gegenstände fingen an, über Bord 
zu gehen und einen gegenseitigen Wettlauf anzustellen, wer von 
ihnen zuerst Cap Romanzoff erreichen würde. Die Sache war dies- 
mal gefahrlicher als am Yukou, demzufolge kostete es uns auch 
eine grössere Anstrengung, alles wieder in Sicherheit zu bringen, 
als damals. Es gelang indessen ganz gut, und auch unser Zelt 
bequemte sich endlich, bei uns zu bleiben, und seine Versuche da- 
vonzufliegen aufzugeben, als wir es mit soviel Treibholz beschwert 
hatten, dass es beinahe wie eine Blockhütte aussah. Alsdann wurde 
Feuer gemacht und scliliesslich wurde unsere Situation bei einer 
Schaale Thee noch urgemüthlieh. 

Am anderen Morgen war die Luft klar, obgleich es immer 
noch heftig von Süden stürmte. Die zahlreichen kleinen Wasser- 
pfützen und Tümpel am Strande waren über Nacht zugefroren und 
wir selbst hatten in unsem nassen Kleidern das Gefühl der Kälte. 
Da mich die armen Indianer dauerten, so lieh ich ihnen aus 



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— 219 



meinem Vorrath, damit sie wenigstens ihre Füsse vor dem Frost 
schützen konnten, einige Paar Strümpfe, von denen ich durch die- 
sen Act der Wohlthätigkeit für immer Abschied nehmen musste. 
Der Wind stand an diesem Tage etwas mehr über Land, so dass 
wir keine Brandung hatten und unser Boot wieder beladen konn- 
ten. Ich kann nicht behaupten, dass uns durch die gerade herr- 
schende Ebbe das Geschäft des Aufladens irgend wie erleichtert 
worden wäre. Das Ufer des Nortonsundes bot um diese Zeit einen 
Anblick dar, der für jeden Geologen und Geophysiker entzückend 
gewesen wäre, denn es waren hier auf das wunderschönste die 
grossartigen Naturgesetze zu studiren, welche bei der Bildung eines 
Deltas und der Ausfüllung ganzer Meeresbuchten durch herabge- 
schwemmte Erd- und Schlammmassen thätig sind. Für uns drei 
Schiffbrüchige dagegen hatten diese schönen Naturgesetze das Ge- 
stade in einen Schlammsumpf venvandclt, in welchen wir bis zur 
Mitte des Körpers versanken, so oft wir einen Gegenstand nach 
dem Boote trugen, das weichgebettet, gleichfalls im Schlamme lag. 
Ich hätte es kaum für möglich gehalten, dass es ein sumpfiges 
Meeresufer von solcher Beschaffenheit geben könne, dass ein er- 
wachsener kräftiger Mensch , darin stehend , nicht im Stande ist, 
seine Beine zu bewegen, sondern sich beinahe so sehr festgehalten 
fühlt, wie eine Fliege am Leimstock. Die grossen Anstrengungen 
welche das Beladen des Bootes unter diesen Umständen erforderte, 
hatten den Erfolg, dass wir wenigstens nicht mehr so stark froren 
als vordem. 

Nachdem diese Herkulesarbeit ausgeführt worden war, machte 
ich bei meinen Indianern die merkwürdige Entdeckung, dass die- 
selben nicht mehr Heimweh verspürten, trotzdem sich doch nicht 
gerade behaupten bess, dass wir uns an einem der schönsten 
Punkte von Alaska befanden. Die zweimalige Havarie hatte die 
Reiselust meiner beiden Leute erheblich abgekühlt und sie glaub- 
ten jedenfalls, dass sich die Geschichte noch einmal wiederholen 
würde, wenn wir jetzt in See gingen. Indessen, als uns das Hoch- 
wasser wieder einigermassen flott gemacht hatte, bestand ich dar- 
auf, dass wir wenigstens den Versuch machen sollten, um Cap 
Romanzoff herum zu fahren. Wir brachen also auf, setzten das 



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220 



Segel mit zwei Reefen und, siehe da, unser Fellboot begann als- 
bald so schnell dahin zu schiessen wie eine Vergnügungsyacht. 
Freilich schien es einige Male, als ob die Besorgniss meiner In- 
dianer eine gewisse Berechtigung hätte, denn an dem Cap stand 
eine ziemlich hohe See, die wir jedoch ohne Gefahr passirten. 

Jenseit Cap Romanzoff aber wurde der Wind immer stärker 
und bald sahen wir uns in die Lage versetzt, einen Kriegsrath zu 
halten, ob wir an Land gehen wollten oder nicht. Wir beschlossen 
zunächst bis zum Pikraiktalik- River zu segeln und alsdann das 
Ende des Sturmes abzuwarten; aber als wir gegenüber der Mün- 
dung dieses Flusses waren, erschien es uns wieder als recht gut 
möglich , dass unsere tolle Fahrt bis zum Eingang des Canales 
von Fort St. Michael fortgesetzt werden könnte. Um die Wahr- 
heit zu sagen, so hatte sich unser aller eine solche Sehnsucht nach 
dem Endpunkte unserer Reise bemächtigt, dass wir auch am Ein- 
gange dieses Canales, welcher Fort St Michael zur Insel macht, 
nicht Halt machten, sondern seinen vielfachen AVindungen folgend 
ununterbrochen weiter segelten, und wo dies wegen seines vielfach 
gekrümmten Laufes nicht anging, ruderten und das Boot an der 
Leine zogen, dass wir noch an demselben Abend uns unserm End- 
ziel bis auf zehn englische Meilen näherton. Am andern Morgen 
herrschte vollkommene Windstille, was uns veranlasste, das Boot 
den Canal entlang an der Leine zu ziehen. Gegen Mittag erreichten 
wir endlich das ersehnte Ziel Fort St. Michael, wo uns Herr Lorenz 
und Herr Neumann bestens aufnahmen, und woselbst im Hafen 
ein Schooner lag , welcher kein anderer war als der , ,Leo", der 
von seiner glücklich beendeten Fahrt nach Point Barrow zurück- 
gekehrt war. 



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XIV. 



Station in Fort St. Michael. Vorbereitungen zur Reise nach dein Norden. Der Herbst 
ist die ungünstigste Reisezeit in Alaska. Ich bestelle Eskimohunde in Kutlik. 
Gründliche Körperreinigung nach der Rückkehr. Reisebericht an Professor 
Bastian. Der Schooner „Leo" nimmt Proviant und Ausrüstungsgegenstände für 
mich mit nach Golownin-Bay. Meine Sammlung wird geordnet. Herbstjagden auf 
Gänse und Enten. Jagdpartie mit Mr. Greenfield und Mr. Leawitt. Piknik 
am Kanalufer. Jagende Eskimos als Concurrenten. Unser Zelt wird Ballon captiv. 
Sturm, Regen und Jagdeifer. Rückfahrt. Nautische Manöver mit zusammen- 
gebundenen Kajaks. Eine Gummidecke als Segel. Eine Torfplatte als Wellen- 
schutz. In fliegender Eile. Landung in Fort St. Michael. Eine anthropologische 
Ausgrabung auf der Walinsel. Mr. Woolfes Brief aus Orowignarak an der Nord- 
küste von Nortonbay. Eisaks Haus wird durch Brand zerstört und Mr. Woolfe 
vom Feuer verletzt. Ich bringe neue Handelsvorrräthe nach Orowignarak. Die 
wilde Kuh. Ich werde Stierfechter. Frische Beefsteaks, nerzlicher Abschied. 
Abfahrt nach Norden 15. October 1882. Das Kwikpagemutendorf Kikersaok. 
Wir übernachten im Tanzhause (Kassigit). Stürmische Witterung. Gute Ein- 
käufe. Fidelbohrer zum Feucranmacheu. Die ersten kostbaren Nephritstückt*. 
Betteleien der Eingeborenen. Seitentour nach Kikertaok. Wir treideln das Fell- 
boot. Unalaklik, das letzte Kwikpagemutendorf. Ein Kohlenlager. Lebens- 
geschichte Saxo's, des besten Eskimohändlers der Alaska-Commercial-Company. 
Der Mörder Arnakpeik. Ein eiserner Kürass und die grosse Kanone. Ein Des- 
perado. Sechszölliges Eis. Unruhige Nacht. Wir geratheu auf den Grund. Kaltes 
Bad. Frierende Eskimos. Abschied vom Gebiet der Kwikpagemuten. 

In Fort St Michael war ich genöthigt, nunmehr für einige 
Zeit Wohnung zu nehmen, denn die nächste grössere Tour, welche 
ich auszuführen im Begriff' stand, war eine Reise nach dem Nor- 
den, welche während der Wintermonate ausgeführt werden musste. 
Der Herbst ist nämlich für Alaska die am wenigsten geeignete 
Reisezeit, weil alsdann die zahlreichen Stürme, die heftigen Regen- 
güsse, die vielen Schneegestöber und der unsichere Zustand des 
Terrains ein Vorwärtabewegen weder zu Schlitten noch zu Boot 
gestatten. Mein nächstes Ziel sollte die Halbinsel Prince of Wales 
sein, woselbst ich bei dem Cap gleichen Namens die schmälste Stelle 
der Beringstrasse berühren, und alsdann versuchen wollte, den von 
weissen Reisenden noch nicht besuchten Kotzebuesund soweit 



222 ~ 



nach Korden als möglieh zu durchwandern. Zu diesem Zwecke 
hatte ich in Kutlik an der Yukon- Mündung eine Anzahl von 
Hunden bostellt, welche jedoch erst später ankommen konnten. 

Die gegenwärtige Anwesenheit des Schoonors „Leo" im Hafen 
von Fort 8t. Michael war mir für diese meine winterliche Exkur- 
sion insofern von grosncm Nutzen, als dieses 8chiff, bevor es nach 
St. Francisco zurückkehrte, noch oine Fahrt nach dem nordlichen 
Ufer des Nortonsundes, und zwar nach der tief in die Halbinsel 
Prince of Wales sich hineinerstreckende Golowninbay auszuführen 
hatte und einen Theil meiner Vorräthe mitnehmen konnte. Ich 
komme darauf noch zurück. 

Wie Niemand ungestraft unter Palmen, so wandelt auch Nie- 
mand ungestraft unter Eskimos und Indianern. Hiervon hatte mir 
die 1800 Meilen lange Strecke der Yukonreise genug sichtbare und 
fühlbare Beweise gegeben. Jene kleinen Parasiten, welche den Natur- 
menschen wie auch unseren nächsten zoologischen Verwandten so 
häufig das Dasein verkürzen und deren Mussestunden ausfüllen, 
hatten auch mich nicht verschont und da sie, weit entfernt, gegen 
russische Bäder ompfindlich zu sein, sich im Gegoutheil einer freu- 
digen Erreguug über diese Manipulationen hinzugeben schienen, so 
hatten sie in dem Maasse Geschmack an meiner Gesellschaft ge- 
funden, dass ich bei meiner Rückkehr in Fort St. Michael mich 
vor allem andern genöthigt sah, noch bevor ich den Fuss wieder 
über die Schwelle der Civilisation setzte, einen vollständig anderen 
äusseren Menschen anzuziehen. Nachdem dieses geschehen war, 
musste ich daran denken, so schnell als möglich meinen ersten 
kurzen Bericht über den immerhin stattlichen Erfolg meiner Yukon- 
fahrt an Professor Bastian nach Berlin zu senden und auch sonst 
meinen vielen Freundeu in der Heimath Nachricht von mir zu geben. 

Am andern Morgen ging ich mit meinen Briefen an Bord des 
Schooners „Leo". Sowohl Lieutuant Paul als auch der Kapitain, 
welche ich beim besten Wohlsein antraf, beabsichtigten sobald 
als möglich abzufahren. Der Kapitain hatte eine für seine Ver- 
hältnisse sehr günstige Reise gemacht, indem er gegen gute Be- 
zahlung die von der Regierung der Vereinigten Staaten abgesandte 
Expedition wohll>ehalton und ohne sein Fahrzeug zu beschädigen — 



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223 



trotzdem letzteres keine Eishaut hatte, — nach Point Barrow 
gebracht und unterwegs noch fiir circa 3000 Dollars Walros- 
zähne und Walfischbarten durch Tauschhandel envorl>eu hatte, 
Seine bevorstehende Fahrt nach Golowninbay hatte den Zweck, von 
dort Quarz abzuholen und denselben sowie einige der in jeuer Bay 
verweilenden Goldgräber nach Sau Francisco mitzunehmen. Das 
Schiff ging indessen noch nicht an diesem Tago ab, so dass ich noch 
schleunigst eine grosse Menge Proviant und andere Gegenstände 
an Bord schaffen und nach Golowninbay mitgeben konnte. 

Nachdem dieso Angelegenheit geordnet war, musste ich meine 
ganze Aufmerksamkeit der ethnographischen Sammlung widmen, 
welcho sich in einem etwas bedauernswerthen Zustande befand. 
Waren auch die Gegenstände sämmtlich für das Klima von Alaska 
bestimmt und darnach gearbeitet, so war es ihnen doch nicht an 
der Wiege gesungen worden, dass sie zweimal mit mir Schiffbruch 
erleiden sollton, auch hatte ich ihnen nach diesen beiden Katastrophen 
aus Mangel an Zeit durchaus nicht diejenige konservirende Be- 
handlung angedeihen lassen können, welche ihr Aussehen verdiente. 
Dieses letztere musste jetzt nachgeholt werden. 

Die freundliche Aufnahme, welche mir wieder von den Ver- 
tretern der Alaska-Commercial-Compauy zu Theil wurde, gab mir 
zugleich Gelegenheit, die ethnographischen Gegenstände gehörig 
auszupacken, sie zu trocknen, zu säuborn, aufzufrischen, und jeden 
Gegenstand nach seinem Namen und Gebrauch in ein Verzeichnis» 
einzutragen. Hierbei unterstützte mich mein bisheriger Iieisekollege 
Petka, welcher noch für kurze Zeit in meinen Diensten blieb. War 
er einerseits recht geschickt in der äussern Behandlung der Gegen- 
stände, unter denen das Konserviren der Kleidungsstücke mir die 
grösste Sorge machte, und zeigte er sich auch beim Anfertigen 
der Kisten und darauf folgendem Einpacken zuverlässig und brauch- 
bar, so war er leider nicht recht geeignet, die richtigen Namen 
und Bezeichnungen der bei den Ingalik gekauften Gegenstände 
anzugeben, da er eben nur ein Halbblut war. Leider war der 
wirkliche Ingalik, welchen ich ausser ihm noch an Bord gehabt 
hatte, unmittelbar nach unserer Ankunft in Fort St. Michael wieder 
in seine Heimath zurückgekehrt. Es machte sich indess schliess- 



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224 



lieh alles noch ganz gut, und die zeitraubende Arbeit wurde im 
Laufe einer Woche beendet. 

Es war jetzt die Zeit der herbstlichen Jagden gekommen und 
Jedermann, Eingeborene sowohl wie Weisse, beschäftigten eich mit 
der Jagd auf Gänse und Enten. Als ich am 28. September über 
die Bay nach der nahe gelegenen Station der Western Für 
Trading- Company hinüber fuhr, hörte ich daselbst, dass der dort 
wohnende Hauptagent Herr Greenfield eine grosse Jagdparthie 
nach dem Kanal von Fort St. Michael für den nächsten Tag 
arrangirt hatte, und dass auch seine Gemahlin sowie seine beiden 
Kinder, welche allen Unbilden der nordischen Witterung trotzten, 
sowie auch der bereits genannte Offizier des Sign al-Service, Mr. Lea- 
witt, daran Theil nahinen. Da ich augenblicklich nichts besseres 
zu thun hatte, so beschloss ich, mich gleichfalls an dieser Jagd- 
parthie zu betheiligen. Noch an demselben Tage raiethete ich zwei 
Kajaks, jene leichten, mit Fell überspannten Boote, welche hier 
ebenso geformt sind, wie bei den Eskimos von Grönland und La- 
brador, nur mit dem Unterschiede, dass der Fellüberzug oben über 
Bord bei den letztgenannten dachförmig, in Alaska aber eben ist. 
Meine beiden Kajaks waren von verschiedener Grösse; das Haupt- 
fahrzeug besass drei jener runden Löcher, aus denen der Ober- 
körper der Fahrenden hervorragt, das andere nur eine Einsteige- 
öffnung. Die Abreise begann Nachmittags. Wir fuhren bis zum 
Anfang des Kanales, woselbst wir mit der Gesellschaft Mr. Green- 
fields zusammentrafen und nach einer Art gemeinsamem Piknik 
am Kaualufer in mehreren Zelten übernachteten. 

Mit dem ersten Tagesgraueu erhob ich mich und lief mit den 
drei von mir engagirten Indianern während des ganzen Morgens 
durch die schlammige, morastige Ufergegend, ohne dass es uns 
möglich war, auch nur eine Ente zu tödten. Der Grund davon 
ist der, dass die Tundra allerorts mit jagenden Eskimos aus den 
benachbarten Dörfern angefüllt ist, welche in den zahllosen kleinen 
Binnenseen und Lagunen auf der Lauer liegen und dadurch die 
Gänse, Enten und Schneehühner verscheuchen. Um 8 Uhr Vor- 
mittags kehrten wir zum gemeinsamen Frühstück zurück, brachen 
alsdann unsere Zelte ab, und fuhren mit der andern Reisegesell- 



» 



225 — 

echaft, welche ebenso wenig Glück gehabt hatte wie wir, den 
Kanal weiter hinunter. Während Mr. Greenfield am anderen 
Ende des Kanals kampirte, fuhr ich mit meinen beiden Kajaks 
längs der mir nur zu wohl bekannten Küste einige Meilen weiter 
nach Süden und landete an der Mündung eines kleinen Flusses. 
Während der Abendstunden beschäftigten wir uns wieder mit der 
Jagd, und hatte ich diesmal in dieser weniger von Menschen be- 
suchten Gegend das Glück, fünf Enten zu schiessen. Wir kam- 
pirten ebendaselbst, während sich in der Nacht ein Sturm erhob, 
der unser Zelt wieder einmal die Rolle eines Ballon captif 
spielen Hess. 

Sturm, Regen und Jagdeifer Hessen uns das Ende der Nacht 
nicht abwarten, und so gingen wir schon vor Tagesanbruch wieder 
dem edlen Waid werk nach und lagen demselben, allen meteoro- 
logischen Hindernissen zum Trotz bis zur Mittagsstunde ob. Wir 
hatten indessen auch diesmal nur einen bescheidenen Erfolg, denn 
in der ringsum offenen und ebenen Gegend, in welcher unsere 
Körper die höchsten Gegenstande waren, wurden wir viel eher von 
den Gänsen und Enten bemerkt, bevor wir selbst die kleinen 
Wasserspiegel, auf denen diese Thiere herumschwammen, zu Ge- 
sicht bekamen. Andererseits fehlte uns auch die Lust, zur Ver- 
meidung dieses Uebelstandes, uns ununterbrochen schlangenartig 
durch den nassen Sumpf und Morast zu winden, um weniger früh- 
zeitig von dem scheuen Wilde erblickt zu werden. Wir beendeten 
das „Vergnügen" an dieser Stelle vorläufig und fuhren nach dem 
Kanal zurück, wobei es zuletzt die vom Sturm gepeitschten Wogen 
des Nortonsundes beinahe wieder zu Stande gebracht hätten, unser 
grosses Kajak zum Kentern zu bringen. 

Gegen Abend gelangten wir wiederum nach der Mündung des 
Kanals, wo wir, herzlich ermüdet von dem langen rechtwinkligen 
Sitzen mit ausgestreckten Beinen im Kajak schnell das Zelt auf- 
schlugen und die Nacht am Ufer zubrachten. Die zweite Jagd- 
gesellschaft hatte sich bereits wieder heim gewendet Wir jagten 
am nächsten Morgen bis 8 Uhr Vormittags und traten alsdann 
gleichfalls die Rückfahrt an. 

Der Sturm hatte sich immer noch nicht gelegt; wir ersannen 

A. Woldt, Capitata Jacobson'» Keiae. 15 



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deshalb ein Manöver um seine Kraft ohne Gefahr fiir uns aus- 
zunutzen; dieses vollführten wir in der Weise, dass wir beide Kajaks 
neben einander legten und sie in dieser Situation durch Quer- 
bretter mit einander verbanden. Hierdurch wirkten beide gegen- 
seitig, wie die schwimmenden Balken der Canoes der Südsee, 
und es war dadurch die Gefahr des Kenterns ausgeschlossen. 
Nunmehr wurde unser Zeltstock als Mast und meine Gummidecke 
als Segel benutzt, und der Sturm ging so bereitwillig auf diese 
neumodische Verwendung ein, dass er uns in fliegender Eile durch 
den Kanal brachte. 

Nur einen Umstand hatten wir nicht in Berechnung gezogen, 
dass nämlich die Wellen neben unserm Körper in die runden 
Oeffnungen der Kajaks hineinspritzen konnten, und dass wir nicht 
in der Lage waren, aus den sonst rings herum verschlossenen Fahr- 
zeugen das eingedrungene Wasser während des Segeins wieder aus- 
zuschöpfen. Zu einem richtigen Kajakfahrer fehlte uns ein Klei- 
dungsstück, die sogenannte Kamelika. Es ist dies die bekannte 
wasserdichte Jacke, welche ein Kajakfahrer über den Oberkörper 
zieht, deren unteren Rand er über den Reifen der Kajaksöffnung 
legt und dort wasserdicht festschnürt. So ausgestattet kann der 
Kajakfahrer Wind und Wetter und hohem Wellengang trotzen, 
und er thut dies auch in Grönland, Labrador und Alaska. 

Da Niemand von uns eine Kamelika bei sich hatte, die Wellen 
aber auf diesen Zustand nicht die geringste Rücksicht nahmen, 
so waren unsere Oberkörper sehr bald ebenso nass, wie Felsen- 
riffe in der wogenden See; und es rieselte die salzige Fluth unsern 
Körper hinab auf den Boden der Fahrzeuge. Namentlich waren 
die Spritzwellen, welche sich von vorn zwischen die beiden ausein- 
ander laufenden Vorderenden der Kajaks drängten, eine Quelle 
vieler Douchen und Brausen, die wir während der Fahrt erhielten. 
Gegen diese Uebergiessungeu suchten wir uns dadurch zu schützen, 
dass wir eine Tafel filzartigen Grastorfes von der Grösse einer 
Tischplatte am Ufer losrissen und dieselbe quer über die Vorder- 
theile der beiden Kajaks legten. Nunmehr verfing sich die Sturzsee 
immer an der unteren Seite der Torfschicht. Im Uebrigen voll- 
führten wir eine famose Segeltour, und wenn auch das Wasser 



227 



trotzdem Eingang fand in unsere Canoes, und letztere soweit an- 
füllte, dass wir gerade in demselben Moment ganz unter Wasser 
zu versinken drohten, in welchem wir um die Mittagsstunde unter 
dem lauten freudigen Zuruf der Bevölkerung in Fort 8t Michael 
landeten, so waren wir doch einig darüber, dass das Ende der 
Jagdparthie höchst amüsant gewesen war. Wenn man sich stets 
in frischer Luft bewegt, und von Jugend auf an Wind und Wetter 
zu Wasser und zu Lande gewöhnt ist» so sind Strapazen wie die- 
jenigen dieser Expedition durchaus nicht gesundheitsgefahrlich und 
ich persönlich durfte von dergleichen umsoweniger berührt werden, 
als ich in meiner norwegischen Heimath, die mehr als viertehalb- 
hundert englische Meilen nördlicher liegt, als Fort St. Michael, 
ähnliche Dinge schon von frühester Kindheit an erlebt hatte. Das 
Jagdresultat bestand aus 25 Enten und 5 Gänsen, von denen ich 
etwa die Hälfte geschossen hatte. Eine warme Mahlzeit und 
trockene Kleidung stellten uns bald wieder vollständig her. 

Wir schrieben bereits den 9. Oktober, und ich feierte den 
Beginn meines dreissigsten Lebensjahres in stiller Beschaulichkeit 
und Zurückgezogenheit. Ich gedachte der fernen Heimath und 
der schweren Pflicht, welche ich für das Berliner Museum über- 
nommen hatte. Wieder einmal stand ich, wie so oft schon, vor 
einer jener Episoden meines Lebens, deren Verlauf und Ende ab- 
solut nicht im Bereiche meiner Berechnung lag. Das Wetter war 
nach dem heftigen Sturm wieder mild und ruhig geworden und 
machte nicht die geringsten Anstalten, den so sein* ersehnten Frost 
zu bringen. Bevor aber nicht Frost eintrat, konnten auch nicht 
die von mir bestellten Eskimohunde aus der Station Kutlik an 
der Mündung des Yukon herankommen. Somit war ich also auf 
unbestimmtes, vielleicht wochenlauges Warten angewiesen, das 
Schlimmste, welches es für einen an Thätigkeit gewöhnten Men- 
schen giebt. 

Am nächsten Tage machte ich eine kleine anthropologisch- 
ethnologische Expedition, die mit einer Ausgrabung verbunden 
war, nach der kleinen, in der Nähe von Fort St. Michael gelegenen 
Walinsel, einem Felseiland, ähnlich wie Helgoland, an dessen ein- 
ziger, zum Landen geeigneten Stelle sich die Ruinen eines alten 

15* 



228 



Dorfes befanden, das der Sage nach hierselbst vor 150 bis 
200 Jahren bestanden hat Die Ueberreste der alten Gebäude 
waren in zwei Reihen hintereinander in der Nähe des Strandes und 
Landungsplatzes deutlich erkennbar. Die Ausgrabung ergab Stücke 
von Töpfen und Lampen aus Thon, zerbrochenen Steinäxten, 
Lanzenspitzen, Steinmessern, knöchernen Pfeilen, sowie Knochen 
von verschiedenen Land- und Seethieren. Diese Gegenstände 
unterschieden sich nicht von denjenigen, die ich kurz vorher in 
der Umgegend gesammelt hatte. Links vom Dorfe vom Meere 
an aufsteigend, zog sich der Begräbnissplatz hin. Ich Öffnete 
einige Gräber, fand aber die darin liegenden menschlichen Ueber- 
reste so sehr zerfallen, dass es unmöglich war, namentlich in Rück- 
sicht auf den weiten Transport nach Europa, Stücke davon mit- 
zunehmen. 

Am nächsten Tage beendete ein Brief meines ehemaligen 
Reisegefährten, Mr. Woolfe, meine unthätige Lebensweise. Dieser 
Herr hatte, nachdem es ihm, wie bereits mitgetheilt, geglückt war, 
Berichte über die Erforschung von Wrangelland u. s. w. an den 
New- York Herald zu senden, seinen Aufenthalt in Fort St Michael, 
an der Südküste von Nortonsund, mit demjenigen in Orowignarak, 
an der Nordküste von Nortonbay, östlich von Golowninbay, ver- 
tauscht. Hier wohnte er bei einem sehr angesehenen Eskimo, 
Namens Eisak — die richtige Schreibart ist wohl Isaak — , 
welcher als Händler und Agent der Alaska-Commercial-Company 
die weitesten Touren nach Norden unternahm und regelmässig 
sogar den oben genannten Kotzebuesund besuchte. In Folge eines 
unglücklichen Zufalles war das Haus, in welchem Eisak mit seiner 
zahlreichen Familie und anderen Personen lebte, abgebrannt und 
bei dieser Gelegenheit hatte sich Mr. Woolfe einen Arm und 
eine Hand durch Feuer verletzt. 

Das Schreiben theilte mit, dass ein neues Haus sofort erbaut 
worden sei und dass nunmehr Eisak um eine Ueberseudung frischer 
Handelswaaren von Seiten der Alaska-Commercial-Company an 
Stelle der durch Brand zerstörten bitte. Hr. Lorenz beschloss, 
ein Boot mit den betreffenden Waarenvorräthen, dem Antrage des 
Schreibens gemäss, sofort nach Orowignarak zu senden und Hess 



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das Fellboot, welches ich auf der Yukonfahrt benutzt hatte, in 
Stand setzen. 

Meine ursprüngliche Absicht, in Fort 8t Michael zu bleiben, 
bis Frostwetter eintrat, wurde dadurch über den Haufen geworfen. 
Ich erbot mich, da ich ohnehin über Orowignarak meinen Weg 
nach Golowninbay nehmen musste, schon jetzt dorthin aufzubrechen 
und das Handelsgut der Compagnie sicher dort hinzuführen. Bei 
dieser Gelegenheit konnte ich zugleich, da sowohl Fort St. Michael, 
wie ein grosser Theil der Küste weiter nach Osten und Norden 
hinauf noch zum Gebiet der Kwikpagemuten gehört, meine ethno- 
graphische Sammlung unter diesem Stamme vervollständigen, so 
oft ich an einem dazu gehörenden Dorfe landete. 

Mein Vorschlag wurde angenommen. Beinahe wäre ich jedoch 
noch vor der Abreise in die Lage gekommen, denselben gar nicht 
ausfuhren zu können, indem ich in eine ganz eigentümliche Le- 
l>ensgefahr gerieth. Im Hause des Herrn Lorenz war nämlich 
während der Sommermonate zur Versorgung der Familie mit 
frischer Milch eine aus San Francisco mit dem Schiffe ge- 
brachte Kuh gehalten worden. Die mangelnde Nahrung für den 
Winter liess es rathlich erscheinen, dieses Thier zu schlachten, 
und es fiel mir hierbei die, in den Augen der Eskimos helden- 
mütige Rolle zu, die Kuh zu tödten. Ich liess, Angesichts der 
staunenden Urbevölkerung, der die hörnertragende Wiederkäuerin 
stets als eine Art fürchterliches Ungeheuer erschienen war, das 
Thier durch einen Strick um den Hals, den ein Russe festhalten 
musste, fesseln. Als ich mich dem Schlachtopfer näherte, um ihm 
nach Art der spanischen Stierkämpfer den Genickfang zu geben, 
liess der Russe erschreckt los und die Kuh machte mit gesenkten 
Hörnern einen wüthendeu Angriff auf mich. Noch zur rechten 
Zeit gelang es jedoch, ihr den tödtlichen Stich beizubringen, worauf 
wir uns am Abend dieses Tages an dem lange entbehrten Ge- 
nuss saftiger Beefsteaks erquickten. 

Als alles zur Reise vorbereitet war, engagirte ich einen jungen 
Eskimo Namens Kanojak, d. h. „Kupfer", und fuhr nach einem 
sehr herzlichen Abschiede von allen Freunden und Bekannten am 
15. Oktober in meinem alten Fellboot, das mich schon einmal 



230 



1800 engl. Meilen weit getragen hatte, von Fort St. Michael ab. 
Wir landeten am ersten Abend am Ufer des Nortonsundes in einem 
Kwikpagemutendorf Namens Kikertaok, woselbst wir in dem öffent- 
lichen Tanz- oder Festhause (Kassigit) übernachteten. 

Am nächsten Morgen zwang mich die stürmische Witterung, 
an diesem Orte zu verbleiben, und benutzte ich den Aufenthalt 
um Einkäufe zu machen. Unter den hier erworbenen ethnogra- 
phischen Gegenständen befanden sich auch einige jener eigenthüm- 
lichen Instrumente, welche die Eskimos in früherer Zeit zum 
Feueranmachen gebrauchten; es sind die bekannten zwei Stücke 
Holz, deren eines senkrecht gehalten durch einen Fidelbohrer mit 
seinem Hirnende schnell in einer Oeffnung des zweiten brettartigen 
Stückes hin- und herbewegt wird, bis sich in dem losgeriebenen 
Holzpulver zuerst Rauch entwickelt und dann ein heller Funke 
entsteht, welcher durch Holzkohle vcrgrössert und zur Flamme 
angefacht wird. Ich machte nach meiner Rückkehr im Frühjahr 
1884 in Berlin beim Auspacken meiner Sammlungen mit den- 
selben Instrumenten auf Wunsch des Bearbeiters dieses Reise- 
werkes, des Herrn A. Woldt, das Experiment nach und es ge- 
laug in der That hellbrennendcs Feuer hervorzubringen, an welchem 
wir unsere Cigarreu anzündeten. 

Unter anderen Gegenständen, die ich in Kikertaok erwarb, 
befand sich zum erstenmale das räthselhafteste, für die anthropo- 
logische Forschung in allen Theilen der Erde so hoch interessante 
Mineral Nephrit, eine Art Grünstein. Von diesen kostbaren 
Steinen fand ich späterhin noch eine grossere Anzahl von Exem- 
plaren in originellen , für das praktische Leben der Eskimos 
brauchbaren Formen. Ich werde noch wiederholt auf Nephrit 
zurück zu kommen nöthig haben. Unter den anderen Gegen- 
ständen, welche ich hier erwarb, nenne ich ausser zwei Grünstein- 
Bohrerspitzen noch Steinäxte und Harpunen. Der lange Aufent- 
halt in einem solchen Dorfe ist übrigens nicht sehr vortheilhaft, 
da die Eingeborenen die Anwesenheit eines Weissen zu den un- 
verschämtesten Betteleien zu benutzen pflegen. Am anderen Tage 
setzten wir unsere Tour fort, wobei ich zu einer kleinen Seiten- 
excursion gcnöthigt wurde. Ich hatte nämlich ausser dem von mir 



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engagirten Eskimo Kanojak auch noch denjenigen Eskimo an 
Bord, welcher den Brief des Mr. Woolfe nach Fort St. Michael 
überbracht hatte, und die letzten Meilen seiner Tour marschirt war. 
Dieser hatte seinen Kajak in der Nähe des eben von uns verlas- 
senen Dorfes Kikertaok gelassen und fanden wir das Fahrzeug bei 
einem Hause, in welchem eine Eskimo-Familie gerade ihr Quartier 
aufgeschlagen hatte, um daselbst dem oben beschriebenen Fang 
auf Maklak, einer Art grosser Seehunde, obzuliegen. 

Am anderen Morgen setzten wir unseren Weg längs der 
Küste weiter fort. Dieselbe wendet sich an dieser Stelle in ziem- 
lich scharfer Biegung links direkt nach Norden. Da der Wind 
fast ganz nachgelassen hatte, so bedienten wir uns wiederum 
des vielfach in Alaska angewendeten Mittels, das Fellboot an 
einer langen Leine vom Lande aus längs des Ufers durchs 
Wasser zu ziehen, auf diese Weise kamen wir schneller vor- 
wärts, als wenn wir gerudert hätten, denn meine beiden Eskimos 
waren keine tüchtigen Ruderer. Ich näherte mich jetzt dem 
letzten Dorfe der Kwikpagemuten Namens Unalaklik. Etwa zehn 
Meilen von diesem Orte bemerkte ich ein bedeutendes Kohlen- 
lager. In der Mittagsstunde begegneten wir dem mir von Fort 
St. Michael aus bekannten Eskimo Saxo, einem sehr angesehenen 
und der Alaska-Commercinl-Company sehr befreundeten Mann. 
Saxo ist der beste Eskimohändler, der in dem Diensten der ge- 
nannten Gesellschaft steht und macht nicht nur alle Jahre eine 
Handelsreise durch die Halbinsel Prince of Wales bis nach der 
Beringstrasse, sondern er setzt auch über diese Meerenge und 
besucht die jenseits auf dem Festlande von Asien wohnenden 
Tschuktscheu, mit denen er Handel treibt. Saxo ist ein grosser 
starker kräftig gebauter Mann, ein Riese an Körperkraft, und einer 
der hübschesten Eskimos, die ich in Alaska kenne. Er ist ein 
Freund der weissen Leute, und durch seine Zuvorkommenheit und 
Hilfsbereitschaft gegen dieselben aufs beste bekannt Nichts desto 
weniger hat Saxo, der sich 'eines grossen Ansehens erfreut, schon 
mehrere Menschen getödtet Dies ging so zu. 

Saxo, welcher in Sleeds oder Aziak Island am Südende der 
Beringstrasse geboren ist, zog seit Ende der siebziger Jahre mit 



— 232 



seinem jüngeren Bruder und einigen Verwandten nach Unalaklik 
um sich dort dauernd niederzulassen. Hier wohnte damals ein 
weithin berüchtigter Eskimo Namens Arnakpeik, welcher durch 
seine Mordthaten und Grausamkeiten weithin Schrecken verbreitete. 
Arnakpeik huldigte nämlich in maasslosester Weise dem Ge- 
nüsse des von Sibirien durch Schmuggelei herüber gebrachten 
Branntweins und erschlug im Zustande der Trunkenheit nicht 
selten Eskimos und Indianer. Um unbesiegbar zu sein, hatte 
er sich unter den jungen Leuten in Unalaklik eine Art Leib- 
wache gebildet, welche ihm blind ergeben war und alle seine grau- 
samen Befehle ausführte. Um seine absolute Unbesiegbarkeit zu 
beweisen, erschien Arnakpeik eines Tages mit einem eisernen 
Kürass angethan, welchen er, wie es scheint, von irgend einem 
Walfischfänger eingetauscht hatte. Er prahlte ganz fürchterlich 
und forderte seine Leibwache auf, auf ihn zu schiessen. Dies ge- 
schah und Arnakpeik blieb in dem Panzer unverletzt Hier- 
durch wurde er so kühn, dass er sich für die grösste Macht in 
Alaska zu halten begann und sein Betragen darnach einrichtete. 

Eines Tages war Arnakpeik aus irgend einem Grunde auf 
die Alaska-Commercial-Company böse, und Hess einfach sagen, 
er werde nächstens nach Fort St. Michael kommen, und die dortige 
Handelsniederlassung durch Brand zerstören. Der damalige Vor- 
steher, Herr Rudolf Neumann, — es ist dies der in diesem 
Werke bereits genannte jetzige Hauptagent auf der Insel Una- 
laska in den Aleuten, und ein Bruder des Herrn Henry Neu- 
mann, bei dem ich in Fort St Michael gewohnt hatte — stellte 
in Folge dieser Drohung Wachen aus, welche Tag und Nacht auf- 
passten. Eines schönen Tages näherte sich in der That eine kleine 
Flottille, in welcher sich Arnakpeik mit seinen Mordgesellen be- 
fand, dem Fort St. Michael. Als sie noch ausser Schussweite 
entfernt waren, schickte Urnen Herr Rudolf Neumann einen 
Eskimo im Kajak entgegen mit der Botschaft, wenn sie nicht 
sofort umkehrten, so würde die grosse Kanone geladen und auf 
sie abgeschossen werden. Arnakpeik versicherte, dass er nur 
die allerreellsten Absichten habe, Handel zu treiben, kehrte jedoch 
in Folge der Botschaft um. 




233 



Da er sich nicht mächtig genug fohlte, auf diese Weise den 
Sieg über die Alaska -Commercial- Company zu erringen, so be- 
schloss er zunächst, seinen Kamen dort viel gefurchteter zu machen, 
damit die Eingeborenen rings herum schon aus Angst vor seinen 
Verfolgungen sich zu ihm hielten und seine Bundesgenossen wür- 
den. Er fuhr deshalb in seiner wüsten grausamen Lebensweise 
ungehindert fort und verbreitete überall Schrecken. Eines Tages, 
als er wieder einmal nach seiner Gewohnheit vom sibirischen Whisky 
betrunken war, kehrten in Unalaklik einige reisende Ingalik ein, 
welche über Land nach ihrer Heimath zurückkehren wollten. Um 
den Erlös ihres Handels, den sie mit sich führten, an sich zu 
bringen, beschloss Arnakpeik, dass die Ingalik ermordet werden 
raüs8ten, und da gerade Saxo, mit welchem et bis dahiu in Frieden 
gelebt hatte, an jenem Abend in seinem Hause weilte, so wollte er 
diesen zum Theilnehmer semer Mordthaten machen, da er alsdann 
von Saxo keinen Verrath zu befürchten haben würde. Er befahl 
deshalb dem Saxo, dass er die Ingalik ermorden solle, und als 
dieser sich weigerte, so drohte er, dass er ihn selber tödten würde. 
Da Saxo aus Erfahrung sehr wohl wusste, dass Arnakpeik Wort 
halten würde, so blieb ihm nichts anderes übrig, als zu seiner 
eigenen Sicherheit dem gegen ihn gerichteten Mordanschlage zuvor 
zu kommen. Er ging deshalb hinaus und kehrte mit einer scharf 
geschliffenen Axt zurück, mit welcher er Arnakpeik den Schädel 
spaltete. Die im Hause Anwesenden wagten sich nicht zu be- 
wegen, nur der zwanzigjährige Sohn Arn akpeik 's versuchte es, die 
Flucht zu ergreifen und das Haus zu verlassen. Da indessen nach 
den Blutgesetzen der Eskimos der Sohn verpflichtet ist, die Er- 
mordung seines Vaters zu rächen, so sah Saxo ein, dass er über 
kurz oder lang von diesem Sohn getödtet werden würde und fasste 
den schnellen Entechluss, ihm zuvor zu kommen. 

Schon hatte der junge Arnakpeik die Ausgangsöffnung er- 
reicht und bückte sich, um durch den niedrigen Gang, welcher 
alle Eskimowohuungen nach Aussen verschliesst, zu entfliehen, als 
ihn die mit voller Gewalt von Saxo geschleuderte Axt erreichte 
und in seinen Rücken fuhr, so dass er augenblicklich todt nieder- 
stürzte. Hierdurch war Saxo Herr der Situation und blieb fortan 



234 



gefürchtet und unbehelligt. Seit jener Zeit indessen haben die Ver- 
wandten des ermordeten Arn akpeik schon mehrfach versucht, Saxo 
zu überfallen, aber dieser ist eine Art Desperado {reworden und 
äusserst wachsam, so dass er nie anders schläft als mit geladenem 
Revolver unter dem Kopfe. Da man ihm nicht zu Leibe kann, 
so hatte man im Winter vor meiner Ankunft versucht, einen An- 
schlag auf das Leben seines jüngeren Bruders auszuführen. 

Diesem Saxo und seinem Bruder begegneten wir also, als 
dieselben in der Nähe von Unalaklik Seehundsnetze ausstellten. 
Nachmittags laugten wir im genanuten Dorfo an. Der Frost, wel- 
cher schon während der letzten Tage vor meiner Abreise einige 
Male eingesetzt und ziemlich starken Schneefall gebracht hatte, 
war inzwischen stärker geworden, so dass wir bei Unalaklik schon 
sechszölliges Eis antrafen. Es erschien gewagt, mit dem Fell- 
boot die Reise für jetzt fortzusetzen und ich beschloss deshalb, 
die Handelswaaren am heutigen Tage im Orte zu lassen und 
dort auch zu übernachten. Unalaklik ist im Ganzen genommen 
ein unruhiger Ort, denn wir bekamen in der Nacht kaum eine 
Stunde Schlaf, da die verschiedenartigen Individuen, welche in dem 
Hausraume lagen, sich die Stunden der Ruhe ganz nach ihrem 
Belieben vertrieben, indem der Eine plötzlich anfing zu singen, der 
Andere sich laut mit seinem Nachbar unterhielt, viele in erschreck- 
licher Weise husteten, die Kinder fast ununterbrochen sclirieen und 
weinten und die Weiber dieses alles zusammen auf einmal thaten. 
Ausserdem erhoben die Hunde von Zeit zu Zeit ein Geheul. 

Am nächsten Morgen machte ich den Versuch, trotz der wenig 
gebesserten Eisverhältnisse die Tour fortzusetzen. Das sehr flache 
Wasser brachte uns indessen schon eine englische Meile hinter dem 
Dorf auf den Grund. Wir sassen auf einer Sandbank fest und 
arbeiteten vergebens mehrere Stunden lang, im eiskalten Wasser 
stehend, um unser Boot wieder flott zu machen. Als dies nicht 
möglich war, kehrte ich nach Unalaklik zurück, woselbst ich drei 
Kajaks entlieh, mit denen ich nach meinem Fahrzeug zurückkehrte. 
Ks dauerte mehrere Stunden, bis die schwersten Gepäckstücke 
ausgeladen waren und das Fahrzeug wieder flott wurde. Meine 
Eskimos froren in der jämmerlichsten Weise, so dass ich ihnen 



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235 



schliesslich aus Mitleid einige Kleidungsstücke gab. Dazu schlugen 
die Wellen aus Osten in unser offenes Boot und benetzten uns 
reichlich. Dieses Wasser aber lief nicht wieder ab, sondern es ver- 
wandelte sich unter der Wirkung des Frostes sogleich in Eis, so 
dass unsere Bekleidung ganz steif wurde. Solchergestalt war der 
Abschied, den ich für diesmal vom Gebiete der Kwikpagemuten 
nahm, um in das Nachbargebiet der Mallemuten, die hauptsäch- 
lich, wie bereits bemerkt, zwischen dem Xortonsuud und dem 
Kotzebuesund wohnen, einzutreten. 



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XV. 



Das erste Mallemutendorf Igawik. Halb geröstet und halb erfroren. Grossartiger 
Empfang im Mallemutendorf Schaktolik. Die Meeresfläehe beginnt sich mit Ei» 
zu bedecken. Ende der Fahrt mit dem Fellboot. Beginn meiner 180tägigen 
Schlittenfahrten in Alaska. Zwei Ziehhunde deBertiren. Feuer in Iglotalik. Ein 
Nephrit-Aiuulet. Quer über Nortonbay. Ankunft im reiehbevölkcrten Hause 
Eisaks in Orowignarak. Ich baue mit Mr. Woolfe ein norwegisches Bauern- 
haus. Eine Patriarchenfamilie. Abholung der von mir in Schaktolik zurück- 
gelassenen Handelswaren. Mein Standquartier in Orowignarak. Daa Innere 
eines Eskimohauses. Ein Götzenbild als Kopfkissen für einen Patienten. Ein 
Eskimo- Doktor. Verbot mit eisernen Geräthsohaften zu arbeiten. Ein pfriemen- 
fönniges Aruulet aus Nephrit. Die resolute Eskimofrau Kuwalik geht auf den 
Fischfang. Mr. Woolfe als Haushofmeister. Alle Tage Pfannkuchen. Der Geist 
kommt über den Schamanen. Wunderbare Kur. Der gebogene Nephrit. Die 
Rennthierjacke als Zaubermaotel. Eine Scene aus dem Geisterreiche. Familien- 
gesänge der Eskimos. Geringe Widerstandsfähigkeit der Eskimos. Die Halbinsel 
Prinee of Wales ist vulkanisches Gebiet. Der arktische Winter kommt immer 
noch nicht. Feierliche Aufuahme eines Eskimobesuches aus Iglotalik. Opfergabe. 
Die Noth an Lebensmittel wächst. Der Schamane wird durch einen Eilboten 
abgeholt. Schreckliches Wetter. Es wird ungemüthlich in Orowignarak. Wir 
tapezireu das Haus mit illustrirten Zeitschriften. Heftiger Regen. Dolce far 
niente der Eskimoschönen. Mein Schlitten wird gezimmert. Prachtvolles Nord- 
licht. Starkes Erdbeben. Die Sage von der Sintfluth bei den Eskimos. 

Nachdem wir die Hindernisse der Sandbank überwunden 
hatten, segelten wir bis etwa 4 Uhr Nachmittags längs der Küste 
und erreichten das erste Mallemutendorf Igawik. Wir durften 
uns wohl in Anbetracht der überstandenen kältereichen Stunden 
erlauben, an eine körperliche Erwärmung zu denken. Wir kochten 
deshalb Kaffee und fuhren, nachdem wir denselben eingenommen 
hatten, den günstigen Wind benutzend, gleich wieder ab, da es 
mir darauf ankam, mich bei dem immer heftiger werdenden Frost 
meinem Ziele so sehr wie möglich zu nähern. 

Es war nur wenig Aussicht vorhanden, an diesem Tage noch 
ein Dorf zu erreichen, und die Küste war vielfach mit Thon und 
Steinfelsen besetzt. Abends nach Dunkelwerden wurde die Bran- 
dung so .stark, dass es uns nur mit der äussersten Mühe gelang, 
in einer kleineu Meeresbucht zu landen. Wir kampirten daselbst 



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237 



im Freien. Die Kälte war so empfind- 
lich geworden, dass, trotzdem wir ein 
grosses Feuer anzündeten und uns daran 
fast die Vorderhälf'te des Körpers ver- 
sengten, unsere Rücken beinahe erfroren. 

Unter diesen Umstanden war es eine 
Erleichterung für uns, am nächsten Mor- 
gen so frühzeitig wie möglich aufzubrechen. 
Da der Wind mehr vom Lande kam, so 
hatte der hohe Seegang aufgehört, und das 
Einladen der Waaren ging leichter als 
das Ausladen am Abend vorher. Wir leg- 
ten uns wieder vor die Leine und zogen 
das Fahrzeug längs des hier flacher wer- 
denden Ufers. Der Strand war indessen 
sehr steinig und brachte das Boot in Ge- 
fahr, aufzustossen und durchlöchert zu 
werden. Dies nöthigte uns, unsere ganze 
Aufmerksamkeit anzuwenden. Wie es ge- 
wöhnlich gegen Ende einer Expedition zu 
geschehen pflegt, welche man allen ent- 
gegenstehenden Uebelständen zum Trotz 
so weit als möglich ausdehnen will , so 
häuft sich auch hier ein kleines Malheur 
auf das andere, und es war vorauszusehen, 
dass wir binnen ganz kurzer Zeit zum 
vollständigen Aufgeben der Fahrt ge- 
zwungen sein würden. In der Nähe des 
Mallemutendorfes Schaktolik kamen uns 

Gerätbe bei den Kwikpagemuten und Malcmuten. 

1. Lock fisch aus Manimuthknochen mit Hol/griff zum 
Hechtfang. 2. I .arme mit steinerner Spitze. 3. Eisbrecher 
aus Holz mit knöcherner Spitze. 4. Schnupftabakdose 
aus Holz. 5. Eisschöpfer , Holzstiel mit knöchernem 
Ring und Netz aus Loderriemen. 6. Fischspeer. 7. Ruder 
(Paddel). 8. Wurfspiess beim Spielen. 1» — 14. Fischangel 
dl mit zwei Spitzen). 15. Steinhammer mit knöchernem 
Stiel. 16. Desgleichen. 17. Fellschaber mit hölzernem 
Griff und Steinspitze. 18. Steinaxt. 10. Schaber, knöcher- 
ner Griff und Steinspitze. 



238 



zwei Eskimos entgegen, welche sich mit vor die Leine legten und 
ziehen halfen. Das Wasser war aber so flach, dass das Boot sich ziem- 
lich weit in See halten musste und trotzdem fortwährend auf den 
Grund stiess. Eine englische Meile vor Schaktolik kamen mir die 
Bewohner dieses Dorfes, welche von meiner Ankunft gehört hatten, 
entgegen, um mir nach Eskimositte einen grossartigen Empfang 
und Bewillkommnungsgruss darzubringen, wobei sie zugleich Ge- 
schenke mitbrachten. Die Ceremonie ging vor sich, indem zunächst 
vor jeden von uns ein Brett mit einem darauf befindlichen Stück- 
chen Eis hingelegt wurde. ALsdann wurden mir ein Paar Eskimo- 
Lederstiefel und einige Felle von Moschusratten übergeben. Da 
ich aus Erfahrung wusste, dass bei einer solchen Sache immer 
eine Bettelei im Spiele ist und man als Gegengeschenk den viel- 
fachen Werth der Sachen geben muss, so verzichtete ich lieber 
auf die Ehre, die Geschenke anzunehmen. Indem wir vorwärts 
gingen, machten uns die Einwohner Mittheilungen, dass das Wasser 
nach ihrer Ortschaft hin immer seichter würde und wir dort nicht 
landen könnten. Es war ersichtlich, dass sie aus irgend einem 
Grunde wünschten, dass ich ihr Dorf nicht besuchen solle. Die 
Leute jener Gegend sind ungeheuer abergläubisch, und wie ich 
später erfuhr, handelte es sich in diesem Falle darum, dass sie 
glaubten, unsere Anwesenheit würde vielleicht für zwei kranke 
Kinder im Dorfe schädlich sein. Ich that ihnen gern den Gefallen 
und kampirte am Ufer bei Schaktolik; leider aber starben die 
beiden armen Kinder bald darauf trotz alledem. Der Frost, wel- 
cher bisher nur die Süsswasserflächen ergriffen hatte, trat nunmehr 
auch seine Herrschaft über die Meeresoberfläche au und bedeckte 
zunächst die Buchten mit Eis. 

Vergebens wehrte ich mich gegen meine eigene und die An- 
sicht der Eskimos, dass unser Fellboot nunmehr ein Ende seiner 
ruhmvollen Fahrten gefunden haben sollte. Die Macht der That- 
sachen war zu gross, als dass ich danin denken konnte, den leichten 
Fellüberzug den scharfen Kanten des Treibeises in Nortoubav aus- 
zusetzen. Ich musste mich also entschliessen, sämmtliche Waaren 
in das Dorf zu schaffen und daselbst in einer kleinen Niederlage 
der Alaska-Commercial-Company, deren Verwalter übrigens nicht 



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239 



anwesend war, zu deponiren. Ich entlieh nunmehr einen Schlitten 
und drei Hunde und machte mich bereit, den Rest des Weges 
nach Orowignarak zu Fuss zurückzulegen. 

Am nächsten Morgen hatte ein nächtlicher Sturm alles Eis 
wieder aufgebrochen, so dass wir nicht einmal über den nahe ge- 
legenen Fluss gelangen konnten. Ich ging deshalb auf Jagd und 
schoss an diesem Tage elf Schneehühner. 

Endlich war es möglich, am dritten Tage an der Mündung 
des Flusses mit dem Schlitten zu passiren. Wir nahmen nur ein 
wenig Proviant und andere kleine Gegenstande mit und mar- 
schirten tapfer darauf los, den Strand entlang, bis wir ermüdet in 
abendlicher Dunkelheit nach Unaktolik gelangten. Ich hatte den 
oben genannten Eskimo Kanajak zur Bewachung der Sachen in 
Schattolik zurück gelassen und reiste deshalb mit dem andern 
Eskimo, welcher den Brief des Mr. Woolfe überbracht hatte, allein. 

In Unaktolik, wo man uns mit frischen Fischen bewirthet 
hatte, ' schliefen wir während der Nacht ganz gut; als wir aber 
am andern Morgen die Schlittenreise fortsetzen wollten, stellte es 
sich heraus, dass zwei von unseren drei Hunden fehlten. Erst 
nach mehrstündigem Suchen gelang es uns, indem wir die Spuren 
dieser Thiere im Schnee aufsuchten und verfolgten, der beiden 
Flüchtlinge, welche zusammengekauert im Gebüsch lagen und 
schliefen, habhaft zu werden. Nunmehr setzten wir unsere Reise 
längs der Küste fort und gelangten am Abend nach Iglotalik, wo 
wir gut empfangen und wieder mit frischen Fischen bewirthet 
wurden. Es ist Sitte bei den Eskimos, dass nach der Abendmahl- 
zeit die Feuerbrände mitten im Hause durch das Loch im Dach 
hinausgeschleudert werden, damit sich der Rauch im Hausraum 
vermindere. Gewöhnlich fallen diese Brände in den auf dem 
Dache lagernden Schnee, woselbst sie erlöschen. An jenem Abend 
jedoch fing die Rasendecke an zu brennen, und wir hatten grosse 
Mühe, das Feuer zu löschen. In Iglotalik sah ich ein sehr schön 
gearbeitetes Amulet aus Nephrit am Halse eines Mannes, leider 
wollte der Besitzer es mir nicht verkaufen. 

Man lieh uns hier zwei tüchtige Ziehhunde, und setzten wir 
unsere Falirt während eines starken nördlichen Schneesturmes am 



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i 



andern Tage fort. Da hier die Ostküste von Nortonbay mit einer 
Biegung nach links in die Nordküste übergeht, so kürzten wir 
unsern Weg ab, indem wir quer über die nunmehr fest gefrorene 
Fläche der Nortonbay fuhren und dadurch schon zur Mittagszeit 
das Dorf Kuikak erreichten. Hier kochten wir für uns Thee und 
lieferten die geliehenen Hunde wieder ab. Nun trennte uns nur 
noch eine kurze Strecke von dem Dorfe Orowignarak, welches für 
längere Zeit mein Aufenthaltsort werden sollte. Der Weg bis 
dorthin führte um einige Vorgebirge herum, an denen das Eis 
vom Sturm aufgenommen und weggetrieben war. Es gelang 
uns jedoch, ungehindert hindurch zu kommen und um 5 Uhr 
Nachmittags das reich bevölkerte Haus Vater Eisak 's zu er- 
reichen. 

Die Bewohner sowie mein früherer Reisekollege Mr. Woolfe 
empfingen mich in herzlichster freundschaftlichster Weise, und der 
Rest des Tages ging unter Austausch der Erlebnisse der letzten 
Monate dahin. Das neue Haus war, wie bereits mitgetheilt, im 
Grossen und Ganzen vollendet; es hatte das Aussehen eines nor- 
wegischen Bauernhauses, der innere Ausbau dagegen fehlte noch 
fast vollständig und gab Mr. Woolfe und mir für die nächste 
Zeit vollauf Beschäftigung. Eisak dagegen begann schon am 
nächsten Tage mit seinen Leuten die Hundegeschirre und Schlitten 
zu repariren, da die in Schaktolik zurückgelasseneu Sachen nach 
Orowignarak geholt werden mussten. 

Es ist mir immer räthselhaft erschienen, warum Eisak sich 
gerade an diesem Punkte angesiedelt hatte. Der Platz entbehrte 
nämlich der sonst für Eskimo- Wohnung notwendigen Eigenschaften, 
zu denen vor allem eine für Jagd oder Fischerei ergiebige Um- 
gegend gehört. In Orowignarak gab es aber weder Fleisch noch 
Fisch, und die nächste Nahrungsquelle war ein ziemlich entferntes 
westwärts gelegenes Flüsschen. Eisak war 40 Jahre alt und 
von Kotzebuesund gebürtig. Sein Eskimoname ist Kaleak, auf 
Deutsch „ein Schützer, ein Bedecker"; er nannte sich auch wie 
dies die Eskimos öfter thun, noch mit einem zweiten Eskimonamen, 
nämlich Alok. Er hatte in seiner Jugend in Kotzebuesund die 
Tochter eines grossen Schamanen entfuhrt und war mit ihr hierher 



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241 



geflüchtet. Es war dies seine Hauptfrau, welche den Namen Ki- 
waluk, d. h. auf Deutsch „Moschusratte", führte. 

Ich darf vielleicht bei dieser Gelegenheit die in Eisaks Haus 
wohnenden Personen aufzählen, da sich hierdurch die Gelegenheit 
ergiebt, eine Hausliste der Eskimos mitzutheilen. Ausser den beiden 
genannten Hauptpersonen, deren Ehe übrigens kinderlos geblieben 
war, ist zunächst zu nennen Eisaks zweite Frau Arnalukkik. 
Ferner sein Sohn Kikertaurok, auf Deutsch „Insel", seine erste 
Tochter mit der zweiten Frau, genannt Marschan, d. h. „eine 
essbare Wurzel", seine zweite Tochter Naunak. Es folgen ferner 
eine unverheirathete Adoptivtochter Sernak, d. h. „Adlerschwanz", 
eine verheirathete Adoptivtochter, die liebliche Mayok, d. h. „Stei- 
gerung oder Aufgang", 
ein Adoptivsohn K i n - 
juran , d. h. „der 
Gerrassige", Eisaks 
Cousine Kajulik, 
d. h. „Quappe", ein 
Adoptivsohn Kalu- 

rak, d. h. „Hand- Aus dem Nordwesten ron Alaska. 

1. Lippenpflock aus Ser]>eutin. 2. Desgl. au» Knochen, 

netz", ein AdoptlV- 3. Desgl. aus Nephrit. 4. Desgl. au» Knochen. 5. Desgl. 
. aus Serpentin. 

söhn JNapaingak, 

d. h. „grade gewachsen", eine Adoptivschwester Awagarak, d. h. 
„Hammer", eine Adoptivtochter Datluk, d. h. „Schneeschuhe", 
eine Adoptivschwester Tunraorak, d. h. „Teufelsweib". Es folgt 
Eisaks Schwiegermutter Kijanuk, deren beide Brüder Kograk 
und Akpak, ein Mann Maktigelak, ausserdem noch sechs bis 
acht Personen beiderlei Geschlechts. Man sieht, dass die Sache 
unmöglich partriarchalischer eingerichtet sein konnte. Die Schwieger- 
mutter Eisaks war übrigens eine sehr resolute Dame, welche 
früher einmal eine Rivalin, an der ihr Gatte Gefallen fand, getödtet, 
und dabei erklärt hatte, so würde sie es mit jeder Nobenbuhlerin 
thun. Es ist begreiflich, dass die Ernährung einer so grossen An- 
zahl von Personen nicht leicht ist, und man begreift, warum ver- 
hältuissmä8sig so häufig Hungersuoth bei den Eskimos eintritt, da 
es sehr schwer ist für die lange Dauer des Winters die nöthigen 

A. Woldt, Capltain Jacobscn'a Heise. 16 




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— 242 — 



Vorrüthe zu Bammeln oder bei oft meilenweit gefrorener See durch 
Seehundsjagd und Fischfang zu erlangen. Das aber muss ich her- 
vorheben, dass meines Wissens niemals eine Eskimofamilie es unter- 
lässt, ihre Vorräthe, selbst wenn dieselben noch so gering wären, 
mit ankommenden Gästen zu theilen, so lange noch etwas davon 
übrig ist. Im umgekehrten Falle wird dasselbe aber auch bean- 
sprucht und eben so ruhig als selbstverständlich hingenommen. 

Am Tage nach meiner Ankunft gingen vier unserer jungen 
Eskimos mit zwei Schlitten und acht Hunden auf dem Wege, 
welchen ich gekommen war, zurück, um die in Schaktolik zurück- 
gelassenen Sachen abzuholen. Inzwischen beschäftigte ich mich 
zunächst damit, für Mr. Woolfe und mich eine aus zwei Etagen 
bestehende Bettstelle zu bauen, da die Raumverhältnisse des Hauses 
ein Nebeneinanderschlafen nicht gestatteten. Die gewöhnliche Ein- 
richtung der Eskimohäuser besteht darin, dass etwa sechs Fuss 
von den Wänden entfernt nach dem Innern des Hauses zu parallel 
mit den Wänden an drei Seiten Balken auf den Erdboden gelegt 
werden. Dadurch wird ein sechs Fuss breiter Gang rings herum 
an den Wänden geschaffen, dieser Gang wird mit Zweigen und 
getrocknetem Gras bedeckt und darauf Decken und Rennthierfelle 
gelegt, und dient als gemeinsame Schlafstelle für alle im Hause 
befindlichen Personen. Sie legen sich dann neben einander mit 
den Füssen gegen die Wände gerichtet und die Balkenlage als 
Kopfkissen benutzend. Während der Tagesstunden wird die Schlaf- 
unterlage wulstartig nach der Wand zu aufgerollt und dient 
als Sitz. Das Feuer wird in üblicher Weise in der Mitte des 
Hausraumes zwischen Steinen angemacht und die Speisen in grossen 
Kesseln zubereitet. Gewöhnlich schlägt die Flamme bis über den 
Kessel hinauf, so dass die einfachen Nahrungsmittel, namentlich 
die Fische sehr bald zubereitet sind. Das etwa einen Quadratmeter 
und darüber grosse Oberlichtfenster aus durchsichtigen und zusam- 
mengenähten Seehundsdärmen wird während der Zeit, wenn das 
Feuer im Hause brennt, abgenommen, damit der Rauch Abzug 
findet Die Häuser sind meist aus Treibholz, das sich fast überall 
findet, errichtet. 

Meine Arbeitslust und Arbeitsleistung wurde nicht wenig be- 



243 — 



einträchtig! durch ein sonderbares Verbot, welches man mir auf- 
erlegte uud welches im Zusammenhang mit dem Aberglauben der 
Leute stand. Es war nämlich während der ersten Tage meiner An- 
wesenheit Jedermann und auch mir verboten, eine Axt oder ein 
anderes scharfes und schneidendes Geräth zu gebrauchen. Jeden- 
falls handelte es sich darum, die Ruhe irgend eines im Hause 
anwesenden Eskimogötzen nicht zu stören, bevor dieser nicht seine 
heilsame Wirkung auf den erkrankten Sohn des Eisak geäussert 
hätte. Dieser junge Mensch, der sich wohl schon auf dem Wege 
der Besserung befand, benutzte, wie ich bemerkte, als Kopfkissen 
einen Sack, dessen Inhalt er sorgfältig vor Jedermanns Augen 
hütete. In dem Sacke befand sich das Bild eines Götzen, welches 
ihm durch einen Schamanen übergeben war, der seit einigen Tagen 
still und ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen in Eisak s 
Hause weilte. Von ihm war auch das Verbot ausgegangen, während 
er sonst in jeder Beziehung freundlich und entgegenkommend war 
und mir beim Arbeiten half. Der erkrankte Sohn Eisaks trug 
um den Hals ein kostbares, etwa fünf Zoll langes pfriemenformiges 
Amulet aus Nephrit 

Eisaks Hauptfrau Kuwalik brach inzwischen mit einem 
Schlittengespann nach dem oben bereits erwähnten Flusse auf, 
um dort Fische zu fangen und sandte uns auch nach zwei Tagen 
die von ihr gemachte Beute zu, währenddem versuchte sich Mr. 
Woolfe in der Rolle eines Haushofmeisters und wirtschaftete mit 
den jungen Eskimomädcheu im Hause herum, indem er für die 
Zubereitung unserer Tafelgeuüsse sorgte und nebenbei die Eskimo- 
sprache fast spielend erlernte. Die Herstellung unserer kulinari- 
schen Genüsse war nicht allzuschwer, denn es gab Morgens, Mittags 
uud Abends stets ein und dasselbe Gericht, da wir als einziges 
Nahrungsmittel nur noch Mehl hatten. Dieses Gericht nannten 
wir mit dem stolzen Namen Pfannkuchen, da zu seiner Herstellung 
allerdings ausser dem Meld noch eine Pfanne und etwas Fisch- 
thrau nöthig war. In dieses Menu vermochte der Sack Fische, 
welchen Mutter Kuwalik als das Resultat viertägiger Anstrengun- 
gen mit nach Hause brachte, nur eine geringe Abwechslung hin- 
einzubringen. Ebensowenig gelang es mir, unsem Proviant durch 

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— 244 



das Schiessen von Schneehühnern zu vermehren , da die Thiere 
hierselbst sehr scheu waren. 

Meine häusliche Arbeit war inzwischen auch ohne Benutzung 
der Axt etc. soweit fortgeschritten, dass ich fünf Bettstellen zu- 
recht gezimmert hatte und unser Haus jetzt vielmehr einem Wohn- 
ort meiner Heimath als einem Eakimohause glich. 

Es war am vierten Tage nach unserer Ankunft, als der Geist 

* 

über den Schamanen kam, und er in voller Familien- Versammlung 
während der Abendzeit seinen Götzen wirksam werden liess und 
dadurch die Kur an Eisak's Sohn vollendete. Der Medizinmann 
fing plötzlich an zu brüllen wie ein Seelöwe und zu heulen wie 
ein alter Hund und gestikulirte wild mit seinen Armen in der 
Luft. Es wurde ihm darauf eine sogenannte Kamelika, d. h. ein 
Hemd von zusammengenähten Seehundsdärmen überreicht Zu- 
gleich nahm der Schamane das kostbare Stück Grünstein des Pa- 
tienten und wickelte es in eine Rennthierjacke, welche er, damit 
sie befühlt werden konnte, rings im Kreise herumgab. Jeder konnte 
sich dabei überzeugen, dass der lange schmale Stein sich noch in 
der zusammengerollten Jacke befand. 

Mit offenem Mund und Auge starrte die gesammte Familie 
Eisak auf die Wunder, welche da unten vor sich gingen, resp. 
noch gehen sollten. Mit geheimnissvoller Geberde schritt der 
Zauberkünstler im Kreise herum, und blies und biss auf die Rolle 
mit dem Stein. Zuletzt sagte er, er wolle den Stein biegen; dies 
that er, indem er den Stein selbst heimlich und unbemerkt im 
Innern der Rolle seitwärts schob und nun vor seinen Zuschauern 
das gerollte Stück Rennthierjacke hin und her bog und die ge- 
krümmte Rolle von Jedermann befühlen liess. Es war ein kost- 
bares Schauspiel, die athemlose Spannung zu beobachten, welche 
auf den Gesichtern aller Familienmitglieder lag, denn nach ihrem 
Glauben wäre auch die Lebenskraft des Patienten gebrochen wor- 
den, wenn sein Stein-Amulet bei dem Experiment zu Grunde ge- 
gangen wäre. 

Glücklicher Weise richtete es der gute Schamane so ein, dass 
Alle rings herum wohl das krumm gebogene zusammengerollte 
Stück der Jacke fühlen konnten, dass aber späterhin, als er das 



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245 - 



Kleidungsstück wieder aufrollte, und deu Stein wieder an seine 
frühere Stelle ächob, letzterer ohne die geringste Beschädigung zum 
Vorschein kam. Hierdurch war es der ganzen Familie Eisak 
klar geworden, dass der Patient 
mit dem Leben davon kom- 
men würde und sie athmeten 
freudig auf. Eine kleine Be- 
obachtung, die ich während 
dieser Scene machte, sei hier 
mitgetheilt: Ich bemerkte, dass 
alle Anwesenden sich durch das 
Gefühl davon überzeugteu, dass 
der Stein gebogen sei; nur ein 
j untres erwachsenes Mädchen 
durfte die Rolle nicht berühren 
und hielt sich auch von selbst 
davon zurück. Es handelte 
sich, wie ich späterhin erfuhr, 
um die Befolgung eines bei 
den dortigen Eskimos hoch ent- 
wickelten Reinlichkeitsgesetzes, 
welches den Frauen und er- 
wachsenen Mädchen zu gewissen 
Zeiten eine Reserve auferlegt. 
Sie dürfen alsdann nicht mit 
den übrigen Hausbewohnern 
gemeinsam dieselben Speise- 
und Trinkgetiisse benutzen und 
bedienen sich während dieser 
Tage besonderer Geschirre. 

Nachdem unter zahlreichen 
Ausrufen der Verwunderung und 
des Erstaunens das Nephrit- 
Amulet des Patienten dicht an 
die Flamme der Lampe gehalten 
und bei sorgfältigster Unter- 




1 u. 2 



Aus dem Nordwesten von Alaska. 
Steinerne Tnl>nk.«pfcifc mit hölzernem 



Kohr und knöchernem Iteinigvr. 3. Knöcherner 
verzierter Eimcrln nkcl. 4 u. 5. Knöcherne (Je- 
rftthe auf Hilten. L. Knöcherner Pfriem. 7. Eher- 
ner Pfriem mit kuöcheruem Heft. 



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— 246 



suchung nicht der geringste Sprung entdeckt worden war, begann der 
Schamane mit dem in dem Pelzsack verborgenen hölzernen Eskimo- 
götzen in Aktion zu treten. Er nahm zunächst die bis dahin ver- 
borgene Figur heraus, wobei es sich zeigte, dass dieselbe einen 
Wolf mit einem Alligatorkopf darstellte. Diese Figur wurde in 
die Kamelika gesteckt und durch die verborgen gehaltenen Hände 
des Schamanen dergestalt vor und rückwärts geschoben, dass es 
aussah, als ob das Thierbild bald vorwärts stürzen wollte, und 
bald sich zurückzog. Hierzu stiess der Schamane wieder jene eigen- 
tümlich brüllenden und grunzenden Töne aus, mit denen er schon 
vorher seine Vorstellung begonnen hatte. Dann drückte er das 
Götzenbild wiederholt und blies auf Kopf und Schwanz und bess 
es endlich wieder in den Pelzsack verschwinden. 

Nunmehr folgte der letzte Akt des Schauspiels, welcher nach 
echter Schamanenart eine Scene aus dem Geisterreiche darstellte. 
Der alte Zauberer ergriff den Regenmantel aus Seehundsdärmen 
und schwang ihn im Kreise herum, indem er hierbei ein langge- 
zogenes „Hui" ausstiess, gleichsam als ob ein Sturmwind durch 
das Haus zöge. Nach dieser Einleitung gab er einige Bauch- 
redner-Kunststücke zum Besten, indem er bald leise die Stimme 
eines Entfernten nachahmte, bald laut darauf mit eigener Stimme 
Antwort gab. Ich muss gestehen , dass diese letzte „Zauberei" 
mit grosser Geschicklichkeit ausgeführt und wohl dazu angethan 
war, den armen unwissenden Eskimos zu imponiren. Den Schluss 
dieser Feierlichkeit machten einige allgemeine Gesänge, an denen 
sich die ganze Familie betheiligte. Hiermit war zugleich das Ver- 
bot aufgehoben, eiserne Gegenstände bei Arbeiten im Hause zu 
benutzen und es war nicht mehr nöthig, an jedem Morgen den 
geheimnissvollen Pelzsack erst ins Freie zu tragen, um ungestört 
arbeiten zu können und ihn am Abend wieder hinein zu schaffen. 

Nur einem Manne, der lange Zeit krank gewesen war, wurde 
auch jetzt noch der Gebrauch eiserner Werkzeuge verboten. Es 
herrschte überhaupt kein sehr günstiger Gesundheitszustand in 
unserm Patriarehenhause, denn alle jungen Leute und die Kinder 
waren stark erkältet und litten am Stickhusten. Wie es mir 
scheint, trägt die schwere Pelzkleidung der Eskimos durchaus nicht 




— 247 — 



dazu bei, die Leute gegen die rauhe Witterung ihrer Heimath ab- 
zuhärten; sie verweichlicht sie imGegentheil und macht sie wenig 
widerstandsfähig. In dieser Beziehung muss ich wie schon früher 
gesagt, den Indianern der Nordwestküste Amerikas von allen Völ- 
kern des Erdballes, welche ich kenne, den ersten Preis in Bezug 
auf Abhärtung zuerkennen. 

Die Umgegend von Orowignarak ist in geologischer Beziehung 
sehr interessant. Eisak erzählte mir, dass nicht weit von seinem 
Wohnorte entfernt sich heisse Quelleu und Seeen befinden sollen, 
auch Mr. Woolfe 
machte Angaben, 

welche darauf 
schliessen Hessen, 
dass die Halbinsel 
Prince of Wales 
zwischen Norton- 
sund und Kotzebue- 
sund vulkanischer 
Natur ist. Er wollte 
sogar einige Wo- 
chen vor meiner 
Ankunft in der 
Richtung nach Süd- 
westen eine feurige Erscheinung, welche mit dem Ausbruch eiues 
Vulkans identisch zu sein schien, beobachtet haben. 

Mittlerweile war der Monat November herangekommen, und 
ich fühlte mich in unserm neuen Hause, das nur wenig von den 
Unbequemlichkeiten eines Eskimohauses besass, einigermassen ge- 
müthlich, nachdem ich an Stelle eines der aus Seehundsdärmen 
bestehenden Fenster, ein solches aus Glas eingesetzt hatte. Es 
fand sich fortwährend Gelegenheit, interessante Beobachtungen zu 
machen, sowie nöthige Arbeiten auszuführen; Mr. Woolfe sammelte 
Eskimowörter und ich schrieb an meinem Tagebuche oder zimmerte 
bald dieses, bald jenes zurecht. Jeden Abend sang uns Papa 
Eisak mit seinen Weibern und jungen Leuten etwas vor. Das 
einzig Unbehagliche in dieser Situation war, dass der arktische 





Au» dem Nordwesten von Alaska. 
1—3. Schneebrillen aus Hol«. 4- Desgl. aus Mammuthknoeuen. 



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248 



Winter immer noch nicht kommen wollte. Ein Südsturm brach 
das Eis auf und trieb es nordwärts, so dass an Reisen überhaupt 
nicht zu denken war. Dennoch erschien kurz darauf ein Eskimo 
aus Iglotalik mit einem Schlitten zum Besuch. 

Dieser Manu hatte das Grab des im vorigen Jahre verstor- 
benen Vaters meines Wirthes Eisak nach dortiger Sitte gepflegt 
und in gutem Zustande erhalten. Nunmehr erschien er, um oie 
hierfür fälligen Geschenke einzuheimsen. Zu diesem Zwecke sehnig 
er sein Quartier nicht iu Eisak's Hause, sondern in demjenigen 
der Frau Barbara, der Schwiegermutter Eisak's auf. Hierauf 
zog unser Wirth, wie es die Sitte verlangte, seinen besten Pelz 
an und legte einige Lachse, Beeren und Seehundsspeck auf zwei 
Holzschüsseln. Desgleichen that seine Frau , und das Ehepaar 
schritt mit dieser Last in würdevoller Prozession nach Frau Bar- 
bara's Haus. Zuerst ging die Frau hinein, überreichte die Speisen 
und kam alsdann wieder heraus; hernach begab sich Eisak in 
das Haus und that ebendasselbe. Der fremde Eskimo verzehrte 
später die Speisen in aller Stille, jedoch nicht, ohne zuvor eine Art 
Opfergabe zu erbringen, indem er kleine Stückchen der Speisen in 
die Ecke warf und dazu die Lippen bewegte, als wenn er ein Ge- 
bet murmelte. 

Mittlerweile war ich mit meinen häuslichen Arbeiten bis dahin 
gekommen, den Fussboden des Gebäudes zu legen. Als Material 
hierzu hätten sehr wohl die in der Nähe unseres Aufenthaltsortes 
wachsenden ziemlich starken Coniferen dienen können; das Holz 
derselben war jedoch zu frisch und saftreich, um verwendet wer- 
den zu können. Ich wählte deshalb das allgemein benutzte Bau- 
material jener Gegenden, das Treibholz des Strandes, welches mir 
von den Eskimos aufs bereitwilligste in grossen Quantitäten 
herbeigeschafft wurde. Inzwischen begann sich die Noth an Le- 
bensmitteln täglich fühlbarer zu machen und wir lebten nur noch 
ausschliesslich von trockenem Brod, von gebackeuem Mehlkleister, 
den wir euphemistisch Pfannkuchen nannten, und Thee oder Kaffee. 
Trotz des Schneesturmes und Sehneegestöbers aus Südost machten 
wir uns auf die Jagd nach Schneehühnern, aber diese Thiere, 
welche in dieser Jahreszeit weiss von Farbe waren, Hessen sich 



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nur schwer erkennen und waren ausserdem so scheu, dass wir nur 
zwei Stück erbeuteten. Wir wünschten sehnlichst, dass unser 
Schlitten mit den Lebensmitteln ankäme. 

Der Schamane, welcher es sich nach glücklich ausgeführter 
Kur in Eisaks Hause trotz der allgemeinen Hungersnoth noch 
hatte wohl sein lassen, vielleicht weil dieser Heilige, trotzdem sein 
braves Weib daheim ihn zu erwarten schien, es in unserem Kreise 
recht unterhaltend fand, wurde nunmehr durch einen Eilboten ab- 
geholt, der ihn zu einem Patienten brachte. Er ging ohne Wider- 
rede mit, sah sich späterhin aber doch getäuscht, denn an Stelle 
eines Patienten und eines ärztlichen Honorars erwartete ihn eine 
Gardinenpredigt seiuer eifersüchtigen Gemahlin. 

Endlich kamen unsere Lebensmittel an. Wegen des schlechten 
Wetters und des vom Winde zerrissenen Eises hatten unsere jungen 
Leute volle zehn Tage auf der Heimreise zugebracht, dabei war 
es ihnen nur gelungen, drei Schlitten mit der Hälfte der Sachen 
fortzubringen. Hierdurch wurde meine Hoffnung, bald nach Golow- 
niubay weiter reisen zu können, wieder in weite Ferne gerückt. 
Trotz des Sturmes und Schnees hatte sich Mutter Kiwaluk, dieses 
Prachtweib, wieder nach dem Flusse begeben, um zu fischen, das 
schreckliche Wetter verhinderte aber, dass uns der Ertrag ihres 
Fischfanges zu Gute kam. Es fing nunmehr an entschieden unge- 
mütlich in Orowignarak zu werden und« wir verfielen auf aller- 
hand Zeitvertreib, mit dem wir uns die Tage unseres gezwungenen 
Aufenthaltes im Hause verkürzten. So gab es ein, besonders die 
Eskimos entzückendes Schauspiel, als wir uns einen ganzen Tag 
lang damit beschäftigten, sämmtliche Innenwände des Gebäudes 
mit alten Nummern der illustrirten Zeitschriften „Whasp" aus Sau 
Francisco, „Puck" und „Graphic" aus New- York und „Fliegende 
Blätter" aus München zu bekleben. Hierbei fügte es sich zufällig, 
dass Bismark's Bild neben dasjenige des grossen Indianerhäupt- 
lings Sitting Bull, das eines Niggennädchens neben das eines wohlge- 
nährten Mönches kam, über welche Zusammenstellung die guten 
Naturmenschen wiederum mancherlei zu grübeln und. zu lachen hatten. 

Inzwischen hatte sich das Schneegestöber draussen zur Ab- 
wechselung in heftigen Regen umgewandelt, der noch mehr als 



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- 250 



das bisherige Wetter dazu angethan war unsere ganze Gesellschaft 
und namentlich die Weiber vollständig in dolce far uiente zu ver- 
senken. Es schien als ob in den Augen der Eskimo -Frauen und 
-Mädchen jede, auch die geringste Handreichung und Arbeit als 
eine unverzeihliche Kraftvergeudung betrachtet wurde; die Schönen 
Hessen sich einfach von uns futtern und unterhalten. Trotzdem 
durften wir es mit der Gesellschaft nicht verderben, da wir uns 
vorgenommen hatten mit Eisak zu reisen, so mussten wir auch 
bis zum Eiutritt des dauernden Frostes in seinem Wohnhause 
bleiben und durften uns nicht in die Lage bringen, plötzlich mitten 
im Winter in Folge irgend eines Streites mit den Hausbewohnern 
an die Luft gesetzt zu werden. 

Am 10. November herrschte wieder schönes klares Wetter 
mit nördlicher Brise und ein wenig Frost. Ich legte an diesem 
Tage die letzte Planke des Fussbodens fest, wodurch der Innen- 
raum des Hauses im Ganzen genommen wärmer wurde. Sodann 
machten wir uns daran, fiir mich einen Schlitten zu zimmern, da 
ich beabsichtigte, sobald als möglich nach Golowniubay aufzubrechen, 
um dort diejenigen Sachen abzuholen, welche der Schooner „Leo" 
seiner Zeit vom Fort St. Michael aus, wie noch erinnerlich sein 
wird, für mich dorthin gebracht hatte. An diesem Tage brachte 
auch die Jagd auf Schneehühner einigen Erfolg, so dass wir zum 
ersten Male wieder nach langer Zeit eine ordentliche Mahlzeit 
halten konnten. Die freudige Aufregung, welche sich hierdurch 
unserer schon traurig herabgestimmten Geschmacksorgane l>cmäch- 
tigte wurde noch ein wenig erhöht durch den Fischvorrath, welchen 
Mama Kiwaluk mitbrachte. Ein grösseres Glück aber als uns, 
gewährte diese Beute unseren Hunden, deren sichere Aussicht, ver- 
hungern zu müssen, dadurch wieder ein Wenig hinausgeschoben war. 

Offenbar standen wir am Vorabend grosser Ereignisse. Um 
unseren Hausbau in angenehmer und nützlicher Weise abzu- 
schliessen, machten wir dem „Eskimo-Baustil" die Concession, dass 
wir mit unsäglicher Mühe vor die Eingangsthür des Hauses eine 
kleine Vorhalle bauten, damit der Schnee doch nicht direct ins 
Innere dringen könnte. Gleichsam als Belohnung dafür wurden 
uns zwei grossartige Naturerscheinungen zu Theil, deren erste, ein 



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251 — 




252 



prachtvolles Nordlicht, mich so recht an meine Heimath erinnerte. 
Die zweite dagegen, ein ziemlich starkes Erdbeben, war mir weniger 
geläufig und bekannt. Es fand am 12. November Abends O 1 /^ Uhr 
statt. Zuerst hörte mau einen Laut, wie denjenigen eines weithin 
brausenden Sturmes, der sich von Nordwest her näherte und nach 
Südost fortpflanzte. Hierauf fing unser Haus an, während der 
Dauer einiger Sekunden zu zittern und in allen seinen Theilen zu 
schwanken. Alsdann herrschte wieder Ruhe wie zuvor und die 
Erscheinung war vorüber. 

Eisak erzählte mir, dass sich in dieser Gegend „während des 
Winters" häufig derartige Eni beben ereignen, während man im 
Sommer nichts davon hört oder sieht. Er fügte auch hinzu, dass 
unter den hier wohnenden Eskimos die Sage gehe, dass in alter 
Zeit ein Erdbeben mit einer starken Fluth über das Land gegangen 
sei, und dass nur einzelne Leute damals im Staude gewesen seien 
sich mit ihren Fellbooten auf den Gipfeln der höchsten Berge zu 
retten. So finden wir die Sage von der Sintfluth auch unter den 
Eskimos von Alaska wie bei so vielen Völkern der Erde ver- 
breitet. Die Erdbeben in Alaska sollen, wie Eisak hinzufügte, 
mitunter so stark sein, dass die Eisbedeckung auf der Oberfläche 
der Flüsse davon zerbricht. Die Eingeborneu nennen das Erd- 
beben: „Nuuaaudlarok", was so viel heisst als „die Erde geht". 
Sie geben eine sehr naive Erklärung dieser Erscheinung ab, indem 
sie zugleich die vulkanischen Ausbrüche damit in Beziehuug setzen. 
Sic glauben nämlich, dass sich die Felsen begatten und bezeichnen 
die vulkanischen Auswurfstoffe folgerichtig als „Kinder" der Felsen. 

In der That war das Erdbeben sowie das Nordlicht für mich 
der Vorbote grosser Ereignisse, denn wenige Tage darauf brach 
ich auf zu einer Reise, die, Anfangs nur für eine kurze Ent- 
fernung geplant, mich im Laufe der nächsten Monate bis fast zu 
dem westlichsten Punkte der neuen Welt, Cap Prince of Wales 
an der Beringstrasse führen sollte. 



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XVI. 

Beginn der Schlitten reise nach der Bcringsstrasse. Längs des Gestades des Norton - 
gundes. Die Sage vom Cap Jungfrau. Das geviertheilt« Mädchen. Ersteigung des 
Ufergebirges. Auf Schneeschuhen. Grimmige Kälte. Mr. Wool fe verirrt sich. Die 
Eskimos verbrennen die Schlittenbretter. Proviantmangel. Der „ Basti an-S ee 
und -Geiser". „Beunet-Lake". Ein Tagesmarsch ohne Nahrung. Tolle Schlitten- 
fahrt hinab nach Golowninbay. Ankunft bei Mr. Hartz in Singek. Guter Empfang 
und reichliche Mahlzeit. Grosses Eskimofest zu Ehren der Verstorbenen in Igniktok. 
Zusammenströmen von 200 Eskimos. SHimausereieu und Festlichkeiten. Ich 
werde zum Fest eingeladen. Das Kassigit. Der Zuschauerraum. Die Garderobe 
der Tänzer. Tanzhandschuhe aus Fischhaut. AdlerHügel als Ballfächer. Frauen- 
tänze. Lobgesang auf die Todten. Die Festmahlzeit. Heisse Atmosphäre iui Kassigit. 
Niederjagd als Zeitvertreib. Hustenepidemie. Eigentümlicher Gebrauch der 
Wände. Speiseopfer. Beleuchtung. Das Vertheilen der Geschenke durch das Ober- 
lichtfenster. Die Zahl 20 als höhere Zahleneinheit. Aufzählung der Geschenke. 
Kurze Nachtruhe. Fortsetzung des Festes. Kulinarische Genüssa. Alles schwimmt 
in Fischthran. Flüchtige Reinigung des Kassigit. Die Repräsentanten der Ver- 
storbenen scheeren sich die Haare ab und entkleiden sich. Geschenke von unsicht- 
barer Hand. Grosses Freuden- und Tanzfest. Rückkehr nach Golowninbay. 
Abreise nach Cap Prince of Wales an der Beringstrasse 2">. November 1882. 
Secbszehnstündige Schlittentour bei starkem Frost nach Eratlewik. Epidemische 
Hustenkrankheit. Zwei todte Eskimomädchen. Wilder Schmerz der Angehörigen. 
Wir dürfen kein Holz schlagen. Viertägige Arbeitseinstellung nach Todesfällen. 
Schamanenkur. Reinigungsprozedur der Festtheilnehmer von Igniktok. Fort- 
setzung der Reise nach Nordwesten. Der Nerkluk-River. 40 Grad R. Kälte. 
Das Uebersteigcn der 2000 Fuss hohen Wasserscheide. Im Rennthierzelt auf dem 
Gipfel. Die kälteste Nacht meines Lebens. Empfehlung des Rennthierzeltes für 
arktische Schlittenreisen. Mangel an Proviant. Der Frost treibt uns Morgens 
2 Uhr weiter. Der Dinineksee. Der Maknek-River. Unsere Hunde sind aus- 
genutzt. Wieder unter Menschen. Köstliches Obdach in einer kleinen Eskimo- 
hütte. Eiu Nephrit-Amulet. Das weisse Wunderthier. Freiwilliges Geleit. An- 
kunft in Kawiarak. Eskimodankfest für die glückliche Reise. Empfangsfeierlich- 
keit im Kassigit. Drei Eskimos aus Port Clarence. Festessen aus rohen gefrorenen 
Fischen etc. Zudringlichkeit der Bevölkerung. Fortsetzung der Reise. Der 
Imarsaksee. Ich werde im Dorfe Tukkerowik feierlich begrüsst. Ankunft in 
Singrak. Hütten von fünf Fuss Durchmesser. Wiederum ein Wunderthier. Die 
naive Forelleuköchin. Ich werde im Kassigit von Singrak grossartig empfangen. 
Multebeeren in Fischthran. Mein Eskimo-Appetit. Kahlköpfigkeit der Eskimos. 
Festtänze. Anklänge an die Tänze in West- Van couver. Ein Aeoord-Musikcr und 
seine Buchführung. Mongoloider Typus der Bevölkerung in Singrak. Neue 
Tänze. Fortsetzung der Reise nach Kingegan. Eistrift in der Beringsstrasse. Ich 

werde zur Umkehr gezwungen. 

Nach mehrtägiger Arbeit war es uns gelungen, meinen Reise- 
echlitten aus Birkenholz so weit zusammen zu stellen, als dies 



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ohne die dazu gehörenden ledernen Rieme, welche zum Zusammen- 
binden des Holzes gebraucht werden, die wir jedoch erst in 
Golowninbay erhalten konnten, möglich war. Wir vollendeten nun- 
mehr alle Vorbereitungen zur Reise nach Golowninbay und nach- 
dem eine Nachricht aus Unuktalik angekommen war, dass das 
Eis ziemlich gut halte, machten wir uns mit zwei Schlitten, vor 
welche fünf, respective vier Hunde gespannt waren, auf den Weg. 
Kaum hatten wir die Reise begonnen, als sich ein heftiges Schnee- 
gestöber erhob, welches uns bis 4 Uhr Nachmittags verfolgte, um 
welche Zeit wir Kjuwaggenak am Quinekak-River erreichten. Hier 
fanden wir Gelegenheit unsere nassen Kleider wieder zu trocknen 
und die müden Körper auszuruhen. In Kjuwaggenak war der 
Eskimo Orre, welcher von Fort St. Michael mitgekommen war, an- 
sässig und ich engagirte denselben, weil unsere beiden Schlitten zu 
schwach waren, um so viele Gegenstande durch den losen Schnee 
zu schleppen, uns mit einem Schlitten und vier Hunden zu be- 
gleiten und unsere Last zu erleichtern. Das Haus in welchem 
wir an diesem Abend schliefen, war nur 12 — 14 Fuss lang, 
trotzdem brachten in demselben etwa 25 Personen die Nacht 
zu und schliefen sämmtlich gut. Am nächsten Tage legten wir 
nur zwei Meilen zurück, indem wir den Quinekak-River bis zu 
seiner Mündung abwärts gingen, woselbst wir an einer Eskimo- 
hütte Halt machten. Hier traf uns ein Bote aus Orowignarak 
mit der Nachricht, dass zwei Schlitten quer über die Landenge 
von Kotzebuesund nach Eisak's Hause gekommen seien und dass 
Letzterer zurück kommen möge. 

Es gereichte mir zur Genugthuung, dass Eisak hierauf nicht 
einging, sondern nur einen seiner Leute zur Erledigung der ge- 
schäftlichen Angelegenheiten zurück sandte. Unsere Expedition 
bestand nunmehr aus sechs Männern nnd einer Frau. Wir blieben 
während der Nacht noch an diesem Punkte, konnten indessen 
nicht eine einzige Minute ruhigen Schlafes gewinnen, weil die 
Kinder und die Hunde sehr grossen Lärm machten. Somit war 
es uns denn eine Art Erholung, dass wir schon beim ersten Zeichen 
des Tages aufbrechen konnten. Der Weg führte uns von hier in 
der Richtung nach Westsüdwest längs des Gestades der Norton- 



bay, und obgleich wir weit hinaus nach links die offene See sehen 
konnten, so war der Eisfuss am Ufer doch breit genug, um 
unserem Schlittenzuge eine ungehinderte Passage zu gestatten. 
Nach wenigen Stunden jedoch gelangten wir zu einem steilen Vor- 
gebirge, welches in die See hineinragend unmittelbar vom Meere 
bespült wurde und kein Ufereis hatte. Hierselbst benutzten wir 
einige grössere Eisschollen als Fähren, indem wir mit je einem 
Schlittengespann darauf Platz nahmen und uns im seichten Wasser 
an dem Vorgebirge vorbeiruderten. Weiterhin waren wir einmal 
genöthigt, aus unsern Schlitten eine Brücke zu bilden. Es war 
schon gegen Abend geworden, bevor wir diese schwierige Stelle 
passirt hatten. Mir war die Rolle zuertheilt worden, immer voran 
zu gehen und das Terrain zu erforschen, bei welchem Geschäft 
ich einmal ins Wasser gefallen, und total durchnässt war. Die 
Kälte war stark und das Schneegestöber begann sich zu ver- 
grö8sern. Somit waren wir froh, als wir gegen Abend ein ver- 
lassenes Haus erreichten, in welchem wir übernachteten. 

Dieser Punkt, welcher nur während der Monate März, April 
und Mai zur Zeit der dann stattfindenden Seehundsjagd bewohnt 
ist, heisst Cap Jungfrau, d. h. in Eskimosprache Newiarsualok. 
Mit diesem Namen hat es folgende Bewandniss: Die Bewohner 
der Gegend von Schaktolik bis Golowninbay, also die eigent- 
lichen Anwohner des innersten Theilee von Nortonsund, welcher, 
wie schon öfter erwähnt, Nortonbay heisst, sind vom Norden her, 
vom Kotzebuesund, eingewandert, und haben die früheren Be- 
wohner theils nach Süden, theils nach Westen verdrängt. Hier- 
durch entstand Feindschaft zwischen den ehemaligen Bewohnern 
und den eingedrungenen Mallemuten. Das Ende vom Liede war, 
dass die Schaktolikmuten sich endlich aufrafften, alle ihre Krieger 
sammelten und die Newiarsualokmuten plötzlich überfielen. In 
dem hierbei entstehenden Kampfe wurden säramtliche Newiarsualok- 
muten getödtet, mit Ausnahme eines jungen hübschen Mädchens. 
Dieses wurde von den grausamen und unmenschlichen Siegern 
dazu verurtheilt, ein viel grässlicheres Schicksal zu erdulden als 
alle ihre Landsleute. Nachdem #ie in schändlicher Weise behan- 
delt worden war, band man sie an Händen und Füssen zwischen 



256 



vier Kajaks, deren Mannschaften auf ein gegebenes Zeichen nach 
verschiedenen Richtungen vorwärts fuhren, wodurch das unglück- 
liche Wesen in grässlicher Weise geviertheilt worden sein soll. 
Da dies gerade bei dem genannten Vorgebirge passirte, erhielt 
dasselbe den Namen Cap Jungfrau. 

Für uns wurde dieses Cap auch zu einem eutscheidenden 
Punkte für unsere Reise insofern, als das Wasser hiersei bst voll- 
kommen offen war und das Eis auf See sich in starker Bewegung 
befand. Wir mussten uns daher entschliessen , anstatt den Weg 
längs des Ufers fortzusetzen, über das hohe und steile Gebirge 
zu gehen. Wir trafen durchaus kein günstiges Terrain an, denn 
nachdem wir das hohe und steile Ufergebirge erstiegen hatten, 
fanden wir oben auf der Höhe eine dichte Busch- und Waldbe- 
dockung, welche mit losem Schnee hoch überschüttet war. Man 
glaubt kaum, welche ungeheure Schwierigkeit es uns verursachte, 
als wir mit drei Mann unter Zuhilfenahme von Aexten uns einen 
Weg durch diese arktische Urwildniss zu bahnen gezwungen waren, 
indem wir die Büsche niederschlugen und den Schnee feststampften. 
So ging es bergauf und bergab. Nachmittags, als wir wieder 
einen hohen Berg erstiegen, erhob sich ein so dichtes Schnee- 
gestöber, dass Mr. Woolfe, welcher an diesem Tage zum ersten- 
mal Schneeschuhe trug, und deshalb etwas zurück blieb, uns aus 
dem Gesicht verlor und sich verirrte. Wir mussten deshalb Halt 
machen und hörten seinen lauten Ruf, der ihn wieder mit uns 
vereinigte. Nach Dunkelwerden machten wir in einem Walde Halt 
und bald brannte ein grosses Feuer, über welchem wir uns Fische 
und Thee kochten. Unser Nachtlager bestand aus den trockenen 
Aesten des Waldes nachdem wir den Schnee vom Erdboden weg- 
geschaufelt hatten. Wir waren müde genug, um nach dem 
Trocknen unserer Kleider ungewiegt zu schlafen. 

Am anderen Morgen überzeugten wir uns davon, dass wir 
uns am Tage vorher verirrt hatten, und dass ein grosser Theil 
der von uns daselbst ausgeführten Arbeit unnöthig gewesen wäre. 
Wir hätten unseren Marsch um vier Wegstunden abkürzen können. 
Wir trösteten uns damit, dass geschehene Dinge nicht zu ändern 
sind und setzten unseren W r eg bis Nachmittag durch den Wald 



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— 257 - 



fort, wobei wir es mit grosser Freude begrüssten, dass wir uns 
wenigstens nicht, wie am Tage zuvor, durchschlagen mussten. 
Gegen Abend erreichten wir im Westen, nachdem der Wald auf- 
gehört hatte, den kahlen felsigen Abhang des Gebirges, welcher 
hinab nach Golowninbay fuhrt. In den Thalschluchten und au 
den Ufern der kleinen Wasserlaufe trifft man hier überall nie- 
driges Weidengestrüpp an. An einer dieser Stelleu kampirten wir 
beim Dunkelwerden. Aber das Gebüsch gab nicht das nöthige 
Brennmaterial her und da es für uns durchaus nothwendig war, 
uns zu erwärmen und unsere Speisen zu kochen, auch die Kalte 
immer grimmiger wurde, so rissen die Eskimos ohne Weiteres die 
Hälfte der Querbretter unserer Schlitten ab und entzündeten damit 
ein Feuer. Auch letzteres gelang erst nach vielen Anstrengungen, 
indem zwei von uns fortwährend ihre Schlafdecken über dem 
Feuer schwangen, um den nöthigen Luftzug zu erzeugen. Zuletzt 
gelang es uns einen warmen Thee zu erhalten, zu welchem wir 
als Zubrod eine kleine Quantität von rohem getrockneten Lachs 
verzehrten. 

An diesem Tage passirten wir eine von Westen nach Osten 
laufende Gebirgskette, von deren Höhe aus wir in einem nord- 
wärts gelegenen Thal eine Dampfwolke aufsteigen sahen. Es be- 
fand sich dort ein kleiner See nebst einer heissen Quelle, worüber 
mir die Eskimos schon mehrfach Mittheilungen gemacht hatten. 
Da ich der erste Weisse war, der dieses Naturwunder erblickte, 
so nahm ich mir die Freiheit, es zu Ehren des Directors des 
Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin zu benennen und 
ihm die Bezeichnung „Bastian-See und -Geiser" zu geben. 
Einen nordöstlich davon gelegenen mit warmen Quellen versehenen 
See hatte mein Reisegefährte kurz vorher „Bennett-Lake" ge- 
nannt. 

Ich hatte von Orowignarak aus dem Grunde nur sehr wenig 
Proviant mitgenommen, weil ich denselben für die spätere Reise 
schonen wollte, und auf diesem kleinen Ausfluge, der wie ich 
ursprünglich beabsichtigte, nur bis Golowninbay gehen sollte, Nah- 
rungsmittel genug zu haben glaubte. Für die Rückreise dachte ich 
würden die drei Büchsen Bisquit, die vier Büchsen Mehl und 

A. Woldt, Capitata Jacobsen'» Reis«. 17 



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— 258 — 



verschiedene andere Sachen, welche Mr. Hartz von der Golownin- 
Mining-Company für mich durch den Schooner „Leo" erhalten und 
aufbewahrt hatte, augreichen. 

Die eisig kalte Nacht, welche wir hier zubrachten, war nicht 
dazu angethan, uns lange liegen zu lassen, und wir hatten um so 
weniger Lust, hierselbst zu verweilen, als wir wussten, dass das 
ersehnte Ende unserer Reise durch einen Tagesmarsch zu erreichen 
war. Lange vor Tagesanbruch standen wir daher auf, .hielten uns 
indessen nicht damit auf, Thee zu kochen, weil uns dieses unter 
den obwaltenden Umstanden mindestens drei Stunden Zeit ge- 
kostet haben würde, falls es uns überhaupt gelungen wäre, Feuer 
zu bekommen. Es war ein Glück für uns, dass der Schnee hier 
oben auf der Höhe des Ufergebirges glatt und fest lag, so dass 
wir unseren Marsch ziemlich schnell fortsetzen konnten. Gegen 
Mittag begann das Terrain sich allmälich nach Golowninbay hinab 
zu senken, und da sich unser Aller eine gewisse Unruhe bemächtigt 
hatte, so begannen wir erst langsam, dann immer schneller und 
schneller den Abhang hinabzugleiten, bis wir endlich mit der Ge- 
walt eines Eisenbahnzuges die schluchtartige, schneebedeckte Eiu- 
senkung hinuntersausten und auch ins Fallen und Stürzen ge- 
riethen. Es war eine jener tollen Fahrten, wie sie bei derartigen 
Expeditionen nicht ganz vereinzelt dastehen und gewöhnlich 
ohne besondere Unfälle zu verlaufen pflegen. So erging es 
auch uns, und obgleich ich bei einem Falle unterwegs beinahe 
den Fuss brach, einer der Hunde unter den Schlitten kam und 
halb todtgedrückt wurde, so gelangten wir doch Alle um 3 Uhr 
Nachmittags nach Singek, dem Wohnorte des Mr. Hartz, am 
Ufer der Golowninbay. 

Hierselbst wurden wir von zwei der anwesenden Amerikaner 
aufs Freundlichste empfangen und gut bewirthet, was uns, da wir 
an d.?sem Tage noch gar nichts gegessen hatten, sehr wohl that. 
Mr. Hartz war nicht zu Hause, da derselbe sich zu einem grossen 
Eskimofest nach Igniktok begeben hatte, welches unter ungeheurer 
Betheiligung der näher und entfernter wohnenden einheimischen 
Bevölkerung schon mehrere Tage gedauert hatte. 

Die Gelegenheit, an einem dieser grossen, für die Völker- 



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künde so wichtigen Feste theil- 
zunehmen, war viel zu ver- 
führerisch, als dass wir es uns 
hätten versagen sollen, die- 
selbe zu benutzen. Da mein 
Reisekollege Mr. W o o 1 f e sehr 
müde war, so entschloss ich 
mich, am anderen Morgen 
einen der in Singek wohnen- 
den Amerikaner mit mir nach 
Igniktok zu nehmen. Wir 
fuhren bei einem scharfen 
Nordwinde und Frost mit zwei 
Schlitten und dreizehn Hun- 
den ab und passirten die Ort- 
schaften Singakloget und Oja- 
ralik. Unterwegs, als wir über 
den steilen Rücken eines Vor- 
gebirges fuhren, begegnete 
uns Mr. Hartz, der wieder 
nach seinem "Wohnorte zurück- 
kehrte und interessante Mit- 
theilungen über das Fest 
machte. Um ein Uhr Nach- 
mittags kamen wir in Ignik- 
tok an. 

Selten mag es sich er- 
eignen, dass in einer der nörd- 
lichen Ortschaften von Alaska 
sich wie hier die grosse An- 
zahl von zweihundert Eskimos 
vereint findet, um eine volle 
Woche lang und darüber ihre 
eigentümlichen Schmause- 
reien und Festlichkeiten ab- 
zuhalten. Schon allein die 



259 - 




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— 260 — 

Ernährutigsfrage so vieler Personen spielt hierbei eine wichtige 
Rolle, ferner aber auch die Frage des Unterkommens und Schla- 
fens, so bescheiden auch in Bezug auf den letzten Punkt die 
Ansprüche jener Leute sind. 

Wir wurden sofort bei unserem Ankommen eingeladen, am 
Feste theilzunehmen. Ich muss gestehen, dass ich erstaunt war, 
als ich in das Festhaus, das sogenannte Kassigit, trat. Rings an 
den Wänden waren wie in einem Amphitheater drei Reihen über 
einander befindlicher Plätze angebracht, wobei vermöge der eigen- 
tümlichen Bauart der Eskimohäuser alle vier Seiten des Innen- 
raumes ausgenutzt werden konnten. Bekanntlich befindet sich 
der einzige Eingang dieser Festhäuser etwa in der Mitte des Hauses 
und besteht aus einem kleinen runden Loch, welches nur so gross 
ist, dass von unten herauf ein Mann darin aufsteigen kann. Auf 
die untersten Platzreihen an den Wänden hatten sich die Eskimo- 
weiber hingestellt, der mittlere Rang wurde von den erwachsenen 
Männern eingenommen und daselbst die Ehrengäste, unter Anderen 
mein amerikanischer Goldsucher und ich selbst, placirt Auf der 
Gallerie über uns sass die zahlreiche, muntere, lebhaft schwatzende 
Kinderschaar, die jungen Mädchen und Knaben. Die Tänze fandeu 
in dem viereckigen Mittelraum des Hauses, rings um die Eingangs- 
öffnung statt. 

Die Trommel bestand aus einem grossen, schmalen Holz- 
reifen, der tamburinartig mit durchscheinendem Fell überspannt 
war; sie hatte einen Handgriff* und wurde in der Art benutzt, 
dass mit dem Trommelstock nicht auf das Fell, sondern auf den 
Rand geklopft wurde. An diesem Tage begann das Fest mit einem 
einleitenden Gesang. Alsdann traten die Acteure, eine Anzahl 
erwachsener Eskimos, in den leeren Mittelraum und begannen sich 
vor den Augen sämmtlicher Zuschauer und Zuschauerinnen zu 
ko8tümiren, indem sie ihre Pelzkleidung gänzlich ablegten und 
dafür Kleidungsstücke, die aus weissem Callico bestanden, anzogen. 
Da bei den Eskimos jene eigentümlichen Tanzrasseln, mit welchen 
die Indianer der Nordwestküste Amerikas bei ihren Festen den 
Takt der Gesänge und Tänze begleiten, nicht gebrauchlich sind, 
so ersetzen diese Leute dieselben in sinnreicher Weise durch 



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lange Handschuhe, welche aus Fischhaut angefertigt sind und 
bis zur Schulter hinaufreichen. Diese Tanzhandschuhe sind mit 
zahlreichen rothen Schnäbeln des Papageientauchers verziert, welche 
beim Gestikuliren des Tänzers ein rasselndes Geräusch erzeugen. 
Diese Handschuhe werden nicht zugeknöpft, sondern durch ein 
gemeinsames Schulterband gehalten. 

Einige der Tänzer trugen einen Kopfring mit ein oder zwei 
Adlerfedern ; ein besonders fescher Tänzer hatte sogar einen ganzen 
Adlerschwanz an seinem Kopfring derartig befestigt, dass diese 
Dekoration von der Stirn des Eskimos an aufwärts ragte. Als 
Ballfächer dienten Adlerflügel, welche während der Pausen von 
den Tänzern mit grosser Lebhaftigkeit bewegt wurden, während 
sie beim Tanzen selbst auf der Brust der Leute ruhten. 

Auch eine Anzahl von Frauen betheiligte sich am Tanz. 
Diese Schönen Alaskas legten als Tanzkostüm baumwollene, vorn 
geschlossene Kaputzenhemden an und trugen in jeder Hand eine 
an einem Holzstiel befestigte Adlerfeder, die sie, wie nach dem 
Commaudo: „Gewehr an!" zwischen Daumen und Zeigefinger trugen, 
oder auch gelegentlich durch die Luft schwangen. 

Das Fest war keine jener gewöhnlichen Feierlichkeiten, welche 
sich häufig wiederholen, sondern es hatte eine seltene und wichtige 
Veranlassung. Es fand zu Ehren einer Anzahl von Verstorbenen 
statt und legte den Hinterbliebenen die Verpflichtung auf, au 
diejenigen, welche die Gräber dieser Todten bis dahin in Ordnung 
gehalten und gepflegt hatten, ihr Hab und Gut zu verschenken. 
Nachdem sich die Geheimnisse der Garderobenkünste vor den Augen 
des versammelten Volkes entwickelt hatten, gab der Trommel- 
schläger ein Zeichen, worauf ein Gesang zu Ehren der Todten 
angestimmt wurde. Es wurden in diesem Gesänge die Helden- 
taten der Verstorbenen gepriesen und der Reihe nach aufgezählt, 
in ähnlicher Weise, wie ich dieses auf den Indianerfesten in British- 
Columbien gehört hatte. Nach dem Takte des Gesanges und be- 
gleitenden Trommelschlages begannen nun die Männer mit Armen 
und Beinen zu manövriren, indem sie den Boden stampften und 
die Arme in Fechterposition wechselseitig ausstreckten. Die Frauen 
blieben beim Tanzen fast auf derselben Stelle stehen, indem sie 



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unablässig eine halbe Kniebeuge ausführten und mit den wagerecht 
gehaltenen Händen, in denen sie die Adlerfedern trugen, zitternde 
Bewegungen ausführten. 

Nach drei Tänzen und begleitenden Gesängen trat eine Pause 
ein, welche mit einer Festmahlzeit ausgefüllt wurde. Die holde 
Weiblichkeit übernahm hierbei das Amt der Bedienung bei Tafel. 
Es wurden hölzerne Schüsseln hereingebracht, welche vollgepackt 
waren mit getrocknetem Lachs, schwarzen und rothen Beeren, 
Lachsrogen u. A. m. Wie immer bei solchen Festen herrschte in 
dem Hause eine ungeheure Hitze und ein in Anbetracht der Aus- 
dünstung so vieler pelzbekleideter Menschen erklärlicher entsetz- 
licher Mangel an Wohlgeruch der Atmosphäre. Während das Essen 
hineingebracht wurde, ergaben sich die meisten Festgenossen einein 
ganz eigentümlich originellen Privatvergnügen eigener Art, indem 
sie die Pelzbekleidung ihres Oberkörpers ablegten und — ich kanu 
es nicht delikater ausdrücken — der Niederjagd oblagen. Man 
musste es wohl merken, dass man sich auf einem echten Eskimo- 
feste befand, denn es fehlte auch nicht au anderen unsere Sinne 
aufs Höchste beleidigenden Vorkommnissen, die von dem naiven 
Reinlichkeitsgefuhl jener Leute Zeuguiss ablegten. Wie so häufig 
litt auch in dieser Versammlung der grösste Theil der Eingeborenen 
an starkem Husten, und da nun selbstverständlich Niemand ein 
Taschentuch besass und die dicht gedrängte Menge kaum Platz 
fand, um auf den Erdboden zu speien, so bediente man sich der 
Wände als Spucknäpfe. Die aufgetragenen Speisen wurden nicht 
ohne Weiteres in Angriff genommen, sondern, bevor man sie be- 
rührte, wurden kleine Stückchen davon gewissermassen als Opfer 
zu Boden geworfen, wobei sich die Lippen der Eskimos wie im 
leisen Gebet bewegten. 

Die Erleuchtung des Kassigit (Festhauses) wurde durch etwa 
zehn Lampen hergestellt, welche auf hohen hölzernen Pfosten standen. 
Diese Lampen bestanden meistenteils aus unbrauchbar gewordenen 
alten eisernen Bratpfannen, deren Stiele abgebrochen waren; einige 
Lampen waren auch aus Thon gearbeitet und stammten wohl noch 
aus jener Zeit her, bevor die Amerikaner und Russen nach Alaska 
kamen und die Eingeborenen mit ihren Tauschartikeln versaheu. 



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Nach Beendigung des Essens wurde das Oberlichtfenster in 
der Mitte des Daches herausgenommen und es begann ein Schau- 
spiel ganz eigener Art, indem nunmehr der grosse Akt des Ver- 
theilens der Geschenke sich abspielte. Man würde so viel Gegen- 
stände, wie ich weiter unten aufzählen werde, kaum durch das 
gewöhnliche Einsteigeloch in der Mitte des Fussbodens haben hinein- 
bringen können und versuchte dieses auch gar nicht, sondern wählte 
den Weg durch das Oberlichtfenster. Es bot eine hübsche Augen- 
weide dar, als eine lange Leine von oben durch die Fensteröflnung 
hinabgelassen wurde, welche die Eskimos langsam herunterzogen. 
An dieser Leine befand sich alle paar Fuss einer der als Geschenk 
zu vertheilenden Gegenstande. Da die dortigen Eskimos nicht 
nach dem dekadischen Zahlensystem, sondern nach der Anzahl ihrer 
Finger und Zehen rechnen, so entspricht die höhere Zahleneinheit 
der Zwanzig. Die Geschenke waren deshalb auch immer in Gruppen 
zu 20 angeordnet. Während diese Gegenstände langsam hinab- 
gezogen wurden und bald den Innenraum des Festhauses mit ihrer 
stattlichen Menge anfüllten, wurde ein gemeinsamer Gesang vor- 
getragen. Der Inhalt des letzteren besagte, dass nunmehr das 
Eigenthum der Verstorbenen vertheilt würde, und dass alle An- 
wesenden eingeladen seien, ihren Theil von der Erbschaft zu em- 
pfangen. Hierbei wurde der Verstorbene ausserordentlich gelobt, 
indem darauf hingewiesen wurde, dass er ein grosses Vermögen 
hinterlassen habe. 

Es dürfte vielleicht angemessen sein, wenn ich die Geschenke 
hier anführe. Es wurden vertheilt: 

20 Stück Nähtascheu aus Rennthierfell. 

20 Stück Regenmäntel für Kinder. 

20 Stück Tücher. 

20 grosse Kamelikas, Regenmäntel aus Seehundsuetz. 

20 Paar Stiefeln. 

20 Paar kleine Seehundsblaseu. 

20 Faden buntes Baumwollenzeug. 

20 Hemden von buntem Baumwollenzeug. 

20 Matten für Kajaks. 

20 Seehundsblasen. 



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20 Stück Unterhosen. 
20 Paar FrauenstiefeL 
20 Kainelikas. 

20 Nähsäcke aus Lachshaut. 

20 geschnittene Riemen aus Seehundefell. 

20 europäische Messer. 

5 Stück grosse Maklak-(Seehunds-)Felle. 
20 Bündel getrockneter Lachse. 

20 Stück Fenster, respective die Seehundsdärme dazu. 
20 Stück Nähtaschen aus Walroskehlen. 
20 Paar wasserdichte Handschuhe. 
20 Schwimmblasen zur Harpunenleine. 

5 Stück Rennthierfelle. 
20 Tabaksdosen. 
20 Säcke aus Lachsfell. 
20 Bogen und Pfeile für Kinder. 
20 Paar Hundeschuhe. 
2 Ö Kamelikas. 
20 Paar kleine Stiefeln. 
20 Paar Kinderstiefeln. 
20 Paar Stiefel für Erwachsene. 
20 Vorspitzen für Harpunen. 
20 Harpunen. 

20 hölzerne Speiseschüsseln. 
20 Vogelharpunen. 

20 Blasen zu Vogelharpunen u. s. w. 

Es dauerte einige Stunden, bevor die Sachen hinabgelassen 
waren und nahm fn*t die ganze Nacht in Anspruch, bevor alles 
an die Theilnehraer des Festes vertheilt" worden war. Es war wohl 
Niemand in der Versammlung, der nicht seine Geschenke erhielt; 
auch ich bekam eine Kamelika, ein Paar Stiefel, eine Nähtasche 
aus Walrosskehle, eine Blase und ein Maklak-SeehundsfelL Leider 
wurden mir diese Gegenstände späterhin in Golowninbay sämmt- 
lich gestohlen. Es war fast Morgen geworden, als ich ein Quartier 
aufsuchte, um wenigstens eine oder zwei Stunden laug zu schlafen. 
Da die wenigen Häuser in Iguiktok von Eskimos überfüllt waren, 



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so war es nicht leicht, ein Unterkommen zu finden, es half mir 
indessen die stets gegen die weissen Leute an den Tag gelegte 
Bereitwilligkeit und das Entgegenkommen über diese Schwierig- 
keit hinweg. 

Bereits in deu ersten Vormittagsstunden begab ich mich wieder 
ins Kassigit, woselbst die Festlichkeit wieder ihren Anfang ge- 
nommen hatte. Mau muss gestehen, dass die Eskimos, welche 
schon fast vollzählig wieder versammelt waren, es verstanden, die 
Festtage bis aufs Aeusserste auszunutzen. Der heutige Tag war 
ausschliesslich den kulinarischen Genüssen gewidmet; ich bekam 
dabei einen Beweis, 
welche ungeheuren 
Quantitäten Speise 
und Trank bei sol- 
chen Gelegenheiten 
ein Eskimo zu sich 
zu nehmen vermag. 
Kolossale Mengen 
von getrockneten 
Lachsen, von schwar- 
zen Beeren, Blaubee- 
ren und Multebeeren, 
sowie grosse Mengen 

von Seehundsspeck wurden herangeschafft; dazu kamen abgezogene 
Seehundsfelle, die ganz mit Fischthran gefüllt waren. Die Mahl- 
zeit dauerte ununterbrochen eine Reihe von Stunden, und nament- 
lich imponirten mir dabei als tüchtigste Esser meine eigeueu Leute, 
welche auf unserer Herreise oben im Gebirge so sehr hatten hungern 
müssen. Man schnitt den rohen Seehundsspeck in Streifen, steckte 
diese in den Mund so weit es ging und schnitt sie mit einem der 
breiten steinernen Eskimomesser dicht am Munde ab. Ich kann 
übrigens aus eigener und dazu langjähriger Erfahrung versichern, 
dass roher Seehuudsspeck, besonders wenn er etwa 14 Tage in 
Salz gelegen hat, ganz vorzüglich schmeckt, wenigstens habe ich 
ihn in meiner Heimath, in der Nähe des Nordcaps während mei- 
ner Kinderjahre viel gegessen. Jeder, der sich an eins unserer vier 




Von der Halbinsel Prince of Wale». 

1—3. Kamme aus MammuthzSbncn. 4—5. Kämme zur Rei- 
nigung der Bennthierfelle. 



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— 266 — 



bis fünfstündigen modernen Festessen erinnert, wird wissen, dass die 
Festtafel gegen Ende des Mahles selbst in unseren civilisirten 
Gegenden nicht immer den schönsten Anblick gewährt Man denke 
nun aber, wie es bei den Eskimos aussah, wo nicht ein Heer von 
hilfsbereiten Dienern die Spuren der einzelnen Gänge beseitigte. 
Es dauerte gar nicht lange, so schwamm alles in Fischthran und 
der Fussboden, die Holzpfeiler, die Sitzplätze, die Wände und 
sämmtliches Speisegeschirr, sowie die Gesichter des starken und 
schwachen Geschlechts glänzten so prächtig von Fett, als wären 
sie soeben erst vermittelst eines Maurerpinsels mit Fischthran an- 
gestrichen worden. 

Wie bei den Indianern der Nordwestküste Amerikas die 
Speisen in überreicher Fülle aufgetragen werden, so geschah es 
auch hier, und wie jene die Ueberreste der Mahlzeit mit nach 
Hause nehmen, so thaten dies auch die Eskimos. Ganze Schüsseln 
voll Esswaaren und Seehundsfelle voll Thran wurden aus dem 
Kassigit geschleppt; als dann alles weggetragen war und der Raum 
sich geleert hatte, wurde von den Festgebern eine Art oberfläch- 
licher Reinigung des Innern vorgenommen, worüber es Abend 
wurde. Die Gastgeber selbst gehörten, wie ich erfuhr, fünf ver- 
schiedenen Familien an, welche sich gemeinsam zu diesem Feste 
vereinigt hatten, um das Andenken der fünf Verstorbenen zu 
feiern. Im Namen jeder Familie fungirte ein Mitglied derselben 
als Repräsentant beim Feste. Während das Kassigit gereinigt 
wurde, ging mit diesen fünf Familien-Repräsentanten eine merk- 
würdige Veränderung vor, indem sie sich nämlich, als ein äusseres 
Zeichen dafür, dass sie Alles zu Ehren der Verstorbenen ver- 
schenkt hatten, sämmtliche Haare des Körpers vollständig ab- 
schoren. Alsdann begannen diese fünf Vertreter, welche aus zwei 
Männern, zwei Frauen und einem Jungen bestanden, sich dem 
herrschenden Gebrauche bei diesen Feierlichkeiten gemäss zuletzt 
auch noch des einzigen Besitzthums, ihrer Kleidung, zu entledigen 
und warfen dieselben aus dem Kassigit hinaus. Nunmehr konnten 
sie mit Fug und Recht behaupten, dass sie absolut gar nichts 
mehr besässen. Diese bis aufs Aeusserste getriebene Entsagung 
wurde sofort belohnt, indem von unsichtbarer Hand Kleidungs- 



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stücke geflogen kamen, welche die fünf Personen sofort an- 
zogen. 

Als auf diese Weise die Angelegenheiten der Todten erledigt 
waren, widmete man sich in einem Schlussakt der Feierlichkeit 
den Lebendigen. Es wurde nunmehr unmittelbar darauf ein grosses 
Freuden- und Tanzfest abgehalten, zu dem alle bisherigen Theil- 
nehmer eingeladen wurden. Dieselben erschienen ganz neu ge- 
kleidet, und es nahmen die fröhlichen Gesänge mit Trommelschlag 
und Tanz ihren Anfang. Die Männer, welche sich am Tanze be- 
theiligten, waren an ihrem Oberkörper unbekleidet, die Frauen 
hingegen trugen ihre gewöhnlichen Kleidungsstücke. In den Tänzen 
selbst bemerkte ich keine Abweichung gegen früher; es war das- 
selbe Stampfen der Männer und dieselbe Kniebeugung der Frauen, 
wie ich sie schon am Tage vorher gesehen hatte. Während des 
Tanzes fiel einer der Männer zu Boden, worauf er sich sclileunigst 
aufraffle und das Kassigit verliess; es erinnerte mich dies sowie 
einige andere Züge auf diesem Eskimofeste an Einzelheiten der 
grossen Tanzfeste, welche ich in British -Columbien kennen ge- 
lernt hatte. So soll früher bei den Quakult-Indianern der Gebrauch 
geherrscht haben, dass Jemand, welcher beim Tanzen hinfiel, sofort 
von den anderen getödtet wurde, falls es ihm nicht gelang, sich 
durch rasche Flucht zu retten. Es war bereits 1 Uhr Nachts, als 
auch das Tanzfest in Igniktok sein Ende erreichte. 

Obgleich wir seit mehreren Tagen und Nächten nicht ge- 
schlafen hatten, machten wir uns bei dem schönen hellen Mond- 
schein bereit, nach Golowninbay zurückzukehren. Da Papa Eisak 
es vorzog, noch hier zu bleiben, so musste ich mich mit einem 
Schlitten allein auf den Weg machen. Mein Gepäck war nicht 
schwer, denn ich hatte in Igniktok nur wenige ethnologische Gegen- 
stände kaufen können. Das Wetter war hell und klar, der Schnee 
hart gefroren, so dass die Reise ziemlich schnell von statten ging 
und ich bereits um 5 Uhr Morgens den Wohnort des Hrn. Hartz 
und der anderen amerikanischen Goldgräber, das Dorf Singek am 
Ufer der Golowninbav, wieder erreichte. 

Von den vielen Gästen in Igniktok war eine der für mich 
interessantesten Persönlichkeiten ein Eskimo gewesen, welcher aus 



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268 — 



dem Dorfe Kawiarak im fernen Westen der Prince of Wales-Halb- 
insel stammte und die weite Reise nach Igniktok nur deshalb aus- 
geführt hatte, um am Feste theilzunehmen. Da er jetzt wieder 
dorthin zurückkehrte, so war dies für mich eine geeignete Ge- 
legenheit, um mit ihm zu reisen und seine Heimath kennen zu 
lernen. Ich hatte mit ihm bereits in Igniktok Verhandlungen an- 
geknüpft, und hatten wir verabredet, das» er bei der Rückfahrt 
mich in Singek abholen sollte. Er erschien auch noch an demselben 
Abend, so dass ich nur einen Tag bei den Amerikanern verweilte, 
mit denen ich mich auf dem schönen glatten Eise der Golowninbay 
mit Schlittschuhlaufen amüsirte. Als der Eskimo mit mir die 
Verabredung getroffen hatte, dass wir bereite am andern Morgen 
abfahren sollten, traf ich so schnell als möglich meine Vorberei- 
tungen. Es war eigentlich ein gewagtes Unternehmen für mich, da 
ich von Orowignarak nur zu einem flüchtigen Besuche nach Golow- 
ninbay aufgebrochen war und meine Vorräthe an Tauschwaaren, 
welche ich auf dieser kleineren Tour mit mir führte, keineswegs für 
die grössere und anstrengendere Tour nach Kawiarak ausreichen 
konnten. Auch hatte ich immer noch nicht die von mir bereits seit 
langer Zeit bestellten und sehnlichst erwarteten Hunde erhalten. 

So sah ich mich denn genöthigt, die Freundschaft des Herrn 
Hartz in Anspruch zu nehmen und von ihm dasjenige an Baarem, 
was ich nicht besnss, zu leihen, während ich gleichzeitig mich aus 
den mit dem Dampfer „Leo" gebrachten Vorräthen mit dem Nötig- 
sten versah. Da ein Weisser bis jetzt noch nicht die Tour von 
Golowninbay westwärts durch die Halbinsel Prince of Wales aus- 
geführt hatte, so verfehlte mein Unternehmen nicht, die Sympathien 
der weissen Leute sowohl wie der Eskimos wachzurufen, und 
man gab mir namentlich allseitig den guten Rath, unter keinen 
Umstanden nach dem Dorfe Kingegan am Cap Prince of Wales 
unmittelbar an der Beringstrasse zu gehen, da dessen Bewohner in 
dem schlechten Rufe stehen, die gefürchtetetcn Piraten der Halb- 
insel zu sein. 

Unser Expeditiousmaterial bestand aus einem schwer beladenen 
Schlitten, welcher von sechs Hunden gezogen wurde. Wir standen 
am andern Morgen — es war Sonnabend den 25. November 1882 — 



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— 269 — 

sehr früh auf und machten uns bei prächtigem Mondschein und 
herrlichem Wetter reisefertig. Jedoch wir waren nicht die Einzigen, 
sondern es hatten sich von dem Feste in Igniktok noch fünf 
Schlitten eingefunden, deren Besitzer in Eratlewik, welches etwa 
auf dem dritten Theil des "Weges nach Kawiarak liegt, wohnten 
und dorthin wieder zurückkehrten. Der Weg führte uns gemeinsam 
nach Nordwesten über die weite, langgedehnte, hartgefrorene Fläche 
der Golowninbay. Zwei von uns halfen den Schlitten ziehen, wäh- 
rend einer, wie es hier Sitte ist, vorausging, um den Weg zu 
untersuchen. So ging es leidlich vorwärts, so dass wir bei Tages- 
anbruch bereits die Golowninbay in ihrer ganzen Lange durch- 
fahren hatten und uns an der Mündung des Fisch- oder Eratlewik- 
River befanden. 

Der Fluss, auf dessen gefrorener Oberfläche wir uns beweg- 
ten, macht so viele Krümraungen, dass es nur langsam vorwärts 
ging. Um 1 Uhr Mittags langten wir bei einem verlassenen 
Sommerhause au, woselbst die Mannschaft von drei Schlitten in 
Anbetracht des grossen an diesem Tage zurückgelegten Marsches 
Nachtquartier machte. Meine Leute hatten den berechtigten Wunsch, 
dasselbe zu thun; dies stimmte aber durchaus nicht mit meiner 
Absicht überein, und wir setzten deshalb mit den beiden übrigen 
Schlitten die Reise fort. Es war dies ein hartes Stück Arbeit, 
denn als wir, um einen grossen Bogen des Flusses zu umgehen, 
quer über Land fuhren, mussten wir uns mühsam durch dichtes 
Gestrüpp und Buschwerk hindurch arbeiten. Es herrschte an 
diesem Tage ein ausserordentlich starker Frost, so dass sich unsere 
Augen jeden Augenblick mit Eis füllten und wir beim Abwischen 
desselben die Augenhaare mit herausrissen; in solcher Temperatur 
verwandelt sich ein langer Bart bald in einen schweren Eisklum- 
pen, weshalb Jeder den Bart so kurz als möglich geschnitten trägt 

Es wurde bald dunkel, und da unser Ziel noch sehr weit 
war, so mussten wir unterwegs etwas von unserem schweren Gepäck 
ablegen. Erst gegen 9 Uhr Abends langten wir halb todt vor 
Ermüdung, denn wir hatten 16 Stunden lang helfen müssen, den 
Schlitten zu ziehen, m Eratlewik an. Hier trafen wir es für uns 
sehr ungünstig an, da hierselbst eine Art Epidemie herrschte, an 



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— 270 — 



welcher soeben zwei junge Mädchen gestorben waren, während eine 
Anzahl anderer lebensgefahrlich erkrankt war. Das rein Mensch- 
liche, wie ich es so oft schon bei Naturvölkern in verschiedenen 
Theilen der Erde beobachtet hatte, trat auch hier wieder in dem 
Schmerz der Angehörigen so recht in den Vordergrund. Der 
wilde tiefe Gram, welcher sich der Einwohnerschaft bemächtigt 
hatte, trat uns gegenüber zunächst in der Beobachtung der eigen- 
tümlichen bekannten Schamanen-Gesetze entgegen, indem uns nicht 
erlaubt wurde, mit einer eisernen Axt das für uns so dringend not- 
wendige Holz zum Feueranmachen zu schlagen. Aber wir waren 
seit Morgens früh 4 Uhr ohne Speise und Trank und erreichten 
zuletzt doch von den Eingeborenen so viel, dass wir uns Pfannen- 
kuchen und Thee bereiten konnten. Nervöse Uebermüdung sowie 
der im Hause herrschende Lärm waren die Ursache, dass ich auch 
in dieser Nacht kein Auge schliessen konnte. 

Am andern Tage waren wir genötigt, noch in Eratlewik zu 
bleiben, da ich zunächst meine Leute aussandte, um die unter- 
wegs zurückgelassenen Sachen abzuholen. Es ist hier Sitte, dass, 
sobald Jemand gestorben ist, während eines Zeitraumes von vier 
Tagen nicht gearbeitet werden darf, am wenigsten mit einer Axt, 
einer Nadel oder sonstigen Gegenständen von Eisen. Ich wurde 
hierdurch ganz besonders betroffen, da es in Folge dieses Ver- 
botes nicht möglich war, dass meine am Tage vorher zerrissenen 
Schuhe reparirt wurden. Das Feuer, über welchem wir unsere 
Speisen zubereiteten, rührte von solchen Aesten her, die wir mit 
unseren Händen von den Bäumen zu brechen gezwungen waren. 
Wahrlich, man begreift in solchen Momenten, welch ein hoch- 
bedeutendes und wichtiges Kulturmaterial das Eisen ist! 

Die Epidemie in Eratlewik bestand, wie diejenige, welche ich 
zwei Monate früher am unteren Yukon-Strom bei den dort wohnen- 
den Kwikpagemuten angetroffen hatte, in einem, bei der ganzen 
Einwohnerschaft verbreiteten bösartigen Schnupfen und Husten. 
Gegen Abend kam ein Schamane ins Haus und begann eine eigen- 
tümliche Kur mit einem der erkrankten jungeu Mädchen. Wäh- 
rend sie schwach und kraftlos dalag, band er einen Lederriemen 
um ihren Kopf, steckte einen Stock durch den Riemen und hob 



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— 271 



den Kopf mit jeder Minute hoch und senkte ihn wieder hinab. 
Dabei fahrte er ein ernstes Gesprach mit dem Tonrak (Teufel), 
indem er denselben bald heftig bedrohte, bald ihn flehentlich bat, 
die Patientin zu verlassen, indem er ihm zugleich „Tobaky" ver- 
sprach. 

Mein Wirth in Eratlewik war ein mir wohl bekannter Eskimo- 
Trader Namens Kingaseak, welcher für die Alaska-Commercial- 
Company thätig war und dessen Bekanntschaft ich in Fort St. 
Michael während des Sommers gemacht hatte. Unter den hier 
wohnenden Personen befand sich auch ein alter Mann, welcher 
vor vielen Jahren einen 
Kampf mit einem Bären 
bestanden hatte, bei wel- 
cher Gelegenheit ihm die 
Bestie ein Auge ausgerissen 
und sein Gesicht verstüm- 
melt hatte. Der Eskimo 
war nur mit Bogen und 
Pfeil bewaffnet gewesen, 
zuletzt war es ihm aber 
doch gelungen den Bären 
zu erlegen. Ich kaufte in 
Eratlewik nur wenig eth- 
nographische Gegenstände, da die Leute selbst sehr arm darin 
sind. Im Laufe des Tages nahmen alle diejenigen, Männer 
sowohl wie Weiber, welche an dem grossen Feste in Igniktok 
theilgenommen hatten, eine eigenthümliche Prozedur vor, in- 
dem sie sich den ganzen Körper mit Harn wuschen. Ich 
konnte nicht in Erfahrung bringen, ob sich diese Art der 
Reinigung auf das Fest oder auf die Todesfälle bezog. In der 
Nähe von Eratlewik befindet sich am Eratlewik-River die von den 
amerikanischen Goldgräbern in Golowninbay in Arbeit genommene 
Bleimine. 

Als wir am andern Morgen unsern Weg in der Richtung nach 
Nordwest fortsetzten, gingen wir auf dem Eise des mit dem Erat- 
lewik-River zusammenhängenden Nerkluk-River weiter. Dieser Fluss 




Von der Halbinsel Prince of Wale». 
1. Gerlth zum Gerademachen der Rcnnthiergewelbe. 
2—4. Natlelbüchsen au» Knochen. 



— 272 — 



ist ziemlich tief und kann in der eisfreien Jahreszeit eine Strecke 
stromaufwärts bis zu einem Gebirgsrücken befahren werden, welcher 
die Wasserscheide zwischen ihm und, dem nach Westen zu fliessen- 
den Kawiarak- River, der sich bei Port Clarence in die Bering- 
strasse ergiesst, bildet 

Wir trafen den Nerkluk-River nicht an allen Stellen mit Eis 
bedeckt an, dagegen überlagerte eine dicke Schneedecke, welche 
sich durch den während des ganzen Tages fallenden Schnee noch 
mehr vergrösserte, rings umher die ganze Landschaft. Wir mar- 
schirten den ganzen Tag längs des mit kleinen Tannen dicht be- 
standenen Flussufers und erreichten gegen Abend, in dem wir hier 
von der Baumvegetation Abschied nahmen, das verlassene Sommer- 
haus Kelungiarak, welches Eigenthum eines Eskimo von Erat- 
lewik ist. 

Am andern Morgen bei Tagesanbruch marschirten wir weiter 
stromaufwärts, wobei die Vegetation, welche wir während des Nach- 
mittags antrafen, aus Weidengebüsch bestand und erreichten Abends 
die verlassene Sommer- Fischerhütte Kaksertobage, wo wir gerade 
noch soviel Holz fanden, um Thee und Fische zu kochen. Wir 
konnten in der darauf folgenden Nacht vor Kälte nicht schlafen; 
die Haare unserer Rennthierfelle bedeckten sich dick mit Eis und 
meine Eskimos, welche sich vor Frost schüttelten, machten vergeb- 
liche Versuche sich durch Tanzen ein wenig zu erwärmen. Schliess- 
lich zwang uns die bittere Kälte, welche ich auf etwa 40 Grad 
Reaumur schätzte, am andern Morgen schon um 4 Uhr unsern 
Marsch fortzusetzen. Anfangs ging es auf der festgefrornen Decke 
des Flusses ziemlich gut, aber bald trafen wir offene Stellen an, 
so dass wir wieder den mühsamen Kampf mit Busch und Gestrüpp 
aufnehmen mussten. Der Nerkluk-River kommt aus einem kleinen 
See, welchen wir kreuzten und uns nunmehr am Fusse der 1500 
bis 2000 Fuss hohen, oben bereits erwähnten Wasserscheide befanden. 

Wir begannen sofort den Aufstieg und erreichten gegen Dunkel- 
werden oben auf dem Gipfel eine mit etwas Buschwerk bedeckte 
Stelle, wo wir unser Rennthierzelt aufrichteten und kampirten. Es 
war ein Glück für uns, dass wir soviel Holz fanden, um Thee 
und Fische zu kochen, denn es herrschte auf dieser Höhe die 



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273 



stärkste Kalte, welche ich jemals erlebt habe. Hierzu kam noch, 
dass meine Stiefel total zerrissen und mit Schnee angefüllt waren. 
Um mich zu erwärmen, steckte ich meine Finger in das heisse 
Wasser, ich hatte jedoch nicht das Gefühl der Hitze. Bei dieser 
Gelegenheit kann ich uicht umhin ein gutes Rennthierzelt, wie wir 
ein solches benutzten, als das beste Hilfsmittel für eine arktische 
Schlittenreise zu empfehlen. Bei Tage dienen die Reunthierfelle 
als die unumgänglich nöthige Bedeckung für die Schlitten, bei 
Nacht benutzt man sie als Zeltbedeckung, und hat ausserdem den 
Vortheil, dass die Eskimohunde, welche sonst alles fressen, sich 
au Rennthierfellen nicht zu vergreifen pflegen. In besonders schlim- 
men Fällen, wie während dieser Nacht in dem unsrigen, wo es 
sich um sehr hohe Kältegrade handelt, reicht natürlich auch ein 
Rennthierzelt nicht aus; namentlich nicht, wenn ein durch wochen- 
lange Strapazen geschwächter Körper von ihnen ausreichenden 
Schutz den Frost verlangt. 

Ich bediente mich als Schutz der Wärmeausstrahlung meines 
Körpers einer doppelten Rennthierdecke, meine Eskimos dagegen 
beBassen jeder nur ein Rennthierfell. Die Folge war, dass wir 
auch in dieser Nacht nicht schlafen konnten und schon um 
2 Uhr Morgens aufbrachen. Wir hatten nämlich die Besorguiss, 
dass wir bei unserm sehr geringen Proviant im Gebirge auch noch 
vom Sturm überfallen werden könnten, und benutzten deshalb die 
helle Mondscheinnacht, um möglichst eilig diese uuwirthliche Gegend 
zu verlassen. 

Der Weg führte uns zunächst über eine ebene Gegend, als- 
dann über den zehn bis zwölf englische Meilen breiten Dinineksee, 
hierauf wieder einige Meilen über ebenes Terrain in den Makuek- 
River. Dieser letztgenannte Fluss kommt aus dem südlichen Theile 
des Dinineksees und macht zuerst einen grossen Bogen nach Nor- 
den und wendet sich dann nach Westen. An diesem Wendepunkt 
erreichten wir den Maknek- River bei Tagesanbruch nach harter 
Arbeit Unsere Hunde waren von dem geringen Futter, welches 
sie erhielten, und der harten Arbeit, welche sie leisten mussten, 
ganz ausgenutzt. Unsere Hoffnung, dass wir dem Laufe des Maknelc- 
River stromabwärts folgend, uns unserem Ziele mit Leichtigkeit 

A. Woldt, Capitata Jacobson 's Reise. 18 



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— 274 



würden nähern können, war eine trügerische, denn dieser Fluss hatte 
eine so grosse Meuge mäandrischer Krümmungen, dass wir einen 
grossen Umweg gemacht haben würden, wenn wir ihnen gefolgt wären. 

Wir arbeiteten uns in Folge dessen wieder in der Richtung 
nach Kawiarak durch das schwierige Terrain und gelangten end- 
lich bei Dunkelwerden wieder zu Menschen. Ich kann es nicht 
schildern, als ein wie köstliches Obdach uns diese kleine Eskimo- 
hütte, welche Napariaseluk hiess, erschien. Das war doch wieder 
ein Dach über dem Haupte und freundliche Menschen in der 
Hütte, das war doch wieder eine prachtig schmeckende Mahlzeit 
von frisch gekochtem Fisch und ein wirklich erwärmendes Feuer 
mitten in der Hütte. Wie freudig streckten wir armen, fast er- 
frorenen und verhungerten Menschenkinder uns zum ersten Male 
wieder auf das warme Lager aus, wie tief und fest schliefen wir 
in dieser Nacht! Dies Alles durfte mich indessen nicht verhindern, 
dem Hauptzweck meiner Reise, dem Einkauf von ethnographischen 
Gegenstanden nachzukommen, was ich auch mit ziemlichem Er- 
folge that. 

Bei Tagesanbruch marschirten wir weiter, immer in der Rich- 
tung des Maknek- Rivers, dessen viele Windungen wir durch au- 
gestrengte Touren über das Land abschnitten. Unterwegs kaufte 
ich an einem bewohnten Platze, der aus zwei Häusern bestand, 
ein prächtiges Amulet aus Nephrit, wie ich deren schon mehrere 
unterwegs bemerkt hatte, bisher aber nicht im Stande gewesen 
war, zu erwerben. 

Wir waren nunmehr in eine Gegend gekommen, in welcher 
ich in den Augen der Bevölkerung die Rolle einer Sehenswürdig- 
keit oder eines Wunderthieres zu spielen begann. Noch niemals 
hatten diese guten Seelen hier mitten im Lande den Anblick 
eines weissen Mannes gehabt und so war es denn nicht zu ver- 
wundern, dass die Eskimos der von mir passirten Dörfer uns frei- 
wiUig das Geleit gaben und weite Strecken neben meinem Schlitten 
herliefen. 

Das Gebirge, welches den Mittelrücken der Halbinsel Prince 
of Wales bildet und beim Cap gleichen Namens an die Bering- 
strasse herantritt, erstreckt sich etwa parallel der von mir ein- 




275 

geschlagenen Reiseroute, aber es bleibt von ihr mehr als eine gute 
Tagereise weiter nördlich entfernt und dacht sich zum Maknek- 
River mit niedrigen Hügeln und flachem Lande ab. Auf dem 
linken Ufer dagegen tritt ein Höhenzug, der im Allgemeinen in 
derselben Richtung verläuft und bei Port Clareuce am südlichen 
Theil der Beringstrasse ausläuft, hart an die Flusswindungen heran. 
Die steilen, zerrissenen Spitzen dieses Gebirgszuges erreichen wohl 
Höhen von etwa 6000 Fuss. 

Nachmittags drei Uhr erreichten wir unser Reiseziel, das aus 
fünf Häusern und einem Kassigit (Tanzhaus) bestehende Dorf 
Kawiarak. Man muss sich die ganze Summe der von uns seit 
der Abreise aus Golowninbay überstandenen Mühseligkeiten, Stra- 
pazen und Entbehrungen vergegenwärtigen, um das ausserordent- 
liche Interesse zu begreifen, welches einen Bewohner dieses Ortes 
veranlassen konnte, an dem grossen Fest in Igniktok theil- 
zunehmen. Die Eskimos, mit welchen ich reiste, schienen sich 
auch der gefährlichen Lage, in der wir Alle geschwebt hatten, 
bewusst zu sein, denn sie hielten sofort bei unserer Rückkehr eine 
Art Dankfest ab, bei welchem mein Führer die Trommel schlug 
und dazu sang und Reden wie ein Schamane hielt. Nicht zu- 
frieden damit, benutzte man auch die Gelegenheit, um an diesem 
Abend im Kassigit noch ein besonderes Fest zu feiern, bei welchem 
gleichzeitig drei Eskimos, welche an diesem Tage von Port Cla- 
rence angekommen waren, empfangen wurden. 

Da an Einschlafen vorläufig nicht zu denken war, so ging 
ich nach dem Kassigit, um der Empfangsfeierlichkeit der drei 
Eskimos beizuwohnen. Es dauerte wie gewöhnlich wieder mehrere 
Stunden, bevor das Fest seinen Anfang nahm. Die Ceremonie 
des Empfanges war folgende: Die drei Männer aus Port Clarence 
kamen einer hinter dem andern durch den unterirdischen Eingang bis 
in'die Einsteigeöffnung in der Mitte des Kassigits. Alsdann streckte 
der erste seine Hand von unten durch die Oeflhung nach oben, zog 
sie aber sofort wieder zurück. Hierauf sprang er mit dem ganzen 
Körper so schnell, als ihm dies möglich war, durch die Oeffnung 
nach oben. Dasselbe thaten auch der zweite und dritte Mann. 
Jeder hielt in seinen Händen einen Stock, der eigens für den 

18* 



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27G 



Abend geschnitzt worden war, wie eine Hellebarde. Hieraufkamen 
drei geschmückte Eskimos von Kawiarak gleichfalls durch die 
Oeffnuug und tanzten uach dem Takte des Trommelschlages uud 
eines Gesanges vor den Gästen. Es dauerte eine geraume Zeit, 
bevor der Tanz beendet war, so dass die Tänzer bis aufs 
Aeusserste ermüdet wurden. Plötzlich hörte der Gesang und Tanz 
auf und die drei Tänzer richteten an die Fremden eine Frage. 
Die Letzteren antworteten hierauf nichts. Alsdann nahmen die 
drei Eskimos von Kawiarak mit untergeschlagenen Beinen auf der 
Erde Platz. 

Hierauf begann der zweite Theil der Ceremonie. Ein Eskimo- 
weib aus Kawiarak stieg durch die Oeffnung auf und setzte einem 
der fremden Gäste eine Schüssel mit Essen vor, indem sie gleich- 
zeitig die Kapuze seiner Pelzkleidung zurückschob, ihm den Hand- 
schuh der rechten Hand auszog und den Mann zum Essen einlud. 
Eine zweite Eskimofrau machte es mit dem zweiten Manne genau 
ebenso, desgleichen eine dritte mit dem dritten. Die fremden Gäste 
aus Port Clarence begannen zu speisen, sie thaten dies aber so 
langsam, dass es aussah, als ob sie kaum jemals damit fertig 
werden würden. Hierauf wurden die Reisesäcke der Fremden in 
das Kassigit hineingebracht und vor ihre Eigenthümer hingestellt. 
Nun stieg ein Schwärm junger Eskimos aus Kawiarak in das 
Kassigit und begann mit den Reisesäcken allerhand Scherze zu 
treiben. Sie entleerten die Säcke ihres Inhalts und breiteten unter 
lautem Lachen die einzelnen Gegenstände auf der Erde aus, wäh- 
rend die ganze Gesellschaft aus Kawiarak mit in das Gelächter 
einstimmte. Nur die drei Eskimos aus Port Clarence blieben, wie 
es die Sitte verlangte, ernsthaft und stumm und Hessen, ohne sich 
zu rühren, alle Scherze über sich ergehen. Das Essen, welches 
den Gästen vorgesetzt war, bestand aus rohen, gefrorenen Fischen, 
getrocknetem Lachs mit Fischthran und schwarzen Beeren. Nach 
einiger Zeit, als die Fremden ihre Mahlzeit beendigt hatten und 
Keiner sie zum Lachen bringen konnte, wurden die Reisesäcke 
wieder vollgcpackt und die Empfangsfeierlichkeit hatte damit 
ihr Ende. 

Ich begann mit den- Leuten ein Handelsgeschäft, hatte aber 



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277 




nicht besonders grossen Erfolg und wurde durch ihr Betteln und 
ihre zudringliche Neugierde, mit der sie mich körperlich unter- 
suchten, sehr belustigt. Die Vorbereitungen zur Weiterreise er- 
litten eine Verzögerung insofern, als es 
aus irgend einem Grunde verboten war, 
während der nächsten Tage zu arbeiten, 
währeud doch unsere Heisestiefel sehr 
reparaturbedürftig waren. Wie ich nach- 
träglich hörte, bezog sich das Arbeits- 
verbot auf die Beendigung unserer 
Reise, da die Eskimos, wenn sie von 
einer Tour zurückkehren, mehrere Tage 
lang nicht arbeiten dürfen. Da ich 
ohnehin schon auf die Leute wegen 
ihrer Unverschämtheit böse war und 
sie hart angelassen hatte, so kümmerte 
ich mich nicht im Geringsten um ihr 
Verbot, sondern flickte trotz der drin- 
genden Proteste der Einwohner meinen 
zerrissenen Anzug. Da die Leute sahen, 
dass ich diesmal nicht nachgab, so 
Hessen sie mir zuletzt meinen Willen. 
Mein Eskimo jedoch, welcher sehr er- 
müdet war, reparirte seine »Sachen nicht 
und verzögerte dadurch unsere Ab- 
reise. Dies setzte mich in den Stand, 
auch die dringend nothwendige Arbeit 
des Waschens und Trocknens meines 
Hemdes auszuführen. Für alle diese 
unerhörten Frcvelthaten wurde mir von 
der Bevölkerung mit vollem Ernste BeJruÄ^ 
allerhand Unheil für die Fortsetzung .SST?«". ' K 4 Jb£ 

meiner Reise prophezeiht. zm " Aufhl " cn der 

Ich Hess die Leute reden, was sie wollten und fuhr am andern 
Morgen um fünf Uhr mit fünf Hunden und demselben Schlitten, 
mit dem ich nach Kawiarak gekommen war, in der Richtung nach 




Von der Halbinsel Printe of Wale?. 
1. BJix'k nus Knochen zum Aiiflil>- , *en 
der So^el "2. Mi'nkt Kehrst tiolit liolm 



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— 278 



Westen weiter in der Absicht, wenn es irgend möglich war, die 
Reise bis Cap Prince of Wales auszudehnen. Ich hatte den ältesten 
meiner früheren Reisebegleiter mit auf den Weg genommen, da 
dieser Eskimo, trotz seines Aberglaubens, sonst ein tüchtiger und 
brauchbarer Mann war. Kurz vor unserer Abreise kamen einige 
Eskimos aus der Nachbarschaft und boten Rennthierfleisch zum 
Kauf an, der Preis, welchen sie dafür verlangten, war indess so 
hoch, dass, obgleich mir beim Anblick des lange entbehrten Ge- 
nusses das Wasser im Munde zusammenlief, ich in Anbetracht 
der geringen Geldmittel, welche ich bei mir führte, auf den Kauf 
verzichten musste. 

Unser Weg führte uns über den etwa 25 englische Meilen 
laugen Imarsoksee, welcher mit der Bay von Port Clarence in 
Verbindung stehend, halb süsses und halb salziges Wasser ent- 
hält. Es echneite fast den ganzen Tag und war so dunkel, dass 
wir kaum etwas sehen konnten. Wir mussten wie gewöhnlich au- 
gestrengt den «Schlitten ziehen helfen. Gegen Abend gelangten 
wir an den Ausfluss des Sees nach der Bay, in das aus drei 
Häusern bestehende Dörfchen Tukkerrowik. Es wurde mir ein 
feierlicher Empfang bereitet, indem mir ein Einwohner aus einem 
Dorfe in der Nähe von Prince of Wales eine Rede hielt. Der See, 
dessen Fläche wir passirt hatten ist sehr fischreich. 

Der Ausfluss des Imarsoksees von der Bay nach Port Clarence 
besteht aus einem etwa 10 englische Meilen langen gewundenen 
Kanal, dessen Eisfläche wir entlaug fuhren. Gegen Mittag passirten 
wir den Ort Sinaogak und befanden uns am Ufer der Bay, be- 
gleitet von drei Mann aus Tukkerrowik. Unser Führer leitete den 
Marsch so ausgezeichnet, dass wir trotz des Schnees ununterbrochen 
bis Abends 10 Uhr den Schlitten zogen, worauf wir sehr müde 
und sehr hungrig in Singrak in der Nähe von Cap Prince of Wales 
anlangten. Dieser Ort besteht aus drei kleinen Hütten, die einen 
inneren Durchmesser von kaum fünf Fuss hatten, trotzdem jede 
etwa sechs Personen als Schlaf- und Wohnstätte diente. 

Obgleich es schon sehr spät war, wurden wir von der Ein- 
wohnerschaft mit grossem Jubel empfangen und alle stürzten iu 
freudiger Aufregung herbei um mich zu sehen, zu befühlen und 




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279 - 



auf jede andere bekannte Art, in der man Wunderthiere belastigt, 
sich mir zu nähern. Ich kaufte einige Forellen und gab sie einer 
Eskimofrau, damit sie mir dieselben kochen sollte, denn ich hatte 
den ganzen Tag noch nichts genossen. Sie ging damit in ihre 
Hütte und es dauerte geraume Zeit, ohne dass sie mir die Mahl- 
zeit brachte. Vom Hunger gequält, ging ich endlich zu ihr und 
fand, dass die gute Seele die Fische zwar gekocht, aber auch be- 
reits aufgezehrt hatte. Glücklicher Weise hatte ich noch etwas 
Thee und Bisquit bei mir, so dass ich nicht ganz ohne Abend- 
brod zu Bette zu gehen gezwungen Mar. Obgleich ich ausser- 
ordentlich ermüdet war, so konnte ich in dieser Nacht wieder ein- 
mal keinen Schlaf finden, denn die Aufregung der Eskimos über 
meine Ankunft war so gross, dass sie während der ganzen Nacht 
einen wahren Höllenlärm vollführten. Diese Leute kennen über- 
haupt keine Tages- oder Nachtzeit, sondern jeder thut, wie bereits 
erwähnt, zu jeder Zeit was ihm beliebt. 

Am andern Tage, den 6. December, wurde ich von den Ein- 
wohnern von Singrak in das Kassigit eingeladen, und in feierlicher 
Weise „empfangen". Man setzte mir vier verschiedene Schüsseln 
vor, unter Anderem Multebceren, die in Fischthran gekocht waren. 
Da ich in der letzten Zeit sehr viel gehungert hatte und über- 
haupt auf Reisen in Bezug auf Speisen nicht sehr wählerisch bin, 
so entwickelte ich einen wahren Eskimo- Appetit, der meinen Zu- 
schauern in jedem andern Lande impouirt haben würde. Erst als 
ich nicht weiter essen konnte, gab ich den Rest der Mahlzeit an 
meine Leute. Ich erinnere mich noch, dass es mich damals nicht 
im Geringsten störte, dass die Eskimo- Weiber, die mich bedienten, 
fast sämmtlich kahlköpfig waren. Sie theilten diese Eigenschaft 
mit den meisten Bewohnern dieses Theiles von Alaska. 

Durch die Mahlzeit gut vorbereitet, konnte ich den festlichen 
Tanz der mir zu Ehren folgen sollte, nunmehr über mich ergehen 
lassen, wobei ich merkwürdiger Weise an diesem entlegenen Puukte 
des Nordens einige Anklänge an die Festlichkeiten von British- 
Colurabien, namentlich von West-Vancouver auffand. Vor allem 
war es die Trommel, welche nicht wie sonst in Alaska aus einem 
mit Thierhaut überspannten Reifen, sondern aus einer viereckigen 



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Kiste bestand, die mich an meine Erlebnisse bei den nordwest- 
lichen Indianern wieder erinnerte. Der Tanz wurde von drei 
Männern begonnen, welche mit Mützen aus Adlerbälgen ihr Haupt 
bedeckt hielten und die bekannten langen Handschuhe mit den 
Schnäbeln des Papageitauchors trugen. Die Gesänge wurden von 
eiuem alten triefäugigen Eskimo geleitet, welcher, wie es schien die 
Ausführung derselben als Accordarbeit übernommen hatte. Er führte 
während des Festes darüber Buch, indem er in der einen Hand 
eine Anzahl Holzstäbchen hielt, von denen er nach jedem Gesänge 
ein Exemplar in die andere Hand nahm. Er schien es in seinem 
langen Leben noch nicht recht bis zur Fertigkeit des Addirens 
gebracht zu haben, denn er kontrolirte nach jedem Gesänge unter 
tiefem Nachdenken immer wieder die Zahl der Holzstäbchen in 
jedem der beiden Packete. 

Es fiel mir auf, das» die dortigen Bewohner nicht so ganz in 
ihrem Aeusseren mit den übrigen Einwohnern von Alaska über- 
einstimmen. Mehrere Männer haben einen ziemlich starken Bart, 
auch besitzen die Einwohner im Allgemeinen eine dunklere Haut- 
farbe, breite Backcuknochen und kleine wenig geschlitzte Augen. 

Am Abend desselben Tages wurde im Kassigit wieder ein 
Fest gegeben. Es tanzten zu gleicher Zeit sechs Männer, auch 
betheiligten sich zwei Frauen an dem Tanze. Die Kleidung der 
Männer war eine andere als wahrend meines Empfanges ; sie trugen 
jetzt Rennthierstiefel und Rennthierhosen, welche wie die grön- 
ländischen Weiberhosen bis zu den Kuieen reichen. Die Ober- 
körper waren sonst unbekleidet, bis auf einige Hermeliufelle, welche 
jeder der Tanzenden über Schulter und Brust gehängt hatte. Auf 
dem Kopf trugen die Männer Streifen von Wolfsfellen, einer von 
ihnen sogar die abgezogene Haut eines Wolfkopfes. Die Frauen 
hatten sich nicht besonders zum Tanze geschmückt, sondern trugen 
ihre alten schmierigen Fellkleider. Die Tänze dieser Eskimos 
wurden ein wenig anders ausgeführt, als bei den Mallemuten. Die 
Beine werden beim Tanzen gespreizt und die Oberkörper unter 
lebhaften Gestikulationen nach vorn übergebogen. Eine Hand- 
trommel wurde von Einem zum Andern gereicht, wobei jedesmal 
derjenige, welcher sie empfing, einen Solotanz ausfuhren musste. 



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gleichviel ob er Tanzkleider trug oder nicht. Nach dem Tanze 
wurden Speisen in das Kassigit gebracht und zugleich in der Pause 
die Adlerfeder fleissig als Fächer benutzt Nach der Mahlzeit 
setzten sich Alle auf den Fussboden nieder, zogen ihre Festkleider 
aus und legten ihre alten Kleidungsstücke wieder an. Den Be- 
schluss des ganzen Festes machte eine gemüthliche Kneiperei, bei 
der indessen alle nüchtern blieben, da das Getränk aus Wasser 
bestand, welches die Weiber herbeigebracht hatten. An diesem 
Tage erhielt der Ort Besuch von der Mannschaft dreier Schlitten 
aus Amelirok, welches bei Port Clarence auf dem gegenüber liegenden 
Ufer der Bay sich befindet. Während des Abends fasste ich den 
Ent8chlu88 nach dem nahe gelegenen Orte Kingegan zu reisen, 
welches noch weiter westwärts bei Cap Prince of Wales liegt, ob- 
gleich die dortigen Einwohner einen schlimmen Ruf als Diebe 
und Räuber besitzen. 

Am andern Morgen brachen wir noch vor Tagesanbruch unter 
Führung eines Eingeborenen von Kingegan in einem mit zehn Hunden 
bespannton Schlitten auf. Der Weg führte uns längs der Küste der 
Bay und des Beringmeeres in der Richtung nach Nordwesten. Der 
Gebirgszug, welcher, wie bereits erwähnt, nördlich von dem von mir 
eingeschlagenen Wege die Halbinsel von Osten nach Westen durch- 
zieht, trat an der Stelle, welche wir jetzt passiren mussten, un- 
mittelbar an das Meeresufer als steil aufragender Fels heran. Die 
einzige Möglichkeit, unseren Weg fortzusetzen, bestand darin, dass 
wir um diesen Felsenvorsprung der Beringstrasse herumfuhren und 
das Eis des Meeres passirten. Hier aber war an eine Schlitten- 
fahrt nicht zu denken, denn so weit an diesem etwas trüben Tage 
das Auge zu blicken vermochte, war die ganze Beringstrasse mit 
einem Gewirr von unendlich zahlreichen treibenden Schollen be- 
deckt, die nicht einmal einen Menschen oder ein Kajak hätten 
passiren lassen. 

Ich blickte hinüber nach Wösten, wo die Küste Asiens in un- 
mittelbarer Nähe lag, so dass ich sie bei hellem Wetter erblickt 
haben würde; jetzt war sie in Nebel gehüllt, während die steile 
Felswand vor mir wie eine unübersteigliche Mauer aufragte, die 
mit dem Schlittengespann an dieser Stelle nicht zu überschreiten 



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- 282 



war. Die Aussicht, dass das Eis der Beringstrasse bald fest werden 
würde, war nach Aussage meiner Begleiter entschieden nicht vor- 
handen, da das Eis vor Januar oder Februar selten zum Stehen 
kommt Hierzu kam noch, dass meine Tausch- und Handelsartikel 
in Folge der unterwegs gemachten Einkäufe fast vollständig auf- 
gebraucht waren, so dass ich ohnedem schon keine grossen ethno- 
graphischen Einkäufe hätte machen können. Von Tag zu Tag hatte 
sich die ursprünglich kleine Expedition, welche ich von Orowignarak 
nach Golowninbay ausführte, immer weiter nach Westen ausgedehnt, 
so dass nunmehr endlich der Moment gekommen war, wo ich um- 
kehren musste, falls ich mich nicht gänzlich von Mitteln entblössen, 
und dadurch die bereits erworbenen Sachen der Gefahr des Ver- 
lorengchens aussetzen wollte. Wir kehrten deshalb wieder nach 
Singrak zurück, wo ich noch einige Erwerbungen machte. Auch 
kaufte ich dort einen Hund, da mein Eskimo nur fünf solcher 
Thiere besass. Am Abend fand wieder ein Fest im Kassigit statt, 
an welchem ich mich jedoch nicht betheiligte. 



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XVII. 



Die Western Union Telegraph Company. Das verlassene Telegraphenhans an der 
Beringstrasse. Armringe der Eskimofrauen aus Telegraphendraht. Bittere Kälte. 
Kampiren im Rennthierzelt bei heftigem Sturm und 40 Grad Kälte. Die Hunde 
versuchen sich durch die Zeltwand hindurch zu fressen. Mein Unglückshund. 
Ankunft in Golowninbay. Guter Empfang. Meine Eskimohunde kommen an. 
Hundefutter. Nördlicher Sturm und beissende Kälte. Rückkehr nach Orowig- 
narak. Mein Schlitten bricht ein. Mein Schlitten ist mangelhaft gebaut. Unsere 
Schlitten gehen bergab mit uns durch. Grosses Fest der Seehundsjagd in Adnek. 
Die Frauen spielen die Hauptrolle. Bemalte Seehundsblasen. Das Fest der Damen. 
Der Höhepunkt des Festes. Weiterreise. Ein brüllender Schamane. Der Dieb 
Orre. Mein Schlitten zerbricht. Wieder in Orowignarak bei Eisak. Ankunft 
von Eskimos aus Kotzebuesund. Reine Naturkinder. Zweizöllige Lippenpflöcke. 
Ein ausgesetzter Irländer. Rückkehr des Mr. Woolfe von Fort St. Michael. 
Feindseligkeiten der Ingalik gegen mich. Ich interviewe Eisak. Aufbruch zur 
längst geplanten Reise nach Kotzebuesund. 

Die Rückreise begann am andern Morgen und erreichten wir 
bis zum Mittag das Telegraphenhaus, welches im Jahre 1867 von 
einer Gesellschaft, die, wenn ich nicht irre, Western Union Tele- 
graph Company hiess, hierselbst erbaut wurde. Man beabsichtigte 
damals eine Telegraphen- Verbindung von den Vereinigten Staaten 
aus über Land bis hierher herzustellen, alsdann die Beringstrasse 
mit einem Kabel zu belegen und die Telegraphenlinie durch Si- 
birien nach Europa weiter zu fuhren. Das Unternehmen wurde 
von der transatlantischen Concurrenz aufgekauft und blieb liegen. 
Das einsame Telegraphenhaus am Ufer der Beringstrasse ist bis 
auf die mangelnden Thüren und Fenster noch wohl erhalten, auch 
fand ich an mehreren Stellen in Alaska noch Tclegraphenstangen 
aufgerichtet. Der Telegraphendraht dagegen ist von den kunst- 
fertigen Eskimos zu Arinringen für ihre Weiber verarbeitet wor- 
den. Wir machten in dem Telegraphenhause, das ich bei der Hin- 
reise in der dunkeln Abendstunde nicht bemerkt hatte, Rast, um 
unsere Hunde zu füttern. Dann setzten wir unsere Reise fort 
und gelaugten Abends nach Sinaogak, von dessen drei Häusern 
nur eins bewohnt ist. 



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— 284 



Am andern Morgen wurde die Rückreise auf demselben Wege 
fortgesetzt, auf welchem ich gekommen war. Wir fuhren bei bit- 
terer Kälte den Kanal hinauf und kreuirten den grossen See, auf 
welcher Tour meine Nase erfror. Abends langten wir wieder in 
Kawiarak an , wo ich diesmal mit dem freundlichen und zuvor- 
kommenden Benehmen der Leute zufrieden zu sein alle Ursache 
hatte. Ich hatte den Eskimos nämlich eine Strafpredigt wegen 
ihrer Betteleien gehalten und merkte , dass sie zwar nicht die 
Worte, wohl aber die Gestikulationen verstanden hatten. Wir 
mussten eine zweitägige Ruhepause machen, welche zum Repariren 
der Kleider benutzt wurde. 

Am 12. December setzten wir unsere Rückreise nach Golow- 
ninbay fort, nachdem ich das Gesammtresultat meiner Erwerbun- 
gen auf dieser Expedition zu mehreren hundert Gegenständen ab- 
schätzen konnte. Der Marsch ging nun wieder in der Richtung 
der Gegend des Maknek-Rivers weiter, wobei wir den Ort Errak- 
wik besuchten. Einen heftigen Sturm aus Nord-Nordost hatten 
wir bei etwa 40 Grad Kälte in der zweitnächsten Nacht auszu- 
haken, als wir auf dem Maknek-Rivcr im Rennthierzelt kampirteu. 
Wir mussten das Zelt fast im Schnee begraben, um uns gegen die 
Kälte zu schützen. Wir schliefen während der Nacht auf unserm 
Fischvorrath. Die Hunde bekamen hiervon Witterung und ver- 
suchten sich durch die Zeltwand hindurch zu fressen. Namentlich 
der in der Nähe von Cap Prince of Wales gekaufte neue Hund 
ging hierbei seineu Collegen mit bösem Beispiel voran. 

Die nächtliche Kälte verwandelte unsern Athem im Zelt in 
Schnee und Reif, womit bald das Innere bedeckt war. Wir 
standen deshalb schon vor Tages Anfang auf und überetigen an 
diesem Tage das Gebirge, fuhren dann über den Dinineksee und 
erreichten wiederum jene verlassene Hütte, iu der wir schon auf 
der Hinreise übernachtet hatten. Es war ein wunderbar gemüth- 
licher Aufenthalt hierselbst. Bald loderte ein wärmendes Feuer 
empor und wir kochten uns Fische und backten Kuchen in See- 
hundrtthrau. Zum ersten Mal seit langer Zeit befanden wir uns, ohne 
dass wir zu frieren brauchten, wieder in einem Hause, in welchem 
kein Kinder- und Weibertresehrei , kein Singen , Toben , Lärmen 



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285 



und dergleichen stattfand, wir schliefen infolge dessen gut — lei- 
der nur zu gut. Am andern Tage stellte es sich heraus , dass 
mein neugekaufter Hund, dieses Unglücksthier, ein paar Stiefeln 
und einen Sack aus Seehundsfell total aufgefressen hatte. Ob- 
gleich unser Vorrath an Lebensmitteln auf dieser Tour ziemlich 
knapp war, so hatten wir unsere Hunde, ohne sie Noth leiden zu 
lassen , bisher täglich ziemlich gut gefüttert. Aus Hungersnoth 
hätte also mein neugekaufter Hund diese beiden Gegenstände 
nicht zu verzehren brauchen. Es giebt indess einzelne Eskimo- 
hunde, welche die, wie es scheint, unbezähmbare Begierde be- 
sitzen, jeden Gegenstand, der aus Leder besteht, aufzufressen. Zu 
dieser Art gehörte ohne Zweifel mein neuer Hund. Das Wunder- 
barste bei dieser ganzen Affaire war, dass wir trotz eifrigsten 
Suchens am andern Morgen keine Spur von dem in den Stiefeln 
befindlichen Heu entdecken konnten, dass also meine neue Ac- 
quisitum nicht nur ein Lederfresser, sondern auch ein Heu- 
fresser war. 

Am nächsten Tage gingen wir weiter nach Osten und über- 
nachteten in der verlassenen Sommerhütte Kelingiarak, wo wir bei 
dem Ueberrest unserer Fische und reichlichen Holzvorrath wie die 
Götter lebten. Bereits am nächsten Tage trafen wir schon Nach- 
richten aus der Gegend der Golowninbay. Wir trafen nämlich fünf 
Mann mit zwei Schlitten , welche von Eratlewik kamen. Diese 
Leute stammten aus dem von mir nicht besuchteu Orte Kingegau 
au Cap Prince of Wales und schienen den schlechten Ruf, welchen 
die Bewohner ihres Ortes besitzen, rechtfertigen zu wollen. Sie 
hielten nämlich an, als wir uns näherten, erhoben ihre Gewehre, 
und einer von ihnen gab einen Schuss ab. Als wir jedoch heran 
gekommen waren, zeigten sich die Leute freundlich und unter- 
hielten sich mit uns eine Zeitlang, bei welcher Gelegenheit ich von 
ihnen einige Kleinigkeiten erwarb, u. A. eine Eutenschleuder von 
der Construktion der Patagonischen Bolas. Wie trennten uns als 
gute Freunde. 

Es war 2 Uhr Nachmittags, kurz nach Sonnenuntergang, von 
dem wir aber eines herrschenden Schneegestöbers wegen nichts 
merkten, als wir in dem Orte Eratlewik unsern Einzug hielten. 



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286 - 



Es war uns zu Muthe als ob wir in gradezu grossstädtische Ver- 
hältnisse kamen , als wir hier Gelegenheit erhielten , uns wieder 
einmal gründlich zu waschen und uns und unsere Kleider von 
andern Anhängseln des ungeregelten Eskimolebens zu befreien, als 
wir endlich sogar nicht nur Pfannkuchen, sondern auch köstliche 
Forellen von 1 l j. 2 Pfund Schwere erhielten, deren ich allein einige 
verzehrte, als wir endlich auch unsere Hunde mit einer tüchtigen 
Mahlzeit versorgen konnte. Am nächsten Morgen früh um 5 Uhr ging 
es von diesem Orte der Glückseligkeit weiter und legten wir durch 
einen angestrengten Tagemarsch die Strecke zurück , welche uns 
noch von Golowninbay und von Singek, dem Wohnorte der ameri- 
kanischen Goldgräbergesellschaft trennte. Da einer unserer Hunde 
unterwegs so matt geworden war, dass ich ihn auf den Schlitten 
werfen musste, so waren wir genöthigt besonders stark zu ziehen, 
so dass wir vor Uebermüdung unterwegs beinahe umgefallen wären. 

Die Amerikaner nahmen uns wie gewöhnlich sehr freundUch 
auf und muss ich gestehen, dass mein ausgehungerter Magen sich 
noch niemals vorher so sehr an Bohnen mit Speck delektirt hatte 
wie an diesem Abend. Zugleich erhielt ich mancherlei Nachrichten 
aus der Nähe und Ferne, Briefe von Mr. Woolfe sowie von Hrn. 
Lorenz und Hrn. Neumann. Inzwischen waren auch die von 
mir im Herbst an der Yukonmündung bestellten zehn Eskimo- 
hunde sowie ein Schlitten in Singek angekommen; ein Eskimo 
hatte jedoch sechs meiner Hunde entliehen und war mit denselben 
nach Adnek gefahren, weil mein Schlitten zerbrochen war. Ich 
Hess den letzteren sofort repariren, während ich einen Boten nach 
Adnek sandte, um meine Hunde wieder zu holen. Alsdann lohnte 
ich meinen Führer ab, welcher mich treu und gut begleitet hatte. 
Der Mann war mit einer Quantität Pulver, Blei, Zündhütchen und 
anderen Handelswaaren im Werthe von etwa 60 Mark als Bezah- 
lung zufrieden. 

Da Mr. Hartz, der Führer der GoldgräbergeseUschaft, beab- 
sichtigte, in einigen Tagen Leute mit Schlitten nach Fort St Michael 
zu entsenden, um daselbst Handelsartikel und Proviant einzukau- 
fen, so schrieb ich Briefe an die Herren Lorenz und Neumann. 

Am 19.December kamen von der gegenüber liegenden Seite 



287 --■ 



der Golowninbay, aus Igniktok, welcher Ort mir wegen des grossen 
Todten- und Erbschaftsfestes, dem ich daselbst beigewohnt hatte, 
noch in guter Erinnerung war, zwei Schlitten nach Singek, wo- 
durch ich Gelegenheit erhielt, eine Quantität des jetzt für meine 
vierbeinigen Schlittenzieher so nothwendigen Hundefutters zu kau- 
fen, das jetzt überall knapp war. Am nächsten Tage, als aber- 
mals drei Schlitten aus Igniktok ankamen, hatte ich Gelegenheit, 
diese Einkäufe nochmals in grösserem Massstabe zu wiederholen. 
Wir hatten jetzt nördlichen Sturm und beissende Kälte. Endlich 
langten meine sechs Hunde ausAdnek an, noch rechtzeitig genug, 
dass wir für den nächsten Tag unsere Abreise festsetzen konnten. 
Meine armen Thiere kamen in einem entsetzlich verhungerten Zu- 
stande zurück, da der biedere Eskimo, welcher sie auf eigne Faust 
entlehnt hatte, es nicht für nöthig gehalten zu baben schien, sie 
auch zu futtern. 

Wir bildeten eine stattliche kleine Schiitteukarawane, welche 
am 22. December von Golowninbay aus nach Südosten zog. Ausser 
den beiden Schlitten des Herrn Hartz betheiligten sich auch die 
drei zuletzt aus Igniktok angekommenen Schlitten an der Reise. 
Der Weg ging diesmal nicht wie bei meiner Herkunft quer über 
das Land nach Cap Jungfrau, sondern, da jetzt das Eis hielt, in 
Golowninbay hinaus. Mancherlei kleine Abenteuer zeichneten den 
Beginn der Expedition aus. Zunächst vermisste ich bei der Ab- 
fahrt einen meiner Hunde, und da die Leute des Herrn Hartz 
bereits vorausgezogen waren, so fuhr ich ihnen schleunigst nach, 
in dem Glauben, dass das Thier sich bei ihnen befände. Dies 
war nicht der Fall , deshalb entsandte ich einen Eskimo mit 
einem Schlitten rückwärts, um den Hund aufzusuchen, während 
ich mit meinem Schlitten und acht Hunden die Tour fortsetzte. 

Das zweite Malheur hätte sehr schlimme Folgen haben kön- 
nen. Während das Eis im inuern Theile der Golowninbay fest 
war, hatte es, als wir uns dem äusseren Theile der Bay genähert 
hatten, einigo schwache Stellen, über deren eine ich mit meinem 
schwer bepackten Schlitten hinüberfuhr. In demselben Augen- 
blicke brach das Eis durch und ich hatte grade noch Zeit, vom 
Schlitten wegzuspringen, als dieser bereits untersank und die Hunde 



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■— 288 — 



mit sich riss. Mein Ruf führte sofort die dicht vor mir befind- 
lichen Leute des Herrn Hartz, welche diese Stelle ohne Unfall 
passirt hatten, herbei, und gelang es uns, den Schlitten wieder 
aufs Eis zu heben, nachdem zuvor dieThiere gerettet waren. Aller- 
dings hatte ich bei diesem Unfall den Verlust eines Theiles meines 
Proviants zu beklagen. 

Da das Eis weiterhin noch schwächer wurde, so wandten wir 
uns dem Ufer zu und setzten unsere Tour quer über die Felsen 
der Halbinsel, welche Nortonbay von Nortonsund abschnürt, fort. 
Nuumehr zeigte es sich, dass mein Schlitten nicht richtig gebaut 
war, denn er fiel wiederholt während des Fahrens um und wurde 
an mehreren Stelleu beschädigt. Noch schlimmer aber wurde es, 
als wir auf der anderen Seite des Berges über den hartgeforenen 
Schnee hinabfuhren. Hier hatte ich oft die Aufwindung meiner 
ganzen Körperkraft nöthig, um das Umfallen meines Schuttens zu 
verhindern. Der Weg wurde immer steiler und jetzt drohte uns 
Allen Unheil. Den Beginn machten diesmal die drei Amerikaner, 
welche dicht vor mir fuhren und deren Schlitten so unglücklich 
kenterte, dass einer der Leute mehrere Meter weit durch die Luft 
flog und mit dem Kopfe zuerst unten ankam. Wir glaubten, dass 
er das Genick gebrochen habe, er war indessen weniger verletzt 
als der Schlitten. Ich sauste seitwärts neben meinem Schlitten 
hängend, an ihnen vorüber, indem ich mit dem Fusse die heftig- 
sten Stösse abwehrte, die ihn getroffen haben würden. Sehr bald 
aber verletzte ich mir den Fuss und es blieb mir nichts anderes 
übrig als willenlos mich von dem durchgehenden Schlitten bringen 
zu lassen, wohin ihn das Gesetz der Schwere rief. Glücklicher- 
weise dauerte es nicht lauge als ein mit Schnee bedecktes Ge- 
büsch für den Schlitten ein Hiuderniss bot, welches er nicht zu 
überwinden vermochte, sondern in welches er tief hineinfuhr. Ich 
stand also still, ebenso wie die Amerikaner, und da für deu 
Augenblick mit dem beschädigten Schlitten die Fahrt nicht fort- 
gesetzt werden konnte, so spannte ich meine Hunde aus, welche 
nichts Eiligeres zu thun hatten, als spornstreichs dem nahe gele- 
genen Küstendorfe Adnek zuzulaufen. Da wir Hülfe erhielten, so 
langten wir auch bald mit den Schlitten in Adnek an. 




- 289 



Hier fand ein grosses mehrtägiges Fest statt, von dem wir, 
durch das Repariren der Schlitten einige Tage lang aufgehalten, 
einen grösseren Theil kennen lernten. Dieses Fest wurde, wie 
alle Eskimofeste, unter starker Betheiligung zahlreicher Stammes- 
genossen gefeiert Es war kein Tanzfest oder Fest der Geschenke, 
wie ich deren bereits so viele kennen gelernt hatte, sondern es be- 
zog sich auf den Hauptnahrungszweig der Leute, den Seehunds- 
fang. Dieses Fest wird alljährlich nur ein Mal gefeiert und zwar 
spielen hierbei die Frauen die Hauptrolle. 

Während des ganzen Jahres wird die Blase eines jeden ge- 
fangenen Seehundes in den Eskimohäusern sorgfältig aufbewahrt, 
um zu diesem Feste schön mit Farben bemalt, zunächst nach dem 
Kassigit gebracht zu werden; dort hängt man sie vor Beginn der 
Festlichkeit auf. Die letztere beginnt damit, dass zunächst eine 
allgemeine Mahlzeit stattfindet, bei der die Männer von den Frauen 
bedient werden. Jedes männliche Wesen, welches ins Kassigit 
tritt, hat die Verpflichtung irgend einen Gegenstand, welcher zum 
Kajak gehört, also ein leichtes Ruder, einen Speer, eine Harpune 
und dergleichen mehr mitzubringen und in der Hand zu halten. 
Ein alter Mann war im Kassigit unmittelbar an der Thranlampe 
postirt und hielt ein Bündel getrockneter Pflanzenstengel — es 
war jene Pflanze, die wir in Norwegen Sloike (Bärenklau) nennen — 
gegen die Flamme. In der Nähe der Einsteigeöffnung war ein 
Pfahl angebracht, welcher mit einem Bündel Sloike umwickelt war. 
Jeder eintretende Mann musste mit dem mitgebrachten Kajak- 
gegenstande zuerst das Feuer berühren, alsdann sämmtliche auf- 
gehängten Seehundsblasen und zuletzt das Bündel Sloike, welches 
um den Pfahl gewickelt war. Nach Beendigung dieser Ceremonie 
mu8sten alle jungen Leute, welche im ungefähren Alter von 
10 — 14 Jahren standen, sich vollständig entkleiden. Hierauf er- 
schien eine Frau, welche ein Bündel mit rohen getrockneten 
Fischen trug, das sie auf die Erde warf. Auf diese Fische stürzten 
sich die entkleideten Jungen, indem jeder versuchte, so viel als 
möglich davon zu erhaschen. Bei dieser wilden Jagd herrschte 
grosse Aufregung, ein lautes Schreien und Toben; es schien als 
ob jeder soviel Lärm als möglich machte. Nachdem auf diese 

A. Woldt, Capitata Jacobten's Reise. 19 



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— 290 — 



Weise die Jugend abgefertigt war, wurde für die Erwachsenen 
gesorgt. Man stellte einen Gegenstand auf, welcher als Ziel 
dienen konnte und die Männer begannen mit kleinen Wurf- 
speeren darnach zu werfen. Diese Speere waren von eigenthüm- 
licher Construction, sie bestanden aus einem hölzernen Schaft, 
dessen vorderes Ende eine kleine Eisenspitze und dessen hinteres 
Ende eine lange Mövenfeder trug. Derjenige Eskimo, welcher am 
besten geschossen hatte, wurde mit lautem Jubel begrüsst Das 
Spiel dauerte bis 2 Uhr nach Mitternacht, indem dabei auch Ge- 
sänge und Tänze mit einander abwechselten. 

Am nächsten Abend kamen die Damen an die Reihe. Die 
stattliche Corona von Eskimo-Frauen und Mädchen hatte auf dem 
Fussboden des Kassigit Platz genommen und sich in Reihen con- 
centrisch um die EingangsöfFnung hingesetzt Alsdann erschien 
ein Mann nach dem andern an der Eingangsöffnung, richtete sich 
indessen nur mit dem halben Oberkörper daraus hervor und trug 
unter allerhand wunderlichen Geberden eine Rede oder einen Gesaug 
vor. Alsdann hob er ein Geschenk in die Höhe, rief laut den Namen 
derjenigen Person, für welche er es bestimmt hatte und warf es 
ihr schliesslich zu. Die Beschenkten zogen sich unter grossem 
Jubel nach den Wänden des Kassigit zurück, wo sie triumphirend 
die Gabe ihren Freundinnen zeigten, während die noch nicht be- 
schenkten sich in die Nähe der Eingangsöffhung postirteu. Nach 
Schluss dieser Feier kamen dann auch die Männer ins Kassigit. 

Die Schlussfeierlichkeit und der Höhepunkt des Festes fand 
am nächsten Morgen statt, gerade als wir unsere Abreise fort- 
setzten. In unmittelbarer Nähe des Strandes versammelten sich 
einige hundert Eskimo-Männer und Frauen, festlich angethan und 
trugen die Seehundsblasen mit sich. Auf dem Eise brannte ein 
Feuer, welches die Gegend und Gruppe malerisch beleuchtete. In 
das Eis waren einige kleine Löcher gehauen, um welche sich die 
Festtheilnehraer gruppirten. Nunmehr schritten die Frauen vor 
und sprachen allerlei Zauberformeln und Gebete, worauf sie die 
Seehundsblasen mit einem Stocke unter das Eis schoben. Diese 
Ceremonie wurde mit grossem Ernste ausgeführt; sie hatte den 
Zweck, dass mit den Blasen gewissermassen eine Art Opfer dein 



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291 — 

grossen Seehund oder Maklak gebracht werden sollte. Es herrscht 
nämlich der Glaube, dass, wenn dies nicht geschieht, sich die See- 
hunde in Zukunft von der Küste fern halten würden und die Be- 
völkerung Hungers sterben müsste. 

Wir setzten mit den Schlitten unsern Weg längs des 
Gestades der Nortoubay fort, aber das Eis wurde bald so 
schlecht, dass wir nur mit äusserster Mühe vorwärts kommen 
konnten. Mein Schlitten, welcher verhältnissmässig viel zu hoch 
gebaut ist, kenterte im Laufe des Tages nicht weniger als sechs 
Mal. Gegen Abend erreichten wir Newiarsualok oder Cap Jung- 
frau. Nachdem wir uns hier in einer Eskimohütte einquartirt 
hatten, kam plötzlich ein Schamaue hinein, welcher ein langes Ge- 
heul und Gebrüll ausstiess und alsdann mit einem Male den 
Athem anhielt, bis er im Gesicht fast blau wurde und seine 
Augen mit Blut unterliefen. Dann schwenkte er plötzlich um und 
kroch zum Hause wieder hinaus. Ich habe niemals in Erfahrung 
bringen können, welche Ursache dieses sonderbare Benehmen haben 
könne, auch sahen wir diesen Mann später nicht wieder. 

Einen Fall von Unredlichkeit seitens einer meiner Leute 
inuss ich hier anfuhren. Der Eskimo Orre, derselbe welcher schon 
von Fort St. Michael aus mit mir gereist war, hatte mir bereits 
bei meiner letzten Anwesenheit in Singek Veranlassung zu Klagen 
gegeben, denn als ich ihn aussandte um meine durch einen andern 
Eskimo entliehenen sechs Hunde zurückzuholen, kümmerte er sich 
nicht im mindesten um diesen Auftrag, sondern er ging einfach zu 
einem Feste, nach irgend einem Nachbardorfe. Dieser selbe Manu 
nuu versuchte es am heutigen Tage, den Amerikanern unseres Zuges 
einen Sack mit Bohnen zu entwenden, indem er denselben auf 
seinen Schlitten legte und mit gefrorenen Fischen bedeckte. So 
leid es mir that, so musste ich Orre deshalb entlassen, was ihm 
indessen sehr angenehm zu sein schien, da er sich hier in der 
Nähe seines Wohnortes befand. 

Am ersten Weihnachtsfeiertage legten wir die kurze Strecke, 
welche uns noch von Orowignarak trennte, zurück. Fast schien 
es als ob der alte Schamane, welcher uns am Abend vorher mit 
so blutrothem Gesichte angezaubert hatte, raein Unglück herbei- 

19* 



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- 292 - 



zufuhrep beabsichtigte, denn die Ereignisse des Tages entsprachen 
einer derartigen Voraussetzung ganz und gar. Obgleich ich vier 
Eskimos beauftragt hatte, zu beiden Seiten meines Schlittens wäh- 
rend des Marsches einherzugehen, und darauf zu achten, dass 
derselbe nicht wieder umfalle, so passirte es uns doch schon nach 
den ersten zehn Schritten, dass mein Schlitten total zerbrach. 
Glücklicher Weise waren andere leere Eskimoschlitten vorhanden, 
so dass ich mein Gepäck darauf legen konnte und wohlbehalten 
um 3 Uhr Nachmittags wieder in Orowignarak anlangte. 

Hier hörte ich zum ersten Male wieder Nachrichten aus der 
Aussen weit. Mr. Woolfe war mit drei Schlitten nach Fort St 
Michael gefahren, um Handelsartikel für Eisak zu holen. Mein 
Proviant war inzwischen von den Eskimos fast ganz aufgebraucht 
worden, so dass ich in der augenblicklich herrschenden Nothlage 
vielleicht am Besten gethan hätte, wenn ich sogleich nach Fort 
St. Michael aufgebrochen wäre, um Proviant zu holen. Eisak' s 
Haus war noch angefüllt mit Eskimos, welche sich darin seit der 
Abhaltung eines grossen Festes befanden, welches Eisak während 
meiner Abwesenheit an alle diejenigen gegeben hatte, die seines 
Vaters Grab gepflegt hatten. Am zweiten Weihnachtsfeiertage gingen 
die Amerikaner mit ihren Schlitten weiter über das Eis der Norton- 
bay, während ich meinen zerbrochenen Schlitten am Tage darauf 
nach Unaktolik sandte, woselbst das geeignete Birkenholz war, mit 
dem er reparirt werden konnte. Um diese Zeit erschien bei uns 
in Orowignarak ein Eskimo von einem benachbarten Flusse und 
erzählte uns, dass eine Anzahl Mallemuten vom nördlichen Ufer 
des Kotzebuesundes in dem Orte Kikertarok angelangt sei. 

Diese Leute erschienen am nächsten Morgen in unserm Hause, 
da sie beabsichteten, späterhin weiter südlich zu reisen, um an 
einen Feste * in Schaktolik Theil zu nehmen. Es waren grosse, 
kräftige, schön gebaute Leute, welche Lippenpflöcke von etwa zwei 
Zoll Länge aus weissem Marmor trugen. Sie brachten trübe Nach- 
richten und berichteten, dass oben im Norden des Kotzebuesundes 
am Noatak-River unter den Eingebornen eine Hungersnoth herrsche, 
weil die Rennthiere, von denen sich jene Leute ernährten, aus- 
geblieben seien. Zu gleicher Zeit berichteten sie, dass im Laufe des 



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- 293 — 



Sommers der Kapitaiti eines Walfangerschiffes, nördlich von der 
Beringstrasse an Cap Hope einen seiner Leute, einen Irländer, 
welcher sehr diebisch und bösartig war, ans Land gesetzt habe. 
Dieser Mann befand sich jetzt bei den Eskimos und wurde von 
ihnen ernährt und gekleidet, wofür er die Eingeborenen gleichfalls 
durch Diebstahle und Ungezogenheiten belohnte. 

Die neu angekommenen Mallemuten waren von einer wunder- 
baren Kindlichkeit und Zutraulichkeit. Wärend ich meine auf der 
letzten Expedition gemachten Sammlungen ordnete, lehnten sich 
immer zwei oder drei von ihnen an meine Schulter, mein Thun 
und Treiben aufmerksam beobachtend, oder sie schauten verwundert 
in meine Rockärmel und stellten eine neugierige körperliche Unter- 
suchung mit mir an. Mein ursprünglicher Wunsch Kotzebuesund 
zu besuchen, wurde noch mehr durch den Anblick dieser Leute, 
sowie durch ihre Berichte, dass dort oben viele ethnographische 
Gegenstände zu holen seien, bestärkt. 

Am 1. Januar 1883 kam Mr. Woolfe von Fort St. Michael 
zurück und brachte mir als Neujahrsüberraschung die Nachricht, 
dass die Ingalik des mittleren Yukon, in deren Gebiet ich während 
meiner Septemberreise eimge Schädel gesammelt hatte, darüber 
böse seien und den Händlern der Alaska -Commercial- Company 
deshalb Unannehmlichkeiten bereiten wollten. Auch verbreitete 
sich unter den Eskimos das Gerücht, dass diese Ingalik quer über 
Land nach Orowignarak kommen würden, um uns zu überfallen. 

Wie ich von vornherein vermuthet hatte, beruhte dieses Gerücht 
hauptsächlich darauf, dass die Eskimos der Nachbarschaft in möglichst 
grosser Zahl meinen Proviant und meine Gastfreundschaft zu be- 
anspruchen beabsichtigten und namentlich mit Pulver, Blei etc. 
versehen sein wollten, um zur Vertheidigung gegen einen Ueberfall 
bereit zu sein. Der ganze Vorrath an Proviant, welchen mir Mr. 
Woolfe mitbrachte, bestand aus einer Büchse Buisquit und Speck. 
Die Eskimos von Kotzebuesund verliessen uns an demselben Tage 
um nach Schaktolik weiter zu gehen. 

Inzwischen suchte ich von Eisak soviel wie möglich über 
die Sitten und Gebräuche der Eskimos zu erfahren. Er erzählte 
mir u. A. auch, wie es unter seinen Landsleuten bei der Geburt 



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294 



von Kindern gehalten würde. Es wird eine kleine hölzerne Hütte 
errichtet, in welche sich die angehende Mutter begiebt, gleichviel 
ob es Sommer oder Winter ist. Sie erhält hierbei nur die Unter- 
stützung von einer oder zwei Frauen, die von Zeit zu Zeit zu ihr 
kommen. In der Stunde der Geburt wird der Leib der Frau mit 
Seehundsriemen von oben nach unten spiralförmig zugeschnürt und 
oft noch, um die Pressung zu vermehren, ein Stock hindurchgesteckt. 
Die Mutter kniet, wenn das Kind geboren wird. Letzteres wird 
mit Harn gewaschen, und es gilt für ein günstiges Vorzeichen, 
dass das Kind ein sehr hohes Alter erreichen wird, wenn sein 
erstes Bad von einer recht alten Frau stammt. In schwierigen 
Füllen wird wie bei allen Krankheiten ein Schamane hinzugezogen. 
Die Eskimoweiber sind im Ertragen von Strapazen sehr stark; 
so erzählte mir Eisak, dass er auf einer Wanderung quer über 
das Gebirge habe Halt machen müssen, weil seine mitgekommene 
Frau plötzlich von der Geburt eines kleinen Töchterchens über- 
rascht worden sei. Nachdem diese Angelegenheit erledigt worden 
war, wobei noch nicht einmal Feuer angemacht wurde, legten 
Eisak und seine Frau ihre Schneeschuhe wieder an, hüllten das 
neugeborene Kind in ihren Pelz und setzten die Reise weiter fort. 

Noch einen anderen Eskimobrauch berichtete mir Eisak: 
Es ist Sitte, dass sowohl bei Sonnenaufgang wie bei Sonnenunter- 
gang die Arbeit eine kurze Zeit lang, etwa während einer halben 
Stunde unterbrochen, nachher aber wieder aufgenommen wird, nach- 
dem ich hierauf aufmerksam gemacht worden war, habe ich in der 
That wiederholt diesen Gebrauch bei den dortigen Eskimos bemerkt. 

^.m Dienstag, den 9. Januar 1883, kam endlich der für mich 
reparirte Schlitten aus Unaktolik wieder an, ohne dass ich gerade 
behaupten konnte, dass sich seine Coustruktion in hervorragender 
Weise verbessert hätte. Am Tage darauf kamen die Amerikaner 
bei stürmischer Witterung aus Fort St. Michael wieder zurück 
und brachten mir ein Schreiben von Mr. Lorenz. Zwei Tage 
darauf brach endlich auch ich auf, um die längst geplante Reise 
nach Kotzebuesund von Süden nach Norden quer über die Halb- 
insel Prince of Wales auszuführen. 



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XVIII. 



Abreise von Orowignarak nach Kotzebuesund. Meine Reisegefährten. Mein Eskimo- 
führer Ningawakrak. Unsere Damen. Mangel an Lebensmitteln. Mein Ver- 
trauen auf Vater Eisak beginnt 211 schwinden. Eine eingetroffene Schanianen- 
prophezeihung. Das erste Nachtlager an» Kwikak-River. Unsere Gesellschaft ist 
zu gross für die Expedition. Eine schlaflose Nacht. Ich arbeite für fremde Gaste. 
Schneesturm. Getrockneter Lachsrogen. Hungrige Freunde. Geographisches 
Interesse meiner Expedition nach Kotzebuesund. Nachtlager in Itlauniwik. 
Meine Vorkehrungen für die Hungersnoth. Ei sak verlässt uns. Schlimme Nach- 
richten über die Bewohner von Kotzebuesund. Eine ernsthafte Auseinandersetzung 
mit meinem Führer Ningawakrak. Mr. Woolfe soll gebraten werden. Marsch 
den Erritak- River stromaufwärts. Die Wasserscheide nach Kotzebuesund wird 
überstiegen. Den Pujulikbach stromabwärts. Aussicht auf die Gebirge der Halb- 
insel. Der Kogerok-River. Der Selawik-River. Grosser nolzmangel im Gebirge. 
Der Unalitachok oder Hagenbeck-Fluss. Hungersnoth. Unsere Hunde sind halb 
verhungert. Totale Erschöpfung. Ich kaufe einen Lippenpflock aus Nephrit. 
Steinhämmer aus unbekanntem Material. Entsetzliches Wetter. Die Einwohner 
von Kajak fliehen aus Mangel an Lebensmitteln. Der Kangek-River. Nachtlager 
in Makakkerak. Schneesturm. Ein Hund fällt vor Erschöpfung um. Nach- 
richten über grosse Hungersnoth nördlich von Kotzebuesund am Noatak-River. 
Ankunft in Eschscholtz-Bay am Kotzebuesund. inuktok, die Heimath meines 
Führers. Endlich Lebensmittel. Das ethnographische Sammeln beginnt. Orkan- 
artiger Wirbelsturm mit Schneegestöber. Wir graben die Hunde aus. Wir über- 
schreiten die Eschscholtz-Bay. Rührender Schmerz einer Eskimowitwe. Tod aus 
Angst. Der Selawik-River. Entdeckung des „J. Richter-Sees". Hochgenuss 
der Eskimos. Wir kaufen näringe. 18 Ortschaften am Selawik-River. Lebhaftes 
Tauschgeschäft. Nephritgegenstände. Zudringlichkeit der Eingeborenen. Mr. 
Woolfe macht ein schlechtes Geschäft. Mildes Wetter. Ueberschreiten des 
„J. Rieht er- Sees". Festtag für meine Zugthiere. Potogroak. Reiche ethno- 
logische Erwerbungen. 

Unsere Schlittenkarawane war nicht ganz klein; Eisak hatte 
zwei Schlitten, Mr. Woolfe, welcher Handelsartikel für die Alaska- 
Commercial-Company nach dem Norden zu bringen beabsichtigte, 
hatte ebenfalls zwei Schlitten und auch ich hatte meine zehn Hunde 
für zwei Schlitten vertheilt. Hierzu kam mein Führer Ninga- 
wakrak, ein hoher, schön gewachsener, kräftiger Eskimo aus Kotze- 
buesund, dessen Frau Allak und dessen 14jährige Halbschwester 
Sewugak, sowie ein Junge. Alles in Allem waren wir neun 
Männer und zwei Frauen. Ich sah voraus, dass das Reisen in 
einer so zahlreichen Gesellschaft bei dem notorischen Mangel an 



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— 296 — 



Lebensmitteln auf dem von uns zurückzulegenden Wege ein ver- 
fehltes Unternehmen sein müsse; ich durfte mich in dieser Be- 
ziehung nicht der Sorglosigkeit der Eskimos anvertrauen, welche 
nicht gewöhnt sind, weitaus in die Zukunft zu blicken und die 
Noth der kommenden Tage in Berechnung zu ziehen. Diese Sorg- 
losigkeit hatte mich schon in Orowignarak des grössten Theiles 
meines Proviants beraubt, denn die Eskimos verzehrten davon ohne 
jede Rücksicht auf meine bevorstehende Reise soviel als sie gerade 
brauchten. Auch hatte ich wenig Vertrauen mehr auf Eisak, der 
sich seit kurzer Zeit wenig geneigt zeigte, die Reise nach Kotzebue- 
sund mit mir auszuführen, da der alte, schon einmal genannte 
Schamane eines schönen Tages, als er uns in Orowignarak wieder 
besuchte, prophezeit hatte, dass von uns dreien, nämlich Mr. Woolfe, 
Eisak und mir nur zwei wieder lebend aus Kotzebuesund zurück- 
kehren würden. Diese Prophezeihung traf allerdings buchstäblich 
ein, denn Eisak zog es vor, wie ich weiterhin noch berichten 
werde, sich lauge bevor wir nach Kotzebuesuud kamen, von uns 
zu trennen. 

Unser Weg ging von Orowignarak zunächst nach Osten in 
die innerste Ecke von Nortonbay hinein, von wo aus wir uns dann 
im rechten Winkel nach links nordwärts wandten. Gleich das 
erste Nachtlager am Kwikak- River zeigte uns die Unbequemlich- 
keiten, welche eine so grosse Gesellschaft naturgemäss hervorruft. 
Das Haus, in welchem wir schliefen, war ziemlich gross, aber die 
Gesammtanzahl der Menschen betrug 40 Seelen. Wir lagen des- 
halb gedrängt neben einander, es wurde sogar auf der Feuerstelle 
geschlafen, so dass kein Zoll breit Boden übrig blieb. Zu allem 
Ungemach trat noch das hinzu, dass sich zufallig in diesem Hause 
ein grosser Wurf junger Hunde befand, welche zwar Nachts hinaus 
geworfen wurden, sich aber au der nur mit einem Lederriemen 
geschlossenen Thür vorbeidrängten und Nachts auf unsern Gesichtern 
und Körpern spazireu gingen. 

Ich hatte zwei Eskimos engagirt, Tatmik aus Selawik und 
Akommeran aus Nortonbay, mit denen ich am nächsten Morgen 
nach der schlaflos verbrachten Nacht den Weg fortsetzte, während 
Mr.Woolfe und Eisak noch hier blieben, um Hunde einzukaufen. 



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297 — 



Ich erreichte an diesem Tage die Mündung des Kujuk-River, wo 
wir in einem verlassenen Dorfe, dessen Einwohner auf Besuch ge- 
gangen waren, uns häuslich einrichteten. Kaum waren wir mit 
dem Anzünden des Feuers fertig und hatten es uns in dem kleinen 
erwählten Häuschen, das nur sechs Personen zu fassen vermochte, 
gemüthlich gemacht, als von Norden her, von dem Orte Kajak am 
Kangek-River in der Nähe des Kotzebuesundes ein Schlitten mit 
neun Personen eintraf, welche es sich sofort bei uns bequem machten 
und natürlich sämmtlich einen respektabeln Hunger und Durst 
mitbrachten. Ich liess ihnen Thee und Pfannkuchen zubereiten, 
welchen Hochgenüssen sie um so eifriger zusprachen, als sie den 
ganzen Tag ihren Schlitten gezogen hatten, da sie im Ganzen nur 
zwei Hunde besassen. Am nächsten Tage erwählten wir uns ein 
anderes Haus des Dorfes und schaufelten den Schnee hinaus, um 
es wohnlich zu machen. Kaum war dies geschehen, als Mr. Woolfe 
und Eisak ankamen. Der Letztere hatte wieder einmal mit meinem 
Theevorrath arg gewirthschaftet, während ich aufs Aeusserste be- 
dacht sein musste, denselben zu schonen. Dies Verfahren hatte mich 
mit Recht aufgebracht und ich erklärte daher dem Eisak, dass 
ich, so lange ich leben würde, niemals ruhig zusehen würde, wenn 
ein anderer mich ausplündern wollte. Eisak nahm diese Vorwürfe 
stillschweigend hin. 

Ein heftiges Schneegestöber fesselte uns auch noch am nächsten 
Tage an diesen Winkel der Nortonbay; ich benutzte aber die Ge- 
legenheit, um von einem eben angekommenen Dorfbewohner einen 
kleinen Vorrath getrockneter Lachse zu kaufen, die wir zu Suppe 
für unsere Hunde kochten. Späterhin kaufte ich auch Lachsrogen. 
Dieses Produkt, welches sehr hart und fest ist, kann im getrock- 
neten Zustande gar nicht gegessen werden, da es, wenn man darauf 
beisst, die Zähne fest aufeinander klebt. Aber mit Wasser zu Suppe 
gekocht, bildet es das gesuchteste Hundefutter jeuer Gegend. 

An diesem Tage wurden wir daran erinnert, dass wir uns 
eigentlich noch in nächster Nähe von Orowignarak befanden. Mit 
unserer Entfernung von jenem Orte war nämlich für viele dort auf 
Besuch befindliche Eskimos die Hauptnahrungsquelle versiecht und 
so hatte eine Abtheilung dieser Leute es für das Richtigste erachtet 



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— 298 



uns wie hungrige Wölfe zu verfolgen und eich ohne Weiteres hier 
am dritten Orte bei uns wieder in Pflege zu geben. 

Ihre Bemühung war indessen nicht von grossem Erfolg be- 
gleitet, denn bereits am nächsten Morgen vor Tagesanbruch gingen 
wir nordwärts. Da der von uns eingeschlagene Weg meines Wissens 
noch von keinem Weissen ausgeführt worden ist, und da die Karten 
von Alaska fast allgemein falsche Angaben über die hydrographischen 
Verhältnisse zwischen Nortonbay und Kotzebuesund enthalten, so 
dürfte die Beschreibung unserer Expedition vielleicht einiges geo- 
graphisches Interesse haben. Wir folgten zunächst dem Laufe des 
Kujuk-River stromaufwärts und übernachteten an diesem Tage in 
Itlauniwik , welcher Ort an der Einmündung des Eritak-River in 
den Kujuk-River liegt. Schon hier begann Eisak sich an die 
Prophezeiung des Schamanen zu erinnern und einige kleine Vor- 
kehrungen zu treffen, die ihm das Verlassen unserer Gesellschaft 
erleichterten. Während wir ein leer stehendes Haus für unseren 
Nachtaufenthalt herrichteten, zog er es vor, ein anderes Haus für 
sich als Aufenthaltsort zu erwählen. Ich kaufte in diesem Dorfe, 
da ich jede Gelegenheit, Proviant zu erwerben, benutzte, eine 
Quantität arktischer Forellen für uns und Quappen für die Hunde. 
Da indessen der Vorrath an letzteren sehr gering war und sich 
auch am nächsten Tage nur sehr wenig vergrößerte, so war Gefahr 
vorhanden, dass unsere Hunde weiter nördlich hinauf sehr viel 
Hunger leiden würden. 

Diesen Umstand benutzte Eisak, um seinem Wunsche, von 
der Fortsetzung der Reise abzustehen, Ausdruck zu geben. Er 
schützte vor, dass die Speisen für soviel Menschen und Hunde nicht 
ausreichen würden und fügte hinzu, dass uns auch sonst ein Un- 
glück zustosseu könnte, indem wir von Eskimos erschlagen wür- 
den etc. In jedem Falle, sagte er, würde ihn die Verantwortung 
treffen und er für unseren etwaigen Untergang Vorwürfe zu er- 
leiden haben. Ich sah es ein, dass Eisak nicht bereit war, mit 
uns weiter zu reisen und willigte gern in die Trennung, weil ich da- 
durch mehrere Menschen und viele Hunde weniger zu ernähren hatte. 

Die Nachrichten , welche wir hier in Itlauniwik über die Be- 
wohner von Kotzebuesund erhielten, lauteten nicht gerade sehr 



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- 209 



günstig. Die dortigen Eskimos hatten, wie man erzählte, heftige 
Streitigkeiten untereinander, ferner sollte am Selawik-River, der sich 
in den östlichsten Theil des Kotzebuesundes ergiesst, ein Mordanfall 
vorgekommen sein und endlich berichtete man sogar, dass die west- 
licher wohnenden Kawiaremuten einige junge Leute aus Rache für 
eine ihrem Stamme vor einigen Jahren widerfahrene Beleidigung 
getödtet hätten. 

Am nächsten Tage hatte ich mit meinem Führer Ningawakrak 
eine etwas ernsthafte Auseinandersetzung. Während ich nämlich 
ausser dem Hause beschäftigt war, ergab sich Mr. Woolfe im 




Aus Kotzebuesund. 

1. Thonlampe. 2. Instrument zum Verzieren vou Thongeräthen. 3. Gerfth zur Bearbeitung 
von ThongcflL««en. 4. Instrument zur Bearbeitung der inneren Seite der Thongeßsse. 

5. Desgleicbeu der Äusseren Seite. 



Innern desselben dem von ihm mit Vorliebe gewählten Amte eines 
Proviantmeisters, indem er am Feuer sass und stillvergnügt Pfann- 
kuchen zubereitete. Bei diesem Geschäft rief er der Halbschwester 
Ningawakraks, der etwa vierzehnjährigen Sewugak, zu, sie möge 
ihm etwas Wasser, welches er zum Einrühren des Mehles gebrauchte, 
hereinholen, die verwöhnte Kleine kümmerte sich nicht im min- 
desten um diesen Auftrag, sondern that, als ob sie ihn gar nicht 
gehört hätte. Darauf sagte ihr Mr. Woolfe, dass, wenn sie kein 
Wasser hole, sie auch keinen Pfannkuchen erhalten werde. Diese 
traurige Aussicht machte einen grossen Eindruck auf das Mädchen, 
welches sofort ein brüllendes Geschrei erhob und Ningawakrak 
herbeirief. Dieser, der sich vielleicht in dem Glauben befand, dass 
dem kleinen Mädchen ein Unheil zugefügt worden sei, eilte- sofort 



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- 300 — 



auf Mr. Woolfe zu, und da er gegen diesen ein Riese an Ge- 
stalt und Körperkraft war, so hob er ihn ohne Weiteres hoch und 
hielt ihn mit ausgestreckten Armen über das Feuer. Der total 
überraschte und gänzlich wehrlose Mr. Woolfe erhob ein lautes 
Geschrei, welches mich herbeiführte. Ich intervenirte sofort, noch 
bevor das Feuer die Kleidungsstücke ergriffen hatte, und drohte 
dem Ningawakrak, dass ich ihn energisch bestrafen würde, falls 
er noch einmal den geringsten Angriff wagte. Dieses Vorgehen 
half sofort und die Sache war damit beigelegt. Eisak, welcher 
immer noch unter uns weilte, nahm die Sache von der tragischen 
Seite und sagte, dass unsere Reise einen schlimmen Ausgang haben 
würde, deshalb würde er mit uns nicht weiterziehen. 

In der That hielt er Wort, denn als wir am andern Tage 
weiterzogen, blieb er mit seinem Sohne zurück, um wieder nach 
Orowignarak zurückzukehren. In seiner Behauptung hatte er jedoch 
Unrecht, denn Ningawakrak kam niemals wieder mit uns in Kon- 
flikt und blieb, so lauge wir mit ihm zusammen waren, ein treuer 
und umsichtiger Führer. Wir marschirten nunmehr mit vier 
Schlitten und 22 Hunden den von Norden kommenden Eritak 
River stromaufwärts. Da dieser Fluss viele Krümmungen macht 
und zu gleicher Zeit wegen des in den letzten Tagen eingetreteneu 
Thauwetters nicht überall mit Eis bedeckt war, so kamen wir nur 
langsam vorwärts. Am Abend übernachteten wir in einer ver- 
lassenen Sommerhütte, aus welcher wir den Schnee ausschaufelten 
und zugleich einige Bäume fällten, auf die wir unsern Schlitten 
zum Schutz gegen die Hunde hinauf brachten. Am andern 
Morgen verlieasen wir den Eritak River und überstiegen die 
Wasserscheide nach Kotzebuesund. Der nächste Wasserweg, deu 
wir erreichten, war der in der Richtung nach Kotzebuesund 
fliessende Bach Pujulik, wir hatten hierselbst eine weite Aussicht 
über die Gebirge, welche sich von dem eben passirten Gebirgs- 
stock aus nach verschiedenen Richtungen hinzogen. 

Im Westen zeigte sich ein ungefähr 3 — 4000 Fuss hoher 
Gebirgszug, der wie unsere Wasserscheide unbewaldet war und 
sich in nördlicher Richtung nach Kotzebuesund erstreckte. Wie 
mir mein Führer mittheilte, befindet sich im Westen dieses Ge- 



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301 



birges, parallel mit ihm laufend, der in den Kotzebuesund ein- 
mündende Kogerok River. Nordöstlich von unserem Standpunkte 
erstreckte sich ein langer Gebirgszug, auf dem neben vielen an- 
deren auch der bereits erwähnte Selawik River, der sich in die 
östlichste Ecke vom Kotzebuesund ergiesst, entspringt. Im fernen 
Osten konnten wir unsern Blick bis zu jenem Gebirgszuge schweifen 
lassen, auf dem der mir wohlbekannte Kujukuk River, welcher 
sich in den mächtigen Yukonstrom oberhalb Nulato ergiesst, 
entspringt. 

Wir gelangten um vier Uhr Nachmittags nach einer nur für 
fünf Personen ausreichenden Eskimohütte. Um für uns Alle ein 
Unterkommen zu haben, errichteten wir neben ihr ein Zelt Bei 
dem allgemeinen Holzmaugel dieser Höhenregion hatten wir nicht 
weniger als drei Stunden damit zu thun, um die nöthigen Stel- 
lagen für unsere Schlitten herzustellen. Nichts ist auf solchen 
Reisen, wie die unsrige, nothwendiger, als die Schlitten für die 
Hunde unerreichbar zu placiren, da diese Thiere sonst ohne Weiteres 
die Leinen auffressen, mit welchen die Schlitten zusammengebunden 
sind und natürlich auch die übrigen Gegenstände auf dem Schlitten 
nicht verschonen würden. 

Am andern Tage früh folgten wir dem Laufe des Pujulik- 
baches und erreichten nach dreistündigem, beschwerlichen Marsche 
einen stattlichen Fluss, welcher auf keiner Karte verzeichnet 
ist und bisher auch wohl von keinem weissen Reisenden besucht 
wurde. Diesen Fluss, dessen Lauf wir mit wenig Abschweifungen 
ganz und gar bis zu seiner Mündung in den Kangek River nach 
Norden folgten, habeich Hagen beck River genannt, der Eskirao- 
narae dieses Flusses heisst Unalitschok. 

Die Schwierigkeit der Schlittenpassage war an diesem Tage 
so gross, dass wir im Ganzen nicht mehr als 15 engl. Meilen 
zurücklegten und am Abend drei Zelte aufschlugen und darin 
campirten. Das Thal des Unalitschok ist eine gute halbe eng- 
lische Meile breit mit Wald bedeckt; die seitlichen Berge dagegen 
sind vegetationslos. 

Am nächsten Morgen ging der Marsch weiter stromabwärts, 
wobei wir wiederholt einige Biegungen des Flusses abschnitten. 



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— 302 — 



Gegen Abend machten wir einen anderthalbstündigen Aufenthalt, 
den wir zum Theekochen benutzten, und marschirten alsdann in der 
Dunkelheit weiter, da der Mond, dessen Aufgehen wir erwarteten, 
an dem mit Wolken bedeckten Himmel nicht zum Vorschein kam. 
Beim Uebergang über den Fluss fiel ich ins Wasser, musste aber 
noch bis ein Uhr Morgens marschiren, ehe wir Kajak, welches 
am Unalitschok River liegt, erreichten. Wir wurden von den Be- 
wohnern, die noch niemals einen weissen Mann gesehen hatten, 
gut empfangen, leider aber hatten die armen Leute selber nichts 
zu essen und konnten uns fiir unsere halbverhungerten Hunde 
keine Fische verkaufen. Die totale Erschöpfung aller zwei- und 
vierbeinigen Mitglieder der Expedition zwang uns, einen Ruhetag 
einzuschalten, der für meine Handelszwecke von Vortheil war, 
denn es gelang mir hierselbst, das erste wirklich schöne Stück 
aus Nephrit, einen Lippenpflock von etwa zwei Zoll Lange zu 
kaufen. Ich erwarb hierselbst auch einige Steinhämmer, die aus 
einem bis dahin geologisch unbekannten Mineral bestehen. 

Auch am nächsten Tage war es mir noch nicht möglich, 
meine Leute zur Weiterreise zu bewegen, denn das Wetter war 
entsetzlich schlecht. Aber viel schlimmer war die Hungersnoth, 
der wir Alle zusammen unterlagen, denn die Fische waren auf- 
gezehrt und unser sonstiger Proviantvorrath fast ganz verbraucht 
und wusste ich nicht, womit ich die Leute und Thiere ernähren 
sollte. Auch die Einwohner von Kajak, d. h. die Einwohner zweier 
Hütten — denn die dritte Hütte, welche noch zum Orte gehörte, 
war unbewohnt — , machten sich auf den Weg, um hoch oben 
auf die Gebirge zu steigen und zu versuchen, ob sie nicht we- 
nigstens eines von den wenigen Rennthieren, die dort vorkommen, 
zu jagen im Stande wären. 

Am andern Morgen verliessen wir Kajak und gingen über 
zum Kangek River, in welchen sich der Unalitschok ergiesst. 
Dieser Fluss macht unterhalb der Mündungsstelle einen grossen 
halbkreisförmigen, nach Nordost geöffneten Bogen, dessen Sehne 
wir auf einem gebirgigen Pfade kreuzten. Vor Hunger und Er- 
schöpfung konnten unsere Hunde kaum noch durch den tiefen 
Schnee den Schlitten ziehen, ich legte mich deshalb selber so hart 



303 — 

in die Leine, dass dieselbe mir ins Fleisch schnitt; erst gegen 
Dunkelwerden hatten wir den Kangek River wieder erreicht und 
folgten nun seinem, von hier aus nach Norden gerichteten Laufe, 
bis wir um acht Uhr Abends vollständig kraftlos den nächst- 
liegenden Ort am Flusse, Makakkerak, erreichten. Einer meiner 
Hunde war vor Schwäche umgefallen, so dass wir ihn mit uns 
schleppen mussten. In Makakkerak befindet sich nur ein Haus, 
in welchem wir jedoch Alle Platz fanden. Leider war auch hier 
der Vorrath an vorhandenen Lebensmitteln so gering, dass ich 
für meine armen Hunde nur eine kleine Quantität getrockneter 
Fische erwerben konnte. 

Ich hätte es kaum gedacht , dass die Hungersnoth , welche 
uns hier im Distrikt von Kotzebuesund nun schon seit mehreren 
Tagen verfolgte, wirklich so gross sein würde. Wie schön hätten 
wir jetzt alle jene Vorräthe, welche durch Eisak und seine Ge- 
sellschaft im Laufe der letzten Monate aufgebraucht worden waren, 
gebrauchen können! Trotz der Hungersnoth zwang uns ein Schnee- 
sturm, hier in Makakkerak eineu vollen Tag zu verweilen und 
gelang es mir, wenigstens eine kleine Quantität Stinte für die 
Thiere zu kaufen. Ich beschloss, den erkrankten Hund bei den 
gutherzigen Einwohnern in Pflege zu geben, da ich ihn während 
der voraussichtlich ein bis zwei Wochen dauernden Tour nach 
Kotzebuesund und zurück nicht brauchen konnte. Wie ich ver- 
nahm, herrschte im Norden des Kotzebuesundes am Noatak River 
grosse Hungersnoth, so dass die dortigen Bewohner sogar alle ihre 
Hunde verzehrt hatten. Diese Aermsten leben fast nur von 
Rennthierjagd, welche, wie bereits erwähnt, gänzlich ertrags- 
los war. 

Am Montag den 29. Januar setzten wir unsere Reise strom- 
abwärts den Kangek River entlang fort und marschirten den ganzen 
Tag bis Dunkelwerden, wo wir das Wasser des Kotzebuesuudes an 
der Mündung des Kangek, welche den Namen Eschscholtzbay fuhrt, 
erreichten. Auf einer Landspitze dieser Bay befindet sich das 
Eskimohaus Inuktok , woselbst unser Führer zu Hause gehört. 
Wir hatten noch einen angestrengten Marsch über das Eis der 
Bay zurückzulegen , so dass die Füsse unserer Hunde , wie fast 



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— 304 — 

stets bei starkem Frost, heftig bluteten ; bis wir um 7 Uhr Abends 
in Inuktok anlangten. Glücklicherweise fanden wir dort einen 
kleinen Vorrath von Fischen, so dass ich meinen Hunden wieder 
eine ordentliche Mahlzeit geben konnte. Auch am nächsten Mor- 
gen blieben wir noch hier, um den total erschöpften Thieren wie- 
der einmal eine warme Suppe zu kochen, denn es ist nöthig, dass 
man ihnen bei harter Arbeit wenigstens einmal in der Woche 
diese Erquickung zukommen lasst. 

Die Einwohner von Inuktok waren übrigens sich der Ehre, 
die sie durch unseru Besuch erhielten, so wohl bewusst, dass sie 
uns Preise abforderten, als wenn wir die grössten Herren gewesen 
wären. Ich begann mit ihnen ein Handelsgeschäft und kaufte 
ihnen einzelne interessante ethnologische Gegenstände, Lippen- 
pflöcke u. s.w., ab. Sie schienen aber der Ansicht zu sein, dass 
sie von mir, dem ersten Weissen, welcher sie besuchte, gleich den 
ganzen Profit einheimsen müssten, den sie von den Leuten meines 
Stammes zu nehmen gedachten; wenigstens richteten sie ihre For- 
derungen darnach ein. Auch meine Verhandlungen wegen An- 
kaufs einer für drei Tage ausreichenden Ration für die Thiere 
scheiterte an den meine dermaligen Vermögensverhältnisse weit 
übersteigenden Anforderungen der Eskimos. Ich machte ihnen in 
ihrer Sprache begreiflich, dass ich alle weissen Reisenden vor ihnen 
warnen würde — was ich hiermit gethan haben will — erzielte 
aber damit augenscheinlich nicht den allermindesten Effekt. 

Der Monat Januar schloss mit einem orkanartigen Wirbel- 
sturm mit Schneegestöber, welcher sich während der Nacht er- 
hob. Ich versuchte es am nächsten Morgen nach dem nur 
einige Schritte vom Hause entfernten Schlitten zu gehen, aber es 
war mir im Freien kaum möglich Athem zu holen und ich konnte 
in dem dichten Schneegestober nur mit grösster Mühe das Haus 
wieder finden. Die Hunde hatten sich auf der dem Winde ab- 
gewendeten Seite des Hauses einschneien lassen und nur einzelne 
von ihnen ragten mit den Nasenspitzen aus der Schneedecke her- 
vor. Wir gruben die Thiere sämmtlich aus und Hessen sie als 
Beweis ganz besonderer Vergünstigung in den Vordergang des 
Hauses hinein. Ausser dem Sturm herrschte eine so bittere Kälte, 



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— 305 — 



dass, wenn uns dieses Wetter unterwegs überrascht haben würde, 
unser Leben wohl kaum gerettet worden wäre. 

Am nächsten Morgen hatte der Sturm so weit nachgelassen, 
dass wir bei Tagesanbruch die Eschscholtzbay nach Norden zu kreuz- 
ten und dadurch jene langgestreckte schmale Halbinsel erreichten, 
welche sich viele Meilen weit nach Nordwesten in den Kotzebue- 
sund hinein erstreckt. Wir erreichten in der Mittagsstunde das 
kleine Flüsschen Arawingenak und brachten in einem kleinen 
Hause gleichen Namens den Rest des Tages zu. Mein Führer 
Ningawakrak befand sich hier unter Verwandten. Ich merkte 
dies daran, dass die alte Eskimofrau, welcher dieses Haus gehörte, 
bei seinem Anblick zu weinen begann. Die Stimme des mensch- 
lichen Herzens redet in allen Zonen und bei allen Völkern die- 
selbe Sprache! Die Sache verhielt sich folgenderraassen: Der Mann 
dieser alten Frau hatte im letzten Herbst einen berühmten Scha- 
manen des nur einige englische Meilen entfernten Dorfes Selawik 
erschossen. Kurze Zeit nach dieser That erkrankte er zufallig, 
und da er die abergläubische Furcht hegte, dass seine Krankheit 
eine Strafe für den Mord wäre und dass er nicht wieder gesund 
werden würde, so starb er in der That aus Angst Der noch 
frische Schmerz seiner Wittwe über diesen Verlust wurde beim 
Anblick von Ningawakrak, welcher der Neffe des verstorbenen 
Mannes war, wieder erneut. Diese schmerzliche Erinnerung hin- 
derte die gute Frau indessen nicht daran, uns nach Kräften gut 
zu bewirthen und uns ein gutes Lager für die Nacht zu bereiten. 

Unter der Reihe von Punkten, welche wir im Gebiet von 
Kotzebuesund besuchen wollten, waren die wichtigsten diejenigen 
Ortschaften, welche in der Nähe des Selawik River lagen. Dieser Fluss, 
welcher wie bereits bemerkt, südöstlich von Kotzebuesund entspringt, 
ist reich bevölkert. Er ist durch ein sehr lang gestrecktes Inlet, das 
Hotham-Inlet , mit dem Kotzebuesund verbunden. Dieses Inlet 
steht landeinwärts in Verbindung mit dem Selawik-Inlet, eine Art 
Haff, oberhalb desselben befindet sich ein zweiter, noch auf keiner 
Karte verzeichneter See, den ich zu Ehren des Hilfe koraites 
zur Beschaffung ethnographischer Sammlungen für das 
Königliche Museum in Berlin, nach dem Namen des 

A. Woldt, Capitata Jacobsen's Hebe. 20 



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— 306 — 



Vorsitzenden desselben als „J. Richter-See" bezeichnet habe. Unser 
Weg führte uns am andern Morgen quer durch die langgestreckte 
Halbinsel zunächst nach dem Selawiksee, auf dessen Eis wir ostwärts 
bis zum Orte Tuklomare zogen, welcher zwischen diesem See und dem 
J. Rieht er- See liegt Die Bewohner zeigten sich als zudringliche 
Bettler, welche uns stark bedrängten, so dass wir sogar kaum Platz 
zum Schlafen hatten. Es gelang mir an diesem Ort, eine grossere 
Quantität Heringe zu kaufen, so dass meine ausgehungerten Hunde 
wieder einmal eine tüchtige Mahlzeit halten konnten. 

Wir gingen am nächsten Morgen den Selawik River eine 
kurze Strecke hinauf, bis wir zu einen leeren Hause kamen, um 
von hier aus unsere Geschäfte zu betreiben. Da das Haus unter 
Schnee begraben und mit Schnee angefüllt war, so hatten wir drei 
Stunden lang zu thun, um es wohnlich herzurichten. Während 
dies geschah, sandte ich einen Schlitten aus, welcher Zwergweiden 
holen sollte, mit denen wir uns später ein gutes Feuer anzündeten. 
Als wir diese Arbeiten vollendet hatten, füllte sich der Raum mit 
Eskimos, welche sämmtlich den höchsten Wunsch hatten, den noch 
nie gehabten Genuss von Thee und von Pfannkuchen, die in Fisch- 
thran gebacken waren, kennen zu lernen. Die Nachricht von un- 
serer Ankunft hatte sich nämlich wie ein Lauffeuer verbreitet und 
so wurde unser kleines Häuschen vollständig gefüllt mit Leuten. 

Die nächste Sorge war, als wir heimisch geworden waren, 
wieder die alltägliche prosaische Bemühung um das so dringend 
nothwendige Futter für die Hunde. Wir entsandten deshalb zwei 
Schlitten nach dem nächsten Ort Kajuktulik, und hatten die Freude, 
dieselben am nächsten Abend vollbeladen mit Heringen zurück- 
kommen zu sehen. Zugleich sandten wir Leute hinaus nach den 
18 verschiedenen Ortschaften am Selawik River und in die Um- 
gegend, mit der Nachricht, dass wir während der nächsten Tage 
in unserm Hause verweilen würden und dass die Einwohner mir 
ihre ethnographischen Gegenstände für das Berliner Museum und 
Mr.Woolfe die Felle ihrer Jagdthiere für die Alaska-Coramercial- 
Company verkaufen sollten. Es entwickelte sich denn auch bald 
ein lebhaftes Geschäft , aber gleich der erste Ankauf zeigte mir, • 
wie vorsichtig man der dortigen Bevölkerung gegenüber sein 



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307 — 

musste. Ich kaufte eine hübsche Pfeife aus einer Art Griinatein, 
welcher jedoch nicht Nephrit war, und einem Lippenpflock, dessen 
Material ich in der Eile des Geschäfts für Stein hielt, das aber, 
wie sich später herausstellte, gefärbtes Glas war. 

Die Einwohner waren zudringlich und forderten hohe Preise, 
auch brachten sie durchaus nicht so viele ethnographische Gegen- 
stände zum Vorschein, als ich nach den früheren Berichten er- 
warten durfte. Wie ich horte, lag dies daran, dass ein grosser 
Theil derartiger Sachen früher durch Eskimohändler aufgekauft 
und nach Fort St. Michael gebracht worden ist, woselbst es Mr. 
Nielson für Smithsonian-Institution erworben hat. Ich kaufte 
gegen Abend noch einige kleine Nephritmesser, Lippenpflöcke und 
andere Gegenstände. 

Wir hatten den ganzen Tag damit zu thun, dass wir wenigstens 
die Zudringlichsten unter den Einwohnern aus unserer Hütte hinaus- 
trieben. Mr. Woolfe kaufte verschiedene Fuchs- und Hasenfelle 
sowie ein paar Rennthierstiefeln. Am andern Tage kam der Eskimo, 
welcher ihm die Stiefel verkauft hatte, wieder und verlangte die 
Rückgabe derselben, indem er ihm die dafür erhaltenen Tausch- 
artikel an den Kopf warf. Der an Körperkräften schwache Mr. 
Woolfe gab hierauf dem unverschämten Verlangen nach uud 
machte den Kauf rückgängig. Das Auftreten des Eskimos ärgerte 
mich gewaltig, so dass ich aufsprang und mit drohender Geberde 
meinen Ledergurt umschnallte, in welchem ein Revolver und ein 
grosses Messer steckte. Sobald der Eskimo dieses sah, concentrirte 
er sich schleunigst rückwärts, verliess unser Haus, so dass wir ihn 
nicht mehr zu sehen bekamen. 

Am andern Morgen war das Haus schon bei Tagesanbruch 
mit Eskimos gefüllt, so dass wir uns nicht rühren konnten. Da sie 
mehr des Betteins als des Handels wegen gekommen waren, so 
nahm ich zwei Schlitten und fuhr damit nach Kajuktulik, um dort 
Fische einzukaufen. Das Wetter war an diesem Tage, den 6. Februar 
so mild, dass ich den ganzen Tag in Hemdsärmeln maschiren konnte. 
Um nach Kajuktulik zu gelangen musste ich den etwa fünf englische 
Meilen breiten „J. Richter-See" überschreiten. Dieser Tag war 
wieder für meine Zugthiere ein hoher Festtag, denn in dem genannten 

20* 



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— 308 — 



Orte befand sich ein grosser Vorrath von Heringen, wovon ich meine 
Hunde soviel fressen Hess, als sie nur wollten. Die Thiere, welche 
fast bis zum Skelett herabgemagert waren, sahen nach dieser Mahl- 
zeit ordentlich dick und rund aus. Ich kaufte dann noch zwei 
Schlitten voll Heringe und kehrte wieder nach unserm Aufenthalts- 
orte, dessen Eskimoname Potogroak heisst, zurück. Als ich unter 
strömenden Regen meinen Einzug in unser Haus hielt, kehrte mit 
mir zugleich ein Schlitten zurück, den wir einige Tage vorher nach 
dem oberen Laufe des Selawik-River gesandt hatten, um die dortigen 
Einwohner von unserer Ankunft zu benachrichtigen. Eine grössere 
Anzahl von Eskimos waren mit ihren Fellen und ethnographischen 
Gegenständen dem Schlitten gefolgt und wünschten nunmehr sofort 
— es war 10 Uhr Abends — die Tauschgeschäfte zu eröffnen. 
Wir vertrösteten die Leute auf den folgenden Tag. 

Das Ergebniss des Handels war diesmal ein zufriedenstellendes. 
Ich kaufte verschiedene Gegenstände aus Nephrit, Steinäxte, Lippen- 
pflöcke, Messer u. s. w., auch andere Gegenstände, Schnitzereien 
und Geräthe. Wir hatten bald die von uns mitgebrachten Tausch- 
artikel -fast ganz aufgebraucht Nachdem wir unser Handelsge- 
gesebäft geschlossen hatten, kam zufallig ein Eskimohändler der 
Western Für Trading Company von Süden angereist, welcher, 
da es nichts mehr zu kaufen gab, die Concurrenzfahigkeit seiner 
Gesellschaft dadurch hervorhob, dass er hohe Preise für Felle bot. 
Wäre er einige Tage früher gekommen, so hätte er allerdings 
Mr. Woolfe sein Geschäft verderben können. 



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XIX. 

Antritt der Rückreise von Kotzebuesund 8. Februar 1883. Da« feuchte Hau« 
der Tante Ningawakraks. Ein Unglücksta^, Die Hunde fressen das Gepäck 
an. Orkanartiger Sturm. Eine mit Schnee gefällte Hütte. Aufbrechen des Eises 
der Eschscholtzbay. Die Springfluth. Eilige Flucht, Starke Kälte. Rettung in 
Arawingenak. Der kälteste Tag. Die verlassene Hütte. Ueberschreiten der Esch- 
scholtzbay nach Inuktok. Meine Hunde brechen in das Oelhaus ein. Das werth- 
volle Nephritmesser. Fortsetzung der Reise nach Süden. Den Kangek-River 
hinauf. Schwieriger Marsch nach Makakkerak. Betrügerische Eskimos vom Selawik- 
River. Beginn besserer Tage. Ein Meteor. Ein Ruhetag. Mr. Wool f e's Ueber- 
raschung. Reisende sollen körperlich kräftig »ein. Schneesturm. Unheimliche 
Reisebegleiter. Gute Mahlzeit. Die grösste Tagestour dieser Expedition. Wieder 
in Orowignarak. Eisak erhält Vorwürfe. Weiterreise nach Fort St. Michael. 
Bettelhafte Reisebegleitung. Schneesturm. Ankunft in Fort St. Michael 12. Februar. 

Nachdem unsere Geschäfte erledigt waren, traten wir am 
Donnerstag den 8. Februar 1883 die Rückreise von Kotzebuesund 
nach Orowignarak und weiterhin nach Fort St. Michael an. Das 
Wetter war Anfangs schön, so dass wir von Potogroak über den 
Selawiksee nach der bereits genannten Landzunge eine gute Fahrt 
hatten. Da aber meine beiden Schlitten sehr viel schwerer beladen 
waren als diejenigen meines Reisegefährten, so blieb ich beim 
Ueberschreiten der Landzunge eine Strecke zurück und hatte einen 
harten Kampf mit einem von Süden heraufkommenden Sturm zu 
bestehen. Wir erreichten jedoch bei Dunkelwerden den Arawingenak- 
River und den Ort gleichen Namens, woselbst, wie bereits bemerkt, 
die trauernde Tante meines Führers Ningawakrak wohnte. 
Während der Nacht verwandelte sich der Sturm in einen Orkan 
mit heftigen Regenschauern, und da das Dach unseres Hauses 
durchlöchert war, so waren wir früh Morgens alle durchnässt. Ich 
musste die beiden Decken, unter denen ich geschlafen, ausringeu. 

Unsere Hunde hatten uns einen bösen Streich gespielt. Da 
nämlich auf der Halbinsel keine Bäume wachsen, so fehlte es uns 
an Material, um am Abend unserer Ankunft die noth wendigen 
Stellagen für die Schlitten zu errichten. Dieser Umstand sollte 



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— 310 

für uns verhängnissvoll werden, obgleich wir versuchten, eine Be- 
schädigung der Schlitten und des Proviantes dadurch abzuwenden, 
dass wir die wildesten und bissigsten von unseren Hunden an die 
Schlitten banden, damit diese Thiere ihre hungrigen Gefährten 
während der Nacht zurückhalten sollten. Es bewährte sich in- 
dessen das bekannte Spruch wort vom Bock, der zum Gärtner 
gemacht wird, auch in diesem Falle, denn beide Theile hatten 
gemeinschaftliche Sache gemacht und nicht nur die aus Segeltuch 
bestehenden Schlittendecken zerrissen, sondern auch eine grosse 
Menge Heringe verzehrt 

Dieser Tag war überhaupt ein Unglückstag für uns; der 
orkanartige Sturm aus Westen tobte mit voller Gewalt über die 
weite Fläche von Kotzebuesund und sandte seine wüthenden Wind- 
stösse mit lautem Sausen über die bergige Landzunge. Ungeachtet 
dieser Warnung brachen wir auf, indem wir uns als Tagesziel die 
Erreichung einer kleinen leeren Hütte vorsetzten, welche unmittel- 
bar am Ufer von Eschscholtzbay steht. Unsere Hunde wollten durch- 
aus nicht vorwärts, wir aber zwangen sie und arbeiteten uns mit 
äusserster Anstrengung über die hohe felsige Landzunge nach jener 
Hütte hindurch, welche während des Sommers als Fischerhütte dient. 

Derselbe AnMick, den wir so oft schon des Abends genosseu 
hatten, bot sich unseren Augen wieder einmal dar. Die Hütte war 
total mit fest angefrorenem Schnee gefüllt, so dass wir ihren hin- 
teren Theil losbrechen mussten, um den Schnee entfernen zu können. 
Es war gegen Abend geworden, und das Sausen und Brausen des 
Sturmes mischte sich mit dem Krachen und Knirschen des Eises der 
Eschscholtzbay und des Kotzebuesundes, welches, soweit wir sehen 
konnten, aufgebrochen war. Als wir unsere schwierige Arbeit be- 
endet hatten, nahmen wir in unserer Hütte, welche etwa 10 Fuss 
über dem Gestade der Bay auf einer kleinen inselartigen Erhöhung 
stand, Platz, zündeten ein erwärmendes Feuer an und bereiteten 
uns Thee und Pfannkuchen. 

Ich war gerade damit beschäftigt , eine Blechtasse voll Thee 
zu trinken, und beabsichtigten wir uns unmittelbar darauf zum 
Schlafen niederzulegen, als mein Führer Ningawakrak, welcher 
zufällig auf einen Augenblick hinausgegangen war, plötzlich mit 



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311 - 



dem Ruf hineinstürzte: „Das Wasser kommt!" Im Augenblick 
sprang ich auf und eilte hinaus, schnell folgten die Anderen, und 
in wenigen Minuten waren die Schlitten bespannt, während das 
Wasser der Eschscholtzbay, von den wilden Stössen des Orkans 
emporgewühlt, seine Schaummassen uns ins Gesicht spritzte. Es war 
klar, dass in Folge des Sturmes eines jener springfluthartigen 
Ereignisse eingetreten war, welche in spitz zulaufenden Meeres- 
theilen, wie derjenige, an dessen Ufer wir uns befanden, gar nicht 
zu den Seltenheiten gehören. Das Wasser war vom Meere aus 
mindestens um 10 Fuss gestiegen, davon im Laufe der letzten 
Stunde nicht weniger als 4 Fuss. 

Wir waren alle davon überzeugt, dass nur die sofortige 
schnellste Flucht uns retten konnte, eine Flucht, bei der die uns 
zunächst bedrohende Naturgewalt, das Wasser, nur für den ersten 
Moment in Betracht kam, während die beiden anderen Mächte, 
der tobende Orkan und die sich in furchtbarster Weise fühlbar 
machende Kälte eine absolute Lebensgefahr für uns brachten, 
wenn es uns nicht gelang, sobald als möglich ein schützendes Ob- 
dach wieder zu erreichen. Der einzige Punkt, wo sich ein solches 
für uns in dieser todesdunkeln Nacht finden Hess, war die vier 
Stunden entfernte Hütte Arawingenak, in welcher wir die vorige 
regnerische Nacht zugebracht hatten. Ohne uns auch nur einen 
Augenblick zu besinnen, stürmten wir in der Richtung aus der 
wir am Tage vorher gekommen waren vorwärts, die steilen Felsen 
hinauf über den klingend harten Schnee und hatten die Freude 
in fliegender Fahrt, da uns der Sturm von hinten her mit ge- 
waltiger Macht vorwärts trieb, unser Leben zu retten. 

In später Nachtstunde erreichten wir fast erstarrt und er- 
froren Arawingenak. Wie köstlich erschien uns jetzt dieses Obdach, 
von dem wir uns am frühen Morgen nur allzugern getrennt hatten! 
Die Bewohner empfingen uns freundlich und mitleidig, und als 
wir unsern Bericht abstatteten, konnten sich die „ältesten Leute" 
dieser Gegend nicht erinnern, jemals etwas ähnliches erlebt zu 
haben. Aber gerade weil dieses sich so verhielt, so schloss ihre 
Eskimologik weiter, könnte dieses Ereigniss nicht mit rechten 
Dingen zugegangen sein, sondern an dem grossartigen Natur- 

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.-- 312 



ereigniss seien einzig und allein wir Unglücksvögel schuld, und wer 
könnte wissen, welches Malheur wir noch über Kotzebuesund und 
seine Bewohner bringen würden! Was vermochten wir beide da- 
gegen zu thun? Es war ein unumstößliches Faktum, dass wir 
bei den guten Leuten erschienen waren, und dass sich bald nach 
unserer Ankunft heftige Naturereignisse abgespielt hatten. Beides 
mit einander in Verbindung zu bringen, dazu waren die Eskimos 
ebenso sehr berechtigt, wie Jemand der Donner und Blitz als Wir- 
kung und Ursache bezeichnet. 

In der vorigen Nacht hatte gleichzeitig mit uns ein Schlitten 
vom Selawik River, welcher nach Fort St Michael gehen wollte, 
in Arawingenak sieh eingefunden. Er hatte jedoch seinen Weg 
direkt nach Süden über das Land fortgesetzt und sich nach Mak- 
akkerak am Kangek River gewandt. Auf diese Weise hatten die 
Eskimos, denen der Schlitten gehörte, von dem plötzlichen Steigen 
des Wassers nichts gehört. 

Ich bedauerte am nächsten Tage, wie so oft auf meiner Reise, 
dass ich kein Weingeistthermometer bei mir hatte. Ich hätte als- 
dann vielleicht konstatireu können, dass dieser Tag der kälteste 
von allen war, die ich auf meiner Reise durch Alaska erlebt 
hatte. Ich bin überhaupt der Meinung, dass diejenige Kälte, 
welche man auf derartigen Schlitteureiseu mit Eskimos im arkti- 
schen Winter hoch oben in Alaska, namentlich beim Ueber- 
schreiten von Gebirgen zu ertragen gezwungen ist, durchaus das 
Temperaturminimum überschreitet — d. h. an Kälte übertrifft, 
welches durch die Beobachtungen der meteorologischen Stationen 
konstatirt worden ist. 

Die Kälte dieses Tages war so stark, dass wir den ganzen 
Tag über gezwungen waren in der Hütte Arawingenak Feuer zu 
halten, wobei uns das hier in grossen Massen vorkommende Busch- 
werk vortreffliche Dienste leistete. Es war nicht daran zu zweifeln, 
dass die vom Sturm aufgebrochene Eisfläche des Kotzebuesundes 
und der Eschseholtzbay sich wieder in die festeste Eisdecke verwan- 
deln musste, wenn der Frost auch nur eine einzige Nacht noch 
in der Stärke anhielt 

Am zweiten Morgen brachen wir auf, nachdem der Wind 



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— 313 — 



südlich gegangen war und der Himmel sich mit Wölken bedeckt 
hatte. Wir hatten die in der Fluthnacht verlassene Hütte bald 
wieder erreicht und machten eigens zu dem Zwecke Halt, um 
uns zu überzeugen, wie hoch das Wasser nach unserer Flucht 
noch gestiegen war. Die Wassermarke reichte fast bis ans Dach 
hinan, so dass wir ohne Zweifel säm ratlich ertrunken waren, wenn 
uns die Katastrophe im tiefsten Schlafe betroffen hätte. Jetzt war 
das Wasser wieder niedrig und der Spiegel der Eschscholtzbay war 
mit einer festen soliden Eisfläche bedeckt, über welche wir schnell 
hinüber fuhren und bald darauf den Ort Inuktok erreichten. Hier 
gab man uns mancherlei Berichte über die Wirkungen der Sturm- 
fluth, u. a. erzählte man, dass ein schwere« Boot, welches umge- 
kehrt auf seiner Stellage am Lande gelegen hatte, vom Sturme 
aufgehoben und hinab geworfen worden war. 

Wir wären an diesem Tage noch weiter marschirt, wenn nicht 
ein plötzlich eintretender Schneesturm dies verboten hätte. In 
der darauf folgenden Nacht wurde uns wieder eines jener zahl- 
reichen Aergernisse bereitet, zu denen die Hunde Veranlassung 
gaben. Ich hatte den Eskimos in Inuktok, welche selber sehr arm 
an Vorräthen für den Winter waren, einen von ihren beiden mit 
Fischthran gefüllten Seehundssäcken abgekauft. Gegen Morgen 
wurden wir durch einen furchtbaren Lärm unserer Hunde geweckt, 
welche sich wüthend bissen und herum balgten. Wir untersuchten 
sofort den Grund dieses Vorkommnisses und gewahrten zu uuserra 
grössten Schreck, dass die Hunde sich gewaltsam Eingang in 
das Oelhaus verschafft und dass sie die beiden mit Thran an- 
gefüllten Seehundsfelle angefressen hatten. Hierdurch war das Fett 
heraus gelaufen und von den Hunden mit sammt dem Schnee, 
in den es geflossen, verzehrt worden. So leid es mir that, dass 
mein so überaus geringer Vorrath von Proviant auf so fatale 
Weise verringert worden war, so musste ich fast noch mehr die 
Eskimos bedauern, die hierdurch gezwungen waren, ihren Wohnort 
zu wechseln. Wir zahlten ihnen eine geeignete Entschädigung 
was ihnen soviel Freude zu bereiten schien, dass sie mir ein sehr 
originell gearbeitetes Nephritraesser, das ich bei unserer ersten 
Anwesenheit gar nicht zu sehen bekommen hatte, verkauften. 



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— 314 — 



Dieses Messer ist eins der werthvollsten Stücke meiner Samm- 
lung. Seine in einem hölzernen Heft befindliche Klinge ist ge- 
schliffen und hat die Gestalt der Klinge eines Taschenmessers, man 
kann mit ihr weiches Holz schneiden. 

Trotzdem es am nächsten Tage noch fortwährend schneite, 
marschirten wir ab und wandten uns südwärts den Kangek-River 
hinauf. Es war sehr schwer vorwärts zu kommen, trotzdem gelang 
es uns noch vor Tagesende nach Makakkerak zu gelangen. Der 
Eskimohund, welchen ich hierselbst zurückgelassen hatte, war in 
Folge der guten Pflege und Schonung wieder gesund und wohl- 
genährt geworden, und trug seinem Pfleger eine gute Belohnung 
von mir ein. Der Schlitten vom Selawik-River, dessen Mannschaft 
mit uns in jener regnerischen Nacht in Arawingenak übernachtet 
hatte, war schon vor uns nach Makakkerak gekommen und wartete 
auf uns. Ich hatte jedoch über die Leute so nachtheilige Gerüchte 
gehört, dass ich mir schon vorher ihre Gesellschaft und Begleitung 
verbeten hatte. Man erzählte mir, dass der Besitzer dieses Schlit- 
tens ein Jahr vorher eine Handelsgesellschaft um eine grössere 
Menge Handelswaaren betrogen hatte. Nichtsdestoweniger beabsich- 
tigte er jetzt wieder nach Fort St. Michael zu reisen. Welche ver- 
brecherische Absicht ihn dabei leitete, darauf komme ich späterhin 
noch zurück. 

In Makakkerak begannen endlich wieder die Tage der besseren 
Ernährung für uns. Wir kauften hier acht Schneehühner und be- 
kamen einen guten Vorrath getrockneter Fische. Da wir Eile 
hatten, so setzten wir am nächsten Tage, obwohl der Schneesturm 
immer noch nicht aufgehört hatte, unsere Reise nach Süden weiter 
fort, verliessen nach zweistündigem Marsch den Kangek-River und 
passirten abermals seinen grossen nach Nordosten gerichteten Bogen 
in der Sehne. Auf dem Hochland war der Schnee etwas besser 
für den Schlitten als unten. Die kurze Strecke, welche uns, als 
wir den Kangek wieder erreicht hatten, noch von dem Orte Kajak 
am Unalitschok oder Hagenbeck-River trennte, schritten wir gleich- 
falls über Land, nachdem wir den Kangek passirt hatten. -Vis 
wir uns in der Dunkelheit Kajak näherten, hatte ich den Anblick 
eines seltenen Phänomens, indem ein strahlendes grünlich leüchten- 



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- 315 



des Meteor dicht vor uns niederfiel. Ich hatte den Eindruck, als 
ob der Ort des Falles sich noch vor einem nahe gelegenen Hügel 
befand. In Kajak fanden wir die Häuser verlassen, da sich alle 
Einwohner auf Kennthierjagd befanden. Wir benutzten dasselbe 
Haus, in welchem wir bereits auf der Hinreise übernachtet hatten. 
Auch der Schlitten von Selawik-River blieb hier bis zum andern 
Morgen, wo er südwärts weiter fuhr. 

Wir schalteten jetzt einen Ruhetag ein, da es dringend noth- 
wendig geworden war, für unsere abgetriebenen Hunde wieder ein- 
mal eine kräftige Suppe zu kochen. Auch hatten wir genug damit 
zu thun, unsere Stiefel und Handschuhe auszubessern. Einige 
Eskimos, welche ich auf die Jagd schickte, kehrten Abends mit 
einigen Schneehühnern wieder heim. Der Aufenthalt in diesem 
grossen und schönen Eskimohause war einer der angenehmsten, 
den ich seit langer Zeit hatte. Mein Reisekollege Woolfe erlebte 
hier eine Ueberraschung. Er hatte auf der Herreise hier im Hause 
das Fell eines Rothfuchses und einige Rennthierfelle gekauft, aber 
im Hause zurück gelassen, um sie bei unserer Rückkunft mitzu- 
nehmen. Die Felle waren aber nirgends zu finden, da sie der 
Verkäufer wohl wieder an sich genommen hatte. Auch in Inuktok 
war mein Reisekollege von einem Eskimo betrogen worden, indem 
letzterer ihm einige Felle verkaufte und sie ihm bis zu seiner 
Rückkunft aufzuheben versprach, inzwischen dieselbe Waare an 
einen Händler nochmals verkaufte, sich aber weigerte, Herrn Woolfe 
späterhin den Kaufpreis zurück zu zahlen. Ich erwähne diesen 
Umstand besonders deshalb, weil ich Reisende, welche einen schwäch- 
lichen Körperbau haben, davor warnen möchte, sich unter solche 
Naturvölker wie diese Eskimostämme sind, ohne besonderen Schutz 
zu begeben. Diese Eingebornen, welche stets in der Lage sind, 
ihre Körperkräfte stark anzuspannen und kein anderes Recht an- 
zuerkennen, als das Recht des Stärkeren, nehmen nur zu leicht die 
Gelegenheit wahr, einen körperlich schwachen weissen Mann zu 
übervortheilen. Ich habe oft unter den Eskimos sowohl wie unter 
den Indianern den einzigen Schutz in meinem energischen persön- 
lichen Auftreten gefunden. In British Columbien trat hierzu noch 
der gewaltige Respekt, den die Eingebornen vor den Kanonen der 



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— 316 — 



englischen Kriegschiffe haben. In Alaska haben die Beziehungen 
der Handelsgesellschaften auf friedlichem Wege etwas dem ähn- 
liches geschaffen. Ich habe vielfach den Eskimos klar gemacht, 
wenn ich sah, dass sie mich übervortheilen wollten, dass ich, falls 
sie dies thäten, ihre schlechte Handelsweise sorgsam in mein Notiz- 
buch verzeichnen und späterhin allen weissen Leuten zeigen würde, 
damit keiner von meinen Landsleuten mehr zu ihnen kommen und 
Handel treiben sollte. Wenn man ein derartiges Vorgehen durch 
energisches persönliches Auftreten, durch breite Schultern und 
kräftige Gliedmassen unterstützt, so erreicht man in vielen Fällen 
seinen Zweck und schützt 9ich vor Betrug. 

Am nächsten Morgen setzten wir die Reise fort, wurden aber 
im Laufe des Tages, wie so häufig, durch einen uns entgegen- 
kommenden Schneesturm überrascht, der uns zwang, bei Dunkel- 
werden uns in das dichte Gehölz zurück zu ziehen und dort aus 
unsern Schlittendecken Zelte zu machen, in denen wir die Nacht 
zubrachten. Trotz des schlechten Wettere enthielt unsere Speise- 
karte an diesem Abend das Menu Hasensuppe und Pfannkuchen. 
Während der Nacht legte sich der Sturm, so dass am andern Vor- 
mittage das schönste Wetter herrschte, als wir den Fluss verliessen 
und die Wasserscheide zwischen dem Gebiete des Kotzebuesundes 
und des Nortonsundes überstiegen. Wir erreichten wieder den 
Bach Pujulik und trafen jenseits der Höhe in der Nähe des nach 
Süden strömenden Eritak- Rivers dieselbe Hütte, in der wir vier 
Wochen früher übernachtet hatten. Wir hielten wieder eine gute 
Mahlzeit, mit Suppe von Schneehühnern und andern Genüssen, 
unsere armen Hunde jedoch, deren Futter stark auf die Neige 
ging, mussten sich diesmal mit einem bescheidenen Mahle begnügen. 
Unser unheimlicher Reisebegleiter, der Schlitten von Selawik-River 
blieb auch hierselbst während der Nacht. 

Die grösste Tour, welche ich auf dieser Expedition in einem 
Zuge zurücklegte, folgte am zweitnächsten Tage, nachdem wir noch 
einmal im Dorfe Itlauniwik Halt gemacht hatten und für unsere 
erschöpften Zugthiere den Rest der Fische, die wir noch besassen, 
zu Suppe gekocht hatten. Wir benutzten alsdann den schönen 
Mondschein, brachen um 3 Uhr Morgens auf und gingen bei 



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317 — 



schönem Wetter und vom Nordwinde begünstigt den Kujuk-River 
stromabwärts, worauf wir die Mündung dieses Flusses und das 
gleichnamige Dorf am Ufer der Nortonbay um 11 Uhr erreichten. 
Gegen Abend wendeten wir uns westwärts, wo wir Eisaks 
Sohn beim Fischen antrafen und mit ihm die Nacht zubrachten. 
Am nächsten Mittag nahm uns dann wieder unser norwegisches 
Bauernhaus in Orowignarak in sich auf, nachdem wir zu uuserer 
Reise nach Kotzebuesund und zurück im Ganzen 38 Tage gebraucht 
hatten. Eisak verdiente und empfing von uns Vorwürfe. Er hatte 
nämlich eine Büchse mit Bisquit, welche wir in Itlauniwik für 
unsere Rückkehr als Reserveproviant in Aufbewahrung gegeben 
hatten, geöffnet und zum grössten Theil für sich verwandt» als er 
nach seiner damaligen Trennung von uns durch den genannten 
Ort wieder nach Orowignarak zurückreiste. 

So ermüdet wir auch von der Tour waren, so durften wir 
Eisak s Haus doch nicht für längere Zeit zum Aufenthaltsorte wählen. 
Das einzige was wir uns gestatteten, war eine l7 2 tägige Rast, 
welche wir dazu benutzten, um die dringendsten Vorbereitungen für 
die endliche Rückkehr nach Fort St. Michael zu machen. 

Eisak nebst Frau und Sohn sowie eine Anzahl anderer Es- 
kimos begleiteten uns auf unserer Weiterreise nach Fort St. Michael 
und unsere Karawane vergrosserte sich allmählich bis auf acht 
Schlitten mit 25 Mann. Nach einem anstrengenden Tagesmarsche 
über das Eis von Nortonsund langten wir spät Abends in Schak- 
tolik an. Um hier die höchst unangenehme und zum Betteln ge- 
neigte Reisegesellschaft los zu werden, welche sich mir angehängt 
hatte, ging ich mit meinem Reisegefährten in eine Eskimohütte, 
welche von ihren Einwohnern kurz vorher wegen des Todesfalles 
eines Kindes verlassen war. Trotz ihrer Sehnsucht nach Thee und 
Pfannkuchen folgten uns die mitgekommenen Eskimos hierhin nicht 
nach, da sie eine viel zu grosse abergläubische Furcht, wie alle 
ihre Landsleute, vor der Leiche hatten. Der Einzige, welcher mit 
uns im Hause schlief, war mein beherzter Führer Ningawakrak. 

Am nächsten Tage tobte wieder einmal ein Schneesturm 
von solcher Stärke, dass man kaum 20 Schritte vor sich 
sehen konnte. Da wir an dergleichen Erscheinungen nachgerade 



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— 318 — 



gewöhnt waren, so machten wir uns mit allen Schlitten auf den 
Weg. Aber obgleich uns der Wind günstig war, so hatten wir 
doch einen harten Kampf zu bestehen, um hindurchzukommen. 
Unterwegs machte ich an einem kleinen Häuschen Halt, da ich 
wusste, dass daselbst ein Amulet aus Nephrit vorhanden war. 
Ich kaufte dasselbe, da es ein seltenes Stuck war, für einen theuren 
Preis. Dann setzten wir den Weg längs der Küste fort, so dass 
wir uns nicht verirren konnten. An das Erkennen jedes anderen 
Weges wäre einfach nicht zu denken gewesen. Hätten wir nicht 
so grosse Sehnsucht gehabt, unsere Reise zu beendigen, so wäre 
wohl Niemand von uns bei diesem fürchterlichen Unwetter weiter 
gefahren. 

Es war einer der schlimmsten Tage, die ich während meiner 
Reise erlebte. Um vier Uhr Nachmittags waren wir äusserst froh, 
als wir Eggawik, das letzte Mallemutendorf, als schützendes Ob- 
dach erreichten und bald bei einem erwärmenden Feuer und einer 
guten Tasse Thee die Strapazen des Tages vergassen. Auch 
unsere Hunde labten sich nicht wenig an getrockneten Lachsen, 
die wir hier kauften. Das Wetter wurde am nächsten Tage schön, 
so dass wir in der Nachmittagsstunde in Unalaklik ankamen, 
wo wir übernachteten. Alsdann mussten wir noch einmal und 
zwar in Kikertaok, bleiben, worauf wir am Montag, den 26. Fe- 
bruar in der Mittagsstunde, nach mehr als viermonatlicher Ab- 
wesenheit Fort St. Michael wieder erreichten. 



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XX. 

Die grosse Tour nach 8üden. Mr. Lorenz als Schiedsrichter und Friedensstifter. 
Beruhigung der Ingalik. Vorbereitungen. Einbruch. Verfolgung des Diebes. 
Schnelle Fahrt. Kriegprath in Golzowa. Der alte Hehler. Der Dieb entwischt. 
Wunderbare Ausdauer des Verbrechers. Wiedererlangung des gestohlenen Gutes. 
Wir werden ausgelacht. Verbindung der Handelsgesellschaften gegen die Un- 
verschämtheit der Eingeborenen. Aufbruch vom Fort St. Michael 18. Marx 1883. 
Nach der Mündung des Yukon. Pikmiktalik. Ich werde krank. Schneeblindheit. 
Schneesturm. Herabsturz im Kassigit. Ankauf von Tanzmasken. Stationsvor- 
steher Kammkoff in Kutlik. Neue Einkäufe. Ueberaus schlechtes Wetter. 
Eskimospiel am unteren Yukon und in Golowninbay. Einkauf eines Nephrit- 
stückes. Schneesturm. Andrejewski. Ich fasse den Entechluss, quer über die 
Tundra zu reisen. Die Tundra im Winter. Herr Pettersen orientirt mich. 

Ich hatte jetzt während meines noch nicht halbjährigen Aufent- 
haltes in Alaska das grosse Land nach drei Hauptrichtungen be- 
reist und dabei Fort St. Michael stets als Ausgangspunkt genommen. 
Nach Osten war ich 900 engl. Meilen landeinwärts vorgedrungen, 
nach Westen bis zur Beringstrasse und nach Norden bis zum 
Kotzebuesund gelangt und auf diesen drei Expeditionen etwa 7000 
ethnographische Gegenstände für das Berliner Museum gesammelt 
Es handelte sich nunmehr noch darum, eine grosse Tour nach 
Süden zu unternehmen, von der ich indessen, da sich im Süden 
leichter eine Gelegenheit bieten konnte, das Land zu verlassen, 
als in Fort St. Michael, nicht wieder zurückzukehren beabsichtigte. 

Mein Aufenthalt dauerte diesmal in Fort St Michael drei 
Wochen. Ich fand bei meiner Ankunft Alles unverändert und im 
alten Geleise und wurde wie gewöhnlich mit grosser Herzlichkeit 
empfangen. Der Umstand, dass ich weit oberhalb am Yukon- 
strom, wie ich berichtet habe, aus einem Indianergrabe einen 
Schädel für die wissenschaftliche Untersuchung entnommen hatte, 
war immer noch nicht vergessen, denn die Ingalik hatten ihn 
gegen die weissen Händler ausgebeutet und diese wieder be- 
klagten sich darüber bei Mr. Lorenz in Fort St Michael. Der 
letztgenannte Herr Hess eine Anzahl von Ingalik aus Nulato, 



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— 320 - 



welche sich gleichfalls über mich beklagten, zu sich kommen, 
worauf ich ihnen durch einen Dolmetscher erklären liess, dass 
sich die betreffende Angelegenheit hundert Meilen und mehr strom- 
aufwärts ereignet habe. Alsdann legte Hr. Lorenz den Ingalik 
ein medizinisches Werk mit Abbildungen von menschlichen Ske- 
letten und Gliedern vor und erklärte ihnen, dass zur richtigen Kennt- 
niss der für jeden Menschen geeigneten Medizin eine genaue Kennt- 
niss seines Körpers nothwendig sei und dass die weissen Leute 
dieses Alles kennen lernen müssten. Er sagte ihnen, dass auch 
die Köpfe der weissen Leute zu demselben Zweck untersucht 
würden, und dass kein Einziger unter den weissen Leuten böse 
darüber sei, sondern dass sie die Medizinmänner in grossen Ehren 
hielten, deshalb sollten auch sie ruhig nach Hause gehen und den 
andern Ingalik sagen, dass sie nicht böse sein sollten. 

Diese ethnographische Vorlesung hatte den gewünschten Er- 
folg und die Leute gingen beruhigt von dannen. Ich begann 
darauf meine Sammlung zu registriren und einzutragen, wobei mir 
der jüngere Bruder des oben genannten Eskimohändlers Saxo 
getreulich half. Auch lohnte ich meinen Führer Ningawakrak 
ab, indem ich ihm zugleich für eine neue Reise, die er in einer 
Gegend, nördlich von Kotzebuesund, ausführen wollte, eine Quan- 
tität Handelsartikel anvertraute, für welche er mir Waaren ein- 
kaufen sollte. Ich konnte dieses um so eher thun, als ihm die 
Alaska-Comniercial-Company einen dreimal so grossen Credit als 
ich gegeben hatte. 

Neben diesen Angelegenheiten spielte die Sorge für meinen Körper 
die Hauptrolle. Ich nahm die köstlichsten Dampfbäder und liess 
meine Kleidungsstücke reinigen und waschen, die Stiefel ausbessern 
und die Handschuhe repariren. Ferner gab ich meine Hunde in 
gute Pflege, damit sie sich von den Strapazen erholten, denn die 
Tour, welche ihnen noch bevorstand, war grösser als diejenige, 
welche sie bisher zurückgelegt hatten. Dann packte ich alle meine 
Sachen ein, damit sie im Sommer mit dem nächsten Schiffe nach 
Europa geschickt werden könnten, und schrieb Briefe und Berichte 
nach dort 

Als ich etwa eine Woche in Fort St Michael weilte, kam 




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eines Tages Mr. Greenfield, der Hauptagent der Western Für 
Trading-Company, zu uns herüber in das Haus des Mr. Lorenz 
und machte die Mittheilung, dass während der letzten Nacht sein 
Waarenlager erbrochen und eine grosse Partie von Handels- 
artikeln daraus entwendet worden sei. Es stellte sich bald heraus, 
dass von den zur Zeit in Fort St. Michael verweilenden Schütten 
einer fehlte; es war dies jener Schlitten vomSelawik River, der mit 
uns die Reise von Kotzebuesund bis nach Nortonbay zusammen ge- 
macht hatte, und der mit seinen beiden Führern, zwei Eskimos von 
Kotzebuesund, während der Nacht verschwunden war. Mr. Leawitt, 
der Offizier des Signal Service, erbot sich, falls man zur Ver- 
folgung der Diebe eine Expedition ausrüsten wollte, daran Theil 
zu nehmen, und als man sich entschloss, dies auszuführen, wurde 
auch ich eingeladen, mitzugehen. Wie es sich später herausstellte, 
wurde einer der beiden Eskimos in Fort St, Michael wieder auf- 
gefunden und behauptete bei dem mit ihm vorgenommenen Verhör, 
dass er an dem Diebstahl ganz uubetheiligt sei und dass er jenen 
andern Eskimo nicht einmal dem Namen nach kenne. 

Der Dieb mit dem vollgepackten Schlitten hatte einen Vor- 
sprung von beinahe zwölf Stunden, als wir uns, gut bewaffnet, 
auf mehrere leichte Schlitten setzten und die Verfolgung begannen. 
In der Dunkelheit gelangten wir nach KJkertaok, wo wir die Nach- 
richt erhielten, dass der Schlitten, welchen wir verfolgten, in der 
Nachmittagsstunde vorbeipassirt sei. Wir fuhren sofort weiter, da 
wir wussten, den Dieb nunmehr sicher in Golzowa, einem Eskimo- 
dorfe an der Golzowabay, anzutreffen. Es war so dunkel, dass 
wir an dem Orte zuerst vorüberfuhren, ohne ihn zu bemerken; 
als wir unsern Irrthum bemerkt hatten, kehrten wir wieder um. 

In der Nähe des Ortes hielten wir einen Kriegsrath und da 
wir wussten, dass der Dieb bewaffnet war, so betraten wir Alle 
zugleich das nächste Haus. In dem Eingang trat uns ein alter 
Eskimo entgegen, welcher auf unsere Frage, ob der Dieb in seiner 
Hütte sei, verlegen antwortete, der Mann sei nach dem nahen 
Kassigit gegangen, aus welchem Trommelschlag und Gesang durch 
die Nacht ertönte. Wir stürmten sogleich dorthin und erfuhren 
sofort, dass wir zuerst auf der richtigen Fährte gewesen. Wir liefen 

A. Woldt, CnpltaJn Jacohsen's Heise. 21 



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322 



wieder nach dem ersten Hause zurück, aber der Vogel war schon aus- 
geflogen, er hatte das Oberlichtfenster des Hauses hinweggeschoben 
und war halb angekleidet aus dieser Oeffnung entflohen. Ich lief 
auf das Dach, aber es war so dunkel, dass nichts zu erkennen war. 

Ein Eskimo, welcher draussen l>ei unseren Schlitten als Wache 
aufgestellt war, stand während dieser Zeit schussbereit da, sorgsam 
auf jedes Geräusch achtend, welches sich erhob. Der Dieb, welcher 
nicht wusste, wo die Schlitten standen, kam auf seiner eiligen 
Flucht in der Nähe derselben vorbei und wurde von dem Eskimo 
bemerkt, der seine Waffe erhob, um ihn an der Fortsetzung der 
Flucht zu hindern. In demselben Augenblicke aber bemerkten 
auch die Hunde den fremden Mann, und da sie gewöhnt sind, 
hiuterherzustürmen, sobald Jemand sich schnell bewegt, so zogen 
sie plötzlich den Schlitten an. Hierdurch fiel der Eskimo nach 
hinten zurück in den Schütten und bevor es ihm gelang, die 
Hunde zu zügeln und sich aufzuraffen, war der Dieb in der Dunkel- 
heit verschwunden. Wie wir späterhin vernahmen, lief der arme 
Kerl, aus Furcht, dass wir immer noch hinter ihm her seien, halb 
angekleidet wie er war, zwei Tage und zwei Nächte lang nach 
Nordwesten über das Eis des Nortonsundes, und als er zuletzt 
nicht mehr laufen konnte, schlief er im Freien auf dem Eise. 
In Folge dieser fast beispiellosen Leistung gelangte er so weit, 
dass wir ihn in der That nicht eingeholt haben würden, selbst 
wenn wir ihn verfolgt hätten. Wir dachten nicht daran, hinter 
ihm herzufahren, sondern nahmen seineu mit vier prächtigen 
Hunden bespannten Schlitten, welcher die ganze Diebesbeute ent- 
hielt, mit uns, nachdem zuvor der Mann, der uns seine Anwesen- 
heit verheimlichte, eine Strafpredigt erhalten hatte. 

Als wir am nächsten Abend todesmüde wieder in Fort St. 
Michael anlangten, wurden wir von Mr. Lorenz und den übrigen 
Anwesenden tüchtig ausgelacht, dass wir den Dieb nicht mitge- 
bracht hatten. In Folge des angestellten Verhörs wurde bekannt, 
dass die Ingalik, welche sich in Fort St. Michael aufhielten, vor- 
her wohl gewusst hatten, dass der Einbruch verübt werden würde, 
sie sagten aber, sie hätten nur darum keine Meldung davon ge- 
macht, weil sie sich vor der Rache des Diebes gefurchtet hätten. 



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323 - 



Dieser Vorfall , sowie die immer mehr überhand nehmende 
Unverschämtheit der Ingalik und der nördlich wohnenden Eski- 
mos Hessen die Stationsvorsteher der beiden grossen Handelsge- 
sellschaften zu dem Entschlüsse kommen, dass sie in Zukunft 
nicht mehr gegen einander concurriren, sondern dass abwechselnd 
einen Tag um den andern, heute diese, morgen jene Gesellschaft 
Handelsgeschäfte mit den Eingeborenen betreiben wollte. Eine 
fernere Bedingung dieses Abkommens war, dass allgemein die 
Preise für Felle heruntergesetzt wurden, sowie endlich drittens, 
dass der Zucker aus der Liste der Handelsartikel gestrichen wurde, 
damit die Mallerauten keine Gelegenheit mehr erhielten, sich da- 
von Whisky zu bereiten. Dieser neue Bund wurde durch gegen- 
seitige, je zwei Tage dauernde Besuche der Familien der beiden 
Stationsvorsteher besiegelt. 

So verging die Zeit äusserst schnell und ich hatte raeine Vor- 
bereitungen zur Reise nach dem Süden bald getroffen. Nach herz- 
lichem Abschiede von allen genannten Personen und auch von 
meinem Reisegefährten Mr.Woolfe begann ich am 18. März 1883 
früh Morgens meine weite Reise. Mein Schlitten war sehr schwer 
beladen, denn er trug Proviant für zwei Monate und viele Han- 
delsartikel. Er war mit 13 kräftigen Hunden bespannt, welche 
grosse« Anstrengungen machen mussten, um ihn durch den tiefen 
Schnee zu ziehen. Wir gingen längs der mir sehr genau bekannten 
Küste des Nortonsundes nach der Mündung des Yukonstromes. 
Mein Führer, ein junger und träger Eskimo, klagte bald über 
allerhand Schmerzen, so dass es mir unmöglich war, ihn in der 
von mir gewünschten Schnelligkeit vorwärts zu bringen. 

Wir mussten in einer verlassenen Eskimohütte übernachten 
und erreichten erst am andern Morgen, nachdem wir abermals 
eine Stunde lang marschirt waren, das Dorf Pikmiktalik, hier 
tauschte ich meinen Führer gegen einen andern um und setzte 
bei recht warmem Wetter die Reise bis über Cap Romanzoff hin- 
aus, bis etwa nach jener Stelle fort, an der ich, auf meiner herbst- 
lichen Reise, bei der Rückkehr vom Yukonstrom mit meinem voll- 
bepackten Fellboot Schiffbruch gelitten hatte. Hier schlugen wir 
unser Zelt auf und übernachteten, während drausseu sich wieder 

21- 



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— 324 



ein Sturm erhob. Mein körperlicher Zustand war nicht der beste, 
denn ich wnr trotz aller Vorkehrungsmassregeln fast vollkommen 
schneeblind geworden und litt heftige Schmerzen. Natürlich durfte 
dies die Reise keinen Augenblick aufhalten und so fuhren wir 
denn am nächsten Morgen gegen heftiges Schneegestober und 
Südsturm weiter, bis wir Nachmittags in Pas toi ik anlangten. Hier 
widerfuhr mir ein neues Malheur. 

Bei meinem Eintritt in das Kassigit trat ich fehl und fiel in 
den unglücklicher Weise sehr tief gelegenen Unterraum hinab. 
Zugleich schlug ich mit dem rechten Schienbein direkt auf den 
Stein, welcher unterhalb der Einsteigeöffnung angebracht ist. Es 
war ein Glück, dass meine Knochen den Fall aushielten und nicht 
zerbrachen, der Fuss schwoll mir unter grossen Schmerzen stark 
an und dauerte es späterhin bis zum Monat April, bis ich ihn 
wieder wie gewöhnlich gebrauchen konnte. Ich muss keineswegs 
einen empfehlenden Eindruck gemacht haben, als ich blind und 
lahm im Kassigit die Kwikpagemuten von Pastolik, welche noch 
vom Herbst her meine guteu Freunde waren, um mich versam- 
melte, um mit ihnen Handelsgeschäfte zu treiben. Ich kaufte 
hierselbst mancherlei Gegenstande, namentlich viele Tanzmasken. 

Obwohl Sturm und Schnee am nächsten Morgen die Weiter- 
fahrt verboten und auch mein körperlicher Zustaud nicht grade 
besonders günstig war, so durften mich doch solche Umstände 
nicht davon abhalten, meinen Weg fortzusetzen, um so weniger, 
als ich nur eine kurze Strecke zu fahren hatte, um den viel ge- 
nannten Ort Kutlik, den an der Mündung des Yukon gelegenen 
Handelsposten der Alaska -Commercial- Company zu erreichen. Da 
ich weder stehen noch gehen konnte, so liess ich mich auf den 
Schlitten legen und erreichte gegen Mittag den genannten Ort. 
Der Stationsvorsteher Herr Kammkoff, von welchem ich zehn 
Hunde meines Gespannes erhalten hatte, von denen die Mehrzahl 
den weiten Weg von hier aus nach Golowninbay und von dort 
mit mir zurück bis hinauf nach Kotzebuesund und daun wieder 
abwärts bis hierher zurückgelegt hatte, empfing mich mit ausser- 
ordentlicher Freundlichkeit und Biederkeit. 

Mein Fuss wurde von ihm sofort in geeignete Behandlung 



325 



genommen und fleissig gebadet, wodurch ich eine geringe Besserung 
erfuhr. Da ich schon zwei Mal an Kutlik vorüber gefahren war 
ohne daselbst Einkäufe zu machen, so benutzte ich jetzt die sich 
mir darbietende Gelegenheit und erwarb eine Anzahl von ethno- 
graphischen Gegenstanden, die ich meiner Sammlung hinzufugte. 
Die Collection war vom Fort St. Michael bis hierher schon ziem- 
lich angewachsen, so dass ich sie als eine kleine Sendung zu- 
sammenstellen konnte, welche Herr Kamm k off im Frühjahr nach 
Fort St. Michael zu schicken versprach. Ich blieb theils dieser 
Besorgungen, theils meines angeschwollenen Fusses wegen, der sich 
unter der entsprechenden Behandlung überraschend schnell zu bes- 
sern begann, hauptsächlich aber des überaus schlechten Wetters 
wegen hier den ganzen nächsten Tag. 

Mein freundlicher Wirth, welcher ausgedehnte Reisen in der- 
jenigen Gegend gemacht hatte, welche ich zu besuchen im Begriff 
stand, gab mir eine lauge Beschreibung der Sitten und Gebräuche 
der dorrigen Bewohner. Leider aber trug er dieses Alles in rus- 
sischer Sprache vor , von welcher ich nur sehr wenig verstehe. 
Seine Liebenswürdigkeit war mit seinen Mittheilungen noch nicht 
erschöpft, sondern als ich am zweitnächsten Tage aufbrach, gab 
er mir zur Begleitung einen seiner Schlitten und drei seiner Leute 
mit. Hierdurch erhielt ich den Vortheil, dass ich meinen Schlitten 
erheblich erleichtern konnte. Welchen Werth diese Begleitung für 
• mich hatte, möge aus meinem unumwundenen Geständniss erhellen, 
dass ich glaube, dass wir uns in dem noch unverändert wüthen- 
den Schneesturm , bei dem selbst die Hunde nur mit grösster 
Schwierigkeit vorwärts zu bringen waren, verirrt haben würden. 
Unser erfahrener Führer aber brachte uns wohlbehalten durch 
das Schneetreiben nach dem aus drei Häusern bestehenden Orte 
Nunapiklogak, wo wir wieder im Kassigit übernachteten. 

Am nächsten Morgen setzten wir unsern Weg trotz des 
stürmischen Wetters fort. Die Schlitten sanken tief in den Schnee, 
und die Hunde waren selbst durch Schläge mit der Peitsche kaum 
zu bewegen, vorwärts zu gehen. Wir waren bald alle bis auf die 
Haut durchnässt und wurden froh, als wir Nachmittags den Na- 
nuwarok River erreichten, woselbst wir in dem Dorfe gleichen 



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Namens von den Bewohnern sehr freundlich aufgenommen wurden. 
Ich kaufte eine Anzahl von Gegenständen für die Sammlung. Ich 
bemerkte hier, dass die Bewohner sich durch ein Spiel unterhielten, 
welches ich bereits in Golowninbay kennen gelernt hatte. 

Vier Männer betheiligten sich an diesem Spiel. Zwei setzten 
sieh links vom Eingang an die Wand, die beiden Andern recht*. 
Seitwärts von jeder Partie wurde oben an der Wand ein Brett 
mit einem darauf aus Kohle gezeichneten Kreis als Ziel ange- 
bracht Jeder Spieler war mit einem nur G — 8 Zoll langen hölzernen 
Speer, der eine eiserne Spitze besass und am hinteren Ende eine 
grosse Vogelfeder trug, bewaffnet. Es spielten immer die beiden 
neben einander sitzenden der einen Wandseite gegen die der 
andern Wandseite. Jeder Mitspieler warf hintereinander seine beiden 
Speere nach dem gegenüber liegenden Ziele. Das Treffen des Kreise* 
wurde durch kleine Holzstäbchen markirt. Ich bemerkte, dass 
einige der Mitspielenden es recht gut verstanden, das Ceutrum zu 
treffen. Dieses Spiel ist für die Einwohner in hohem Grade vor- 
teilhaft, denn sie können die hierdurch erworbene Handfertigkeit 
aufs Beste beim Seehundsfang und auf der Vogeljagd verwerthen. 

Ich blieb noch den nächsten Tag an diesem Orte, obgleich 
die Hütte, in der wir wohnten, so schadhaft war, dass wir sämmtlich 
durchnässt wurden. Herrn Kammkoff's Leute kehrten von hier 
nach Kutlik zurück, während ich hier am Orte drei Leute mit 
einem Sehlitten miethete und mit ihnen den Marsch fortsetzte. 
Bei abscheulichem Wetter kamen wir am Mittag des 27. März 
nach Eratlerowik, wo wir bleiben mussten. Die Häuser waren 
hier halb angefüllt mit Schmutz und Wasser ; auch die Bevölkerung 
lies« viel zu wünschen übrig. Obgleich es hier viele Fische gab, 
so wurde mir doch ein hoher Preis für dieselben abverlangt. Ich 
kaufte hierselbst ein werthvolles Stück aus bearbeitetem Nephrit 
Trotzdem der Aufenthalt hierselbst so unangenehm war, wie er 
überhaupt nur unter ähnlichen Umständen sein kann, so wurde ich 
doch durch den furchtbaren Sturm und das Unwetter genöthigt, 
einen Tag liegen zu bleiben und konute erst am nächsten Tage 
den Weg fortsetzen. 

Als wir uns wieder auf dem Marsche befanden, wollten meine 



— 327 — 



Leute fast in jeder Stunde Halt machen, um Thee zu kochen. Ich 
dagegen hatte den lebhaftesten Wunsch vorwärts zu kommen und 
lief deshalb jedesmal, so oft meine Eskimos nicht weiter gehen 
wollten, vorwärts, trotzdem mein Fuss mich noch sehr schmerzte. 
Mein Eifer wurde von Erfolg gekrönt, denn um 9 Uhr Abends 
langten wir in der Station Andrejewski am Yukonstrom an. Frei- 
lich waren wir inzwischen einmal durch das Eis gebrochen und 
wurden total durchnässt; auch erreichten wir nur mit zwei Schlitten 
die Station, während der dritte unterwegs liegen geblieben war 
und erst am andern Tage nachkam. Der Stationsvorsteher Herr 
Carl Pettersen, mein alter Freund, empfing mich sehr liebens- 
würdig und verbrachte mit mir die halbe Xacht in anregendem 
Gespräch. 

Ich fasste hier in Andrejewski den Entschluss, den Lauf des 
Yukon zu verlassen und quer über die Tundra südwärts nach 
Cap Vancouver mich zu wenden. Mein Wirth, ein geborener 
Schwede, welcher schon sehr viele Reisen im Dienste der Alaska- 
Commercial- Company nach jener Gegend ausgeführt hatte, gab 
mir eine ausführliche Beschreibung des Landes und seiner Be- 
wohner. Während im Sommer die weite ebene Fläche der Tundra 
durch zahllose Wasserspiegel von Seen und Teichen, sowie durch 
blinkende Silberbänder von Flüssen, Bächen und Wasseradern be- 
lebt ist und man sich dadurch sowohl, wie durch den Stand des 
Tagesgestirns beim Wandern zurecht finden kann, bedeckt zur 
Winterzeit eine einzige majestätische weisse Decke, überall gleich- 
mässig den Rand des Horizontes abschliessend, wie ein gewaltiges 
Leichentuch auf hunderte von Meilen absolut ebenen Terrains 
Land und Wasser, während der Himmel meist in dichte Wolken- 
schleier gehüllt, sich wie eine einfarbige graue Glocke überalr*&uf 
den Horizont auflegt. Keine Erhöhung rings umher im weiten 
Kreise entdeckt das Auge des Wanderers. Seine eigene Körper- 
höhe bildet den höchsten Aussichtspunkt über den er verfugt und 
gestattet ihm, nach den Gesetzen der Erdkrümmung, deshalb 
nach keiner Richtung hin weiter als einige englische Meilen zu 
sehen. Kein Baum, kein Strauch zeigt dem einsamen Reisenden 
den Weg, kein Haus und kein Hauswappenpfahl winkt ihm aus 



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328 

- 

der Ferne freundlich zu. Nur um wenige Fuss überragen die 
flachen rundlichen E.skimohütten die Ebene, wenn sie nicht durch 
den Schnee einer Nacht, wie es oft genug vorkommt, gleichmässig 
überdeckt werden. Es gehört eine sehr geuaue Ortskenntnis? und 
eine ausgezeichnet ausgebildete Orientirungsgabe dazu, sich auf' 
diesem Gebiete, wo oft die Schlittenspur des Wanderers, wie auf 
dem Meere das Kielwasser des Schiffes, die einzige Richtschnur 
für den Pfad bildet, zurecht zu finden, umsomehr, als selbst die 
kleine Aussichtsfläche über die das Auge bei klaren Wetter schweift, 
an sehr vielen Tagen durch ein undurchdringliches Schneegestöber 
bis auf einige Schritte rings um den Schlitten eingeschränkt wird. 
So kommt es nicht selten vor, dass der Reisende, welcher sich 
im Schneesturm auch nur auf einige Minuten von seinem Sehlitten 
entfernt, denselben nicht wieder aufzufinden vermag. Die klugen 
Hunde, ilires Führers beraubt, pflegen sich dann zusammengerollt 
im Schnee niederzulegen und sich einschneien zu lassen, und der 
Reisende kann, — wie dieses einmal meinem Wirthe Herrn Carl 
Pettersen in Andrejewski passirt war — alsdann in ihrer unmittel- 
baren Nähe die ganze Nacht hindurch umher irren, ohne dass sie 
einen Laut von sich geben. 

Nachdem ich den Entsehluss gefasst hatte, über die Tundra 
zur Wiuterzeit zu gehen, versprach mir Herr Pet tersen, dass er 
mir einen seiner Trader für einen grösseren Theil meiner Reise 
als Begleiter mit auf den Weg geben würde. Zugleich machte ich 
einige noth wendige Vorbereitungen, indem ich alle diejenigen Sachen 
meiner Sammlung, welche ich noch bei mir hatte, sowie diejenigen, 
welche mir mein Wirth schenkte, in eine Kiste packte, welche 
von Andrejewski aus mit der nächsten Gelegenheit nach Fort 
St. Michael geschickt werden sollte. 



XXI. 



Beginn der Schlittenreise über die Tundra, 2. April 1883. Abschied vom Yukon. 
Landschaftliches Gepräge der Tundra. Kjokkaktolik. Der isolirte Kusilwakberg. 
Mangel an Brennmaterial. Die Einwohner essen alles roh. Die fünf „Norden- 
skiöld's - Vulkane". Viele Polarf iichse. Kein Futter für die Hunde. Schwierig- 
keit sich zu orientiren. Ein bedeutendes Tundradorf von sechs Hütten. Eine 
sehr ärmliche Gegend. Wir erreichen das Meer. Vancouvcrbay. Fortsetzung der 
Schlittenreise längs des Strandes. Ein Wolf. Im Hungerdorfe wird uns ein Sack 
mit Bohnen gestohlen. Ich kaufe einen Schlitten voll getrockneter Heringsköpfe 
als Hundefutter. Epidemische Krankheit. Ausfall der winterlichen Tänze. Keine 
Tauzmasken. Interessante Erwerbungen. HöchsterGrad von Unsauberkeit. Sumpfige 
Hütten. Sch 1 am mk rosten auf den Schlafdecken. Schöne Grabmonumente in Tunn- 
nak. Schön geformte Kajaks. Junge Mädchen mit hölzernen Idolen. Zwei Wusser- 
wege über die Tundra, üebersteigung der Halbinsel des Cap Vancouver. Das 
grosse Eskimodorf Kikertaurok. Nebensonnen. Siidsttirm mit Schnee. Unser 
Führer verliert den Weg. Wir müssen bei Sturm im Freien knmpiren. Horu- 
fisehe für die Hunde. Ein neuer Sturm. Ich bin fast erhlindet. Ein fremder 
Hund bricht durch unser Dach. Perlenschmuck der Weiber. Tätowiren des Kinnes. 
Weiterfahrt. Ein umgestülptes Boot als Winterquartier zweier Eskimofamilien. 
Wir engagiren einen tüchtigen Führer. Weitermarsch gegen Kälte und Sturm. 
Zwei sehr grosse Grabmonumente in Klekusi remuten. Wir erreichen die Kusko- 
quimbay und den Kuskoquimfluss. Uebersch reiten des Stromes. Ohne Führer. 
Ankunft in Mamtratlagemuten beim Stationsvorsteher Nicolai Knmalkowski. 

Meine Schlittenreise über die Tundra begann früh Morgens 
am 2. April 1883. Es war ein stattlicher kleiner Zug, den wir 
bildeten. Voran mein grosser schwer bepackter, mit 14 Hunden 
bespannter Schlitten, hierauf zwei Schlitten Pettersens mit ins- 
gesammt 16 Hunden bildeten die Karawane. Der erste war mein 
Begleitschlitteu, welcher einen Theil meines Gepäckes trug, der 
zweite gehörte dem Trader, welcher in derselben Richtung reiste. 

Der Schnee war hart und gut und das Wetter bei unserer 
Abreise so günstig, wie wir es in dieser Jahreszeit nur wünschen 
koimten. Wir fuhren zunächst den Kwikpak oder Yukonstrom, 
von dem ich hiermit Abschied nahm, eine Strecke weit hinunter 
und wandten uns alsdann einen kleinen Ncbeufluss hinauf, dessen 
Windungen wir indessen abschnitten. Die Tundra zeigte schon 
hier jenes eigenthümliche landschaftliche Gepräge, die Bedeckung 



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330 



war mit vielen kleinen Wasserspiegeln durchzogen; aber es war 
uns sowohl hier wie bei Fortsetzung der Reise unmöglich, stets 
genau zu wiesen, ob wir uns grade über Land oder eisbedeektes 
Wasser bewegten. Die Vegetation bestand hier in unmittelbarer 
Nahe des Yukonstromes noch aus Nadelbäumen und Buschwerk. 

Mittags 1 Uhr machten wir au dem kleinen Eskimodorfe 
Kjokkaktolik, welches au einem Flüsscheu gleichen Namens ge- 
legen ist, Halt, um Thee zu kochen. Die Sorge, für unsere 30 
Hunde Futter zu erhalten, Hess uns hier einen Eskimo eugagireu, 
welcher bei Fortsetzung unserer Reise eine Strecke weit mit uns 
zog bis zu einem benachbarten Wasserlaufe, in welchem derselbe 
einen Vorrath von Fischen aufbewahrte, den er uns verkaufte. 

Hier standen wir am Rande der eigentlichen Tundra, welche 
sich wie ein weiter See gleichförmig vor uns ausbreitete. Nur au 
einzelneu Punkten, beispielsweise am Kusilwak-Fiuss , lieherrschte 
ein hochragender isolirter Bergkegol die Gegend. Wir übernach- 
teten in dem Orte Kaggan an der Südwestecke eines Sees des- 
selben Namens. Es gelaug uns nur mit äusserster Mühe, so viel 
Brennmaterial zu erhalten, dass wir unseru Thee bereiten konnten. 
Wir merkten es jetzt, dass wir uns einem Gebiete näherten, in 
welchem die Eingeborenen selten oder nie Holz zum Kochen der 
Speisen besitzen und letztere deshalb gewöhnlich roh verzehren. 

Schon nach diesem ersten Tage zeigte es sich, dass keiner 
meiner Leute und Reisebegleiter über die Richtung, in welcher 
wir weiter reisen mussten, so genau orientirt war, dass er uns als 
Führer dienen konnte. Wir nahmen deshalb am nächsten Morgen 
einen ortskundigen Eingeborenen mit. Da es in einem so ebeneu 
Gebiet wie die Tundra als ein Ereigniss zu betrachten ist, wenn 
man einen isolirten Berg oder Hügel aufragen sieht, so wandten 
wir uns einer Gruppe von fünf Bergen zu, welche wir schon am 
Tage vorher in südwestlicher Richtung bemerkt hatten. Als wir 
uns diesen bis dahin unbekannten Bergen genähert hatten, ent- 
deckten wir, dass es fünf zur Zeit unthätige Vulkane waren. Ich 
erstieg einen der niedrigsten unter ihnen, der sich mit seineu 
steilen Böschungen einige hundert Fuss über dem Erdboden erhob. 
Der Kraterraud war ausgezackt wie ein Festungsthurm und uin- 



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331 



schloss einen Krater, welcher etwa 300 Fuss im Durchmesser 
besass und 150 — 200 Fuss trichterförmig hinabstieg. Der Boden 
des Kraters war mit Schnee bedeckt. Die übrigen vier Vulkane, 
welche im Umkreise von 4 — 5 engl. Meilen sich befanden, waren 
höher; der höchste mochte etwa 1000 Fuss über die Tundra empor 
ragen. Ich benauute diese Gruppe nach dem berühmtesten Polar- 
forscher unseres Jahrhunderts die Nordeuskiöldsgruppe. 

Unser Weg führte uns mitten durch diese Gruppe hindurch, 
woselbst wir viele Polarfüchse fanden. Als wir uns wieder der 
Tundra anvertraut hatten, begann es zu schneien, und damit 
war jede Orientirung unmöglich. Nach der Versicherung unseres 
Führers befand sich glücklicherweise in der Nähe ein Haus, wel- 
ches wir auch nach fleissigem Suchen fanden. Dieses nur von 
einer Familie bewohnte Haus, Namens Akulerpak, diente uns als 
Nachtquartier. Leider fanden wir hier kein Futter für unsere Hunde. 

Am nächsten Morgen gingen wir trotz das Schneegestöbers 
wieder ab und wurden von unserem ortskundigen Führer mit 
grosser Sachkenntnis auf den richtigen Weg gebracht. Aber dieser 
Mann verlief» uns sehr bald wieder und war durch kein Ver- 
sprechen zu bewegen, länger bei uns zu bleiben. Somit mussten 
wir es denn auf eigene Faust versuchen, den richtigen Weg zu 
finden, und da ich glücklicherweise einen Taschencompass bei mir 
hatte, so schlugen wir mit dessen Hilfe diejenige Richtung ein, 
welche wir fiir die beste hielten. Hierbei gelang es uns, eine 
Schlittenspur aufzufinden, der wir folgend das Dorf Kajaluigemuten 
erreichten. Es ist dies ein für die Tundra bedeutender Ort von 
sechs Hütten und einem Kassigit. Wir machten hier Halt, um 
Theo zu kochen und einen Führer für die Weiterreise zu engagiren. 
Wir befanden uns hier offenbar in einer sehr ärmlichen Gegend, 
denn die Einwohner schieneu dem Hungertode nahe zu sein. Es 
gelang uns trotzdem, gegen gute Bezahlung für unsere abgetrie- 
benen Hunde einen kleinen Sack Fische zu kaufen. Nachdem 
ich einige ethnographische Gegenstände erworben hatte, gingen 
wir sofort wieder in südwestlicher Richtung ab. 

Gegen Abend erreichten wir Jukkak, den verlassenen Wohn- 
ort eines Händlers, wo wir übernachteten. Dieser Ort liegt bereits 



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— 332 — 

im Gebiet der Westküste von Alaska, denn er befindet sich au 
der Ausmündung des Jukkak-River in der äussersten Spitze der 
Vancouverbay, welche sich vom Cap Vancouver aus tief in die 
Tundra hinein erstreckt. Von hier aus setzte ich dann auch meine 
Reise, einige Strecken weiterhin abgerechnet, fast ausschliesslich 
längs des Meeresufers fort. 

Bevor wir Jukkak erreichten, bemerkten wir während der 
Sclilittenfahrt einen Wolf, der vielleicht ebenso hungrig war wie 
wir oder unsere Zugthiere. Er hielt sich jedoch in so angemessener 
Entfernung, dass es nicht möglich war, ihn zu schiessen. Beim 
Auspacken unserer Schlitten in Jukkak bemerkten wir, dass uns 
in dem vorigen Hungerdorfe ein Sack mit gekochten Bohnen ge- 
stohlen war; so sehr uns dieser Verlust schmerzte, so gönnte 
ich den armen Leuten immerhin diese bescheidene Vermehrung 
ihres Lebensmittelvorrathes. Am unangenehmsten war uns jedoch 
der Umstand, dass wir auch in Jukkak kein Futter für unsere 
armen Hunde fanden. Es war unter diesen Umständen als ein 
grosses Glück zu betrachten, dass wir am andern Tage, bei Fort- 
setzung unserer Reise, in der Nähe von Vancouverbay einem 
Eskimo begegneten, dem wir einen ganzen Schlitten voll getrock- 
neter Heringsköpfe abkauften, die gerade zu einer Mahlzeit für 
unsere Hunde ausreichten. 

Der Weg führte uns jetzt längs des Nordufers vom Cap 
Vancouver, wo wir in dem Orte Nulleslugemuten den dort sta- 
tionirten Händler der Alaska-Commercial-Company trafen, welcher 
soeben im Begriff stand, dieselbe Tour nach Andrejewski zurück- 
zulegen. In diesem Dorfe waren im Laufe des letzten Winters 
fast alle Einwohner an epidemischen Krankheiten gestorlwn. Der 
Händler kehrte mit uns zurück nach der Ortschaft Tununak, wo- 
selbst wir um ein Uhr Mittags anlangten und genügend Futter 
für unsere Hunde fanden. Der Bergzug von Cap Vancouver ist 
unmittelbar am Cap etwa 2000 Fuss hoch und flacht sich 20 bis 
30 Meilen landeinwärts allmählich bis zum Niveau der Tundra ab. 

Meine Aussichten auf Erwerbung ethnographischer Gegen- 
stände waren insofern nicht die günstigsten, als ich fast gar keine 
Tanzmasken erhalten konnte; in Folge der Ueberhandnahme der 



— 333 — 



Krankheiten hatten nämlich die Bewohner ihre winterlichen Tänze 
nicht veranstaltet. Dagegen gelang es mir, andere hochinteressante 
ethnographische Gegenstände zu erwerben; ich nenne darunter 
nur einige Lippenpflöcke. Dieselben stammten wahrscheinlich 
von der einige Meilen vom Festlande entfernten, nicht unbe- 
deutenden Insel Nuniwak. Die Bewohner dieser Gegend zeigen 
den höchsten Grad von Unsauberkeit, den ich bei irgend einem 
Volke der Erde kennen gelernt habe. Abgesehen davon, dass sie, 
wie bereits erwähnt, an den meisten Punkteu der an Brennmaterial 
überaus armen Tundra niemals Feuer anmachen und die Speisen 
nicht kochen, wohnen sie in so elenden Hütten, dass namentlich 
zur feuchten Frühjahrszeit das Innere derselben mehr einem Sumpf 
und Morast, als einem Wohnorte von Menschen gleicht. Kaum 
die Höhle eines Thicres kann einen schmutzigeren und unbehag- 
licheren Eingang haben, als die elenden Wohnungen dieser Men- 
schen. Bis über die Knöchel und Handgelenke geräth man in 
den tiefen, weichen Untergrund hinein, der den unterirdischen Ein- 
gang ihrer Hütten bedeckt Das bei nur einigermassen feuchter 
Witterung unablässig erfolgende Herabtropfen von der Höhe ihrer 
Hütten auf die Schlafenden bewirkt es, dass man oft genug des 
Morgens die Schlafdecken so durchnässt findet, dass dieselben 
ausgerungen werden müssen. Ueberall, wo sich diese Decken auf 
den Arm oder die Hand des Schlafenden zur Nachtzeit auflegen, 
schlägt sich aus ihnen eine dicke, schwarze Rinde, eine Art 
Schlammkruste nieder, welche beim Trocknen eine unangenehme 
Kinde bildet. In diesem Zustande leben die Bewohner in elenden, 
zerrissenen Fellkleidern einen grossen Theil des Jahres hindurch, 
daher ist es kein Wunder, dass durch Krankheiten oft die Ein- 
wohnerschaft ganzer Dörfer hiugerafft wird. Der Charakter der 
Leute ist entsprechend dem ewigen Mangel und der Noth, womit 
sie zu kämpfen haben, ein wenig energischer; sie sind scheu, feige 
und furchtsam, kriechend und unterwürfig, wozu vielleicht die 
Unterdrückung, welche sie früher von Seiten der Russen erfahren 
haben, das ihrige beigetragen hat. 

Nichtsdestoweniger finden sich unter ihnen auch Züge eines 
ehemals höher entwickelten Volkslebens. Beispielsweise errichten 



! 



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sie für die Verstorbenen oder Verunglückten Monumente eigen- 
tümlicher Art. Ich sah deren mehrere in Tununak. Dieselben 
bestehen aus roh gearbeiteten und mitunter auch bekleideten 
Figuren. Die Anne einer dieser Figuren bestanden aus Walross- 
zähnen. Daneben befanden sich Modelle von Kajaks, von Bogen 
und Pfeilen, von »Seehunden und Rennthieren als eine Art Dar- 
stellung, das» der Verstorbene, dessen Andenken man hier feiere, 
auf der Walross-, Seehunds- oder Reunthierjagd umgekommen sei 

Es fehlt auch sonst nicht an Zeichen einer gewissen Kunst- 
fertigkeit unter diesen Leuten. Die Kajaks, deren sie sich hier 
an der Süd- und Westküste von Alaska bedienen, sind von hüb- 
scher Form und tragen als Ornamente am vorderen Ende den 
geschnitzten Kopf einer Schildkröte. Die Oberkante der grossen 
Ummiaks oder Ruderboote liegt nicht, wie bei den nördlicher 
wohnenden Eskimos, horizontal, sondern sie hebt sich, wie die 
Spitze der Boote in British Columbien, schwungvoll in die Höhe. 
Die zu Jagd und Fischfang gebrauchten Lanzen sind von vor- 
trefflicher Gestalt und Ausführung. Einen sonderbaren Anblick 
gewähren hier die jungen Madchen, deren viele, an die Kapuze 
ihres Pelzes festgenäht, ein hölzernes Idol mit sich herumtragen. 
Es war mir jedoch nicht möglich, eines dieser Schnitzwerke zu 
kaufen, wie man sagt, werden letztere oft viele Jahre lang ge- 
tragen. Der Erfolg meines Kaufgeschäftes wurde auch dadurch 
nicht wenig beeinträchtigt, dass schon vor mir Hr. Nielsen für 
die Smithsonian Institution erhebliche Einkäufe gemacht hatte. 

Ueber gewisse hydrographische Verhältnisse der Tundra er- 
hielt ich hier in Tununak von dem daselbst wohnenden Trader 
Aloska, welcher ziemlich gut englisch verstand, eine Mittheilung 
bestätigt, welche mir schon Hr. Pettersen in Andrejewski ge- 
macht hatte. Es existiren zwischen dem unteren Laufe des Yukon- 
Btromes und der Vancouverbay zwei Wasserwege über die Tundra. 
Der eine soll ein Ausflussarm des Yukou sein, welcher in vielen 
Windungen laufend, seine Gewässer dadurch verstärkt, dass er 
durch einen See fliegst, der andere dagegen soll in fast gerader 
Richtung verlaufen, nur dass mau nöthig hat, zur Frühjahrszeit 
an zwei Stellen und zur Sommerszeit, wenn das Wasser niedriger 



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steht, an vier Stellen eine Strecke über Land zu gehen. Der 
letztgenannte Wasserweg tritt aus dem Yukon einige Meilen ober- 
halb, der erstgenannte eben so viel unterhalb Andrejewski. 

Nach eintägigem Aufenthalte setzte ich meinen Weg in süd- 
licher Richtung fort. Damit ich nicht nöthig hatte, um das weit 
in die See vorspringende Cap Vancouver herum zufahren, machte 
ich mich daran, die von ihm gebildete Halbinsel zu übersteigen. 
Meine Leute entschlossen sich nach einigem Zögern, mitzugehen. 
Der Uebergang war recht leicht, der Schnee 
war gut und so gelangten wir gegen Abend 
nach dem Orte Ommekomsiuten. Es ist 
dies ein für die dortigen Verhältnisse be- 
deutender Ort, welcher zwei Kassigits be- 
sitzt. Ich begann sofort meine europäischen 
Tauschartikel gegen ethnographische Gegen- 
stände umzutauschen, wobei namentlich 
Tabak und Nadeln stark begehrt wurden. 
Mit Ausnahme von hübschen Jagdgeräthen 
konnte ich indessen hier nur wenig er- 
halten. In dem Kassigit, in welchem ich 
mich niedergelassen hatte, drängten sich 
die Einwohner dergestalt, dass man sich 
kaum bewegen konnte. Diesen Umstand 

benutzten einige diebische Elemente, um Bekleidete knöcherne Puppe (Kin- 

. derfplelwitRi vom Kiiükoqoim. 

unsern JtJisquit zu entwenden. 

Bei herrlichstem Wetter und schönstem Sonnenschein setzten 
wir am andern Tage unsern Weg längs der Küste fort und er- 
reichten Peimilliagaremuteu , wo wir, um Thee zu kochen und 
Einkäufe zu machen, anhielten. Bei Fortsetzung der Reise er- 
blickte ich etwa von 2 — 3 Uhr Nachmittags das Phänomen der 
Nebensonne in der eigentümlichsten Form, die ich jemals gesehen 
habe. Es lief ein feiner Ring von der Sonne, nicht wie gewöhn- 
lich in senkrechter Richtung von oben nach unten, sondern hori- 
zontal. Diese Linie wurde durch andere Ringe von o)>en nach 
unten gekreuzt und dadurch zwei Nebensonnen gebildet. Diese 
letzten vertikalen Streifen hatten Regenbogenfarbe, während die 




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— 336 — 



horizontale Curve wie ein feiner Silberfaden glänzte. Das ganze 
gewährte einen grossartig schönen und seltenen Anblick, nicht 
etwa dass Nebensonnen selten sind in jenen Gegenden, denn ich 
sah sie sehr häufig, aber niemals hatte ich einen derartigen An- 
blick wie an diesem Tage. Die vielfach ausgesprochene Behaup- 
tung, dass die Erscheinung von Nebensonnen ein Vorbote für 
südlichen Wind ist, hatte ich während des Verlaufes meiner Reise 
schon wiederholt bestätigt gefunden, auch diesmal zeigte es sich 
wieder, denn schon am Abend desselben Tages erschien ein hef- 
tiger Südsturm mit Schnee. 

Wir gelangten im Laufe des Tages nach dem auf einer Land- 
zunge gelegenen sehr grossen Eskimodorfe Kikertaurok, welches 
"von Weitem fast den Anblick einer kleinen Stadt gewährte, die 
zahlreichen Hütten waren von Stangen umgeben, auf denen die zum 
Fischfang gebrauchten Netze trockneten, was in der Entfernung 
fast so aussah, als ob die Einwohner Flaggen aufgezogen hatten. 
Das Dorf besitzt zwei Kassigits, darunter ein recht grosses. Es waren 
indessen wenig ethnographische Gegenstände zu kaufen, da auch hier 
bereits grosse Erwerbungen für Washington gemacht worden waren. 

Der Sturm tobte die ganze Nacht hindurch aus Süden und 
hinderte uns am andern Morgen daran zeitig genug abzureisen. 
Erst gegen Mittag fuhren wir weiter, passirteu zuerst Nogemuteu 
und gelangten gegen 3 Uhr Nachmittags nach Kjikj ingemuten, 
wo wir Thee kochten und nach dem zwei Stunden entfernten Pin- 
jakpagemuten aufbrachen. 

Es schneite und die ganze Landschaft, sowie das zum Theil 
mit Eis bedeckte Meer verwandelte sich wieder in jene einsame 
Fläche, auf der es nicht möglich war, sich zu orientiren. Unser 
Führer verlor denn auch den Weg, sodass wir das genannte Dorf 
nicht erreichten. Es war uns unmöglich ein Obdach aufzufinden 
und wurden wir gezwungen, in Sturm und Schneegestöber im 
Freien zu kampiren. Bei Tagesanbruch machten wir uns wieder 
auf den Weg und es glückte uns trotz des immer noch herrschen- 
den Schneegestöbers eine Schiitteuspur aufzufinden, welche uns in 
das aus zehn Hütten und zwei Kassigits bestehende stattliche 
Dorf Pingakpagemuten nunmehr endlich hinbrachte. 



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* 



- 337 

Unsere ausgehungerten Hunde stärkteu sieh hier an dem un- 
eingeschränkten Genuss zahlloser kleiner Hornfische. Trotzdem das 
Kassigit schlecht gebaut war, sodass der Schnee fortwährend hinein- 
drang, so machten wir hierselbst doch Nachtquartier, da sich aufs 
neue die Zeichen eines heraufkommenden Sturmes bemerkbar 
machten. Es war ein grosses Glück für uns, denn wenn uns das 
Unwetter Abends im Freien überfallen hätte, so wären wir viel- 
leicht einem sicheren Untergange anheimgefallen. Mein körper- 
licher Zustand bedurfte auch einigermaßen der Schonung, denn 
meine Augen schmerzten mich ausserordentlich und war ich trotz 
des Gebrauches der blauen Brillen und der Eskimoschneebrillen 
fast erblindet. In dem stattlichen Dorfe fand ich trotz eifriger 
Naclifragen fast gar keine ethnographischen Gegenstände vor. 

Während wir im Kassigit schliefen und der Sturm dcaussen 
mit fürchterlicher Heftigkeit tobte, fiel ein fremder Hund, der sich 
wohl verirrt hatte und auf das flache Dach unserer unterirdischen 
Hütte gerathen war, durch das Oberlichtfenster derselben, deren 
Seehundsgedärm er dabei zerriss, hinab in unser Kassigit, wobei 
er sich gleichzeitig einen Fuss brach; sein Heuleu vermischte sich 
nun mit dem des Windes, während ein breiter Strom des Schnees 
dem fallenden Hunde nachfolgte und das Gestober ununterbrochen 
auch in unsern Schlafraum drang. Da für den Augenblick nichts 
dagegen zu raachen war, so zog ich meine Decke über den Kopf 
und schlief weiter. 

Selbstverständlich war am andern Morgen an eine Fortsetzung 
der Reise nicht zu denken, da bekanntlich derartige meteorolo- 
gische Ausgleichungen der Athmosphäre in der Regel mehrere 
Tage lang dauern. Ausserdem bestimmte uns zum längeren Ver- 
weilen auch noch der Umstand, dass unsere Hunde an diesem 
Orte genügend Futter vorfanden. 

Der weibliche Theil der Bevölkerung dieser Gegend ent- 
wickelt ein nicht geringes Verständnis», den Körper durch Perlen 
zu schmücken. Die Frauen, die Mädchen und auch die Kinder 
tragen Perlen fast überall, wo sich dieselben anbringen lassen, auch 
in den Haaren werden Perlen getragen. Die Unterlippe der 
jungen Mädchen ist au drei Stellen durchbohrt, in den beiden 

A. Woldt, Capitain Jaeobsen's Heise. 22 



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338 

Seiteulochern steckt als Lippenpflock je ein kleiner krummer 
Knochen, dessen kuopfforniiges stärkeres Ende sich im Iuneru des 
Mundes befindet und das Herausfallen des Knochens verhindert; 
das äussere Ende des Knochens ist mit Perlen geschmückt. Auch 
das Mittelloch der unteren Lippe trägt als Lippenpflock einen 
ganz kleinen Knochen mit Perlen. Die Naseuscheidewaud der 
jungen Mädchen ist gleichfalls durchbohrt und trägt eine bis auf 
den Mund herabhängende Perlenschnur. Dieser Nasenperleukrauz 
findet sich auch bei den jungen Eskimoschöuen am unteren Yukon, 
sowie weiter nordwärts bei den Mallemuten. Alle diese genannten 
Eskimos haben auch die Sitte gemeinsam, dass sie das Kinn täto- 
wiren; nur mit dem Unterschiede, dass die beiden Tätowiruugs- 
streifen im südlicheren Theile von Alaska breiter auseinander 
stehen als im nördlichen. Die Einwohner der Tundraküste lebten 
zu der Zeit, als ich sie besuchte, hauptsächlich von Horn- und 
Schwarzfischen. Au Unsauberkeit wetteiferten sie mit den Be- 
wohnern der inneren Tundra. 

Da der Sturm sich im Laufe des Tages ein wenig legte, so 
rüsteten wir uns zur Abreise, ich weigerte mich jedoch aus guten 
Gründen den Weg ohne Führer fortzusetzen, da ich wohl wusste, 
dass wir allein auf uns angewiesen nicht durch das Land kommen 
würden. Zuerst fand sich niemand in der Bevölkerung der uns 
weiter führen wollte, als mau indessen sah, dass ich ernsthaft 
darauf drang, einen des Weges kundigen Eingeborenen zu euga- 
giren, meldete sich ein junger Mann, der sich l)ereit erklärte mit- 
zugehen. Bei günstigem Wind und Wetter machten wir uns auf 
den Weg und passirten zunächst das Eskimodorf Kwikluk, welches 
an der Küste liegt. Von hier aus wandten wir uns in der Rich- 
tung nach dem zweiten grossen Hauptflus.se von Alaska, den be- 
reits mehrfach erwähnten Kuskoquim weiter. 

Die nächste Ortschaft, welche wir etwa zur Mittagszeit er- 
reichten, hiess Orrutoremuteu. Die Einwohner hierselbst besassen 
keine ethnographischen Gegenstände von Bedeutung, mit einziger 
Ausnahme der vielen Perlendekorationen, mit denen sich die Frauen 
buchstäblich behängen. An demselben Tage passirten wir noch 
die drei Ortschaften Sintuleremuten, das etwas grössere Sewart- 



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339 — 



laiemuten und endlich Ameoraremuten. In letztgenanntem Orte 
schliefen wir während der Nacht im Kassigit. Die vorgerückte 
Jahreszeit — wir schrieben schon den 12. April — trieb mich 
sehr zur Eile an. Dies war auch Veranlassung, dass ich am 
andern Morgen bei dem unsern Schlaforte gerade gegenüber hegen- 
den Dorfe Quigiorremuten vorüber zog, ohne Einkäufe zu machen, 
erst in dem nächsten Orte Noksiaremuten machten wir Halt, 
ohne dass ich daselbst 
grosse Erwerbungen 
machen konnte. Ich 
traf am letztgenann- 
ten Orte zwei Eskimo- 
familien, welche aus 

Mangel an einem 

Hause den ganzen 
Wiuter über unter 
einem umgestülpten 
Boote zugebracht hat- 
ten. Die Leute schlie- 
fen auf Decken, die 
sie unter dem Boot auf 
der Erde ausgebreitet 

hatten; natürlicher An der MQndung defl Kujlkoqulm . 

Weise hatten sie, da 1. Knöcherne Ohrringe mit St-liwefelkie^Einla«e. 2— 3. Zier- 
rathen au den Kajak. 1 «. 4. Knöcherne Pupi»e. 5—7. Knöcherne 
ihnen der Rauchabzug Nadelhuchwn. N Ochenk mr Xiibta»che. Zierrath zum 
, . _ Kajak. U». Nadelh(lch.»e. 11. Kajakzlerrath. 

fehlte, kein l euer an- 
machen können, sie hatten auch hierzu wohl kein Bedürfnis."? ge- 
fühlt, da die Eskimos dieser Gegend wie gesagt fast alles roh essen. 

Wir hatten einen sehr tüchtigen Führer engagirt, der uns 
mit grossem Geschick trotz eines heftigen Schneegestöbers weiter 
führte, wir passirten zunächst den grossen verlassenen Ort Kange- 
renaremuten, in dem sich das grösste Kassigit befand, das ich 
an der dortigen Küste gesehen habe. Von anderen Zeugen ver- 
schwundener Eskimoherrlichkeit erwähne ich hier die vielen Grä- 
ber, um welche Geräthe und Waffen aller Art, alte Gewehre, 

hölzerne Hüte, Harpuneu, Lanzen, Pfeile und Bogen aufgestellt 

22* 




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- 340 -- 



waren. Wir hatten unsere harte Noth, den Weg zu finden, und 
übernachteten in dem zur Zeit der Sommerfischerei bewohnten Dorfe 
Ilquigamuten. 

Unter bitterer Kälte und Sturm kämpften wir uns am näch- 
sten Tage weiter bis Kulewarewialeremuten, und obgleich uns hier 
unser tüchtiger Führer verliess, so gingen wir sofort weiter und 
erreichten Kukkaremuten und endlich auch mit vieler Mühe 
Klekusiremuten. Am letzten Orte mussten wir wegen des Stur- 
mes bleiben. Ich sah hier zwei sehr grosse Grabmonumente aus 
Holz. Die Figuren stellten je einen Mann dar, dessen Körper 
roth bemalt war und dessen Mund und Augen aus Knochen be- 
standen. Hinter diesen Figuren war eine Holzwand errichtet, 
welche allerhand Grabbeigaben und Erinnerungszeichen trug. Die 
Bewohner dieses Theiles von Alaska leben während des Winters 
ausschliesslich in der Tundra; sie kommen aber im Frühling nach 
dem unteren Laufe des Kuskoquim River, um daselbst zunächst 
die Seehundsjagd zu betreiben. Späterhin im Jahre, wenn sich 
die grossen Lachszüge einfinden, betreiben die Einwohner in 
ausgedehntem Maassstabe den Fischfang. 

Wir befanden uns jetzt schon seit mehreren Tagen am Ge- 
stade der trichterförmig nach Südwesten sich erweiternden Kusko- 
quinibay, deren nördliche Spitze durch die sehr breite Mündung 
des Kuskoquim River gebildet wird. Da uns unser Weg über 
diesen Fluss hin überführte, und wir uns dem Eise der Bay in 
dieser Jahreszeit mit Sicherheit nicht mehr anvertrauen konnten, 
so sahen wir uns genöthigt, die Bay mehrere Tagereisen hinauf 
zu wandern. Von Klekusiremuten zogen wir am andern Morgen, 
trotzdem es noch stürmte, am linken Ufer des Kuskoquim hinauf 
und gelangten gegen Mittag an eine Stelle, wo wir zum ersten 
Male im Stande waren, in weiter Ferne östlich das linke Ufer zu 
erblicken. Hier setzten wir über das Eis der Flussmündung und 
fanden das Terrain jenseits mit kleinem Weidengestrüpp bewachsen, 
der ersten Vegetation, welche wir seit Verlassen des Yukonstroraes 
wieder antrafen. 

Der nächste Ort> den wir am andern Ufer trafen, hiess Jok- 
tjitleramuten , ein jetzt verlassener Sommerplatz von acht Fischer- 



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— 341 - 



hütten. Hier verliess uns unser Führer und war in keiner Weise 
zu bewegen, uns weiter zu begleiten. Beim Abschiede verkaufte 
er mir einige gute Tanzinasken, die er besass. Allein und ohne 
Führer setzten wir nun den Weg stromabwärts am linken Ufer 
weiter fort Es wehte ein so kalter Wind, dass mir wieder ein- 
mal meine Nase erfror. Wir bemühten uns so gut es ging, dem 
Ufer des Hauptstromes zu folgen; da sich aber häufig Seitenarme 
und kleinere Wasserstrassen nach links abzweigten, so verirrten 
wir uns schliesslich und sahen uns endlich genöthigt, in der Nähe 
eines kleinen Hügels zu kampiren. 

Um uns nicht zwischen dem Gewirre der Wasseradern noch 
mehr zu verlieren, beschlossen wir, am andern Morgen wieder den 
Hauptstrom aufzusuchen, obgleich das Eis desselben stellenweise 
recht rauh und namentlich hart am Ufer steil abgebrochen war. 
Wir gingen also wieder zurück und erreichten nach zweistündiger 
Fahrt den Hauptstrom des Kuskoquim. Hier engagirten wir im 
nächsten Dorfe einen Führer, der uns bis zum Nachmittag dieses 
Tages nach dem lang ersehnten Orte Mamtratlagemuten brachte, 
woselbst sich eine Handelsstation der Alaska-Conrraercial-Company 
befindet, und wo ich von dem dortigen Stationsvorsteher Herrn 
Nicolai Kamelkowski einen Mischling, der halb Russe, halb 
Iugalik ist, ausserordentlich gut empfaugeu wurde. 



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XXII. 



Ausläufer der Rocky Mountains am Kuskoquim-River. Die Grenze der Tnndra. 
Die Kuskoquimemuten. Die Fleischtöpfe Egyptens beim Stationsvorsteher Nicolai 
Kii melkowski. Eiliger Weiteriuarseh wegen der vorgerückten Jahreszeit. Die 
Südküste von Alaska. Das Einpacken und Registriren der Sammlung. Die tosten 
Eskimoführer meines Lebens. Der Marsch über das Gebirge zwischen Ku&ko«juiin 
und Togiak. Grosse Schwierigkeiten. Eskimos toiin Fischfang. Vier verschiedene 
Arten von Lachsforellen. Ein unbekannter Fisch. Starker Südoststurm. Blutige 
Schlacht unserer Hunde. Nachtlager am Fusse des Gebirges Der Aufstieg. 
Der Tag hat 16 Stunden. Uebersteigen der ersten Bergkette. Zwei vulkanische 
Felsreihen. Ein langgestreckter See mit unl>ekanntem Namen. Wir ändern den 
Kurs. Uebersch reiten eines steilen Berggipfels. Tolle Iiinabfahrt. Gro&aartige 
Aussicht. Eine Nacht am wasserreichen „Vi rc ho w -Flu ss" oder Katzaruk. iVrr 
Sturm aus Süden ist unser Führer. Fortsetzung des Aufstieges. Der „William 
Schönlank-River" oder Koggaklek. Schneidender Südsturm und wüthendes 
Schneegestöber. Wir dringen mit Gewalt vorwärts. Das Wetter klärt sich etwas 
auf. Uebersteigen einer Gebirgskette. Der Matlogukfluss. Das Katlarijok-Gebirge. 
Gefährliche Passage. Schwärme von Schneehühnern. Roth fuchse. Ich bin schnee- 
blind. PaKsimi von vier Gebirgsflüssen. Der letzte Pass auf der Südseite des 
Gebirges. Verschwinden des Eise«. Hinabstieg. Die Togiakbay. Dorf Togiak. 
Das Ende meiner ISOtägigen Schlittenfahrten in Alaska. Rührender Abschied 
von meinen Hunden. Wir segeln weiter nach der Handelsstation Togiak. 

Der riesige Gebirgszug, welcher den Welttheil Amerika vom 
.Süden bis zum Norden in Beiner ganzen Länge durchzieht und 
im nördlichsten Theile Rocky Mountains heisst, enteendet seine 
äusserten Ausläufer westwärts durch Alaska und tritt mit einem 
derselben hart an das linke Ufer des Kuskoquim River heran. 
Die Tundra, das Produkt neuester geologischer Thätigkeit, das 
iSchwemmland des Yukon und Kuskoquim schreitet, wie es scheint, 
unter dem gewaltigen Einflüsse der dort oben ganz eminent wirk- 
samen meteorologischen Verhältnisse langsam und allmählich 
wachsend, unaufhaltsam in das Meer weiter vor. 

Mit dem Augenblicke, als mich mein Weg an das rechte 
Ufer des Kuskoquim führte, befand ich mich an der Grenze der 
Tundra und betrat das Gebiet der Kuskoquimemuten , eine Eski- 
mobevölkerung, deren Existenz überwiegend von dem Strom, an 
dem sie wohnt, abhängt. Der Empfang, welchen mir der vor- 
treffliche Stationsvorsteher Nicolai Kamelkowski bereitete, 



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— 343 



erinnerte mich lebhaft au die Fleischtöpfe Egyptens, und führte 
mich wieder in die laug entbehrten Genüsse: Butter, frisches Brod, 
Braten von Elenthier u. s. w. ein. 

Mein Aufenthalt an diesem Orte dauerte indessen nur zwei 
Tage, da ich wegen der schon sehr vorgerückten Jahreszeit das 
Schmelzen der Schnee- und Eisdecke jeden Augenblick erwarten 
konnte. Eine Gelegenheit, von hier nach San Francisco zu ge- 
langen, fand ich für den Augenblick nicht, auch schien es mir 
richtig und nothwendig zu sein , dass ich meinen Aufenhalt in 
diesen Gegenden, so lange dies das Wetter für Schlittenreiseu ge- 
stattete , verlängerte. 



/ 





Vuiu Kusk<H|uitn. 



Der glückliche Erfolg, 
den ich bisher gehabt 
hatte, spornte mich au, 
nunmehr auch dieSüd- 
küste von Alaska, an 
der ich mich jetzt be- 
fand, zu besuchen. Es 
erschien nicht allzu 
gewagt, das hohe Ge- 
birge, welches ostwärts 

Vom Kuskoquim auf- 1— -■ KAiume aus Mammuth. -S. Kanuu aus Walro*»«lhuen. 

1 4. DogletchCB. 5. Kamm au* ilein Huf eines Eleiitltiors. 

steigt, in dieser Jahres- 
zeit zu überschreiten, denn es war mit Sicherheit anzunehmen, dass 
sich oben auf der Höhe noch Innreichend Schnee für die Schlitten- 
fahrt finden würde. Der einzige Umstand, welcher mich vielleicht 
von einer Tour über das Gebirge hätte zurückhalten können, dass 
dasselbe nämlich noch niemals an dieser Stelle von einem weissen 
Reisenden besucht worden war, war geeignet, mich eher zu der 
Reise zu verleiten, als von ihr abzustehen. 

Meine nächste Arbeit war, alle diejenigen Gegenstände, welche 
ich bisher auf dem Wege über die Tundra erworben hatte, zu 
registriren und sie einzupacken, da mein Wirth dieselben von hier 
aus mit dem ersten Schiff nach Sau Francisco zu senden ver- 
sprach. Hierdurch war mein Gepäck wesentlich erleichtert, so 
dass ich mich, nachdem ich noch einige Briefe nach Europa 



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344 — 



geschrieben hatte, am IS. April früh Morgens nach herzlichem Ab- 
schied auf den Weg machte. 

Herr Kamelkowski hatte die Freundlichkeit gehabt, mir 
zwei .«einer Leute als Führer mit auf den Weg zu geben, welche 
die Aufgabe übernahmen, mich vom Kuskoquim River in südöst- 
licher Richtung über das Gebirge bis zur Mündung des Togiak 
River nach der Küste zu begleiten. Wir hatten insgesammt 24 
Hunde, von denen mir 15 gehörten. Wir gingen zunächst den 
Kuskoquim Fluss hinab und erreichten in schneller Fahrt bei 
Sonnenuntergang das verlassene Dorf Jotsitle, wo wir übernachteten. 
Am andern Tage wurde die Reise in derselben Richtung stromab- 
wärts fortgesetzt und nach einander die Orte Agolaremuten, Kao- 
weaugemuten, Seraeriangemuten, Illintongemuten und Senneremuten 
erreicht. Am letztgenannten Ort befindet sich ein Waarenhaus, 
in welchem ein Handelssehoouer, der alljährlich bis hier den Fluss 
hiuabfahrt, die von ihm mitgebrachten Waaren deponirt. Wir über- 
nachteten in einer der beiden bewohnten Eskimohütten des letzt- 
genannten Ortes. 

Meine beiden Führer, welche übrigens weder in der gewöhn- 
lichen Eskimosprache, noch in Englisch sich mit mir verständigen 
konnten, bildeten die beste Mannschaft, welche ich jemals auf 
meiuer Reise gehabt habe. Gross und stattlich gewachsen, mit 
riesigen Körperkräfteu begabt, mit der ganzen Elastizität des be- 
ginnenden Mannesalters versehen, unennüdlich im Ertragen von 
Strapazen, geschickt und erfinderisch bei Ueberwindung von Schwie- 
rigkeiten, stets gut gelaunt und aufmerksam, waren sie so recht ge- 
eignet, den grossen Anforderungen zu entsprechen, welche die Tour 
über das Gebirge an jeden Einzelnen von uns stellte. 

Am nächsten Tage ging es weiter stromabwärts, immer am 
örtlichen Ufer des Kuskoquim entlang, wir passirten zunächst den 
Ort Oejak, wo ich wieder eines jener bereits beschriebenen Grab- 
inonumente sah und gegen Mittag das Dorf Kwinnekaremuteu. 
Der Weg auf dem Eise des Flusses war von hier ab nicht mehr 
passirbar, so dass wir uns entschlossen, von hier aus in das Ge- 
birge einzudringen, indem wir zugleich einen ortskundigen Einge- 
borenen als Führer engagirteu. 



— 345 — 



Der Weg führte zunächst üher Tundra-Landschaft, auf der 
sich fast kein Schnee mehr befand. Glücklicher Weise aber waren 
die zahlreichen kleinen Seen und Teiche noch mit Eis bedeckt, so 
das.« wir verhältnissmässig schnell genug vorwärts kamen. Wir ge- 
langten an den Agalik River, welcher indessen schon offen war 
und auch am Ufer keine Schneebedeckung hatte. Hier bereits 
zeigte sich die Vortrefflichkeit meiner Mannschaft im besten Licht, 
denn diese beiden Kus- 
koquimemuten entwickel- 
ten eine stauuenswerthe 
Energie, als es galt, die 
schweren Schlitten einen 
nach dem andern über 
den mit tiefen Löchern 
bedeckten Boden fortzu- 
schaffen. Wir brauchten 
volle drei Stunden Zeit, 
um die Strecke von einer 
englischen Meile zurück- 
zulegen. Die Strapazen 
dieses Tages veranlassten 
indessen den im letztge- 
nannten Dorfe engagirten 
Eingeborenen, uns in der 
darauf folgenden Nacht, 
als wir an einem Fluss- 
ann kampirten, heimlich zu verlassen. 

Am andern Morgen setzten wir uusern Weg längs des 
Flusses fort. Zum Glück befand sich, obgleich das Wasser in der 
Mitte des Flusses sichtbar war, am Ufer ein schmaler Eisstreifeu, 
welcher die Schlittenfahrt ermöglichte. Gegen Mittag trafen wir 
am Flusse eine Anzahl von Eskimos an, welche mit Fischfang 
beschäftigt waren. Da der Fluss von Fischen wimmelt, so war es 
erstaunlich zu sehen, welch eine enorme Beute die Eskimos gemacht 
hatten. Ich bemerkte unter den gefangenen Fischen wenigstens 
vier verschiedene Arten von Lachsforellen; auch sali ich einen 




Vom Ku.«ko'|iiini. 
1. Pupi>enkopf aus Ki-nuthiergcweih einen IIu*«mmi «lar- 
htellend. 2-3. Zierralti au» Knochen an Fraurnlx'in- 
kkidem. 4 — 5. fieliänge an Xilh lachen. t>. ru\>\>voko\>f 
au» WalrtK^zShnen. 7—*. Oliiinxc an N.'fhta*« hen. 
'.». Notznadel aus Walrossrahu. 10. (leuflngeau Nälituw h<n. 



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346 

mir bis dahin unbekannten Fisch, welchen die Eskimos Sullukbauk 
nannten. Die jüngeren Männer, welche zu der fischenden Eskimo- 
gesellschaft gehörten, befanden sich sämmtlich auf Jagd; da ich 
einen von ihnen als Führer über das Gebirge zu eugagiren wünschte, 
so blieb ich bei den Fischern und schlug mein Zelt auf. Die 
Fische waren hier so billig, dass wir nicht nur selbst reichliche 
Mahlzeiten hielten, sondern dass wir auch unsere Hunde mit frisch 
gefangenen Lachsforelleu fütterten. Gegen Abend kehrten die Jäger 
zurück und ich erhielt einen Führer. 

Während der Nacht stürmte es stark aus Südost, so dass 
ich fast befürchtete, dass das Zelt uns auf den Kopf fallen würde. 
Auch sonst wurde die Nachtruhe gestört durch eine blutige Schlacht, 
welche unsere Hunde unter einander lieferten. Einer von ihnen 
sprang hierbei gegen das Zelt und da der Stoff desselben durch 
den langen Gebrauch sehr mürbe geworden war, so flog das Thier 
mitten hindurch und mir auf den Leib, was ihm eine Verwarnung 
zuzog. Am andern Morgen versahen wir uns mit einem reichlichen 
Vorrath von Fischen und brachen auf. Unser Nachtlager hatte 
sich unmittelbar am Fusse des Gebirges und zwar am unteren 
Eingang eines Gebirgsthales befunden. Wir gingen nunmelir den 
Fluss stromauf und stiegen allmählich immer höher. Die Eisdecke 
des Flusses wurde nach und nach fester, sodass wir nur an wenig 
Stellen gezwungen waren, die Schlitten über das Erdreich fort- 
zuziehen. Da der Tag in dieser Jahreszeit schon volle 16 Stun- 
den dauert, so legten wir eine ziemlich bedeutende Strecke zurück. 

Im Laufe des Nachmittags verliessen wir das Flussthal und 
stiegen über die erste Bergkette hinweg, wo der Schnee ausgezeichnet 
hart und für die Schlittentour geeignet war. Unser Weg führte 
uns zwischen zwei vulkanische Felsreihen mit zerrissenen Spitzen 
und kraterartigen Vertiefungen hindurch. Auf dieser Strecke pas- 
sirten wir einen langestreckten See mit unbekanntem Namen, — 
wie hier überhaupt alles unbekannt ist. 

Von diesem See geht ein Ausfluss in der Richtung nach 
Südosten thalwärt«. Da aber die Eisdecke der Strömung wegen 
aufgebrochen war, so mussten wir unsern Kurs ändern. W T ir setzten 
über einen steilen, mehr als 4000 Fuss hohen Berggipfel, auf dem 



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347 



der Schnee für uns sehr günstig war. Als es wieder bergab ging, 
mussten wir die Hunde ausspannen, denn unsere Sclüitten machten 
die steile Hiuabfahrt allein, ohne jede Hülfe. Es war eine tolle 
Fahrt, bei der die Schlitten auch einige Male umschlugen und au 
einander geriethen; es ging jedoch wie gewöhnlich bei derartigen 
Thalfahrten ohne Gefahr vorüber. 

Als wir uns oben auf dem höchsten Punkte befunden hatten, 
bot sich unserem Auge ein Anblick von entzückender Schönheit 
und Grossartigkeit dar. 
Vor uns lag ein grosses 
Thal mit vielen kleinen 

Gebirgsbächen und 
Flüssen, und weiterhin 
im Süden und Südosten 
zeigten sich am Horizont 
hunderte von zackigen 
Fels- und Bergspitzen. 
Nachdem wir das 

Thal hiuabgefahren 
waren, hatten wir viel 
Mühe, ein kleines schnell 
fliessendes Gewässer mit 
steilem Ufer zu über- 
schreiten. Wir folgten 
weiterhin dem Zuge des 
Thaies und gelangten an 
einen stattlichen wasserreichen Fluss, welcher die zahlreichen 
Wasseradern dieser grossen Bodeneinsenkung in sich aufnimmt 
und sie südwärts weiter führt, wo er in der Nähe von Cap Neweu- 
hara sich in die Kuskoquimbay, wie es scheint, ergiesst. Wir brach- 
ten die nächste Nacht am Ufer dieses Flusses zu, den ich mit 
dem Namen „Virchow -Fluss" bezeichnet habe. Die Eskimos 
nannten ihn Katzarak. 

Während der Nacht lies«» der Frost etwas nach und es hatte 
den Anschein, als ob Schnee und südlicher Wind kommen würden. 
Am andern Morgen hatten wir in der That beides und gewann 




5. tuiuitliche Gegenstände sind nua Knochen und «tammcn 

vom Koskoi|iüin. 

1—3. Thierfiguren darstellend. 4. Lach*. 5. Thierfigur. 

6. WeUswalfigur. 7. Schnitzerei mit Meu*eheuge*khtern. 
8. Figur einer schlafenden Secottor. '.». Knöcherne Men- 
»clieuttgur. 10. Schamans Idol. 11. Pui>|H' aus Mnmmuth- 
knocheu. 12. Pflock xuiu Vc-fchlu»» der Oetfhung an 
Fellen weiblicher Seehunde. 13-14. Pfeifeuköpfe ans 

Knochen. 



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348 - 



es fast den Anschein, ab* ob wir hier am Virchow - Flusse verl »leiben 
sollten. Die dringende Rücksicht jedoch, welche wir auf unsern 
verhältnismässig geringen Proviantvorrath zu nehmen hatten, die 
Notwendigkeit, für unsere 24 Hunde Futter zu besorgen, zwang 
uns, trotz des Schneegestöbers und ohne dass wir in dieser Gebirgs- 
wildnins einen Anhalt über den einzuschlagenden Weg hatten, ab- 
zureisen. Der Sturm aus Süden war gewissermaassen unser einziger 
Führer, der uns immer wieder zwang, fast direct gegen ihn anzu- 
kämpfen. Er war es aber auch, der den frischen Schnee vom Erd- 
boden wegfegte, sodass wir gezwungen waren, jedem kleinen Bache 
oder älteren Schneestreifen zu folgen. So stiegen wir allmählich 
wieder l>ergan und überschritten zugleich einige Bergkuppeu, jen- 
seits deren wir wieder in ein grösseres Thal gelangten. 

Nachdem wir abermals eine Strecke hinab gewandert waren, 
führten uns die Wasseradern wiederum an einen stattlichen Fluss, 
dessen Lauf wir eine Strecke weit folgten. Er strömte zuerst nach 
Südost, später nach Südwest. Sein Wasser hatte fast überall die 
winterliche Eisdecke zerbrochen, so dass wir lange rathlos nach 
einer Stelle suchten, wo wir hinüber gelangen konnten. Endlich 
fanden wir eine Furth und kamen glücklich ans andere Ufer. 
Wie es scheint, sammelt dieser Fluss einen grossen Theil der Ge- 
wässer auf der Ostseite der in Cap Newenham endenden Halbinsel, 
sodass er sich östlich von diesem Cap in das Beringsmeer ergiesst. 
Ich habe diesem Fluss den Namen „William-Schönlank-River" 
gegeben. Die Eskimos nannten ihn Koggaklek. 

Das Suchen nach dem Uebergang hatte uns ein wenig von 
der einzuschlagenden Richtung abgelenkt. Der Südsturm übernahm 
es nunmehr wieder, uns auf den richtigen Weg zu bringen. Wir 
wandten uns einem kleinen aus Südosten herabkommenden Seiten- 
fluss hinauf und erstiegen nunmehr wieder die Höhe des Gebirges. 
Es war dies jene Bergreihe, welche wir am Tage vorher beim 
Uebcrsteigen der ersten Gebirgskette am südlichen und südöstlichen 
Horizont erblickt hatten. So sehr ich auch au arktisches Un- 
wetter nicht bloss in Alaska, sondern seit meiner frühesten Jugend 
in meiner nordischen Heimath gewöhnt bin, und so sehr auch 
meiue beiden Reisegefährten unter Sturm und Wind gross gewor- 



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349 



den wareu, so wurde uns die Fortsetzung de?* Weges das Gebirge 
hinauf gegen den schneidenden Südsturm und das wüthende Schnee- 
gestöber fast unmög- 
lich. Aber die drin- 
gende Notwendigkeit 
vorwärts zu gelangen, 
zwang uns unscrn Weg 
ununterbrochen über 
Felsen und hohle Ge- 
birgspässefortzusetzen. 

Glücklicherweise 
klarte sich das Wetter 
Nachmittags 2 Uhr 
ein wenig auf, sodass 
wir wenigstens unsern 
Weg erkennen konn- 
ten. Wir überstiegen 
wieder eine Gebirgs- 
kette und gelangten 
an das Ufer eines 
Flusses, den die Eski- 
mos Matlogak nann- 
ten. Im Südosten von 
diesem Flusse steigt 
das Gebirge wenig- 
stens auf 6000— 7000 
Fuss an; die Eskimos 
nannten es Katlarijok. 
Wir folgten dem Laufe 
des Flusses bis zum 
Abend und marschir- 
ten ununterbrochen, 
wobei wir an steilen 
Stellen die Schlitten 

■ 

im Schnee öfter formlich hinaufwinden mussten. Ich bin überzeugt, 
dass ich ohne eine so vortreffliche Mannschaft, wie die meinige, 




Fa*t olk- Gegenstände au.« Knochen gefertigt sind vom Kos- 

koqokn. 

1. Haarsehnnuk eines Mädchens. 2. Ohrringe Bebst daran 
befestigter tienick-Kette. 3. Knöcherne Puppe. 4- »>. Lippcn- 
geliänge eines Mädchen.*. 7. tielenk *ur Harpunenleine. S. tie- 
wehnitzter Kisbär. Pflock xuin Vcrv/hlu,** der Octfnung an 
Fellen weiblicher Seehunde. pi.SchnupftabakdoM-. 11, Puppe, 
eine Krauentigur darstellend. 12. Pfriem. 



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350 — 

an diesem Tage nicht so weit gekommen wäre. In diesen fast 
nie betreteneu Thäleru trafen wir während der Tage des lieber- 
ganges über das Gebirge grosse Schwärme, die oft Tausende von 
Schneehühnern enthielten, an. Noch nie in meinem Leben habe 
ich von diesen Thiereu so viele Exemplare beisammen gesehen, 
wie während dieser Expedition. Auch sonst ist die Gegend nicht 
arm an Wild, namentlich trafen wir wiederholt rothe Füchse unter- 
wegs an. Auf einen derselben machten unsere Hunde, da das 
Terrain dies gerade gestattete, sofort Jagd: Meister Reinicke aber 
floh geschickt den steilen Bergabhang hinauf, wohin ihm unsere 
Hunde nicht nachkommen konnten. Renuthiere bemerkten wir 
nicht unterwegs, obgleich unsere Hunde, welche öfter eine eigen- 
thümliche Unruhe zeigten und kaum zu halten waren, dieselben 
nach der Versicherung der Eskimos witterten. Bei diesem Reich- 
thum an Wild musste ich auf das Vergnügen der Jagd verzichten, 
da ich die höchste Eile hatte, vorwärts zu kommen. Wir blieben 
während der nächsten Nacht an diesem Flusse und setzten am 
andern Morgen unsere anstrengende Tour fort. Wir marschirten 
den ganzen Tag über, ohne den geringsten Aufenthalt zu machen, 
da es uns sehr erwünscht war, noch vor der Nacht die Station 
Togiak an der Seeküste zu erreichen. 

Ich war jetzt so schneeblind geworden, dass ich fast gar nichts 
sehen konnte und au empfindlichen Augenschmerzen litt. Wir über- 
schritten noch eine Reihe von Hügeln und Felsen und passirten 
dabei vier Gebirgsflüsse. Um 1 1 Uhr Vormittags durchschritten wir 
den letzten Pass auf der Südseite des Gebirges und hatten nun von 
der Höhe desselben weit über das Land hinaus uach Süden eine 
Aussicht auf die Südküste und auf die derselben vorgelagerte Iusel 
Hagemeister. Das Wetter war an diesem Tage prächtig gewesen, 
aber viel zu warm für die Jahreszeit. Der Sturm der letzten Tage 
hatte, wie es schien, das Eis auf dem Meere vollständig zertrümmert 
und hinweggefuhrt , denn soweit unser Auge blickte, sahen wir 
auf dem Meere keine Spur von Eis, sondern eine klare Wasser- 
fläche. Wie es sich herausstellte, hatten wir während das Ueber- 
gangs über das Gebirge den richtigen Weg verfehlt und hatteu 
uns nuu auf gutes Glück hindurchschlagen müssen, wobei wir 



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351 



au einem viel weiter nach Westen gelegenen Punkte herauskamen, 
als wir erwartet hatten. 

Da glücklicher Weise der Schnee auf der Südseite des Ge- 
birges noch nicht geschmolzen war, so wurde uns der Abstieg 
ziemlich leicht und wir erreichten nach sechsstündigem scharfen 
Marsche die Nordspitze des Fjordes in den sich die Togiakbay 
verjüngt. Hier trafen wir eine Gesellschaft fischender Eskimos, 
welche, da das Land hier zum Gebiet des Nuschegak-Flusses ge- 
hört, die Bezeichnung Nuschegagemuten führten. Ohne uns aufzu- 




Voui Ku-*koquim-Flu.»s. 

1-2. Thieriigiiren. 3-4. Fi*cliflxur<'n. .j-7. Vö^-l. s. Ki-oh. 0. KisMr. !<■ U. Men-cti- 
liche Figuren darstellend. lä-lfJ. Verzierte hülzerue Löffel. 

halten zogen wir an ihnen vorüber, gingen über den Togiakfluss, 
welcher in den Fjord mündet und gelangten um 7 Uhr Abends 
nach dem Orte Togiak. Die Handelsstation gleichen Namens 
liegt 4 — 5 englische Meilen weiter entfernt, aber der Schnee hörte 
hier auf und wir mussteu deshalb unsere Sachen hier lassen. Ich 
konnte von Glück sagen, dass ich den arktischen Winter in Alaska 
so zu sagen von der ersten bis zur letzten Schneeflocke für 
Schlittenexpeditionen benutzt hatte. Volle sechs Monate hindurch, 
vom 23. October bis zum 24. April hatte ich den Schlitten be- 
nutzen können. Jetzt allerdings war der Fortsetzung der Fahrten 
unweigerlich Halt geboten. 

Wir blieben während der Nacht am genannten Orte, da der 
Zustand meiner Augen sich durch die Strapazen des letzten Tage- 
marschea über das Gebirge so sehr verschlimmert hatte, dass ich 



— 352 - 

fürchterliche Schmerzen ausstand, welche mich die ganze Nacht 
hindurch am Einschlafen verhinderten. 

Ich musste nunmehr daran denken, «meine Reise längs der 
Meeresküste fortzusetzen und Hunde und Schlitten hier lassen. 
Es war mir schmerzlich genug, ohne die Thiere raeine Reise fort- 
setzen zu müssen, denn die Mehrzahl von ihnen gehörte noch zu 
jenem alten Stamme, der mich fast auf allen Schlittenfahrten be- 
gleitet hatte. Ueber Strecken von hunderten von englischen Meilen 
Länge hatten mich diese Thiere geführt, oft war Noth und Elend 
an uns herangetreten und gemeinschaftlich ertragen worden; wir 
hatten als gute Kameraden kennen gelernt, wie weit die Be- 
dürfnisslosigkeit mitunter auf arktischen Schlittenreisen zu gehen 
genöthigt ist, und welch ein Maass won Frost, Sturm und Un- 
wetter ein lebendes Wesen zu ertragen vermag. Plötzlich aufge- 
halten auf unserer fliegenden Fahrt durch das Schmelzen des 
Schnees, mussten wir uns nun hier von einander trennen. 

So frei ich auch von jeder Sentimentalität bin, und so sehr 
ich auch währeud meiner Schlittenreisen meine vierbeinigen halb- 
wilden Reisogenossen oft mit der Peitsche zu erhöhter Arbeits- 
leistung angetrieben hatte, so rührte es mich doch zu sehen, welche 
Anhänglichkeit diese Thiere gegen mich besassen. Wie aufmerksam 
folgten sie allen unsera Bewegungen, als wir am andern Morgen 
den grössten Theil meiner Sachen in fünf Kajaks, die ich ge- 
miethet hatte, einluden! Ihnen war jedes Gepäckstück ebenso be- 
kannt wie mir und sie begleiteten es bis hinab zu den Fahrzeugen, 
indem sie es berochen. Als ich sie dann alle heranrief und 
streichelte, denn mir wurde der plötzliche Abschied nicht ganz 
leicht, da sprangen sie an mir empor und leckten mir winselnd 
die Hände. Dann kam der schlimmste Augenblick, indem wir die 
Fahrzeuge bestiegen und sie zurückliessen, da setzte sich ein Theil 
der Hunde am Ufer nieder, sie hoben die Schnauzen senkrecht in 
die Höhe und heulten laut auf durch die Luft, andere geberdeten 
sich wie unsinnig und liefen laut bellend am Ufer entlang, während 
wir uns längs desselben in allmählich schneller werdender Fahrt 
entfernten. Wahrlich der Abschied von dieseu unvernünftigen 
Thieren wurde mir schwerer als von manchen Menschen! 



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XXIII. 



Ankunft in <1er Handelsstation Togiak. Fortsetzung der Reise auf drei Fahr- 
zeugen längs der Südküste von Alaska nach Osten. Landschaftliche Schönheiten 
des Ufers. Tummelplätze der Seehunde und Walrosse. Die steinerne Frau Arnin- 
gaktak. Unsere Opfergaben. Cap Constantine. Abenteuer mit einem Seehund. 
Der Frühling kommt. Schaaren von Vögeln. Landung in Fort Alexander am 
Nuschagnk River. Der Stationsvorsteher Mr. Clarks. Pläne für die nächste 
Zukunft. Herr Kasernikoff. Ein Fischer-Schooner aus San Fraucisco. Fort- 
Hetzung der Reise in einem Fellboot. Wilde Rcnnthiere. Ein Paradies für 
Rennthierlappen. Die Mündung des Iliamna-Flusses. Die ersten Mosquitos. 
Ein Treidelweg durch Eiswasser. Der grosse I liamna-See. Mangel an Lebens- 
mitteln. Delicatcssen der Eskimos. Fahrt über den See. Ein Sturm. Ein Eskimo- 
dorf mit viilen Lebensmitteln. Erneuter Sturm. „Cap Schleinitz". Die grosse 
Bai des lliaiiinasces. Zahlreiche Inseln. „Le Coq's-Insel". Der Handelspostcn 
lliamna. Die Grenze zwischen der Eskimo- und Ingalikbevölkerung. Marsch 
über das Gebirge nach der Küste des nordpacinschen Oceans. Fortsetzung der 
Fahrt auf Booten. Entzückend schöne Uferlandschaft. Der Vulkan lliamna. 
Braune Büren. Ein Eldorado für Jäger und Touristen. Die Insel Assik, ein 
Vogelfelsen. Wolken von schwärmenden Vögeln. Blumen tcppich. Die indiani- 
schen Kenaiski. Der erste Königslachs des Frühjahrs. Construction der Wohn- 
häuser. Die Insel Kalgia. Fahrt in Cooks Inlet. Seehunde und Weisswale. 
Handclsstation Tagunak. Herr Dimidoff. Reicher Verdienst der Einwohner 
auf Jagd und Fischfang. Wilde Tänze der Einwohner. Fahrt nach Fort Kenai. 
Harter Kampf mit Wind und Wellen. Herr Wilson. Capitain Huren diu 
von der Bark „Korea". FredKendall. Eine Fisch-Conserven-Fabrik. Mangel 
an Nachrichten aus der Heimath. Weiterfahrt nach Fort Alexander. Lang- 
entbehrt« Genüsse. Erratische Blöcke im Meere. Kohlenlager. Versteinertes 
Ptlanzenlaub. Wir harpuniren Heilbutten. Landung in Fort Alexander auf 
der Halbinsel Kenai. Handelsvorsteher Hr. Cohn aus Berlin. 

Es war gegen Mittag, als wir mit unseren Fahrzeugen auf 
«ler Handelsstation Togiak anlangten; ich traf hier den Händler 
und Stationsvorsteher nicht zu Hause, er kam erst gegen Abend 
von einem Ausflüge heim und vermiethete mir drei kleine Fahr- 
zeuge und besorgte eine Rudermannschaft von vier Köpfen. Nach- 
dem ich meine beiden braven Eskimos abgelohnt und ihnen für 
ihr gutes Verhalten noch eine besondere Belohnung bezahlt hatte, 
auch durch Depouirung des entsprechenden Werthes für den 
nächsten Unterhalt meiner Hunde gesorgt hatte, brach ich auf, 
um meine Reise längs der Meeresküste nach Osten fortzusetzen. 

Das Ufer ist hier stellenweise ziemlich steil und bietet dem 

A. Woldt, CapHain Jacoben 'a Reiae. -*3 



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354 . 



Auge den Anblick von Strandhöhleu und säulenartigen Felsbil- 
duugen dar. Die ganze Gegend geheint ein sehr beliebter Tummel- 
platz der Seehunde und Walrosse zu sein. Die Eskimos in Togiak 
hatten am Tage meines Aufenthalts sieben Seehunde und ein 
Walross gefangen, eine Beute, welche nach ihren gewöhnlichen 
Erfahrungen als eine bedeutende zu bezeichnen war. Während 
wir längs des Strandes fuhren, bemerkten wir hier und da Sommer- 
hütten von Seehundsjägern errichtet an Stellen, wo das Landen 
ziemlich leicht war. 

Nachdem wir einige grössere Buchten überscliritteu hatten, 
erblickten wir auf einer Uferklippe ein sonderbares Naturspiel, 
die aus Stein gebildete, etwa 15 Fuss hohe Figur einer Frau mit 
einer Haube auf dem Kopfe. Die Naturähnlichkeit war so gross, 
dass es fast schien, als ob Menschenhände ein wenig nachgeholfem 
hätten. Diese steinerne Frau wird von den Eskimos weit und 
breit verehrt, und Niemand versäumt es, wenn er vorüberkommt, 
hier anzuhalten und Opfer darzubringen. Auch wir landeten, um 
uns nach dieser Figur, welche von deu Eskimos Arningaktak 
genannt wird, hinauf zu begeben. Einige meiner Leute brachten 
getrockneten Lachs mit, von dem sie ein Stück in die Erde vor 
der Figur und ein anderes hinter der Figur vergruben, ein drittes 
Stück wurde obenauf gelegt. Als Reste früherer Opfer erblickten 
wir rings um dies Steinbild die Knochen vieler Seethiere und Vögel. 

Wir fuhren hierauf weiter und verbrachten die nächste Nacht 
am Ufer einer kleinen Bucht, Die nächsten beiden Tage brachten 
Wind und hohen Seegang, so dass wir Mühe hatten, Cap Con- 
etantine zu umfahren. In der Nähe dieses Punktes hatte einer 
meiner Leute ein drolliges Abenteuer mit einem kleineu Seehund. 
Er hatte nämlich vom Kajak aus bemerkt, dass dieses junge Thier 
auf den Strand gekrochen war. Er landete sofort und versuchte 
den Seehund an der Hinterflosse zu ergreifen. Das aufs Höchste 
erschrockene Thier krümmte sich indessen und trachtete darnach, 
seinen Feind zu beissen. So spraugen beide Theile zu unserem 
höchsten Ergötzen im Sande herum, und ich dachte unwillkürlich 
an das bekanute Volkslied vom Musikanten und dem Krokodil 
am Nil. Endlich gelang es dem Eskimo, den armen Seehund zu 



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355 - 



ergreifen und ihn lebend ins Kajak zu tragen. Hier aber biss das 
Thier so lebhaft um sich, dass es getödtet werden musste. 

Der Frühling meldete sich jetzt mit Macht. Wir erblickten 
zum ersten Male wieder Gänse, Schwäne, wilde Enten, sowie viele 
Eidergänse und andere Seevögel. Interessant war es, jetzt zur 
Paarungszeit das Spiel einer Enteuart von der Grosse der Eider- 
gans zu beobachten. 

Oestlich von Cap Constantine schneidet die Nuschagakbay 
tief ins Festland ein, während derNuschagak-Fluss in ihre nord- 
östliche Ecke einmündet Dort liegt Fort Alexander, einer der 
Haupth andelsposten der Alaska- Coniniercial -Company. Als ich 
hierselbst landete, wurde ich von dem dortigen Stationsvorsteher 
Mr. Clark s ausgezeichnet gut aufgenommen. Ich war körperlich 
total heruntergekommen, denn die Schneeblindheit hatte sich noch 
nicht gelegt, und meine Füsse schmerzten mich sehr von dem 
tagelangen rechtwinkeligen Sitzen im Kajak. Ich konnte kaum 
eine bessere Stelle in ganz Alaska finden, um mich während 
einiger Tage zu erholen, als diese Station. Mr. Clark s nahm 
mich in uneigennützigster Weise auf und gab mir Wohnung 
in dem Gebäude der meteorologischen Station, die zu Fort Ale- 
xander gehört Diese Station war leider ohne Vorsteher, da der- 
jenige, welcher dieses Amt bekleidete, Mr. Mackay, durch einen 
bedauerlichen Unfall auf der Jagd ertrunken war. In Fort Ale- 
xander befindet sich auch eine russische Kirche unter der Obhut 
eines Priesters und eines Diakonen. 

Die ersten nothwendigen Einrichtungen waren bald gemacht, 
die Leute abgelohnt meine in Togiak zurückgelassenen Hunde Herrn 
Clark s überwiesen, der sie späterhin abholen Hess, und meine 
ethnographische Sammlung geordnet und eingepackt. Leider war 
es mir nicht möglich, an diesem Orte grössere Erwerbungen für 
das Berliner Königliche Museum für Völkerkunde zu machen, da 
der verstorbene Mr. Mackay bereits vor meiner Ankunft alles, 
was die Eingeborenen an diesen Gegenständen besassen, für die 
Smithsonian Institution aufgekauft hatte. 

Es galt nunmehr, die Pläne für die nächste Zukunft festzu- 
setzen. Fort Alexander befindet sich fast an der innersten Ecke 

23* 



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jenes spitzen Winkels, mit dem die Beriugsee in Süd -Alaska 
eindringt, während die grosse Halbinsel Alaska wie eine riesige 
langgestreckte Mauer vom Festlande nach Südwesten sich er- 
streckt und nicht nur das Beringmeer im Süden abschliesst, 
sondern auch mit ihrer Inselkette bis nahe an die alte Welt 
heranreicht. Wenn ich meine Reise ostwärts fortsetzen sollte — 
und dies war natürlich meine Absicht — so musste ich die Halb- 
insel Alaska überqueren. Da dieselbe indessen von hohen Gebirgs- 
ketten besetzt ist, so konnte dies nur an einem besonders günstigen 
Orte geschehen. Eine solche Stelle bot sich in sehr geeigneter 
Weise unmittelbar an der Basis der Halbinsel, da wo dieselbe 
zwischen Bristolbay und Kamischakbay aus dem Festlande von 
Alaska heraustritt. Dort wird nämlich diese Halbinsel durch den 
etwa 90 engl. Meilen langen Iliamuasee und durch eine Wasser- 
verbiudung, die derselbe mit Bristolbay besitzt, fast gänzlich vom 
Festlande abgeschnitten, so dass man, diesen Wasserweg benutzend, 
sich der Kamischakbay bis auf wenige Stunden Entfernung nähern 
kann und sich dann iu der Nähe von Cooks Inlet befindet Es blieb 
mir nichts anderes übrig, als fliesen für mich vortheilhaften Weg 
zu wählen. Aber zu diesem Zwecke musste ich meinen Aufenthalt 
in Fort Alexander auf zwei Wochen verlängern, da das Eis des 
Iliamnasees noch nicht aufgegangen war. An diesem Orte lernte 
ich einen jungen Mann, Herrn Kasernikoff, kennen, dessen 
Vater einige Jahre vorher in der Handelsstation Nulato am Yukon 
ermordet worden war. 

Einige Tage nach meiner Ankunft langte auf der Station ein 
Fischer-Schooner an, welcher am 7. April 1883 San Francisco 
verlassen hatte, also nur 32 Tage zur Fahrt hierher gebraucht 
hatte. Da die letzten Nachrichten von der Aussenwelt in Fort 
Alexander bis zum 7. August 1882 zurückreichten, so kann man 
sich denken, welche Freude uns die mitgebrachten Zeitungen be- 
reiteten. Am Bord des Schooners befanden sich alle Vorkehrungen, 
um eine Ladung Lachse zu fangen und einzusalzen. Das Schiff 
war jedoch einige Tage zu früh gekommen, denn der Nuschagak- 
fluss brach eben erst auf und die er?ten Königslachse wurden 
nicht vor den» 17. Mai im Flusse getroffen. 



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357 — 



Zwei Tage nach diesem Datum erfolgte auch meine Abreise 
und zwar in einem Fellboot, welches ich von dem russischen 
Diakon in Fort Alexander gemiethet hatte. Meine Mannschaft 
bestand aus drei Eskimos, sowie aus einem Mischblut mit Frau 
und Kind, der die Gelegenheit benutzte, um die Reise über die 
Halbinsel mitzumachen. Wir gebrauchten mehrere Tage, um in 
die Nordostecke von Bristolbay hineinzugelangen, denn das sehr 
seichte Meer setzte uns zur Ebbezeit stets auf's Trockene. In 
dieser Gegend bemerkte ich am Ufer wilde Renuthiere, deren es, 
nach Versicherung der Eingeborenen, eine ungeheure Menge hier 
geben soll. Die Thiere finden daselbst eine vortreffliche Weide, 
denn die ganze Landschaft ist dicht mit dem schönsten Reunthier- 
moos bedeckt Diese Gegend würde für die Reunthierlappen meiner 
Heimath ein wahres Paradies sein. 

Am 24. April erreichten wir die Mündung des Iii am na- oder 
Quitzakflusses, in welche wir hineinfuhren, indem ich gleichzeitig 
vom Beringsmeer Abschied nahm. Wir trafen hierselbst viele 
Eiugeborene des Dorfes Mannek, welche sich mit dem Fang des 
Weiss wales beschäftigten. Abends meldeten sich die ersten Mosquitos 
als Boten des herannahenden arktischen Sommers, auch bemerkte 
ich zum ersten Mal Mieder einige kleine Weiden, welche begannen 
auszuschlagen, sowie grünes Gras. 

Wir zogen unser Boot stromaufwärts und sammelten überall, 
wo es anging, Eier von Seevögeln, da unser Proviant fast ganz 
aufgebraucht war. Das warme Wetter hatte das Eis des naheu 
Iliamnasees aufgebrochen und führte es uns in grossen Massen 
entgegen. Glücklicher Weise war dieses Eis so morsch, dass es 
wie eine Art Brei auf dem Wasser schwamm und unser Fellboot 
nicht beschädigte. Meine Leute zogen tapfer an der Leine, wobei 
sie mitunter, wenn der Uferrand unpassirbar wurde, bis zur Brust- 
höhe im eisigen Wasser gingen. 

Am 29. Mai erreichten wir den Iliamnasee, der den Anblick 
einer fast meerartigen Fläche darbot uud augenblicklich in Folge 
eines Sturmes von hohen und mächtigen Wellen aufgewühlt wurde. 
Man hatte mich schon in Fort Alexander vor den Wellen dieses 
fast nie befahrenen Sees gewarnt und mir die Mittheilung gemacht. 



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358 

dass von den steilen Uferbergen oft Sturmwinde mit solcher Hef- 
tigkeit hinabstürzen, dass wenige Minuten nach ihrem plötzlichen 
Entstehen die Wellen sich hoch aufthürraen. In dein See, 
welcher an seiner westlichen Hälfte etwa 40 bis 45 engl. Meilen 
breit ist, sollen sich viele Fische, sowie gefleckte Seehunde, letztere 
oft von sechs bis sieben Fuss Lauge, befinden. 

Der Sturm nöthigte uns, beizulegeu, obgleich wir fast gänz- 
lich ohne Lebensmittel waren. Während der fünf Tage, die wir 
hier zubringen mussteu, gelang es uns, nur eine geringe Ausbeute 
auf der Jagd zu machen, so dass bei uns wieder einmal Schmal- 
hans Küchenmeister wurde. Endlich legte sich der Sturm und 
wir konnten bei schwachem Nordostwind am 2. Juni Morgens vier 
Uhr unsere Fahrt über den See beginnen. Nach siebenstündiger, 
angestrengter Arbeit gelangten wir zu einer Insel, auf der wir 
120 Möveueier sammelten, die sämmtlich noch nicht angebrütet 
waren. Ich bemerke, dass die Eskimos beim Sammeln von Eiern 
sich nicht im Mindesten darum kümmern, ob dieselbeu angebrütet 
sind oder nicht, sie essen im Gegentheil von gekochten Eiern zuerst 
und mit Vorliebe das etwa darin befindliche, mehr oder weniger 
entwickelte junge Vögelchen. Wir verliessen die Insel so bald 
als möglich, kaum aber waren wir eine englische Meile davon 
entfernt, so erhob sich einer jener plötzlichen Stürme aus Nordost, 
und obgleich wir sofort dem nahe gelegenen Südufer des Sees uns 
zuwandten, war unser Boot im Augenblicke der Landung bereits 
halb mit Wasser angefüllt. 

Wir paddelten nunmehr am Ufer entlang und fuhren eine 
kurze Strecke in die Mündung eines Flüsschens hinein, woselbst 
wir unsere ausgehungerten Leiber durch eine tüchtige Mahlzeit 
von gekochten Eiern erquickten. Darauf setzten wir den Weg am 
Seeufer weiter fort und trafen ein kleines Eskimodorf, in welchem 
ich reichlichen Proviant, zwei Keulen vom Elch, Forellen und Eier 
kaufte und somit Lebensmittel für mindestens acht Tage besass. 
Der Sturm nöthigte uns nachher, einige Meilen weiterhin am Ufer 
die Nacht zuzubringen. 

Schon um zwei Uhr früh Morgens machten wir uns bei 
Windstille und nebliger Luft auf den Weg und umfuhren im 



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t 



359 



Laufe des Vormittags ein stolzes Felseucap, welches am süd- 
lichen Ufer kühn weit hinaus in die See tritt. Ich nannte das- 
selbe „Cap Schleinitz". 

Bei Cap Schleinitz erweitert sich der Iliamnasee, indem er 
nach Süden eine grosse Bay bildet, welche mit hunderten von 
kleineren und grösseren Inseln bedeckt ist. Die grösste derselben, 
an der wir landeten, um Möveneier zu sammeln, benannte ich 
„Le Coq's-Iusel". 

Nicht weit davon, am Südufer des Sees, liegt das Eskimo- 
dorf Kaskanak, an welchem wir jedoch vorüberfuhren, da ich die 
grösste Eile hatte. Wir paddelten immer weiter, bis wir spät am 
Abend vollständig ermüdet waren und am Ufer übernachten 
mussten, nachdem wir an diesem Tage etwa 50 englische Meilen 
zurückgelegt hatten. "Wie man sagt, soll es in dieser Gegend von 
Elchen, wilden Rennthieren und braunen Bären wimmeln. 

Am andern Morgen wehte eine starke Brise aus Westen mit 
Regen vermischt Wir setzten unser Segel und fuhren bis an das 
sich immer mehr verjüngende nordöstliche Ende des Sees, dessen 
beide Ufer mit hohen, steilen Felsen besetzt sind. Wir segelten 
an einer grossen Insel vorüber, welche noch keinen Namen besitzt, 
und erreichten in der Mittagsstunde das äusserste Ende des Sees 
und die Mündung des dort von Südosten her einströmenden 
Nusaktolikflusses, welchen die Russen Adematzensky nennen. 
Eine kurze Fahrt von fünf engl. Meilen stromaufwärts brachte 
uns gegen zwei Uhr Nachmittags nach dem Orte Iliamna, einem 
Handelsposten der Alaska-Commercial-Company. Ich erfuhr hier 
zu meinem grossen Bedauern, dass der alljährlich im Anfang Juni 
in der Nähe dieser Station landende Handelsschooner von der 
Kodiakinsel, welcher auf dem nahe gelegenen Ostufer die Diamua- 
bay besucht, von dort bereits seit drei Tagen wieder zurück- 
gekehrt sei. 

Die Station Iliamna besteht aus sechs Hütten und bezeichnet 
die Grenze zwischen der Eskimo- und der Ingalik-Bevölkerung. 
Südlich von hier und dem Iliamnasee längs der ganzen von mir 
passirten Küste bis Cap Newenham, wohnen die Nuschagagemuten, 
— nördlich davon die Ingalik. 



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360 — 



Von der Küste des uordpacifischen Oceans trennte mich nun 
nur noch ein kurzer Marsch von einigen englischen Meilen, welcher 
über allmählich aufsteigendes Terrain nach einem steilen Gebirgs- 
pass fuhrt, jenseits dessen man in das Thal der Iliaronabay hinab- 
steigt. Dort unten wurde ich von dem in der Sommerstation woh- 
nenden Händler und einigen Goldgräbern, welche am 9. Mai aus 
San Francisco abgefahren waren, aufs Freundlichste empfangen. 

Meine Sachen, welche von sechs Mann über das Gebirge 
getragen waren, wurden nunmehr wieder auf einige kleine Boot£ 
geladen und nach kurzer Nachtruhe setzte ich am anderen Tage 
längs der Südküste die Reise nach Osten fort. Der stille Ocean 
tritt hier weit ins Land hinein und bildet zwischen dem Festland 
von Alaska und der grossen Halbinsel Kenai das von Südwest 
nach Nordost sich erstreckende Cooks-Inlet. Dieses zu besuchen, 
war mein nächster Plan. Das Ufer ist hier hoch und steil und 
auf Strecken von mehreren Meilen Länge findet sich keine Ge- 
legenheit zum Landen. Man darf deshalb mit kleinen Booten nur 
bei solchem Wetter in See gehen, dass mau unterwegs nicht vom 
Sturm überrascht wird. 

Die Uferlandschaft ist von entzückender Schönheit. Das Ge- 
birge ist mit hohen spitzen Gipfeln gekrönt und tritt hart an 
das Meer heran. Wir konnten von hier in weiter Ferne den 
Rauch, welcher aus dem hohen Vulkan Iliamna hervordrang, be- 
merken. Der Schnee, welcher die höchsten Theile des Gebirges 
überall bedeckte, ging unterhalb in einzelne Gletscher über, während 
•die Uferlandschaft selbst in frisches Grün gehüllt war. Ein herr- 
licher Geruch erfüllte die Luft von den in der Nähe des Gestades 
befindlichen Birken. Der felsige Strand war durch die gemeinsame 
Wirkung der Niederschläge und Wasserläufe, sowie der Wellen 
des Meeres zerrissen und zerklüftet und gewährte mit seinen Grotten, 
Säulen, Bogen und Schluchten einen malerischen Anblick. 

Als wir die Saunitna-Bay passirten, sahen wir an drei Stellen 
unterhalb des Gipfel des Iliamna Rauch emporsteigen, zugleich 
war unterhalb des einen Kraters der Schnee von schmutziggrauer 
Farbe, als wenn unreines Wasser über ihn ausgegossen worden 
wäre. Um Thee zu kochen, fuhren wir gewöhnlich in die Mündung 



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361 



eines der vielen Flüsschen ein, welche sich hier ins Meer ergossen. 
Hierbei beobachteten wir fast überall die Spuren von braunen 
Bären; auch hatten wir wiederholt während der Fahrt, wenn wir 
in der Nähe des Strandes uns fortbewegten, den Anblick dieser 
Thiere. Die braunen Bären schienen durchaus nicht allzu sehr 
Furcht vor uns zu haben, denn an einer Stelle sahen wir zwei 
grosse Exemplare, welche sich auf einer Schueefläche am Felsab- 
haug umherkugelten und mit einander spielten wie junge Katzen; 
an einer andern Stelle blieb Meister Braun eine Zeitlang ruhig 
stehen und schaute sich unsere Expedition an, bis er endlich durch 
das Gebüsch die Flucht ergriff. 

Diese Gegend ist für Jäger und Touristen ein wahres Eldorado. 
Die landschaftlichen Reize, vulkanische Ausbrüche, Gletscher, 
romantische Felsbildungen, Wasserfalle, Grotten und Höhlen ver- 
einigen sich mit eiuem Reichthum an Thieren, wie ich ihn selten 
gesehen habe. Die Flüsse wimmeln von Lachsen und anderen 
Fischen, das Meer bietet die Reize der Seehundsjagd; Bären, 
Elenthiere und Renntlüere trifft man in Mengen au, die Felsen 
sind an vielen Stellen bedeckt mit Millionen von Mövennestern, 
auf denen jetzt — als wir vorbei kamen — brütende Weibchen 
süssen, während die Männchen im sausenden Flug die Luft durch- 
schnitten und dabei solchen Lärm machten, dass wir Menschen 
uus untereinander kaum verständigen konnten. 

Namentlich die etwa 2000 Fuss hohe Insel Assik, zwischen 
der und dem Festlande wir fuhren, ist ein solcher Vogelfelsen, 
dessen höhere Theile fortwährend von einer Wolke von schwär- 
menden Vögeln umgeben ist, während die dem Strande näher 
gelegene Partie mit rothen und blauen Blumen bedeckt war, die 
mit dem saftigen Frühjahrsgrün vereint den Fuss des Felsgestades 
in einen Teppich verwandelten. W T ir wurden hier von stürmischer 
Witterung gezwungen, gegenüber dieser Insel auf dem Festlande 
uns einen Tag lang aufzuhalten. 

Eine Strecke weiter nach Nordosten passirten wir ein Ingalik- 
Dorf. Die indianische Bevölkerung, welche hier den Namen Ke- 
naiski führt, unterscheidet sich in Körperbildung und Sprache durch- 
aus nicht von den Iugalik, welche ich im Innern des Landes, 



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— 362 



am oberen und mittleren Laufe des Yukou angetroffen hatte. Ich 
kaufte hier den ersten Königs lach«, den ich im Frühjahr 1SS3 
erhielt; es war die* ein Zeichen, dass die Saison der Lachsfischerei 
nunmehr begonnen hatte. 

Eigentümlich sind die Wohnhäuser construirt, welche ich 
in dieser Gegend angetroffen habe. Sie repräsentiren einen Ueber- 
gang zwischen den regelrecht aus Holz erbauten Wohnstätten der 
südlicher lebenden Indianer und den mit Erde bedeckten Hütten 
der Eskimo?«. Ein solches Wohnhaus besteht aus einem grossen 
viereckigen Holzgebäude, dessen Wände aus senkrechten Planken 
gebildet sind. Dieses Gebäude bildet den Mittelpunkt der Anlage 
und enthält die gemeinsame Feuerstelle, den Arbeitsraum der Be- 
wohner bei Regenwetter und die Einrichtungen für die Lachs- 
räueherel Seitlich von diesem Centraigebäude sind rechtwinklig 
von den Seiten abstehend , etwa 2 — 6 kleine Hütten von ca. 
1 1 /, Meter Höhe errichtet ; diese Nebenräume dienen als Schlaf- und 
Wohnstätten für je eine Familie; und sind oft von aussen mit 
Erde überdeckt. Die Civilisation ist in diesen Gegenden in Folge 
der Verbindungen mit San Francisco bereits so weit gediehen, dass 
die kleinen Wohnhäuser fast regelmässig mit Glasfestern versehen 
sind. Bei Fortsetzung meiner Reise nach Nordosten passirte ich die 
langgestreckte niedrige Insel Kalgia und landete in dem Dorfe 
Kastarnak, wo die Fischerei in vollen Gange war. Je tiefer wir in 
Cooks Inlet eindrangen, um so melir Thiere des Meeres trafen wir 
au; eine grosse Bai, die wir nördlich von Kalgia kreuzten, wim- 
melte von Seehunden und Weisswalen, während die Fischerbe- 
völkerung aufs Eifrigste den Fang betrieb. In einem Orte traf ich 
bereits grosse Vorräthe von frisch geräucherten Königslachsen an. 

Den Endpunkt meiner Fahrt bildete in Cooks Inlet die der 
Alaska-Commercial-Company gehörende Handelsstation Tagunak, 
deren Verwalter, ein Halbrusse, Herr Dimid off mich sehr freund- 
lich aufnahm. Das Erwerlien ethnologischer Gegenstände war auf 
der ganzen Südküste von Alaska nicht besonders erfolgreich ge- 
wesen, da die Nuschegagemuteu nur wenig originelle Geräthe be- 
sitzen. In Cooks Inlet, speciell in Tagunak, hatte ich einen etwas 
bessereu Erfolg, denn ich konnte hier ausser verschiedenen inter- 



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— 363 



essanten Gegenständen, auch Kleidungsstücke aus Reunthier- und 
Elch-Leder, sowie hölzerne Bogen und Pfeile erwerben. Aber der 
Preis, welcher dafür gefordert wurde, war sehr bedeutend. Hierzu 
kam noch, dass Tauschwaaren und Handelsartikel, welche bis 
dahin das einzige Aequivalent für meine Erwerbungen gebildet 
hatten, in Cooks Inlet keinen Cours mehr besassen, und an ihrer 
Stelle Geld — und zwar recht viel Geld — mir abverlangt wurde. 
Die Einwohnerschaft verdiente jetzt viel mit Jagd und Fischfang, 
besonders mit dem Fang der Seeotter und war deshalb gerade 
um diese Jahreszeit schwer zugänglich für ethnologische Wünsche. 

Am Abend des 12. Juni fand in Tagunak ein kleines Fest 
statt, an welchem ich mich betheiligte. Die Tänze hierselbst unter- 
scheiden sich durchaus von den Tänzen der Eskimos; sie sind 
wilder und leidenschaftlicher, ebenso wie auch die Gesänge. Die 
Eskimogesänge haben meist eine einfache Melodie und enden stets 
auf die Silben: „Anga — jangah — jah!" Die Gesänge der 
indianischen Bevölkerung in Cooks Inlet dagegen hatten den 
Refrain: „Haah haah, heeh heeh, heili heih!" Während die Eskimos 
bei ihren Tänzen die Füsse nur wenig bewegen, bücken und drehen 
die hier wohnenden Iugalik ihre Körper beim Tanzen mit grosser 
Anstrengung und Lebhaftigkeit hin und her und springen vor- 
und rückwärts. Die Tänzer hatten hier ihr Gesicht schwarz ge- 
färbt, statt des Federschmuckes der Eskimos trugen sie Taschen- 
tücher in ihren Haaren. Die Bewegungen der Tanzenden wurden 
schliesslich so wild und aufgeregt, dass ein Zuschauer auf den 
Gedanken kommen konnte, dass die Leute geradezu im Begriff 
standen, einander zu skalpireu. Jeder Tänzer hielt in jeder Hand 
eine Feder. Nach dem Tanze, bei dem fünf Männer gleichzeitig 
auftreten, wurden Geschenke ausgetheilt und empfangen, kurz, 
es erinnerte mich Vieles an die Tänze der südlicher wohnenden 
Indianer von British Columbien. 

Da Herr Dimidoff am nächsten Tage die Station Tagunak 
für die Dauer des Sommers verliess, um sich nach dem am 
jenseitigen Ufer gelegeueu Fort Kenai, auf der Halbinsel Kenai 
zu begeben, so machte ich dieselbe Reise in seiner Begleitung, 
trotzdem meine Leute sich zuerst weigerten, über das stürmisch 



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364 



bewegte Cooks Inlet zu fahren. Wir sassen in geschlossenen Fell- 
booten, so dass die über unsere Köpfe sich ermessenden Wellen 
uns keinen Schaden thun konnten, denn die Einsteigeöffnungen 
der Fahrzeuge waren durch unsere Oberkleider fest geschlossen. 
Nach hartem Kampf mit Wind und Wellen erreichten wir um 
2 Uhr Nachmittags das Ufer der Halbinsel und machten während 
der Fluth in einem nahegelegenen Orte Halt. Abends 9 Uhr 
brachen wir aufs Neue auf und erreichten imi 3 Uhr Morgens 
bei heftig stürmender See Fort Kenai. 

Der Vorsteher des Handelsposteus der Alaska -Commercial- 
Company in Fort Kenai, Herr Wilson, ein Schotte von Geburt, 
nahm mich freundlich auf. Ich machte an diesem Orte auch die 
Bekanntschaft des Capitain Harcndin, welcher die Bark „Korea" 
führte, und mit seinem Schiff auf der Rhede lag, um die Lachse 
einzuladen, welche eine dicht beim Fort Kenai gelegene Canuerie 
der Califoruia-Packing-Company für den Transport zubereitet hatte. 
Capitain Harendin lud mich ein, mit ihm diese Fisch-Conserven- 
Fabrik zu besuchen, eine Einladung, welche einige Tage später 
von Herrn Fred Ken da 11, dem Oberleiter der Canuerie wieder- 
holt wurde. Ich folgte derselben gern und hörte, dass trotz der 
kurzen Zeit, die seit Eröffnung der Fischerei erst verflossen war, 
bis jetzt bereits 3000 Kisten mit Lachscouserven zubereitet und 
eingepackt waren; Herr Kendali hoffte, dass er es insgesammt 
bis auf 15 — 20,000 Kisten in dieser Saison bringen würde. 

Die grösste Enttäuschung auf meiner ganzen Reise erlebte ich 
in Fort Kenai. Länger als ein Jahr war ich bereit« aus San 
Francisco entfernt und befand mich während des ganzen Winters 
in Alaska, ohne die geringste Nachricht aus der Heimath. In 
einigen Briefen hatte ich Ordre gegeben, dass alle an mich gelangen- 
den Schreiben, Telegramme etc. nach Fort Kenai gesandt werden 
sollten. Um diesen Ort zu erreichen, hatte ich meine Reise aufs 
Aeusserstc beschleunigt, soweit dies die Erfüllung meiner über- 
nommenen Pflichten zuliess; ich fand jedoch in Fort Kenai nicht 
die mindeste Nachricht für mich. Wie es schien, hatte man die 
für mich bestimmten Briefe nach Unalaska gesandt. 

In Fort Kenai musste ich einen Entschluss fassen, auf welche 



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365 — 



Weise ich raeine Reise fortsetzen sollte. Da die Halbinsel Kenai 
an ihrer Basis, wo sie aus der Südküste von Alaska heraustritt, 
nur einige Meilen breit ist und dort leicht passirt werden kann, 
so lag der Gedanke nahe, dass ich noch einmal Cooks Inlet bis zur 
nordostlichsten Spitze hinauffahren und von dort über Land nach 
Prinz Williams Sund gehen sollte. Aber Herr Wilson, welcher 
einer der besten Kenner der dortigen Verhaltnisse ist, rieth mir 
entschieden von dieser Route ab, da ich, wie er versicherte, auf 
der Ostseite der Halbinsel keine Mannschaft erhalten könnte. Er 
wies auf das Beispiel des bekannten amerikanischen Reisenden 
Herrn Pe troff hin, welcher auch an jener Landenge umzukehren 
gezwungen war. Herr Wilson rieth mir dagegen, nach dem im 
südlichsten Theile der Halbinsel Kenai gelegenen Fort Alexander 
zu gehen, von wo ich vielleicht eine Reisegelegenheit nach der 
grossen Insel Kadiak, welche der Halbinsel Alaska vorgelagert 
und von ihr durch die Shelikoff-Strasse getrennt ist, erhalten konnte. 
In Kadiak, versicherte er mir, würde ich leicht ein kleines Fahr- 
zeug und eine Mannschaft erhalten, um damit nach dem südlich- 
sten Theile von Alaska, nach Sitka reisen zu können. So wenig 
mir dieser Plan gefiel, da er mich zu einem grossen Umweg nöthigte, 
so sah ich mich doch veranlasst, ihn schliesslich zu dem meinigen 
zu machen. 

Eine wesentliche Erleichterung meines Gepäckes wurde dadurch 
herbeigeführt, dass ich die für meine Zwecke nicht mehr nöthigen 
Handelswaaren an Herrn Wilson gab, da ich diejenigen ethnolo- 
gischen Erwerbungen, welche ich während des letzten Theiles meiner 
Reise noch zu machen im Begriff stand, mit baarem Gelde be- 
zahlen musste. 

Nachdem ich herzlichen Abschied genommen, fuhr ich am 
18. Juni aus Fort Kenai ab und folgte der Küste nach Südwesten. 
In wenigen Stunden befand ich mich in der am Kassiloff-Flusse 
belegenen Fischconserveu-Fabrik, in der ich wieder einen sehr an- 
genehmen Abend verbrachte, nachdem ich schon beim ersten Be- 
suche gelegentlich der Feier eines Geburtstagsfestes die für mich 
ganz fremd gewordenen Genüsse Champagner und Kuchen wieder 
kennen gelernt hatte. Capitain Har endin und Herr Kendall 



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366 - 



schrieben in Eile einige Briefe, welche sie mir nach der Insel 
Kadiak mitgaben. 

Vom KassilofF- Flusse bis zu dem Dorfe Ninilschik, welches 
wir am anderen Tage nach siebenstündiger Fahrt erreichten, ist 
der Meeresgrund mit zahllosen erratischen Blöcken bedeokt, deren 
nicht wenige die Grösse eines europäischen Zimmers haben. Das 
Meer ist an dieser Stelle so seicht, dass ich einen dieser Steine 
noch in der Entfernung von etwa drei englischen Meilen vom Ufer 
über die Oberfläche des Wassers — allerdings zur Zeit der Ebbe — 
hervorragen sah. Ninilschik, eine Niederlassung der Russen in 
Alaska, bietet schon die Genüsse einer sesshaften, Landwirtschaft 
treibenden Bevölkerung. Ich erhielt hier von dem vornehmsten 
Bewohner, Herrn Alexius, Kuhmilch und frische Butter zum 
Imbiss vorgesetzt. 

Längs der Xordwestküste der Halbinsel Kenai ist die steile 
Uferwand von einigem Kohlenlagern durchzogen, die mit Sand 
und Kiesschichteu abwechseln. Das mächtigste Kohlenlager, wel- 
ches ich erblickte, war an dieser Stelle 3 — 6 Fuss stark. Das 
Meergestade ist auf eine weite Strecke mit grossen Kohlenstückeu 
bedeckt. Einzelne Stücke, welche dort lagen, waren nur halb ver- 
kohlt. Ich fand hier viele versteinerte Laubpflanzen, von denen 
ich einige Fundstücke mitnahm. Sie werden sich voraussichtlich 
bei näherer Untersuchung als instructives Material für die Beur- 
theilung der arktischen Flora in der letztvergangenen grossen geolo- 
gischen Epoche herausstellen und die durch die zahlreichen Funde 
der Nordenskiöld- Expeditionen gewonnene Kenntniss für diesen 
Theil des circumpolaren Gebietes erweitern. Das Vorkommen früherer 
vulkanischer Eruptionen in dieser Gegend wurde durch mehrere 
Lager von Asche und vulkanischen Gesteinen am Ufer bewiesen. 

Wir setzten nocli an demselben Tage unsere Reise fort und 
gelangten zum Abend nach Anchor Point, einem Vorgebirge, wel- 
ches die südlichste Spitze von Cooks Inlet bildet. Jenseits dieser 
Stelle biegt die Küste der Kenai-Halbinsel rechtwinklig nach links 
um, und erstreckt sich von Westen nach Osten. An diesem Theile 
der Halbinsel zieht sich die spitz nach Nordosten zulaufende Kachek- 
mak-Bay tief ins Land hinein. 



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367 — 



Wir übernachteteu an Anchor Point oder Leida, woselbst 
eine grössere Anzahl von Seeotter- Jägern mit ihren Fellbooten gleich- 
falls die wenigen Stunden bis zum andern Morgen zubrachten. 
Früh um 3 Uhr verlieesen die Jäger den Ort und ich weckte meine 
Leute gleichfalls, damit sie Thee kochen und Alles zur Abreise 
vorbereiten sollten. Während ich noch ein wenig ruhte, legte eich, 
auch meine Mannschaft wieder hin und als wir erwachten, hatten 
wir die günstige Zeit der Abfahrt versäumt und mussten bis Mittag 
liegen bleiben. Die herrschende stürmische Witterung nöthigte uns, 
eine ziemlich weite Strecke in Kachekmak-Bay hineinzufahren, bevor 
wir diesen Meeresarm überfuhren, dann folgten wir wieder dem 
gegenüberliegenden Ufer nach Südwesten und erreichten als nächstes 
Nachtquartier den Ort Akedaknak in Saldovia-Bay, woselbst sich 
die Wohnhäuser der Seeotterjäger, die wir am Abend vorher ge- 
troffen hatten, befanden. Dieses Dorf besass bis wenige Wochen 
vor meiner Ankunft einen Handelsposten der Western-Fur-Trading- 
Company, der aber im Monat Mai 1883 aufgegeben wurde. Der 
Preis für ein gutes Seeotterfell ging dadurch im Orte selbst von 
112 Dollar auf 35 Dollar hinunter. 

Am nächsten Morgen setzten wir unsere Fahrt bei Windstille 
und günstiger Meeresströmung fort. Wir fuhren schnell und laut- 
los dahin und bemerkten verschiedene Heilbutten, welche oben auf 
der Meeresoberfläche spielend umherschwammen oder auf kleine 
Fische Jagd machten. Sofort erwachte in uns die Jagdlust und 
im Augenblick war die Harpune ergriffen und einer jener colossalen 
Plattfische im Gewicht von etwa 40 Pfund damit durchbohrt. 
Diese Thiere besitzen bekanntlich ein zähes Leben, so dass es 
Mühe kostete, unsere an Bord gezogene Beute zu tödten. Ein 
zweiter, noch grösserer Heilbutt entging der Harpune dadurch, dass 
er in demselben Augenblicke, als die letztere gegen ihn geschleudert 
wurde, in pompöser Krümmung untertauchte und sich mit mäch- 
tigen Schwingungen seines breiten Schwanzes in die Tiefe begab. 
Der gefangene Fisch war übrigens durchaus keiner der grössten 
seiner Art; ich habe in meiner norwegischen Heimath Heilbutten 
bis zum Gewicht von 250 Pfund gesehen und gefangen. 

Bereits um 9 Uhr Vormittags landeten wir in Fort Alexander, 



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368 



einem Handelsposten der Alaska-Conimercial-Company, dessen Vor- 
steher Herr Cohn, gebürtig aus Berlin, ist. Dieser Herr, bei dem 
ich eine sehr freundliche Aufnahme fand, stellt schon sehr lange 
in den Diensten der Handelsgesellschaft und hat sich in seiner 
Stellung durch Beobachtung der Xatur eine Menge Kenntnisse 
erworben, welche mir wiilirend meines kurzeu Aufenthaltes bei ihm 
zur genaueren Orieutiruug sehr vortheilhaft waren. Dieses Fort 
Alexander auf der Halbinsel Kenai ist nicht zu verwechseln mit 
dem gleichnamigen Ort an der Mündung des Nuschagak-Rivers. 



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XXIV. 



Die Herreu Snnd und Frank. Die Ruinen de» Indianerdorfes Soonruodna. 
Mehrtägige Ausgrabungen daselbst. Der Raub der Sabinerinnen. Leichenver- 
brennung in alter Zeit. Tanzmasken als Leichenbeigaben. Kochkörbe der alten 
Indianer. Leichengrotten. Ruinen eines Häuptlingshauses. Alte Culturschichten. 
Bearbeitete Wal fisch rippen. Rückfahrt nach Fort Alexander. Stationsvorsteher 
Cohns Angaben über die Seeotter. Fahrt nach St. Paul auf der Insel Kadiak. 
Generalagent Macinture. Ich engagire Capitaiu Andersen und die Gebrüder 
Ca r Isen mit ihrem Schoner „Drei Brüder". Interessante Bekanntschaften in 
St. Paul. Der Reisende IvnnPetroff. Heirath eines Seeotterjägers. Russische 
Trauungsceremonie. Das Getränk „Kwas". Eine Katzenmusik in der Hochreits- 
naeht. „Gurka!" Aufbruch nach Prince William-Sund 13. Juli lb^3. Manuot 
Insel. Afognak Insel. Das erste Seebad. Cap Elisabeth. Pelirobben. Zahl- 
reiche Gletscher auf Halbinsel Kenai. Seal Rocks. Seelöwen und Albatrosse. 
MonUigue Insel. Knights Insel. Einfahrt in Prince William-Sund. 

In Fort Alexander an der Südspitze der Kenai-Halbinsel 
fand ich einen Schooner von der Insel Kadiak, der unter Führung 
des Capitaiu Sand und eines Herrn Frank stand. Diese Herren 
beschäftigten sich hier damit, Lachse zu fangen und wollten nach 
etwa 14 Tagen mit Ladung nach der Insel Kadiak zurückkehren. 
Die gesanimte Einwohnerschaft des Ortes war mit der Seeotterjagd 
beschäftigt, so dass es für mich sehr schwierig, wenn nicht un- 
möglich schien, eine Mannschaft zu engagiren. Aber auch, falls 
mir letzteres gelungen wäre, so hätte ich die Eingeborenen mit 
ihren nicht seetüchtigen Fellbooten kaum dazu vermocht, über die 
breite Meeresstrasse, welche Kadiak Insel von der Halbinsel Kenai 
trennt, zu fahren. Nur unter den günstigsten Verhältnissen wagen 
diese Leute sich über die Strasse; im anderen Falle bleiben sie 
lieber Wochen lang liegen und erwarten das geeignete Wetter. 

Herr Frank machte mir am Tage nach meiner Ankunft die 
Mittheilung, dass tief im Innern der von mir durchkreuzten Ka- 
chekmak-Bay sich die Ruinen eines alten verlassenen Indianer- 
dorfes Namens Soonroodna befänden, und dass es sich vielleicht 
lohnen würde , an diesem Orte , der von den Eskimos Hardak, 
auch Hardanak genannt wird, Ausgrabungen zu raachen. Da 

A. Woldt, Capitata Jacotwen's Reise. 24 



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— 370 - 

ich auf die Abfahrt des Schooners noch länger als eine Woche 
warten musste, so beschloß ich, diese Zeit zu einer solchen Aus- 
grabung zu benutzen, obgleich ich wieder eine Strecke von etwa 
30 englischen Meilen zurückfahren musste. Nachdem ich für theu- 
ren Preig einige Leute engagirt hatte, fuhr ich am 26. Juni 
mit ihnen von Fort Alexander ab und erreichte am Nachmittag 
desselben Tages wieder den Ort Akedaknak in Saldo via-Bay, wo- 
selbst ich einen alten Indianer, dessen Vorväter in dem verlasse- 
nen Dorfe gelebt hatten, als Führer miethete. Wir fuhren noch 
an demselben Tage weiter bis zu der kleinen Yukon-Insel, auf 
der wir zuerst Eier sammelten und Vögel schössen und alsdann 
in einem Hause, welches dem alten Indianer gehörte, übernachte- 
ten. Mein Wirth verkaufte mir einige alte Steinlampen und ein 
Paar Tanzrasseln. 

Am andem Morgen umfuhren wir zunächst die Yukon- 
Insel, auf deren Ufer wir zehn Seepapageien, Alke u. a. m., 
sowie einen grossen gefleckten Seehund schössen, welche Jagdbeute 
unserem geschwächten Proviantvorrath sehr zu statten kam. Nach 
einigen Stunden schneller Fahrt gelangten wir endlich nach jener 
merkwürdigen Ruinenstätte, welche, wie bereits erwähnt, Soouroodna 
heisst. Diese Lokalität befindet sich unterhalb des dritten Eis- 
gletschers am Südufer der Kachekmak-Bay. 

Soonroodna war ein Dorf von grosser Ausdehnung, schon vor 
dem Jahre 1794, als die Russen hierher kamen. Kurze Zeit, 
nachdem die Letzteren Fort Kenai erbaut hatten, fuhren sie eines 
Tages mit vielen Booten nach Soonroodna und entführten hier — 
eine zweite Auflage des Raubes der Sabinerinnen — alle jungen 
Mädchen und Weiber, welche sie mit nach dem Fort nahmen 
und sich auf diese Weise Ehefrauen verschafften. In wilder Trauer 
verliessen die Indianer, welche sich gegenüber den Russen macht- 
los Rahen, ihren Heiraathsort und zerstreuten sich unter die von 
der Insel Kadiak hierher übergesiedelte Eskimobevölkerung. 

Die alten Bewohner von Soonroodna verbrannten vor Ankunft 
der Russen ihre Todtcn und setzten die Uebcrreste bei. Diese 
letzteren waren das Einzige , was im Dorfe zurückblieb , als die 
Einwohner dasselbe verliessen. Die als Leichen beigaben dienenden 




-- 371 - 

alten Tanzmasken wurden in einer Grotte verwahrt und blieben 
daselbst als Gegenstände frommer Scheu für die Naehkomnieu 
liegen. Jeder, der das verlassene Dorf besuchte, opferte diesen 
Masken, die für die Geister der Verstorbenen gehalten wurden, irgend 
einen Gegenstand, meistentheils Lebensmittel, auch wohl kleine 
Körbe von jener ausgezeichneten Flechtart, dass die Einwohner 
damals — und auch heute noch — darin mit Hilfe von heissge- 
machten Steinen Wasser zum Kochen bringen konnten. Mein alter 
indianischer Führer behauptete, eine Stelle zu kennen, woselbst 
die alten Indianer ihre Todten und deren Grabbeigaben deponirt 
hätten. Es war dies eine Grotte, welche wir aufsuchten. Aber 
im Laufe der Zeit hatte sich die Felsdecke herabgesenkt und alle 
Beigaben zerdrückt und verschüttet, wie wir deutlich sehen konnten. 
Jede Bemühung, diese ungeheuren Eelsblöcke hinwegzuräumen, 
war für uns vergebens; ich war nur im Stande, einige wenige 
Ueberreste unter einem Steine hervorzuziehen. 

Wir besuchten darauf eine andere kleine Grotte, welche, nach 
dem Aufhören der Leichenverbrennung als Begräbnissplatz gedient 
hatte. Dort fand ich einen Stock, wie dergleichen wohl bei Fest- 
tanzen gebraucht werden, ferner eine hölzerne Frauenbüste und ein 
viereckiges, in der Mitte durchlöchertes Stück Holz von unbe- 
kannter Verwendungsart. 

Nunmehr begannen wir unsere Ausgrabung an einer Stelle, 
auf der sich nach Aussage meines alten Führers einstmals das 
Wohnhaus eines mächtigen Häuptlings von Soonroodna befunden 
hatte. Neben diesem Hause hatte sich, wie ich vernahm, ehemals 
auch dan Waarenlager des Häuptlings befunden. Dieses besteht 
in jenem Gebiete aus einem kleinen, auf vier hohen Pfählen er- 
richteten Hause, welches für die Hunde unzugänglich ist und zum 
Aufbewahrungsort für die getrockneten Fische, für Fleisch, Felle etc. 
benutzt wird. 

Wir gruben mit fünf Personen bis zum späten Abend und 
legten die Stelle bis in einer Tiefe von etwa fünf Fuss frei. Das 
Ergebniss der Ausgrabung war folgendes: Der Untergrund bestand 
aus festem Sand Hierauf folgte eine Schicht, die aus einem Ge- 
misch von Muschelschaalen, Asche und Kohlen bestand, also offen- 

24' 



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bar das Ueberbleibsel der ersten Bewohnung des Ortes war. In 
dieser Schicht befanden sich als Beweis dieser Annahme kleine 
Stückchen von thönerneu Kochgefassen von jener Art, wie sie am 
Yukonflusse heute noch in Gebrauch sind. Auch Knochenreste 
landen sich daselbst und zwar vom Bär, Biber, Stachelschwein, 
Fuchs, von diversen Vögeln, dem Weisswal, Seehund, Seeotter etc. 
Diese Knochen waren offenbar sehr alt und zerbrachen leicht. 
Oberhalb dieser untersten Culturschicht lag eine 3 — G Zoll dicke 
Schicht aus reinem Sand und Kies, gleichsam, als ob eine grosse 
Ueberschwemmung für lange Zeit die Stätte bedeckt hätte. Hier- 
auf folgte eine zweite Culturschicht, welche ebenfalls hauptsächlich 
aus den Schaalen von Seethieren bestand, und zwar aus solchen, 
welche besser erhalten waren, als diejenigen der untersten Schicht. 
Ausserdem wurden in dieser zweiten Lage verschiedene Pfeilspitzen 
und Harpunen aus Knochen gefunden. Oberhalb dieser Schicht 
befand sich eine gewöhnliche dunkle Erdschicht, welche mit 
Knochen und Asche vermischt war und in der ich u. A. eine 
eiserne Lanzenspitze, ein Stück eines hölzernen Lanzenschaftes, ein 
kleines Stück Kupfer, das wahrscheinlich als Messer gedient hatte, 
ein kleines eisernes Messer, eine blaue Glasperle, zwei knöcherne 
Harpunenspitzen, eine dreikantige Harpunenspitze, sowie endlich 
viele Knochen von verschiedenen Thieren auffand. Wie mir mein 
Führer erzählte, stand ehemals der Werth eines der kleinen eiser- 
nen Messer dem Werthe von zwei Sklaven gleich; derselbe Werth 
wurde auch durch hundert Marderfelle ausgedrückt. 

Um die Ausgrabung nicht zu kostspielig zu machen, sandte 
ich am nächsten Tage, nachdem ich mich vorher genau orientirt 
hatte, meinen alten Indianer wieder zurück und setzte die Unter- 
suchung mit meiner Mannschaft allein fort. An einer Stelle unter- 
halb des ersten Muschellagers fand ich zwei kurze Stücke einer 
Walfischrippe auf, welche mit einem scharfen Stein oder irgend 
einem anderen unvollkommenen Geräth geschnitten worden waren. 

Nach Aussage meiner Leute waren diese Knochen ehedem 
dazu bestimmt, um als Pfeilspitzen weiter bearbeitet zu werden; 
wenigstens besassen sie die nöthige Länge derselben. Ferner 
wurden wieder verschiedene Stücke von Thongefässen, Speerspitzen, 



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373 



eine steinerne Lauzenspitze, und etwa ein Fuss unterhalb der Erd- 
oberfläche eine eiserne Axt, sowie abermals zahlreiche Thierknochen 
aufgefunden. 

Wir untersuchten am zweiten Tage noch eine Höhle, welche 
früher als Aufenthaltsort von Jägern bekannt war. Ich Hess den 
Boden aufgraben und fand viele Spuren von Asche, Kohlen und 
Knochen, sowie eine russische eiserne Axt. Auch machten wir 
wieder einen Versuch, in jene Höhle einzudringen, welche ich oben 
als Bestattungsort der verbrannten Leichen bezeichnet habe; es ge- 
lang uns jedoch nicht. 

Ringsum auf den Hügeln entdeckte ich Spuren und Ueber- 
reste ehemaliger menschlicher Wohnungen , namentlich an deu 
grossen Haufen von Muschelschaalen erkennbar. Es Hess sich 
hieraus der Schluss ziehen, dass das alte Soonroodna von recht 
bedeutender Ausdehnung gewesen war. 

Am dritten Tage setzten wir unsere Ausgrabung mit vereinten 
Kräften fort. Nach allgemeiner Ansicht hatte sich der Haupttheil 
des Dorfes wohl unten in der Nähe des Strandes, nicht, wie das 
Häuptlingsgeb&ude etwa 10—12 Fuss über dem Wasserspiegel 
befunden. Hier begannen wir nunmehr unsere Untersuchung. 
Ich fand in der untersten Culturschicht: Stücke von alten 
Thongefassen, eine Harpune für Seeotter- und Seehuudsjagd, ein 
Stück einer gut geschäfteten aber zerbrochenen steinernen Speer- 
spitze, ein Stück Roheisen, ein gerades eisernes Messer von 5 Zoll 
Länge , ein hufeisenförmig gekrümmtes eisernes Messer, dessen 
Schneide sich an der Aussenseite befand, und das nach Aussage 
meiner Indianer früher als Fischmesser benutzt wurde, bearbeitete 
Knochen, die als Nadeln und Pfriemen gedient hatten, und viele 
Thierknochen. Wir beendeten an diesem Tage unsere Ausgrabung 
von Soonroodna. 

Am nächsten Morgen traten wir wieder den Rückweg an. 
Da der Wind nachgelassen hatte, so verstärkten wir unsern Pro- 
viantvorrath, indem wir uns der Jagd auf Murmelthiere und See- 
vögel ergaben. Als es darauf zu stürmen begann, gaben wir die 
Jagd auf und fuhren weiter nach Saldoviabay, wo wir in Gesell- 
schaft der beiden Amerikaner, Capitata Sand und Herrn Frank, 



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374 



die Nacht zubrachten. Der Erstgenannte versprach mir, dass er 
mich im Laufe der nächsten acht Tage nach der Insel Kadiak 
bringen würde, falls es mir gelänge, einige Leute zur Bedienung 
des Schooners anzuwerben. 

Nachdem ich am nächsten Nachmittag wieder in Fort Alex- 
ander augelangt war, ordnete ich zunächst meine Sammlung und 
engagirte alsdann zwei Eiugeborene als Mannschaft für den 
Schooner. Dem oben genannten Stationsvorsteher der Alaska- 
Coramercial-Company, Herrn Cohn in Fort Alexander, verdanke 
ich einige interessante Mittheilungen über die Lebensweise der 
Seeotter. Wie bekannt , nähren sich die Seeotteru meist von 
Fischen, Schaalthieren und Seetang. Die Seeotter, deren Vorder- 
pfoten mit Schwimmhäuten versehen sind, versteht es ausgezeichnet 
gut, unterzutauchen und holt oft aus einer Meerestiefe von 30 bis 
40 Faden Muscheln und andere Crustaceen herauf. Die Sehaalen 
öffnet sie auf eine eigeuthümliche Weise. Sie legt sich nämlich 
auf den Rücken, so dass sie oben auf der Meeresfläche treibt und 
zerkleinert die Schaaleu, indem sie sie auf die Brust legt und 
heftig mit der Vorderpfote darauf schlägt. Aus diesem Grunde 
haben die Seeotteru an der betreffenden Stelle der Brust gewöhn- 
lich keine Haare. Ist das Schaalthier zerkleinert, so schlägt 
die Seeotter im Wasser einen Purzelbaum, wodurch die schweren 
Stücke der Schaale zu Boden sinken, während das Fleisch zwi- 
schen Pfote und Brust eingeklemmt bleibt. Dann biegt sie, wieder 
auf dem Rücken liegend, sehr geschickt ihren Kopf und verzehrt 
die Beute. 

Eine Lieblingsspeise der Seeotter bildet der Fischlaich, der 
gewöhnlich bei Hochwasser auf die Klippen in der Nähe des 
Strandes gelegt wird. Eine Seeotter, welche sich dieser etwas 
zeitraubenden Gourmandise ergiebt, ist auf den Genuss des Fisch- 
rogens so erpicht, dass sie sich häufig nicht einmal durch das 
Herannahen eines Bootes stören lässt. Auch die Seeigel sind 
Leckerbissen für die Seeottern. Eine vom Jäger plötzlich über- 
raschte Seeotter ergreift nicht immer die Flucht. Der Anblick 
des Menschen ist ihr nicht fremd, ebenso wenig wie die feindliche 
Absicht, welche tler Jäger gegen sie hegt. Sie legt sich alsdann 



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375 



in abwartender Stellung auf den Rücken, und erwartet den Pfeil 
des Jägers. Eine alte und erfahrene .Seeotter soll es verstehen, 
mit ihren starken Vorderpfoten den gegen sie gerichteten Pfeil zu 
pariren und ihn im Momente, wo er sie treffen würde, seitwärts zu 
schlagen. Diese Mittheilung erinnert mich lebhaft an das Ge- 
bahrcn der alten männlichen Walrosse in dem Meere von Spitz- 
bergen. Auch hier passen diese fast ihr ganzes Leben lang ver- 
folgten Thiere geuau auf die Mannschaft des Bootes auf, welches 
sie jagt. Sie erkennen den Harpunierer und wenden drohend den 
Kopf rückwärts, wenn er die Harpune erhebt. Sobald das Ge- 
schoss seiner Hand entfliegt, heben sie ihre mächtigen Hauer in 
die Höhe und schlagen die Harpune bei Seite. Auf diese Weise 
gehen den Jägern viele Walrosse verloren. Ich kannte indessen 
einen sehr tüchtigen Harpunierer im Spitzbergischen Meere, der 
mit solcher Riesenkraft begabt war und die Harpune so schnell 
und energisch zu schleudern verstand, dass er unfehlbar jedes Mal 
seinen Zweck erreichte. 

Oft ereignet es sich, dass die Seeotter, wenn sie die Pfeile 
abwehrt, in die Vorderpfote getroffen wird. Sie zerbeisst dann den 
in der Wunde steckenden Pfeil und sucht sich durch Untertauchen 
zu retten, was ihr manchmal auch gelingt. Wird sie aber har- 
punirt, dann gelingt es dem Jäger fast jedes Mal sie zu fangen, 
da sie die Harpune nicht aus dem Fleische zu ziehen vermag. 
Bei den Aleutischen Inseln werden die Seeottern jetzt gewöhnlich 
geschossen oder in Netzen gefangen. Hierbei ist es rührend mit 
anzusehen, wie die Mütter nicht von der Seite ihrer Jungen wei- 
chen, während die Männchen oft genug die Flucht ergreifen. Nach 
Herrn Cohn 's Mittheilungen sollen sich die Seeottern zu jeder 
Jahreszeit paaren. Die Seeottern leben in grossen Schaaren zu- 
sammen, wobei unter den männlichen Thieren oft blutige Kämpfe 
um den Besitz der Weibchen entstehen. Eine erwachsene See- 
otter wird bis 5 Fuss lang. Es betheiligeu sich gegenwärtig in 
dem Meere bei Alaska auch viele weisse Leute am Seeotterfang. 

Nachdem der Schooner der Herren Sand und Frank bei 
Springfluth flott gemacht worden war, segelten wir am 7. Juli 
Nachmittags 4 Uhr von Fort Alexander ab, passirten Barreninsel, 



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376 — 



fuhren am nächsten Tage zwischen den Inseln Afbgnak und Mar- 
mot hindurch und erreichten am dritten Tage früh um 8 Uhr 
den Hafen St. Paul an der Nordostküste der Insel Kadiak. 

Den hier wohnenden Generalagenten Herrn Macinture traf 
ich in vollster Thätigkeit. Er war damit l>eschäftigt, verschiedene 
Schooner auszurüsten, welche Proviant und Fischgeräthe weg- 
brachten, nachdem sie eine Ladung gesalzener Lachse herange- 
fahren hatten. Meine Hoffnung, von der Insel Kadiak aus eine 
schnelle Fahrgelegenheit nach San Francisco zu finden, wurde ver- 
eitelt, denn der genannte Herr machte mir die Mittheiluug, dass 
vor dem Monat September kein Schiff dorthin fahren würde. 

Somit hiess es denn wieder einmal für mich, Geduld zu fassen 
und den Umständen Rechnung zu tragen. Ich beschloss deshalb 
den übrigen Theil der Südküste' von Alaska zu besuchen und 
namentlich die Gegend östlich von der Halbinsel Kenai, die Insel- 
welt des Priuce Williamsuuds und den Copperfluss behufs Erwer- 
bung ethnographischer Gegenstände zu bereisen. Die Hauptauf- 
gabe für mich war wiederum nur die, ein Fahrzeug aufzutreiben. 
Der einzigste Schooner, welchen die Alaska-C^ommercial-Company 
auf dieser Station bcsass, befand sich auf einer Fahrt nach dem 
Westen und somit musste ich abwarten, bis sich eine günstige 
Gelegenheit darlwt. Dies fand glücklicher Weise schon am nächsten 
Tage statt, indem ein stattlicher kleiner, sehr tüchtiger Schooner, 
welcher das Eigenthum des Capitain Andersen und der Brüder 
Ca r Isen aus Schweden war und den Namen „Drei Brüder" rührten, 
mit einer Ladung Lachse im Hafen anlaugte. Ich machte den 
Versuch, dieses Schiff zu chartern und fand Capitain Andersen 
nicht abgeneigt, eine Fahrt nach Prince Williamsund zu unter- 
nehmen, zumal sich noch einige andere Interessen damit vereinigen 
Hessen. 

In St. Paul machte ich einige interessante Bekanntschafleu. 
Zunächst lernte ich Herrn Fischer kennen, welcher hierselbst als 
Beamter der Coast Survay thätig ist und zugleich für Smithsonian 
Institution sammelt, ferner Herrn Wasburne, den Assistenten des 
Herrn Macinture, endlich Herrn Ivan Pctroff, welcher durch 
seine vielen Reisen in Alaska bekannt ist, und dem wir eine der 



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. I 



377 — 



be.steu grossen Karten von Alaska verdanken. Der letztgenannte 
Herr, welcher vor einigen Jahren als Special-Agent des Tenth Genaue 
thätig war, bekleidet jetzt die Stelle eines Kostuni Hair's Officiers 
auf der Insel. Seine Gemahlin war die einzige amerikanische ' 
Lady in Kadiak. Ausser diesen Personen fand ich in St. Paul 
eine nicht geringe Anzahl von Norwegern, die sich sämmtlich mit 
dem Seeotterfang beschäftigten. 

Am Tage nach meiner Ankunft verheirathete sich einer dieser 
norwegischen Seeotterjäger mit einer in St. Paul geborenen Russin. 
Ich wurde mit sämmtlichen Landsleuten dazu eingeladen und ver- 
folgte mit Interesse die Trauungsceremonie, die in der russischen 
Kirche vor sich ging. Ich gebe in Folgendem die Beschreibung 
der Hochzeitsfeierlichkeit nach meinem Tagebuche. In den rus- 
sischen Kirchen steht während der Dauer derartiger Ceremouien 
die Gemeinde, was mituutcr sehr ermüdend ist. Vor der Trau- 
ung fand eine Messe statt. Zugleich wurde ein rothes Taschen- 
tuch vor Braut und Bräutigam hingelegt. Nach der Messe wurden 
die Ringe auf die Fiuger gesteckt, und die Brautleute ein wenig 
mehr nach der Mitte der Kirche geführt, woselbst ein Tisch auf- 
gestellt war, auf welchen die Brautleute die Hände legten, wäh- 
rend das Tuch darüber gedeckt wurde. Zwei Personen aus dem 
Publikum nahmen darauf zwei messingene mit Glasperlen ge- 
schmückte Kronen und hielten sie mit ausgestreckten Häuden über 
die Köpfe des Paares. Während dieser Zeit fand wieder eine 
sehr lange Messe statt, in welcher die, die Krone haltenden Männer 
wiederholt durch andere aus dem Publikum abgelöst wurden. 
Alsdann wurde durch den Prediger eine mit Portwein gefüllte 
Schaale dem Bräutigam und der Braut gereicht uud jeder von 
beiden trank dreimal daraus. Es erfolgte hierauf noch eine kurze 
Messe, wonach die Cereraonie beendet war. 

Nach der Hochzeitsfeierlichkeit versammelten wir uns* zu 
einem festlichen Diner, bei welchem ich zum ersten Mal in meinem 
Lehen „Kwas", eine Art russisches Bier, kennen lernte. Ein Tanz- 
vergnügen, welches sich daran auschloss, dauerte bis 1 Uhr Mor- 
gens. Hierauf zog sich das Brautpaar zurück und begab sich 
zur Ruhe. Die Hochzeitsgäste aber blieben noch beisammen, und 



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ich merkte wohl aus ihren Mienen, dass noch etwas Geheiniuiss- 
volles geplant wurde. Nachdem sie den Neuvermählten eine kurze 
Ruhe gestattet hatten, bewaffnete sich jeder Gast mit einem mög- 
lichst viel Geräusch machenden Instrumente; der Eine nahm ein 
Nebelhorn, der Andere eine Blechbüchse, der Dritte eine leere 
Petroleumkanne u. s. w., und auf ein gegebenes Zeichen bliesen, 
klopften, hämmerten und paukten Alle darauf los und brachten 
dem jungen Ehepaar eine höchst feierliche und laute Katzenmusik. 
Es dauerte lange Zeit, bevor das Pärchen ein Lebenszeichen von 
Bich gab; der Rolle gemäss, die sie in herkömmlicher Weise bei 
diesem Acte zu spielen nöthig hatten, durften sie erst nach einiger 
Zeit aus ihrem tiefen Schlaf erwachen und sich dann mit halb 
verdriesslichem Gesicht der Menge zeigen. Unser Brautpaar war 
gut vorbereitet, und indem es sich stellte, als ob es gute Miene 
zum bösen Spiel machte, lud es die Anwesenden ein, ein Fass 
Bier auszutrinken, welches für diesen Zweck schon in Bereitschaft 
gehalten wurde. Beim Trinken des Bieres ging die Neckerei weiter, 
indem jeder Gast, bevor er trank, sein Glas dem Brautpaar hin- 
hielt und das Wort „Gurka" ausrief. Dieses bedeutet „Sauer" und 
bezog sich auf den Geschmack des Bieres. Regelmässig musste 
sich dann das junge Ehepaar küssen, worauf das Bier dem be- 
treffenden Gaste nicht mehr sauer, sondern süss schmeckte. 

Am andern Tage besorgte ich einige geschäftliche Angelegen- 
heiten, kaufte mehrere ethnographische Gegenstände ein und schrieb 
Briefe nach San Francisco und Europa, welche Hr. Vanilius, 
der Capitaiu eines zur Seeotterjagd benutzten Schooners, mit nach 
den westlichen Inseln nehmen wollte, um zu sehen, ob er sie von 
dort durch irgend eine Gelegenheit nach dem Süden senden köunte. 

Ich hatte mit den Besitzern des Schooners „Drei Brüder" einen 
Contract geschlossen, des Inhalts, dass sie mich nach Cross-Sund 
im südlichsten Theil von Alaska bei Sitka fahren sollten. Vorher 
jedoch, so war die Bedingung, sollten sie mit mir Prince William- 
Sund besuchen und sämmtliche Ortschaften der Eingeborenen an 
der Küste von Alaska bis hinab nach Cross-Sund besuchen. Das 
Unternehmen, zu dem ich mich rüstete, schien nicht ungefährlich 
zu sein, und wurde ich von allen Seiten vor dieser Reise gewarnt, 



379 — 



denn die Bevölkerung, zu der ich mich zu begeben beabsichtigte, 
besitzt eo ziemlich den schlechtesten Ruf an der ganzen Küste 
von Alaska. Diese nördlichen Tlinkitindianer gleichen in dieser 
Beziehung den räuberischen Rothhäuten in West-Vancouver und 
British Columbien auf ein Haar. Es erschien deshalb notwendig, 
dass wir uns vor dieser Reise gut bewaffneten, was wir auch thaten. 

Wir fuhren am 13. Juli ab. Au Bord befand sich Capitain 
Andersen, sowie einer der Gebrüder Carlsen, ferner mein Dol- 
metscher, ein Tlinkit-Indianer und unser Koch. Ich hatte einen 
grösseren Vorrath von Handelsgütern für den Tauschhandel mit 
an Bord genommen. Wir gelangten mit frischer Brise noch an 
demselben Tage nach der Marniot- Insel und am nächsten Vor- 
mittag nach der Sealbay, die eine Bucht an der Ostkiiste der 
Insel Afognak bildet. Hier befand sich damals der dritte Besitzer 
des Schooners, den wir benachrichtigen mussten, dass das Schiff 
während der nächsten fünf Wochen von Kadiak entfernt sein würde. 

In unmittelbarer Nähe der Sealbay soll ehemals eine Ort- 
schaft der Eingeborenen bestanden haben, und machte ich einen 
Versuch, hierselbst eine Ausgrabung von Ueberresten der Vorzeit 
zu veranstalten. Indessen in dem steinigen Boden zerbrachen 
unsere Schaufeln und Werkzeuge sehr bald, so dass wir von 
unserem Vorhaben Abstand nehmen mussten. Abends veranstal- 
teten wir eine Jagd auf braune Bären, welche jedoch erfolglos aus- 
fiel. Ungeachtet einer Contrebrise fuhren wir am andern Morgen 
weiter und waren fast den ganzen Tag damit beschäftigt, aus 
Sealbay heraus zu kreuzen. Der jüngere der beiden Brüder, Carlsen, 
schoss an diesem Tage vom Deck des Schiffes aus einen jungen 
Seehund, der uns ein vortreffliches Abendbrod lieferte. Da nun- 
mehr fast ein volles Jahr verflossen war, seitdem ich zum letzten 
Mal, und zwar im Beringsmeer, etwa in derselben geographischen 
Breite gebadet hatte, so begann ich die Seebadesaison an diesem 
Tage in Sealbay. Das Wasser war nicht sehr kalt. 

Wir übernachteten in einer kleinen Bay und segelten am 
andern Tage bei günstiger Brise nordwärts weiter. Bald war die 
Barreninsel passirt und wenige Stunden darauf Cap Elisabeth auf 
der Halbinsel Kenai. Wir bemerkten hier viele Pelzrobben, welche 



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380 



»ich auf dem Meer umher tummelten. Die Halbinsel Kenai besitzt 
zahlreiche Gletscher, welche meist bis zum Meere hiuabreicheu. 
Der Wind brachte uns die Küste entlang nach Nordosten schnell 
weiter, so dass wir schon am audern Tage die weit in See liegenden 
Seal Rocks erreichten, in deren Nähe wir vielen Seelöwen und 
Zahlzeichen Albatrossvögeln begegneten. 

Bald darauf drehte sich der Wind, und es dauerte nicht 
lange, so wehte uns ein heftiger Ostwind entgegen. Wir befanden 
uns gerade in Sicht der Moutague-Insel und kreuzten längere Zeit 
auf und ab, um noch vor dem Dunkelwerden einen günstigen 
Ankerplatz zu erreichen. Es gelang uns dieses indessen nicht, da 
der wahrscheinlich von den Gletschern abgeschliffene Grund des 
Meeres unmittelbar am Ufer sehr steil abfiel und der Anker 
nirgend haftete. So mussten wir denn, wohl oder übel, die ganze 
Nacht unter Segel zubringen, was bei dem ununterbrochen strö- 
menden Regen und der tiefen Dunkelheit keineswegs angenehm war. 

Sobald der Morgen graute, gingen wir weiter nördlich und 
erreichten die Knights-Insel um 9 Uhr Morgens. Nach Pe troff 's 
Karte befindet sich auf dieser Insel das Dorf Chenega. Wir 
suchten mehrere Stunden danach, ohne es zu finden. Endlich er- 
schien ein Fellboot mit zehn Eingeborenen, welche uns benach- 
richtigten, dass das Dorf Chenega auf einer 2 — 3 engl. Meilen 
l>enachbarten Insel gleichen Namens liege. Wir fuhren dorthin 
und landeten um 4 Uhr Nachmittags. Somit hatte ich das nächste 
Ziel meiner Expedition, Prince William-Sund, erreicht. 



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XXV 



Alt*- Ueberreste in Prince William-Sund. Landung iui Dorfe Cheuega. Ein alter 
Begräbnissplatz. Ein zweiter Begräbuissplatz. Mumien. Ein dritter alter Be- 
gräbnissplatz mit Mumien. Gut erhaltene Schädel. Capitata Andersen als 
Anthrojiologe. Der vierte Begräbnissplatz. Ein alter Begräbnissplatz auf Knights 
Insel. Vier Mumien und sechs Schädel. Ein mächtiger Haifisch. Weiterfahrt 
nach Xuehek Insel. Der Stationsvorsteher Herr Lohr. Capt. Andersen fährt 
nach Middleton Insel. Ich miethe ein Boot. Eine kleine Ausgrabung. Abfahrt 
von Nuchek Insel 27. Juli 18*3. Ueberfahrt nach dem Festlande. Ueberlands- 
weg mit dem Boot nach dem Delta des Copperflusses. Konno-Sce und -Fluss. 
Die Bevölkerung des Dorfes Iggiak. Die Deltamündung. Das Dorf Allagauak. 
Luvermuthetes Zusammentreffen mit drei amerikanischen Goldgräbern. Eine 
Deputation der ängstlichen Eingeborenen. Ethnographische Anklänge an British 
Columbien. Nächtlicher Diebstahl. Weiterreise. Auf der Jagd verirrt. Uner- 
quickliche Lage. Dreitägiges Unwetter. Weiterfahrt nach Cap Martin. Ethno- 
graphische Erwerbungen. Mostjuitoplage. Sturm und Regen aus Osten. Sitten 
und Gebräuche der Copper- Kiver- Indianer. Feuerprobe der Medicinmänner. 
Bauch redekunst. Heilen von Krankheiten. Ein Schamane bezaubert einen Schooner. 
Liebcsgetränke. Ankunft des Schooners „Drei Brüder". Rückfahrt. Mein Mörder. 

Ankunft in St. Paul. 

Iu Prince Williamsund bot sich mir zu meiner freudigen 
Ueberraschung eine willkommene Gelegenheit dar, Ueberreste und 
Reliquien aus alter Zeit kennen zu lernen. Nachdem wir in 
Cheuega gelandet waren, machte mir einer der Bewohner die Mit- 
theilung, dass sich nur einige englische Meilen entfernt ein alter 
Begräbnissplatz der Eingeborenen befände. Ich miethete deshalb 
ein kleines Fellboot und fuhr mit meinem Dolmetscher und einem 
Eingeborenen nach der bezeichneten Stelle. Leider aber zeigte es 
sich, dass schon vor mir Jemand da gewesen war, welcher die 
Reliquieu gesammelt hatte. Das Einzige, was ich fand, waren 
zwei zerbrochene Masken, die ich mitnahm. Am Abend kehrten 
wir nach dem Dorfe zurück, in dem ich alle ethnographischen 
Gegenstände kaufte, die zu haben waren. Die Bewohner dieses 
Ortes gehören noch zu den Eskimovölkern und sprechen einen 
ähnlichen Dialekt wie denjenigen, welchen ich am Nuschagakflusse 
gehört hatte. Die ethnographischen Gegenstünde, welche ich hier 



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382 — 



kaufte, bestanden aus Steinäxten, hölzernen Tellern mit eingelegter 
Perlenarbeit, grossen Steinlarapen, Perlenarbeiten, Jacken aus Adler- 
hauten u. a. ra. 

Nachdem wir unsere Angelegenheiten in Chenega geordnet 
hatten, setzten wir unsere Reise mit dem Schoouer fort. Nach 
einigen Stunden trat jedoch Windstille und Gegenströmung ein, 
wodurch wir gezwungen wurden, vor Anker zu gehen. Da wir 
uns hier in der Nähe des am Tage vorher besuchten Begräbniss- 
platzes befanden, so begab ich mich mit Capitata Andersen und 
meinem Dolmetscher noch einmal dorthin. Wir entdeckten diesmal 
nach längerem Suchen die Mumien eines Erwachsenen und eines 
Kindes. Dieselben waren jedoch bereits in hohem Grade dem 
Verfalle nahe und konnte nur die eine von beiden unter An- 
wendung grösster Vorsicht au Bord gebracht werden, ohne dass 
sie gänzlich zerfiel. Soweit sich erkennen Hess, waren die Beine 
des Leichnams heraufgezogen, so dass die Mumie eine hockende 
Stellung besass. Darüber befand sich eine Bedeckung aus Fellen, 
welche durch Riemen eingeschnürt war. Ausserhalb dieser Um- 
hüllung war eine zweite Bedeckung aus Seehundsleder augebracht. 
Die Mumien befanden sich in einer höhlenartigen Vertiefung, iu 
welcher sie gegen den Regen geschützt waren. Die Ueberreste 
des Kindes waren bereits so sota zerfallen, dass man sie nicht 
transportiren konnte. Trotz dieses scheinbar hohen Alters der 
Leichen durfte ich nicht annehmen, dass dieselben vielleicht schon 
seit Jahrhunderten an Ort und Stelle lägen, denn ich fand bei 
den Mumien ein mit einer Säge zerschnittenes Stück Holz vor. 

Wir fuhren mit unserem Boot längs der hohen, steilen, fast 
überhängenden und an vielen Stellen mit Uferhöhlen verseheneu 
Küste eine Strecke weiter und entdeckten bei dieser Gelegenheit 
einen zweiten Begräbuissplatz , an welchem wir noch mehrere 
Mumien auffanden. Auch diese waren in hohem Grade zerfalleu, 
so dass wir nur ein einziges kleines Exemplar retten konnten. 
Dasselbe war auch mit Fellen umwickelt und lag auf einem 
runden Holzreifen, der mit einem Schneeschuh aus Labrador Aehu- 
lichkeit hatte und wohl eine Kinderwiege war. Glücklicherweise 
fanden wir an dieser Lokalität einige recht gut erhaltene Schädel- 



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383 

Wohl in Folge einer Ueberschwemmung oder Hochfluth war die 
See in die Begräbnisshöhlen eingedrungen und hatte hier einen 
grösseren Theil der menschlichen Ueberreste hinweggespült. Als 
Grabbeigaben fand ich einige Stücke von hölzernen Masken, da- 
gegen keine Jagdgeräthe oder Waffen, wie die9 sonst in dieser 
Gegend der Fall zu sein pflegt. Xach einem Abkommen, welches 
ich mit Capitain Andersen getroffen hatte, ging die Hälfte der 
Funde in den Besitz des Herrn Fischer in St. Paul über. Ohne 
eine derartige Abmachung würde ich wahrscheinlich gar nichts 
erhalten haben. 

Capitain Andersen half bei diesen Höhlenuntersuchungen 
persönlich mit und arbeitete unverdrossen mit einem Feuereifer, 
als wenn er seit seiner Geburt Anthropologe und Ethnologe ge- 
wesen wäre. Wir fuhren im Boot noch einige Meilen weiter und 
entdeckten abermals einen Begräbnissplatz. Hier war das Dach 
der Höhle eingestürzt und auf die menschlichen Ueberreste herab- 
gefallen, so dass wir zunächst grosse Aufräumungsarbeiten ver- 
richten mussten, ehe wir an die Untersuchung der Gräber gelangten. 
Nach vieler Bemühung gelang es uns, einen gut erhaltenen Schädel 
zu bekommen. Wie es scheint, ist dieser Begräbnissplatz der 
älteste von denjenigen, die ich an dieser Küste sah, nicht sowohl 
wegen des Zustandes der Höhle, als besonders deshalb, weil die 
Leichen mit Holzstücken und Holzplanken bedeckt waren, die 
offenbar nicht mit unseren modernen Werkzeugen, Säge und Axt, 
sondern in altertümlicher Art durch Keile bearbeitet und ge- 
spalten waren. Einige Leichen fand ich auch mit Tannenrinde 
bedeckt. Ich hatte den Eindruck, als ob die Gräber dieses letzten 
Platzes eine gewisse Aehnlichkeit mit den Gräbern der alten Be- 
völkerung von Labrador aufwiesen; allerdings unterscheiden sich 
die letzteren von ihnen dadurch, dass sich in ihnen viele Geräthe 
vorfinden, während sich andererseits keine Holzplankenbedeckung 
in dem an Holz überhaupt armen Labrador nachweisen lä.*st. Es 
sollen sich in der Nähe dieses alten Begräbnissplatzes der Chenega- 
insel noch einige grössere, mit Mumien angefüllte Hohlen befinden; 
wir konnten jedoch von den Eingeborenen keine nähere Auskunft 
darüber erhalten. 



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384 



Am nächsten Tage fuhr ich mit Capitain Andersen und 
einem Eskimo hinüber nach der Knights-Insel, woselbst sich, wie 
ich erkundet hatte, gleichfalls ein alter Begräbnissplatz befand. 
Derselbe lag unter einem überhängenden Felsen. Wie auf dem, 
am Tage vorher besuchten letzten Platze, waren die Leichen 
in Kisten beigesetzt, welche aus rohen Holzplanken bestanden. 
Sämmtliehe Ueberreste befanden sich in einem höchst verkom- 
menen Zustande, so dass wir grosse Mühe hatten, aus zahl- 
reichen Gräbern vier einigermassen erhaltene Mumien heraus- 
zufinden. Ausserdem sammelten wir an dieser Stelle sechs Schädel. 
In einem Grabe war die Leiche einer Frau mit derjenigen eines 
Kindes vereinigt; so gern ich auch den Inhalt dieses Grabes mit- 
genommen hätte, so gelang es mir doch nur, die "Wiege und den 
Schädel der Frau unversehrt zu bekommen. Eine sehr grosse 
Schwierigkeit bereitete der Transport der Mumien und Skelett- 
theile vou der Höhe des steilen Ufers hinab nach dem Meeres- 
ufer. Sämmtliehe Mumien waren in Thierfelle eingehüllt. Wir 
wnren übrigens nicht die ersten Besucher dieses Platzes, sondern 
auch hier war uns der Sammler für Smithsonian-Institution zuvor- 
gekommen. 

Noch an demselben Tage fuhren wir mit unserem Schoouer 
weiter und indem wir um die Spitze der Knights-Iusel unsereu 
Cours nahmen, wandten wir uns nördlich und gingen an der Ost- 
seite dieser Insel hinauf, westwärts und nordwärts von der Green- 
insel. Hier erblickten wir vom Bord des Schooners einen an der 
Meeresoberfläche schwimmenden grossen Fisch, den wir für einen 
Walfisch hielten. Wir Hessen sofort das Boot in See und ich 
uöthigte meine Leute, mit mir hinzufahren und den Fisch zu ver- 
folgen. Als wir näher kamen, entdeckten wir, das9 das schwarze 
Ungeheuer ein mindestens 30 bis 35 Fuss langer Haifisch war. 
Wir schössen einige Kugeln in seinen Leib, worauf er plötzlich 
untertauchte und mit mächtigen Schlägen seines Schwanzes unseren 
Blicken entschwand. 

Wir fuhren nördlich um die Montagueinsel herum und lan- 
deten an der Nordküste der Nuchekinsel an einer Handelsstatiou 
gleichen Namens, woselbst ich die Bekanntschaft des Stations- 



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\ 



385 



Vorstehers Herrn Lohr, von der Alaska - Conimercial - Company 
machte. Die Nachrichten, welche er mir in Bezug auf die Aus- 
führbarkeit meines Planes gab, waren nicht sehr günstig und wie sich 
später herausstellte, leider nur zu wahr. Er theilte mir mit, dass 
sich auf der ungeheuren Küstenstrecke von beinahe zehn geogra- 
phischen Langengraden zwischen der Mündung des Copperflusses 
und Cap Spencer am Cross-Sund nur drei Ortschaften der Ein- 
gebornen befanden ; dass ich also auf die Erwerbung einer reich- 
haltigen Sammlung von vornherein verzichten müsse. Ausserdem 
bemerkte er, dass die Witterungs Verhältnisse in Prince Williamsund 
und au der genannten Küstenstrecke für eine Reise nach Osten 
und Südosten, wie ich dieselbe auszuführen beabsichtigte, hinder- 
lich sein würden, denn es wehe gewöhnlich daselbst Gegenwind 
aus Osten mit heftigem Regen, oder es herrsche Windstille. 

Capitata Andersen hatte es übernommen, von der östlich von 
Prince Williamsund weithinaus in See gelegenen Middletoninsel eine 
Anzahl von Seehundsjägern abzuholen und begab sich dorthin. 
Ich traf mit ihm die Verabredung, dass ich inzwischen an der 
Nordostseite von Prince Williamsund die Küste des Festlandes und 
die Mündung des Copperflusses besuchen würde. Dort wollte ich 
bei Cap Martin so lange warten, bis er mich mit seinem Schoouer 
von der Middletoninsel aus noch Cap Martin fahrend, abholen würde. 

Wir trennten uns also und ich miethete ein kleines Boot, 
nachdem ich vorher durch meinen Dolmetscher und einen orts- 
kundigen Eingebornen an einer etwas entfernten Stelle der Insel 
eine kleine Ausgrabung hatte machen lassen, deren Resultat aus 
15 alten meist zerbrochenen Steinäxten bestand. 

Die Abfahrt von der Nuchekinsel fand am 27. Juli 1883 
statt; ausser meinem Dolmetscher befand sich noch ein junger Tlin- 
kitindianer an Bord. Ich hatte eine Quantität Handelsgüter, sowie 
auf 4 — 5 Tage Proviant mitgenommen. An der Nordwestküste der 
Nuchekinsel gelangten wir noch an demselben Tage bis zur Haw- 
kinsinsel, woselbst wir eine schlaflose Nacht unter den zahllosen 
Stichen der Mosquitos zubrachten. 

Die Hawkinsinsel ist von dem Festlande nur durch eine 
schmale Meerenge getrennt, welche wir am andeni Morgen in den 

A. Woldt, Capitata Jacob»en's Reise. 25 



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- 3SC - 



ersten Tagesstunden überfuhren. Den nächsten Theil des Fest- 
landes bildet eine nach .Süden vorschiessende hohe steile Halbinsel, 
welche unmittelbar vor dem nach Osten sich daran schliessenden 
Delta des Copperflusses liegt. Um von Prince Williamsund, respec- 
tive von der Hawkinsinsel nach dem Delta des Copperflusses zu 
gelangen, benutzen die Eingeborenen nicht die Passage zur See 
südlich um das steile Vorgebirge herum, sondern sie schneiden 
den Weg durch eine sogenannte Portage über Land ab. Die be- 
zeichnete Halbinsel besitzt nämlich in ihrem innern Theile einen 
grossen Binnensee, dessen Westufer bis dicht an das Westufer der 
Halbinsel heranragt und der an- seinem östlichen Ende durch einen 
Wasserarm mit dem Delta des Copperflusses unmittelbar verbunden 
ist. Dieser See heisst Konuo und sein Ausfluss Konnofluss. 

Als wir uns der Halbinsel genähert hatten, entdeckten wir 
am Westufer Feuer. Wir landeten dort und trafen die Mann- 
schaft zweier hölzerner Canoes an. Diese Leute, mit denen wir 
in ein Gespräch geriethen, waren aus dem Dorfe Iggiak am Konno- 
fluss. Wir folgten ihrer Weisung und fuhren noch eine kurze 
»Strecke am Westufer der Halbinsel hinauf, bis wir eine kleine 
Bay mit flachem Strand erreichten. Hier wurde gelandet und das 
Boot hinaufgezogen, da hierselbst die Portage war. Zuerst zogen 
wir unser leeres Boot quer über das niedrige flache Land bis zu 
dem ungefähr eine halbe englische Meile entfernten Ufer des Kon- 
nosees und alsdann trugen wir die Waaren gleichfalls hinüber. 
Nachdem das Canoe beladen war, fuhren wir unter starkem Regen 
ül>er den See und langten in der Mittagsstunde in Iggiak an- 
Dieser Ort besteht aus 10 Häusern und gehört zum Stamm der 
Tlinkit-Indianer. Die hier wohnenden Eingebornen sollen ursprüng- 
lich zu einem andern Stamme gehört haben, welcher einst sehr 
stark und mächtig war. Diesen Stamm hatten sowohl die Eskimos 
als auch die Tlinkit-Indianer, wie man erzählt, in verschiedenen 
Kriegszügen fast ganz aufgerieben, bis es endlich den L'eberlebeuden 
gelang, sich durch Heirathen mit ihren Besiegern zu vermischen 
und sich dadurch vor dem gänzlichen Untergange zu retten. 

In der That haben diese Leute auch einen andern Typus als 
die Eskimo oder Tlinkit, auch unterscheidet sich ihre Sprache so 



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sehr von denen der genannten Völkerschaften, dass mein Dol- 
metscher nicht ein Wort davon übersetzen konnte. Auch ich 
niuss gestehen, dass ich noch niemals eine unverständlichere 
Sprache gehört habe als die ihrige. Wir konnten uns mit den 
Leuten nur dadurch verständigen, dass einige unter ihnen zufallig 
auch die Eskimosprache verstanden. 

Ich erwarb von den Leuten einige ethnographische Gegen- 
stände, aber es gelaug mir nicht, ihre aus Stein oder Knochen 
bestehenden Amulette, die sie um den Hals trugen, käuflich an 
mich zu bringen. Im Handel zeigten sich diese Leute wohlbe- 
kannt mit den Indianerkniffen, so dass ich Alles in Allem geneigt 
bin zu glauben, dass sie möglicherweise ihren Ursprung von einem 
der Indianerstämme des Innern von Nordamerika herleiten können. 
Es scheint, als ob die Vielweiberei unter ihnen nicht ganz selten 
vorkommt. 

Wir verblieben die Nacht über in Iggiak, fuhren am andern 
Morgen den flachen Konnofluss hinab, dessen Mündung wir nach 
zweistündigem Paddeln erreichten. Die Mündung dieses Flusses 
fallt mit derjenigen des westlichen Hauptarmes des Copperfluss- 
Deltas zusammen, deshalb steigt auch die Fluth des nordpacifi- 
schen Oceans in beide Wasserstrassen weit hinauf. Die Delta- 
mündung ist hier so breit, dass man kaum das jenseitige Ufer 
zu sehen vermag. Aber der Arm ist so seicht, dass man ihn zur 
Ebbezeit mit einem Boot fast gar nicht passiren kann. 

Wir fuhren den Mündungsarm hinauf, wobei wir eine Strö- 
mung von 3 — 5 Seemeilen überwinden mussten. Nachmittags 
4 Uhr erreichten wir das Dorf Allaganak, woselbst ich zu meinem 
grössten Erstaunen drei amerikanische Goldgräber antraf, welche 
von Sitka her gekommen waren und die Absicht hatten, den 
Copperfluss auf Metalle zu untersuchen. Sie waren bei Cap Martin, 
den östlichsten Hauptstrom des Deltas hinauf gefahren und hatten 
in dem Gewirr der zahlreichen Wasserstrassen und Kanäle, ohne 
es zu wissen, bereits den Hauptstrom passirt, waren in den 
westlichen Mündungsarm übergegangen und hatten kurz vor mir 
in Allaganak Halt gemacht, ohne dass sie jedoch im Stande waren, 
sich mit der Einwohnerschaft zu verständigen. Ihr Erstaunen und 

25* 



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ihre Freutie, als sie mich plötzlich in dieser fast noch nie von 
einem Weissen besuchten Einöde wie einen deus ex machina auf- 
tauchen sahen, wuchs noch mein*, als ich im Stande war, ihnen 
nicht nur den rechten Weg zu zeigen, sondern ihnen auch in Er- 
innerung einer mir vom Handelsagenten Lohr auf der Nuchek- 
insel gemachten Mittheilung eine Lokalität am Copperfluss be- 
zeichnen konnte, wo am meisten Kupfer gefunden wurde. Mit 
Hilfe meiner Dolmetscher vermittelte ich dann noch für sie das 
Engagement eines ortskundigen Eingeborenen , welcher es über- 
nahm, sie späterhin an die betreffende Stelle zu fuhren. Am meisten 
erstaunt von Allen waren übrigens die Einwohner von Allaganak. 
War es schon unerhört, dass plötzlich drei weisse Männer aus dem 
fernen Osten angefahren kamen, deren Thun und Treiben sie sich 
nicht enträthseln konnten, so war es jedenfalls im höchsten Grade 
eigenthümlich, dass fast zu gleicher Zeit direct vom Westen her 
ebenfalls ein weisser Mann plötzlich unter ihnen erschien und 
dass dieser mit Jubel von den übrigen weissen Männern begrüsst 
wurde. Dieser Letztgekommene, nämlich ich selber, war ausser- 
dem noch dadurch vor den Andern ausgezeichnet, dass er einen 
Hirschfänger in seinem Leibgurt sowie einen Revolver trug. Ein 
solcher Mann, so schlössen die Eingeborenen, konnte natürlich nur 
ein Offizier der Vereinigten Staaten von Amerika sein, der viel- 
leicht sich überzeugen wollte, welchen Eindruck bei ihnen die Er- 
schiessung eines ihrer Landsleute hinterlassen hatte, der einige 
Jahre vorher zwei Weisse ermordete und dafür durch die Mann- 
schaft eines Kanonenboots gefangen genommen und nach Portland 
gebracht worden war. Unser Erscheinen hatte zunächst die Folge, 
dass noch an demselben Abend eine Deputation der Eingeborenen 
an uns abgesandt wurde, welche uns durch Worte und flehentliche 
Geberden zu überzeugen suchte, dass die ganze Bevölkerung sehr 
ängstlich über unsere Gegenwart sei. 

Man hätte meinen können, dass in Folge dieses Respects die 
Eingeborenen sich geneigt zeigen würden , die ethnographischen 
Gegenstände, welche sie besitzen, mir für einen geeigneten Preis 
zu verkaufen, sie thaten dies jedoch nicht, und so musste ich das 
Wenige, was sie mir überhaupt abliessen, enorm theuer bezahlen. 



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— 389 — 

Die Concurrenz der beiden grossen mehrfach genannten Handels- 
gesellschaften hatte auch in dieser entlegenen Weltgegend die An- 
sprüche der Leute verwohnt. Ich fand in der Bevölkerung viele 
aus Holz geschnitzte Gebrauchsgegenstande, welche ganz das Aus- 
sehen der in Britisch Columbien angetroffenen Gegenstande be- 
sassen. Uebrigens muss ich erwähnen, dass mir in der Nacht 
nach meiner Ankunft die besten von mir gekauften ethnographi- 
schen Gegenstande entwendet wurden. Ich wandte mich am 
nächsten Morgen mit einer energischen Beschwerde an den Häupt- 
ling des Ortes, welcher sich auch aufs Eifrigste bemühte, mir 
mein Eigenthum wieder zu verschaffen, leider aber keinen Er- 
folg hatte. 

Am Mittag des nächsten Tages reisten wir ab. Wir fuhren 
zunächst stromaufwärts, den rechten Hauptmündungsarm hinauf 
und gingen alsdann stromabwärts auf den linken westlichen Haupt- 
inündungsarm über. Bei dieser Gelegenheit hatten wir einen 
schweren Kampf gegen Wind und Fluth zu bestehen und schlu- 
gen endlich unser Nachtlager auf einer Insel auf. Ich ging so- 
fort auf die Jagd und drang durch das dichte Gebüsch vorwärts, 
hatte jedoch das kleine Malheur, mich zu verirren und da ausser- 
dem in Folge der grossen Nässe mein Gewehr versagte, so konnte 
ich keinen Signalschuss abgeben und fand erst nach mehrstündigem 
Suchen den Lagerplatz wieder auf. 

Es begann nunmehr für uns eine unerquickliche Situation. 
Der mitgenommene Proviant war fast ganz verbraucht , die 
Gegend selbst war wildarm , auch keine Fische oder Vögel 
waren zu sehen, während der mit Regen vermischte fortwährende 
Nordoststurm unser Zelt, welches ohnehin schon alt und löchrig 
war, fast unter Wasser setzte. Am dritten Tage Hess das Un- 
wetter endlich nach, so dass wir den Mündungsarm hinab bis zur 
Küste fahren konnten, von dort erreichten wir ein wenig nach 
Osten weiter rudernd den von drei Familien bewohnten Ort Cap 
Martin, wo wir bei ziemlich hohem Seegang während des Landens 
fast in die Gefahr geriethen, zu stranden. Die Bewohner der bis- 
her genannten Orte des Copperfluss-Delta, einschliesslich des öst- 
lich von Cap Martin liegenden Dorfes Tschilkat, bilden eine 



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— 390 — 

geraeinsame Gruppe, welche je nach der Jahreszeit vorwiegend bald 
in dem einen, bald in dem andern dieser Orte ihren Wohn- 
sitz hat 

Aus diesem Grunde war die von mir angekündigte bevor- 
stehende Ankunft des Schooners „Drei Brüder" Veranlassung, dass 
die Einwohner aller dieser Orte sich, um Tauschhandel zu treiben, 
für dies Mal nach Cap Martin begaben, wo sie kurz nach uns an- 
langten. Ich kaufte an diesem Orte verschiedene ethnographische 
Gegenstande, namentlich Masken, geschnitzte Knochen iL s. w. 
Glücklicherweise fand sich hier ein reichlicher Vorrath an Lebens- 
mitteln, so dass wir hierselbst unsere ausgehungerten Körper wieder 
restauriren konnten. 

Sturm und Regen aus Osten und die entsetzliche Mosquitos- 
plage brachten uns während der nächsten Tage fast zur Verzweif- 
lung, zumal es eine volle Woche dauerte, bis der Schooner von 
Middleton-Insel ankam. Während dieser Zeit hatte ich Gelegen- 
heit, die interessanten Sitten und Gebräuche der Bewohner des 
Copperfluss-Deltas zu erkunden. Die Medicinmänner machen 
ihre Zaubermittel, oder die Einweihung der Amulets auf folgende 
Art. Der Schamane wirft sich zunächst in seine festliche Tracht, 
die aus einer Art Schürze besteht, die mit Vogelschnäbeln oder 
den Füssen der wilden Gebirgsziege behängt ist. Er bemalt sein 
Gesicht, bedeckt seinen Kopf mit einer Art Hut oder je nach der 
Medicin, welche er machen will, mit einer Maske und nimmt seine 
Rassel in die Hand. In der Mitte des Hausraumes wird ein 
grosses Feuer entzündet, um welches er in Gegenwart herbeige- 
strömter Einwohner seinen Tanz ausfuhrt Vorwiegend imponirt 
der Medicinmann seinen Zuschauern dadurch, dass er ihnen zeigt, 
dass die Hitze des Feuers ihm keine Beschädigungen zufügt Zu 
diesem Behufe nimmt er wiederholt glühende Kohlen in die Hand 
und zeigt sie rings umher, auch wirft er sie durch die obere Dach- 
öfihung, ohne dass er seine Finger hierbei verbrennt Die Männer 
sitzen rings ums Feuer an den Wänden des Hauses. Jeder von 
ihnen hält einen Stock in der Hand, mit dem er den Takt auf 
einer hölzernen Planke schlägt. Ein älterer Mann übernimmt das 
Amt die grosse Trommel zu schlagen. Alle betheiligen sich am 



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Gesang, wobei die Weiber ihre Stimme so laut als möglich er- 
heben. Eigentümlich ist der Gebrauch, dass die Frauen beim 
Singen stets irgend einen beliebigen Gegenstand vor den Mund 
halten, gleichsam als ob sie irgend einem Dämon den Eintrit in 
denselben verhindern wollten. 

Der Schamane macht allerhand kleine Kunststücke, um das 
Publikum in Erstaunen zu setzen. Eins der beliebtesten Bravour- 
stücke ist folgendes: Zwei Männer stellen sich je auf einer Seite 
des Feuers auf und halten ein Tau aus Bast oder Leder un- 
mittelbar über dem Feuer. Auf dieses Tau legt oder hängt sich 
der Medicinmann und wird von den vier Trägern hin und her 
geschwungen, so dass stets die Flamme unter ihm bleibt, oft fangt 
das Tau Feuer und wird alsdann mit dem Mann hinweggenommen. 
Ein anderes Hauptkunststück besteht darin, dass der Schamane 
vor den Augen seiner Zuschauer einen langen Knochen verspeist 
und den letzteren bald darauf zum Erstaunen der Anwesenden 
aus seinem Halse wieder unversehrt herauszieht. Auch kommt es 
häufig vor, dass die Zauberer ein eisernes Messer rothglühend 
machen und es dann sowohl in die Hände nehmen, als auch an 
der Klinge lecken, ohne dass dieses ihnen scheinbar etwas schadet. 
Die Kunst des Bauchredens wird von manchem Schamanen mit 
einer gewissen Virtuosität ausgeübt. Mitten im Gesang wird bei 
solchen Gelegenheiten plötzlich eine Pause gemacht und der Scha- 
mane beugt sich zur Erde nieder, worauf ihm ein Dämon, der 
tief unter dem Boden zu sein scheint, antwortet. 

Da die Zeit der Tänze und derartigen Vorführungen nicht 
in die Tage meines Aufenthaltes fiel, so habe ich einen Thcil 
dieser Mittheilungen durch Erkundigungen erfahren , nament- 
lich verdanke ich dem Führer der Schaluppe „Drei Brüder", 
Herrn Capitain Andersen, welcher früher eiu volles Jahr lang in 
dieser Gegend zugebracht hat, manches von dem, was ich hier 
berichte. 

Sobald ein Gesang beendet ist und ein neuer begiunen soll, 
legt der Medicinmann einen andern Anzug oder Maske oder Kopf- 
bedeckung an und streut Adlerdauuen auf sein Haupt etc. Das 
Heilen von Krankheiten geschieht dadurch, dass der Schamane 



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dem Patienten die Krankheit einfach in der Gestalt einer Hand 
voll Daunenfedern oder einer lebendigen Maus hinwegnimmt und, 
damit diese Krankheit nachher nicht einen anderen Menschen be- 
fallen möge, sie vor den Augen der Zuschauer verspeist. Der 
Patient spielt hierbei eine passive Rolle, er muss sich vollständig 
ruhig und theilnahmlos wie ein lebloser Körper verhalten und 
wird, je nachdem es der Schamane für uöthig erachtet, entweder 
hinter einen Vorhang, oder vor den Augen aller Zuschauer hingelegt. 
Alsdann nähert sich ihm der Schamane, während die Sänger und 
Trommelschläger die tiefste Stille beobachten und lautlos auf die 
Orakelsprüche des Zauberers lauschen. Jedes Mal, wenn derselbe 
einige Worte gesprochen hat, singt die ganze Versammlung als 
Refrain: „A-h! A— h!" 

Die Schamanen stehen bei den Eingebornen in grossem Au- 
sehen. Capitain Andersen erzählte mir, dass er bei seiner früheren 
Anwesenheit hierselbst einstmals auf die Ankunft eines Schooners 
gewartet habe. Ein Schamane hätte sich darauf erboten, durch 
seine Zauberkünste nachzuforschen, ob der Schooner bald kommen 
werde oder nicht. Zu diesem Zwecke wurde eine allgemeine Ver- 
sammlung anberaumt und der Zauberer machte zunächst wie ge- 
wöhnlich seine Kunststücke. Als er sich bei dieser Gelegenheit 
über dem Feuer hin und her schwingen üess, verbrannte plötzlich 
das Tau und der Medicinmanu fiel in die lodernde Gluth hinein. 
Mit Blitzesschnelle sprang er sofort auf und aus dem Feuer heraus; 
diese eilige Flucht des sonst für unverbrennlich gehaltenen Mannes 
machte jedoch einen so komischen Eindruck, dass viele der An- 
wesenden ein lautes Gelächter ausstiegen. Hierüber aufs äusserste 
empört, wandte der Schamane seiue ganze Wuth gegen den unglück- 
lichen Schooner und rief aus, dass demselben ein Unglück zustossen 
würde. Zufalliger WeL*e lief dieses Schiff noch in demselben Jahre 
in der Nähe der Kadiak-Iusel auf einen Felsen ausserhalb St. Pauls- 
Hafen und das Ansehen des Schamauen, der „dieses Unglück" 
prophezeit hatte, stieg hierdurch so sehr, dass er noch heute als 
einer der bedeutendsten Medicinraänner jener Gegend verehrt wird. 
Die Anzüge, Masken und Gegenstände eines Schamanen werden 
nicht in einem Hause, sondern im Gebüsch aufbewahrt. Die Ein- 



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— 393 — 



gebornen kennen diese Gegenstaude, aber sie wagen es niemals sie 
zu berühren. Wenn einem Schamanen die Heilung eines Kranken 
gelingt, so erhält er dafür eine gute Belohnung in Blankets. Die 
Schamanen bereiten auch Amulets gegen gute Bezahlung, nament- 
lich stellen sie Liebesgetränke oder Liebesamulets aus einer gewissen 
Wurzelart her und sie finden stets ein dankbares und gläubiges 
Publikum, namentlich unter den jungen Leuten. In jedem Dorfe 
befindet sich ein Schamane. 

Es sei mir gestattet, noch einiges über die häuslichen und 
Familien- Verhältnisse der das Delta des Copper-Flusses bewohnen- 
den Indianer mitzutheilen. Wie sämmtliche Indianer der Nord- 
westküste, so werden auch sie sehr jung verheirathet, respective 
versprochen. Wenn in einer Familie eine Tochter geboren wird, 
so wird sie oft schon am ersten Tage ihres Lebens versprochen, 
aber erst im 12. bis 14. Lebensjahr geheirathet. Wenn ihr Vater 
früher stirbt als bis sie . heirathsfahig gewordeu ist, so muss ihr 
zukünftiger Gatte bis zu dem Momente ihrer Heirathsfahigkeit seine 
zukünftige Schwiegermutter zur Gattin nehmen. Wie l>ei vielen 
Naturvölkern wird der Eintritt der jungfräulichen Reife durch eine 
besondere Ceremonie und ein Fest begangen. Die jungen Mädchen 
werden bei dieser Gelegenheit von den übrigen Familienmitgliedern 
getrennt und in einen kleinen Raum des elterlichen Hauses ein- 
gesperrt Hier müssen sie volle 30 Tage verweilen und erhalten 
während dieser Zeit von irgend einer weiblichen Verwandten eine 
nur spärliche Nahrung. Wenn sie sich niederlegen, so muss ihr 
Kopf nach Süden gerichtet sein. Nach Beendigung der Abgeschlossen- 
heit dürfen sie wieder wie gewöhnlich im Hause wohnen und er- 
halten ein neues Kleid und andere festliche Geschenke von ihrem 
Vater oder nächstem Verwandten. Auch wenn sie, wie in der Regel 
bald nach diesem Termin geschieht, sich verheirathen, so bekommen 
sie sowohl als ihre Eltern Geschenke. 

Eine eigenthümliche Art, die Bevölkerung von missgestalteten 
Personen frei zu halten besteht darin, dass Missgeburten unmittel- 
bar nach der Geburt öffentlich verbrannt werden ; dasselbe geschieht 
auch jedesmal mit der Nachgeburt. Diese Gesetze werden strenge 
beachtet und soll auf ihre Nichtbefolgung sogar der Tod stehen. 



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Sobald ein Kind geboren ist, wird seine Nasenscheidewand und 
jedes Ohr durchbohrt und durch die Oeffnungen ohne weitere Cere- 
inonie Ringe gesteckt. 

Kommt ein Todschlag vor, so bewaffnet sich der nächste Ver- 
wandte des Erschlagenen, nachdem zuvor ein Familienrath abge- 
halten worden ist und geht in das Haus dessen, der den Mord 
ausgeführt hat. Er verlangt von ihm ein Sühnegeld und wenn 
ihm dasselbe verweigert wird, so stellt er blutige Rache in Aus- 
sicht Hierauf wird von beiden Seiten ein Familienrath zusammen 
berufen und in geraeinsamer öffentlicher Berathung über die Höhe 
der in so und soviel Blankets zu zahlenden Ablösungssumme dis- 
cutirt Bei diesen Berathungen geht es oft heiss her, namentlich 
wenn die Verwandten dos Erschlagenen zu hohe Forderungen stellen, 
auf welche die Verwandten des Uebelthäters nicht eingehen können 
oder wollen. Es kommt oft vor, dass wenn das Lösegeld nicht 
bezahlt werden kann, sich einer oder mehrere junge Leute von 
der Familie des Mörders in die Sklaverei begeben und durch per- 
sönliche Dienste das Verbrechen sühnen. Es giebt viele Sklaven 
unter den Tlinkits, dieselben haben jedoch im Allgemeinen ein 
fast ebenso freies Leben als ihre Herren. 

Am 8. August langte ein kleines Canoe von der Nuchek- 
Insel an, mit welchem die Nachricht kam, dass der von mir so 
sehnsüchtig erwartete Schooner „Drei Brüder" wegen des fort- 
während herrschenden Sturmes zu vier verschiedenen Malen versucht 
hatte, die Reise nach Cap Martin anzutreten und dass er jedesmal 
von Wind und Wellen gezwungen war, wieder umzukehren. In 
den letzten drei Tagen hatte statt des Sturmes vollkommene Wind- 
stille geherrscht, welche es ihm gleichfalls unmöglich machte, die 
Ueberfahrt anzutreten. Diese Nachricht bestätigte mir, was ich 
schon längst befurchtet hatte, dass ich meine beabsichtigte Reise 
nach Cross-Sund vor Eintritt des Herbstes wohl schwerlich würde 
ausfuhren können. Ausserdem hatte ich gehört, dass auf der weiten 
Küstenstrecke östlich und südöstlich von Cap Martin bis zum 
Eingange von Cross-Sund nur wenig Gelegenheit sei, ethnographische 
Gegenstände zu sammeln. Dies bestätigten mir am Tage darauf, 
als der Schooner „Drei Brüder" endlich ankam, die Herren 



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395 - 



Andersen und Carlsen. Sie waren wegen des stets herrschenden 
Unwetters in grosser Verzweiflung und boten mir eine bedeutende 
Abstandssumme für den Fall, dass ich sie von dem übrigen Theil 
ihrer Verpflichtung entbinden und die Rückreise nach St. Paul 
antreten lassen würde. Sie befürchteten nämlich mit Recht, dass 
sie die Vorbereitungen zur nächsten Fischerei -Saison nicht mehr 
rechtzeitig würden ausfuhren können und alsdann der gesammten 
zukünftigen Einnahmen verlustig gehen würden. 

Ich erbat mir einige Tage Bedenkzeit und kaufte inzwischen 
soviel ethnographische Gegenstände auf, als zu erlangen waren, 
wobei ich das Glück hatte, dass unter den betreffenden Gegen- 
ständen sich auch solche befanden, die von der Küste von Alaska 
bis hinab nach Cross-Sund stammten. 

Am 11. August 1883 trat wieder der von mir so sehr ge- 
fürchtete Ostwind mit Regen ein und so fasste ich denn nach 
einer längeren Debatte mit den Besitzern des Schooners „Drei 
Brüder" den Beschluss, die Reise nicht weiter nach Osten und 
Südosten fortzusetzen, sondern zunächst nach der Insel Kadiak 
zurück zu gehen und dort eine Fahrgelegenheit nach St. Francisco 
zu suchen. Unter den für mich günstigen Bedingungen, für welche 
ich die Rückreise antrat, befand sich auch diejenige, dass Capitain 
Andersen mir die ihm zustehende Hälfte der von uns gesammelten 
indianischen Mumien etc. abtrat. 

Wir segelten um 10 Uhr Vormittags ab und erreichten am 
nächsten Tage Mittags den Hafen von Nuchek. Um einen Beweis 
davon zu geben, wie sehr ich mich in die Sitten und Gebräuche 
der Küstenbewohner eingelebt hatte und zugleich, um einen kleinen 
Scherz mit denjenigen zu machen, die mich vor einer Reise zu 
den Bewohnern der Mündung des Copper-Flusses gewarnt hatten, 
beschlossen wir, Capitain Andersen, Herr Carlsen und ich, dass 
ich mich in einen der Schamaneuanzüge, den ich bei Cap Martin 
gekauft hatte, kleiden, und raein Gesicht nach Art eines Medicin- 
mannes bemalen sollte, um in diesem Ausputz auf der Nuchek- 
Insel zu erscheinen. 

Nachdem ich die Metarmophose ausgeführt hatte, kam der 
Stationsvorsteher von Nuchek, Herr Lohr, an Bord; während ich 



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396 



als Schamane verkleidet dasass. Seine erste Frage lautete: „Warum 
kommen Sie so schnell zurück, Sie wollten doch nach Cross-Sund 
fahren; wo ist Capitain Jacobsen?" Mit verstellter Miene zeigten 
Capitain Andersen und Ca r Isen auf mich und sagten, „wir 
bringen dort den Medicinmann, welcher Jacobsen getödtet hat" 
Mit wüthender Miene blickte Herr Lohr mich längere Zeit an, 
während ich anscheinend theilnahinlos dasass und die Uebrigeu 
die Segel festmachten. Als er endlich unruhiger wurde, begann 
Carlsen zu lachen und klärte ihn zuletzt auf, daas die ganze 
Sache nur ein Scherz sei. Er wollte dies zuerst nicht glauben, bis 
ich ihn selber anredete und dadurch überzeugte. Erleichtert athmete 
er auf und theilte mir mit, dass es ein grosses Glück für mich 
und ihn gewesen sei, dass er keinen Revolver bei sich gefuhrt 
habe, sonst hätte er mich in der ersten Erregung ohne Gnade 
erschossen. Ich wusste dies sehr wohl, und antwortete ihm, dass 
ich mich in diesem Falle wohl gehütet habeu würde, den Scherz 
mit ihm zu treiben. 

Nunmehr betheiligte sich Herr Lohr selber an dem Complott 
und rieth mir in dieser Verkleidung au Land zu gehen, um zu 
sehen, welcheu Eindruck dies auf die Eskimobevölkerung der Insel 
Nuchek machen würde. Dies geschah, und als unter den Einge- 
bornen bekannt wurde, dass ich der Mörder des Capitain Jacobsen 
sei, geriethen die guten Leute in fürchterliche Angst und flohen 
vor mir überall, wo ich mich zeigte. Späterhin klärte sich die 
Sache zum allgemeinen Vergnügen dadurch auf, dass ich mich 
umkleidete und mich jedermann als Weisser zeigte. 

Nachdem wir noch einige nothwendige Angelegenheiten erledigt 
hatten, brachen wir auf und setzten unsere Reise nach der Kadiak- 
Insel fort, woselbst wir nach sechstägiger Fahrt am Abend des 
18. August im Hafen von St. Paul Anker warfen. 



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XXVI 



Heimkehr! Immer noch keine Nachrichten für mich aus Europa. Abschied von 
St. Paul. Fahrt nach Fort Kenai. Rückfahrt nach St. Francisco auf der Bark 
„Korea". Grossartiger Fischreichthum. Da« chinesische Beschwörungsfest. 
Günstiger Wind. Ankunft in San Francisco 22. Sept. 1883. Briefe aus Europa. 
Auftrag, in Arizona zu sammeln. Abreise nach Fort Yuma. Die Yutna-Indianer. 
Marieopa, Station Gila. Eigenthümliche Verwendung alter Steinäxte. Lederne 
Schilder. Die Reservation der Pimos- und Maricopa-Indianer. Ein eigentüm- 
licher Telegraph. Die Reservation der Papajos-Indianer. Washington. New- York. 

Ankunft in Berlin 23. Nov. 1883. 

Heimkehr, welch' herrliches Wort für eleu Reisenden, welcher 
seit Jahren in entlegenen Punkten der Erde weilt! Wie hebt sich 
sehnsuchtsvoll die Brust, wenn es gilt, der Heimath wieder die 
Schritte zuzulenken. 

Im Hafen von St. Paul angekommen, erfuhr ich, dass wäh- 
rend meiner fiinfVöcheutliehen Abwesenheit nach dem Copperflusse 
das Schiff „Marie Anne" aus San Francisco angekommen sei, 
ohne indessen Nachrichten oder Briefe für mich mitzubringen. Es 
sei indessen keine Aussicht, mit diesem Schiffe nach San Fran- 
cisco zu fahren, weil dasselbe erst im Monat September zurück- 
segeln würde. Dagegen würde der mir bekannte Capitata Ha- 
reudin mit der Bark „Korea" von der von mir besuchten Fisch- 
couserveu-Fabrik am Kassiloft-Fluss, südlich von Fort Kenai in 
Cooks-Inlet binnen Kurzem nach St. Francisco fahren und sich 
bei dieser Gelegenheit für mich der Weg nach der Heimath er- 
öffnen. 

Ich packte sofort meine Sachen, markirte die ethnographi- 
schen Gegenstände und nach herzlichem Abschied von den Be- 
wohnern von St. Paul fuhr ich mit dem Schooner „Kadiak" nach 
Fort Kenai, woselbst wir am 22. August eintrafen. Nach einigen 
Besuchen bei meinen alten Freunden in Fort Kenai uud am 
Ka^iloff-Flusse ging ich am 28. August an Bord der Bark 
„Korea". 



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398 - 



Es waren im Ganzen gegen 100 Personen, darunter allein 
64 Chinesen und acht italienische Fischer, welche die Heimreise 
nach St. Francisco mit diesem Schiffe antraten. Als Hauptfracht 
hatte dasselbe 15000 Kisten eingemachten Lachs, jede Kiste zu 
48 Dosen geladen. Man ersieht daraus, wie auch schon aus 
meinen früheren Mittheilungen ersichtlich sein dürfte, dass Alaska 
mit seinem beispiellos grossartigem Fischreichthum sich in Zu- 
kunft als einer der bedeutendsten Fischdistrikte der Welt ent- 
wickeln wird. 

Während der ersten Woche unserer Reise legten wir in Folge 
der meist widrigen Winde noch nicht ganz 100 englische Meilen 
zurück. Dies veranlasste die Chinesen eine Art Opfer- und Be- 
schwörungsfest unter sich zu veranstalten, indem sie hofften, dass 
der chinesische Gott, an den sie sich wandten, alsdann günstigen 
Wind schicken würde. Sie breiteten demzufolge eine grosse Matte 
auf das Hinterdeck aus und stellten zwei Schaalen, die mit rohem 
Reis gefüllt waren, darauf hin. In diese Schaalen wurden von 
den Chinesen kleine chinesische Münzen geworfen, ferner wurden 
verschiedenfarbige Stücke Papier, auf welche kleine viereckige 
Stückchen Silberpapier geklebt waren, ausgebreitet; auch rothe und 
weisse Lichter augezündet, eine chinesische Urne mit chinesischem 
Branntwein gefüllt, ein Topf mit Theeaufguss placirt u. a. m., 
so dass die Matte zuletzt ganz bedeckt war. Sämmtliche Chinesen 
hatten ihre festlichen Kleider angelegt und Hessen ihre sonst auf 
dem Haupte aufgebundenen Zöpfe frei über die Rücken hinunter 
hängen. Nachdem sich jeder einzelne Chinese dreimal feierlich 
vor dem Opfer verbeugt hatte, wurde ein Theil des bunten Papiers 
über Bord geworfen, auch wurde die Hälfte des Inhalts der Reis- 
schaale über die Steuerbordseite, die andere über die Backbord- 
seite in die See geworfen. Schliesslich hielt einer der Söhne des 
himmlischen Reichs eine Rede, indem er Zauber- oder Beschwö- 
rungsformeln vortrug. Alsdann wickelten die Chinesen ihre Zöpfe 
wieder auf und die Feier war beendet 

Es dauerte noch keinen vollen Tag, als die Aussichten auf 
eine günstige Windveränderung sich bemerkbar machte, wir hatten 
daher allen Grund uns darüber zu freuen, dass der chinesische 



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— 399 - 

Gott das Opfer unserer bezopften Mitpassagiere gnädig aufge- 
nommen hatte. Acht Tage nach diesem Opferfeste hatten wir 
bereits 900 englische Meilen, etwa die Hälfte des Weges nach 
San Francisco zurückgelegt. Abermals eine Woche später am 
Sonnabend den 22. September Abends y,8 Uhr landeten wir in 
der Hauptstadt des Westens in San Francisco. Ich ging sofort 
ans Land und wurde von meinen Freunden aufs Beste empfangen. 

Am andern Tage empfing 
ich sämmtliche Briefe, die 
während meiner Abwesen- 
heit, seit April 1882, also 
seit 18 Monaten an meine 
Adresse gelaugt waren. Aus 
einem Briefe des Vorsitzenden 
des Hilfskomites , Herrn 
Banquier J. Richter in Ber- 
lin, ersah ich, dass ich noch 
vor Antritt meiner Rück- 
reise nach Europa eine eth- 
nographischeExpedition nach 

Arizona ausfuhren sollte. 
Ich verschaffte mir deshalb 
Empfehlungsbriefe nach Ari- 
coua und bereitete mich zur 
Reise vor. 

Nach herzlichem Ab- 
schiede von allen Bekannten 
reiste ich am 11. October 
früh von Sau Francisco wieder ab und erreichte am nächsten Abend 
Fort Yuma, mein nächstes Reiseziel. 

Fort Yuma am Colorado, etwa einen Breitegrad nördlich vom 
Golf von Californien entfernt, ist die Eingangsstation zu Arizona. 
Ich logirte dort im Eisenbahn-Hotel und engagirte einen Dol- 
metscher, welcher mich zunächst zu einem der bedeutendsten 
Ansiedler von Yuma, in das Haus des Herrn Jäger, eines Deutseh- 
Pennsylvaniers, führte. Da dieser Herr nicht anwesend war, so 




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400 



hatte seine Frau und seine Tochter die Liebenswürdigkeit, mich 
nach der nächsten Ansiedlung der Yuma-Indianer zu begleiten. 
Wir fuhren im gemieteten Wagen dorthin und erreichten sie in 
der Mittagsstunde. 

Die Yumas sind ein friedliebendes Völkchen von etwa 600 
bis 1000 Seelen. Sie sind von hohem schlanken Körperbau und 
dunkler Hautfarbe. Die Frauen tragen vorn eine Art Schürze 
von Baumrinde. Diese Schürze reicht bis zur Mitte des Ober- 
schenkels, während eine kleinere Schürze das Gesäss bedeckt. Die 
Oberkörper sind unbekleidet. Am Halse tragen die Frauen ein 
sehr breites Perlenhalsband. Die Männer trugen früher als einzige 
Körperbedeckung gleichfalls einige Schurze aus Baumrinden. Heut- 
zutage tragen die Männer sowohl wie die Frauen, statt der Ge- 
genstände aus Baumrinde baumwollene Tücher. Die Yumafrauen 
verstehen sich auch darauf, wollene Tücher herzustellen, welche 
sehr theuer sind. 

Die Männer sowohl wie die Frauen tätowiren ihr Kinn. Die 
Männer tragen ihre langen Haare in Locken getheilt. Frauen 
und Männer verstehen es, ihre Gesichter mit grosser Kunstfertig- 
keit schwarz, roth und gelb zu bemalen. Die Frauen lassen ihr 
Haupthaar, welches vorn kurz geschnitten ist, frei herabhängen. 

Als Waffen gebrauchen die Yumas Bogen und Pfeil. Zum 
Schiessen von Vögeln und kleineren Thieren werden Pfeile mit 
stumpfer Spitze, im Kriege dagegen solche mit Obsidianspitze ge- 
braucht. Früher bedienten sich die Yumas auch hölzerner Kriegs- 
keulen. Die Weiber besitzen die Fertigkeit, hübsche thöneme Ge- 
fasse herzustellen. 

Mit gütiger Unterstützung meiner beiden liebenswürdigen 
Führerinnen traf ich unter den zum Verkauf vorgeführten Gegen- 
ständen eine Auswahl, musste jedoch alles ziemlich theuer be- 
zahlen, wie dies immer der Fall ist, wenn man solche Erwerbun- 
gen in der Eile erledigen muss. Wieder zurückgekehrt, verbrachte 
ich noch eine Nacht in Fort Yuma, um die Gegenstände sicher 
einzupacken und reiste alsdann nach Maricopa weiter. 

In Maricopa miethete ich einen Wagen und fand auch nach 
längerem Suchen einen Dolmetscher, mit dem ich nach der Station 



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— 401 — 



Gila fuhr. Hier wanderte ich, von einer grossen Schaar lärmen- 
der junger Indianer begleitet, von Haus zu Haus und kaufte eine 
Anzahl Thongefässe und alte Steinäxte. Die letzteren, welche 
früher in Gebrauch gewesen waren, befanden sich fast durch- 
gängig in defectem Zustande, indem die Bewohner sie heutigen 




Alt«? Kirche in der Nähe von Tucson in Arizona. 

Tages dazu benutzen, um die Innenseite ihrer Steinmörser damit 
rauh zu machen v Die Folge davon ist, das? sämmtlichc Schneidon 
stumpf geworden sind. In Gila kaufte ich auch einige Exemplare 
jener alten ledernen Schilder, welche die dortigen Einwohner im 
Kampfe gegen die Apachen gebraucht haben. Bogen und Pfeile 
dagegen wollte mir Niemand überlassen, weil man im Allgemei- 
nen Furcht vor einem plötzlichen Ueberfalle der Apachen hegt. 

A. Woldt, Capitain Jacobson'» Heise. 26 



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I .... 



— 402 — 



Aus diesem Grunde befinden sich auch die mit Pfeilen gefüllten 
Köcher und die Bogen neben jedem Hause, sodass sie sofort, wenn 
es nothwendig sein sollte, benutzt werden können. 

An diesem Abend schlief ich im Hause eines weissen Mannes, 
der sich in Gila angesiedelt hat und mit den Indianern Handel 
treibt. Die Reservation der Pimos- und Maricopa-Indiauer ist 
etwa 30 engl. Meilen lang, so dass man längere Zeit damit zu 
thun hat, wenn man alle Hütten besuchen will. Diese Indianer 
leben in Erdhütten, welche theils rund, theils oval erbaut und ül>er 
dem Erdboden errichtet sind. Ausserhalb dieser Hütten befindet 
sich ein hölzernes, mit einem Dache versehenes Gerüst, auf dem 
gewöhnlich die Thongeräthe und andere Gegenstände des Hausge- 
brauchs aufbewahrt werden. Unter diesem Gerüst, im Schatten des 
Daches, werden die gewöhnlichen häuslichen Arbeiten ausgeführt. 

Die Pimos sollen früher ein grosser und mächtiger Indianer- 
stamm gewesen sein. Einer der ältesten weissen Ansiedler von Ari- 
zona erzählte mir, dass zu jener Zeit, als er ins Land kam, die 
Pimos noch ein mächtiger Stamm waren. Die Hütte des damaligen 
Oberhäuptlings stand mitten in dem umfangreichen Dorfe, und es 
wurden in ihr die gemeinsamen Berathungen abgehalten und Be- 
stimmungen getroffen, welche grösseren gemeinschaftlichen Arbeiten 
von den Angehörigen des Stammes ausgeführt werden sollten. 
Wenn eine derartige Versammlung beendet war, so bediente man 
sich einer eigenthümlichen telegraphischen Methode, um die Be- 
schlüsse schnell nach allen Richtungen hin l>ekannt zu machen. 
Es stand nämlich auf jedem der flachen Hausdächer eine Person; 
sobald nun der Beschluss vom Dache des Berathungshauses mit 
lauter Stimme verkündet war, so riefen ihn die Personen, die auf 
den nächstgelegenen Dächern postirt waren, abermals mit lauter 
Stimme aus, und die nächsten nach aussen hin trugen ihn weiter. 
Auf diese Weise verbreitete sich die Nachricht ringsum im Kreise 
wie die von einem Stein erregten Wellen über die Fläche eines Sees. 

Man muss in der That erstaunen, wenn man die Ueberreste 
der grossartigen Bauten sieht, welche diese Indianer in früheren 
Zeiten ausführten; besonders auffallend sind die ehemaligen Wasser- 
werke, sowie die Ruinen grösserer Bauwerke. 



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« 



— 403 — 

Späterhin kamen die Maricopa- Indianer, welche von einem 
anderen Stamme bedrängt wurden, in das Gebiet der Pimos- 
Indianer. Da beide Stämme friedlicher Gesinnung waren, so ent- 
wickelte sich zwischen ihnen kein Krieg, sondern die Ankömmlinge 
erhielten an den Grenzen des Gebietes neue Wohnsitze angewiesen. 
Bald darauf unternahmen die kriegslustigen Apachen einen Feldzug 
gegen die vereinigten Pimos- und Maricopa-Indianer und tödteten 
von den letzteren, welche die Vorhut bildeten, eine beträchtliche 
Zahl Krieger, wurden jedoch durch ein geschicktes strategisches 
Manöver der Pimos-Indianer in die Flucht geschlagen. 

Am nächsten Tage machte ich einen Ausflug nach dem 15 
englische Meilen eutferuteu Phönix, woselbst ich von einem weissen 
Ansiedler eine grössere Anzahl ethnologischer Gegenstände kaufte. 

Am 18. October fuhr ich weiter nach der Stadt Tucson, wo- 
selbst ich ein unerwartetes Zusammenkommen mit einem jener 
Goldgräber hatte, mit denen ich die Reise den Yukonstrom hinauf 
ausgeführt hatte. Neben dem Bahnhof in Tucson wohnte ein 
„Curiositäton-Häudler", d. h. ein Mann, welcher ethnographische 
Gegenstande aller Art, deren Herkunft er in den meisten Fällen 
nicht kannte, an die Reisenden verkauft. Der Mann verlangte ganz 
exorbitante Preise für seine Sachen. 

In Tucson miethete ich Pferd und Wagen, um nach der 
Reservation der Papajos-Indianor zu fahren. Hier befindet sich 
eine Kirche, welche von den Jesuiten im sechszehnten Jahrhundert 
erbaut wurde, und in der noch heutzutage Gottesdienst abgehal- 
ten wird. 

Bei den Papajos-Indianern fand ich fast gar keine ethnogra- 
phischen Gegenstände, mit Ausnahme einiger unscheinbaren Thon- 
geräthe. Es wurde hier meine Aufmerksamkeit in einigen Häusern 
durch einen eigentümlichen Gegenstand erregt, welcher jedoch 
auf mein Befragen von den Eingeborenen als unveräusserlich be- 
zeichnet wurde. Sie thaten damit sehr geheimnissvoll und schlugen 
selbst einen verhältnissmässig hohen Preis aus, den ich ihnen dafür 
anbot. Dieser geheimnissvolle Gegenstand bestand aus einem 
länglich geformten, mit einem Deckel versehenen Korbe, welchem in 
sich, wie ich mich durch einen indiscreten flüchtigen Einblick 

26* 



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überzeugte, ein mit Federn decorirter Kopfputz befand, wie deren 
etwa bei Tanzfesten u. s. w. gebraucht werden. 

Von Tucson ans beabsichtigte ich die Reservation der Apachen 
zu besuchen; man rieth mir indessen aus mehreren Gründen davon 
ab, so datss ich hiervon Abstand nahm. Ich beendete deshalb 
hierselbst raeine Thätigkeh und trat die Rückreise über Demming, 
El Passo, St. Louis und Washington nach New- York an, von wo 
aue ich Berlin am 23. November 1883 wieder erreichte. 



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ANHANG. 



Lebensbeschreibung des Capitain J. Adrian Jacobsen. 

Ich wurde geboren am 9. October 1853 auf der kleineu Insel 
Risö (70° N. B. 16° O. L. G.) in der Nähe der norwegischen 
Stadt Trorasö. Schon in meinen frühesten Jugendjahren machte 
ich die Bekanntschaft des Meeres, auf dem ich fast täglich 
zwischen den vielen kleinen Inseln mit unsern Booten umherfuhr, 
um zu jagen und zu fischen. In jedem Frühling gegen Ende 
April kommen die Seemöven, Gänse und Eidergänse zu Tausenden 
aus den südlicheren Gegenden an, um auf unseren Inseln ihre 
Neste zu bauen. Im Anfang Mai wird auf jeder Insel das Ein- 
sammeln der Seevogeleier betrieben und bildet einen nicht unbe- 
deutenden Erwerb für die Insel besitzer, denn es giebt Tage, an 
welchen bis 3000 Eier gesammelt werden. Letztere werden in der 
Stadt Tromsö, die circa acht bis zehn deutsche Meilen von Risö 
entfernt liegt, verkauft. 

Mein Vater siedelte von der Stadt Tromsö am Ende der 
dreissiger Jahre nach Risö über, welche Insel er vorher augekauft 
hatte und engagirte einige junge Leute, mit welchen die Fischerei 
ausserhalb der Insel betrieben wurde. Die Hauptfischarten, welche 
bei uns vorkommen, sind im Winter der Dorsch und im Sommer ein 
diesem ähnlicher Fisch, genannt „Sei" ; welche zu Tausenden in grossen 
Netzen, 1 — 3 Meilen ausserhalb der Insel gefangen werden.- Einen 
guten Verdienst verschaffte uns das Sammeln der oben schon er- 
wähnten Vogeleier, am meisten jedoch die Daunen der wilden Eider- 
gänse, welche, nachdem sie gereinigt worden sind, für hohe Preise 
nach Russland verkauft werden. Unsere sämmtlichen Nachbarn, 
welche, wie wir, Inselbewohner sind, ernähren sich durch die 



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— 406 



Fischerei. Neben der Fischerei, welche von den Männern be- 
trieben wird, findet man auch Viehzucht vertreten und befinden 
sich die Eigenthümer im Besitze von drei bis zehn Kühen, zehn 
bis fünfzig Schafen, einigen Ziegen, Schweinen etc. 

Während der neun Wintermonate , in welchen die Kühe in 
den Ställen gefuttert werden müssen, besteht das Futter, da Heu 
dann wenig vorhanden, fast nur aus gekochten Fischen und Fisch- 
suppe, in den Monaten März, April, Mai wird als Viehfutter viel 
Seetang verwendet. 

Für einen Stadtbewohner in südlichen Ländern muss ein 
Leben wie dasjenige in meiner Heimath grauenhaft erscheinen, 
jedoch für diejenigen, die dort wohnen, ist das Leben erträglich 
und giebt es vielleicht manche, die ihr freies Leben im hohen 
Norden nicht mit demjenigen der Grossstädter Europas vertau- 
schen möchten. Nur eins ist nachtheilig, dass wir Inselbewohner 
wenig oder gar keinen Schulunterricht erhalten , während die 
Stadtbewohner dort oben im Norden fast dieselbe Schulordnung 
wie in Deutschland haben. Warum wir Inselbewohner so zurück- 
standen in unsern Schulkenntnisseu , kam einfach daher, dass in 
den neun Wintermonaten die Communikation zwischen den Inseln 
und dem Festlande sehr erschwert war. In den drei Sommer- 
monaten gehen schon Kinder von sieben Jahren mit ihren Eltern 
auf den Fischfang aus, und ist somit keine Zeit und Gelegen- 
heit für ihre anderweitige Ausbildung vorhanden. Es war da- 
mals im Jahre siebenwöchentlicher Schulunterricht für die Insel- 
bewohner angeordnet, aber weil dieser im Frühling und Herbst 
stattfand, so passirte es oft, dass die Eltern mit ihren Kindern 
wegen Sturm und Unwetter gänzlich oder theilweiee verhindert 
wurden, die Insel zu besuchen, wo die Schule abgehalten wurde. 
Was man in den Schulen damals lernte, war hauptsächlich: „Reli- 
gion", Lesen, ein wenig Schreiben und Rechnen, und wenn man die 
Schule bis ins 13. oder 14. Jahr besuchte, hatte man Gelegenheit, einen 
kleinen Begriff von Geographie und Kirchengeschichte zu bekommen. 
Ich will jetloch damit nicht sagen, dass unser hoher Norden sehr 
zurücksteht gegen die südlichen Inselbewohner, welche viel bessere 
Schulen haben, im Gegentheil habe ich bei den meisten meiner 



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407 — 



Bekannten aus raeiuer Jugendzeit ebensoviel Intelligenz und Kennt- 
nisse wie man es bei irgend einem vom Fischfang lebenden Volke 
zu finden vermag, gefunden. Es kommt dies wohl daher, dass alle 
unsere jungen Leute, wie schon oben erwähnt, auf allen ihren Fischerei- 
fahrten, welche sie sowohl nach Süden wie bis zur Küste von Russland 
im Nordosten ausdehnen, in Verkehr mit allerlei Leuten kommen 
und dadurch ihre Kenntnisse erweitern. Die meisten Fischerleute 
sind während der Hälfte des Jahres auf Reisen. Auch lesen die 
Nordländer gern Zeitungen und fast jeder Fischer hält ein bis 
drei verschiedene Blätter, wenn es auch Monate lang dauert, ehe sie 
die Zeitungen aus den Städten oder nächsten Poststationen erhalten. 
Jetzt neuerdings hat fast jede bedeutendere Fischerstation ihre 
Post- und Telegraphenverbindung mit der Aussenwelt. 

Soweit raeine Erinnerung zurückgeht, kann ich nur Kämpfe 
mit dem nassen Elemente, die mein Vater mit seinen Leuten auf 
verschiedenen Fischer-Expeditionen durchzuführen hatte, erwähnen. 
Wiederholt stand das Leben Aller auf dem Spiele durch wüthende 
Winterstürme. Oft kamen Trauernachrichten von Nachbarn, deren 
Boote durch Sturm umgeschlagen waren und deren Insassen ent- 
weder theilweise oder ganz in den Wogen ihr Grab gefunden 
hatten. Ich glaube behaupten zu können , dass ein Drittheil 
unserer männlichen Bevölkerung — ich meine hier die Inselbe- 
wohner — das Grab in den Wellen findet. 

Meiu ältester Bruder, welcher im 15. Lebensjahre zur See 
ging und als Seemann alle Welttheile bereiste und von welchem 
wir lün und wieder Briefe erhielten , bald aus den Vereinigten 
Staaten, aus Peru, Australien, Java, China etc., regte früh auch 
bei mir den Wunsch an, fremde Länder und Völker kennen zu 
lernen. Mein Vater hatte sich einen Schulatlas angeschafft und 
waren wir auf diese Weise im Stande, die verschiedenen Lander 
und Städte, welche mein Bruder besuchte, kennen zu lernen. Ich 
muss gestehen, dass sich mein Vater recht gute geographische 
Kenntnisse dadurch erwarb. Durch rührige Thätigkeit und Spar- 
samkeit hatten meine Eltern ein kleines Vermögen erworben und 
als im Anfang der sechsziger Jahre das Amerikafieber ausbrach 
und zwei unserer Nachbarn ihre Inseln am Eismeer gegen ein 



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wärmeres Heim in irgend einem amerikanischen Staat vertauschen 
wollten, so kaufte ihnen mein Vater diese Inseln ab und da sie 
mit unserer Insel in einer Gruppe befindlich waren, so vermehrte 
6ich unser Besitz dadurch beträchtlich. 

Eines Tages im Frühling 1805, als ich mich mit anderen 
jungen Burschen auf dem höchsten Punkte unserer Insel befand, 
sahen wir plötzlich durch den vorübergehenden Nebel zwei grosse 
Schiffe zwischen den äussersten Felsriffen herumkreuzen. Fast in 
demselben Moment, als wir die Schiffe zu sehen bekamen, lief das 
Eine, ein Barkschiff, auf einen unter dem Wasser befindlichen Felsen, 
während das andere Schiff, in die See steuerte. Natürlich liefen wir 
so schnell uns unsere Beine zu tragen vermochten, nach Hause, 
augenblicklich wurde ein Boot ausgesetzt, in welchem mein Vater, 
mein Schwager und zwei andere Leute Platz nahmen und nach 
dem Wrack hinaus segelten. Von dem höchsten Punkte unserer 
Insel konnten wir viele Fischerboote beobachten, die sich eben- 
falls dem Schiffe näherten. Gegen Abend kehrte mein Vater 
zurück und brachte den zweiten Steuermann und zwei Matrosen 
mit, welche nach Tromsö gehen wollten, einen Schleppdampfer zu 
engagiren, um damit das Schiff vom Felsen" abzubringen. Das 
Schiff war eine Bark von Dundee in Schottland , dasselbe war 
neu, sehr gut eingerichtet und machte die erste Reise nach Ar- 
changel. An demselben Abend begab sich raein Vater mit einem 
unserer jungen Leute nach Tromsö, während die anderen elf Maun 
der Schiffsbesatzung trotz allen Waruens meines Vaters das Schiff 
nicht verlassen wollten. Am andern Morgen fing es an, heftig 
zu stürmen und konnten wir schon früh die Nothsignale der 
Schiffsbesatzung bemerken. Verschiedene Fischerleute versuchten 
sich dem Wrack zu nähern, es war indessen nicht möglich, denn die 
See war heftig erregt und umtobte die unter dem Wasser liegenden 
Felsriffe, auf welche die Wellen jetzt mit kolossaler Gewalt schlugen 
und konnte sich deshalb kein Boot dem Schiffe nähern. Es hatte 
das Aussehen, als müsste die ganze Mannschaft des Schiffes zu 
Grunde gehen. Die Wellen hatten bald die Boote, welche zum 
Schiffe gehörten, zerschlagen. Die Masten waren über Bord ge- 
fallen und sahen wir eiu, dass in wenigen Stunden keine Spur 



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409 - 



vom Schiffe vorhanden sein würde. Meine Mutter und Schwestern, 
welche bisher Zuschauerinnen gewesen waren, baten mit Thräneu 
in den Augen meinen jungen Schwager, welcher ein tüchtiger 
Seemann war, einen Versuch zu machen, die armen Schiffbrüchigen 
zu retten. Mein Schwager hatte nur einen jungen Mann zur Ver- 
fügung, indessen ein Versuch musste gemacht werden und nahm 
raein Schwager daher das grösste unserer Boote, mit welchem er 
dem Wrack zusegelte. Unsere Besorgniss, die wir als müssige 
Zuschauer dabei entwickelten, war ausserordentlich gross, da 
die Wogen auf eine halbe Meile im Umkreise des Schiffes sich 
brachen und wegen des Sturmes und hohen Seeganges das 
Schiff fast unnahbar war. Es gelang indessen meinem Schwager, 
die elf Schiffbrüchigen vom Schiff abzuholen und glücklich an 
Land zu bringen. Der Capitain war in Folge vielen Wasser- 
schluckens besinnungslos, auch hatte die ganze Mannschaft durch 
eingeschlucktes Wasser sehr gelitten. Eine halbe Stunde später 
wäre Niemand mehr zu retten gewesen, da dann keine Spur mehr 
von dem Schiffe vorhanden war. Meine Mutter, sowie mein 
Schwager und der junge Mann, welche zur Kettung ausgefaliren 
waren, erhielten später von der englischen Regierung durch den 
britischen Consul in Tronisö jeder einen grossen silbernen Auf- 
gebelöffel mit folgender Inschrift „For Edel Doad" — d. h. „für 
edle Thaten". 

Im Sommer 1SG6 kam mein älterer Bruder von seiner weiten 
Reise zurück. Die Freude des Wiedersehens war gross, denn er 
hatte acht Jahre hindurch seine Heimath nicht gesehen; es traf 
sich, dass er einige Tage nach seiner Ankunft einen Spaziergang 
nach dem höchsten Punkte unserer Insel machte, von wo aus 
mau eine prächtige Aussicht über das Eismeer hat und nichts 
anderes als Himmel und Wasser von Südwest nach West und 
von Norden bis Nordost sieht. 

Mein Bruder hatte ein Fernrohr mitgenommen, durch welches 
er meilenweit in der See grosse Gegenstände herumtreiben sah. Er 
eilte mit der Nachricht zurück, durch welche Alle in Aufregung ge- 
riethen, was dieses wohl sein könnte. Ein Boot wurde schleunigst 
bemannt, mein Vater, mein älterer Bruder und zwei Knechte 



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410 



steuerten noch denselben Abend in die See, um die Sache zu 
untersuchen. Ich war damals zwölf Jahre alt und kann mich 
besinnen, dass keiner von uns, ich sowohl wie meine Mutter und 
Schwestern, ein Auge während der Nacht geschlossen haben. Beim 
ersten Zeichen des Tageslichtes am andern Morgen begab ich mich 
mit meinen Schwestern und mit dem Fernrohr bewaffnet auf die 
höchst gelegene Spitze der Insel, von wo aus ich bald das Boot * 
meines Vaters und im Schlepptau desselben einen grossen todten 
Walfisch entdeckte; das Ungeheuer sah aus wie eine kleine Insel, 
denn er war bereits durch entwickelte Gase aufgeschwollen. Ich 
lief schnell nacli unserem Hause, und mit Hilfe meiner Schwestern 
und des Dienstmädchens Hessen wir ein Boot ins Wasser, und da 
keine männliche Hilfe auf der Insel sich befand, so mussten zwei 
meiner Schwestern und das Dienstmädchen mit in das Boot gehen, 
mit welchem wir unserem Vater zu Hilfe zu gehen beabsichtig- 
ten , denn es fing an, stürmisches Wetter zu werden. Kaum 
waren wir in die offene See gekommen, so musste das Segel ge- 
refft werden, bei welcher Gelegenheit meine Schwestern sich nicht 
gerade als tüchtige Seeleute bewährten, denn bei jeder Welle, die 
sich über uns ergoss, ertönte ihr Geschrei. Ich war so beschäftigt 
durch Aufpassen auf das Segel, Ausschöpfen des Wassers und 
Steuern des Bootes, dass ich mich mit ihnen nicht viel abgeben 
konnte; nach einer kurzen Fahrt erreichten wir unseres Vaters 
Boot und erhielten ein Tau zugeworfen, an welchem der Wal- 
fisch befestigt war, und nach einigen Stunden scharfen Segeins 
gelang es uns, auf einer Nachbarinsel unsere Beute und uns 
in Sicherheit zu bringen. Ich war nicht wenig stolz auf diese 
raeine Bootsfahrt als selbständiger Führer. 

Im Herbst desselben Jahres kaufte mein Vater ein kleines 
Schiff, welches mein älterer Bruder befehligte. Das Schiff war neu, 
ein guter Segler und war genannt nach Frithjofs berühmtem 
Schiff Elida. Das Schiff wurde ausgestattet, um Fische einzu- 
kaufen. Ich bekam von meinen Eltern die Erlaubniss, mitzu- 
gehen. Meine erste Beschäftigung an Bord des Schiffes war die- 
jenige eines Cabinenjungen. Im März 18G7 reisten wir von unserer 
Heimath ab und besuchten die grösseren Fischerstationen, wo wir 



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— 411 - 



Fische theils kauften, theils selbst fingen. Indessen war der Fang 
nicht sehr ergiebig, und machten wir daher keine grossen Geschäfte. 
Ende Mai kehrten wir in unsere Heimath zurück, und wurde das 
Schiff ausgerüstet, um nach Spitzbergen zu gehen. Ich bekam 
aber keine Erlaubniss, diese Reise mitzumachen. Mein Bruder 
machte auf Spitzbergen recht gute Geschäfte und kehrte Anfangs 
September nach Norwegen zurück. Ende September wurde das 
Schiff wieder ausgerüstet, um bei den Lofoten-Inseln Heringe ein- 
zukaufen. Ich ging mit; wir hatten aber wenig Glück, denn es 
wurden in diesem Jahr nur wenig Heringe gefangen, und kehrten 
wir daher nach Weihnachten in unsere Heimath zurück. 

Im Februar 18G8 ging unser Schiff wieder mit acht Mann 
Besatzung und zwei Fischerbooten nach Finnmarken, um Fische 
einzukaufen und einzufangen. Einige Tage, nachdem wir unsere 
Heimath verlassen hatten, überfiel uns plötzlich ein Sturm, wobei 
unsere Fischerboote von den Wellen gefüllt wurden und sanken. 
Bei dieser Gelegenheit ertranken zwei von unseren Leuten, trotz- 
dem wir uns Mühe gaben, dieselben zu retten. Einer dieser jungen 
Leute war ein Freund von mir, und waren wir durch dieses Un- 
glück sehr erschüttert. Ich musste zurückkehren, um neue Leute 
zu engagiren. Dieses Jahr zeichnete sich durch viele Stürme aus. 
Die Fischerei wurde von uns mit viel Glück an der russisch- 
murmanischeu Küste betrieben, und gingen deshalb viele von un- 
seren norwegischen Fischerleutcn mit Booten sowohl wie Schiffen 
hinüber, um Fische einzufangen und zu kaufen. Wir hatten uns 
vorgenommen, dorthin zu segeln, wurden aber durch Zufall hieran 
verhindert An der murmanischen Küste wie an der norwegischen 
östlich vom Nord-Cap sind nur wenige gute Häfen, und es schei- 
tern daher sehr viele Fischerboote und Schiffe in dieser von 
Stürmen so sehr heimgesuchten Gegend. Auch dieses Jahr traf 
ein orkanartiger Sturm ein, wobei viele Schiffe und Boote unter- 
gingen. Viele unserer Bekannten ertranken bei dieser Gelegenheit 

Wir befanden uns während des Orkaus in einem Hafen der 
norwegischen Seite und waren so glücklich, unser Schiff zu er- 
halten. Diejenigen, welche der Sturm verschonte, wurden von den 
dort wohnenden Russen ausgeplündert. Im Anfang Juni kehrten 



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— 412 — 



wir wieder in unsere Heimath zurück. Mein älterer Bruder, wel- 
cher eine Stellung in Hamburg angenommen hatte, reiste dorthin 
ab; ein Capitain, dessen Schiff im schon erwähnten Sturm verloren 
ging, erhielt den Befehl über unser Schiff. Mitte Juni segelten 
wir nach Spitzbergen ab. Nach ein paar Tagen trafen wir Polar- 
eis in der Nähe der Bären-Insel an. Hier wären wir fast ver- 
loren gewesen, indem wir vor Nebel die Insel nicht sehen konnten, 
kamen aber ohne Schaden davon. 

Wir kreuzten an der Westseite von Spitzbergen den ganzen 
Sommer herum und landeten oft in einem der tiefen Fjorde, wo die 
Rennthierjagd sehr ergiebig ist Diese Jagd ist äusserst interessant 
und aufregend, wenn auch mit vielen Strapazen verbunden, denn 
man muss die erlegten Thiere manchmal 2 — 4 deutsche Meilen 
weit vom Gebirge bis zur Küste hinabschleppen. Trotzdem ich 
noch sehr jung war, habe ich mich mit vielem Eifer an der Jagd 
betheiligt, und wenn wir nach erlegter Beute Abends bei dem Feuer 
sassen und unsere Rennthierstücke schmorten, fühlte ich mich 
freier und glücklicher wie irgend ein Mensch. Vor dem Schlafen- 
gehen wurde das Boot umgekehrt und diente Nachts als Zelt 
Auf Spitzbergen werden hauptsächlich Robben, Walross, Weisswal, 
Polarbären und viele Leberhaie, die sogenannten Haakj erring, 
welche eine Länge von 8 — 15 Fuss erreichen, gefangen, sowie 
Eiderdaunen gefunden; neuerdings werden auch viele Dorsche ge- 
fangen. Das Land hat wenig Vegetation, so wenig, dass man 
sich oft fragt, wovon die Rennthiere eigentlich leben. Es giebt 
auf Spitzbergen viel Steinkohle, sie ist nur von geringer Qualität 

Die Jagd auf Spitzbergen wird jetzt nur von Norwegern be- 
trieben, während früher die Holländer, die Engländer und auch 
Russen dort Stationen errichtet hatten. Von diesen Leuten sind 
noch manche Ueberreste da und bestehen dieselben meistens aus 
gebleichten Gebeinen, denn viele Männer sind dort am Skorbut 
gestorben. 

Die folgenden Jahre bis zum Herbst 1869 ging ich während 
des Sommers nach Spitzbergen und wanderte jedesmal im 
Herbst nach Norwegen zurück. Ich hatte mich in diesen drei 
Jahren als Seemann ausgebildet so dass ich eben dieselben Arbeiten 



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auszuführen vermochte wie alte Seeleute. Im Winter 1870 wan- 
derten viele Leute aus Tromsö und Umgegend nach Queensland 
in Australien und unter anderen auch unser bisheriger Capitain. 
Es war gerade Mangel an Capitainen und war mein Vater sehr 
besorgt, einen Schiffst uhrer zu erhalten, welcher die Interessen unseres 
Hauses gehörig wahrnehmen würde. Eines Tages, als wieder die 
Rede davon war, sagte ich meinem Vater, dass ich diesen Posten 
übernehmen würde. Mein Vater meinte zwar, ich sei hierzu noch 
zu jung, um selbständig ein Schiff zu fuhren, Leute zu befeh- 
ligen, indessen, ich beharrte bei meinem ausgesprochenen Wunsch 
und wurde schleunigst nach Tromsö gesandt, um die dortige Navi- 
gationsschule zu besuchen. Gleichzeitig mit mir gingen Hans und 
Sören Johansen mit anderen jungen Leuten, welche sich später 
als Polarreisende Ruhm erworben haben (Hans Johansen machte 
wie bekannt später als Capitain des Dampfers „Lena" mit Nor- 
denskiöld eine Fahrt nach Sibirien). Im April 1870 hatte ich 
nach vieler Mühe endlich die Mannschaft zusammengebracht, da 
man zu mir, damals sechszehnjährigem Jüngling, nur wenig Ver- 
trauen hatte, auch wollte die Assecurauz wegen meiner Jugend 
die Versicherung des Schiffes nicht übernehmen. Am 19. April 
segelten wir ab, hielten uns auf den grossen Banken zwischen 
Spitzbergen und Norwegen auf und muss ich bekennen, dass ich 
vom Glücke recht begünstigt wurde, denn schon im Anfang Juni 
desselben Jahres war ich mit einem recht bedeutendem Fange in 
meine Heimath zurückgekehrt. Wir löschten schleunigst und segelten 
Ende Juli abermals ab, diesmal aber nach Spitzbergen. Mitte Sep- 
tember kehrten wir zurück mit voller reicher Ladung, zu welcher die 
mitgenommenen Fässer nicht ausreichton, so dass die von den Robben 
gewonnene Beute: Speck, Häute u. s. w. in Säcke verpackt ' werden 
musste. Schon ausserhalb der norwegischen Küste erhielten wir 
die Nachricht von dem Kriege zwischen Deutschland und Frankreich, 
von der für Frankreich verhängnisvollen Schlacht bei Sedan, sowie 
Napoleon's Gefangennahme etc. Diesen Herbst kam raein ältester 
Bruder von Hamburg nach Hause zum Besuch und bei seiner Abreise 
nach einem Aufenthalte von einem Monate spürte ich grosse Lust 
ihn zu begleiten. Indessen meine Zeit erlaubte es damals nicht. 



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Im Jalirc 1871 brachte ich ebenfalls deu Sommer auf Spitz- 
bergen zu. Im Sommer 1872 ging Nordenskiöld, wie bekannt, 
nach Spitzbergen, wo er überwinterte. Dieses Jahr war für viele 
Schiffer unserer Gegend verhängnisvoll, denn sechs unserer kleinen 
Schiffe mit ca. GO Mann Besatzung wurden vom Eise eingeschlossen. 
Ende November gelang es ein Schiff, worin sich 40 Mann be- 
fanden, vom Eise zu befreien und kam die Besatzung im November 
desselben Jahres halb verhungert nach Norwegen zurück. 20 Mann, 
welche in eine andere Gegend gezogen waren, starben im Laufe 
des Winters am Skorbut. Ich war diesen Sommer im südlichen 
Theil von Spitzbergen und entging auf diese Weise der Katastrophe, 
da im Süden verhältnismässig nur wenig Eis vorhanden war. 
1873 und 1874 verlebte ich ebenfalls an den Banken zwischen 
Spitzbergen und Norwegen, wo wir Haifische fiugen, die in 
diesem Jahre sehr zahlreich waren. Mein Schwager hatte ein 
Schiff gekauft und machte sehr gute Geschäfte. Nach meiner 
Zurückkunft von Spitzbergen im Herbst 1874 cntschloss ich mich, 
meinen Bruder in Hamburg zu besuchen, reiste im Anfang October 
von Norwegen ab und traf am 2G. October in Hamburg ein. 
Mein Bruder rieth mir, in sein kaufmännisches Geschäft einzu- 
treten, ich that dies, schrieb an meinen Vater nach Norwegen, 
dass ich nicht mehr zurückkommen würde und wurde des- 
halb unser Schiff verkauft. Ich blieb also den Winter über in 
Hamburg, wo ich die deutsche Sprache einigermassen erlernte. 
Im Sommer 1875 fühlte ich, dass mein Beruf nicht der kauf- 
männische wäre, denn ich hatte Sehnsucht nach dem Wasser und 
nach Reisen und so sah ich mich danach um, irgend einen frem- 
den Welttheil zu bereisen. Ein norwegischer Capitain, der mit 
seinem Schiffe im Herbste in Hamburg lag, rieth mir, mit ihm 
nach Süd-Amerika zu gehen und da ich nichts anderes vor hatte, 
so entschloss ich mich, ihn zu begleiten. Wir reisten am 13. Januar 
1876 von Hamburg ab und langten am 14. Mai wohlbehalten in 
Valparaiso an. Nachdem ich von meinem Landsmann, Capitain 
Olsen, herzlichen Abschied genommen, nahm ich in Ermangelung 
anderweitiger Entfaltung meiner Thätigkeit als Steuermann auf der 
Barke „Emilie" aus Valparaiso Stellung; indessen ich muss ge- 



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stehen, dass dieses die unangenehmste Stellung meines Leben» 
war, denn die Chilenen als Matrosen sind ftir Europäer unbrauch- 
bar und ein Umgang mit diesen Leute fast unmöglich. Ich gab 
daher meinen Posten als Steuermann bald auf und trat jetzt in 
den Dienst eines schwedischen Bäckers, welcher sein Hauptge- 
schäft in Iquique (Peru) hatte und in Valparaiso eine Filiale be- 
sass, welcher ich als Aufseher vorstand. Ich hatte gleich bei 
meiner Ankunft in Chili gesehen, dass das Meer sehr fischreich 
war und entschloss mich dort ein Fischerei-Geschäft zu etablireu. 
Ich kaufte ein Fischerboot nebst den dazu gehörenden Geräthen 
und engagirte einen Schweden und einen Dänen als Partner. 
Indessen unser Unternehmen sollte nicht nach unserem Wunsche 
ausfallen, die Regierung machte uns gleich von vornherein da- 
durch Schwierigkeiten, dass wir als Fremde den Eingeborenen 
den Erwerb durch Fischerei nicht schmälern durften und was 
noch schlimmer war, wir durften den Hafen wegen der Zoll- 
gesetze von Sonnenuntergang bis Sonneuaufgaug nicht verlassen, 
bei Tage aber ist der Fischfang nur gering, daher verloren meine 
beiden Collegen bald den Muth, kauften sich jeder einen Maulesel 
und setzten über die Cordilleren, während ich das Boot und die 
Fischerei-Geräthe verkaufte, resp. verschenkte und mich nach 
anderer Beschäftigung umsah. Valparaiso ist, wie bekannt, der 
grösste Seehafen Chiles; alle Schiffe, welche westseits Cap Horn 
Havarie leiden, müssen nach Valparaiso, um dort ausgebessert zu 
werden. Daselbst befinden sich zur Aufnahme der zu reparirenden 
Schiffe mehrere Docks und schloss ich mit den Capitainen der 
havarirten Schiffe Verträge ab behufs Ausfuhrung der Maler- und 
Anstreicherarbeiten etc., engagirte als Arbeiter Matrosen aus dem 
dortigen Verdingshause, wenn dieselben keine andere Beschäftigung 
hatten, und verdiente bei diesem Geschäft täglich 5 — 6 Dollars. 
Im November 1876 kam ein norwegisches beschädigtes Schiff 
nach Valparaiso, dessen Capitain und Steuerleute ich kannte. 
Das Schiff war nach Hamburg bestimmt und entschloss ich mich, 
mit nach Europa zu gehen. 

Wir segelten im November ab und landeten in Hamburg Mitte 
Februar. Mein ältester Bruder hatte sich während meines Auf- 



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— 416 — 



enthaltes in Chile zum zweiten Male verheirathet, und lud er und 
seine Frau mich ein, bei ihnen einige Wochen als Gast zu ver- 
weilen. Ich nahm dieses Anerbieten an. Eines Tages hörte ich 
von einem Landsmanne, welcher damals in Hamburg sechs Eis- 
bären verkauft hatte, dass Herr Carl Hagenbeck einem Capitain 
den Auftrag gegeben hatte, womöglich eine Collection ethnogra- 
phischer Gegenstände mit sammt einer Eskimo-Familie aus Grön- 
land nach Europa mitzubringen. Da ich nun ganz bestimmt wusste, 
dass der Capitain, welcher nach Nowaja-Semlja ging, nicht Eski- 
mos bringen konnte, so dachte ich, es wäre Gelegenheit für mich, 
diese Leute zu holen, ging zu Herrn Hagenbeck, stellte mich 
demselben vor und bewarb mich um diesen Auftrag. Herr Hagen- 
beck meinte, dass wenn ich irgend welche Aussicht hätte Eskimos 
zu bringen, so wäre er gern bereit, mir den Auftrag zu ertheilen. 
Ich begab mich also denselben Abend nach Kopenhagen, weil ich 
wusste, dass von hier die einzigste Gelegenheit nach Grönland sein 
würde. Zunächst ging ich zu der Kriolith-Compagnie-Direction. 
Ich theilte dem Director meinen Plan mit, der rieth mir aber 
entschieden ab, und sagte, es dürften ohne Erlaubniss der Regierung 
keine Leute in Grönland landen. Ich ging also zu der Königlich 
Dänisch-Grönländischen-Handels-Direction, dessen Director damals 
der berühmte Grönlandsforscher Herr Rink war und legte ihm 
unseren Plan vor. Derselbe sagte, dass Herr Hagenbeck einen 
Antrag an die Dänische Regierung deshalb zu machen habe, weil 
es für wissenschaftliche Zwecke bestimmt war, so wäre es möglich, 
dass die Regierung meinen Vorschlag genehmigen würde. Herr Rink 
schien nicht Lust zu haben, eine Grönländer-Familie herkommen zu 
lassen. Ich begab mich gleich nach Hamburg zurück und theilte 
Herrn Hagenbeck das Resultat mit Letzterer schrieb sogleich an 
die Dänische Regierung und nach drei Wochen erhielten wir die Er- 
laubniss. Ich rüstete mich gleich aus zur Reise und ging im April 
nach Kopenhagen, um mich von dort aus mit einem der König- 
lich Dänischen Handelsschiffe nach West-Grönland zu begeben. 
Anfang Mai 1877 segelte ich von Kopenhagen mit einer alten 
Dänischen Brigg, der „Walfisch" genannt, der damals seine 84. Reise 
nach Grönland machte, ab. Wir hatten viel Gegenwind, so dass wir 



4 



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417 



erst Mitte Juni die Westküste von Grönland und erst am 6. Juli 
die Handelsstation Omenak erreichten. Ich machte sofort ethno- 
graphische Sammlungen bei den dort wohnenden Eskimos, eine 
Familie nach Europa zu engagiren, war mir indess hierselbst 
nicht möglich. Am 12. Juli traf ich den Gouverneur, oder wie 
er dort genannt wird, Inspektor; ich legte ihm meine Legiti- 
mationepapiere vor und ersuchte ihn, mich in meiner Angelegenheit 
zu unterstützen, er schien jedoch wenig Lust hierzu zu verspüren, 
besonders da ich die Leute nach Deutschland befordern wollte. 
Am 17. Juli ging ich mit der Bark „Thorwaldsen" nach Diskobay 
weil ich sah, es sei ein Ding der Unmöglichkeit, von hier aus 
Leute zu erhalten. Am 20. Juli langten wir in Godhavn an, wo 
der Inspektor, welcher uns bis hierher begleitet hatte, an Land 
stieg. Am 22. Juli langten wir in Jacobshavn an. Hier machte 
ich die Bekanntschaft eines Dr. von Häven, sowie des dortigen 
Missionairs Rasmussen und des dortigen Kaufmanns Fleischer; 
diese drei Herren zeigteu sich sehr freundlich und versprachen mir 
Unterstützung meiner Pläne. Die ersten acht Tage hatte ich wenig 
Aussicht auch von hier Leute zu erhalten, aber uachdem ich mit den 
Eskimos mehr bekannt geworden war, wurden auch die Aussichten 
günstiger. AU ich die Gewissheit erhalten hatte, dass ich Leute 
von dort nach Europa bekommen würde, fing ich an ethnographische 
Gegenstande zu beschaffen, kaufte grosse und kleine Fellboote, 
Zelte, Hunde, Schlitten, Jagd- und Fischereigeräthe, Schmuckgegen- 
stande, Kleider, Wirthschaftsgeräthe etc. Am l. r >. August langte 
die alte Brigg „Walfisch" in Jacobshavn an und sicherte ich mir 
sofort Plätze für mich und ineine hier engagirten sechs Eskimos. 
Der Inspector war mit dem „Walfisch" gekommen und schloss die 
Contracte für die Eskimos ab. Am 21. August hatte ich alle 
meine Sachen an Bord und unter Begleitung einiger Hundert Eski- 
mos, die ihre Brüder bis zum letzten Augenblick sehen wollten, 
bugsirten wir unser Schiff zwischen den mächtigen Eisbergen, welche 
bis 300 Fuss den Meeresspiegel überragen, auf die See hinaus. 
Meine Eskimos waren so betrübt beim Abschied, dass sie fast Lust 
hatten, wieder umzukehren. Am 26. September langten wir wohl- 
behalten in Kopenhagen und drei Tage später in Hamburg an. 

A. W o 1 d t , Capitln Jacob*™'* Kol*». 27 



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418 



Wir hielten uns in Hamburg vom 29. September bis 23. October 
auf, wo wir viel Erfolg hatten, indem Tausende von Hamburgern die 
Gelegenheit benutzten, Eskimos zum ersten Male in Europa zu sehen. 
Am 26. October langten wir in Paris an, wo wir Engagement 
fanden im Jardin d'Acclimatation. Auch hier erregten wir Auf- 
sehen, besonders wurden die Eskimos beim Fahren mit ihren 
Hundeschlitten, sowie in ihren kleinen Fellbooten bewundert. Nie- 
mals war eine so vollständige ethnographische Sammlung in Paris 
gezeigt worden. In Paris blieben wir bis zum 17. Januar und 
gingen dann nach Brüssel. Hierauf besuchten wir die Städte 
Coln a. Rh., Berlin, Dresden, Hamburg und Kopenhagen. Die 
Eskimos hatten einen Ueberschuss von G00 Kronen aufgespart, 
und übertraf dieser Betrag ganz und gar ihre Erwartungen. Am 
14. Mai des nächsten Jahres gingen sie von Kopenhagen nach 
ihrer Heimath ab, wo sie Mitte Juli desselben Jahres wohlbehalten 
eingetroffen sind. 

Am 14. Juni begab ich mich im Auftrage des Hrn. Hagen - 
beck nach Lappland, um von dort eine ethnographische Sammlung 
nebst Rennthieren und Lappländern nach Deutschland zu bringen. 
Am 26. Juni langte ich in meiner lieben Heimath Tromsö an; 
nach einem Aufenthalte daselbst von zwei Tagen begab ich mich 
nach den Stätten, wo sich viele Lappländer mit ihren Rennthieren 
aufhalten, schloss Contracte mit den Lappländern, mir 40 Renn- 
thiere zu überlassen, welche ich bei meiner Rückkehr aus dem 
Norden abholen wollte. Ich besuchte meine Heimath Risö am 
2. Juli und verweilte daselbst zwei Tage. Mein Schwager be- 
gleitete mich nach Hammerfest, wo wir am 8. Juli eintrafen. 
Dort habe ich bis zum 15. Juli auf eine passende Gelegenheit 
gewartet, um nach dem tief sich ins Land schneidenden Fjord 
Porsanger, von wo aus der kürzeste Weg nach zwei Lappläuder- 
dörfern, nämlich Karasjok und Kautokeino sich befindet, zu ge- 
langen. Am 16. Juli langte ich in Fjord Porsanger an und 
machte dort sogleich Station an einer Stelle, wo eine Telegraphen- 
station errichtet war. Von hier aus machte ich Streifzüge nach allen 
Richtungen, wo Lappländer ihre Lager aufgeschlagen hatten, kaufte, 
sammelte und bestellte verschiedene Modelle, Kleidungsstücke u. s. w. 



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— 419 



Ende Juli traf ich oben in den Gebirgen ein grosses lappisches 
Lager, wo ich zur Reise nach Deutschland neun Personen engagirte; 
es befanden sich hierunter drei Frauen, vier erwachsene Männer 
und zwei Knaben. Am 16. August hatte ich sämmtliche Leute 
und die ethnographische Sammlung bei mir und bestieg den Küsten- 
dampfer. 

Am 26. August langte ich in Bergen an. Hier war grade 
ein Circus (Leonhardt), und beschloss ich, meine Lappländer 
Abends in deu Circus zu fuhren. Die Lappländer blickten sich 
verwundert um, und da sie so viele Menschen sahen, so nahmen 
sie ihre Mützen ab, denn sie glaubten, sie befanden sich in einer 
Kirche. Als ein Schimmel in die Manege hineingesprungen kam, 
bekamen die Lappländer Angst und brachen sich durch das Zu- 
schauerpublikum einen Weg bis zur Gallerie hinauf, wobei sie 
sich umwandten, um nachzusehen, ob der Schimmel sie bis dahin 
verfolgt habe. Als sie aber sahen, dass das Pferd nicht nachkam, 
beruhigten sie sich, freuten sich insbesondere über die Leistungen 
der Clowns, welchen sie auf ihre Art den lebhaftesten Beifall 
spendeten, wodurch natürlich das Publikum mehr Auge und Ohr 
für die au solche Genüsse nicht gewöhnten Lappländer, als für 
die Künstler hatte. 

Am 31. August Abends langte ich in Hainburg an und 
besuchte mit den Lappen später die Städte Hannover, Paris, 
Lille, Brüssel, Düsseldorf, Berlin, Dresden. In Dresden erhielt 
ich von Hrn. Hagenbeck Ordre, nach Hamburg zu kommen, 
um von dort aus nach Havre zu reisen, wo er drei Patagonier, 
Mann, Frau und Kind, mit einem deutschen Dampfer erwartete. 
Mit diesen besuchte ich Hamburg, Dresden, Berlin, und kehrten 
die Leute bald darauf nach ihrer Heimath zurück. Als ich mit 
den Patagoniern nach Hamburg kam, traf ich gleichzeitig meine 
Lappländer, welche auf ihrer Heimreise waren. Bei der Begegnung 
der Lappländer und Patagonier fand eine drollige Scene statt. 
Unser Patagonier behauptete nämlich, er kenne die Lappländer, 
und habe sie in den Cordilleras gesehen, verlangte vor den 
Häuptling dieses Volkes gefuhrt zu werden, um ihn zu be- 
grüssen. Ich that dies, und sofort machten unsere guten Patagonier 

27* 



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420 



die bei ihnen gebräuchlichen Begrüssungsceremonien, welche mehr 
als zehn Minuten durch die verschiedenartigen Beugungen und 
Krümmungen des Körpers erforderten. Die Lappländer, welchen 
dieses Verfahren, jemand zu begrüssen, ganz neu war, sahen die 
Patagonier verwundert an. Der älteste und intelligenteste der 
Lappländer übernahm es, nachdem der Patagonier seine Begrüssung 
beendet hatte, dieselbe zu erwiedem. Er ahmte hierbei scherzweise 
dieselben Gesichtszüge und Bewegungen nach, von welchen der 
Patagonier, nicht ahnend, dass die Lappländer ihn zum Besten 
hielten, annahm, dass diese Begrüssungsform bei diesem Volke 
gebräuchlich war. Nach der Begrüssung gaben sich Beide die 
Häüde, und hiermit wurde die Sitzung, in welcher Einer den 
Andern nicht verstanden hatte, geschlossen. 

Seit Jahren war es Hru. Hagenbeck's und mein Plan 
gewesen, ein eigenes kleines Schiff zu besitzen, um damit Reisen 
in alle Weltgegenden zum Zwecke des Einsammelns ethnographi- 
scher Gegenstande zu unternehmen, und ging ich Mitte November 
nach Norwegen, wo ich December 1879 ein Schiff kaufte. Da 
wir als Ziel unserer ersten Reise Grönland und die Nordostküste 
von Amerika bestimmt hatten, so Hess ich das Schiff zu einer 
Polarfahrt einrichten. 

Am 27. April segelten wir von Hamburg ab, hatten aber am 
Anfange viel Gegenwind und ging die Reise nur langsam vor- 
wärts. Wir hatten Robben- und Walfanger an Bord, indem wir 
hofften, bei Grönland uns an dem Robbenfang betheiligen zu können. 
Ich wurde unterwegs, schon längere Zeit mich unwohl fühlend, 
ernstlich krank und bekam kaltes Fieber. Am 29. Mai sahen wir 
die nordwestliche Küste von Grönland, und ein paar Tage später 
trafen wir mit der norwegischen Robbenschläger-Gesellschaft, aus 
etwa 20 — 30 Dampfern und Segelschiffen bestehend, zusammen. 
Ich war so krank, dass ich kaum wusste, was vorging. Hierzu 
kamen heftige Stürme und Nebel, so dass wir beim Robbenfang 
ein nur geringes Resultat erzielten. Am 21. Juni befanden wir 
uns vor der Ostküste von Grönland und hatten uns ihr auf etwa 
vier deutsche Meilen genähert, als wir durch einen plötzlich herauf- 
gekommenen dichten Nebel, sowie starkes Eis verhindert wurden, 



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421 - 



unsere Reise fortzusetzen. Vom Schiffsmast konnte ich einige 
kleine Inseln sehen sowie einen Fjord, der sich landeinwärts er- 
streckte. Ende Juni segelten wir nach Nordwest-Grönland und 
langten am 6. Juli in Jacobshavn an, von wo ich von 1877 zu 
78 die Eskimofamilie nach Europa brachte. Ich wurde von den 
Eingeborenen mit grossem Jubel begrüsst, besonders von denen, 
welche bereits die Rundreise mit mir in Europa gemacht hatten, 
und waren sie sehr bereit, wieder nach Europa zu gehen. Als 
jedoch der dortige Inspektor dies untersagte und sogar meine 
ethnologische Sammlung beschränkte, war ich gezwungen, am 
20. Juli wieder abzusegeln und wandte meinen Cours nach dem 
Grönland gegenüberliegenden Cumberland. Indessen die Eisver- 
hältnisse erlaubten es nicht zu landen, und schlugen wir uns 
durch Eis und Stürme herum bis 8. August. Daun gab ich es 
auf, die Nordostküste von Cumberland zu erreichen und wandte 
mich nach Labrador, wo ich am 11. August im Hafen von Hebron, 
einer Missionsstation der Herrenhuter Brüdergemeinde, landete. 
Hier sammelte ich unter den eingeborenen Eskimos verschiedene 
ethnographische Gegenstände, besonders machte ich reiche Grab- 
funde. Eine Familie nach Europa zu engagiren war indess nicht 
möglich, indem die dortigen deutschen Missionäre, welche mir 
sonst freundlich entgegenkamen, die Eskimos abredeten, nach 
Europa zu gehen. Es gelang mir jedoch, einen jungen intelligenten 
Eskimo als Lotse und Dolmetscher zu engagiren, und segelten 
wir am 16. August die Küste entlaug nordwärts. Nach vieler 
Mühe hatte ich den Erfolg, eine heidnische Eskimofamilie aus 
dem Norden zu engagiren, und da nun mein Lotse mir versprochen 
hatte, mit seiner Familie mich nach Europa zu begleiten, so kehrte 
ich nach Hebron zurück; der Eskimolotse holte seine Frau, zwei 
Kinder und eine Bekannte und konnte nun die Heimreise an- 
getreten werden. Wir hatten, günstigen Wind und langten schon 
am 24. Septeml>er in Hamburg an. Wir machten unsere erste 
Ausstellung in Hamburg, verweilten dort bis zum 27. October 
und gingen dann nach Berlin. Hier producirten wir uns im 
zoologischen Garten bis 15. November, gingen dann nach Prag, 
wo wir uns bis 29. November aufhielten. Sowohl in Hamburg 



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— 422 

wie in Berlin und Prag erregten unsere Eskimos grosses Aufsehen. 
Am 30. November siedelten wir nach Frankfurt a. M. über, wo 
wir uns bis zum 13. December aufhielten, besuchten dann später 
Darmstadt und Crefeld und gingen nach Paris, wo wir im Januar 
1881 eintrafen. Die Unglücksfalle und Krankheiten, welche un- 
serer Expedition betrafen, sind wohl bekannt, dass eine Erwähnung 
derselben unnothig erscheint. Auch ich war so krank, dass ich 
bis 16. März in Frankreich verweilen musste, kehrte am 17. März, 
nach Hamburg zurück, von wo ich mehrere Geschäftsreisen für 
Hrn. Hagen beck nach England unternahm. Von unserem Schiffe 
konnten wir keinen richtigen Gebrauch machen, und erbot ich mich, 
für das königliche ethnographische Museum in Berlin eine Samin- 
lungsreise zu unternehmen. Mein Auerbieten wurde angenommen, 
und so reiste ich mit den Instructionen des königlichen Museums 
im Auftrage des „Hilfscomites" vom Sommer 1881 bis Ende 1883 
nach Nordwestamerika und Alaska. Von dort zurückgekehrt, war 
ich mit dem Registriren meiner aus G — 7000 Nummern bestehenden 
Sammlung und der Bearbeitung meiner Reisetagebücher während 
einiger Monate thütig und befinde mich nunmehr wieder in dem- 
selben Auftrage auf der Reise durch Europa und Asien, um die 
Amurländer zu besuchen und dort ethnographische Sammhingen 
zu machen. 



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Alphabetisches Namens- Verzeichnis». 



Adematzenskv 3. r >9. 

Ailnek 286—288. 

Afognak 3_JjL 311L 

Agalik 345. 

Airolaremuten 344. 

A hauset 79. 

Ahts- Indianer ZA. 

Ahtstribus 7JL 

Akedaknak 3fiL 37JL 

Akoraraeran 29G. 

Akpak 2J_L 

Akulerpnk 331. 

Akun 1ÜL 

Akutan (Insel) L4JL 

Akutan-Pass 1 49. 

Alaska ßiL 143—396. 

Alaska Commercial-Cornpany 143. 13JL 
155—158. 15L 1«7. 172. 173. 179. 
180. 182—186. 100. 201. 202.216. 
223. 22tt. 231—233. 238. 271.293- 
?wv 3Ü1L 32JL 324. 322, 232, 3jLL 
355. 359. 362. 3'i4. 308. 32L 

am 

Albemi 140. 

Alberni-Canal 12, 23, 7JL fi£L 
AJert-Bay LL 12. 52, 
Aleuten-Inseln IM* 15JL ISO. 232, 
Aleutinnen 1 50. 
Alexander siehe Fort. 
Alexius 366. 

Aliaska-Halbinsel liifi. 35JL 26^ 

Allaganak 3SL 2SH. 

Allak 

Alok 240, 

Aloskn 33_L 

Amelirok 281. 

Auieoraremuten 339. 

Amerika 165. 



Anchor Point 36JL 362. 

Andersen 3_Z6_. 322. 38_L 383—385. 

391. 3J12. 3ÖJL 396. 
Andrcjewski 112. LTA 178. 182.210. 

212. 322, 32S, 3Ü2. ^üL 
Ankasagemuten 177. 210. 
Anwik L&2, l&L LÖfi, 122. 201—203. 
Anwik-River 

Apachen 322. 4JLL aojl 4DjL 

Arawingenak (Ort) UM, 31 1. 312. 314. 

Arawingenak-River 305. 309. 

Arizona LLL 322. äül- 4^ 

Aiuakpeik 232—234. 

Arnalukkik 241. 

Arningaktak 354. 
I Asien 115. 231. 2M, 
| Assik ML 

Ätna oder Copper-River 12. 

Australia L 
i Awagarak 241. 



Bajo SJL 
Barbara 248. 

Bareley-Sund 70—72. 22. IS. 81.25. 
1 19! 

Bärenklau (Heracleum) 289. 

Barnassella 2Ü2. 

Barren-Insel 375. 379. 

Barrow siehe Point Barrow. 

Bastian L. 122. 

Bastian-See und -Geiser 257. 

Beale 20. 
1 Beaver Cove 52. 51. 

Beecher-Bay 7JL 

Belasekarat IQjL 
1 Bella- Bella 12—16. 21. 32, ü. 

Bennett- Lake 257. 



Beringssee 137. 138. 149. 1",?. 1 36. 
lü^ LLL Uül 2±L 3_4JL 332L 357. 
379. 

Beringsstrasse 143. 14:>. 132. 16«. 171. 

l&L L9JL 22L 23_L -232. 268. 272. 

2_7__L 275__ 281—283. 2____L 319. 
Berlin Uü. 23iL 3j____ lüi 
Billie Iii 
Biamark 249. 
Blankenshop ML CS. 
Blankets 13. 31. 3L 4 2 44. 68, 7_L 1 

303. 394. 
Blätter, Fliegende 249. 
Bonilla-Insel 23. 
Boseo 125. 

Brabant 80—62. 9_L9_2.fil.9iL 

Brawn _____ 

Bristolbay 336. 337. 

British -Columbien 3 — 7. HL LL 32. 
ü iL __L ü ÜL Üi I3___. 1ÜL 
1_5_G_ 20 1. 267. 279. 31 '». 33 4. 303. 
379. 389. 

Bute Inlet 140- 42. 



California Paeking Company 364. 
Californien 5_ 3_9_iL 
Callico 200. 
Cnnada 22. 

Canadian- Pacific- Bahn iL 
Cup Beale 7_Ü_ 
Cap ConHtantine 334. 333. 
Cap Cook 7_3_. 
Cap Elisabeth 3?ü. 
Cap Estavan 82. 6IL 9_L 
Cap Platten- 4. 70. 73. 98. 104. 
Cap Flattcn -Indianer i. i 
Cap Hope 293. 
Cap Honi 3_ 132. 
Cap Jungfrau 255. 250. 2« 7. 291. 
Cap Martin 385. 387. 389. 390. 394. 
39"). 

Cap Nifwenham 1 ««. 347. 348. 3f>9. 
Cap Nome 1 32. 

Cap Prince of Wales 23JL 2j__i_ 2_7__L 

277. 278. 2m 1. 284. 283. 
Caj) Baget __3_. 

Cap Romanzofl" 164. 1 72. 178. 182. 

218 — 220. 3.23, 
Cap Schleinitz 339. 
Cap Scott 12JL L3_3_, 
Cap Spencer _______ 

Cap Vancouver iü L7JL 2o___ 3__?7_ . 
332. 333. 



Carlsen 370. 379, 393. 390. 

Central-Pacitic-Bahn L 

Charles _L 

Charlie 9JL 

Chawis)>a 84. 

Chenega 380—363. 

Chicago L 

Chili ä. 

Chimeues 139. 

China 132. 

Chinaman's Hat LL 1 7. 
Chiuook L 
Claims 14_>. 
Clam 

Clarence siehe Port. 

Clarks 333. 

Clayamen LLL 142. 

Coast Survey 37«. 

Cod fisch ■"><«. 

Cohn 3_6_8_ 3_7__L 373. 

Collap Iii 

Colorado 399. 

Columbia-Fluss 3_i L 

Comox IL 12_3_. 13.9 — LLL 

Constantine siehe Cap. 

Cook, Cap siehe Cap. 

Cook, Capitän, 9_L 102. 

Cooks-lnlet 137. 1 OH. 1 SO. 33«. 300. 

302—366. 397. 
< '-opper-Bay 23. 

Copper-Flus* LL 370. 383—390. 393. 

3_U__. -.«iL 
Cowichan (Dorfi 138. 1 42. 
Cowichanbay 138. 
Cowichan-Indianer L 
Crosby üL 123. 

Cross-Sund 376. 3,83. 394—390. 
Cunningham 9_ LL LL 1 7 — 19. 2j__ 3JL 
Custom House Officer 377. 

Dacota 2, 3_. 

Dakketkjeremuten 208. 209. 
Datluk 2LL 
Deep-Inlet £_3_, 
Delsanorvit 1 !»-2. 
Demming 404. 
Departure-Bay LL 
Dimidoff 3_6__L 363. 
Dinineksee 2_7__L 281 
Dog-Saliuen 7JL 

„Drei Brüder" _______ ____8__ 3_9_0__ 391. 

394. 395. 

Eekult 71. 72. 7_L 



425 



Edeusaw 44. 
Eggawik 31 8. 

Ehattesaht 88, 107_. LH, 112. 

Eisak 228, 24£L 24U 243—24.'). 242. 

bis 252. 25U 267. 292—298. 

300. 303. 317. 
Elisabeth siebe Cap. 
El Paso 404. 
Epansluit 205. 
Eratlerowik 320. 
Eratlewik 269—272. 285. 
Eratlewik-River 200. 271. 
Eritak-River 208, 300. 3üL 
Errakwik 284. 

Esehscholtz-Bay 303. 305. 310—313. 
Esj>eranza Inlet 83. 85, 80. 8iL 95. 

107. 117. 
Espinoza SJL 
Esquiniault IL 
Essington 2. 18, Ui, 
Estavan 83. 89. 9i. 
Europa 158. L0U L9_U 228, 283- 320. 

343. 318, 322. 



Favorite 25. 94L ULL 112. 

Fisch-River 2m 

Fischer 220. 3fl3. 

Flatheads HL 70. 

Flattery siehe Cap. 

Fort Alexander 355— 307. 305. 367 

bis 370- 374. 375. 
Fort Essington 9. ia. ISL 
Fort Rupert 45—47. 50—53. 59. 62. 

08. LüIL 121 — 123. 125. 120. 128. 

131. 13jL 13JL 13JL ULll 
Fort Reliance lfi3. 
Fort Selkirk 20_L 
Fort Simpson 45, 

Fort St. Michael 142, 144. 152—158. 

101, lüfi. LUL 182—180. 191.202. 

212, 210. 220—224. 227—232. 

250. 254, 221, 2Sß. 201—204. 307. 

309.312. 314. 317— 322. 325.328. 
Fort Wrangel 2, 
Fort Yukon 2HL 
Fort Yuraa 3<)fl. 400. 
Frank 2. 25, ULL 102, 113, 369. 

373. 375. 
Fraser-River L 31. 138. 
Frederiksen 182, 184. 122, 202. 
Freundliche Bucht 82, 101- 1 1 5. 
Friendly cove SIL ULL LUL 
Frisco 141. 



(George- Insel siehe St. George L 
Georgs-Kanal siehe St. Georgskanal. 
Gesellschaft, Geogr., Bremen 145. 
Gila 4D_L 
Gilbert 12. 

Gold-IIarbour siehe New Gold Harhour. 
Golf von Californien 399. 
Golownin-Bay L53. 154. 222, 223, 

228, 229.' 242. 250, 254, 255. 252. 

258, 264. 267—26!». 271. 275. 282. 

284 — 287. 324, 32fL 
Golownin-Mining-Conipany 258. 
Golzowa (Bay) 32L 
Golzowa (Ort) 32 1. 
Graphic 242. 
Grapler 8. UL LL 18. 
Green-Island 384. 
Greenfield 180. 224. 225. 321. 
Gregor 32. 

Gregori Schapka 205. 
Grönland Iii. LLL 224, 220, 
Guldengate 145. 
Gutte «Sc Frank 2. 



Hagemeister-Insel 350. 
Hagenbeck, Carl 121. 
Hagenbeckfluss 301. 314. 
Haida UL UL 2iL 24 — 31. 35. 3iL 

40—42. 44. 69. 
Halibut-Insel 14fl. 

Hametze 47—51. 54. 50, 102. 124. 

Hardak auch Hardanak 369. 

Harendin 3» 4. 3fi5. 3Q7 

Hartz 258, 25k 2JLL 208,286—288. 

Hawkinsinsel 385. 3ao. 

Heilbutt älL 

Helgoland 227. 

Hesquiaht 80—82. 88. 91—94. 96. 
98- L0JL UiU LllL LUL 116. 

Hilf« Comitc, Ethnologisches U 305. 
3«>9. 

Hoi»e (Cap) siehe Cap. 

Hope-Island 51» 

Horn siehe Cap. 

Hothain-Inlet 305 

Hotloksom 98. LÖS, 

Hotlutulei 187. 1 90. 

Hudsons-Bay-Company 5, 7. 8. 13. 31. 

30, 32, 40. 51L 5U 122. 150, 201. 
Hump-backs 4. 

Hundt 40, 41. 51—53. 50, 51L 102. 
122. 130—135. 132. 



426 



Igawik 236. 
Iggiak 366. 387. 
Iglotalik 239, 243, 

Iguiktok 259, 264, 267—269. 2LL 
2a2. 

Iliamna (Vulkan) 360: 
Uiamna i.Ort) '.'■•.». 
Iliamna- Fl uss 357. 
Iliamnasee 3. r >6. 357. 3:>fl. 360. 
Illintongemuten 344. 
Uquigamuten 340. 
Imarsoksee 278. 

Ingalik UA6. IM, 132, 133. 192, 193. I 
195—197. 199—204. 208, 209.233. 
293. 319. 320. 322. 323. 359. 361. 
363. 

Ingerkarreniuten 2Ü&. 
Inuktok 303. 304, 313, 
Inrernes 45. 

Isaak 228. (s. auch Eisak.) 
Itlauuiwik 293. Liili. 

♦Jacobsen 396., 
Jaeger 399, 
Jeannette 185. 
.limm 3JL 40. 
■loktjitleramuten 340. 
Jotsitle 344. 

J. Richter-See 306. 307. 
Juan de Fiifa-Strai.se Iii. LI 
Jucklulaht 23. 95. 119. 
Jukkak 331, 332, 
Juklutok 139, 
Jungfrau, siehe Cap. 
Justus 12, 

Kachekmak-Bay 366. 362, 369. 370. 
Kadiak (Insel/lM. 3Ü5. 366, 369. 

37iL 3LL ÜUL 322. LiTJL 392. 39JL 

396. 

Kadiak (Schoner) 3Q7. 
Kaggan 330, 

Kajak 292. 392. 314. 315. 
Kajaluigemuten 33L 
Kajuktulik 306. 307. 
Kajulik 241, 
Kakeraien 192, 
Ka-krome 207. 
Kaksertobnge 272. 
Kaleak 240. 
Kaltria 362, 
Kalurak 24J_ 

Kamelika 226, 244, 263, 264. 



Kamelkowski 34L 342, 244. 
Kamischakbay 356. 
Karomkoff 324—326. 
Kamschua 3_L 33—36. 
Kamschua Inlet 32, 
Kangek-Fluss 292. 301—303. 312, 
314. 

Kangerenaremuten 339. 

Kunojak 229, 231, 239. 

Kaoweangemuten 344. 

Kasernikofl* 35iL 

Kaskanak 359. 

Ka&sigim s. Kaasgit. 

Kassigit 159. 230. 9fi0. 262, 265, 

266, 215, 226, 229, 289. 232. 239. 

290. 321, 324. 325. 33L 335—337. 

339, 

Kassiloff-River 365. 366. 397. 

Kastarnak 362. 

Katlarijok 349. 

Katzarak 347. 

Katzenhai 32, 33. 23, 

Kawiarak 268, 269, 274—277. 234. 

Kawiarak- River 272. 

Kawiaremuten L66. 

Kayokaht 7jL 62, 33. 35. 66. 9_L 95. 

101. Hl, U3. 114, 116—119. 
Kayokaht-Sund 64, 
Kee-ang 42. 
Kelingiarak 222,235. 
Kenai 360, 3ft3. 365. 3flfl. 368. 369. 

37fi. 379. 380. 
Kenai, Fort siehe Fort. 
Kenaiski iflfi 361. 
Kendali 364, 365, 
Kentucky 134. 
Kgtkatl»' 90 22. 
Kijanuk °41 . 
Kikertagemuten 166- 
Kikertaok 230. 231. 292. 318, 321, 
Kikertaurok 241. 336. 
Kingaseak 271 . 
Kingegan 263. 281. 235, 
Kingerremuten 204. 210, 
Kings-Island 1 61 
Kinjuran 241 . 
Kiwaluk siehe Kuwalik. 
Kjikjingemuten 336. 
Kjokkaktolik 330. 
KjökkeninÖddinger HL 
Kjukkarremuten 208. 
Kjuwaggenak 2. r >4. 
Klaun-lokolte 1 0. r i. 
Klawitsches 52. 



- 427 — 



KJayoquaht (Dorf) 7JL UM, 113. 114. 
119. 

Klayoquaht-Indianer 7JL 7JL 8_1_. 111. 

114—116. 118. 
Klayoquaht-Sund 28. 84- 
Kleitvit 195. 
Klekusiremuten 340. 
Klokare-kten 1Ü2. 
Klooh-quahn-nah 100. 
Klu 3£L 21 31 

Knights-Inlet iL 5i ai 380. 
3h I. 

Kodiak IHß. 350. 
Kogerok-River 301. 
Koggaklek 348. 
Kograk 241. 
Kokara 195. 
Kommensita 104. 
Königin Charlotte Indianer 11 
Königiu Charlotte Inseln 2. iL lfL 20. 
2^2JL2IL2S,2iL32.3JL3JL10 J 

ü Ii 

Königin Charlotte Sund 12. 
Konno 386. 
Konnofluss 38». 387. 
Korea 384 397. 
Koserowsky 203. 

Konkimo HO. 02. 63. 66—08. 190- 

128 — 134. 137. 
Kotzebue-Sund LßiL 221. 22S, 23a. 

2112. 212. 254. 255. :',n:',. 

305. 309. 310. 31 -2. 316. 31 7. 

319—321. 321 
Krause 145. 
Kuikak 210. 
Kujikuk-Fluss IM. 301 
Kujuk-River 2Ü2 2M, 312 
Kujuk (Ort) 312 
Kukkaremuten 340. 
Kulewarewialeremuten 340. 
Kupfer-Fluss ZU* 
Kupfer-Insel 138. 139. 
Kusilwak IM, 122, 210. 212, 330 
Kuskoquhn-FlusB 157. 165. 100. 1 78. 

120. 206 — 208. 212 33ä. 338— 

3Ü. 31L 3ÜL 3Ü 
Kuskoquim-Bay 340. 347. 
Kuskoqufrnemuten 106. 1 67. 204. 342. 

345. 

Kutlik 16J, 21&222. 222 324-326. 
Kuwnlik 211 213. 210. 2M. 
Kwas 377. 
Kwikak-River 2M. 

Kwikpagemuten UifL 122, LM. 18.L 



192. 193. IM. 200. 203. 204. 20E. 

209. 210. 220. 230. 231. 234. 23JL 

270. 324. 
Kwikluk 338. 
Kwik-Pak 165 — 167. 320, 
Kwinnekaremuten 344. 



Labrador 112. LH 221, 220, 383. 
Leawitt LSI 221 321 • 
Le Coq's Insel 359. 
Leida 362 

Leo 1 54. 222. 250. 258. 268. 
1 Lodde UL 189. 
Loggen Z2, 75 — 77. 

j Ljhr aaü 3M. 3M. 396. 

London 5* 157. 

Longheada L2& 131-134. 136. 
Lorenz-Insel siehe St. Lorenz-Insel. 
Lorenz, Mr. IM. 183— 185. 220. 22S, 

229.. 2M, 201 319—322. 
Lund 148. 



Mae Intyre (Macinture) 37'.)- 
Mackay 35JL 

Macken zie 31 3ß, 12. H 
Makakkerak 303. 312, 214. 
Makkat-mekettan 192. 
Makkiem 202. 

Maklak IM. 231 2ül 2£LL 
Maknek-River 273 — 275. 28jL 
Maktigelak 211 
Malaspina 141. 

Mallemuten IM. 201 235—237. 2M. 

2ÖJL 2M. 3JJL 323, 338. 
Mallotus arcticuB liL 
Mamelellika M. 5JL M. 
Mammuth IM. IM, IM. 202, 211 
Mamtrntlagemuten 341 . 
Mannek 357. 
Maoris 21 

Maricopa 400. 4M. 403. 
Marie Anne 397. 
Markaht El M. 
Marmot 326. 379. 
Marschan 241. 
Martin siehe Cap. 
Masset 30. 36—40. 43—45. 
Matlogak 34 n 

Matthews-Inseln siehe St. Matthews- L 
Mayo 1Ä1 
; Mayok 24 1 . 
Meares 2 9J2 



428 



Metlakatla 22. 

Middleloninsel 381 390. 

Milbank liL 

Mission 179. 180. 20*). 

Moaht 8Ü. 8JL SIL. UiL 1112, ÜLL lüL 

UUL 114 — 116. 
Monroe ä, 

Montagueinsel 350. 384. 
Moschenik 1 10. 

Mosquito 107 — 109. 170. 177. lhl. 

IM, 3JÜ, 385. 390. 
München 249. 

Musohlaht ÜJL liil — liLL 1ÜL LLL 
110—118. 

Xakortok 123, 12jL 121L 
Nauaimo (Ort • ü, 1 25. 139. 142. 
Nanaitno - River 139. 
Nancis 110. 
Nanowarogemuten 2i V 
Nanuwarok 32.*». 
Napaingak 24 1 . 
Napariaseluk 274. 
Naunak 241. 

Negetze 02—05. HL 12IL 132. ÜL 
Nemkis LL 1 23. 

Nephrit 23Ü. 23JL 2ü 24i 211, 3i >2. 

307. 308. 313. 31h. 320. 
Nerkluk 2LL 212. 

Neumaun 1 50. 155. 101. 220. 232. 

28fi. 

Neuseeland 74. 

Newenhaui siehe Cap. 

New Gold- Harbour 2iL 2JL 2iL 31. 

30. 3 i . 
Newiarsualok 255. 29 1 
Newiarsualokniuten 255. 
New-Racket 160. 184. 191. 
New -Westminster 138. 13'.». 
New -York L l&L 211L 4ilL 
New -York -Herald L5_L lÄä. 228. 
Nicolai i*5_ 113. 
Niels Iii. SO, 

Nielsen 15j1 20_L äüL 3JiL 
Ningawakrak 2iü 2i&, 3J21L ÜiQ, SüiL 

310. 317. 32", 
Ninilsehik 3üü. 
Nissend 1 1 7. 
Noah 40. 

Noatak-Fluss 2Ü2. 3' '3. 
Noksiareuiuten 339. 
Nome siehe Cap. 

Nooette 5_L jJL Ü2, 12h. 129. 130. 



Nootka Insel ES, ÄS- 9JL Ü1L HIL 
do. Sund S3. 81. 8& SU 102, 107. 

Nootka -Indianer äfL 

Nordcaj) 205. 

Nordenskiöld 300. 

Nordenskiöld-Vulkane 331. 

Norraden-kulten 194. 

Norton - Bay 100. Ih2. 228. 238. 240. 

2M. lhl!* 28JL 2ILL 222. 290 — 298. 
321. 

Nortousund 1 52. 153. 1 05. 171. 180. 

211L 211. 2JJL 222. 22*. 230. 235. 

247. 255. 288. 310. 317. 322. 323. 
Nuchek siehe Nutschek. 
Nukakiet 192. 

Nuklukavet 10JL 184. 190. 192. 193. 
202. 

Nulato 1 70. 182. 185. IhO. 1 ms. 
190 — 193. L9JL I9fv >Ol. 301. 31 *t 
350. 

Nulleslugeuiuten 332. 
Nunaaudlarok 252. 
Nunalinak 205. 
Nunapiklogak 325. 
Nuniwak 333. 
Nürnberg 1 ht». 
Nusaktolik- River 3.'i'.*. 
Nusaron 1 94. 

Xuschagageinuten 1 »i»i. 351. 359. 302. 

Nuschagak-Bay 355. 

Nuschagak -River 1 57. 351. 355. 350. 

308. 381. 
Xuachagak-See 100. 
\ Nu tschat litz £0. 8_L H>7. 111. 
Nutschekinsel iÜL 385. 388. 394 — 39t). 



Oales 85. 

Ogdeu 2. 

Oheiaht 22. 
j Ojaralik 25'.». 
1 Omaha L. 

OunnekoniMuten 335. 

Ojiettisaht 74. 

Orowignarak 22ä± 22iL 23JL 2ALL 21L 
254. 25_L 208. 2h2. 291—293. 290. 
ÜiL 300, 3m äll. 

Orre 254. 291. 

Orrutoremuten 338. 

Otter iEü 121, 

I 

Papajos-Indianer 403. 
Paris' 121, 



429 



Pastoliak (Flu») 13L 
Pastoliak (Dorf) 13L IM. 213. 
Pastolik 213. 32L 
Patrik IALL 

Paul, Lieutenant 154. 1 55. 222. 
Paul siehe St. Paul. 
Peirailliagareuiuten 33.1. 
Petkn ilih. 130. 132. 132. 13L 133. 

213. 211L 223. 
Petroft', Ivan 3r t f> 370. 380. 
Petersen IM- 113. 210. 327—329. 

334. 
Phönix 403. 
Pikmiktalik (Dorf) 323. 
Pikmiktalik-Fluss 131. 220. 
Pimos 132, 
Piualekaht IM. 130. 
Pinjak}>agemuten 330. 
Point Biirrow LLL IM- 223. 223. 
Port Clarence 272. 275. 276. 278. 

281. 

Potogroak 30R. 309. 
Powell 22- 33. 

Prince Williamssund 1 - r «7- 3fif>. 370. 

323. 33k 3_s_L 333. 38 fi. 
Prinee of Wales (Halb-InBel) IM. 22.L 

222, 23L. 211. 233, 205. 208. 271. 

274. 277. 2iLL 
Prinee of Walen (Cap) siehe Cup. 
Priuzess Louise liiL 
Puok 213. 
Puget-Sund 32. 
Pujulik 333. 301. 3H>. 

ijuakult Iii. LL iL ÜL iiu- L2_L 

122- 12L 110. 2ü2. 
Quamichan 138. 

Quatsino IL fiü. 02—67. 123- 122. 
128. I2it. 134. 135. 

Quatsino-Sund 123, 133. 

Queen-Charlotte siehe Königin Char- 
lotte. 

Queka-Indianer 53. 
Queka S3- 
Quigiorremuten 33t). 
Quinekak 2. r i4. 
Quitzak 35 7. 
<iwee-tilk-keh-tzoo 12* 
Qw-oon IL 

Raget £3. 
Razbolniksky 1 77. 



Reliance siehe Fort. 

Richter, J. L 30n. 

Richtersee, siehe J. Riehter-See. 
'. Robertson 138. 

Rocky Mountains 5. 342. 

Rodgers 18. r ). 
1 Ronianzoff siehe Cap. 

Ptosen thal 2. 

Rupert, siehe Fort. 

• 

Saonich 6. 138. 

Sacrainento 2, 

Sah-gah iL 

Sakara 196. 
i Saldovia 332. 373. 
j Salmoneen HL 
! Sand 3iüL 373. 375. 
i San Francisco 2- 3fi- 113. L2Ü- 137. 
111 — 113. 113- 156— 158. 130. 135. 
191 . 222. 223. 223- 213- 313. 330. 
352, 37»; 378. 333. 397—399. 

Sauerhrei 183. 

Saunitna-Rav 360. 
' Saxo 23L 233. 231. 320. 

Schaktolik 237—239. 2ÜL 212. 233. 
232. 293. 317. 

Schaktolikmuten 255. 

Scheftelien HL 133. 133. 131. 132. 
! Schleinitz siehe Cap. 

Schmidt 86—88. 133. 
! Schönlank River siehe William. 
1 Schwatka 1 05. 

Scott siehe Cap. 

Sealbay 379. 

Seal Rocks 380. 

Sechelt 142. 

Seeschaht IL 
. Selawik River 233. 233. 30L 333. 
333. 336. 312. 314—310. 321. 

Selawik Inlet 305. 
1 Selawiksee 300. 309 , 
1 Selkirk siehe Fort. 

Semeriangemuten 344 
i Senneremuten 344. 

Sernak 21L 

Setta Canira Ifi. 113— I1fi. 118 Ufl. 
, St'wartlaremuten 338. 

Sewugak 205. 200. 

Shelikoft'-Strasse 305. 

Sliumagin-Inseln 149. 

Sibirien 283. 
[ Signal Service Officer 13L 224. 321 
| Simpson 13. 



430 



Sinaogak 278. 253. 
Singakloget 259. 
Singek 207. 28 0 287. 291. 
Singrak 210. 282. 
Sintuleremuten 338. 
Sitka 305. 378. 387. 
Sitting Bull 2 49. 
Skedans iL 
Skcena-Fluss HL ii. 
Skitiegate 22, 30. 32. 20. 411 
Skidegate-Inlet 25. 27_ 
Sloike 280. 

Sniithsonian Institution 1 50. 207. 307. 

334. 370. 384. 
Soiiiftfluss 7_L 

Soonroodna 369—371. 373. 
Si>encer siehe Cap. 

Spring & Frank 7JL ÖJl 8JL 05, 

97. 100. 
Sproat 7JL Uli 113, 
St. George 150. 

St. Georgskanal 10. 132. '40 LLL 

St. Lorenz-Insel 1 52. 190. 

St. Louis 41LL 

St. Matthews-Insel 122, 

St. Michael siehe Fort. 

St. Paul (Insel) L5JL L5JL 

St. Paul (Dani]ifer) L8JL 

St. Paul (Ort und Hafen) 370. 377. 

383. 392. 39")— 397. 
Stakhin-River 3_L 
Stau ff L5Ü. 
Sterling 21L 32, 22. 
Stilta Ü ü 
Strom, grosser 105. 
Sull-qutl-ant 128. 
Sullukbatik 340. 



Tagunak 302. 303. 

Takkjelt-Pilerarauten 205. 

Tananah-Fluss 201. 202. 

Tan-oo-Insel 34. 

Tatuik 29JL 

Thoreubeck 7JL 79. 

Thorenton 10. 

Tigalda 140. 

Tiurnen U2, LLL 140. 

Tlinkit LL 20. 370. 38'.. 220. 304. 

Tobaky 271. 

Togiak (-Fluss, -Bay, -Ort) 344, 250. 

3."i1 . 353 — 355. 
Tonrak 271. 

T^tosch oa. 10a. 



: Trader 5. iL, 15JL 27_L 334. 
Tromsö L 
Tsehilkat 20L 389. 
Tschilsomaht 79. 

Tsehinisian L2. 10. 18—20. 22. 29 — 

31. 45. 54. 09. 
Tschuklesaht Iii 
Tschuktsehen 142, 221, 
, Tucson 401. 403. 404. 
Tuenirok 1 72. 
Tukkerrowik 212, 
Tuklomare 200, 

Tundra ULI LOü. LZO, 1 72. 178. 189. 

200. 202.224.222. 329—334. 222. 

340. 212. 242. 345. 
Tutirak saunek 190- 
Tunraorak 24 1 . 
I Tununak 232* 334. 



Liniak 334. 

Unaktolik 220. 222, 224, 
Unalaklik 231—234. 318. 
Unalaska 149—152. L5JL 232. 
Unalitschok 3ÜL 202, 314. 
Unimak 140. 
Unnuktalik 254. 
rpun 107. 



Vaucouver (Cap) siehe Cap. 

Vancouver-Bay 332. 334. 

Vaneouver-Irisel 2. ß. L Iii 45 — 47. 
iL Q£L fii lü. 72—75. 12, 
92. 9JL LOH LLL 105—109. LLL 
LLL LLL LLL LLL 125. 122, 122, 
131. 133. LLL 1311 12iL 131L LLL 
IM. 212, 37JL 

Vancouver-Stra8se ÜL 

V an i Ii us 378. 

Venus tuercenaria Linn. 23, 
Victoria 2.5.0.8.20.22.23.31. 

40. 45. 51. 57. üd— ZU 12, 81. 

82. 87L 22. 23. 95. 22. 22, 100. 

LLL LüL 120. L2Ü 13L 122. LLL 
Village-Bay 128. 
Virchowfluss 347. 3J2, 



j Wachas L22. 120. 122. 121 LLL 
Wapiti-Hirsch 2. 59. 
Warren 7JL 22, 22, 9_L 
Washurne 310, 
Washington 22. 330. 404. 



431 



Weah 

"Wintern Für Trading Company 1 50. 

185. 1ML iflft. 994. 30ft. 321. 3£L 
Western Union Telegraph Company 

Wetkelt-takara 195. 
Whasp 24t». 

William Schönlank-River 34 
Williamssund siehe Prince Williams- 

»und. 
Wilson 304. 3f>'i. 
Woldt 230. 

Woolfe IM, 152. IM, lfiä, 99«- 931. 

23iL 240. 242. 213. 24JL 25iL 259. 

28ü. 29JL 293. 295—297. 21ÜL 300. 

300—308. 315, 393. 
Wrangel 9. 



j Wrangelland 185. 228. 
lukala 190. 

Yukou (Fort] siehe Fort. 
Yukon (Dampfer) 18JL IM. 2Ü2. 
■ Yukou- Delta lüfi. 178. 

Yukon -Insel 370. 
I Yukonstroni 114. 15JL 155— 137. Ifll. 

102. 164-170. 172. 174. 17». 178. 

180—188. 192—191. 2D_L 202. 2Ü4. 

206—212. 214—218. 222. 221. 27_0_. 

2SÜ. 293. 2£LL 3_L9^ 323. 324. 32L 

329. 33Ü. 3LLL LCü 338. 31Ü. 35ü. 

3Ü2, 4Ü3. 
Yuma siehe Fort. 
Yuma-Indianer 400. 



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